Читать книгу Menschenversuch - Monika Landau - Страница 8
CHAOS, SCHÖPFUNG, LIEBE
ОглавлениеAlpha füllte allein sich und die dunkle Welt aus. Omnipotent vereinigte sie in sich Alles und Nichts, Anfang und Ende, Licht und Dunkelheit. Zeit und Raum, Energie und Materie existierten noch nicht, nur Alpha. Einsam strömte sie durch sich selbst, doch dies Ineinander von Allwissenheit und Ewigkeit befriedigte sie schon lange nicht mehr. So erwog sie neue, unbekannte Initiativen. Zunächst versuchte sie zaghaft Gefühle aufzuspüren, denn Leid, Freude, Liebe, Hass, Wonne und Schmerz hatte sie noch nicht erfahren. In ihr erwachte Forscherdrang. Zug um Zug entfaltete sie den Fächer des realen und geistigen Empfindens. Immer mehr verließ sie den Zustand bloßen Seins.
So begann sie, in ihrer Geisteswelt mit Experimenten. Schon recht einfache Erfolge, wie beispielsweise das Denken der Schwerkraft oder der Hebelgesetze befriedigten sie zutiefst. Mit göttlicher Akribie und Leidenschaft ging sie daran, ihr Werk zu vervollkommnen. Sie erdachte Gesetze der Chemie, der Physik und der Biologie bis ins winzigste Detail. Immer wieder spielte sie die neuen Gesetze unendlichfach durch, prüfte sie, verglich sie auf ihre Wechselwirkungen untereinander. In ihrer besessenen Reflexion entstand ein perfektes Gebäude theoretischer Existenz neben ihrem Geist. In diesem Kraftpunkt, der im Vakuum des Nichts ruhte, hatte sie alles angelegt: die Elemente und ihre Verbindungen, die Quellen des Lebens, die Staubpartikel wie das gesamte Universum. Stille umgab Alpha und ihre Schöpfung.
Alpha war von nun an nicht mehr allein. Neben und in ihr existierte das Ergebnis ihrer schöpferischen Kraft, freilich noch unfassbar. Intellektuell begriff sie ihre Schöpfung, ließ nicht mehr von ihr ab, war unruhig. Fasziniert blätterte sie immer intensiver in den von ihr erdachten Gesetzen, ließ Fragmente vor ihrem geistigen Auge auftauchen und wieder verschwinden, experimentierte fleißig, genoss die erfolgreichen theoretischen Spiele. Sie, die bislang nur an Einsamkeit gewöhnt war, fühlte sich bereichert, obwohl alles aus ihr selbst entsprang. Fast unmerklich wuchs ein Gefühl in ihr, nahm sie zunehmend in Besitz: die Allmächtige verliebte sich in ihre Schöpfung, in diesen winzigen Punkt des Universums, vollgestopft mit göttlicher Erkenntnis und Energie. Sie liebkoste und behütete ihn, ließ ihn nicht mehr aus dem Sinn. Forscherdrang und andere Gefühle spielten keine Rolle mehr. Blind erlag sie dieser Liebe zu ihrem Kind.
Da in ihrer Schöpfung auch die Grundlagen des Lebens angelegt waren, hätte sie eigentlich erkennen müssen, dass sich Leben nicht festlegen lässt und einen unzähmbaren Drang zur Freiheit entwickelt. Von abgöttischer Liebe erdrückt, strebte das Geliebte nach Emanzipation. Alpha musste im Stolz ihres Schaffens, einen Moment unachtsam gewesen sein. Dieser winzige, nicht vorausgesehene Fehler sollte Folgen haben. Denn je erobernder sie ihr Werk umschlang, desto deutlicher bauten sich Spannungen im Urpunkt auf. Aber sie vernahm den stillen Schrei nach Freiheit nicht. Zu sehr war sie auf sich selbst fixiert. So wurde sie schließlich, geblendet und zu spät, vom Beben des Energiefeldes überrascht, ohnmächtig einzugreifen. Unendliche Energiemengen platzten ins Nichts, drifteten nach Außen, verließen den Zustand höchster Symmetrie. Im Getöse des Urknalls bildete sich im physikalischen Vakuum in einer Kette von Zyklen der Selbstorganisation in wenigen Minuten zunächst das Urplasma, ein Zeit-Raum-Schaum.
Die Expansion der Metagalaxis war eingeleitet. Dann, beim Verlassen des Vakuums, strömte Gas, die Urmaterie, durch die Metagalaxis. Unaufhaltsam blähte sich die Urblase auf, Zeit- und Raumsymmetrie wurden nacheinander gebrochen, die Urmaterie strukturierte sich in Galaxien, einem Zeitpfeil folgend. Der von homogener Strahlung ausgefüllte Kosmos war geboren. Blitzartig hatte sich die Materie in Existenz geschleudert, expandierte, ausgestattet mit der Fähigkeit zur Erneuerung, mit kreativen Potenzen. Das Weltall war ausgefüllt mit Materie und Energie, aber noch ohne Leben geboren.
Fassungslos erstarrt nahm Alpha diesen Urschrei der Materie in sich auf. Es dauerte Milliarden Jahre, bis Alpha sich von diesem Schreck einigermaßen erholte, wieder andere Gedanken zuließ. Bis dahin fremde Gefühle breiteten sich in ihr aus: Angst, Wut und Hass brodelten in ihr, kämpften einen unerbittlichen Krieg mit der Liebe, der nie zu enden schien. Und wieder vergingen Äonen, bis Alpha ihre Gefühle kontrollieren konnte. Die Liebe hatte zwar triumphiert, aber Angst, Wut und Hass waren nicht endgültig besiegt, sondern lauerten in den Nischen ihres Bewusstseins auf einen Ausbruch. Traurig ließ sich Alpha durch das Universum treiben, begann vorsichtig zu überlegen, wie der vertraute Urzustand rekonstruiert werden könnte.
Mit der gleichen Verbissenheit wie einst, ging sie ans Werk, ihre Schöpfung auf sich selbst zurückzuführen. In allen Dimensionen versuchte sie krampfhaft, die universale Explosion in Implosion umzukehren. Sie raste an die Grenzen von Raum und Zeit, begann ganze Galaxien einzusammeln, legte Materiefallen in Form schwarzer Löcher aus. Nichts half. Im Zentrum investierte Energie fehlte an der Peripherie des Universums und umgekehrt.
Mit dieser Sisyphusarbeit verbrachte Alpha einige Milliarden Jahre, bevor sich Zeichen von Erschöpfung einschlichen: fast all ihre Energie war aufgebraucht. Gezeichnet vom erfolglosen Versuch, ihre Liebe zurückzuerobern, musste sie sich eine Ruhepause gönnen, ihren schöpferischen Akkumulator auffüllen. Ihre letzten Kräfte mobilisierend, zog sie sich aus der Weite des Kosmos zurück, sammelte sich am Rande einer Milchstraße. Da fiel ihr ein kleines Gestirn in dieser Galaxie auf, bläulich-weiß schimmernd, mit braunen Flecken, umgeben von geheimnisvollem Licht. Dieser wundersame Planet zog sie an. Sie war nicht enttäuscht, als sie den Himmelskörper erreichte. Feuchte Wärme strömte ihr entgegen, machte sie noch schläfriger als zuvor. Sie entschloss sich, hier auszuruhen, legte sich wie eine zweite Haut um die Gashülle des Gestirns und vergaß Chaos und Kosmos.
In Alphas allumfassenden Augen spiegelten sich Meere und Berge, Eiskappen und Urwälder, aber auch Ansammlungen für sie seltsamer Kästen. Wie im Traum – vielleicht war es schon ein Traum? – konzentrierte sich ihr Blick auf eine solche Ansammlung, durchdrang den nebligen Rauch und bemerkte zahllose, mechanisch sich auf grauen Bändern fortbewegende Gestalten ohne Glieder, von denen offenbar dieser Dunst ausging. Und sie sah andere Wesen, die auf zwei Beinen gingen und in Kästen verschwanden. Die undurchschaubaren Bewegungen ermüdeten sie endlich so sehr, dass sie einschlief.