Читать книгу DIE NACHT DER ENGELSTRÄNEN - Michael Stuhr - Страница 4
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ОглавлениеDie Stimme des Radiosprechers war sanft und einschmeichelnd. Er kündigte gerade die Abendsendung an, bei der es die ganze Nacht lang um Vollmond und Sternschnuppen gehen sollte:
„Man nennt ihn auch den Wolfsmond, den Blutmond, aber auch den Mond der Verliebten, den stillen Begleiter, der in tiefer Nacht die Wege zeigt, die zueinander führen.
Vielleicht haben Sie ja in einer Vollmondnacht etwas Besonderes erlebt. Etwas Romantisches oder etwas Unheimliches möglicherweise. Erzählen Sie uns Ihre Vollmondgeschichten. Rufen Sie uns an, schicken Sie uns eine Mail, oder besuchen Sie uns auf unserer facebook-Seite im Internet.
Bleiben Sie am Radio und schauen Sie mit uns zum Himmel, wo der volle Mond von den Tränen der Engel umschwirrt wird. Bei jeder Sternschnuppe haben Sie einen Wunsch frei, also halten Sie sich bereit für das Außergewöhnliche. Heute ist mal wieder eine von diesen besonderen Nächten, in denen alles passieren kann.“
„Was für ein Dünnschiss!“ Der Mann schaltete mit einer unwilligen Bewegung das Radio aus. „Warum heulst du schon wieder?“ Er gab der Frau auf dem Beifahrersitz einen Stoß in die Rippen. „Ich tu dir doch gar nichts. Entspann dich doch mal!“
„Bitte, warum lässt du uns nicht einfach raus?“
„Oh, ich will raus hier, ich will raus hier“, äffte der Mann die Frau nach. „Fällt dir überhaupt nichts Anderes mehr ein? Du gehst mir so was von auf die Eier!“
„Nicht mit Mami schimpfen“, kam es vom Rücksitz.
„Halt die Fresse!“ Der Kopf des Mannes flog herum. „Du hast überhaupt nichts zu melden. Klar?“ Der Wagen machte bei der unkontrollierten Bewegung einen Schlenker, und ein Taxi musste hupend ausweichen.
„Lass doch Inti in Ruhe. Er kann doch nichts dafür“, sagte die Frau schwach. Sie verfluchte sich dafür, dass sie nicht besser aufgepasst hatte.
Es war Annas Fehler gewesen. Sie hätte damit rechnen müssen! Als sie Inti vom Kindergarten abgeholt hatte, hatte die Betreuerin sie sogar gewarnt. „Er ist wieder da“, hatte sie so leise gesagt, dass Inti es nicht hören konnte, aber natürlich hatte der Kleine doch mitbekommen, dass etwas nicht stimmte.
Sofort war Annas Laune auf den Nullpunkt gesunken. – So langsam begann ihr Exfreund zu einer echten Plage zu werden: War sie mit Inti auf dem Spielplatz, setzte er sich neben sie auf die Bank, und beim Discounter schob er seinen Einkaufswagen neben ihren. Selbst am Bankautomaten hatte er ihr schon aufgelauert, und in den letzten Tagen war er immer wieder mal am Kindergarten aufgetaucht. Einmal hatte er Inti sogar abholen wollen, aber die Betreuerin hatte das verhindert. – Und jetzt saß er hier neben ihr im Wagen. Er hatte sie beim Einsteigen einfach weiter in das Auto hineingedrängt und den Fahrerplatz übernommen – und das alles nur, weil sie nicht richtig aufgepasst hatte. Weil sie es sich immer noch nicht hatte vorstellen können, dass ein Mensch so verrückt werden konnte.
„Inti! – Was für ein bescheuerter Name!“, brach es wieder aus Kevin heraus. Hasserfüllt sah er in den Rückspiegel. Der Kleine saß ruhig in seinem Kindersitz und starrte ihn mit großen, erschreckten Augen an. Seinen Teddy hatte er wie zum Schutz dicht an sich herangezogen. – Das würde ihm gleich auch nichts mehr helfen.
Kevin grinste. „Inti!“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Muss es denn gleich jeder wissen? Lass dir doch ein T-Shirt drucken. `Ich treib´s mit Indios´ wäre doch ein guter Text. – Was meinst du? oder vielleicht lieber: `Indianernutte´, das würde es doch noch besser treffen.“
„Bitte hör jetzt auf. Nicht vor dem Kind.“
„Der kleine Idiot begreift doch sowieso nichts! Und wenn auch: Warum soll er nicht wissen, dass seine Mutter eine verdammte Schlampe ist? – Halbindianer! Mischling! Wie der schon aussieht! Eines Tages wird er in den Spiegel sehen und das Kotzen kriegen; und dann wird er dich fragen, warum du das gemacht hast. Mir ist das jedenfalls völlig rätselhaft!“
Okay! Anna war als Au-Pair für ein Jahr nach Lima gegangen und mit einem Kind im Bauch zurückgekommen, aber das war nichts, worüber Kevin zu richten hatte. Ihn hatte sie erst sehr viel später kennengelernt. „Das hast du alles gewusst“, protestierte sie. „Dass du nicht der Erste warst, und dass es Inti gibt. Das hat dich damals nicht gestört.“
„Heute stört es mich aber!“, schnappte Kevin. „Du mit deinem spirituellen Kram, und dieses Blag, das stundenlang einfach nur stocksteif da sitzt. – Das ist doch nicht normal! Weißt du, was dein Problem ist? – Du hast mit diesem komischen Schamanen rumgevögelt und findest das auch noch in Ordnung. Du hast keinen Respekt vor dir selber, und du hast keinen Respekt vor mir – aber das wird sich ändern!“ Er zog den Wagen auf die rechte Spur.
„Wo willst du eigentlich hin?“, wollte Anna wissen.
Kevin holte tief Luft. „Wir müssen reden!“
„Kevin, das bringt doch nichts.“ Die Frau schüttelte leicht den Kopf. „Jedes Mal wenn wir geredet haben, ist es nur noch schlimmer geworden."
„Natürlich wird es schlimmer!“, schrie Kevin los. „Natürlich wird es schlimmer, wenn du dich gegen alles sperrst, was ich sage! Warum hörst du mir nicht einfach mal zu, Anna? Warum kannst du nicht sehen, dass ich dich liebe, und du mich auch? Liegt es an dem Blag da hinten, das dich immer an seinen Vater erinnert?“
„Lass Inti da raus!“
„Wie entschlossen du plötzlich klingst!“ Kevin lachte böse auf. „Willst wohl deine verdammte Brut beschützen, was? – Aber das werden wir schon noch rauskriegen, wie groß die Liebe ist.“
„Wie meinst du das?“
„Wenn du an mir nur halb so viel Interesse gezeigt hättest, wie an diesem Blag, hätte alles gut werden können, mit uns“, behauptete Kevin. „Ich bin gut im Bett! Ich kann eine Frau zum Wahnsinn bringen mit meinem Schwanz, aber noch nicht mal das konntest du erkennen. Nichts als `Bitte nicht!´ und `Aua-aua!´ und `Heul-heul´. – Echt zum Kotzen!“
„Jetzt red doch nicht so. Inti sitzt hinten“, erinnerte Anna ihn und schaute sich unsicher um.
„Der kleine Bastard kapiert doch sowieso nix“, meinte Kevin nach einem Blick in den Innenspiegel. „Der ist doch schon wieder völlig weggetreten!“
Anna sah, dass er vielleicht Recht hatte. Inti saß mit geschlossenen Augen in seinem Kindersitz und rührte sich um keinen Millimeter. Nur seine Lippen bewegten sich kaum merklich, als würde er still Worte formen. Anna kannte das schon. Das war seine Art, sich von der Welt loszuklinken, wie er es nannte. - Manchmal hatte er für einen Vierjährigen schon eine seltsame Art, sich auszudrücken. Zuerst hatte Anna befürchtet, dass ihr Sohn autistisch sein könne, aber das war es nicht. Er benutzte diesen Zustand nur als Schutzmechanismus, wenn er spürte, dass sich eine Krise anbahnte.
Anna musste vor sich selbst zugeben, dass ihr Sohn im letzten Jahr in einer einzigen Krise gelebt hatte. Kevin hatte ihn von Anfang an gehasst, das wusste sie jetzt. Er hatte Inti gehasst, so wie er alles hasste, was Anna etwas bedeutete. Es durfte nichts neben ihm geben: Keine Eltern und keinen Sohn, keine Freundin und keinen Freund, keine Arbeitskollegen und noch nicht einmal ein Tier.
Kevin konnte es einfach nicht ertragen, wenn er Annas Aufmerksamkeit nicht voll und ganz für sich allein hatte. Viel zu lange hatte es gedauert, bis sie endlich den Mut gefunden hatte, sich von ihm zu trennen.
Mut gefunden? Anna presste die Lippen zusammen. Nein, sie hatte keinen Mut gefunden. Sie hatte nur vor einem Monat zufällig gesehen, wie Kevin ihre Katze vom Balkon geworfen hatte. Er hatte das Tier einfach am Genick gepackt, über die Brüstung gehalten und losgelassen. Früh am Morgen war es gewesen, und er hatte wohl gedacht, sie schliefe noch.
Einen Sturz aus dem neunten Stock überlebt auch eine Katze nicht. Felina war sofort tot gewesen. Voller Zorn hatte Anna versucht, Kevin aus ihrer Wohnung rauszuschmeißen, aber das hatte nicht geklappt. Die Polizei hatte kommen müssen, aber bis die da war, hatte er ihr schon eine Platzwunde an der Augenbraue verpasst.
Auf eine Anzeige hatte Anna verzichtet, und die Wunde war inzwischen fast schon wieder verheilt, aber Kevin kam einfach nicht von ihr los. Danach war es erst richtig schlimm geworden.
„Hör mal, Kevin: du steigerst dich da in was rein ...“, begann Anna zaghaft, aber damit kam sie schlecht an.
„Ich?“ Kevins Stimme hatte einen schrillen Unterton bekommen. „Ich steigere mich in was rein? Du! Du bist es doch, die alles kaputt gemacht hat! Warum bist du mir nicht entgegengekommen? Ein kleines, ein winziges Stück nur, und alles wäre gut geworden!“ Er sah Anna kurz an und lächelte sanft. - „Ich will doch nur, dass wir zusammen glücklich werden. Nur wir zwei - für immer!“ Er hob die Hand und hielt sie ihr hin, aber sie schlug nicht ein.
„Siehst du? Genau das ist es, was ich meine!“ Kevin zog seine Hand zurück und krampfte sie so stark um das Lenkrad, dass die Knöchel knackten. „Du bist einfach nicht kooperativ. Man muss auch mal `ja´ sagen können, zu Irgendwas. Einfach nur `ja´, aber das kannst du ja nicht. Du hast dich so in dein `nein-nein-nein-nein-nein´ reingesteigert, dass du schon gar nicht mehr anders kannst. – So geht das nicht! So wird das nichts mehr mit uns! Du musst umlernen, verstehst du? Du musst lernen mir mit Respekt zu begegnen. Du darfst nicht so undankbar sein, verstehst du?“
„Respekt? Wofür?“ Trotz der gefährlichen Situation lachte Anna bitter auf. „Für Schläge, Tritte und Beschimpfungen vielleicht? Für den Mord an Felina? Für die Gewalt in den Nächten? Du ekelst mich an, und ich will nie wieder etwas mit dir zu tun haben. Wofür sollte ich dir wohl dankbar sein?“
„Dafür, dass du noch lebst“, erklärte Kevin leidenschaftslos. „Jeder Mann der an eine Schlampe wie dich gerät, hat das Recht sie zu töten! Und du lebst doch noch, oder?“
„Danke dafür!“, stieß Anna hervor. „Und jetzt steig bitte aus und lass uns in Ruhe!“
Ein metallisches Schnappen ließ Anna zur Seite schauen, aber noch ehe sie sehen konnte, was das Geräusch verursacht hatte, spürte sie die Spitze der Klinge an ihrem Hals.
„Noch so ein Spruch und ich stech dich ab wie ne Sau!“
Unwillkürlich tastete Anna nach dem Türöffner.
„Willst du abhauen?“, lachte Kevin. „An der nächsten Ampel rausspringen und verschwinden? Mach nur! Dann stech ich dein Blag ab. Das macht mir nicht das Geringste aus. Das weißt du!“
Ja, das wusste Anna. Kraftlos ließ sie ihre Hand sinken.
„Wirst du jetzt vernünftig sein?“
Anna nickte vorsichtig.
Der Druck der Klinge verschwand. Kevin klappte das Messer zusammen, ließ es in der Tasche verschwinden und nahm die rechte Hand wieder ans Lenkrad. „Tut mir Leid“, sagte er mit einem raschen Seitenblick, „aber da siehst du mal, wozu du mich schon wieder getrieben hast! Lass das einfach sein. Hörst du? – Lass es einfach sein!“
„So!“ Kevin nahm Gas weg, setzte den Blinker und bog in die Einfahrt einer großen Tiefgarage ein.
„Wo willst du hin?“ Anna sah sich unsicher um.
Kevin stoppte an der Säule und zog ein Ticket. „Ich habe doch gesagt, dass wir reden müssen“, sagte er im Plauderton, während die Schranke sich öffnete. „Da brauchen wir doch ein ungestörtes Plätzchen.“
Waren auf den ersten Parkdecks kaum noch Parkplätze frei, so wurde es von Etage zu Etage leerer. Immer tiefer schraubte sich der kleine Wagen in die Erde. Von Parkdeck zu Parkdeck waren weniger Autos zu sehen, bis sie schließlich auf P7 ankamen, und es nicht mehr weiter abwärts ging. Hier unten war überhaupt kein Betrieb. Schon auf P6 hatten nur noch drei einsame Fahrzeuge gestanden, und hier war es völlig leer. Nur ein alter Audi stand auf einem der Parkplätze, aber die dicke Staubschicht auf den Scheiben zeigte, dass der Wagen seit Monaten nicht mehr bewegt worden war.
Überhaupt schien man sich um diese letzte Etage nicht besonders zu kümmern: Altpapier lag herum und am Fuß einer der kantigen Betonsäulen entdeckte Anna einen beschmutzten Damenslip. Staub lag fast knöchelhoch in dem Winkel, wo die Wand den Boden berührte. Irgendjemand hatte sich offenbar von dem leichten Uringeruch, der durch die Lüftung in den Wagen drang, nicht abschrecken lassen und hier ein kleines Picknick abgehalten. Jedenfalls lag unter einer der wenigen trüben Leuchtstofflampen auch eine dieser typisch-braunen Hamburgertüten.
Kevin machte sich gar nicht erst die Mühe, den Wagen ordentlich einzuparken, sondern hielt mitten in der Fahrspur an. „Schlampenparkplatz“, grinste er. „Gefällt er dir?“
„Es ist schrecklich hier. Fahr doch bitte wieder nach oben.“ Anna versuchte unauffällig herauszubekommen, ob es hier Überwachungskameras gab, aber sie konnte nichts entdecken. Sie waren hier unten so allein wie auf der einsamsten aller Inseln. – Eher noch einsamer. Die Chance, dass hier irgendjemand auftauchte, der ihr helfen konnte, war gleich Null.
„Ist doch schön hier“, stellte Kevin fest. Plötzlich hatte er das Messer wieder in der Hand und ließ es aufschnappen. „Hier können wir reden, und ob du jemals wieder nach oben kommst, das liegt ganz bei dir.“
„Was willst du von mir?“ Anna drückte sich eng an die Tür. - Nur weg von der nadelspitzen Klinge, die im Schein der Leuchtstofflampen bläulich schimmerte. „Was erwartest du?“
„Du musst einsehen, dass du einen Fehler gemacht hast, Anna.“ Kevins Stimme klang sanft, fast traurig. „Und du musst dafür bezahlen. Freiwillig bezahlen. Das würde mir zeigen, dass du mich liebst.“ Er nickte leicht, wie um seine eigenen Worte zu bestätigen.
„Vergiss es!“
„Kennst du `Black Rain´?“ Kevin nahm Annas Worte überhaupt nicht zur Kenntnis. Mit leerem Blick sah er durch sie hindurch in die Traumwelt hinein, die er sich aufgebaut hatte. „Da schneidet ein Japaner sich ein Fingerglied ab, weil er einen Fehler gemacht hat. Das ist eine schöne Geste. Sie erinnert einen das ganze Leben lang daran, dass man schuldig geworden ist.“
Auf Annas Stirn erschien eine steile Falte. Das konnte jetzt nicht wahr sein, dass dieser Irre ernsthaft von ihr erwartete ...
„Das erste Glied des kleinen Fingers der linken Hand.“ Kevin hielt ihr das Messer mit dem Griff voran hin. „Mach es einfach, und dann fahren wir nach Hause.“
„Du – du bist völlig verrückt!“, stellte Anna entgeistert fest.
„Bitte!“ Kevins Stimme klang eindringlich, fast flehend. „Es tut kaum weh. Siehst du denn nicht, dass das unsere letzte Chance ist?“ Mit der freien Hand fingerte er ein Päckchen Papiertaschentücher aus der Jackentasche. „Hier, leg was davon unter. Es wird ein wenig bluten.“
Der Messergriff schwebte vor Annas Gesicht. Sie schob Kevins Hand weg. Himmel! Was für ein Wahnsinn! Sollte sie jemals wieder bereit sein, es mit einem Mann zu versuchen, würde sie sehr genau hinschauen. – Vorher!
Verdammte Einsamkeit! – Zu was die einen so treiben konnte. Sie ertrug es nun mal schwer allein zu sein, das hatte Anna schon bei ihrem Au-Pair-Job in Lima festgestellt.
Die deutschstämmige Familie bei der sie dort gejobbt hatte, war ganz nett gewesen, aber trotzdem hatte Anna sich sehr einsam gefühlt - und dann hatte sie abends am Strand Otoronco, den Jaguarmann, getroffen. Er hatte sich darauf spezialisiert, in dem reichen Stadtteil Miraflores die alte schamanische Medizin zu praktizieren, und er verdiente so gut dabei, dass er sich selbst ein schönes Haus in der Nähe des Strandes leisten konnte. Eigentlich aber kam er aus den Bergen, und er sehnte sich nach dort zurück. Sie hatten sich gegenseitig benutzt wie Spielzeuge gegen die Einsamkeit, und so war Anna auch nicht sonderlich überrascht gewesen, dass Otoronco sie einfach so hatte gehen lassen, als ihre Zeit in Lima um gewesen war. – Nicht gerade eine Traumbeziehung, das musste sie zugeben, aber immerhin hatte er ihr über eine schwere Zeit hinweggeholfen. – Und er hatte ihr etwas mitgegeben, was sie auf ewig an ihn erinnern würde.
Leises Gemurmel kam vom Rücksitz. Inti hatte sich in so etwas wie eine Trance hineingesteigert und murmelte nun unverständliche Worte vor sich hin. Es hörte sich fast an wie Quetchua, die Sprache seines Vaters, aber das konnte natürlich nicht sein.
„Was brabbelt der da?“ Kevin warf unwillig einen Blick nach hinten, und auch Anna schaute sich kurz um. – Musste der Kleine denn ausgerechnet jetzt Kevins Aufmerksamkeit auf sich ziehen?
„Was ist jetzt?“, drängte Kevin und bot ihr wieder das Messer an. „Zeig mir, wie sehr du mich liebst!“
Kurz flackerte in Anna der Gedanke auf, das Messer zu nehmen und Kevin die Klinge in den Körper zu treiben, aber sie wusste, dass sie das nicht fertigbringen würde. „Geh weg“, flüsterte sie kraftlos und drehte den Kopf zur Seite. „Geh doch bitte einfach weg.“
„Du hast gewählt!“ Kevin nickte. Der Messergriff verschwand aus Annas Blickfeld. Sie hörte, dass er die Tür öffnete und ausstieg. – Konnte es wirklich so einfach sein? Würde er jetzt tatsächlich gehen und sie in Ruhe lassen, vielleicht für immer?
Natürlich nicht! Annas Kopf schnellte herum, als die Rücklehne des Fahrersitzes nach vorne schwang und Kevin sich durch den schmalen Spalt wieder in den Wagen zwängte. „Das wird dich genauso gut daran erinnern, was für eine Schlampe du mal warst. Gib nicht mir die Schuld. Du warst es, die gewählt hat!“ Er zog ein Papiertaschentuch aus der Packung, legte es zusammengefaltet auf das gepolsterte Tischchen von Intis Kindersitz und griff nach der Hand des Kleinen.
Schnell wie der Blitz war Anna aus dem Wagen heraus und um die Motorhaube herumgelaufen. Kevin hockte halb auf der vorgeklappten Rückenlehne des Fahrersitzes und hatte sich über Inti gebeugt. Sein rechtes Bein ragte aus der Türöffnung und er stützte sich mit den Zehenspitzen auf dem Asphalt ab.
„Niemals drohen“, hatte Anna mal in einem Selbstverteidigungskurs für Frauen gelernt. „Der Kerl ist fast immer stärker. Sofort das Maximum an Schmerz erzeugen und dann schnellstens verschwinden.“ Sie knallte aus vollem Lauf die Tür zu und warf sich mit aller Kraft dagegen. Das Knacken der Türscharniere ging in Kevins Schmerzensschrei unter. Er bäumte sich auf, das Messer flog auf die Ablage unter der Heckscheibe, und er versuchte, die Tür wieder aufzudrücken.
Noch einmal warf Anna sich mit aller Kraft gegen das Blech und wich dann zurück.
Die Tür flog auf, und mühsam kam Kevin aus dem Auto gerutscht. „Du hast mir das Bein gebrochen“, jammerte er. „Du verdammte Sau hast mir wirklich das Bein gebrochen!“
„Stell dich nicht so an!“ Das Bein war definitiv nicht gebrochen, sonst hätte Kevin es niemals so belasten können, wie er es tat. Er hatte sich an Dachkante und Scheibenrahmen hochgezogen und stand in gekrümmter Haltung in der geöffneten Autotür.
„Dafür bring ich dich um!“
„Versuch doch noch mal einzusteigen“, schlug Anna keuchend vor und duckte sich ein wenig, um sofort lossprinten zu können, „dann brech ich dir wirklich die Knochen!“
„Ich bring euch um! Ich bring euch beide um!“ Kevin machte einen hüpfenden Schritt auf Anna zu. Blut begann sein rechtes Hosenbein zu verfärben.
„Weg vom Auto!“, kommandierte Anna. „Du hast verloren! Verpiss dich!“
„Du verdammte ...“
Plötzlich drang gleißende Helligkeit die Rampe vom oberen Parkdeck herab, und gleichzeitig erklang donnerndes Motorengeräusch das schnell lauter wurde.
„Was zum Teufel ...“, hörte Anna Kevin noch sagen, da kam auch schon das erste Motorrad die Rampe herab. Anna erkannte es sofort, aber sie konnte kaum glauben, was sie sah: Diese Maschine gehörte nicht in diese Stadt, nicht in dieses Land, ja noch nicht einmal auf diesen Kontinent. Die kobaltblau irisierende Lackierung und der schwarze Falkenkopf auf der Seite des Tanks machten diese Maschine einzig auf der Welt. Die Farbe des Himmels und das Zeichen des Falken: Das war die Maschine von Waman, dem Falken, dem Anführer der Bellacos von Lima! – Aber wie kam die hierher?
Anna hatte Waman als einen Vater am Rand der Verzweiflung kennengelernt. Sein fünfjähriger Sohn war Epileptiker, und schließlich hatten die Anfälle ein Ausmaß angenommen, dass man um das Leben des Jungen hatte fürchten müssen. Waman hatte indianische Wurzeln, und so war es für ihn nicht ungewöhnlich gewesen, in dieser Situation zu einem Schamanen zu gehen – und der beste Schamane von ganz Lima war nun mal Otoronco, Annas Freund.
Otoronco hatte dem Jungen helfen können. Die Anfälle waren seltener geworden und schließlich ganz abgeklungen. Von da an war es gewesen, als wenn Otoronco und Anna ihre eigenen Bodyguards gehabt hätten. Während andere Bürger von Miraflores sich duckten und in Hauseingängen verschwanden, wenn Waman und seine Gang auftauchten, hätten Otoronco und Anna ihr ganzes Geld um Mitternacht am Strand spazieren tragen können, was man dem Normalbürger nun wirklich nicht empfehlen konnte. Es war in Annas Zeit in Lima kaum eine Woche vergangen, ohne dass man irgendwo die ausgeraubte Leiche eines leichtsinnigen Touristen gefunden hätte, und sehr oft hatten die Bellacos mit zu den Hauptverdächtigen gehört. Das hatte Otoronco aber nicht davon abgehalten, Wamans Sohn zu helfen, und Wamans Dankbarkeit kannte keine Grenzen.- Trotzdem: Wie kam er hierher?
Vier weitere Maschinen kamen die Betonrampe herab. Alle Fahrer waren ohne Helm unterwegs und verbargen ihre Augen hinter den typischen halbrunden Sonnenbrillen. Trotzdem erkannte Anna sofort, dass es Indios waren. Es waren die Bellacos, da gab es überhaupt keinen Zweifel.
Das Getöse der offenen Auspuffanlagen hallte von der niedrigen Betondecke zurück. Anna sah, dass Kevin eine unbeholfene Fluchtbewegung machte. Am liebsten wäre er wohl in den Wagen gestiegen und ganz schnell von hier verschwunden, aber Anna passte auf: Nur eine einzige falsche Bewegung, und sie würde ihn wieder in den Spalt zwischen Tür und Holm einklemmen – und diesmal würde etwas brechen!
Waman stoppte seine Maschine, klappte den Seitenständer runter und stieg ab. Seine Begleiter hielten ein paar Mannslängen Abstand und blieben auf ihren Maschinen sitzen. Was immer sie auch planten: Sie trauten es ihrem Boss zu, dass er allein damit fertig wurde.
„Buenos Dias, Waman“, grüßte Anna den Anführer der Gang, aber der reagierte nicht darauf. Er schien sie nicht einmal wahrzunehmen. Mit langsamen Schritten ging er auf Kevin zu, der stark hinkend Schritt für Schritt vor ihm zurückwich. „Was – was wollt ihr von mir?“, stieß er dabei hastig hervor. „Ich – ich habe nichts gemacht!“
In Wamans Hand pendelte eine gut halbmeterlange Motorradkette, die etwa so dick wie ein Männerdaumen war. Die Kanten der schweren Kette blitzten verräterisch. – Sie waren mit Sicherheit messerscharf geschliffen.
„Warte mal! Warte mal! – Jetzt warte doch mal!“ Kevin war immer weiter zurückgewichen und stand nun mit bittend erhobenen Händen mitten auf der Fahrspur. Seine Stimme war schrill vor Angst. Plötzlich warf er sich herum und versuchte mit unbeholfenen Sprüngen in Richtung Treppenhaus zu fliehen.
Einer der Bellacos machte eine schnelle Bewegung und keine Sekunde später war Kevins Flucht zu Ende. Die Leinen der Bola hatten sich fest um seine Beine gewickelt und er war hart auf den Betonboden gestürzt. Schon war Waman über ihm und ließ die schwere Kette mit aller Macht auf ihn herabsausen.
Die ersten Angriffe versuchte Kevin noch abzuwehren, aber schon nach wenigen Treffern ließ er die zerschlagenen Hände sinken und wartete mit fest zusammengekniffenen Augen auf den letzten, den tödlichen Schlag.
So leicht wollte es Waman ihm aber nicht machen. Er ließ sich von einem seiner Leute ein Lasso zuwerfen, das er mit schnellen, geübten Griffen fest um Kevins Knöchel schlang. Das andere Ende befestigte er in aller Ruhe am Rahmen seiner Honda, während Kevin panisch versuchte, die Schlinge wieder zu lösen, aber es war hoffnungslos. Kaum ein Finger war noch zu gebrauchen. Er musste entsetzliche Schmerzen haben. Fast hätte er Anna Leid getan, aber da tauchte wieder das Bild vor ihr auf, wie er nach Intis Hand gegriffen hatte.
Waman war fertig und bestieg seine Maschine. Er wandte sich Anna zu, die die Szene mit einem kalten Lächeln beobachtete. „Es solamente uno sueño“, sagte er nur.
Das hier? Nur ein Traum? Oh nein! Das wusste Anna besser.
Ohne sie weiter zu beachten nickte Waman seinen Leuten zu. „Ya está!“, ließ er sie wissen und gab auch schon Gas.
Ja, das war´s! – Zumindest für Kevin. Anna nickte. Den Fehler hätte er niemals machen dürfen, Otoroncos Sohn anzugreifen, und sie konnte nichts mehr für ihn tun, außer ihm einen schnellen Tod zu wünschen.
Fünf schwere Motoren brüllten auf. Wamans Maschine schoss als erste los. Das Seil spannte sich schlagartig und Kevin wurde mitgerissen. Mit hoher Geschwindigkeit schoss die Maschine davon und die Rampe zum Parkdeck sechs empor. Die anderen Fahrer folgten mit einigem Abstand, vor sich den verzweifelten Kevin, der sich mit letzter Kraft von einer Seite auf die andere warf, um vielleicht doch noch die Schlinge abzuschütteln.
Wenige Sekunden später war der Spuk vorbei. Ein greller Blitz drang die Rampe von P6 herunter und schlagartig war es wieder totenstill. Zwei Leuchtstoffröhren begannen zu flackern und explodierten in ihren Fassungen. Anna ging schnell einen Schritt zur Seite, um nicht von den Splittern erwischt zu werden.
Es war vorbei! Langsam ging Anna auf den Wagen zu. Inti sah ihr erwartungsvoll zu, als sie sich über den Rücksitz beugte und das Klappmesser von der hinteren Ablage nahm. „Fahren wir jetzt zur Oma?“
Anna sah auf die Uhr. Es waren nur zwanzig Minuten vergangen, seit Kevin sie in den Wagen gedrängt hatte. „Ja Schatz! Bestimmt hat sie das Essen schon fertig.“ Sie strich ihrem Sohn kurz über die Haare.
„Was gibt es denn heute?“
„Weiß ich nicht – aber bestimmt was Gutes. Oma kocht doch immer was Gutes, stimmt´s? – Du, sag mal ...“
„Ja?“
„Hast du die Männer gerufen?“
„Ich habe von Papa geträumt“, gab Inti zurück. „Es solamente uno sueño.“
Inti sprach kein Spanisch. Anna nickte. „Ja, Schatz, es war nur ein Traum!“ Sie setzte sich hinter das Lenkrad. Die leicht verbogene Fahrertür schloss erst beim zweiten Mal, als sie sie mit viel Kraft ins Schloss knallte. Sie startete den Wagen und fuhr los. Den Herrenschuh, der auf der Rampe im Dreck lag, beachtete Anna nicht. Der gehörte auch zu einem Traum. Zu einem bösartigen Traum, der jetzt für immer vorbei war.