Читать книгу DIE NACHT DER ENGELSTRÄNEN - Michael Stuhr - Страница 5
DER VIADUKT
ОглавлениеSeltsam, in eine Stadt zu kommen, in der man noch niemals war, die einem aber trotzdem merkwürdig bekannt vorkommt. Kennen Sie das Gefühl?
Von hier stammt die väterliche Linie meiner Familie. Ich bin jedoch in einer Kleinstadt, na ja - einem Dorf, einem großen Dorf allerdings, aufgewachsen, das ganz am anderen Ende von Deutschland liegt. Wir hatten in Melling selbst sehr oft Besuch von den Verwandten, und an Einladungen hat es nicht gefehlt. Aber irgendwie hat es sich nie ergeben, sie mal zu besuchen. Sooft die Familie eine Fahrt nach hier plante, ging irgendwas schief. Einmal starb ein enger Geschäftsfreund meines Vaters, einmal wurde Mutter krank, dann wieder brach ich mir am Tag der Abreise einen Arm. - Es war wie verhext! So, als solle keiner von uns diesen Ort jemals erreichen.
Es war überhaupt nicht schwierig gewesen, in das Viertel zu finden, in dem meine Tante wohnte. Wie oft hatte sie den Weg beschrieben, wenn ich dabei war. Nun fuhr ich also endlich durch die Stadt, die ich schon so lange mal hätte besuchen sollen.
Langsam ließ ich meinen kleinen Wagen über eine Kreuzung rollen. Amtmann-David-Straße las ich auf einem Schild. - Das war doch Tante Lucys Adresse! Flink drehte ich am Lenkrad und bog ein, ohne mich um das hektische Gehupe hinter mir zu kümmern. Das Auto knackte ein bisschen, als das Vorderrad gegen den Bordstein stieß, aber dann war ich auch schon vor der Hausnummer elf. Ja, hier war es! Dieses Haus hätte ich unter Tausenden erkannt. Auf den Fotos, die bei Familienfesten immer herumgezeigt wurden, war es ein paar Mal mit abgebildet gewesen. Das sollte für die Zeit meines Praktikums also mein Zuhause sein. Gewaltig sah es aus. Ein wenig düster vielleicht. Aber was will man von einer Großstadt-Mietskaserne in der City schon erwarten?
Nachdem ich vor dem Haus Nummer 76 einen Parkplatz gefunden hatte, nahm ich meine kleine Reisetasche aus dem Kofferraum und machte mich auf den Weg. Die großen Gepäckstücke konnte ja nachher Jochen aus dem Wagen holen. Jochen ist sehr kräftig, wissen Sie, und wenn ich ihn nett um etwas bitte, kann er mir einfach nichts abschlagen.
"Ha, da ist ja unser Landei!" Schwungvoll hatte Jochen die Tür geöffnet und zog mich jetzt am Henkel meiner Reisetasche in die Wohnung. Jochen ist mein Vetter. Er war früher, als Kind, oftmals in den Ferien bei uns auf dem Dorf gewesen. Wenn ich ihn ärgern wollte, hatte ich ihn immer meinen `fetten Vetter' genannt; dabei war er gar nicht so dick. - Aber damals hat es ihn fast umgebracht. Aus Rache hat er sich dann die Bezeichnung `Landei' für mich ausgedacht, die mich jedesmal in wilden Zorn versetzte. Heute stand ich natürlich weit über solchen Kindereien.
"He, Mutti, Landei ist da!“, brüllte Jochen in den dunklen Flur hinein.
Jetzt war es doch allerdings wohl an der Zeit, mit dem blöden Landei-Geschwafel aufzuhören. Ich finde, dass auch junge Menschen durchaus vernünftig miteinander reden können; aber da fehlt meinem fetten Vetter wohl noch einiges an Reife. Er ist allerdings auch erst siebzehn. Ein ganzes Jahr jünger als ich.
Jochens Mutter saß in der Küche. "Hallo Gisela!" Lächelnd erhob sie sich.
Na, bravo! Erst Landei, und dann auch noch Gisela. - Wenn ich auf der Welt einen Namen hasse, dann Gisela. Mit einem coolen Lächeln reichte ich Jochens Mutter die Hand und tat so, als müsse ich mich vorstellen. "Landei!“, nannte ich meinen Namen. "Gisela Landei! Meine Freunde nennen mich allerdings Gisi."
"Was hast du denn?" Forschend sah Jochens Mutter mich an. "Hast du unterwegs was Schlimmes erlebt?"
"Unterwegs nicht", antwortete ich vieldeutig, und versuchte, möglichst frech auszusehen.
"He, Landei, du hast ja schon richtig Busen!" Jochens gute Laune war nicht zu übersehen und erst recht nicht zu überhören. Ich merkte, wie mir das Blut in die Wangen schoss.
"Immer noch wie Katz und Hund!" Die Stimme meiner Tante klang eher belustigt als streng. Das machte es auch nicht besser.
"Mach dir nichts draus." Jochen beugte sich vertraulich zu mir. "Brauchst nicht rot zu werden. Du weißt es vielleicht nicht. - Aber sowas haben alle Frauen. - Sogar größer!"
Wenn jemals eine Frau einen Mann töten wollte, dann ich ihn, auf der Stelle! "Doofmann!", konterte ich schlagfertig.
"Jochen, hör jetzt auf!" Die Stimme meiner Tante klang jetzt aber wirklich böse. "Deck lieber den Tisch! Gisela wird hungrig sein, nach der langen Fahrt."
Blöde grinsend kam Jochen der Aufforderung nach. - Hatte ich da eben etwa ein leises "Muuh" gehört, als er sich zum Schrank hin umdrehte?
Nach dem Essen, ich hasse Graupen, sprach meine Tante mich an: "Na, was hast du heute vor? Willst du das Wochenende nutzen, und dir die Stadt ein wenig ansehen? Schließlich wirst du in den nächsten Wochen hier leben. Da wäre es ganz gut, wenn du dich schon mal ein bisschen umsiehst."
"Genau!" Das entprach ganz meiner Planung. Zuächst würde Jochen meine Koffer herauftragen, und dann könnte er mir die Stadt zeigen. "Zuerst müssen wir mal meine Koffer ...", begann ich.
"So, ich muss dann los!" Jochen stand auf. "Wenn ich zu spät komme, wird der Platz sofort wieder vergeben." Er schaute auf seine Armbanduhr.
"... nach oben holen“, schloss ich lahm.
"Ja, beeil dich", riet meine Tante ihrem Sohn. "Sonst verpasst du noch deine Bahn."
Meinen Kofferkuli konnte ich wohl vergessen. Eilig stürzte er aus der Küche, schlüpfte in seine Jacke, raffte im Flur eine blau-weiße Tennistasche an sich und verschwand mit Getöse durch die Wohnungstür. "Tschüß, Leute!“, rief er noch über die Schulter zurück. "Wir sehen uns morgen!"
"Kommt er heute nicht wieder?“, fragte ich vorsichtig bei meiner Tante an.
"Keine Ahnung. Wenn er sagt `bis morgen', dann meint er wohl auch `bis morgen', denke ich."
"Ich hol dann meine Koffer." Niedergeschlagen stand ich auf. Das fing ja gut an.
"Okay“, meinte meine Tante fröhlich. "Hast du viel Gepäck? Kannst du Hilfe gebrauchen?"
Ich nickte.
"Dann komme ich mit und helfe dir."
Der erste Lichtblick in diesem dunklen Tal.
Zwei Stunden später ging ich, dick in meinen Wintermantel eingepackt, die Amtmann-David-Straße hinunter. Tante Lucy war wirklich reizend gewesen. Zuerst hatten wir gemeinsam meine Koffer nach oben geschleppt, und dann hatte sie mir noch beim Einräumen geholfen. Mein Zimmer gefiel mir. Es war zwar klein, aber gemütlich eingerichtet. Einzig die Aussicht ließ etwas zu wünschen übrig. Knapp zwanzig Meter entfernt ragte auf der anderen Straßenseite ein riesiges, altes Bürohaus auf. Jetzt, am Sonnabendnachmittag, waren alle Räume dunkel. Trist starrten die schwarzen Fenster in dem grauen Beton vor sich hin. - Wie ein riesiger Totenschädel mit tausend Augen. Schnell hatte ich die Vorhänge zugezogen.
Als wir mit dem Einräumen fertig waren, hatten wir noch gemeinsam Tee getrunken, und ich musste von zu Hause erzählen. Danach hatte meine Tante mir neben einem Stadtplan noch eine Menge guter Ratschläge mit auf den Weg gegeben. Tenor der ganzen Litanei war, Komm rechtzeitig heim und lauf nicht allein in der Dunkelheit herum! gewesen. Ich fand, für eine Frau, die noch nicht einmal wusste, wo ihr minderjähriger Sohn sich nachts herumtrieb, machte sie sich reichlich viel Mühe mich zu gängeln.
Kreuz und quer ging ich durch die Straßen der Stadt, wie es mir gerade in den Sinn kam. Ich bin schon immer gern zu Fuß gegangen und hier gab es wirklich eine Menge zu sehen. Zuerst ging ich zu der Firma, bei der ich mein Praktikum absolvieren würde. Na, das sah doch gut aus! `HANSEN-EDV' stand in großen Buchstaben über dem gewaltigen Backsteinbau mitten in der City. Hier sollte ich also meine ersten Kontakte zur Welt der Arbeit knüpfen. Nun, man würde sehen. Jedenfalls behagte mir die Citylage sehr. Bestimmt konnte man in der Mittagspause immer mal eben einen kleinen Einkaufsbummel machen.
Weiter ging es durch die Innenstadt, die jetzt, nach Feierabend, wie ausgestorben dalag. Aber die Schaufenster in der Fußgängerzone waren schon interessant. Ich nahm mir vor, mir gleich am Montag ein paar schicke Sachen zu kaufen. Zwar waren auch wir in `Hinterwald', wie Jochen unser Dörfchen nennt, modisch voll auf dem Laufenden. Ich wollte aber kein Risiko eingehen. Es reichte vollauf, wenn ich zu Hause Landei genannt wurde.
"He, Mädchen!" Auf einer Bank, neben einem Blumenkübel mit kümmerlichen Pflanzen darin, saß ein alter Mann.
Unsicher schaute ich mich um. Meinte der etwa mich?
"Komm mal! - Komm doch mal!" Er gab mir Zeichen. Eindeutig!
Langsam näherte ich mich der Bank und blieb einige Schritte davor stehen. Der Alte trug eine ehemals weiße Windjacke, die vor Schmutz nur so starrte. Darunter war ein fleckiges Hemd zu erkennen. Neben ihm lag eine Plastiktüte, aus der der Hals einer bauchigen Flasche herausschaute.
"Hilf mir doch mal“, bat der Alte mit schwacher Stimme. "Hilf mir doch mal, damit ich auf die Beine komme. - Verstehst du?" Er machte eine hilflose Geste. "Alleine schaff ich das nicht mehr. - Verstehst du?"
Zögernd ging ich auf ihn zu. Er sah nicht nett aus, nicht freundlich, eher verschlagen und gemein. Sein hilfloses Lächeln hatte etwas katzenhaft Lauerndes. Vorsichtig streckte ich ihm die Hand entgegen. Bedächtig griff der Alte danach, legte seine gelben Finger um mein Handgelenk und drückte fest zu.
Sachte fing ich an zu ziehen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein, aber er machte keinerlei Anstalten sich zu erheben. Im Gegenteil! Er versuchte, mich zu sich herabzuzerren.
"So fängt man Täubchen“, kicherte er leise. Der Zug seiner Hand wurde stärker.
"Lassen Sie das!" Mit einem Ruck versuchte ich mich zu befreien, aber er hielt eisern fest.
"Hast du Geld? Willst du mir nicht Geld schenken?" Näher und näher zog der Alte mich zu sich heran. Ich konnte seinen Atem spüren, der nach Fusel und Fäulnis stank.
"Nein! Lassen Sie mich los!" - Geld schenken! Das wäre ja noch schöner! Da könnte ja jeder kommen!
"Gib Geld! Gib Geld!“, zischte der Alte. Speichel rann aus seinem zahnlosen Mund. Noch näher, noch tiefer zog er mich an sein Gesicht. Mit aller Kraft stemmte ich mich dagegen.
"Gib Geld, und ich sag dir ein Geheimnis." Er flüsterte fast. "Dein Geheimnis, ich kenne es! Gib Geld!"
Vor Aufregung bekam ich kein mehr Wort heraus. Tief gruben sich die nikotinverfärbten Fingernägel in mein Handgelenk. Der Alte war unglaublich stark. Diesen zähen Kampf konnte ich unmöglich lange durchhalten.
"He, Harry, du Penner, was machst du mit dem Mädchen?" Unbemerkt waren zwei junge Männer in Lederkleidung nähergekommen. Einer von ihnen hatte die Worte zu uns herübergerufen.
"Verpiss dich, du Ratte!“, geiferte der Alte in seine Richtung. Sein Griff wurde eher noch fester, und er fing an, ruckweise zu ziehen.
"Lass die Kleine los, oder ich komm' mal kurz rüber!" Der junge Mann wich einen Schritt von seinem Weg ab.
Plötzlich war ich frei. Hastig ging ich ein paar Schritte zurück und rieb mir das schmerzende Handgelenk. Der Alte bleib sitzen. "Du wirst kein Glück haben“, zischte er. Und lauter: "Kein Glück!" Rasch drehte ich mich um und ging schnell davon.
Harry, wie der junge Mann ihn genannt hatte, saß noch immer auf der Bank und kreischte vor Wut. "Diese Stadt liebt dich nicht!“, schrie er mir nach. "Diese Stadt hasst dich!"
Unbeirrt ging ich weiter. Weg von ihm. Wen interessiert es schon, was ein alter Straßenräuber faselt? Trotzdem! Ein unbehagliches Gefühl blieb.
Das war also die erste Lektion, die die Stadt für mich bereitgehalten hatte: Hüte dich vor alten Männern, die allein auf Bänken sitzen! - Nun gut, das hatte ich jetzt gelernt.
Nach etwa hundert Metern blieb ich stehen und wartete auf die beiden jungen Männer, die langsam in meine Richtung schlenderten. Schließlich kann es nicht schaden, wenn man sich ordentlich bedankt.
"Danke!“, sagte ich ein wenig linkisch, als die beiden auf meiner Höhe angekommen waren. "Danke, dass Sie mich vor dem Alten da", ich blickte kurz in die Richtung, wo die dunkle Figur des Mannes wieder zusammengesunken auf der Bank saß, "gerettet haben."
"Was heißt hier Danke? fünfzig Euro will ich haben!“, wurde ich von meinem Retter angeknurrt.
Ich muss wohl äußerst geistlos dreingeschaut haben. Jedenfalls lachten die beiden plötzlich laut los. Langsam ging es mir auf, dass das mit den fünfzig Euro wohl ein Spaß gewesen war. Eine seltsame Art von Humor hatten die Leute hier.
"Nochmals Danke!" Der Eine sah ja richtig gut aus. Ich strich über meine Haare und stellte mich ein wenig in Positur. "Das war knapp."
"Gar nichts war knapp", behauptete der Andere. "Harry ist harmlos."
"Na, Mahlzeit! Wenn der zu der harmlosen Sorte zählt, dann möchte ich die gefährliche aber lieber nicht kennenlernen!"
"Diese Stadt liebt dich nicht, hat er gesagt", schaltete sich mein gutaussehender Retter wieder ein. "Kann sein, dass er Recht hat!"
"Wieso?" Ich verstand nicht so ganz.
"Weil das alte Orakel bei mir auch Recht hatte. - Jedenfalls bis jetzt! Er hat mir vor Jahren auf den Kopf zugesagt, dass ich schwul bin. Und dann hat er noch gesagt, das ich mal umgebracht werde, und zwar von einer Frau. Und darum würd' ich mal sagen, mach's gut, Schatz!" Lachend hakte er sich bei seinem Begleiter ein und die beiden schlenderten weiter.
Junge, das war starker Tobak! Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Wenn das so weiterging, würde ich meine Freizeit wohl lieber in meinem Zimmer bei Tante Lucy verbringen. So ein süßer Junge! Wirklich jammerschade.
Unmerklich war es dunkler geworden. Langsam bekam ich schon Schwierigkeiten, die Straßennamen auf dem Stadtplan zu erkennen. Eine breite Straße war ich hinuntergegangen und dann links abgebogen. Hinter einem Bahntunnel war ich auf ein Neubaugebiet gestoßen und dahinter auf einen Ortsteil, der aussah, wie ein kleines Dorf. Hier gab es kaum Verkehr. Die ersten Lichter flammten hinter den Fensterscheiben auf.
Ich beschloss, jetzt auf geradem Weg nach Hause zu gehen.
`Talbrückenstraße', das war der kürzeste Weg. Auf der Karte führte die Straße im Außenbezirk der Stadt ein Stück weit durch saftgrüne Wiesen. Ein bisschen Landluft kam mir gerade recht. Nicht, dass ich Heimweh gehabt hätte, aber in der Stadt war es die ganze Zeit lang so bedrückend eng gewesen. Man kommt sich so klein vor, zwischen all den hohen Häusern. Entschlossen marschierte ich los.
Als ich die letzten Häuser passierte, wurde das Dämmerlicht langsam zur Dunkelheit. Ein Taxi fuhr an mir vorbei, hielt an, und setzte ein Stück zurück. Die Seitenscheibe schnurrte ein Stück weit herunter. "Wollen sie mit?"
"Nein danke“, lehnte ich ab. "Ich laufe lieber!"
Wortlos schloss der Mann die Scheibe wieder und fuhr weiter.
Jetzt war es schon richtig dunkel. Mit schnellen Schritten ging ich auf der linken Straßenseite weiter, als plötzlich schräg über mir, im Scheinwerferlicht eines Fahrzeugs, ein gewaltiger, gemauerter Bogen auftauchte. Langsam, nach oben schauend, ging ich weiter. Ein kleiner Schwarm Sternschnuppen zischte über den Himmel. – Hübsch! Noch lieber wäre es mir aber gewesen, wenn der Vollmond ein wenig heller geleuchtet hätte.
Wieder kam ein Auto die Talbrückenstraße entlang. Im Streulicht der Scheinwerfer konnte ich genauer erkennen, was da in der Dunkelheit über mir schwebte: Eine Brücke. Eine uralte, aus Quadersteinen gemauerte Brücke! Die gewaltigen Säulen verloren sich links von der Straße in der Finsternis, während der Bogen direkt über mir so hoch war, dass ich ihn nicht erkennen konnte. Ich blieb stehen.
Ein Kleinlaster kam die Straße herunter. Er musste schwer beladen sein, die Scheinwerfer standen sehr hoch. Nun erst sah ich, dass die Brücke gar nicht über die Straße führte. Sie hörte ein wenig abseits einfach mitten in der Luft auf. Wie das Ende einer Sprungschanze ragte der letzte Viertelbogen weit über mir in die dunkle Nacht. Eine Brücke ins Nichts! Dahinter war kurz die schlanke Silhouette einer Betonkonstruktion zu erkennen, die, wohl anstelle der alten Brücke, das Tal überspannte. Klar, ich stand ja auf der Talbrückenstraße, fiel es mir ein. Daher also der Name.
Viadukt! Plötzlich stand das Wort in meinen Gedanken. Talbrückenstraße - Viadukt, diese Begriffe waren irgendwie miteinander verkettet!
Ich wandte mich nach links. Meine Augen hatten sich jetzt vollständig an die Dunkelheit gewöhnt. Auf der Straße war alles ruhig. Hinter einer flachen Buschreihe lag eine helle, ebene Fläche. Wahrscheinlich ein großer Parkplatz. Undeutlich Schimmerte die Silhouette eines abgestellten Kleinbusses durch die Finsternis.
Undeutlich nahm ich ein leises Rauschen wahr, so wie von schnell fließendem Wasser. Neugierig geworden, ging ich die Einfahrt zum Parkplatz hinunter und überquerte die grau gepflasterte Fläche. Richtig! Schwache Reflexe aus dem wolkenverhangenen Himmel verrieten mir, dass ich vor einem Gewässer stand. Einem See! Ob groß oder klein, das konnte ich nicht feststellen. Das jenseitige Ufer lag jedenfalls in völliger Finsternis.
Unter mir zischte und brodelte es. Das musste das Rauschen sein, das ich vorhin gehört hatte. Ich stand direkt über einem künstlich angelegten Abfluss. Unaufhörlich strömte das schwarze Wasser in den Betonschacht.
Ich ging ein Stück am Ufer entlang. Bei Tag musste es hier recht schön sein. Ich stellte mir vor, wie die Städter bei schönem Wetter hier ihre Freizeit verbrachten. Jetzt war es aber entschieden zu dunkel um sich wohl zu fühlen. Schnell ging ich wieder auf die Straße zu. Hoch über mir donnerte ein Güterzug über die neue Brücke. Mühsam kämpfte ich mich durch das Buschwerk; ich war einfach zu bequem gewesen, zur Einfahrt zurückzugehen. Direkt vor mir raschelte etwas auf dem Boden. Eine Ratte vielleicht? Unsicher blieb ich stehen.
Jetzt war es mir doch etwas unheimlich zumute. Ich hab Ratten nicht so gerne. Ich hab mal eine gesehen, die ist über zwei Meter hoch gesprungen. Laut klatschte ich in die Hände, um das Tier, was immer es auch war, zu verscheuchen, und machte einen großen Schritt nach vorne.
Plötzlich legte sich eine stählerne Klaue um meinen rechten Knöchel. Erschrocken fuhr ich zurück, stolperte und fiel hin. Schnell erhob ich mich wieder. Es hatte bei meinem Sturz laut geratscht, und ich spürte einen kalten Luftzug an meiner Wade. Tja, die Jeans waren wohl hin.
Unsicher tastete ich mich einen Schritt weit vorwärts und suchte vorsichtig nach dem Hindernis. Undeutlich sah ich einen dünnen Gegenstand aus der Erde ragen und griff zu, um mich zu stützen. Ich glaube, ich habe vor Entsetzen laut aufgeschrien, spürte ich doch die knöcherne Kälte einer skelettierten Hand, an der verwesendes Fleisch hing, zwischen meinen Fingern! Im selben Moment brach unter meinem rechten Fuß der Boden ein und mit abgeknicktem Knöchel fiel ich laut aufschreiend auf den Rücken.
Einige schreckliche Sekunden später hatte ich mich wieder einigermaßen in der Gewalt. Noch war kein Knochenmann über mich hergefallen und hatte mir seine dornigen Klauen in den Leib geschlagen. Außerdem tat mein umgeknickter Fuß teuflisch weh. Vorsichtig zog ich ihn zu mir heran. Jetzt konnte ich auch erkennen, was mich eben so erschreckt hatte: Ein Knäuel dünner Eisenstangen ragte aus der Erde. Das verwesende Fleisch, das ich gefühlt hatte, war ein Stück meiner eigenen Jeans gewesen, das wie ein Wimpel daran hing. - Eine hübsche Falle - wirklich!
Verdrossen rappelte ich mich auf und setzte mich auf ein Mäuerchen, das, halb von Gras überwachsen, schemenhaft vor mir zu erkennen war.
Leider kam ich nicht umhin, mich selbst eine Idiotin zu nennen. Wer, außer mir dreidämlicher Kuh, käme wohl noch auf die Idee, in stockfinsterer Nacht mitten durch die Botanik zu trampeln, nur um einige Meter Weg zu sparen?
Es war unglaublich warm geworden. Schweißperlen standen auf meiner Stirn. Die Kleidung klebte mir am Körper. Bestimmt kam das vom Schmerz in meinem Knöchel. Ich öffnete meine Jacke, um kurz etwas mehr Luft an meinen Körper zu lassen.
Die erhoffte Abkühlung blieb aus. Nur muffige, abgestandene Luft war um mich herum. Leicht konnte ich den Geruch von Heu wahrnehmen. Es roch nach Sommer.
1944! Plötzlich wurde mir mit einem Schlag klar, wo ich mich befand. Fragmente alter Geschichten, die ich als Kind gehört hatte, vereinigten sich schlagartig zu einem Ganzen: Talbrückenstraße, die Eisenbahnbrücke, Spätsommer 1944! Ich befand mich genau an der Stelle ...
Schaudernd tastete ich den Untergrund ab. Was ich für ein Mäuerchen gehalten hatte, war Beton. Dicker Beton, mit schwerem Eisen armiert, das jetzt nackt, rostig und verdreht aus der verwitterten Oberfläche hervorragte. Wenn ich statt nach hinten, nach vorne gefallen wäre, in diese wirren Eisenknäuel hinein - nicht auszudenken. Zum erstenmal im Leben war ich direkt dankbar für meinen dicken Hintern, der mich so treulich zu Boden gezogen hatte.
Ich hatte das Gefühl, in dieser unnatürlich warmen Luft fest zu stecken, und es wurde immer seltsamer:
Hinter dem nächsten Hügel tauchten Scheinwerfer auf. Ein Wagen fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf den Ortseingang zu; doch obwohl er keine fünfzig Meter hinter mir vorbeischoss, hörte ich nicht das geringste Geräusch.
"Heute ist Vollmond, da haben sie es leicht!"
Ruckartig warf ich den Kopf herum. Direkt hinter mir hatte jemand gesprochen. Ein schabendes, knirschendes Geräusch, so als ziehe jemand eine schwere Kiste über glatten Beton, ließ mich zur anderen Seite blicken.
"Vorsicht mit der Kiste!“, schimpfte ein Mann. "Wenn du abrutscht haben wir dienstfrei - für immer."
"Schon gut, schon gut“, maulte eine andere Stimme zurück.
Ganz deutlich konnte ich diese Worte verstehen. Über mir, neben mir, hinter mir. - Aber da war niemand. Mutterseelenallein saß ich auf dem uralten Betonfundament und fing ganz offensichtlich an zu spinnen.
Leise quäkte ein Funkgerät. Eine Stimme gab die Nachricht: "Erste Welle, drei Minuten!"
Nichts wie weg hier! Hastig versuchte ich aufzustehen. Umsonst! - Es war mir, als stecke ich in einer Mauer. Nicht, dass ich wie gelähmt gewesen wäre. Aber all meine Bewegungen liefen so langsam, so mühsam ab, als sei ich unter Wasser. Es wollte mir einfach nicht gelingen, auf die Füße zu kommen.
Langsam, fast unmerklich, erfüllte ein leises Summen mehr und mehr die Luft.
"Sie kommen!“, kommentierte eine Stimme hinter mir.
Ich schwitzte. Schwitzte vor Schmerz, vor Anstrengung und vor Aufregung - und ich schwitzte vor Wärme. Es war unglaublich warm. Der Duft von Heu hatte sich noch verstärkt. Wie ein Vogel im Netz drehte und wand ich mich auf meinem Platz hin und her, versuchte aufzuspringen und kam doch nicht frei. Es war, als hielte mich eine große, warme Hand niedergedrückt.
Das Summen hatte sich nun zu einem Dröhnen verstärkt. Das Geräusch kannte ich aus alten Wochenschaufilmen, die wir mal in der Schule gesehen hatten: Bomberstaffel im Anflug! - Und wieder hat unsere tapfere Flugabwehr ...
"Sie sind über der Stadt."
Fernes Grollen zeigte an, dass die ersten Bomben detonierten.
"Hoffentlich sind die Frauen im Keller."
"Halt doch den Mund!"
"Und die Kinder."
Schwere Erschütterungen jagten durch die Luft. Die ganze Stadt schien zu vibrieren. Fassungslos saß ich auf meinem Platz und erlebte mit, wie die Detonationen immer näher kamen.
Plötzlich übertönte eine Kette scharf knallender Schüsse alle anderen Geräusche. Unwillkürlich schaute ich in die Richtung, hoch zur Brücke.
"Kammerer macht wieder Extraschicht. Der wird nie begreifen, dass die erste Welle immer zu weit querab liegt."
Es war, als würden die Schüsse in meinem Kopf abgefeuert. Als fände das alles nur in meinem Kopf statt, denn vor meinen Augen lagen Parkplatz, See und Brücke unverändert da.
"Mit seinen Scheinwerfern lockt er die Brüder doch nur an." Todesangst hatte in dieser Stimme mitgeschwungen.
"Kann ihm doch egal sein. Der sitzt oben auf dem Bahndamm in seinem Turm. An dem fällt der ganze Rotz doch vorbei."
Das Geräusch der Flugmotoren ebbte langsam ab.
Wieder dieses Schaben, wie von Eisen auf Beton.
"Vorsicht!"
Dann ein Aufschrei und ein harter Schlag.
"Alwin, verdammt, ich hab doch gesagt, pass auf! - Alwin?"
Eiskalt lief die Gänsehaut meinen Rücken hinunter. Alwin! - Das Bild vervollständigte sich.
"Voll auf die Kiste geknallt. – Ich glaub der ist hin! Soll ich ..."
"Keine Zeit jetzt. Gleich ist die zweite Welle da. Leg ihm schnell was unter den Kopf und komm!"
Wieder die Stimme aus dem Funkgerät: "Zweite Welle, drei Minuten!"
"Was machst du hier?" - Eine der Stimmen von vorhin! Aber näher jetzt, leiser, wärmer. "Du gehörst nicht hierher!" Ganz dicht neben mir wisperte es. Es meinte mich. "Geh weg! Wir sind alle ..."
"Ich kann nicht!" Wieder versuchte ich aufzuspringen. "Ich bin gefangen!"
"Du darfst nicht hierbleiben! Vielleicht kann ich dir helfen."
"Ja bitte! Ich will weg hier!"
"Schnell, bevor die zweite Welle kommt“, flüsterte die Stimme neben mir. "Die zweite Welle ist schlimmer! Zuerst ist die Stadt dran, dann die Brücke!"
"Ich kann nicht!" Verzweifelt riss ich an meinen unsichtbaren Fesseln. Es war als stecke ich in Beton.
"Lauf weg! Lauf weg!“, drängte die Stimme. "Jetzt!"
Voller Entsetzen spürte ich, wie die Hitze um mich herum sich noch verstärkte. Ich glaubte ersticken zu müssen.
"Verzeih mir“, hörte ich ein letztes leises Wispern. Dann fühlte ich einen harten Schlag. Ich dachte, alle Knochen müssten mir brechen, aber ich war frei. Taumelnd wirbelte ich herum und rannte, so schnell ich konnte zur Straße hinauf. Mein verletzter Knöchel schmerzte wahnsinnig. Trotzdem kämpfte ich mich immer schneller durch das dichte Gebüsch.
Deutlich konnte ich jetzt wieder das tiefe Brummen der Bombenflugzeuge hören. Weit entfernt begann eine Flak zu feuern.
Ich rannte, wie um mein Leben, die Straße entlang. Hinter mir verklangen die Stimmen:
"Scheinwerfer! Zielerfassung!"
Schneller, so schnell wie nie zuvor flogen meine Füße über den Asphalt.
"Höhe sechstausendachthundert!"
Ich rannte.
"Bestätige sechstausendachthundert!"
"Nach Erfassung Feuer ohne Befehl!"
Mein Herz raste. Meine Lungen wollten zerreißen. Dann brach hinter mir die Hölle los. Das ganze Tal war erfüllt vom Lärm der Geschütze. Es war, als würde die Luft erbeben. Eine gigantische Welle dumpfer Detonationen wälzte sich näher. Das Abwehrfeuer steigerte sich zu einem wahnsinnigen Crescendo. Erst als ich auf dem nächsten Hügel angekommen war, blieb ich stehen und schaute mich um. Bis hier herauf war die rasend schnelle Folge von Abschüssen zu hören., bis plötzlich eine alles übertönende, ohrenbetäubende Detonation den ganzen Spuk beendete.
Kraftlos sackte ich auf der Stelle zusammen, auf der ich gestanden hatte. Mein verletzter Knöchel tat teuflisch weh. Frisch fuhr der Wind in meine offene Jacke. Schwer atmend hockte ich auf der Straße. Gott sei Dank war jetzt alles vorbei!
"Wollen Sie nicht doch lieber mitkommen?“, fragte hinter mir eine Stimme in der Dunkelheit. Ich spürte, wie mein ganzer Körper sich verkrampfte. Langsam drehte ich mich um.
"Haben Sie sich verletzt?"
Erleichtert atmete ich auf. "Könnten Sie mir bitte hochhelfen? - Ich habe mir den Knöchel verstaucht."
Höflich hielt der Taxifahrer mir seine Hand hin und stützte mich die paar Schritte bis zu seinem Wagen. Warum hatte ich das Auto nicht gehört? War es immer noch nicht vorbei?
"Haben Sie auf mich gewartet?“, fragte ich ihn, als er die Beifahrertür schließen wollte.
Er lachte: "Was? Gewartet? Zwei Stunden lang? - Mädchen, sie sind gut!" Kopfschüttelnd warf er die Tür ins Schloss.
Aber - ich war doch höchstens eine Viertelstunde ...
Der Fahrer klemmte sich hinter das Lenkrad. Mißtrauisch musterte er mich: "Sagen Sie mal, Mädchen ..."
"Ja?"
"... sind sie wirklich nur umgeknickt?"
"Ja!" Heftig nickte ich mit dem Kopf. "Nur umgeknickt! - Amtmann-David-Straße bitte!
Tante Lucy war echt sauer!
"Tut mir Leid, ich bin umgeknickt!" Mein Gehumpel kam mir jetzt gerade recht. Ich brauchte nicht einmal zu simulieren.
"Ach, umgeknickt? Und dann kann man natürlich nicht mehr telefonieren, was?"
"Äh, ja - irgendwie ging das Handy nicht. Jetzt geht es aber wieder!"
"Spar dir deine Ausreden und schreib mir gleich mal deine Nummer auf! - Wo bist du denn umgeknickt?"
"Am Viadukt“, Ich hätte mir auf die Zunge beißen können! "Aber da war es noch hell!“, fügte ich hastig hinzu!
Tante Lucy schob mir Zettel und Stift über den Tisch. "Am Viadukt? Weißt du, dass Opa Alwin damals da draußen umgekommen ist?"
"Ja!“, sagte ich und begann zu schreiben. "Ja, ich weiß."
"Soll ein feiner Kerl gewesen sein."
"Ja!" Ich nickte. "War er! - Ganz bestimmt!"
Am nächsten Morgen war Jochen wieder da. Er hatte penetrant gute Laune, und versuchte nach Kräften mich zu ärgern. Natürlich hatte meine Tante ihm erzählt, dass ich mir in der Nähe des Viadukts den Knöchel verstaucht hatte.
Schließlich hörte er auf, mich damit aufzuziehen und schnappte sich die Sonntagszeitung.
Ein Weilchen blätterte er schweigend vor sich hin, während ich mitleidig alle Zehen meines bandagierten Fußes einzeln bedauerte. Plötzlich stutzte er, und warf mir einen schnellen Blick zu.
"Was is los?“, fragte ich freundlich. "Hab ich Warzen?"
Jochen schaute mich über die Zeitung hinweg forschend an. "Du warst doch gestern abend am Viadukt?"
"Ja, sicher!" Das Thema war mir unangenehm.
"Ist dir dort irgendwas Besonderes aufgefallen?"
Was sollte diese Frage? Ich schüttelte stumm den Kopf.
"Wirklich nicht?"
Ich spürte, wie die feinen Härchen in meinem Nacken begannen, sich aufzurichten. Erinnerungsfetzen tauchten auf. Erinnerungen an den gestrigen Abend: An Kratzen von Metall auf Stein, an gewisperte halbe Sätze, an eine Explosion...
"Nö, was sollte mir aufgefallen sein? Warum fragst du?"
Jochen sah in die Zeitung und begann vorzulesen: "Randalierer am Viadukt. - Am gestrigen Abend ist gegen 21 Uhr in der Nähe des Viadukts ein Transporter ausgebrannt. Da das Fahrzeug außer dem Brandschaden noch weitere schwere Beschädigungen aufwies, vermutet die Polizei, dass es sich hier um einen Fall von Vandalismus handelt. Personen, die verdächtige Beobachtungen gemacht haben, melden sich bitte unter der Nummer ..." Jochen sah auf. "Wahrscheinlich wieder irgendwelche Rocker, oder so", kommentierte er den Bericht.
Ich erinnerte mich. Der Kleinbus war mir auch aufgefallen. Er hatte dicht bei der Brücke gestanden. Direkt neben den Fundamenten der alten Stellung. - Genau im Zentrum der letzten, der wirklich großen Explosion.
"Da kannste aber von Glück sagen", meinte Jochen, "dass du den Burschen nicht über den Weg gelaufen bist. Du musst dir mal klarmachen, dass das hier eine Stadt ist. Da läuft man als Frau nicht alleine in der Dunkelheit herum!"
Jochen ist zwar ein blöder Schnösel, aber ich beschloss sofort, dieses eine Mal seinen Rat zu beherzigen.