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Kapitel 2

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Lea

Lea wuchs die ersten sieben Jahre ihres Lebens in einer glücklichen Familie in der Stadt auf. Es gab nicht viel, was man über ihre Kindheit sagen konnte, außer, dass sie sehr schön war. Dank der intensiven medizinischen Betreuung und liebevollen Fürsorge ihrer Eltern wurde sie bald gesund. Damals glaubte sie wirklich, das ganze Leben sei ein aufgeweckter Frühlingstag. Ihre Stimme, hell und glockenklar, konnte die Menschen aus dem Winterschlaf holen.

Als Lea sieben Jahre alt wurde, nahm ein Unfall ihr die Eltern. Mit diesem Verlust begann sich der Schatten über ihr Leben zu legen.

Lea kam ins Kinderheim. Sie wurde in einen Raum gebracht, in dem schmiedeeiserne Betten reihenweise aufgestellt waren. Anschließend wurde ihr das Bett gezeigt, in dem sie schlafen würde.

Abends kroch sie unter die Decke, das Halstuch, das ihre Mutter ihr geschenkt hatte, in der Hand. Sie schloss die Augen, träumte sich in die schöne Welt hinein, die sie verloren hatte.

Am Morgen nach dieser ersten Nacht lauschte sie von ihrem Bett aus dem Wind, der um das Gebäude herum heulte. Für Lea war es ungewöhnlich, in einem Raum voll fremder Mädchen zu liegen.

Die ersten Tage waren schwer für sie. Zeit zu trauern blieb ihr nicht, schon musste sie sich an die neue Gemeinschaft gewöhnen. Die ersten Regeln im Kinderheim waren: Aufstehen, Bett machen, Gesicht und Hände waschen, sich anziehen und rechtzeitig zum Frühstück erscheinen. Die wichtigste Regel lautete jedoch: sich nicht beschweren und mit dem zufrieden sein, was man bekam.

In ihren Gefühlen stolperte sie herum wie zwischen Glasscherben, aber niemand nahm Notiz von ihrer Verzweiflung oder ihrem Schmerz.

Im Kinderheim bekam Lea Kleider, die so groß waren, dass sie hineinwachsen konnte, sie schien fast darin zu ertrinken. Dazu waren ihre Schuhe zu klein: Als sie in Reih und Glied in die Stadt gehen mussten, brannten ihre Füße. Sie blickte auf die abgetragenen Schuhe herab: Die Sohle hatte sich fast gelöst, ihre Zehen schauten heraus.

Im Schulunterricht trugen die Mädchen eine Uniform: blaue Kleider mit blauen Schürzen.

Manchmal hatte sie seltsame Träume. Sie träumte davon, mit einer Frau und mit einem Mädchen, das genau so aussah wie sie, am Tisch zu sitzen und zu reden.

Lea war ein aufgewecktes Kind. Gern kletterte sie auf Bäume und lachte. Nur manchmal verhielt sie sich in den Augen der Betreuer seltsam: Dann hielt sie plötzlich mitten in ihren Aktivitäten inne, ihr Blick schweifte ab und sie schien mit ihren Gedanken ganz woanders. Darauf angesprochen, wusste Lea keine Antwort; sie wusste ja selbst nicht, wo sie gerade mit ihren Gedanken war. Der hinzugezogene Arzt diagnostizierte: »Das Mädchen ist kerngesund, ihr Verhalten kommt davon, dass sie zu viel träumt.«

Man ließ Lea in Ruhe.

Schnell wurde Lea klar, dass viele Mädchen im Kinderheim nicht glücklich waren. Keines von ihnen war gern hierhergekommen. Sicher war, dass jede lieber woanders wäre.

Manchmal veranstalteten die Kinder Konzerte. An diesen Tagen wollte jeder hübsch aussehen, denn die Kinder wussten: Im Saal, in den Zuschauerreihen befanden sich die potenziellen Adoptiveltern. Dann wollten die Mädchen sich Leas Haarschleifen leihen, die ihre Eltern ihr geschenkt hatten. »Kannst du uns deine Haarschleifen ausleihen?«, fragten sie Lea. »Wir wollen schön aussehen, vielleicht gefallen wir jemandem, vielleicht bekommen wir Eltern.«

Lea gab den Mädchen mehr als ihre Haarschleifen: Sie setzte die Mädchen auf einen Stuhl und zauberte ihnen die schönen Frisuren, die ihre Mutter ihr damals gemacht hatte. Lea fieberte mit den anderen Mädchen und freute sich, wenn tatsächlich Eines neue Eltern fand, aber sie selbst wollte nicht adoptiert werden. Für sie stand fest, dass niemand ihr ihre eigenen Eltern ersetzen konnte. Vor dem Schlafengehen träumte sie davon, wie eine Hand über ihr Haar streichelte, die Bettdecke zurechtzupfte und eine sanfte Stimme ihr ein Märchen vorlas.

Unmerklich vergingen mehrere Jahre und Lea hatte kaum bemerkt, wie sich ihre Kindheit von ihr verabschiedet hatte.

Die Waldhütte

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