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Prolog

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PROLOG

Noch heute schrecke ich manchmal nachts hoch, weil ich mich im Traum als sechsjähriges Mädchen sehe, dessen Augen vor Schreck geweitet sind, denn es kann nicht begreifen, dass der geliebte Vater im Sand der Manege liegt und nicht mehr aufsteht. Ich will zu ihm hineilen, aber meine Mutter zieht mich an der Hand fort und versucht, mich zu beruhigen. In dieser schrecklichen Novembernacht des Jahres 1993 weinte ich mich in den Schlaf, der nur kommen wollte, als mir meine Mutter ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht hatte.

Fortan erhielt ich öfter Besuch von meinem lieben bàba. Seine Gestalt war dann immer fast durchsichtig, und niemand sonst als ich schien ihn zu sehen. Er sprach nicht mir, leider. Nur seine Augen blickten traurig und sorgenvoll. Ich wäre gerne zu ihm hingelaufen, aber etwas hielt mich stets davon ab.

Einige Wochen später wurde meine kleine Welt vollends erschüttert, als auch meine māma nicht mehr da war. Sie sei sehr krank gewesen und jetzt im Himmel, hieß es immer, wenn ich nach ihr fragte. Wie sie wirklich gestorben war, sollte ich erst viel später erfahren, weil man einem Kind die grausame Wahrheit nicht zumuten konnte.

Ab diesem Zeitpunkt war ich ganz allein, wenn man von den auf dem Land lebenden Großeltern und den anderen Mitgliedern der Zirkustruppe wie shū Wáng Jun und seine Frau āyí Wáng Bao absieht, die ich schon immer Onkel und Tante nannte, ohne mit ihnen wissentlich verwandt zu sein, und die künftig an die Stelle meiner Eltern treten sollten. Mit ihnen und ihren Kindern verband mich die Liebe zum Zirkus und insbesondere zum Trapez, denn es war immer mein Traum gewesen, eine ebenso berühmte Artistin zu werden wie mein bàba.

1.

Ich heiße Meilin und kam im September 1987 zur Welt, bin also im Sternzeichen des Hasen geboren, wobei die Sternzeichen in China für ein ganzes Jahr gelten. Ich hätte also auch im Februar oder Dezember auf die Welt kommen können und wäre trotzdem ein „Hase“ geworden. Hasengeborenen sagt man oft eine gewisse Schüchternheit nach, aber sie sollten dennoch nicht unterschätzt werden. Da sie genau wissen, was sie wollen und sich mitunter von hinten herum durchsetzen, sagt man ihnen sogar Verschlagenheit und Hinterlist nach, dabei sind sie nur sehr schlau und gehen ziemlich raffiniert vor. Als gute Menschenkenner kann es ihnen dennoch passieren, dass sie von anderen getäuscht und ausgenutzt werden.

Ich habe immer geglaubt, dass mein schweres Schicksal mich sensibel und dünnhäutig gemacht habe, dass mein wechselhaftes Verhalten, das anderen mitunter launisch und abweisend erscheint, auch daher rühre. Umso erstaunter war ich, dass diese Wesenszüge recht typisch für die im Sternzeichen Hase Geborenen, also mir schon in die Wiege gelegt worden sind.

Es mag vielleicht seltsam anmuten, dass ich als häuslicher „Hase“, die normalerweise viel Wert auf eine vertraute Umgebung und Sicherheit legen, meinte, genau das in dem Mikrokosmos eines Wanderzirkus gefunden zu haben. Ein Milieu, das anderen als unstet bis chaotisch und mehr als unsicher erscheint, aber ich kannte nichts anderes als den gemütlichen, mit Laternen und Seidenkissen geschmückten Wohnwagen meiner Eltern, der für mich Heimat und Geborgenheit bedeutete. Auch gab es eine starke Verbundenheit zwischen den Artisten, Künstlern und Dompteuren, die schließlich alle am selben Strang zogen – dem Publikum ein abwechslungsreiches und faszinierendes Programm zu bieten, das es nicht so schnell vergaß.

Natürlich gab es auch weniger schöne Aspekte wie Streit, Missgunst und Eifersucht, bis hin zu kleinen Tragödien, wie überall, wo Menschen auf engem Raum zusammenkommen, aber dazu später.

Meine schöne Mutter, die ich wie viele Kinder auf der Welt māma nannte, hieß noch Xu Chan, als mein Vater Jian Yan sie aus der bäuerlich dörflichen Umgebung in die schillernde Welt des Zirkus holte. Ein Umstand, den ihm mein Großvater Xu Minh nie verzieh, den ich wie die meisten chinesischen Kinder ihre Großväter lao ye nannte, wenn es sich um den Vater der Mutter handelt. Nach ihrer Heirat hieß meine Mutter also nun Jian Chan, denn ihr Vorname war Chan, und in China wird der Familienname immer zuerst genannt.

Es dauerte mehrere Jahre, bevor meine Mutter den Mut fand, ihr Elternhaus zu besuchen. Lao ye wollte sie auch zunächst nicht hereinlassen. Erst als Großmutter Xu Ai, von mir lao lao, dem chinesischen Namen für Großmutter, genannt, zu weinen anfing und ihre Arme nach mir ausstreckte, in die ich trotz meiner sechs Jahre förmlich flog, löste sich der versteinerte Gesichtsausdruck von lao ye. Großmutters Vorname Ai bedeutet nicht umsonst Liebe.

Nachdem lao ye auch mit Vater Frieden geschlossen hatte, kamen wir so oft wie möglich zu Besuch. Eigentlich immer dann, wenn wir in der Nähe ein Gastspiel hatten. Ich liebte lao ye’s Geschichten von längst vergessenen Kulturen, deren einziger Zeuge oft nur die Bauten waren, die kaum noch jemand recht zuordnen konnte.

Mutters Heimatdorf hieß nämlich Qiang Xian und lag etwa achtzig Kilometer nordwestlich von Xi’an, der ersten Hauptstadt des Kaiserreichs China in der Qin-Dynastie. Heute ist sie die Hauptstadt der Provinz Shaanxi. In ihr befindet sich die Universität Nordwestchinas. Einst war sie der Ausgangspunkt der Seidenstraße und ihre Stadtmauer ist nahezu vollständig erhalten. Seit der Entdeckung des Mausoleums Qín Shǐhuángdìs ist Xi’an der Ausgangspunkt für Besichtigungen der berühmten Terrakotta-Armee.

Xi’an rückte Mitte der 80er Jahre in das Interesse der Weltöffentlichkeit, denn es waren Berichte über Pyramiden erschienen, die sich in einem Radius von hundert Kilometern bei der Stadt befinden. Die chinesischen Behörden gaben unter dem Druck der Öffentlichkeit an, dass es sich um Grabhügel von Herrschern der westlichen Han-Dynastie handelt.

Schon Ende der 70er Jahre hatte man in einem der pyramidenähnlichen Hügel das Mausoleum Qin Shihuangdis entdeckt, dem Grabmal des ersten chinesischen Kaisers und einem der weltweit größten Grabbauten, das bekannt für seine Soldatenfiguren, die Terrakotta-Armee ist. Zu der Anlage gehören mehrere Gruben, in denen man Pferdenachbildungen aus Ton, bis hin zu bronzenen Streitwagen fand. Aber ein Kuriosum ist, dass bisher erst ein Viertel der gesamten Anlage freigelegt und der Grabhügel selbst noch unangetastet ist.

Lao ye konnte mir trotzdem darüber berichten, wie es in dem Grabmal aussah, denn obwohl er nur ein einfacher Bauer war, interessierte er sich für die Geschichte seiner Heimat und kannte uralte Überlieferungen wie das etwa 100 v. Chr. geschriebene Werk Shiji des Historikers Sima Qian. In dem war die Grabhalle Qin Shihuangdis genau beschrieben.

»Der Sarg des Kaisers steht in der Mitte der Halle«, erzählte mein Großvater, als hätte er es mit eigenen Augen gesehen, »die Gänge zur Halle sind gesäumt mit Vögeln und anderen Tieren aus Ton. An der Decke glitzern Tausende Edelsteine und Perlen wie Sterne, und auf dem Boden findet man alle Seen und Flüsse Chinas aus Quecksilber nachgebildet.«

Das hörte sich für mich als Kind wie ein schönes Märchen an, aber neueste Forschungen mit Unterstützung durch Sonar- und Computertechnik haben ergeben, dass es tatsächlich eine hohe Quecksilberkonzentration im Berg gibt.

»Mein Freund Shen Hua und ich entdeckten damals die Anlage rein zufällig«, erzählte lao ye weiter, »da warst du noch gar nicht auf der Welt. Das war im März 1974. Weil wir schon länger unter der Trockenheit litten, versuchte Shen Hua, einen Brunnen zu bohren. Dabei stieß er auf eine verbrannte, harte Erdschicht. Nach etwa vier Metern kamen Tonstücke, ein Boden aus Ziegelsteinen und schließlich eine Armbrust und Pfeilspitzen aus Bronze zum Vorschein. Als man in der Kreisstadt Lintong davon erfuhr, kam der Beamte für den Schutz alter Kulturschätze mit Sachverständigen angereist. Die Untersuchungen haben dann ergeben, dass es sich um wertvolle Fundstücke aus der Qin-Zeit handelte. Es gab auch lebensgroße Figuren, die zum Teil zerbrochen waren. Später wurden sie im Kulturhaus von Lintong restauriert.«

»Aber dann bist du ja berühmt, lao ye«, hatte ich kindlich naiv ausgerufen.

Mein Großvater hatte abgewinkt. »Shen Hua, seine Arbeiter und auch ich mussten uns verpflichten, nichts über den Fund verlauten zu lassen, weil man die Informationen unter Verschluss hielt. Aber es muss dennoch etwas durchgesickert sein, denn als ein Journalist von den Funden berichtete und sie damit in ganz China bekannt machte, begann ein archäologisches Team die Anlage genauer zu untersuchen. Dabei wurde auch die Tonarmee des Kaisers entdeckt. Im Juli 75 hat man dann den Fund von offizieller Seite bestätigt. Aber etwas anderes wird bis heute bestritten. Dabei habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal.«

Natürlich hatte ich sofort wissen wollen, worum es sich handelte, aber lao ye war standhaft geblieben, um auch noch bei unserem nächsten Besuch eine spannende Geschichte für mich parat zu haben. Ich musste fast ein Jahr warten, bis er endlich damit rausrückte.

»Als junger Bursche bin ich viel herumgezogen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet«, begann er seine Erzählung, »dabei habe ich viele interessante Dinge gesehen, aber die ungewöhnlichste Entdeckung habe ich nicht weit von hier entfernt gemacht. Dort sah ich mit eigenen Augen eine Pyramide, die ungefähr dreihundert Meter hoch war und die weiße Pyramide genannt wird.«

»Au fein, wenn es hier in der Nähe ist, können wir doch zusammen hingehen«, hatte ich gejubelt.

»Nein, mein Schatz, das ist für deine kleinen Beine zu weit. Außerdem ist das Gelände nicht so einfach zu erreichen, weil der Weg dorthin ziemlich beschwerlich ist. Du musst dich also mit dem begnügen, was ich dir berichten kann.«

»Dann ist sie ja doppelt so hoch wie die große Pyramide in Ägypten«, überlegte ich.

»Woher weißt du, dass es in Ägypten Pyramiden gibt und wie hoch sie sind?«, fragte lao ye verwundert.

»Das hat mir Maged, unser Feuerspeier, erzählt«, antwortete ich stolz, »der kommt aus Kairo und weiß eine Menge von seinem Land zu berichten.«

»Ah so, auf diese Weise lernst du immer wieder etwas dazu.«

»Sag mal, lao ye, war die Pyramide, die du gesehen hast, wirklich weiß?«, wollte ich ganz genau wissen.

»Tja, das ist so eine Sache. Eigentlich hatte dieses seltsame Bauwerk vier Farben, auf jeder Seite eine andere. Die östliche war eher blau, weil sie mit einem bläulich grünen Nadelwald bewachsen war. Die nördliche wirkte dunkelgrau bis schwarz, weil sie von der Sonnenseite abgewandt im Schatten lag. An der Südseite haben Bauern im Laufe der Jahrhunderte Terrassen eingearbeitet, deshalb sah man den gelblich-roten Lehmboden und diese Seite wirkte rot. Aber an der Westseite fand man noch immer hellgraue Steinquader, die fast weiß leuchteten. Daher kommt bestimmt der Name „Weiße Pyramide“.«

Ich war tief beeindruckt. Eine gelbe Pyramide wie die in Ägypten konnte ja jeder haben, aber eine, die vierfarbig war, gab es nur in China. Bàba hielt sich noch zurück, solange wir bei lao ye und lao lao zu Besuch waren, um das neu erworbene gute Verhältnis zu seinem Schwiegervater nicht zu gefährden, aber auf der Rückfahrt konnte er nicht länger an sich halten.

»Weißt du, mein Schatz, dein lao ye weiß wirklich interessante Geschichten zu erzählen, aber so hübsch sie auch sind, müssen sie nicht immer wahr sein.«

»Warum sagst du das? Willst du behaupten, mein Vater lügt?«, protestierte meine Mutter.

»Nein, ich will ihn nicht als Lügner bezeichnen. Er erfindet nur manchmal etwas, indem er Gerüchte oder Sagen etwas ausschmückt. Die Weiße Pyramide ist ein Mythos, der schon seit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kursiert. Archäologische Beweise gibt es nicht. Hier in der Gegend wird natürlich gern darüber gesprochen, weil die angebliche Pyramide ja sozusagen vor der Haustür liegt. Der mǎxìtuánlǎobǎn hat mich vor unserer Abfahrt schon aufgezogen, indem er meinte, ich solle doch ein Foto von der Pyramide machen, damit es endlich mal einen Beweis gibt.«

Hong Long, was roter Drache bedeutete, konnte in seiner Eigenschaft als Zirkusdirektor eben auch nicht alles wissen, dachte ich grimmig, denn ich glaubte meinem Großvater. Warum sollte man einem glauben, der bestimmt einen falschen Namen, allenfalls einen Künstlernamen trug, denn roter Drache war beinahe zu schön, um wahr zu sein. Und diesen Titel, mit dem er sich ansprechen ließ, fand ich ohnehin zu schwierig und beinahe lächerlich, schließlich bedeutete mǎxìtuánlǎobǎn wortwörtlich übersetzt nur der Zirkusinhaber, wobei mǎ für Zirkus stand, tuán für Prinz, allenfalls für Herr auf Malayisch oder Indonesisch, und lǎobǎn für den Inhaber eines Geschäftes.

»Angefangen hat es damit«, sprach mein Vater weiter, »dass 1945 ein amerikanischer Pilot bei einem Aufklärungsflug die Pyramide gesichtet haben will. Zwei Jahre später erschien sogar ein Artikel in der New York Times, dessen Verfasser sich zwanzig Jahre später korrigierte und die Maße der Pyramide als halb so groß angab. Auf den wenigen Fotos, die es gab, meinte man den Maoling-Grabhügel zu erkennen. Ich weiß also nicht, was dein Vater gesehen hat, aber die sogenannte „Weiße Pyramide“ war es bestimmt nicht.«

»Doch«, hatte ich trotzig beharrt, »lao ye lügt nicht.« Für den Rest des Tages war dann mit mir nichts mehr anzufangen gewesen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass etwa fünfzehn Jahre später ein Russischer Forscher in dem „Berg“ Liangshan die sagenumwobene Pyramide erkannt haben will. Nachdenklich machte mich, dass der bewusste „Berg“, an dessen Fuß sich das Mausoleum des Kaisers Tang Gaozong und seiner Gattin Kaiserin Wu befindet, ganz in der Nähe von Qiang Xian liegt, dem Heimatdorf meiner Großeltern. Und der Beschreibung eines Forschers über eine nach den Himmelsrichtungen ausgerichtete Pyramide nach, der schon 1912 darüber berichtete, weisen die Seiten der Anlage vier unterschiedliche Farben auf. Lao ye muss also entweder geschickt kombiniert oder doch mehr gesehen haben als mein Vater glauben wollte.

Hong Hui, die Frau des Zirkusdirektors, übte sich weniger im Geschichtenerzählen als darin, uns Zirkuskindern etwas beizubringen, denn durch das Herumreisen habe ich bis heute keine Schule besucht. Tante Hui, oder chinesisch korrekt ausgedrückt āyí Hong Hui, war nämlich bevor sie Hong Long heiratete Lehrerin gewesen und konnte uns deshalb in Chinesisch, Geschichte und etwas Mathematik, Englisch und Religion unterrichten. Sie hatte nie bereut, die Frau eines Zirkusdirektors geworden zu sein, wie sie uns einmal erzählte, wenn es auch für eine Karriere in der Manege nicht gereicht hatte. Beim Jonglieren war sie zwar sehr geschickt und eine Weile als Assistentin ihres Mannes aufgetreten, aber sie brauchte nicht den Applaus des Publikums und blieb lieber im Hintergrund, um von dort aus die Fäden zu ziehen. Und da sie selbst keine Kinder hatte, machte es ihr umso mehr Spaß, uns liebevoll den Schulstoff und etwas Algemeinbildung zu vermitteln.

Von ihr lernten wir, dass China vor über dreitausendfünfhundert Jahren entstanden war und von 221 v. Chr. bis 1912 als das Kaiserreich China, dann als die Republik China und seit 1949 als die Volksrepublik China, kurz VR, benannt wurde. Dazu gehörte noch die Republik China auf der Insel Taiwan. Mit über einer Milliarde Einwohnern sei China das bevölkerungsreichste Land der Erde, der flächengrößte Staat in Ostasien und der viertgrößte der Erde, meinte sie.

Weiterhin erfuhren wir, dass es zwar drei verschiedene Religionen in China gibt, man aber trotzdem nur von der chinesischen Religion spricht, denn Daoismus bzw. Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus sind zur Lehre der „drei Wege“ geworden und ergänzen einander. Ihr gemeinsames Ziel ist das friedliche Zusammenleben der Menschen. Zu Zeiten der chinesischen Kulturrevolution von 1966 bis 1976 war aber die Ausübung einer Religion verboten und ihre Anhänger wurden sogar verfolgt. Man zerstörte ihre Gebetsstätten und Tempel und verhaftete die Priester. Und es sollte noch bis zum Beginn des neuen Jahrtausends dauern, bis es wieder eine, wenn auch eingeschränkte Religionsfreiheit in China gab.

Tante Hong Hui ließ uns Verse aus dem Tao te king auswendig lernen wie:

Ich habe drei Schätze, die ich schätze und hüte: Der eine ist die Liebe, der zweite ist die Genügsamkeit, der dritte ist die Demut.

oder:

Das Allerweichste auf Erden

überholt das Allerhärteste auf Erden.

Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das,

was keinen Zwischenraum hat.

Daran erkennt man den Wert des Nichthandelns.

Die Belehrung ohne Worte, den Wert des Nichthandelns

erreichen nur wenige auf Erden.

Dabei vergaß sie aber nicht zu erwähnen, dass Wu-Wei, das „Nichttun“, zur Erlangung des Dao bzw. Tao nicht mit Faulheit oder Bequemlichkeit zu verwechseln sei. Es gehe vielmehr darum, bewusst die Dinge geschehen zu lassen.

Auch wusste sie etwas über Geister zu berichten, was uns Kinder natürlich besonders interessierte. So meinte sie, dass die meisten Menschen in China trotz der großen Umwälzungen innerhalb der chinesischen Gesellschaft noch immer am jahrhundertealten Glauben an Götter wie Shoulaon, den Gott der Langlebigkeit oder Kuan Yin, die buddhistische Schutzgöttin der Kinder, und an Geister festhielte. So gab es gute Geister – shen, die Geister der Ahnen, die Verehrung verdienten, und böse Geister – kuei bzw. guei, die Unglück, Finsternis und Tod brachten.

Fortan überlegte ich, ob der Freund meines Großvaters Shen Hua vielleicht nur ein Geist gewesen war und lao ye nur beim Bau des Brunnens geholfen hatte, denn schließlich war sein Familienname der eines Geistes, aber später erfuhr ich, dass Shen ein gebräuchlicher Nachname in China ist.

Neben den kuei existiere noch eine sehr vielfältige Dämonenwelt, zu der die kopflosen Yü kuang, die langhaarigen Echogeister Wáng ling mit Kindergestalt, die besonders gerne Reisende durch Nachahmen der Stimmen erschreckten, die acht Koboldbrüder-/Irrlichter Yiu guang, die Berggeister Shan-jing, die leichenfressenden Wáng xiang und viele andere gehörten.

Bei den beiden anderen Kindern, die von āyí Hong Hui unterrichtet wurden, handelte es sich um die Zwillinge Mimi und Zuko, deren Eltern Wáng Jun und seine Frau Wáng Bao, die beide Kollegen und Auftrittspartner meines Vaters waren. Mimi, meine einzige Freundin in einer Welt voller Erwachsener übte sich ebenso wie ihr Bruder Zuko in der Seilakrobatik, und das schon von früher Kindheit an. Beide waren nur ein Jahr älter als ich. Dass wir einmal Geschwister werden würden, davon ahnte ich freilich nichts. Ein Glücksumstand, den ich mit sehr viel Leid und dem Verlust meiner leiblichen Eltern bezahlen musste.

An die Zeit nach dem Tod meines Vaters habe ich kaum noch Erinnerung, nur, dass er oft nachts an meinem Bett saß und mein Haar streichelte, während meine arme māma blass und übernächtigt umhergeisterte, sodass man sie viel eher für das Gespenst halten konnte.

Auch die Tage nachdem māma gestorben war erinnere ich kaum noch, als hätte ich sie gar nicht gelebt. Ich weiß nur, dass ich hohes Fieber bekam und immer wieder in tiefe Bewusstlosigkeit versank. Das sei der Schock hatte der Arzt gemeint. Man solle mir viel Liebe und Fürsorge angedeihen lassen, dann würde ich mich nach und nach erholen, erzählte mir Mimi später. Damit mir meine vertraute Umgebung erhalten blieb, durfte ich weiterhin den Wohnwagen meiner Eltern bewohnen. Es war ohnehin niemand da, der darauf Anspruch hatte, außer mir. Lao ye und lao lao hätten ihn ganz gewiss nicht in den Garten ihres Bauernhauses gestellt. Wáng Bao hatte dann die großartige Idee, uns Kinder gemeinsam den Wagen nutzen zu lassen, und Wáng Jun war sofort einverstanden, weil somit alle viel mehr Platz haben würden. In jenen Tagen war mir alles egal, auch verfügte ich nicht über die Kraft, zu protestieren, aber ich lernte es später zu schätzen, mit den Zwillingen ein eigenes Reich zu haben.

Als ich mich zumindest körperlich etwas erholt hatte, wartete Mimi mit einer großen Überraschung auf.

»Weißt du, es geht dir nicht allein so. Wir sagen zwar zu Wáng Bao „māma“, aber sie ist nicht unsere leibliche Mutter.«

»Was, wer dann?«, rief ich erstaunt aus, »und warum seid ihr nicht bei ihr?«

»Weil unsere Mutter sehr früh gestorben ist, da warst du noch gar nicht auf der Welt. Wir haben leider keine Erinnerung an sie, weil wir zu klein waren, aber sie ist sehr schön gewesen, wie man auf den Fotos sieht.«

»Woran ist sie gestorben?«

»An dem Erreger, der auch für die Hongkong-Grippe verantwortlich sein soll.«

»Aber den hat man Ende der sechziger Jahre entdeckt, wie Tante Hong Hui uns erzählt hat, seitdem lassen sich die Leute dagegen impfen.«

»Unsere māma hat es nicht getan …«

Ich war tief betroffen und sah in Mimi plötzlich so etwas wie eine Leidensgenossin, obwohl sie wenigstens noch ihren Vater hatte.

»Ist es schlimm für euch, zu wissen, dass Wáng Bao euch nicht geboren hat?«, fragte ich vorsichtig.

»Nein, überhaupt nicht. Für uns war sie immer unsere Mutter, und das wird sie auch für dich einmal sein.«

Das war etwas, was ich mir in keinem Fall vorstellen konnte. Ja, ich mochte Wáng Bao, aber meine māma hatte ich über alles geliebt. Keine Frau würde jemals ihren Platz einnehmen können, war ich damals überzeugt, aber mit den Jahren trat etwas ein, womit ich niemals gerechnet hatte, dass ich das Gefühl bekam, zwei Mütter zu haben. Und das war zweifellos Wáng Baos Verdienst. Dass auch sie kein glücklicher Mensch war und man ihr deshalb besonders hoch anrechnen musste, dass sie liebevoll die Nachkommen anderer Frauen aufzog, konnte ich als Kind noch nicht erkennen, dazu musste ich erst älter werden.

Als es mir etwas besser ging und ich nicht mehr so viel weinte, durfte ich wieder am Unterricht von āyí Hong Hui teilnehmen. Sie fühlte sich wohl verpflichtet, uns meinetwegen etwas über den Ahnenkult der Chinesen zu erzählen. So erfuhren wir, dass man in China annimmt, dass der Mensch zwei Seelen besitze. Eine, die vor der Geburt geschaffen wird, und eine zweite, die höhere, geistige Seele, die nach der Geburt entsteht. Auf ihrer Reise in den Himmel werde sie von bösen Mächten bedroht, und sei deshalb auf die Opfer und Gebete der Hinterbliebenen angewiesen. Wird das unterlassen, könne diese Seele zu einem bösen Geist werden. Durch die Opfer könne man von den Seelen der Verstorbenen Schutz und Hilfe erhoffen.

Das war die kindgerechte Version, denn Hong Hui verschwieg uns, dass die erste Seele im Augenblick der Empfängnis entstand, nach dem Tod bei dem Leichnam im Grab lebte und sich von den dargebrachten Opfern ernährte. Zerfiel der Leichnam, schwand auch die Kraft dieser Seele, um schließlich in der Unterwelt, bei den „Gelben Quellen“, ein Schattendasein zu führen. Werden keine Opfer dargebracht, kehre sie als böser Geist zurück und stifte Unheil – so die offizielle Auslegung des chinesischen Glaubens. Eine Version, die uns Kinder doch zu sehr geängstigt hätte. Auch wäre mit der Frage zu rechnen gewesen, wer die Opfer zum Grab meiner Eltern bringe, da wir ja die meiste Zeit auf Reisen waren. Dabei gab es dafür eine ganz einfache Erklärung, nämlich lao ye und lao lao, die Eltern meiner Mutter. So, wie sie es jetzt auch für die Eltern meines Vaters taten, die schon länger verstorben waren.

»Unsere māma hat für Meilins Eltern eine schöne Altarnische eingerichtet«, sagte Mimi, »leider darf außer Meilin nur Zuko dort etwas abstellen.«

»Ja, in beinahe jedem Haushalt gibt es eine kleine Altar-Ecke für die Ahnen. Dort werden Nahrungsmittel und Räucherstäbchen dargebracht, um ihrer zu gedenken«, berichtete Hong Hui, »und eigentlich bedarf es eines männlichen Nachfahren, um diese Handlungen vorzunehmen. Deshalb brauchst du nicht traurig zu sein, wenn das Zuko als euer Bruder vornimmt.«

Auch hier verschwieg die Tante wieder ein wichtiges Detail. Gab es nämlich keinen Sohn beziehungsweise Enkel oder kümmerte sich dieser nicht ordentlich um seine Vorfahren, versiegte der Nachschub ins Jenseits. Geister, die aus diesem Grunde hungrig blieben, verwandelten sich in übellaunige Gesellen, die fortan die Lebenden verfolgten.

»Können uns die bösen Geister an jedem Ort besuchen, also auch in unserem Wagen?“, wollte Zuko wissen.

»Da braucht ihr euch nicht zu ängstigen«, lachte Tante Hong Hui, »wie ihr wisst, haben Zirkuswagen kleine Treppen, und Dämonen können ihre Füße nicht anheben, deshalb müssen sie vor hohen Türschwellen umkehren. Und um die Ecke laufen können Geister auch nicht, deshalb gibt es eine parallele Mauer vor den Tempeln, die sogenannte „Geistermauer“, die ihnen den Zugang verwehrt.«

Ich meldete leise Bedenken an, ob die Geister wirklich so dumm sein sollten, aber letztendlich war es in dem Alter eine gewisse Beruhigung für mich.

»So ähnlich ist es mit den Zickzack-Brücken, die ihr vielleicht schon gesehen habt«, sprach āyí Hong Hui weiter. Und der rote Drache, das Symbol für unseren Zirkus, thront nicht umsonst auf jedem Zirkuswagen. Er schlägt alle Besucher aus dem Jenseits in die Flucht, denn die Farbe Rot wird von Geistern ganz besonders verabscheut.«

Nun, alle Geister war wohl etwas übertrieben, dachte ich, denn für meinen bàba stellte der rote Drache kein Hindernis dar, aber das behielt ich für mich. Dass mich meine māma noch nicht besucht hatte, bedauerte ich in dieser Zeit sehr. Vielleicht hing es mit ihrer Todesursache zusammen, vermutete ich, denn über die wahren Umstände schwiegen sich alle aus. So wusste ich lange nicht, ob māma ebenso durch einen Unfall ums Leben gekommen war wie bàba, oder ob sie an einer schlimmen Krankheit gestorben war, wie die māma der Zwillinge. Nein, sie war nicht bettlägerig gewesen und hatte auch kein Fieber gehabt, überlegte ich nächtelang. Es musste eine andere Krankheit gewesen sein, eine die niemandem auffiel. Mit meiner Einschätzung lag ich gar nicht so verkehrt, wie mir später bewusst wurde, denn Schwermut und Depressionen sind durchaus eine Krankheit, noch dazu eine, die für andere weitgehend unsichtbar bleibt.

Zum Glück ging Tante Hong Hui mit ihren Schilderungen über die Geisterwelt nicht allzu sehr ins Detail, sonst hätte ich wahrscheinlich Todesängste ausgestanden. So erfuhr ich erst viele Jahre später durch einen Autor, der schon 1928 behauptete, dass es ungefähr zwanzig verschiedene Arten von Geistern und Dämonen gäbe. Dazu kämen noch Hunderte von Untergruppen, die nicht immer ganz einfach voneinander zu unterscheiden seien.

In einem anderen Buch las ich, dass ein gewaltsames Ende oder ein offener Streit zum Todeszeitpunkt dazu führen können, dass ein Verstorbener mit dem Diesseits zwanghaft verbunden bleibt. Selbst ein charmanter, freundlicher Mensch könne unter diesen Umständen in einen Dämon verwandelt werden. Und er könne sich erst dann ins Jenseits zurückziehen, wenn er selbst ein lebendes Opfer auf dieselbe Art in den Tod getrieben habe. Nur dann fände er Ruhe. Deshalb vertraten auch einige Chinesen die Meinung, man müsse in ländlichen Gegenden als Unfallopfer länger auf Hilfe warten, weil da ein Dämon im Spiel sei, der sich ein neues Opfer suchen müsse. Aus ähnlichen Gründen seien auch Motorradhelme und Autogurte sehr unbeliebt, denn da der Benutzer mit einem Unfall rechne, würden diese Gegenstände die Geister auf den Plan rufen.

Ich dachte lange über diese Aussagen nach, denn schließlich hatte mein Vater ein gewaltsames Ende gefunden. Vielleicht konnte ich ihn deshalb noch lange Jahre sehen. Von einem offenen Streit war mir nichts bekannt, deshalb schloss ich aus, dass mein lieber bàba ein Dämon geworden war. Als man mir endlich die Todesursache meiner māma verriet, überlegte ich, ob es deshalb so lange gedauert hatte, bis sich auch meine Mutter mir zeigte. Aber eine Bestätigung dieser Theorie fand ich in den Schriften nicht.

China Blues

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