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Von politischen Reden in Bier-Burgen und Lohntüten-Tagen in Arbeiterkneipen
ОглавлениеOsnabrück. Carsten Niemeyer ist eine ergiebige Quelle Osnabrücker Kneipengeschichte. Bei dem Thema sprudelt es aus ihm heraus wie frisches Bier aus einem Zapfhahn. Die Rosenburg, die Carlsburg, die Musenburg: Der 39-jährige Fremdenführer von „ZeitSeeing“ zählt die Namen von Kneipen auf, die im 19. Jahrhundert den Osnabrücker Kneipengürtel bildeten.
Zum Wohle: Fremdenführer Carsten Niemeyer ist eine sprudelnde Quelle, wenn es um die Kneipen-Geschichte Osnabrücks geht. (Elvira Parton)
Kneipen und Gaststätten waren von jeher Treffpunkte für Menschen unterschiedlicher Herkunft. Schon zu Urgroßvaters Zeiten wollten die Osnabrücker dort nicht nur ihren Durst löschen. Sie suchten vor allem Amüsement und Geselligkeit. Dies hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht geändert. Am Beispiel der Blankenburg erklärt Carsten Niemeyer, warum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts außerhalb der Stadtmauern plötzlich eine Burg nach der anderen erblühte: „Die Blankenburg war früher der Hof Blankenmeier in Hellern. Die Umbenennung in Blankenburg klang einfach besser.“
Der Fabrikant Goesling hatte das Gelände gekauft und dort ein Vergnügungslokal errichtet, so Niemeyer. Goesling konnte die Blankenburg mit eigenen Erzeugnissen beliefern: Er fabrizierte Branntwein. Der Unternehmer und sein direkter Konkurrent Roth waren übrigens die ersten Fabrikanten in Osnabrück, die Dampfmaschinen in ihren Betrieben einsetzten, wie Rolf Spilker in seinem Kapitel „Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs“ in der Osnabrücker Chronik von 2006 schreibt. Spilker folgert daraus, dass die Schnapsproduktion in Osnabrück Mitte des 19. Jahrhunderts äußerst lukrativ gewesen sein muss.
Die Bauern in der unmittelbaren Umgebung hatten durch die Einrichtung von Tanzlokalen oder Gaststätten eine Möglichkeit entdeckt, Geld zu verdienen. Also wurden die Huxmühle in Voxtrup oder Knollmeyers Mühle und der Schmied im Hone in Haste zweckentfremdet. Mit dem Haller Willem wurde der Radius ab 1855 sogar erweitert. „Es galt als unschicklich, in der Stadt zu trinken“, erzählt Carsten Niemeyer.
Doch es gab noch einen anderen Grund, warum die Osnabrücker das Weite suchten: „In der Stadt wurde nur Kräuterbier verkauft.“ Das gute Bier nach Mindener Brauart durfte nur außerhalb der Stadtgrenzen ausgeschenkt werden. Da die Osnabrücker Braumeister nicht an Hopfen kamen, verwendeten sie Kräuter. So wollten sie den Hopfen imitieren, sagt Niemeyer. Es ging wohl auch um Steuereinnahmen. Der Magistrat der Stadt baute die Kräuter an.
Auf dem Land war zudem nicht nur die Luft frisch, auch die Gedanken waren dort frei. „In den Kneipen traf sich die politische Elite der Stadt“, sagt Niemeyer. Vor den Toren Osnabrücks trauten sich die Leute, das „wahre Wort“ zu sprechen. Innerhalb der Stadtmauern fürchteten die Osnabrücker die Spione des Königs, die angeblich in den Kneipen unterwegs waren, um dem Volk aufs Maul zu schauen.
Das Zechen in der Stadt wurde den Osnabrückern auch aus anderen Gründen vergällt. Mit dem Aufkommen der Industrie erlangten zwar viele Arbeiter einen bescheidenen Wohlstand, ihre Lebensbedingungen waren jedoch alles andere als sonnig. Viele Arbeiter versuchten, sich die armseligen Verhältnisse schönzutrinken. Insbesondere Branntwein soll in der arbeitenden Klasse großen Absatz gefunden haben.
Das fand bei der herrschenden Klasse wenig Anklang. Der Verein gegen Völlerei und der Mäßigkeitsverein wetterten gegen den Genuss von Alkohol. Johann Carl Bertram Stüve, der berühmte Jurist, Historiker, Politiker und Bürgermeister Osnabrücks, sah in der Arbeiterschaft die Wurzel allen Übels. In den von ihm betreuten „Osnabrücker Blätter gegen Branntewein und Berauschung“ stand zu lesen: „Zwei Dinge sind es, daran das Volk zu Grunde geht: Branntwein und Unzucht!“ Die Herren brandmarkten auch die Industriellen, die den Schnaps als Teil des Lohns auszahlten. Die Sozialdemokraten sahen im Alkoholmissbrauch ebenfalls ein Übel, wie der Schriftsteller M. R. Stern 1899 schrieb: „Ein nüchternes, klassenbewußtes Proletariat: Das ist es, was die Gegner fürchten.“
Rolf Spilker, der heute das Museum Industriekultur leitet, schreibt in der Osnabrücker Chronik, dass die Gegner des Schnapses erfolgreich waren. Im Osnabrücker Stahlwerk sei der Konsum von Branntwein einer Verabreichung von Bier gewichen. Spilker führt weiter aus, dass die am Westerberg ansässige Osnabrücker Aktienbrauerei jahrzehntelang das Städtische Krankenhaus mit Bier versorgte: Es wurde als „Stärkungsmittel“ betrachtet.
Carsten Niemeyer sagt, im 19. Jahrhundert habe es 17 Brauereien in Osnabrück gegeben. 1860 haben sich dann zwölf Brauer zusammengetan und die Osnabrücker Aktienbrauerei (OAB) gegründet. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts sei sie Monopolistin in Osnabrück gewesen.
Die Brauereien fanden im 19. Jahrhundert zahlreiche Abnehmer. Im Zuge der Industrialisierung sei es zu einem rasanten Wachstum der Kneipen in Osnabrück gekommen, so Niemeyer. Insbesondere in Schinkel in der Nähe von Klöckner oder OKW seien sie wie Pilze aus dem Boden geschossen. „Solche Arbeiterkneipen haben sich sehr lange gehalten“, sagt Niemeyer. Mit der Einführung des Girokontos habe jedoch das Kneipensterben begonnen, sagt er. „Dann konnten die Männer nicht mehr mit ihren Lohntüten zur Theke gehen.“
Einer, der diese „goldenen Zeiten“ noch miterlebt hat, ist Detlef Jürgens. „Zu Lohntüten-Zeiten war die Kneipe nachmittags immer voll.“ Sein Vater Paul betrieb von 1968 bis 1974 an der Buerschen Straße die „Bürgerklause“. „Stahlwerk, VfL – da war immer was los“, erinnert sich der 49-jährige Großhandelskaufmann. Einen Zug durch die Gemeinde habe damals kaum jemand überstehen können. „Zu viele Kneipen“, sagt er und lacht laut auf. Links und rechts seien in unmittelbarer Nähe der „Bürgerklause“ zwei weitere Kneipen gewesen, sagt er.
Seine Eltern seien von morgens bis abends in der Kneipe beschäftigt gewesen, erzählt Jürgens. Auch er hat vom Durst der Stahlwerker profitiert. Sie kamen zu dem Zaun auf der anderen Seite der Buerschen Straße. „Die Malocher haben gepfiffen, dann haben wir zwei oder drei Kisten Bier rübergeschleppt und ihnen die Flaschen durch den Zaun gereicht“, erzählt Jürgens und ergänzt: „Da musste man aufpassen, dass es nicht zu laut geklackert hat.“
Die Stahlwerker fürchteten wohl nicht, wegen des Biertrinkens während der Arbeitszeit gerüffelt zu werden, sondern die Geschäftstüchtigkeit der Vorarbeiter. Carsten Niemeyer erzählt, die Vorarbeiter hatten früher das Recht , im Betrieb Bier zu verkaufen und damit ihren Lohn aufzubessern. Das 1968 von dem ehemaligen Bürgermeister und Bau-Unternehmer Carl Möller und der Wicküler Brauerei errichtete Gebäude, das früher die „Bürgerklause“ beherbergte, nutzt heute ein bosnischer Verein.
Detlef Jürgens ist froh, dass er die elterliche Tradition nicht fortgeführt hat. Nach dem Tod seines Vaters 1974 führte seine Mutter den Betrieb ein Jahr lang weiter. Dann war Schluss.