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ОглавлениеDie Entdeckung der „Geschichte Karthagos von Hannibal Minor“
Vorwort von Dr. Åke Jensen und Dr. Dr. Leif Sørensen
Als sich vor einem Jahr der Archivar der Gravesen-Reederei Dr. John Jensen beim Altertumswissenschaftlichen Institut der Universität Sakskøbing meldete, weil er eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht haben wollte, war für niemanden abzusehen, dass dies tatsächlich zutreffen würde.
Es kommt nicht selten vor, dass sich Firmen oder Privatpersonen an die Wissenschaft wenden, weil sie in ihrem Umfeld auf etwas Unerwartetes oder Unerklärliches gestoßen sind. Dabei geht es zumeist um die Beobachtung eines seltenen Wetterphänomens, eine vermeintlich neu entdeckte Spezies im eigenen Garten, eine geheimnisvolle, meist aber nur unleserliche „Flaschenpost“ aus dem letzten Urlaub oder einfach um alte und oft alltägliche Münzen aus dem Nachlass der Großeltern.
Bei der Entdeckung in der Gravesen-Reederei war es anders. Es ging um ein Bündel eng beschriebener Papyrusrollen aus einer vergessenen Holzkiste. Die Kiste war „anlässlich einer ordnungsamtlichen Begehung und anschließender brandschutzrechtlicher Bedenken“, wie Dr. Jensen uns etwas zerknirscht mitteilte, aus den Kellergewölben der alten Schifffahrtsgesellschaft ans Tageslicht gekommen. Die Recherchen des Archivars ergaben, dass es sich bei dem alten Gegenstand um die Seekiste des Kapitäns Stig Bastrup (1766 - 1812) handelt, jenem universellen Möbel- und Gepäckstück der Seefahrer, das auf keiner Reise fehlen durfte.
Weiter stellte sich heraus, dass Kapitän Bastrup Ende des 18. Jahrhunderts im Tross der napoleonischen Expedition ein Versorgungsschiff nach Ägypten geführt hatte. Nach den Akten der Reederei blieb Bastrup für ein halbes Jahr in Ägypten, ehe er auf Wunsch der französischen Marine nach Hause geschickt wurde. Ein im Übrigen unbekannter Inspektor Dreyfuss bemängelte im Demissionsschreiben Insubordination der Unternehmung, private Handelsgeschäfte und Trunksucht des Kapitäns.
Auf den Papyrusrollen hatte Archivar Dr. Jensen Schriftzeichen entdeckt, die er dem lateinischen Alphabet zuordnete; darüber hinaus bat er schließlich um Hilfe durch das Altertumswissenschaftliche Institut der Universität Sakskøbing. Die Vermutung von Dr. Jensen stellte sich als richtig heraus. Die zwölf Rollen waren in lateinischer Schrift und Sprache beschrieben, nach den ersten Worten des Schriftsatzes handelte es sich um die „Geschichte Karthagos von Hannibal dem Kleinen“ (Hannibal Minor).
Dadurch neugierig geworden, begannen wir die Papyrusrollen vorsichtig zu öffnen, im Labor abzulichten und einer ersten Untersuchung zu unterziehen. Und tatsächlich: Wir entzifferten eine kleine Geschichte der alten Großmacht Karthago. Glaubt man dem Text, so entstand sie um 100 v. Chr., verfasst durch einen Sohn zweier Überlebender der Zerstörung der Stadt Karthago im Jahr 146 v. Chr.
Das Latein wirkt merkwürdig auf uns, vor allem im ersten Teil seltsam bemüht und steif, womöglich durch einen Nicht-Muttersprachler verfasst. Manche Abweichungen vom klassischen Latein Ciceros und Caesars erinnern uns entfernt an den lautmalerischen „Dialekt“, den Plautus um 150 v. Chr. seinem „Poenulus“, dem karthagischen Gemischtwarenhändler in Rom, in den Mund gelegt hatte. Der Inhalt entspricht dem, was die ersten Worte ankündigten: Es handelt sich um eine leidenschaftlich vorgetragene Geschichte des alten Karthagos. Die Schrift erscheint demgegenüber routiniert, wenig fehlerbehaftet, wir möchten eine Kopie durch einen professionellen Schreiber vermuten.
Nach diesen ersten vielversprechenden Eindrücken erklärte sich die Reederei Gravesen bereit, eine erste chemische und radiologische Untersuchung in den Laboren der Universität zu finanzieren. Parallel dazu zogen wir unseren alten deutschen Freund Olde Hansen hinzu und bemühten uns um eine erste Übersetzung. Leif besorgte die Transkription der Schriftzeichen in eine allgemein lesbare Schrift, Åke bemühte sich um eine ebenso lesbare Übersetzung, während Olde mit seinen Kenntnissen über die Geschichte Karthagos beratend zur Seite stand.
Noch während der gemeinsamen Arbeit am Text erreichten uns die Ergebnisse der Laboruntersuchungen der alten Papyri: Die Radiocarbon-Messungen ergeben ein Alter von mindestens 2000 Jahren, der Ruß in der verwendeten Tinte deutet auf eine Entstehung des Textes im heutigen Spanien hin. Insgesamt halten wir den Text also für „echt“, formal und inhaltlich ist er anscheinend das, was er sein will: Die „Geschichte Karthagos von Hannibal dem Kleinen“ aus dem Jahr 100 v. Chr.
Gleichwohl: Eine Auswertung der Schrift nach wissenschaftlichen Standards erfordert weitere Überlegungen und Untersuchungen. Wer war Hannibal Minor? Ist er wirklich der Nachkomme karthagischer Flüchtlinge, als der er sich ausgibt? Ging es ihm wirklich nur darum, wie er schreibt, die Geschichte seiner Vorfahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen? Hat er noch andere Werke verfasst? Haben sein Leben oder seine gerade neu entdeckte Schrift womöglich Spuren in anderen antiken Quellen hinterlassen?
Weiterhin ist für jede einzelne Epoche der karthagischen Geschichte, über die Hannibal Minor schreibt, zu prüfen, woher unser Autor seine Informationen aus den längst vergangenen Zeiten überhaupt hatte. Nur so kann eingeschätzt werden, wie glaubwürdig der Text ist. Sämtliche Aussagen und Argumentationen sind auf ihre innere Plausibilität hin zu untersuchen und mit dem bereits heute vorhandenen Wissen abzugleichen. Abweichungen, Widersprüche und auch Lücken müssen detektivisch aufgespürt und ausgewertet werden.
Ebenso sollte versucht werden, den Aktivitäten Kapitän Bastrups, des ersten „Entdeckers“ der Papyrusrollen, nachzugehen. Die wenigen Informationen, die uns zurzeit vorliegen, deuten eine schillernde Biographie eines umtriebigen „Lebemannes“ an. Vielleicht finden sich in seinem Umfeld, seinem „Netzwerk“ in Ägypten, in seiner Familie oder in den Akten der napoleonischen Marine weitere Hinweise auf Hannibal Minor oder weitere Fundstücke, die die Wissenschaft interessieren könnten?
Für all diese Vorhaben sind weitere Experten, weitere finanzielle Mittel und mehr Zeit nötig. Ressourcen, die weder die Universität Sakskøbing noch die Reederei Gravesen zur Verfügung stellen können. Wir haben die Angelegenheit deshalb an das Königliche-Archäologische Institut in Kopenhagen abgegeben. Die „Vereinigung der Seeländischen Kaufleute“ wird auf Vermittlung der Reederei Gravesen einen anteiligen Beitrag zur weiteren Erforschung des Textes bereitstellen.
Davon unabhängig haben wir es uns jedoch erlaubt, eine erste Übersetzung des Textes zu veröffentlichen. Denn immerhin verspricht der Fund des Archivars Dr. Jensen eine kleine wissenschaftliche Sensation zu werden, die zudem nicht wenige Menschen auch außerhalb der Universitäten und Akademien interessieren dürfte.
Für die erste Ausgabe haben wir die deutsche Sprache gewählt. Deutschland verfügt über eine lange althistorische Tradition und in den Altertumswissenschaften ist das Deutsche noch immer eine Wissenschaftssprache. So soll bereits heute auch eine breitere Öffentlichkeit an der „Geschichte Karthagos“ des Hannibal Minor teilhaben können. Eine Übersetzung ins Dänische folgt im kommenden Frühjahr in der Festschrift, die anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Universität Sakskøbing erscheinen wird.
Der Text wurde von Olde Hansen kommentiert. Die Kommentare sollen die Geschichte Hannibal Minors mit Hilfe weiterer historischer und archäologischer Quellen erläutern und helfen, sie sowohl in die karthagische Geschichte als auch die antike Weltgeschichte einzuordnen. Neben der Datierung der von Hannibal beschriebenen Ereignisse wird (soweit vorhanden) auf die wichtigste Parallelüberlieferung durch bereits bekannte antike Autoren, die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen und (soweit sinnvoll) einzelne Forschungsarbeiten hingewiesen.
Angesichts der auch für Fachleute unübersichtlichen Quellenlage und der Masse an Forschungsliteratur kann ein solcher Kommentar nur unvollständig bleiben und lediglich dem Zweck dienen, dem neugierigen Leser einen tieferen Einstieg in die Materie zu ermöglichen. Eine wohl tatsächlich vollständige Aufstellung aller bekannten antiken Texte und der älteren Forschungsliteratur zum Thema Karthago findet sich, nach Themen gruppiert, im „Handbuch der Altertumswissenschaft. Band 8, Geschichte der Karthager“ aus dem Jahre 1985 von Werner Huß. Klaus Geus hat darüber hinaus 1994 alle literarischen Belege für die heute bekannten, etwa 200, Karthager zusammengestellt.
Für die früheren Jahre Karthagos kann hier auch auf Walter Amelings „Studien zu Militär, Staat und Gesellschaft“ von 1993 verwiesen werden, für die Zeit der Römischen Kriege auf die kürzlich erschienene Studie „Roms Aufstieg zur Weltmacht“ von Gunnar Manz. Das zweibändige Werk von Jakob Seibert über den wohl berühmtesten Karthager, den Feldherren und Politiker Hannibal aus dem Jahre 1993 ist zwar thematisch enger gefasst, beschreibt jedoch zusätzlich und akribisch die wissenschaftlichen Diskussionen, die nicht selten auch die gesamte karthagische Geschichte betreffen. Ebenso gewissenhaft hat Hans Meier-Welcker 1979 ein gehaltvolles Heftchen über die Kriege der Karthager auf Sizilien verfasst. Wer sich vor allem ein Bild von Karthago und seiner Kultur machen möchte, dem seien die farbenfrohen Bände des tunesischen Wissenschaftlers M'Hamed Hassine Fantar empfohlen.
Im Bereich der Archäologie fehlen vergleichbare Zusammenstellungen. Hier ergibt erst die Summe der Erkenntnisse, beispielsweise aus den hier ausgewerteten Überblickswerken von Gilbert Charles-Picard, Serge Lancel, Friedrich Rakob, Hans-Georg Niemeyer, Richard Miles und Roald Docter ein annähernd vollständiges Bild des heute bekannten archäologischen Wissens über das alte Karthago. Bei der Lektüre ist jedoch stets zu beachten, dass neuere Arbeiten – anders als bei rein historischen Arbeiten – in der Regel die älteren „ausstechen“.
Dass die Beschäftigung mit der Antike auch heute gewinnbringend ist, haben zu Beginn des neuen Jahrtausends Peter Bender, Altay Coşkun und Manuel Tröster gezeigt, indem sie die US-amerikanische Außenpolitik in Auseinandersetzung mit den Römisch-Karthagischen Kriegen untersuchten. Dabei prophezeiten sie den gegenwärtigen USA aus der Römischen Geschichte heraus eine innenpolitische Krise, wie sie mit der Wahl Donald Trumps (als populistischem Wiedergänger des Popularen Tiberius Gracchus) zum Präsidenten auch tatsächlich eintraf. Ebenso beeindruckend kann es sein, sich wie Martina Trapp den Wandel des Bildes von Karthago, das sich die altertumswissenschaftliche Forschung seit rund 200 Jahren immer wieder neu macht (und in die Schulbücher oder die Kunst einfließen lässt), vor Augen zu führen. Karthago war offenbar für viele Historiker immer auch eine Spielwiese, die je nach Zeitgeist und eigenen Vorlieben neu gestaltet wurde.
Nicht zuletzt aus diesem Grund freuen wir uns über ein Nachwort unseres Freundes Olde. Er wird einen ersten Versuch wagen, sich einigen der oben aufgeworfenen Fragen der Wissenschaft zu stellen und eine ebenso sachkundige wie beherzte historische Bewertung des Textes vorzunehmen.
Und nun wünschen wir viel Freude beim Entdecken der einzigartigen Welt des alten Karthagos und des Hannibal Minor!