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Im Land der vielen Götter – Indien

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In gut 12 Stunden sind wir aus dem Spätsommer Europas in das tropisch warme Neu Delhi geflogen. Beim Umsteigen in Helsinki hatten wir noch Regen bei 14 Grad, hier in Neu Delhi 12 Stunden, später 34 Grad und Sonne.

Bereits von Deutschland aus haben wir via Internet für die ersten Tage der Akklimatisierung ein kleines privates Zimmer bei einer indischen Familie gebucht. Unsere Gastgeber wussten Bescheid, dass wir mit zwei großen Fahrradkartons ankommen werden. „Kein Problem, wir schicken ein passendes Taxi!", lautete es in ihrer letzten Mail.

Der Fahrer holt uns wie geplant am Ausgang des Airports ab. Mit seinen großen braunen Augen schaut er immer wieder auf die beiden Kartons, welche wir mühevoll durch die Massen an Menschen schieben. Sein Blick lässt uns erahnen, was in seinem Kopf vorgeht.

Mit dem Lift fahren wir nach oben, wo sein Taxi steht. Es ist ein kleiner Tata, in der Größe eines Fiat Punto. Oder noch ein bisschen kleiner? Aha, ein Dachgepäckträger ist montiert. Kartons aufs Dach und den Rest in den eigentlich nicht vorhandenen Kofferraum und auf die Rückbänke verteilt, wo auch wir platznehmen dürfen. Ölsardinen in einer Dose haben sicher noch mehr Platz, als wir. Doch wie die Kartons befestigen? Schnüre etc. hat er nicht dabei. Und so macht sich der junge Mann auf die Suche nach allem Möglichen, aus dem sich eine Schnur herstellen lassen könnte. Improvisation scheint in Indien wichtig zu sein. Er findet eine Art Leiter, die von schmalen Kordeln zusammengehalten wird. Diese trennt er kurzerhand ab und kommt freudig damit zurück.

Wir glauben zwar nicht an den Halt des ganzen Befestigungssystems, sind aber zu müde, um Einwände geltend machen zu wollen.

Durch eine unscheinbare Schranke verlassen wir das Flughafengelände. Danach gibt er Vollgas, obwohl die Straßenverhältnisse es aus unserer Sicht nicht erlauben. Es folgen die ersten unvergesslichen Eindrücke! Zum einen ist es diese Fahrweise, die unseren Pulsschlag erhöht. Dann wechselt der Fahrer ständig und unruhig zwischen den mehrspurigen Straßen, scheinbar darauf bedacht, nicht abbremsen zu müssen. Das konnten wir schon in München nicht leiden, ständig einen Spurwechsel hinzulegen, um jede Lücke zu nutzen, doch hier ist es noch mal einen Zacken schärfer. Es ist sogar alltäglich und völlig normal. Noch unbeschreiblicher als die Fahrweise und der Zustand des Autos ist der Blick aus dem Fenster. Schäbige Gebäude, noch nicht fertiggestellt und doch schon wieder am Verfallen und Schimmeln?! Dazwischen ärmlich gekleidete, schmutzige Menschen, neben und auf der Straße. Nackte springen über die Straße, Bettler halten ihre Finger ans Autofenster. An so etwas, wie einen gepflegten Seitenstreifen mit Grünanlage und Fußweg, ist hier nicht zu denken. Unsere daheimgebliebene Welt scheint aus dem jetzigen Blickwinkel eine Fantasiewelt zu sein, die die Vorstellungskraft der meisten Inder mit großer Wahrscheinlichkeit übersteigen würde.

Wir haben September und es ist gerade fast Ende der Regenzeit. Doch mit monsunartigem Regenfall hat unser Fahrer heute nicht gerechnet. Lebe im gegenwärtigen Moment – so sagte schon Buddha. Der Inder scheint tatsächlich im Augenblick zu leben. Ein krasser Gegensatz zum Deutschen, der schon weit voraus alle Möglichkeiten abwägt und dementsprechend vorsorgt. So unterbricht unser Fahrer seine Zickzackfahrt über die drei- bis vierspurige Fahrbahn abrupt, um eine Plane zu organisieren, die unsere Pappkartons mit den Fahrrädern schützen soll.

Die Menschen leben unter Behausungen aus Pappe und Plastik. So wird unser Fahrer fündig. Das Dach von irgendjemand schützt nun unsere Bikes vorm Nasswerden. Was für ein Irrsinn!

Schließlich haben wir erst vor ein paar Stunden unser gutbehütetes, durchorganisiertes Deutschland verlassen. Eva kommt aus einem kleinen 150 Einwohner zählenden Dorf in der Oberpfalz. Mike ist in Berlin aufgewachsen und hat schon größere Menschenmassen als Eva erlebt. Seit vier Jahren leben sie zusammen in dem beschaulichen Murnau am Staffelsee. Einem Ort mit nicht mehr als 9.000 Einwohnern. Saubere Straßen, gepflegte Häuser und Vorgärten im spießigen Kleinbürgertum, am Horizont die Alpen mit der Zugspitze. Satt grüne Weiden, mit Kühen darauf. Klare Flüsse, saubere Seen.

Wir erleben hier in Indien soeben einen Kulturschock pur! Das erste Mal in Indien! Keines der Bücher oder farbenfrohen Videos konnte uns, wie wir nun feststellen, auf diesen Einstieg vorbereiten. Alles ist so komplett anders, als bei uns. Wir erreichen das Haus unserer Gastgeber!

Nein, die Fahrt hierher war zu viel für uns. Die Masse an Menschen, Autos, der Dreck, der Staub. Und dann noch schwerbewaffnete Wachmänner zum Schutze der Wohnanlage, die von einer bröckelnden Mauer umgeben ist. Es ist zu viel für den Anfang.

Am Abend wagen wir uns nur wenige Meter von unserem Haus entfernt zum Bananenkaufen. Mehr ist erst mal nicht drin. Ein Übriges tut die Müdigkeit. 12 Stunden Flug liegen hinter uns. Wir legen uns schlafen und hoffen ein bisschen, am nächsten Tag wo anders aufzuwachen.

Am Morgen werden wir durch den Lärm der Straße geweckt. Gut, wir sind also immer noch hier in Neu Delhi, aber nun sind wir ausgeschlafen und schon etwas unternehmenslustiger. So wagen wir uns an den Esstisch der Gastgeberfamilie. Von Dienern wird uns Essen zubereitet. Was für uns erst mal völlig befremdend ist. Wir greifen zum Toast und einem der bunten und schmuddeligen Gläser mit Marmelade. Tatsächlich sind die Ränder der Gläser verschimmelt. Irgendwie heißt es jetzt Augen zu und durch! Wir müssen unsere Darmflora abhärten.

Ganz ehrlich, es scheint uns egal, was wir jetzt essen werden, wir rechnen damit, dass sich der Durchfall augenblicklich einstellen wird. Nachdem ersten Frühstück mit Abführgarantie, wagen wir uns aus unserem „Versteck" und tasten uns langsam durch die staubigen Straßen. Unsere Gastgeberin, die etwas kühl wirkt, gibt uns noch einen selbstgezeichneten Plan mit, damit wir auch wieder zurückfinden. Wir fühlen uns beobachtet von den Einheimischen. Schnell merken wir, dass wir hier mit unserer weißen Haut die Exoten sind. Vor allem auf Eva wird gut geachtet, zwar hat sie dunkles Haar, wie die Inder, jedoch eine weiße Haut. Weiße Haut gilt in Indien, wie auch in dem Rest von Asien, als schick.

Die Straßen sind voller Chaos, überall Autos, Räder, Karren und TukTuks. TukTuks, auch Rikschas oder Three-Wheeler genannt, sind hier in Asien eine Art Transportmittel und Taxi vor allem für die Ärmeren. Es handelt sich dabei um ein motorisiertes Dreirad, vorne der Fahrer und dahinter eine Bank für zwei bis vier Personen, je nachdem, wie eng man zusammenrutschen kann. Türen gibt es nicht und Gurte selbstverständlich erstrecht nicht.

Unser Gastgeber hat uns in die Praxis des TukTuk-Anhaltens und des dazugehörigen Preisfeilschens eingewiesen. Es stellt sich als das Normalste der Welt heraus, so ein Gefährt zu stoppen. Wobei die TukTuk-Fahrer schneller uns finden, als wir sie. Erblicken die Fahrer uns, fahren sie oft nebenher und bieten uns die Mitfahrgelegenheit an. Der Preis muss, wie erwähnt, natürlich vorher ausgehandelt werden. Wir müssen erst einmal ein bisschen Erfahrung sammeln und zahlen sicher zum Anfang zu viel.

Der erste TukTuk-Fahrer scheint ein Bruder unseres Taxifahrers vom Flughafen zu sein. Oder steckt in jedem Inder ein Rennfahrer der Cross oder Go Car Klasse? Da werden ungeahnte und von uns nie wahrgenommene Lücken im Verkehr genutzt, um ein bisschen schneller zu sein. Die Hand immer an der Hupe. Für ein paar Rupie präsentieren „Künstler" an der Straßenkreuzung ihr „Können". Andere zeigen ihre offenen Wunden. Alles vor unserem Gefährt. Das Können und das Leid in der VIP Lounge TukTuk sind zum Greifen nahe. Und alle wollen sie ein paar Münzen abhaben. Wieder andere scheren sich nicht viel um den Verkehr und verrichten ihr Geschäft in aller Ruhe und ganz öffentlich mitten auf der Straße. Menschen wohin man schaut. Nackte, gut angezogene, bunt gekleidete, in einfarbigen Umhängen, mit und ohne Turban oder Schleier; kunterbuntes Indien.

Die Fahrt mit dem Dreirad an sich ist nach dem ersten Schock einfach und spannend. Doch nach dem Aussteigen in Neu Delhis Stadtzentrum kommt die nächste Herausforderung. Wir haben schon mitbekommen, dass der Inder immer am Geschäftemachen ist. Folglich werden wir an einem strategisch günstigen Handelspunkt ausgesetzt. Unserem Schicksal überlassen. Wir krabbeln stolz aus dem Gefährt und werden sogleich von allen Seiten angesprochen. Was genau sie wollen – wir wissen es noch nicht! Egal, denn wir möchten erst mal gar nichts vom Angebotenen. Deshalb stiefeln wir scheinbar zielsicher los, in irgendeine Richtung. Später wollen wir gegebenenfalls mal anhalten, um uns zu orientieren. Doch daran ist gerade nicht zu denken. Sobald wir stehen bleiben, bekommen wir alles Mögliche und hauptsächlich Unmögliche angeboten. Die Auswahl reicht vom Stofftaschentuch, über Sonnenbrillen (der Klassiker) hin zu USB-Stick oder der Schuh- oder Ohrreinigung … andere wollen uns „Guide" und „Friend" sein. Vielleicht noch eine Rasur für den Mann? Ein Tuch für die Dame? Ein Träger für die schweren Handtaschen? Oder doch einfach nur: „Give me Rupie!"

Irgendwann glauben wir, den Geschäftstüchtigen entkommen zu sein. Neben uns, scheinbar überholend, läuft ein gepflegter Herr mit Turban. Ganz ungezwungen und beiläufig empfiehlt er uns, diesen „bösen" Männern nicht zu trauen. Er hat in einem Punkt recht, es waren wirklich nur Männer, die mit uns das schnelle Geschäft machen wollten. Geschickt verwickelt er uns in ein nettes Gespräch. Dabei läuft er immer ein zwei Schritte vor uns her, so als wenn er gleich Tschüss sagt und schnellen Schrittes davon schreiten würde. Während dieser ganzen Zeit bleiben wir nicht einmal stehen. Er zeigt sich hilfsbereit, überaus freundlich. Wir folgen ihm, in der Hoffnung, zur Touristen Information zu gelangen. Zu welcher er uns gerne geleiten möchte. Und gekonnt landen wir in einem Touristeninfobüro. Reingefallen! Zack werden wir auf zwei Stühle gesetzt und weiterbeschallt. Kann man hier irgendwo die Ohren ausschalten – bitte?!!! Vor uns liegt ruckzuck eine Landkarte „for free". Egal in welche Himmelsrichtung wir weiterreisen wollen, er hat für alles die passende Tour. Dann schiebt er uns ein Buch herüber, in dem andere Reisende ihr Kompliment über diesen tollen Reiseanbieter abgegeben haben. Zugleich drückt er uns ein Handy ans Ohr. Schön eine deutsche Stimme am anderen Ende zu hören. Ja, sie sei gerade mit so einer Tour hier unterwegs und alles sei ganz wunderbar – zumindest hören wir so was aus dem Rauschen heraus. Das ist uns nun echt zu viel! Wir sagen pfiad di, bye bye und brausen selbstbewusst raus!

Durchschnaufen – alte Luft raus – neuer Smog rein. Man kann hier nicht klar denken!

Den ersten Tag in diesem Land schließen wir mit einem uns unbekannten Abendessen an einer Garküche ab. Da wird in einer großen verdreckten Pfanne mit reichlich Öl drin, was gebraten. Es sieht aus wie Quarkröllchen oder so. Der Stand liegt direkt am Straßenrand, davor aufgeweichte Lehmstrassen mit Riesenpfützen. Mit Hand- und Zeichensprache wählen wir acht Stück vom dem Irgendwas aus und lassen es in eine Papiertüte einpacken. Wir wollen in Ruhe im Zimmer essen – nahe der Toilette. Im Hotelzimmer stellt sich raus, das es sich um vegetarische Taschen mit Kichererbsen und irgendeinem anderen Gemüse handelt. Die Teigtaschen sind ein Genuss für unsere Gaumen. Nichts mit Vorsicht und Toilette. Alles bestens. Das Indien ein Hochgenuss für unseren Gaumen wird, werden wir später noch erfahren dürfen.

Mit jedem Tag werden wir mutiger. Nach und nach tasten wir uns heran: ans Feilschen, an der Umgang mit den Menschen, vor allem mit den Bettlern. Neu Delhi wird die Kinderstube des Feilschens für uns. Eine wichtige Grundlagenausbildung für eine erfolgreiche Weiterreise durch Asien.

Kulinarisch gewöhnen wir uns an die Schärfe indischen Essens. Bald gehen wir scheinbar sicher durch die Straßen. Lassen uns von fliegenden Händlern nicht aus der Ruhe bringen. Wir besichtigen das Red Fort im Herzen der Stadt. Eine große Palastanlage. Nach europäischen Maßstäben ist sie vielleicht nicht im gepflegtesten Zustand, aber für indische Verhältnisse erstrahlt sie recht glanzvoll. Wir erhalten eine Vorstellung von der vergangenen Pracht und den Reichtum der Großmoguls. Dagegen scheint das Schloss Sancoussie in Potsdam ein kleiner Schuppen zu sein. Die Geschichte der Palastanlagen erscheint in einem deutlichen Kontrast zu dem heutigen Indien! Von dem damaligen Glanz und Reichtum ist nicht viel geblieben.

Nach vier Tagen in der Hauptstadt wollen wir unsere Reise mit dem Rad starten. Lange können wir uns nicht festlegen, ob wir nun in Richtung Norden in die Berge oder in den Süden Richtung Taj Mahal aufbrechen sollen, oder doch in Richtung Westen zum Ganges. Zu Beginn dieser Reise hatten wir uns nur Neu Delhi als Startort rausgesucht. Eine Route, wie und wohin es von dort aus gehen sollte, war in Deutschland noch nicht festgelegt worden. Das einzige was wir wussten war das Ziel – Kathmandu. Der genaue Weg dorthin sollte sich anhand verschiedener Gegebenheiten entscheiden. Spontan nach Lust und Laune.

Wir entscheiden uns täglich um, werfen eine Münze und machen es dann doch anders. Unsere Gastgeber sind uns keine Hilfe. Sie sagt so, er sagt anders. Außerdem haben die Inder eine ganz eigenartige Kopfbewegung als Antwort. Es ist kein Ja und kein Nein – also Kopf hoch und runter für ja, Kopf links rechts für Nein. Sie machen eine Art Verschiebung des Kopfes von links nach rechts und umgekehrt. Sieht lustig aus – verwirrt uns aber, wenn nur diese Bewegung ohne Worte benutzt wird. Im Nachhinein glauben wir eh, dass die Gastgeberin es als eine äußerst unmögliche Idee angesehen haben muss, mit dem Rad durch dieses Land zu reisen. Vielleicht hat sie recht. Wir brechen nach Süden auf. Das Taj Mahal sollte man doch gesehen haben, wenn man schon so nah dran ist – finden unser Gastgeber! Angepriesen wird es uns als ein wahrer Prachtbau der Geschichte.

Nach vier Tagen Akklimatisierung verlassen wir Neu Delhi in Richtung Süden. Die Fahrräder sind unter den wachsamen Augen unseres Hoteliers aufgebaut und probegefahren worden. Vor allem mein Liegerad erfreute sich dabei einer sehr großen Begeisterung und Beliebtheit bei allen Beteiligten. Die je 40 Kilogramm Gepäck sind in Radtaschen an den Bikes verstaut. Eva fährt vorneweg. Sie ist voll bepackt. Hinten strahlen zwei gelbe, große Taschen links und rechts des Gepäckträgers. Darin befinden sich Kleidung, Schuhe und Kosmetik. Darauf liegt eine weitere längliche Tasche mit Zelt, Schlafsack und Isomatte. Tasche vier und fünf befinden sich am Gepäckträger des Vorderrades. Hier hat die Fotoausrüstung, Essen und sonstiger Kleinkram seinen Platz gefunden. Tasche Nummer sechs ist direkt am Lenker angebracht und beinhaltet den Foto, Geldbeutel, ein paar Bonbons, Taschentücher, Sonnencreme und Reisedokumente. Außerdem trägt jeder von uns noch einen Gurt um die Hüften, unter der Kleidung versteckt, in welchem Geldkarten, Dollars, der Reisepass und eine Kopie des anderen Reisepasses aufbewahrt werden.

Die Fahrt aus Neu Delhi raus ist eine staubige Angelegenheit. Gehupe von allen Seiten. Rikschas, Autos und sogar LKWs kommen auf unserer Spur entgegen. Schlaglöcher wohin das Auge reicht. Die Augen müssten eigentlich überall sein. Im Verkehr, auf der Straße, in der Umgebung, hinten, vorne, rechts, links … Gefühle und Gedanken wie Neugier, Angst, Bewunderung und Staunen flimmern durch unsere Gehirne. Wir wissen nicht wohin wir zuerst schauen sollen. Alles ist so neu, fremd, fern, orientalisch. Wir sind wirklich in Indien!

Kaum haben wir die Stadt hinter uns gelassen, bildet sich hinter Mike eine Traube aus Mofas und Radfahrern. Das nun folgende Schauspiel sollte sich auf den drei Radtagen nach Agra wiederholen. Nacheinander kommen die Begleiter zu Mike aufgefahren. Dann folgt eine Art Fragenkatalog – immer derselbe: Wohin? Woher? Wie alt? Wie ist Dein Name? Und immer: „Is this your wife or your girlfriend?" (Ist das Deine Frau oder Freundin?) Schnell sind Eva und ich verheiratet. Mal ein, mal zwei Jahre. Das wiederum wirft die Frage auf: „Wo sind die Kinder?" „Ach ja die Kinder! Wir haben noch keine!" Am Ende der Fragestunde an Mike will man noch wissen, ob man zu Eva auffahren darf und sie fotografieren oder fragen kann. Sagt Mike „Ja", ist es egal ob Eva will oder nicht, sagt Mike „Nein", so gilt sein Wort. Manch einer stiehlt sich an Mike vorbei und spricht Eva direkt an, ohne Fragen zu wollen. Macht Mike dann seinen „Anspruch" von hinten geltend ist die Sache schnell geklärt. Indien erscheint uns als eine Männerwelt, in der Frauen eines dicken Fells bedürfen. Vor allem wenn sie aus einem so gleichberechtigten und entwickelten Europa kommen.

In der Region zwischen Neu Delhi und Agra müssten wir nun berühmt sein. Ein jeder kennt unseren Namen, die Strecke, woher wir kommen und dass wir keine Kinder haben. Also nicht wundern, wenn jemand von Mike und Eva, den Kinderlosen aus Deutschland berichtet.

Die Natur kann uns leider nicht entzücken. Straßen voller Staub, Flüsse als natürliche Kanalisation und überall Plastikmüll. Am Ende einer Etappe sind wir mit einer Staubschicht von Kopf bis Fuß bedeckt.

Jedoch staunen wir über ganz andere Dinge und Gegebenheiten. Büffel, die neben der Straße in einem Tümpel geputzt und gestriegelt werden. Ein Mann, der auf eine Leiter steigt, die nirgends anlehnt, sondern von drei bis vier anderen einfach so in der Luft gehalten wird. Ein junger Vater, der seinen kleinen Sohn – vielleicht ein paar Monate alt, auf die Handfläche seines ausgestreckten Armes stellt und ihn für uns „tanzen" lässt, indem er ihn hochwirft und der Kleine dann lächelnd und steif wieder auf seiner Handfläche landet und steht. Frauen, die Körbe oder Bündel von Gras oder Holz auf dem Kopf transportieren. Im Gänsemarsch trotten sie die Straße entlang. Überhaupt arbeiten viele Frauen körperlich viel härter als wir das je in Europa gesehen haben. Sie scheinen hier die Schwerstarbeit zu übernehmen. Erst jetzt können wir uns annähernd vorstellen, wie weit wir uns in Sachen Gleichberechtigung schon entwickelt haben.

Wir sehen unzählige kleinere Tankstellen, Getränke- und Süßigkeitsstände, Fahrzeuge, die unser Verständnis von dem Begriff FAHRZEUG neu definieren, entlang unserer Route aus der Hauptstadt Richtung Agra. Sobald wir irgendwo anhalten, bildet sich eine Menschentraube um uns. Das macht die Pausen schlichtweg anstrengend. Die neugierigen Blicke und die ungewohnt nahe Distanz lassen uns nicht entspannen. So halten wir möglichst selten und wenn, dann vor allem um uns an einem Straßenstand von Cola und Chips zu ernähren. Cola gibt es hier tatsächlich an fast jeder Straßenkreuzung. Zuhause trinken wir das Zeug selten, hier aber sind wir förmlich verrückt nach dem koffeinhaltigen Süßgetränk. Unsere Körper scheinen total auf die süße Energie zu stehen.

Es ist unglaublich warm. Der Fahrtwind macht es ein wenig angenehmer. Wir haben vorab gelesen, dass wir uns in Indien Beine und Arme bedecken sollten, so wie es die Einheimischen tun. Also tragen wir beide lange Hosen und zeitweise auch langärmelige Shirts. Abgesehen von den Landessitten, ist das der beste Sonnenschutz. In Neu Delhi haben wir uns extra noch leichte lange Bekleidung gekauft. Bunte Hosen und Hemden, die unserer Vorstellung von indischer Mode entsprechen.

Die erste Nacht auf Tour ist alles andere als erholsam. Der Straßenlärm nimmt auch in der Nacht nicht ab. Es ist unglaublich, denn es wird, nachdem die Sonne längst untergegangen, ist fleißig weitergehupt. Eine einfache Hupe reicht hier vielen nicht aus. Es sind ganze Melodien, die noch in der Lautstärke variieren. Es fehlen Fensterscheiben zum Schallschutz im Zimmer. Dann ein Geräusch wie ein Schuss. Wundern tut es uns nicht. Menschen mit Schusswaffen haben wir hier schon des Öfteren gesehen. Später hören wir das noch öfter, es ist in der Regel nur der Knall eines platzenden Reifens.

Dann ein lauter Schlag im Zimmer. Im Dunkeln ist erst mal nichts zu sehen. Gut, die Tür ist noch zu. Kein Fremder im Zimmer. Das Bett steht noch gerade. Also weiterschlafen. Indien halt. Am Morgen finden wir ein Stück Decke, das sich in der Nacht auf den Weg zum Boden gemacht hat. Einen halben Meter entfernt vom Fußende des Bettes schlug es auf.

Der zweite Tag auf der Straße bricht an. Schon, nachdem wir die Räder bepackt haben, sind wir klatschnass. Beobachtet wurden wir natürlich von circa zehn Männern, die jeden Handgriff genau beobachten und öfters lachen mussten. Wir werden überhaupt ununterbrochen beobachtet, falls wir es noch nicht erwähnt haben. Wir fühlen uns wie Außerirdische. So oder ähnlich muss sich ein Schwarzer fühlen, wenn er durch ein Dorf in Bayern läuft.

Irgendwann gehen Evas Kräfte zu Ende und wir tun das, was wir schon gelernt haben. Ein TukTuk anhalten … Räder rauf, rein, hinten dran und uns dazu. Nein, das ist kein Problem – wirklich nicht – der Inder ist ein wahrer Verstauungskünstler! Am liebsten ohne Hilfsmittel – allein mit dem Prinzip der Schwerkraft und Ganesh-Beistand.

Wir nehmen vorne neben dem Fahrer Platz. Eigentlich ja ein Einmannsitz. Aber nicht in Indien. Da kann man auch zu dritt vorne sitzen. Es ist eng, aber wir sind happy, nicht mehr selbst zu strampeln. Der Fahrer ist anstrengend und redet viel in seiner Heimatsprache, ohne scheinbar zu merken, dass wir ihn gar nicht verstehen. Noch anstrengender ist nur sein Seitenspiegel. Der rutscht alle Minute nach unten und Eva darf ihn dann zurückbiegen. Das ganze über eine Stunde – dass hat etwas Meditatives.

Wir finden eine gute Unterkunft. Ein Zimmer mit Aircondition. Diesen kleinen Luxus am Abend nehmen wir gerne in Anspruch. Die Hitze hindert uns sonst beim Einschlafen. Doch geht die Aircondition, als wir sie am dringendsten brauchen einfach aus. Es kann nicht sein. Bezahlen wir hier etwa zu viel für was, was nicht funktioniert. Wir ahnen Böses, sind misstrauisch und sehen uns um ein paar Dollar betrogen. Nach langem hin und her wird wieder aufgestanden und nachgefragt. Irgendwo sitzt eine Art Hausmeister. Geduldig erklärt er uns immer wieder folgendes „when light on air condition on". Aha! Also wenn es hell wird bekommen wir wieder frische Luft? Die Anlage läuft nur wenn wir das Licht anschalten? Aber das geht gar nicht an … aha … bald geht uns ein biologisches Licht im Hirn auf. Stromausfall! Ach so was!

Erst später merken wir, dass es zu den allabendlichen Ritualen in Indien und in Nepal gehören soll, auf Strom zu verzichten. Die Leitungen sind überlastet, Strom teuer und nicht überall und ständig zu haben. Stadtviertel werden Zeitweise vom Netz genommen, um andere Viertel mit Strom bedienen zu können.

Abgerundet werden solche Erlebnisse durch den Spaß beim Feilschen ums Hotelzimmer. Erst lassen wir uns den Preis sagen, schauen uns dann das angebotene Zimmer an, um natürlich der Freude wegen, den Preis zu drücken. Nicht weil wir so geizig sind, nein vielmehr weil es in Indien dazugehört und einen riesigen Spaß macht. Ausgenommen davon sind Esswaren in jeglicher Form. Im Restaurant zahlen wir genauso viel wie die Einheimischen. Und wenn es doch mal mehr gewesen sein sollte, dann ist es uns nicht aufgefallen.

Die hiesigen Essensmanieren müssen wir anfangs noch lernen. Die linke Hand ist Tabu. Es ist die „schmutzige" Hand, mit welcher man sich nach dem Toilettengang säubert - natürlich ohne Toilettenpapier. Den Luxus des Toilettenpapiers kennt man in Indien nicht! Auch beim Bezahlen wird das Geld mit der rechten Hand rübergereicht. Die linke Hand bleibt außen vor. Es ist für uns eine große Umstellung auf diese kleinen, aber feinen Umstände zu achten.

Die Restaurants, die wir besuchen zählen sicher nicht zu den Gourmettempeln. Kleine Garküchen, die von jedem deutschen Lebensmittelkontrolleur schon beim Blick durch die Tür geschlossen werden würden. Genaues Hinschauen haben wir uns ganz schnell abgewöhnt. Dennoch ist das Essen ein Genuss für unsere Gaumen. Wenig Fleisch, frisches Gemüse und immer Nachschlag, wenn man noch was nachhaben möchte. Nur die Würze der Speisen war anfangs gewöhnungsbedürftig. Manchmal wissen wir nicht genau, ob die Schweißperlen auf der Stirn durch die Hitze oder das Essen herrührten.

Zum Essen gibt es immer Wasser. Wasser aus Krügen, die auf den Tischen platziert sind oder mit denen ein Angestellter durch die Garküche flitzt und den Gästen fröhlich nachschenkt. Bei den ersten Garküchen lehnen wir beim Wasser noch dankend ab. Wer weiß schon wie viele Bakterien sich darin tummeln, um Ausländern eine "flotte Nacht" oder einen „spaßigen Tag" zu bescheren. In jedem Reiseführer wird davor gewarnt das Wasser zu verköstigen. Nach und nach legen wir die Scheu ab. Manchmal gibt es schlichtweg keine Alternative. Zwar haben Cola und Co fast schon in jeden Winkel Einzug gehalten – aber halt nur fast. Außerdem trinken das Wasser die Inder auch. Und „flotte Nächte" und „spaßige Tage" lassen sich nun mal nicht vermeiden. Sie härten uns ab. Montezumas Rache bleibt aber auf der gesamten Reise ein stetiger Begleiter von uns.

Am dritten Tag seit dem Aufbruch aus Neu Delhi erreichen wir Agra. Die Stadt beherbergt das wohl bekannteste Wahrzeichen Indiens und zugleich eines der berühmtesten Gebäude der Welt. Das Taj Mahal. Der bengalische Dichter Rabindranath Tagore beschrieb es in dem Gedichte „Shāh-Jāhān", als „… eine Träne auf der Wange der Zeit, weiβ und glänzend hel l…" Seit 1983 zählt das Taj Mahal zu den UNESCO Weltkulturerben.

Als wir davor stehen, bleibt uns schlichtweg der Atem weg. Es hat einen „Wau-Effekt". Erhaben, schön, faszinierend, beindruckend, prächtig, einmalig! Es ist als ob wir in einem anderen Indien wären. Gepflegte Parkanlagen, scheinbar saubere Luft, Gehwege ohne Löcher in denen man Esel verschwinden lassen könnte und morgens sogar ein bisschen Ruhe bevor sich zum späten Vormittag die Parkanlage mit Menschen füllt. Wir als Ausländer zahlen gut zehnmal so viel Eintritt, wie die Einheimischen, bekommen dafür aber auch eine Flasche Wasser. In Indien und Nepal war es mehr die Regel als die Ausnahme, dass der Ausländer ein Vielfaches an Eintrittsgelder zahlt als der Einheimische.

Erbaut wurde das Taj Mahal im 16. Jahrhundert vom Großmogul Jahan für dessen Lieblingsfrau, welche bei der Geburt des 14. Kindes verstarb. So ist das Taj noch heute bei zahlreichen indischen Paaren beliebt. Soll es doch die Liebe dauerhaft festigen. Bis heute ist nicht einwandfrei geklärt, ob der Großmogul sich auf der anderen Seite des Flusses Yamuna eine eigene Grabmoschee bauen lassen wollte. Laut einer Legende sollte diese aus schwarzem Marmor errichtet werden. Dazu kam es aber nicht mehr. Jahan wurde von seinem eigenen Sohn entmachtet und verbrachtet den Rest seines Lebens als Gefangener. 1666 wurde er neben seiner Gattin beigesetzt.

Das Taj Mahal passt so gar nicht zu dem Städtchen Agra zu dem es gehört. Während das Taj ein Ort der Sauberkeit ist, versinkt Agra im Dreck und Staub. Eine Infrastruktur scheint nicht vorhanden zu sein. Kaum fängt es an zu regnen, werden die Straßen zu Flüssen. Aller Dreck der sich darauf befindet, treibt flussabwärts. Wir versuchen ein trockenes Plätzchen zu erhaschen, um das Treiben zu beobachten. Bei einem Stoffhändler dürfen wir uns unterstellen. Wir schenken anderen Touristen, die ebenfalls im Trockenen sitzen, ein Lächeln. Und sie lächeln zurück. Wir sind froh, dass wir jetzt nicht durchs Wasser stapfen müssen. In der Brühe würde sich unsere Haut mit großer Wahrscheinlichkeit auflösen oder bald von Pickeln übersäht sein. Wir sind uns ganz sicher! Mit Sicherheit weiß das der Stoffhändler auch, der die Gelegenheit nutzt, seine Ware feil zu bieten. Immer mit der genauen Gewissheit dass draußen Grausiges auf uns warten würde – bestimmt.

In Agra sehen wir zum ersten Mal, wie Tiere auf offener Straße geschlachtet, zerlegt und dann verkauft werden. Ganz ohne jegliche Kühlung, wie wir dies aus Deutschland kennen, liegt das Fleisch zum Verkauf bereit. Frischware direkt vom Erzeuger. Voll und ganz biologisch, ohne Verpackung mit Schutzgas.

Der Dreck in Agra und die Menschenmengen, Tag ein Tag aus, werden uns zu viel. Auf der gesamten Strecke von Neu Delhi nach Agra, waren wir immer umgeben von Menschen. Wir können nicht mehr! Kein Reiseführer, keine Reisedokumentation, kein Video, konnte uns auf das Indien vorbereiten, welches wir hier vorfanden. Die Menschenmassen, der allgegenwärtige Müll, das ständige beobachtet werden, all das macht uns erheblich zu schaffen.

Ein bisschen Ruhe würde uns gut tun. Eva sitzt in Tränen aufgelöst im Hotelzimmer. Sie kann nicht mehr und will nicht mehr. Es ist alles zu viel – nicht nur für Sie! Wir diskutieren unser weiteres Vorgehen. Brechen wir ab und fliegen zurück ins Abendland oder machen wir weiter. Doch wie? Lange diskutieren wir hin und her. Was ist am besten für uns jetzt. Auf allen bisherigen Reisen waren wir schnell in der Natur. Hatten Ruhe, wundervolle Landschaften, sauber Luft, ordentlichen Verkehr. Was nun?

Wir entscheiden uns für eine Fahrt ins circa 800 Kilometer entfernte, nördlich gelegene Nainital. Vom Hotel aus buchen wir ein Taxi. Völlig überteuert, aber es ist uns egal und der einzige Weg für uns hier und jetzt. Wir möchten nur raus hier und sehnen uns nach etwas mehr Ruhe. Die versprechen wir uns im Norden. Die Räder werden auf dem Autodach des kleinen Tata verstaut und los geht es. Es sollte ein 12-stündiger Höhlenritt werden.

In Agra fährt unser Fahrer noch recht ruhig. Typisch indisch. Aufkommende Lücken werden gefüllt. Zur Hindi-Musik geht es auf die staubige Landstraße. Schlaglöchern versucht er gekonnt auszuweichen. Nicht immer mit Erfolg. Wir werden im Auto hin- und hergerüttelt. Grundsätzlich überholt unser Fahrer gerne, in für uns scheinbar unübersichtlichen Situationen: vor und in Kurven, an Bergkuppen, an schlecht einsehbaren Straßenkreuzungen. Steht ein Huhn, Schwein oder Hund auf der Straße bremst er kurz an, um dann aber schlussendlich doch drauf zu halten. Ein zwei mal tut es einen kleinen Schlag. Wir trauen uns nicht uns umzudrehen, um zu schauen … Ganesh wird es schon regeln!

Das einzige Lebewesen, das auf der Straße dick und breit dastehen und dösen darf, ist die Kuh! Mittendrin zu sein, das liebt sie! Nein, nicht nebenan im Grünen – sie möchte uns eine biologische Verkehrsinsel sein. Hier macht sogar unser Fahrer einige Ausnahmen und versucht nicht, eine davon zu rammen. Bei Hunden, Hühnern oder Ziegen egal, aber der Kuh muss ausgewichen werden.

An Bahnübergängen finden sich kleine Erhebungen, um den fließenden Verkehr abzubremsen. Auch hier legt unser Fahrer sportliche Bremsmanöver hin, um gekonnt darüber zu huschen. Ohne die Dämpfung zu stark in Anspruch zu nehmen und um wenig an Tempo zu verlieren. Ein Versuch, der einfach nie funktionieren kann.

Nur einmal verkalkuliert er sich mit dem Bremsweg, Geschwindigkeit und Entfernung zum Ziel. Im letzten Augenblick bekommen wir noch die Kurve über den Übergang. Es tut einen gewaltigen Schlag. Wäre es mein altes Auto aus Deutschland, es wäre sicher in seine Einzelteile zerfallen. Vom Zorn der Beifahrerin gar zu schweigen. Aber hier – Indien!

Der Schreck über dieses Manöver sitzt uns erstaunlicherweise allen in den Knochen. Unser Fahrer hält an und geht ums Auto, um zu schauen, ob irgendwelche Schäden zu erkennen sind. Mike wird das Gefühl nicht los, dass sich die Bodenplatte hinten etwas angehoben hat. Für einen kurzen scheinbaren Augenblick hält unser Fahrer inne und fährt etwas ruhiger. Aber nur für einen kurzen scheinbaren Augenblick, um sich nach kurzer Zeit an sein Hinduleben zu erinnern und wieder Vollgas zugeben.

Die meisten Hindus gehen von dem Samsara aus. Dem ewigen Kreislauf zwischen Leben und Tod. Das jetzige Leben wird so akzeptiert wie es ist. Im nächsten ist die Chance groß, ein besseres zu erwischen, in der Leiter eine Sprosse nach oben zu steigen. Sie glauben an die Reinkarnation des Individuums.

Wir überlegen, wie man ihm erklären kann, dass wir aus dem christlichen Abendland kommen und der Gott, dem die Menschen in unseren Breitengraden preisen nur von diesem einen, doch so wundervollen Leben ausgeht. Es gelingt uns nicht.

Nicht, dass wir an das Märchen von irgendeiner Religion glauben, in der uns ein Gott da oben den Weg leitet, uns Leben schenkt oder in genau diesem Augenblick hier in diesem Taxi unsere Geduld auf die Probe stellt. Nein, das glauben wir nicht. Aber beim Thema Religion hat jeder seinen eigenen persönlichen Hintergrund, seine eigenen Ansichten. Der Mensch wächst in einer bestimmten Region auf, in der das Christentum, der Islam, der Buddhismus, der Hinduismus, der Jainismus, Eckankar, der Mandäer oder Lingbao Pai und andere die Geschichte geprägt haben.

Unterhalten wir uns mit den Menschen über Politik, Umweltschutz, gleichgeschlechtliche Beziehungen, über Mercedes contra BMW, über Demokratie oder Einparteiensystem, so zählt das Gewicht der Argumente und der Wille, auf die Argumente des anderen einzugehen. Es entsteht eine Diskussion mit einem Austausch an Standpunkten, Wissenswertes, Meinungen und Vorstellungen. Die man wiederum annehmen oder ablehnen kann. Beim Thema Religion scheint ein universeller Anspruch flöten zu gehen.

Als Reisender begegnet man außerhalb Europas zahlreichen weiteren Gottheiten, die Teils den Anspruch der alleinigen Schöpfung oder der Existenz erheben. Es ist also voll im Himmel mit Göttern, die um die Macht kämpfen. Die alle behaupten, uns erschaffen zu haben. Viele davon erheben den mahnenden Finger und drohen bei Nichtbeachtung der Regeln mit dem Fegefeuer, ewiger Verdammnis oder sonstigen Höhlenqualen. Keine dieser Gottheiten wirklich zu preisen, befreit uns von dieser Last der Regeln. Es gibt uns die Freiheit, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, ohne die Möglichkeit, einen anderen dafür die Schuld zu geben oder unseren Lebensweg religiös in Frage stellen zu müssen. Wir sind die Herren unserer Selbst, die neue Werte entdecken, annehmen oder ablehnen können. Die frei sind von Zwängen und religiösen Lebensvorstellungen. Und jetzt wo das „Gott" verdammte Higgs Teilchen im Forschungszentrums Cern, in der Schweiz entdeckt wurde, hoffen wir sowieso auf eine komplette Erklärung der Entstehung unseres Universums. Damit wäre die Entstehungsgeschichte des Universums wissenschaftlich erklärt. Es wäre vorbei mit dem Religionsmärchen dieser Welt. Eigentlich.

Doch zurück zum Taxifahrer. Richtig spannend wird es für uns, als die Dämmerung hereinbricht. Vielleicht gibt es Vorschriften in Indien, dass man in der Nacht sein Licht anmachen soll. Vielleicht auch nicht! Wer ein Licht am Auto zur Verfügung hat, der macht an, was nur geht. Am liebsten natürlich das Fernlicht. Manche LKWs oder Eselskarren haben aber keinen Funken Beleuchtung. Für uns bleibt es unerklärlich, wie unser Fahrer, all diese dunklen Gefährte erblicken konnte. Manchmal entdeckt er sie aber genauso spät wie wir und zeigt uns dabei wieder, was für ein toller Fahrer er sein kann. Dass er manche Fahrzeuge erst spät sieht, liegt sicher ein bisschen daran, dass er nun schon seit gut acht Stunden am Steuer sitzt. Nur einmal haben wir angehalten, weil Eva auf Toilette musste. Nach gut 12 Stunden Fahrt erreichen wir das Nainital.

Völlig erschöpft laden wir alles aus dem Auto aus. Dass wir eine Packtasche mit all den Wertgegenständen von Mike im Auto haben liegen lassen, merken wir nicht. Nach 20 Minuten steht der Taxifahrer wieder vor unserer Tür und überreicht uns die vergessene Packtasche. Natürlich darf er dafür auch nochmal ein Trinkgeld einfordern, welches wir ihm gerne überreichen.

Der Verlust der Tasche wäre ein herber Rückschlag für uns gewesen. Es befanden sich ein Teil der Fotoausrüstung, der Reisepass, 500 US Dollar und das Reisetagebuch in der Packtasche. Was für ein Glück, dass die Inder ehrliche Menschen sind.

Im Nainital kommen wir ein bisschen zur Ruhe. Die Menschenmassen sind nicht mehr so extrem, wie auf der Strecke von Neu Delhi nach Agra. Die frische Luft tut unseren Atemwegen gut. Kaum Staub, kaum Gehupe, wenig Dreck am Wegesrand. Wir genießen ein paar Tage Ruhe auf 2.000 Höhenmetern und lauschen 5-mal am Tag dem Muezzin bei seinen Gebetsgesängen. Es sollte der schönste Muezzin-Gesang auf dieser Reise bleiben.

Erst nachdem wir Indien verlassen hatten, wurden wir uns über die Faszination des Landes bewusst. Indien ist ein Land der Vielfalt – wenn sich der erste Schock einmal gelegt hat.

Ferneseher

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