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KAPITEL 2

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DONNERSTAG, 04:30 PM

DAS INSEKT

Der dunkelgrüne Chevy Suburban bog in einem weiten Bogen in die Straße ein und Jeff nahm seine Schultasche vom Bürgersteig auf. Eigentlich hätte er schon lange zu Hause sein können, aber heute Morgen war sein alter Honda-Scooter nicht angesprungen und er hatte sich von seiner Mutter zur Schule bringen lassen.

Jeff hob grüßend die Hand und der Chevy fuhr an den Randstein. Wegen der abgedunkelten Scheiben war vom Wageninneren kaum etwas zu erkennen.

Kühle Luft mit einem Hauch von feuchter Windel wehte Jeff entgegen, als er die Tür öffnete und den Fuß auf das Trittbrett setzte. Er stellte zuerst die Schultasche in den Fußraum und stieg dann ein.

“Hi, Dad!” Jeff zog die Tür ins Schloss. “Wo kommen die denn her?” Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Rücksitz, wo Danny und Paddy, die knapp anderthalbjährigen Zwillinge, in ihren Kindersitzen saßen.

“Deine Mutter ist mit Edna Blenheim nach Dallas gefahren. Irgendein plötzlicher Notfall in Ednas Familie. – Da hat sie mir die beiden zur Firma gebracht. Deswegen auch die Verspätung. Hab fast ´ne halbe Stunde gebraucht, die Sitze hier einzubauen.”

“Oh!”, sagte Jeff mitfühlend und traute sich kaum, seine Bitte auszusprechen, denn schließlich kam sein Vater gerade von der Arbeit. – Trotzdem musste es sein. “Äh, könnten wir noch kurz bei ‚Tools & Parts‘ vorbeifahren?”, fragte er. “Ich bräuchte ´ne neue Zündkerze für den Scooter.”

“Hast du die denn immer noch nicht gewechselt?”, seufzte Steve O´Bannion und sah seinen Sohn vorwurfsvoll an. “Die war doch schon lange fällig.”

“Man spart, wo man kann!”, meinte Jeff und grinste. “Hat doch bislang noch funktioniert.”

“Ist auch ´ne Einstellung”, meinte der Vater gleichmütig und bog in die Straße ein, an der der Werkzeugladen lag.

Zehn Minuten später hatte Jeff sich die neue Kerze besorgt und sie waren endlich auf dem Heimweg.

Zurzeit war Moulder-City eine einzige Baustelle und sie mussten einen Umweg fahren, weil die Straße, die in ihr Viertel führte, gerade neu geteert wurde. Aber auch sonst sah man überall Scharen von Handwerkern herumlaufen, die Häuser renovierten. Telefonleitungen wurden verlegten und lange ungenutzte Geschäftsräume wurden nach den Wünschen der neuen Besitzer ausgebaut.

Die ganze Stadt war im Aufbruch: Gipskartonplatten und Profilschienen standen und lagen auf den Bürgersteigen herum, Bauholz war in den Vorgärten aufgestapelt und überall parkten die Lieferwagen der Handwerker. Über der ganzen Stadt lag eine Aura hektischer Betriebsamkeit und darauf, dass Moulder bis vor einigen Monaten fast eine Geisterstadt gewesen war, wäre ein zufälliger Besucher niemals gekommen.

“Beiß?”, kam Paddys Stimme zaghaft vom Rücksitz. Die Stimme klang ängstlich und Jeff drehte sich auf seinem Sitz halb um. “Beiß?”, fragte Paddy wieder. Er saß stocksteif in seinem Kindersitz und schielte mit halb abgewandtem Gesicht auf ein großes graues Insekt, das auf seinem nackten Ärmchen herumkroch.

“Beiß!”, meinte Danny, Paddys Zwillingsbruder, fachmännisch vom Nebensitz aus, was bedeuten sollte, dass er überzeugt war, dass das Insekt gefährlich sei.

Das Tier sah mit seinem fast fingerlangen Körper wirklich ziemlich bedrohlich aus. Mit einer raschen Bewegung schob Jeff seinen Oberkörper zwischen den Sitzlehnen hindurch und wischte es von Paddys Arm herunter. Es fiel auf die Sitzbank und Jeff gab ihm schnell noch einen Schubs, der es auf den Boden des Wagens beförderte. Dann schnappte er sich Paddys Arm und sah kurz nach, ob das Tier zugestochen hatte.

“Aua!”, behauptete Paddy und strahlte seinen großen Bruder mit leuchtenden Augen an.

“Kein Aua!” Jeff ließ den Arm wieder los. “Hast Glück gehabt.”

“Lück!”, bestätigte Danny vom Nebensitz her und quiekte vergnügt.

Das Insekt war auf den Rücken gefallen und einfach so liegen geblieben. Jeff zog die Augenbrauen zusammen und beugte sich ein wenig zu dem Tier hinab. Es schien ihm nicht gut zu gehen, denn es machte keinerlei Anstalten, zu fliehen oder anzugreifen. Es lag einfach nur da und wackelte ein wenig mit den Fühlern und Beinen herum. Es starb gerade, das war ziemlich sicher.

Schon schwebte die Schachtel mit der Zündkerze über dem Insekt, um es zu zerquetschen, aber dann überlegte Jeff es sich anders. So ein Tier hatte er noch nie gesehen, und das brachte ihn auf eine Idee: Shereen, seine ältere Schwester, wollte Biologin werden und machte in der Schule einen Bio-Leistungskurs nach dem anderen. Sie interessierte sich für Viehzeug aller Art, und da würde sie sich doch bestimmt über dieses abscheuliche Tierchen freuen.

Gedacht, getan! Jeff öffnete die Pappschachtel, nahm die Zündkerze heraus und steckte sie in die Tasche. Die leere Schachtel schob er so an das Insekt heran, dass er es aufnehmen und hineingleiten lassen konnte. Es passte gerade so in den schmalen Karton. Sorgfältig verschloss er die Schachtel, setzte sich wieder richtig hin und steckte sie in seine Schultasche.

“Was war denn?”, wollte Steve O´Bannion wissen und sah kurz zu seinem Sohn hinüber.

“Och nix”, meinte der. “Nur so´n komisches Insekt.”

“Insekt?” Der Vater zog die Augenbrauen zusammen. “Was für ein Insekt?”

“So ´ne Art Motte oder Hornisse vielleicht”, gab Jeff Auskunft. “Mit so komisch grauen Flügeln. - War aber schon halbtot.”

“Schmeiß es raus!” Das war kein Vorschlag, das war eine Anweisung.

“Nee, das bring´ ich Shereen für ihre Sammlung mit”, erklärte Jeff. “Die mag doch so´n Zeug.”

“Wenn du meinst – meinetwegen.” Der Vater hob gleichgültig die Schultern, aber Jeff merkte, dass er eigentlich überhaupt nicht einverstanden war. - Seltsam, er war doch sonst nicht so empfindlich. Erst vor kurzem hatte er selbst ein komplettes, natürlich leeres, Wespennest für seine Tochter von der Arbeit mitgebracht.

Draußen vor der Stadt, auf den über fünfhundert Quadratmeilen Gelände der Moulder-Oil, wo Jeffs Vater Streife fuhr, hatte sich die Natur im Lauf der Jahre ein gutes Stück Terrain zurückerobert. Die alten Pipelines, die stillgelegten Pumpstationen und sogar das Moulder-Airfield, der ehemalige Flugplatz der Region, wo heute nur noch ein paar Flugzeugwracks herumstanden - das alles war nach und nach wieder von Tieren verschiedenster Art besiedelt worden. Am Tag von der Sonne aufgeheizte Pumpenhäuser dienten in der Nacht wärmesuchenden Schlangen als Unterschlupf, die leeren Rohre der rostigen Pipelines waren ideale Rückzugsgebiete für Coyoten, und die Eidechsen nutzten jedes erwärmte Metallstück, um sich darauf zu sonnen. Daneben gab es auf den alten Ölfeldern natürlich auch Insekten aller Art, die den Vögeln als Nahrung dienten, die in jeder sich bietenden Nische nisteten.

In dieser Umgebung des Verfalls bewegte Jeffs Vater sich jeden Tag. Zu bewachen gab es da draußen wohl nicht sehr viel, aber trotzdem war die Moulder-Oil ziemlich eigen mit ihrem Grund und Boden. Das Einzige, was Jeffs Vater je von seinem Job erzählt hatte, war, dass es zu seinen Aufgaben gehörte, die wenigen Wanderer und Jäger, die sich auf das Gelände wagten, aufzuspüren und zurückzuschicken. – Und jetzt war er leicht angesäuert, weil Jeff dieses Insekt nicht aus dem Fenster warf. Wie konnte ein Mensch, der sich Tag für Tag in der freien Natur aufhielt, etwas dagegen haben, dass dieses tote Insekt in seinem Wagen war?

Jeff verstand es nicht und im Moment war es ihm auch ziemlich egal. Er hatte dieses Vieh für Shereen eingepackt und sie würde es, verdammt nochmal, auch kriegen! Außerdem hatte er gleich die Kerze an seinem Roller zu wechseln, und er wusste nicht, wo der Kerzenschlüssel war. Also lehnte er sich zurück und dachte angestrengt nach, wann und wo er ihn zuletzt gehabt hatte.

Als sein Vater den Suburban in die Wohnstraße lenkte, war Jeff sich ziemlich sicher, dass der Schlüssel in der Garage unter ein paar Putzlappen lag. Ganz in Gedanken hatte er gar nicht gemerkt, wie nahe sie schon am Haus waren. Jetzt, wo es so überraschend vor ihm auftauchte, sah er erst wieder, wie geräumig es wirkte. Jeff hatte sich so schnell an das Gute gewöhnt, dass er sich manchmal bewusst vor Augen rufen musste, wie es früher gewesen war.

Die Army hatte Captain O´Bannion und seiner Familie zwar auch Häuser in den verschiedenen Garnisonen zur Verfügung gestellt, aber die waren immer zu eng gewesen, um wirklich gemütlich zu sein. Das hier war dagegen ein wirklich tolles Haus mit einer Doppelgarage und reichlich Platz rundum. – Nichts Besonderes, hier in dem Viertel, aber Jeff kam es manchmal so vor, als sei das hier der Gipfel von allem, was man je erreichen konnte. Die engen Wohnungen, der Lärm der Exerzierplätze, das Oliv der Uniformen und der Fahrzeuge in den Garnisonsstädten, das war alles so weit weg, als habe er es auf einem anderen Planeten erlebt. Sie hatten es geschafft! Sie waren der Enge und der ständigen Kontrolle entkommen, und plötzlich durchströmte ihn ein Glücksgefühl, wie er es nur ganz selten erlebte.

Nachdem sie die hungrigen Zwillinge versorgt und zu Bett gebracht hatten, machten Jeff und sein Vater sich ein paar Sandwiches und aßen sie auf der Terrasse hinter dem Haus. Anschließend hätte Jeff gern ein paar Runden im Pool gedreht, aber da es so etwas hier nicht gab, verzichtete er eben darauf. Seufzend machte er sich daran, den Motorroller wieder fahrbereit zu machen, und als auch das erledigt war, holte er seine Tasche aus dem Flur und ging auf sein Zimmer.

Eine Klimaanlage gab es nur im Erdgeschoss und hier oben unter dem Dach war es ziemlich warm, aber das störte Jeff nicht weiter. Gut gelaunt fischte er den schmalen Zündkerzenkarton aus der Tasche, schüttelte ihn ein wenig, hielt ihn ans Ohr und öffnete ihn erst dann vorsichtig. Nichts bewegte sich darin. Das Tier war tot, genau wie er es vermutet hatte. Einen Moment lang dachte Jeff daran, die Schachtel einfach in Shereens Zimmer auf den Schreibtisch zu stellen, aber dann hatte er eine bessere Idee:

Vor über einem Jahr hatte Jeff zum Valentinstag von einem Mädchen in Fort Worth eine kleine Schmuckschachtel mit lauter Herzchen darauf geschenkt bekommen. Für ihn war das Ganze eher peinlich gewesen, denn das Mädchen hatte ihm das Ding in aller Öffentlichkeit mitten auf dem Schulhof überreicht – und zwar unverpackt und mit einem Liebesgedicht darin. Da es eigentlich ein sehr nettes Mädchen war, hatte Jeff nur den Zettel mit dem Gedicht verschwinden lassen und die Schachtel aufgehoben. Bestimmt hundertmal hatte er sie schon zur Seite geschoben, wenn sie im Weg war. Eine richtige Verwendungsmöglichkeit hatte er nämlich nie dafür gefunden, und das war jetzt mal eine Chance, das Ding auf die elegante Art loszuwerden. Also schnappte er sich die Schachtel, klappte den Deckel auf und ließ das Insekt aus dem Karton sachte hineingleiten. Natürlich fiel es wieder auf den Rücken und der blassgraue Bauch mit den stecknadeldünnen Beinen, die in die Höhe ragten, war nun wirklich kein schöner Anblick.

Jeff schnaufte unwillig. Wenn er schon bereit war, seiner Schwester eine Super-Herzchenschachtel mit einem Super-Insekt darin zu schenken, dann sollte das Ganze auch einigermaßen was hermachen. Ein paar Schubser mit der Spitze eines Kugelschreibers brachte das tote Tier wieder auf die Beine und in die richtige Position in der Mitte der Schachtel. Jetzt sah es so richtig lebensecht und eklig aus.

Zufrieden mit seinem Werk wollte Jeff den Deckel gerade zuklappen, als ihm etwas auffiel: Er zog die Augenbrauen zusammen und neigte den Kopf tief über die Schachtel. Irgendetwas war ihm von vornherein an dem Tier komisch vorgekommen, von seiner ungewöhnlichen Größe und seiner widerlich grauen Farbe mal abgesehen. Jetzt aber, wo es auf dem Boden der Schachtel hockte, da konnte Jeff erkennen, was an diesem Tier nicht stimmte: Es hatte zu viele Beine!

‚Insekten haben sechs Beine‘, hatte Jeff mal im Bio-Unterricht gelernt, daran erinnerte er sich mit absoluter Gewissheit und auch daran, dass Spinnen acht Beine haben und nicht zu den Insekten gerechnet werden. Dieses Tier hier hatte aber acht Beine, die unter dem toten, kleinen Körper hervorragten. Acht Beine und vier Fühler vorne am Kopf, die es insgesamt fast wie einen Tausendfüßler mit Flügeln aussehen ließen.

Jeff schüttelte den Kopf. Wenn man den Bio-Lehrern trauen konnte, dann hatte er hier etwas vor sich, das es überhaupt nicht geben konnte. So etwas wie eine geflügelte Spinne war im Baukasten der Natur angeblich nicht drin.

Einen Moment lang spielte Jeff mit dem Gedanken, das Insekt zu behalten und morgen mit zur Schule zu nehmen, aber versprochen war versprochen, auch, wenn Shereen nichts davon wusste. Wenn es sich wirklich um ein ganz besonderes Tier handelte, dann wollte er die Lorbeeren dafür gern ihr überlassen.

Er besah sich den kleinen Kadaver noch einmal gründlich: Grundfarbe Grau, ein hornissenartiger Körper, ledrig wirkende Flügel, wie die eines großen Nachtfalters geformt und vier Beinpaare. – Also immer noch ganz und gar eindeutig acht Beine!

Plötzlich ging ein winziger Ruck durch das Tier und Jeffs Kopf zuckte zurück. Einen Moment lang dachte er, er habe sich getäuscht und das kleine Monster sei doch noch lebendig. Das war aber nicht so, wie er gleich darauf erleichtert feststellte. Es war immer noch ganz und gar tot, nur die Beine hatten auf einer Seite nachgegeben und standen jetzt nach außen ab. Gleichzeitig bemerkte Jeff einen matten Schimmer auf dem kleinen, toten Körper, so, als sei ein dünner Feuchtigkeitsfilm darauf. Der war ihm vorher nicht aufgefallen, aber schließlich besah er sich seinen Fund jetzt zum ersten Mal gründlich. Irgendwie sah das Biest mit diesem feuchten Glanz auf dem Leib noch ekliger aus, als vorher und zufrieden nahm Jeff die Schachtel auf, um sie in Shereens Zimmer zu balancieren.

Nachdem er die Herzchenschachtel in der Mitte von Shereens Schreibtisch platziert hatte, riss er sich ein post-it vom Stapel herunter, schrieb seiner Schwester einen kleinen Gruß darauf und klebte es an den offenen Deckel.

So, das war erledigt! Jeff trat zur Tür, drehte sich um und besah sich zufrieden sein Werk. - Vielleicht bekam Shereen sogar für die Entdeckung einer neuen Spezies den Nobelpreis. Mehr konnte man ja nun wirklich nicht tun, um ein guter Bruder zu sein.

Ein Blick auf die Uhr sagte Jeff, dass bis zum Abendessen noch reichlich Zeit blieb, ein paar Sachen für die Schule zu erledigen. In Anbetracht der Tatsache, dass morgen der letzte Schultag vor den Sommerferien war, beschäftigte er sich allerdings lieber gut anderthalb Stunden lang mit ein paar Computerprospekten. – Irgendwo musste das Geld schließlich hin, das er demnächst in seinem Ferienjob bei ‚Jonnys eggs & more‘ verdienen würde, und ein neuer Computer war schon lange fällig.

Irgendwann rumorte etwas unten im Haus und Jeff stellte mit halbem Ohr fest, dass seine Mutter zurückgekommen war. Er rieb die Fingerspitzen seiner rechten Hand an dem rauen Stoff der Jeans, weil sie ein wenig juckten und las weiter.

Im Erdgeschoss klingelte das Telefon. Jeff kümmerte sich nicht darum. Er hatte sich gerade in den neuen Dell-PC mit Viertausender-Taktung verliebt – der allerdings auch ein wenig zu teuer war, um ihn mit dem Geld eines einzigen Ferienjobs bezahlen zu können.

Die Stimmen von Danny und Paddy drangen von unten herauf. Sie hatten jetzt wohl ausgeschlafen und wollten wieder versorgt werden. Jeff rubbelte unbewusst die Fingerspitzen der rechten Hand mit dem Daumen. Er hörte, wie die Mutter seinen Namen rief, legte die Prospekte zur Seite und ging hinunter.

“Noch nicht einmal vier Stunden kann man euch mit den Kleinen allein lassen!”, behauptete Julie O´Bannion und tippte zur Bekräftigung ihrer Worte mit dem Zeigefinger auf ihre Armbanduhr. “Noch nicht einmal vier Stunden!”

“Aber es ist doch gar nichts passiert”, versuchte Jeffs Vater einzuwenden. Damit kam er bei seiner Frau allerdings schlecht an.

“Nichts passiert?”, fragte sie in einem Ton, der nichts Gutes bedeutete. “Ist das etwa nichts?” Sie zeigte auf das Ärmchen von Paddy, den sie vor sich auf dem Schoß sitzen hatte. Jeff sah, dass sich ein gelblicher Streifen über die Haut zog und der Kleine mit der anderen Hand darauf herumrubbelte, weil es wohl juckte.

“Du, das war vorhin noch nicht da”, beteuerte der Vater. “Ich hab ihn ins Bett gelegt und er ist eingeschlafen. Alles ganz normal!”

“Nicht mal vier Stunden!”, zischte Jeffs Mutter, um dann mit völlig veränderter Stimme “Armer Paddy! Armer, kleiner Paddy!” zu gurren.

Jeff wusste, dass er im Moment keine Chance hatte, sie zu beruhigen. Von den ganzen O´Bannions hatte seine Mutter das meiste Temperament, und wenn sie sich aufregte, dann tat sie es gründlich. Vor allem, wenn jemandem aus der Familie etwas passierte, dann rastete sie förmlich aus. – Und Paddy war etwas passiert, das konnte jeder sehen.

“Zeig mal, du Zwerg”, sagte Jeff, trat näher heran und griff nach Paddys Ärmchen, um es sich anzusehen.

“Du hast ja auch sowas!”, Die Mutter zog Paddy von Jeff weg. “Hat er das von dir?”

Jeff zuckte zurück und sah sich seine Hand an. Jetzt wurde es ihm zum ersten Mal bewusst, dass er die ganze Zeit an seinen Fingerspitzen herumgerubbelt hatte, weil sie ein wenig juckten. “Shit!”, fluchte er. “Was ist das? Das muss von dem verdammten Vieh kommen.” Die Fingerspitzen seiner rechten Hand waren genauso gelb wie der Streifen auf Paddys Arm.

“Was für ein Vieh? Was ist hier eigentlich los?”, blitzte die Mutter und versäumte es vor lauter Ärger sogar, Jeff für das Schimpfwort zu rügen. “Hätte vielleicht mal jemand die Güte, mich aufzuklären?”

“Ja, klar doch!” Jeff erzählte in kurzen Worten, wie er Paddy im Wagen vor dem Insekt gerettet hatte, und das schien irgendwie beruhigend auf seine Mutter zu wirken. Jedenfalls gab sie ihm den Auftrag, die Anti-Juck-Salbe aus der Hausapotheke im Bad zu holen. Liebevoll versorgte sie Paddys Arm, während Jeff sich ein wenig von dem Zeug auf die Fingerspitzen rieb. – Das Zeug war wirklich gut, jedenfalls hörte der Juckreiz schlagartig auf.

Genauso schnell wie sie explodierte, konnte Jeffs Mutter sich auch wieder beruhigen, und als sie sah, dass es Paddy wieder gut ging, setzte sie ihn zu Danny in den Laufstall und fing an, das Abendessen zuzubereiten.

“Ist Shereen noch nicht da?”, wollte Jeff von seinem Vater wissen.

“Die hat vorhin angerufen, dass sie spät kommt.”

“Hm.” Jeff war ein bisschen enttäuscht. Er war doch zu gespannt, wie sie auf sein Geschenk reagierte. Na ja, dann würde sie es eben etwas später finden.

Weil Jeffs Mutter mit Edna Blenheim unterwegs gewesen war, gab es heute Abend nur Fertigkartoffelbrei mit Fertig-Hamburgern und Fertigsoße, angereichert mit Fertiggemüse. Jeff und sein Vater nahmen das als gerechte Strafe dafür hin, dass sie nicht besser auf die Zwillinge aufgepasst hatten und da es zudem schnell zubereitet war, blieb Jeff gleich unten.

Nach dem Essen ging Jeff auf sein Zimmer, schrieb ein paar E-Mails an alte Freude aus Fort Worth, ließ nebenbei MTV laufen und besuchte kurz zwei Chatforen. Da derzeit niemand online war, den er kannte, schaltete er den Computer aber schon bald aus und nahm sich einen Roman von Stephen King vor.

Gegen elf Uhr zwang er sich dazu, das Buch zur Seite zu legen, wenn er auch gerne noch bis zum Morgengrauen weitergelesen hätte. Kurz vor dem Einschlafen hörte er Shereen die Treppe heraufkommen. Kurz bevor er endgültig wegdämmerte, bemerkte er noch, dass sein Daumen schon wieder an den Fingerspitzen herumrubbelte. So ganz war der Juckreiz doch noch nicht verschwunden.

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