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Editorial
ОглавлениеEs ist eine große Ehre, wenn man gebeten wird, ein Editorial zu schreiben. Allerdings sollte man sich nicht zu früh freuen, vor allem dann nicht, wenn einem diese Ehre erstmals am Abend seiner Journalisten-Laufbahn zuteil wird.
Denn das heißt: Man ist bisher nicht als Spezialist für Editorials aufgefallen. Also muss es das Thema des Buches sein, für das man plötzlich als Editorialist auserkoren wird. Denn der soll ja die Leser einführen in die Materie – und das kann er ja nur, wenn er sich darin auskennt.
Nun kann sich ein jeder ausrechnen, was es heißt, wenn man der Auserwählte wird für das Editorial eines Buches zum Thema „Kneipen in Osnabrück“. Wer ein bisschen wachsam ist, lehnt ein solches Angebot ab, bevor es seine rufschädigende Wirkung entfalten kann.
Mir ist es leider erst eingefallen, besser nicht über das Thema zu schreiben, als ich bereits angefangen hatte, darüber nachzudenken, was ich in diesem Editorial am besten schreiben könnte. Jetzt ist die dialektische Falle zugeschnappt: Ich schreibe, also bin ich. Ein Kneipen-Onkel.
Bin ich aber gar nicht. Und Sie, der das Buch zum Geburtstag bekommen hat, ja auch nicht – Sie lesen es ja nur aus akademischem Interesse an der Kneipenkultur. Und Sie? Ach ja, Sie haben das Buch gekauft, weil sie Osnabrugensien sammeln. Klar, verstehe…
Und Sie, Sie kennen den Autor, Sie haben sich ganz was anderes darunter vorgestellt, und Sie wollen es einem Kollegen schenken, der gern in die Kneipe geht. Ja, ja…
Sie kennen die Fragebögen, die Prominente ausfüllen? Sie kennen die Umfragen von Freizeit-Forschungs-Instituten? Nirgendwo steht da: Mein Hobby – in die Kneipe gehen. Kein Spitzenplatz für die Freizeitbeschäftigung: Mit anderen Menschen rumsitzen und Bierchen trinken. Nichts. Unterhalb der soziologischen Wahrnehmungsschwelle. Nicht vorhanden.
Ich frage mich immer: Was sind das dann für Menschen, die überall in Kneipen sitzen und ihr Leben verschwenden? Vielleicht ist es dasselbe Phänomen wie früher mit Denver oder Dallas und heute mit dem Dschungel-Camp: Keiner guckt es, aber die Einschaltquoten liegen jenseits von fünf Millionen.
Schämen wir uns des ganz normalen, zweckfreien Kneipenbesuchs?
Und wenn schon. Kann man ja ein Pils drauf trinken, und schon sieht die Welt ganz anders aus. Und, guck mal da, er nun wieder – es ist immer einer/eine da, der/die mehr getrunken hat und öfter in der Kneipe ist als man selbst: „Immer wenn ich mal hier bin, steht der da an der Theke – jedes Mal. Unglaublich, oder?“
Vielleicht trägt dieses Buch ja dazu bei, den Besuch von Kneipen vom Stigma des liederlichen, sinnfreien Müßiggangs zu befreien. Muss es aber nicht. Denn genau darum geht es ja, wenn man in die Kneipe geht.
Ich habe an mir selbst beobachtet (gute Editorialisten beobachten sich immer selbst), dass ich in fremden Städten oder Ländern besonders gern in Kneipen gehe. Ich weiß, was mich erwartet, aber ich weiß nicht, was mich genau erwartet.
Es wird manches vertraut sein, aber anderes völlig neu. Man tritt nicht ins völlig Ungewisse, aber es ist trotzdem spannend. Empathische Kneipengänger spüren auf Anhieb, wenn sie ein neues Lokal betreten, ob es ein langer, schöner Abend wird. Das kann man nicht lernen, und wenn, dann von meinem Freund Alfons Batke.
Mit ihm betrat ich einst ein Lokal in Dunedin/Neuseeland, um nach dem Weg zu einer nahe liegenden Sehenswürdigkeit zu fragen, die wir nie zu sehen bekamen. Vielleicht, weil wir ihrer nicht würdig waren, denn wir verbrachten einen unvergesslichen Abend (gut, ein bisschen Nacht war auch dabei) mit ein paar Einheimischen und einem Wirt namens Keith J. Mangos.
Am nächsten Morgen sagte Alfons: „Als wir in den Laden kamen, wusste ich nach fünf Minuten, dass wir uns für den Abend nichts mehr vornehmen mussten.“ Er stand noch lange in Kontakt mit jenem Mr. Mangos.
Ich kann mich an die Namen „meiner“ Wirte erinnern wie an die meiner Lehrer. Vielleicht ist das ein Zeichen. Hans Meister unterwies uns junge Wilde vom Jeggener Weg in der Carlsburg in der Kunst des Knobelns, eine der Zivilisationstechniken, die man wie Skat oder Billard nur in der Kneipe lernen kann.
Die Kunst des Knobelns gehört zu den Zivilisationstechniken, die man wie Skat oder Billard nur in der Kneipe lernen kann. (Thomas Osterfeld)
Er war ein Rheinländer von stämmigem Format, er rauchte Roth-Händle („Wenn schon, denn schon“), und wenn er seine Position von hinter dem Tresen änderte in seitlich vom Tresen, wussten alle: Jetzt ist er Wirt und Gast in einer Doppelrolle.
Es sind die Wirte, die den Kneipen eine Seele geben. Will keiner hören, ist aber so. „Bestell lieber noch ´ne Rutsche und lass das Gequatsche“, hätte Willy Welling in der Gaststätte seines Namens gesagt, wenn man so dahergeredet hätte.
Aber es stimmt. Die Lokale, an die ich mich erinnere, hatten einen Wirt, an den ich mich erinnere. Hans im alten Schinkelaner, der alte Herr Boßmeyer in der Rosenburg oder der Rock ´n´ Roller in der Laterne an der Schützenstraße, wo die Musikbox nur mit Elvis und Co. befüllt war.
Und natürlich Helmut Rupp, der erste Wirt der Altstadt, der die jungen Leute mochte und sie gern um sich hatte. Im Deutschen Haus, einer Altväter-Kneipe mit stark schrumpfendem Kundenkreis, die er mit der Übernahme in eine der ersten brummenden Junge-Leute-Lokale Osnabrücks verwandelte. Gegenüber, in der Peitsche, flog man noch raus, wenn die Haare zu lang waren.
Bei Helmut war man willkommen, deshalb kamen so viele und standen oft mit den Gläsern in der Hand vor dem überfüllten Lokal. Helmut und seine Helfer reichten die Frischgezapften durch das Fenster nach draußen. Outdoor-Gastronomie Anfang der Siebzigerjahre.
Wenn Helmut gut gelaunt war (und das war er oft), kam er an den Tisch und stellte einen gut gefüllten Stiefel auf den Tisch und sagte nur: „Prost!“ Er war ein verrückter Hund, und wir haben ihn geliebt. Ich sehe ihn noch heute vor mir, hinter dem Tresen, verschwitzt, im weißen Hemd, schnell das Bier zapfend und sich zwischendurch die lange Strähne schwarzen Haares aus der Stirn wischend.
Um die Wirte (und Wirtinnen) kreisen auch viele der Geschichten von Thomas Wübker, die in diesem Buch gesammelt sind. Es sind Geschichten von den kleinen Kneipen in unseren Straßen, von den öffentlichen Wohnzimmern in jedem Viertel, von den Oasen in der Einsamkeit der Großstädte…
„Erzähl nich‘ so ‘n Tinneff – gib lieber mal ein‘ aus.“ Recht haste. Mach mal noch einen klar, Chef. Ich bin sicher, Sie werden die in diesem Buch beschriebenen Kneipen erkennen, auch wenn Sie sie noch nie betreten haben.
Und auch die Menschen, die in den liebevollen Kneipenporträts von Thomas Wübker auftauchen, werden Ihnen vertraut sein – irgendwie.
Mir ist es jedenfalls so gegangen, denn ich habe die Serie, deren Stücke die Grundlage für die aktualisierten Kapitel in diesem Buch war, mit großer Freude gelesen. Weil ich das einmal an der falschen Stelle gesagt und den Vorschlag gemacht habe, dass man daraus doch ein hübsches Buch machen könnte, bin ich in der Editorial-Falle gelandet.
Na ja, jetzt ist es ja bald geschafft. Obwohl: Ein paar kulturpessimistische Töne gehören eigentlich immer in ein Editorial. Etwas Nachdenkliches, das auch dem leichtesten Thema intellektuelle Schwere verleiht.
Natürlich könnte ich jetzt das Klagelied anstimmen, dass die Kneipenkultur stirbt, dass die seelenlosen Franchise-Ketten das Ende der gemütlichen, urigen, einzigartigen Kneipe längst eingeläutet haben, und vor allem, dass die Menschen lieber zu Hause bleiben.
Und wenn schon: Es gibt sie noch, die guten Kneipen. Ich postuliere hiermit: Es wird sie immer geben, solange es Menschen gibt. Ich darf das, weil ich die Macht des Editorials wie ein gut gezapftes Pils in den Händen halte.
Jetzt wird es aber Zeit, dass was in die Gläser kommt. Das Editorial haben Sie überstanden, jetzt beginnt die Osnabrücker Kneipentour. Viel Spaß – und lassen Sie sich ruhig mal auf den einen oder anderen Ortstermin ein. Es lohnt sich.
PS: Thomas, da fällt mir ein: Mir sind bei diesem Editorial so viele Lokale aus alten Zeiten eingefallen – was hältst Du von einem neuen Buch: „Wenn der Zapfhahn hochgedreht wird: Die verschwundenen Kneipen Osnabrücks.“
Lass uns mal darüber sprechen – Du bestimmst das Lokal, ich übernehme den Deckel. Einverstanden?
Harald Pistorius, im April 2016
Anmerkung: Hiermit versichere ich, dass das vorliegende Editorial nicht unter dem Einfluss von Alkohol entstanden ist, auch wenn es sich stellenweise so liest.