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2.

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Wáng Bao gab sich wirklich alle erdenkliche Mühe, mir die Mutter zu ersetzen, wenn es ihr nur zum Teil gelang, lag es bestimmt nicht an ihr, sondern an meiner Sehnsucht nach meiner geliebten māma. Eigentlich hätte ich Wáng Bao ji mu, die chinesische Bezeichnung für Stiefmutter, nennen müssen, aber selbst Wáng Jun, der etwas zurückhaltender mir gegenüber war, verzichtete darauf, von mir ji fu – Stiefvater - genannt zu werden. Vielleicht deshalb, weil sie ja nicht wirklich meine Stiefeltern, sondern eher Pflegeeltern waren. Über Wáng Juns Zurückhaltung mir gegenüber machte ich mir keine großen Gedanken, denn schon, als er noch nicht Vaterstelle an mir vertrat, war es nicht anders gewesen. Männer könnten weniger ihre Gefühle zeigen, erklärte man mir.

Beide verhielten sich sehr respektvoll gegenüber meinen Eltern. So wurde ganz selbstverständlich am Tisch auch für meine māma und meinen bàba gedeckt, wie es in China üblich ist. Freilich blieben ihre Stühle leer, denn im Jenseits nahm man keine Nahrung mehr zu sich, wie ich schon damals überzeugt war. Auch fand ich Wáng Baos Idee, kleine Haushalts-gegenstände wie Mikrowelle oder Kühlschrank aus Papier zu basteln, um sie anschließend auf dem Altar meiner Eltern zu verbrennen, zwar rührend, aber doch recht seltsam.

»Das macht man so«, erklärte Wáng Bao, »den Toten soll es auf der anderen Seite an nichts mangeln. In Hong Kong und Taiwan gibt es extra Läden für die Gegenstände aus Papier. Da kann man die ungewöhnlichsten Dinge erhalten, auch Miniaturmöbel und Autos.«

Ich fand das beinahe lächerlich, auch wenn man nicht wusste, wie es auf der anderen Seite aussah, war ich ziemlich überzeugt davon, dass man dort keine Luxusgüter brauchte, aber ich wollte meinen neuen Geschwistern nicht den Spaß verderben und schwieg.

»Aber warum verbrennt man alles? Damit sind die Dinge doch verloren«, wollte ich schließlich wissen.

»Das Feuer dient als Transportmittel in die andere Welt«, sagte Wáng Bao, »das nennt man eine symbolische Handlung.«

Nun, mit symbolischen Handlungen konnte ich offensichtlich nicht viel anfangen. Vielleicht würde sich das ja später einmal ändern.

Mein bàba ging nach wie vor im Wohnwagen ein und aus. Wenn er nicht an meinem Bett oder mit uns am Tisch saß, lief er draußen umher, aber niemand außer ich schien ihn zu sehen. Noch immer sprach er nicht mit mir, aber manchmal hatte ich das Gefühl, er wolle mir etwas mitteilen, nur erreichte mich seine Botschaft nicht. Vielleicht konnte ich sie nur nicht hören? Bevor er ging, war sein Lächeln immer etwas trauriger als bei seiner Ankunft.

Da māma mich bisher nicht besucht hatte, wurde ich immer trauriger über diese Tatsache. Da kam der erste Juli, ein Datum, das in China eine ganz besondere Rolle spielt. Zhongyuan, das Fest der Toten, wird etwas zwiespältig aufgefasst. Der Umstand, dass sich alljährlich am ersten Tag des siebten Monats angeblich die Tore zum Jenseits öffnen, sorgt zum Teil für Unbehagen. Deshalb werden wichtige Ereignisse wie Hochzeiten oder Umzüge lieber auf einen anderen Termin gelegt. Andererseits soll den Besuchern aus der Schattenwelt etwas geboten werden. So bietet man auf den Straßen Snacks, bis hin zu üppigen Menüs, an und führt sogar kleine Opernstücke auf. Die Geister sollen sich am Tag ihres „Freigangs“ amüsieren, und es soll ihnen an nichts fehlen, um sie bei Laune zu halten.

Die Zirkusvorstellungen sind an diesem Tag immer ausverkauft. Das war bei uns nicht anders. Als die Wángs mit ihrer Trapeznummer an der Reihe waren, rieb ich mir vor Verwunderung die Augen, denn dort oben in luftiger Höhe stand māma. Sie trug ihr schönes, glänzendes Kostüm, und für einen Moment sah es so aus, als würde sie jeden Moment losschwingen, um nach einem Salto auf der anderen Seite zu landen. Im nächsten Moment fiel mir aber auf, dass die Wángs sie offensichtlich nicht wahrnahmen, sondern unverändert ihr Programm durchzogen. Einige Leute aus dem Publikum schienen māma auch zu sehen, denn es kam immer wieder ein Raunen auf, weil man sie nur dann neben Wáng Jun stehen sah, wenn der Scheinwerfer auf seine Frau gerichtet war. Wanderte er hingegen zu Wáng Jun zurück, schien er alleine dort zu stehen. Damals wusste ich noch nicht, dass māma genau an dieser Stelle gefunden worden war. Als die Wángs unter tosendem Applaus abgingen, schaute ich noch einmal nach oben, aber māma war nicht mehr da.

Enttäuscht ging ich nach draußen vor das Zelt und schaute in den Sternenhimmel. Ob māma wohl von dort gekommen und jetzt wieder dahin zurückgekehrt war? Plötzlich sah ich ein schwaches Glimmen und eine Bewegung an unserem Zirkuswagen. Auf dem Weg dorthin wurde der Lichtschein stärker. Der Lärm der Vorstellung und die Geräusche der Tiere klangen auf einmal weit entfernt, als habe sich durch die Aufregung ein Wattepfropfen vor meine Ohren gelegt.

Und dann sah ich sie auf der Treppe sitzen. Ich rannte auf sie zu und flog in ihre weit ausgebreiteten Arme. Für einen Moment schien die Welt still zu stehen. Alles war nur noch selige Umarmung. Leider war der Augenblick sehr schnell wieder vorbei, denn als ich die Augen wieder öffnete, saß ich allein auf der Treppe. Seltsamer Weise fing ich nicht vor Enttäuschung zu weinen an. Im Gegenteil, ich musste einen derart verklärten Ausdruck in meinem Gesicht haben, dass es den Zwillingen sofort auffiel, als sie nach ihrer Seilakrobatik nach mir suchten.

»Was ist mit dir, du siehst so seltsam aus?«, fragte Mimi.

»Warum hast du nicht unseren Auftritt angesehen?«, wollte Zuko wissen.

»Meine māma hat mich gerade besucht und in den Arm genommen«, sagte ich frei heraus.

»Oh, das ist wunderbar«, meinte Mimi und umarmte mich herzlich.

»Bist du sicher?«, fragte Zuko skeptisch, »ich meine, heute am Zhongyuan, erwartet man so etwas geradezu und kann sich allerlei einbilden.«

»Sei nicht so hässlich zu Meilin«, sagte Mimi böse, »sie lügt uns bestimmt nicht an.«

»Das behauptet ja auch keiner. Lüge und Einbildung sind zweierlei.«

»Sie war da. Ich konnte sie spüren und riechen. Vorher habe ich sie oben auf dem Trapez gesehen.«

»Da, wo …bàba immer steht?«, hakte Zuko nach.

Ich nickte heftig.

»Alles klar, ich gehe mich dann mal umziehen.«

»Lass ihn«, sagte Mimi, als ich Zuko aufhalten wollte, »er spielt nur den Coolen. In Wahrheit findet er, was du erlebt hast, ebenso wundervoll wie ich. Aber als Junge will er das nicht zugeben.«

»Manchmal denke ich, dass Zuko nicht sehr glücklich darüber ist, dass wir jetzt zusammenleben«, sagte ich vorsichtig.

Mimi lachte schallend. »So sehr lässt du dich von ihm ins Bockshorn jagen?« Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. »Mein Brüderchen ist ganz verrückt nach dir. Das war er schon immer. Er hat wahre Freudentänze aufgeführt, als er hörte, dass wir künftig einen Wagen für uns allein haben. Aber das behältst du für dich, hörst du? Er würde mir nie verzeihen, dass ich dir das verraten habe.«

»Ich glaube, ich muss jetzt ein bisschen allein sein. Das war heute alles etwas viel. Erst der Besuch von māma, und jetzt noch dein Geständnis«, sagte ich leise. »Bitte versprich mir, dass ihr niemandem erzählt, was ihr von mir erfahren habt.«

»Ehrensache, das bleibt unser Geheimnis.« Mimi gab mir einen Kuss und lief die Treppe hinauf in den Wagen. Ich war viel zu aufgekratzt, um ihnen folgen zu können, und lief noch eine Weile auf dem Gelände herum, um mich anschließend in eine dunkle Ecke zu setzen. Ich hatte über vieles nachzudenken. Ob māma mich jetzt ebenso wie bàba öfter besuchen würde? Und warum war sie so schnell wieder fort gewesen? Hatte man ihr nur kurze Zeit gewährt? Fragen, auf die ich keine Antwort fand. Und dann noch Mimis Geständnis. Sollte Zuko wirklich mehr für mich empfinden als er zugab? Und wie ging ich damit um? Eigentlich war ich viel zu jung, um schon an Jungs zu denken. War es nicht eher hinderlich, wenn er mehr als die Schwester in mir sah? Auch darauf fand ich keine Antwort. Die Zukunft würde zeigen, wie sich alles entwickelte.

Als ich später in den Wagen zurückkehrte, schliefen beide schon fest, oder taten zumindest so. Ein Umstand, der mir mehr als recht war. Ich musste erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes darüber schlafen und dem Chaos in meinem Innern Herr werden.

In jenen heißen Julitagen schien „Pangu“ unaufhörlich zu lachen. Denn anders als in Europa, wo man davon spricht, dass die Sonne lacht, ist es der chinesischen Mythologie nach das Urwesen Pangu, geboren aus einem Hühnerei. Dem Buch San-wu-li-Ki aus dem 3. Jahrhundert. n. Chr. nach soll es am Anfang weder Himmel noch Erde gegeben haben, sondern nur Chaos in Form eben jenes Hühnereis, erfuhren wir von āyí Hong Hui, als wir sie nach der Entstehung der Welt fragten. Aus den leichten Teilen soll sich die Urkraft Yang und der Himmel gebildet haben, aus den gröberen Teilen die Urkraft Yin und die Erde. Die Legende sprach davon, dass sich Pangu später selbst geopfert habe. Aus allen Teilen seines Körpers sei etwas Sinnvolles entstanden wie Sonne und Mond aus den Augen, die weißen Berge aus dem Kopf, Flüsse und Meere aus dem Fett und die Pflanzen aus den Haaren des Körpers. Wenn die Sonne schien, lachte Pangu, gab es auf Erden Stürme und Regen, war er traurig oder zornig, hieß es.

Einer anderen Version nach soll es am Anfang ein höchstes, göttliches Wesen und die Chaoswasser gegeben haben. Auf seinen Befehl hin teilten sich diese in zwei Teile, in Yin, das Dunkle, Unbewegliche, und Yang, das Lichtvolle, Bewegliche. Zusammen bildeten sie als aktive und passive Urkraft des Universums den Kosmos, die Lebewesen wie Menschen und Tiere und all die anderen Dinge. Yang wurde zum Himmel, dem Wohnsitz der Götter, und Yin zur Erde, dem Lebensraum der Menschen und Tiere. Das männliche Geschlecht entstand aus der Kraft des Yang, das weibliche aus der Kraft des Yin.

Einer dritten Version nach, die uns Kindern besonders gefiel, gab es in der Wüste des Nordens einen roten Drachen, mit dem Gesicht eines Menschen. Tag wurde es, wenn er die Augen öffnete, Nacht, wenn er sie schloss. Wind und Sturm entstanden durch seinen Atem, im Sommer hielt er den Atem an, im Winter blies er kalte Luft. Deshalb fürchteten und verehrten die Menschen diesen Wetterdrachen, da sie von ihm abhängig waren.

Nun, egal, ob Pangu schallend lachte, oder der Wetterdrache den Atem anhielt, der Sommer war in diesem Jahr jedenfalls unerträglich. Am Tag suchten alle ein schattiges Plätzchen, und in den kühleren Abendstunden riss man alle Fenster auf, um Durchzug entstehen zu lassen. Ich war froh, noch nicht für eine feste Nummer im Programm eingeplant zu sein, denn die Scheinwerfer im Zirkuszelt heizten die Luft noch mehr auf. Zwar übte ich beinahe täglich mit Wáng Jun, dem ehemaligen Partner meines Vaters, aber das spielte sich noch in niedriger Höhe ab. Der Zenit, die Trapezaufhängung in der Zirkuskuppel lag für mich noch in weiter Ferne, um jedes Risiko auszuschließen. Zwar wollte ich meinem bàba nacheifern, was das Können und den sensationellen Auftritt anging, aber keinesfalls durch einen ebenso tragischen Unfall enden.

Als ich mir außerhalb des Zeltes etwas Abkühlung verschaffte, hörte ich unfreiwillig eine Unterhaltung zwischen Li Ying und Li Bo mit. Beide waren miteinander verheiratet und traten gemeinsam mit einer Jongliernummer auf.

»Was war heute mit dir los?«, fragte Li Ying seine Frau, »ich habe dich selten so unkonzentriert erlebt. Um ein Haar hättest du die Nummer geschmissen, weil immer mehr Teller herunterzufallen drohten.«

»Ja, es tut mir leid. Ich musste immer an gestern Abend denken. Du hast doch auch die arme Jian Chan gesehen. Auch wenn ihre Erscheinung stets durch den Lichtkegel verblasste, war nicht zu übersehen, was sie am Hals trug, bestimmt kein Collier.«

»Das bildest du dir ein. Aus der Entfernung hättest du das gar nicht sehen können. Es ist nur das Wissen darum, was dich geängstigt hat.«

»Das musst du gerade sagen, deiner Beschreibung nach sah Jian Yan auch nicht gerade friedlich aus.«

»Das war dumm von mir, es dir gegenüber zu erwähnen, entschuldige. Ich habe mir doch tatsächlich für einen Moment eingebildet, dass sein Gesicht hassverzerrt war.«

»Glaubst du, er ist ein Dämon geworden, der anderen Übles will?«

»Nein, nicht wirklich, wahrscheinlich bin ich ebenso einer Sinnestäuschung erlegen wie du. Jedenfalls ist es gut, dass die Tore zum Jenseits wieder geschlossen sind. Jetzt haben wir wieder ein Jahr lang Ruhe, bis der nächste Zhongyuan kommt.«

»Ich will nur hoffen, dass die Geister der Verstorbenen das auch so sehen.«

Ich hatte genug gehört und lief schnell vom Wagen weg in eine andere Richtung. Was meinte Li Bo am Hals meiner Mutter gesehen zu haben, eine Art Ausschlag, die von ihrer Krankheit verursacht wurde? Noch mehr in Unruhe versetzte mich, was Li Ying über meinen Vater gesagt hatte. Das konnte doch gar nicht sein, dass sein liebes Gesicht durch Hass entstellt gewesen war. Und vor allem gegen wen? Er hatte sich doch immer mit allen gut verstanden und war äußerst beliebt gewesen. Die Li’s mussten sich beide getäuscht haben, wer weiß, wen oder was sie gesehen hatten, aber meine lieben Eltern waren es bestimmt nicht gewesen, versuchte ich mich zu beruhigen. Nur gelang es mir nur schwer, sodass sogar meine Träume davon beeinflusst wurden.

So hatte ich in der folgenden Nacht einen schrecklichen Albtraum. Ich sah meine liebe māma hoch oben am Trapez den Salto üben. Nur war die Sicherheitsleine nicht wie sonst an ihrer Taille befestigt, sondern um ihren Hals gelegt. Als māma das ihr entgegen schwingende Trapez verfehlte und abstürzte, zog sich die Leine derart fest um ihren Hals, dass sie keine Luft mehr bekam und wild mit Armen und Beinen strampelte. Ihre Augen schienen förmlich aus den Höhlen zu treten und ihre dick angeschwollene Zunge hing ihr seitlich aus dem Mund. Als man ihr endlich zu Hilfe kam und die Leine kappte, war es schon zu spät. Ihr Körper lag schlaff und leblos wie der einer Puppe im Sand der Manege. Nur hatten Puppen für gewöhnlich nicht so entstellte Gesichter, deshalb wollte ich auch nicht glauben, dass diese meine Mutter war, und schaute am ganzen Leib zitternd suchend zur Zirkuskuppel hinauf. Aber meine māma konnte ich dort nicht finden.

Ich wagte nicht, irgendjemand von diesem schrecklichen Traum zu erzählen. Schon deshalb nicht, um nicht erneut jede schaurige Einzelheit vor Augen zu haben. Aber fortan beschlich mich eine leise Ahnung, woran meine māma wirklich gestorben war. Aber keiner der Erwachsenen würde mir in meinem Alter diesen Verdacht bestätigen, begriff ich instinktiv. So unterließ ich es vorerst, weiter nachzufragen.

Trotz aller Bewunderung für die Trapezkunst meiner Pflegeeltern, für die zauberhaften Akrobatinnen, die auf Einrädern ihre Kunststücke vorführten, die unglaublich gelenkigen Schlangenmädchen, die Luftakrobaten, die meterhohe Türme aus Stühlen bauten, um darauf herumzuklettern, und die wagemutigen Bambusakrobaten, die es fertig brachten, auf zwei Stangen in luftiger Höhe einen Spagat zu machen, gehörten in jenen Kindertagen meine Liebe und Faszination besonders den Tieren, die mit uns reisten. Ob ihnen dabei auch eine artgerechte Haltung widerfuhr, dafür hatte ich als kleines Mädchen noch keinen Sinn, umso mehr begann ich in der Zeit der Pubertät, während der man ohnehin alles hinterfragte, daran zu zweifeln.

Allen voran liebte ich die Pferde. Dass mit dem Pferd die Geschichte des Zirkus begonnen habe und Pferdedarbietungen ein unverzichtbarer Bestandteil des klassischen Zirkus seien, belehrte man mich. Dabei interessierten mich weniger die Kunststücke wie Achterlaufen, Gegenlaufen, Pirouette oder die sogenannte Ungarische Post, bei der ein Reiter, auf einem Pferd stehend, die Zügel von mehreren weiteren hält, die man den Tieren innerhalb der sogenannten Freiheitsdressur beigebracht hatte, son-dern viel lieber sah ich sie bar jeglichen Zwanges bei der fachmännischen Pflege des Fells und der Hufe zu oder beim Ausführen auf dem Zirkusplatz, denn die tägliche Bewegung dieser stolzen, schönen Tiere war außerhalb der Vorstellungen und Proben unverzichtbar.

Deshalb konnte ich mir vorübergehend auch vorstellen, der schönen Tu Aya nachzueifern, die allabendlich das Publikum begeisterte, indem sie auf ein galoppierendes Pferd sprang, dessen Sattel zwar mit kostbarer Seide bedeckt war, aber keine Steigbügel trug. Auf dem Pferderücken machte Tu Aya dann waghalsige Sprünge oder ließ sich seitwärts mit dem Kopf nach unten fallen. Der Höhepunkt der Nummer war jedes Mal, wenn Tu Ha, ihr Partner und Ehemann, zusammen mit einem Helfer eine breite Stoffbahn ausbreitete, unter der das Pferd durchgaloppierte, während Tu Aya über den Stoff sprang und stehend wieder auf dem Pferderücken landete.

Faszinierend fand ich auch Juan, den asiatischen Kragenbären, der eigentlich eine Bärin war, denn Juan ist ein Frauenname und bedeutet „Die Schöne“ oder „die Anmutige“. Sein „bàba“, P’an Nhat, der sie von klein auf besaß und dressiert hatte, erklärte mir, dass weibliche Kragenbären deutlich weniger Gewicht aufweisen und etwas leichter zu dressieren seien, und dass man diese Bärenart auch Mondbär nennt, wegen der weißen, sichelförmigen Fellfärbung auf der Brust, während er den Namen Kragenbär den längeren buschigen Haaren im Halsbereich verdankt. Dass man die kuscheligen Teddys nicht unterschätzen sollte, zeigten nicht nur die langen ausgeprägten Krallen, sondern die Tatsache, dass auch Juan in der Manege nur an der Longe geführt wurde und sie zusätzlich einen Maulkorb trug. Da bei Bären ihre Mimik anders als bei Raubkatzen einen bevorstehenden Angriff nicht ankündigt, gelten Bären bei der Dressur als unberechenbar, sagte man mir. Ich wollte einfach nicht glauben, dass von dem possierlichen Tier, das so niedlich Fahrrad fuhr, auf Rollschuhen oder Stelzen lief und zum Takt der Musik tanzte, eine Gefahr ausging, bis mir Zuko etwas erzählte, das er bei den Erwachsenen aufgeschnappt hatte.

Vor Jahren hatte sich Folgendes ereignet: P’an Nhat hatte zu der Zeit in einem Vergnügungsparks in der Nähe von Shanghai seine Nummer mit der radfahrenden Juan vorgeführt. Gleichzeitig fuhr in der Arena ein dressierter Affe ebenfalls Rad. Als er plötzlich aus der Spur geriet, war er von Juan angegriffen und zerfleischt worden.

Folglich machte ich erst einmal eine Weile einen großen Bogen um die Bärin, weil ich die Geschichte so schaurig fand und nicht wusste, was ich davon halten sollte.

Die beiden Elefanten, Sina und Ran, waren auch Weibchen, deshalb konnte es keinen Nachwuchs bei ihnen geben, was ich außerordentlich bedauerte, denn die ausgewachsenen Tiere ängstigten mich allein von der Größe her schon sehr. Dabei konnte ich allabendlich beobachten, wie grazil sie sich bewegten, beinahe leichtfüßig. Außer Rüssel- und Fußheben, Hinlegen, Aufsitzen und Drehen beherrschten sie auch Kunststücke wie dem einarmigen Handstand auf einem der Vorderläufe, dem Gang über zwei dicke Drahtseile und dem Balancieren auf großen Bällen.

Ganz besonders beeindruckend fand ich, wenn die elfenhafte Sulin sich auf die Stoßzähne der Tiere legte. Dabei erkannte keiner der Zuschauer, dass es sich dabei um einen Trick handelte, denn bei den asiatischen Elefanten sind die Stoßzähne bei Weibchen nur rudimentär ausgebildet oder gar nicht vorhanden. Mithilfe von aufgesetzten „Prothesen“ wurde also die Illusion von gewaltigem Elfenbein erzeugt, und niemand merkte es.

Um keinen Trick hingegen handelte es sich, wenn Sulin sich gar unter einen der angehobenen Elefantenfüße legte. Sowohl Sina als auch Ran gingen dabei äußerst vorsichtig zu Werke, sodass für Sulin nie Gefahr bestand. Trotzdem hätte ich um keinen Preis der Welt mit ihr tauschen wollen.

Da Raubtierdressuren zu den Höhepunkten eines klassischen Zirkusprogramms gehören, gab es natürlich auch Löwen in unserem Zirkus. Raubkatzen gelten in ihren Ansprüchen als recht genügsam und pflanzen sich auch unter nicht so günstigen Bedingungen in der Obhut von Menschen fort. Deshalb kam ich in den Genuss, ihren Nachwuchs aus nächster Nähe bewundern zu können. Ich war damals etwa zehn Jahre alt und hätte mich am liebsten den ganzen Tag in der Nähe der Käfige aufgehalten. Sogar mein Training am Trapez vergaß ich vor Aufregung und musste mich dafür schelten lassen.

Schon früh am Morgen nahmen die Löwenbabys ihr Frühstück am Bauch der Mutter ein. Dieses Schauspiel wollte sich auch Mimi nicht entgehen lassen. Zuko stieß erst am Vormittag dazu, denn dann wurden die Kleinen zum Löwenspielplatz geführt, dessen Boden mit desinfiziertem Stroh belegt war. Dort konnten sie raufen und toben, wovon auch Zuko nicht genug bekam, wohl deshalb, weil er eben ein richtiger Junge war. Verletzungsgefahr bestand dabei nicht, denn die ersten Zähnchen kamen frühestens in einer Woche. Der stolze Löwenvater schaute ihnen dabei aus sicherer Entfernung zu. Gegen Mittag bekam die Löwen-Mutter dann Leber, Huhn und frischen Pansen, damit sie über genügend Muttermilch für die hungrigen kleinen Mäuler verfügte. Anschließend putzte die Löwin die Kleinen gründlich am Bauch und schleckte ihnen das Fell sauber.

So gerne ich es gewollt hätte, durfte ich die Babys nicht anfassen, damit sie wegen des ungewohnten Geruchs nicht von ihrer Mutter verstoßen wurden.

Vor der Vorstellung schaute der Tiertrainer nach dem Nachwuchs und wurde dabei von der Löwin beobachtet, die ihm aber vertraute, da er schon bei der Geburt dabei gewesen war. Gegen Mitternacht wurde dann über dem Strohbett eine Wärmelampe eingeschaltet. Wenn sich die Löwenbabys an ihre Mutter kuschelten, fragte ich mich, ob sie vielleicht von ihrem ersten großen Auftritt in der Manege träumten, bis zu dem allerdings noch mindestens drei Jahre vergehen mussten.

Dass mit Löwen, besonders mit Muttertieren, nicht zu spaßen war, zeigte eine Begebenheit, die mich noch heute mit Grauen erfüllt. Nach einer Vorstellung hatte sich ein angetrunkener Bursche unbemerkt den Löwenkäfigen genähert. Um seinen Mut zu beweisen und seiner Freundin zu imponieren, hatte er sich in den Kopf gesetzt, eines der niedlichen Babys dem Mädchen zum Streicheln auf den Arm zu geben. Daraufhin hatte sich die Löwin völlig außer sich auf ihn gestürzt und seinen Arm zu fassen bekommen, weil der Bursche in seinem angeheiterten Zustand in der Reaktion eingeschränkt war. Zirkusarbeiter konnten ihn auf seine Hilferufe hin zwar noch wegziehen, aber nicht verhindern, dass ihm der rechte Arm abgetrennt wurde. Durch den Schock empfand der junge Mann wohl in diesem Moment nicht einmal Schmerzen, aber ich werde nie die Schreie und die vor Angst aufgerissenen Augen des Mädchens vergessen.

Zuko entwickelte sich zu einem richtigen kleinen Kavalier. Er überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten und Geschenken, sodass ich an Mimis Einschätzung nicht länger zweifeln konnte. Er schien mich wirklich zu mögen und vielleicht sogar ein wenig verliebt in mich zu sein, was er unter keinen Umständen zugegeben hätte. Jungen interessierten mich in diesem Alter noch nicht, deshalb genoss ich zwar seine Zuneigung, war aber weit davon entfernt, mit ihm Zärtlichkeiten auszutauschen. Zukos Schüchternheit verhinderte dies ohnehin, da hätte ich schon den Anfang machen müssen. Wir verhielten uns mehr wie gute Kumpel zueinander und trainierten fleißig gemeinsam, hatten wir doch beide dasselbe Ziel: einmal berühmte Trapezkünstler zu werden.

Mit ihm konnte ich schöne Gespräche führen, die anders als mit Mimi, keine Mädchenthemen berührten. Mitunter schien er sogar zu vergessen, dass ich ein Mädchen war und ängstigte mich mit seinen Geschichten, die wie bei den meisten Jungs nicht unheimlich und blutrünstig genug sein konnten. Der Bericht über den Angriff der Bärin Juan auf den Affen stammte schließlich auch von ihm. Er witterte überall die kopflosen Yü kuang - Geister oder die langhaarigen Echogeister Wang ling mit Kindergestalt. Wenn er dann auch noch mit den leichenfressenden Wang xiang anfangen wollte, gebot ich ihm aber Einhalt.

Er behauptete ernsthaft, dass unser Zirkus unter keinem guten Stern stünde und hinter vorgehaltener Hand der „Geisterzirkus“ genannt wurde. So hatte es angeblich schon lange vor dem Tod meiner Eltern seltsame Todesfälle gegeben.

»Vor vielen Jahren ist hier mal ein Feuerspucker aufgetreten«, begann er mit ernstem Gesicht, »ja, ich weiß, dass die nicht wirklich Feuer spucken, sondern nur eine brennbare Flüssigkeit an einer Fackel entzünden. Aber an jenem Abend kam der Feuerschweif zu ihm zurück und verbrannte sein ganzes Gesicht. Einige Zuschauer wollten eine dämonische Fratze gesehen haben, die das Feuer zurückpustete. Das Gesicht des Mannes war dann so entstellt, dass er nie wieder auftreten konnte.«

»Wenn die Geschichte überhaupt stimmt, dann hat es vielleicht nur Durchzug gegeben«, sagte ich zweifelnd, »an die pustende Fratze glaube ich jedenfalls nicht.«

»Doch, sie muss stimmen, er soll heute noch manchmal sehnsüchtig durch einen Vorhangspalt in die Manege schauen, obwohl das Unglück schon viele Jahre her ist.«

Mein skeptischer Gesichtsausdruck veranlasste Zuko dann noch einen draufzusetzen. »Ich habe ihn auch schon gesehen, wenn du es genau wissen willst. Seine Haut sieht aus wie zerknittertes Pergament, das irgendwie stellenweise unnatürlich glänzt. Er hat eine winzige Nase und keine Augenbrauen und Ohren mehr.«

»Da der Mann nicht gestorben, sondern nur sehr schwer verletzt worden ist, kann man ja wohl kaum von einem Geist sprechen«, ließ ich mich nicht beirren.

»Doch, er ist nämlich ein paar Jahre später verstorben.«

»Und von wem hast du die Geschichte? Du selbst warst ja wohl zu dieser Zeit noch nicht auf der Welt.«

»Ich habe da so meine Quellen. Manchen Erwachsenen ist es egal, dass ich noch ein Kind bin. Sie behandeln mich jedenfalls nicht so.«

»Das war bestimmt einer der Arbeiter, die beim Auf- und Abbau des Zeltes geholfen haben. Der wollte dir nur Angst machen oder sich wichtig tun. Da sind ganz üble Burschen dabei. Von denen solltest du dich fernhalten.«

»Wenn du mir nicht glaubst, kann ich diese Geschichten auch für mich behalten.«

»Jetzt sei nicht gleich beleidigt. Nein, ich finde das sehr interessant. Was hast du sonst noch zu bieten?«

»Vor Shi, unserem Schlangenmädchen, hat es früher ein anderes gegeben, das spurlos verschwunden ist. Später hat man es dann tot aufgefunden. Die junge Frau soll von einem Mann entführt worden sein, der regelrecht besessen von ihr gewesen ist. Er hat sie wochenlang gefangen gehalten und ihr die Fußsehnen durchgeschnitten, damit sie ihm nicht weglaufen konnte.«

»Und die siehst du auch manchmal?«

»Nein, ich nicht, aber andere. Sie soll sich kriechend wie eine Schlange fortbewegen, ihre Haut schuppig sein und ihre Augen auch mehr denen einer Schlange gleichen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ihr nicht so gerne begegnen. Ich mag diese Viecher nicht.«

Für mich hörte sich das mehr nach einer Legende an. Ein Mädchen kann seinen Körper so geschmeidig verbiegen, dass man sie mit einer Schlange vergleicht. Und als sie stirbt, aus welchen Gründen auch immer, gleicht ihr Geist ebenfalls einer Schlange, könnte man annehmen. Aber ich behielt meine Bedenken für mich, damit Zuko nicht gleich wieder einschnappte.

»Und dann gibt es da noch den Schwertschlucker, der über ein unsichtbares Hindernis stolperte und sich dabei den Oberkörper aufspießte«, sprach Zuko weiter, um mich endgültig zu überzeugen. »Wenn der sich sehen lässt, trägt er immer noch das Schwert in seinem Rachen, und die Spitze ragt aus seiner Brust. Allerdings kommt der nur zur Zeit des Zhongyuan, dafür aber jedes Jahr.«

Ich unterließ es, Zuko zu fragen, ob er den auch schon gesehen hatte, denn mir wurde schmerzlich bewusst, dass meine māma sich mir das erste Mal zum Totenfest gezeigt hatte. Zuko deutete mein nachdenkliches Schweigen als Anzeichen, mich endlich überzeugt zu haben. Ich ließ ihn in dem Glauben. Ich fragte mich nur, warum nur ich, ein paar Zuschauer und die Jongleure Li Ying und Li Bo meine Eltern gesehen hatten, Zuko aber nicht. Entweder er prahlte nur damit, die Geister Verstorbener sehen zu können, oder ließ absichtlich meine Eltern aus, wenn er von denen sprach, die dem „Geisterzirkus“ zu seinem Namen verholfen hatten. Früher oder später würde er mir darüber Auskunft geben müssen.

Zukos Erzählungen bereiteten mir dann aber doch unruhige Nächte und schwere Träume. Einmal meinte ich, von einem seltsamen Geräusch geweckt worden zu sein, eine Art Zischen. Als ich schlaftrunken die Augen öffnete, bewegte sich ein Wesen auf mich zu, das halb Frau und halb Schlange zu sein schien. Geschmeidig glitt sie über den Boden, und ihre lidlosen Augen, die die derart trüb waren, dass sie wie tot wirkten, fixierten mich furchteinflößend. Ich war vor Schreck wie gelähmt und konnte keinen Ton aus meiner trockenen Kehle hervorbringen, also auch nicht nach Mimi rufen. Erst als das Reptil mir so nahe war, dass ich seine gespaltene Zunge auf meiner Haut spüren konnte, löste sich meine Schockstarre in einem gellenden Schrei, der mich und Mimi erwachen und dankbar feststellen ließ, dass ich nur geträumt hatte.

China Blues

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