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Kapitel 5: Kuhhandel?

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Die Monster hatten sie tatsächlich freigelassen und ihre Ausrüstung herausgerückt. Abschließend hatten sie ihnen freundlich den Weg zur Behausung der Hexe gewiesen. Die Sonne war bereits aufgegangen, als sie sich der Hütte der Hexe näherten und Wulfhelm wurde das Gefühl nicht los, dass die Monster ganz in ihrer Nähe waren. Wahrscheinlich folgten sie ihnen, um die Einhaltung des Vertrages zu überwachen. Es war nicht besonders schwierig, die windschiefe Hütte der Hexe zu finden, man brauchte nur der zunehmend verdörrten Vegetation zu folgen.

»Das gefällt mir nicht«, brummte Harika. »Wie wollen wir gegen die Hexe vorgehen?«

»Darüber denke ich schon die ganze Zeit nach, aber mir will einfach nichts einfallen. Wenn wir nur wüssten, was für eine Person sie ist, oder wie mächtig ihre Zauber sind«, entgegnete Wulfhelm verzweifelt. Harika rümpfte die Nase und zeigte mit einer weit ausholenden Geste auf das Gebiet, durch das sie ritten.

»Reicht dir das nicht als Antwort aus?«

»Ich schlage vor, wir kundschaften das Haus erst einmal aus, um uns ein besseres Bild der Lage zu machen. Wir könnten uns dort hinter den Büschen auf die Lauer legen.«

»Ja, das erscheint mir am Sinnvollsten. Man muss die Schwachstelle eines Gegners kennen, wenn man ihm unterlegen ist. Ein offener Angriff kommt jedenfalls nicht infrage.« Harika stieg vom Pferd und führte es, nachdem Wulfhelm vom Pferderücken geklettert war, weiter in den Wald hinein, um es abermals festzubinden. Anschließend schlichen sie sich näher an das Haus heran, wobei sie die spärlich vorhandenen Deckungen so gut wie möglich ausnutzten.

»Viel ist ja nicht zu sehen«, maulte Wulfhelm.

»Aber sie muss zu Hause sein, es kommt Rauch aus dem Schornstein«, kombinierte Harika messerscharf.

»Es sei denn sie nimmt es in Kauf, dass die Bude abfackelt«, schloss Wulf den Gedankengang ab.

Eine ganze Zeit lang lagen sie schweigend nebeneinander im Laub, aber nichts rührte sich.

»Ob sie uns schon bemerkt hat? Vielleicht sollte ich den Unsichtbarkeitsstab benutzen und mich mal zum Fenster schleichen.« Wulfhelm hatte bereits eine Hand im Rucksack und rührte eifrig darin herum.

»Pst. Sei leise. Ich glaube, sie kommt heraus«, flüsterte Harika aufgeregt und duckte sich tiefer in ihre Deckung, wie eine Katze, die einen interessanten Grashüpfer beobachtete. Tatsächlich war die Hexe durch die Tür getreten und sammelte ein paar Holzscheite auf, die zu einem ordentlichen Stapel an der Hauswand aufgetürmt waren. Einen Moment lang hielt sie inne, als ob sie etwas gehört hätte, schüttelte dann aber den Kopf und sammelte weiter Holz auf. Wulfhelm wollte endlich wissen, wie die Hexe wirklich war und murmelte die Formel für Gefühle erkennen. Als Martor ihn diesen Spruch gelehrt hatte, hatte er ihm eingetrichtert, ihn immer anzuwenden, wenn er im Dorf einkaufte. Auf diese Weise sollte er merken, wenn ihn einer der Händler übers Ohr hauen wollte.

Hass und Verbitterung schlugen ihm entgegen, wie eine Keule. Geschockt von diesem Ergebnis, wagte er kaum noch zu atmen. Hoffentlich wurden sie nicht entdeckt, seine Sorge war jedoch unbegründet, denn die Hexe verschwand kurz darauf wieder im Haus.

»Und was jetzt?«, fragte Harika und löste sich aus ihrer Lauerstellung.

»Sie ist unwahrscheinlich böse, fragt sich nur, wie mächtig sie ist«, antwortete Wulfhelm.

»Woher willst du das wissen? Sie sieht doch ganz harmlos aus.«

»He, ich bin ein Zauberer. Vertrau mir einfach. Wir müssen zuschlagen, denn wenn wir den Vertrag brechen, haben wir die Monster auf jeden Fall am Hals. Am Besten wäre es wohl, wenn ich mal eines von meinen Wundermitteln ausprobiere.« Wieder wühlte Wulf in seinem Rucksack und zog einen mit Edelsteinen verzierten Stab hervor.

»Oh, der ist doch hübsch. Den werde ich mal ausprobieren.«

»Was bewirkt er?«, fragte Harika neugierig und konnte ihren Blick nicht von den funkelnden Steinen lösen.

»Ich weiß nicht. Das werden wir ja bald merken«, sagte Wulfhelm mit grimmiger Entschlossenheit.

»Du weißt es nicht?«, platzte es aus der Kriegerin heraus.

»Fantastisch. Die Hexe wird uns vermutlich in Frösche verwandeln, wenn sie uns sieht und du willst ihr mit einem Ding entgegentreten, von dem du nicht einmal weißt, was es bewirkt?«

»Du kannst ja hier auf mich warten«, erwiderte Wulfhelm gekränkt.

»Also schön, versuchen wir es«, seufzte Harika und stellte ihre selbst auferlegte Mission, Wulfhelm zu beschützen, infrage.

»Ich werde mich mal zum Fenster herüber schleichen und die Hexe ausspionieren«, meinte Wulfhelm todesmutig und schlich sich näher an die Hütte heran. Harika folgte ihm dichtauf. Auf halber Strecke stolperte der Jungzauberer über eine Liane und schlug der Länge nach hin. Das Gewächs verlief unnatürlich gerade, eine Handbreit über dem Waldboden. Wulfhelm folgte der Liane mit seinem Blick. Sie führte von einem Gebüsch über den Boden zu einer Eiche, über Rollen den Baum hinauf und herüber bis zur Hütte, wo sie in einem Loch im Dach verschwand. Wenn man nicht wusste, wonach man suchen musste, konnte man diese Falle leicht übersehen.

»Mein Monster-Frühwarnsystem funktioniert also noch immer! Nanu, wen haben wir denn da?« Die Hexe stand lässig am Türrahmen gelehnt und betrachtete Wulfhelm und Harika mit großem Interesse. Jene Art von Interesse, die eine Spinne einer in ihrem Netz gefangenen Fliege widmet. Bevor Wulfhelm reagieren konnte, fand er sich mit Harika schon im Innern der Hütte wieder. Sie steckten in einem Käfig, ein Umstand, der in Wulfhelm wenig Wohlbehagen auslöste. Die Hexe kam lässig zur Tür hereingeschlendert. Sie musste einen Transportzauber angewandt haben. Dieser Zauber war bei Speditionsunternehmen sehr beliebt, stellte er doch die schnellste Liefermethode dar. Die Hexe trat an den Käfig heran und entriss Wulfhelm mit einer Geschwindigkeit, die man einer solch betagten Dame gar nicht zugetraut hätte, den Stab.

»Das wollen wir mal schön hergeben. Aus euch beiden könnte man bestimmt eine leckere Pastete backen.« Sie legte den Stab auf einen Tisch und öffnete einen großen Schrank.

»Wo habe ich nur meine Rezepte gelassen? Wisst ihr, ich bekomme ja so selten Besuch.«

Nicht schon wieder! Jeder in diesem verfluchten Wald dachte nur ans Fressen, dummerweise waren Wulfhelm und Harika immer irgendwie darin verwickelt. Während die Hexe mit ihren Kochbüchern beschäftigt war, hatte Wulfhelm Gelegenheit sich ein wenig in der Hütte umzusehen. Zuerst fiel sein Blick auf einen riesigen Steinbackofen, in dem ein sehr heißes Feuer brannte. Ein großer Blasebalg, der durch einen merkwürdigen Mechanismus angetrieben wurde, sorgte für eine Gluthitze. Wulfhelm musste unwillkürlich an die Esse von Arnulf, den Schmied seines Heimatdorfes, denken. In diesem Ofen konnte man bestimmt Eisen einschmelzen.

Kräuterbündel hingen zum Trocknen von einem Deckenbalken herab und verbreiteten die unterschiedlichsten Düfte. Auf dem großen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, lagen verschiedene Gegenstände zur Herstellung von Tränken und Pasten. Mörser und Stößel, Glaskolben und Flaschen. Auf einer Kommode neben einem schmalen Bett stand ein Gestell, in dem ein großer, tränenförmiger Diamant ruhte. Er funkelte in allen Regenbogenfarben. Während Wulfhelm den Edelstein betrachtete, spürte er Hass und Bösartigkeit in sich aufsteigen. Schnell drehte er den Kopf zu Harika, die ebenfalls auf den Stein starrte und zusehends grimmiger dreinschaute.

»Schau nicht hin. Das muss eine von Tornaks Tränen sein«, flüsterte Wulfhelm eindringlich.

Die Kriegerin blickte Wulfhelm verständnislos an und betrachte dann wieder fasziniert den Stein. Geifer rann ihr aus dem Mundwinkel. Wulfhelm spürte den bösen Einfluss des Steines, auch wenn er ihn nicht ansah. Jetzt wusste er wenigstens, warum die Hexe auf einmal so böse geworden war, wie der Kobold es erzählt hatte. Er musste schnell etwas unternehmen. Er war zusammen mit einer Frau eingesperrt, die sich nach und nach in ein mordlüsternes Ungetüm verwandelte. Nicht dass man dafür zwangsläufig solch einen Diamanten brauchte, aber Wulfhelm hatte seine neue Freundin noch nie so gesehen. Der Käfig war groß genug, dass sich Wulfhelm hinter Harika bewegen konnte, die regungslos vor den Gitterstäben hockte und vor sich hin knurrte. Wulfhelm bemühte sich, den Diamanten nicht anzusehen, obwohl er spürte, wie sich der böse Einfluss weiter in seiner Seele ausbreitete. Er zog ein Taschentuch aus seiner Robe und band es Harika um die Augen. Die Kriegerin blieb einige Sekunden still sitzen, dann fing sie an zu wüten und zu toben. Sie schlug wild um sich und wischte Wulfhelm mit einer Hand aus dem Weg. Der Jungzauberer flog quer durch den Käfig und prallte ziemlich unsanft gegen die Gitterstäbe. Die Luft entwich seinen Lungen und er beschloss, erst einmal liegen zu bleiben.

»Hört gefälligst mit dem Theater auf! Was ist das denn für ein Benehmen?«, keifte die Hexe und schwang drohend einen Holzlöffel.

Harika riss sich das Taschentuch vom Kopf und rüttelte mit aller Kraft an den Gitterstäben. Wulfhelm blickte sich verzweifelt um. Nicht weit entfernt hing ein Brett an der Wand, an dem Löffel, Schaber und eine Bratpfanne hingen. Er langte durch die Gitterstäbe und griff nach der Pfanne. Harikas volle Aufmerksamkeit galt immer noch den Gitterstäben, also hielt Wulfhelm den Zeitpunkt für günstig, die Berserkerin zu beruhigen. Die Pfanne gab ein dumpfes »GONG« von sich, als sie auf Harikas Kopf traf. Mit einem seligen Lächeln und verdrehten Augen ging sie zu Boden. Es war nicht Wulfs Art Frauen zu schlagen (oder überhaupt jemanden), aber er tröstete sich damit, dass es nur zu ihrem Besten war.

»Ruhe verdammt! Wie soll ich mich bei diesem Krach auf mein Kochbuch konzentrieren?« Die Hexe trat an den Käfig heran und musterte ihre Beute.

»Ihr seid etwas mager«, diagnostizierte sie.

»Soll das heißen, dass sie keine Pastete aus uns machen?«, fragte Wulfhelm mit einem hoffnungsvollen Unterton in der Stimme.

»Quatsch, mein Cholesterinspiegel ist sowieso zu hoch. Wenn der Ofen heiß genug ist, kann es losgehen.« Um ihre Worte zu bekräftigen, deutete die alte Frau auf den Ofen.

»Heiß genug? Wenn man in das Ding einen Kuchen stellt, ist er in ein paar Sekunden verbrannt.« Wulf hatte das Gefühl, das die Hexe nicht besonders viel vom Kochen verstand.

»Ich werde dir das mal erklären, Junge. Dieser modische Küchenofen ist aus sehr dicken Steinplatten zusammengesetzt. Hier unten ist die Brennkammer, dort wird das Holz oder die Kohle eingefüllt. Zusätzlich zu einem magischen Brennstoff. Um aber oben in der Backröhre eine ausreichende Temperatur zu erreichen, müssen die Steinplatten durchgewärmt werden. Das würde mit einem normalen Feuer ewig dauern, daher muss in der Brennkammer richtig Dampf gemacht werden. Wenn der Ofen dann richtig warm ist, kann man das Feuer ruhig ausgehen lassen. Die Nachwärme, die in den Steinen gespeichert ist, hält einige Tage.« Die Hexe beendete ihren Vortrag und blätterte wieder in ihrem Kochbuch. Wulfhelm kam eine grandiose Idee, aber für seinen Plan musste der Ofen so heiß wie möglich sein.

»Vielleicht solltet ihr noch etwas Holz nachwerfen, dann geht es schneller.«

»Du kannst es wohl kaum erwarten, wie?«, kicherte die Hexe. »Aber ich will dir den Gefallen tun, ich kriege langsam Hunger.«

Die Hexe trat an den Ofen und nahm ein dickes Ledertuch, um die Brennkammer zu öffnen. Als das Tuch die Steintür berührte, zischte es, eine feine Rauchsäule stieg auf und es roch nach verbranntem Leder. Die Hexe griff ein paar Holzscheite von einem kleinen Stapel neben dem Ofen. Wulfhelm murmelte die Formel für den Spruch Levitation von kleinen Gegenständen und konzentrierte sich auf den Diamanten. Sofort spürte er unschöne Gedanken in sich aufsteigen, aber er musste jetzt durchhalten. Während die Hexe das Holz aufsammelte, ließ er den Edelstein zum Ofen schweben, direkt in die Brennkammer. Er hoffte, dass der Ofen heiß genug war, um seinen Plan aufgehen zu lassen. Tatsächlich, der Diamant fing an zu glühen und begann zu verbrennen. Von wegen, »ein Diamant ist unvergänglich«. Schon früh hatte Wulfhelm von Martor (dem Wissenden) gelernt, dass ein Diamant im Grunde nichts anderes als ein Stück Kohle war, das unter großem Druck und Wärme zu einem Edelstein geworden war. Martor hatte viele Versuche durchgeführt, um diesen Effekt auf künstliche Weise zu erzielen und vor allem schneller, denn in der Natur dauerte so etwas Tausende von Jahren. Wulfhelm war sich sicher, dass hinter diesen Versuchen weniger der wissenschaftliche Gedanke, als vielmehr die Gier nach Reichtum seines Lehrherren stand. Andere Zauberer versuchten Blei in Gold zu verwandeln, davon hatte Martor (der Skeptische) überhaupt nichts gehalten. Blei war viel teurer als Kohle und Diamanten wiederum mehr wert wie Gold, die Gewinnspanne war bei seiner Methode also viel größer.

Die Hexe hatte von Wulfhelms Aktion nichts mitbekommen und richtete sich gerade wieder auf. Sie warf das Holz in die Brennkammer und schloss die Tür. Jetzt konnte er nur noch abwarten und beobachten, ob sich bei der Hexe irgendwelche Veränderungen abzeichneten. Harika lag immer noch in Tiefschlaf, aber Wulfhelm spürte wie das Böse, das seinen Geist umklammert hielt, langsam vom Feld schlich. Die Hexe blätterte derweil in ihrem Kochbuch und blickte mit steigernder Verwunderung und Abscheu auf ihre kannibalischen Rezepte.

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