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Das Plastik

Das Meer vergisst nicht. Die Wellen schwemmen den Müll an die Küsten und legen den Menschen vor die Füße, was sie loswerden wollten. Wir können dann erahnen, was die Ozeane bergen, doch den meisten Müll sehen wir nicht. Das meiste Plastik sinkt hinab in die Tiefe. Tausende Meter unter der Oberfläche finden sich Flaschen und Schuhe, Fischernetze und Autoreifen. Auf dem Grund lagert ein Archiv unseres Lebens.

Die Menschen haben an Land gegraben, um mehr über ihre Vorfahren herauszufinden, haben die Knochen von Neandertalern untersucht und die Schätze von Pharaonen. In ein paar hundert Jahren, auch in tausend Jahren noch, werden sie auf dem Grund der Ozeane viel über uns erfahren. Die Flaschen und Autoreifen werden ihnen von einer Zeit erzählen, in der die Menschen so viel Plastik produziert haben wie noch nie zuvor.

Die Nachrichten vom Kunststoff in unseren Meeren und in unseren Körpern bewirken, dass momentan über kein anderes Material so viel debattiert wird wie über Plastik. Dabei ist es noch nicht lange her, dass wir den Kunststoff überhaupt nicht in Frage stellten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er ein Material des Wiederaufbaus, und bis heute ist er Antrieb unseres Konsums, die Menschen liebten das Plastik und ich auch.

Es begann mit einem Papagei in einem türkisfarbenen Käfig, vielleicht zehn Zentimeter groß. Ein Geschenk zum Geburtstag. Auf dem Tisch brannten vier Kerzen und ich bekam noch ein paar andere Dinge, Murmeln und Bilderbücher, der Papagei aber war mir am liebsten. Er hatte kurze Flügel und einen großen Schnabel und vor allem roch er nach Plastik. Ein Geruch, den ich als Kind liebte. Es war für mich der Geruch von Neuem.

Das Plastik hat mich mein Leben lang begleitet. Meine Großmutter und meine Mutter hatten ihre Schulbrote noch in Backpapier eingewickelt, ich legte am Morgen eine Box aus Kunststoff in meinen Rucksack. Ich bewunderte auf dem Pausenhof die Kinder mit den blinkenden Schuhen (aus Plastik) und baute am Nachmittag aus bunten Steinen neue Welten zusammen (aus Plastik). Ich kaufte mir viele Jahre später von meinem Taschengeld eine Jacke, die wie Leder aussah, jedoch aus Kunststoff bestand, und wiederum viele Jahre danach räumte ich mein erstes Sofa in meine erste Wohnung. Auch das war aus Kunststoff.

Der französische Philosoph Roland Barthes bezeichnete das Plastik einmal als magisches Material, aus dem man alles erschaffen könne, was man sich nur vorzustellen vermag. Er träumte in den 1950er Jahren von einer plastifizierten Welt, und nur wenige Jahrzehnte später bin ich in dieser Welt aufgewachsen. Roland Barthes schrieb seinen Aufsatz voller Euphorie, und auch während meiner Jugend stellte das Plastik noch kaum jemand in Frage. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis der Menschen zu diesem Material so stark verändert wie noch nie zuvor in der Geschichte. Das hat zum einen damit zu tun, dass wir immer mehr über Plastik wissen – und zum anderen damit, dass wir noch lange nicht genug wissen.

Es vergeht kaum eine Woche, in der in den Zeitungen und in den sozialen Netzwerken nicht vom Plastik und seinen Folgen zu lesen wäre. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzen, dass wir bislang mehr als acht Milliarden Tonnen Kunststoff auf der Erde produziert haben und mehr als sechs Milliarden Tonnen davon zu Müll wurden. Umweltschützerinnen und Umweltschützer beklagen, dass mindestens fünf Millionen Tonnen Plastik innerhalb eines Jahres ins Meer gelangen und sich der Kunststoff nicht nur am Grund der Ozeane findet, sondern auch in den Mägen von Fischen und Vögeln. Verbraucherschützerinnen und Verbraucherschützer geben zu bedenken, dass bestimmte Substanzen in Kunststoffen dem Menschen schaden können. Manche sind in den vergangenen Jahren verboten worden.

Plastik findet sich überall auf der Welt, selbst in Gegenden fern der Städte und fern der Menschen, und es baut sich so langsam ab, dass es uns über Jahrhunderte erhalten bleiben wird. Welche Folgen das haben wird, wissen wir nicht, und immer mehr Menschen wird Plastik deshalb unheimlich. Sie versuchen, auf den Kunststoff zu verzichten, und das ist in manchen Bereichen auch sinnvoll, doch wir werden nie wieder in einer Welt ohne Plastik leben. Es ist deshalb umso wichtiger, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft mit dem Material umgehen wollen. Diese 100 Seiten sollen dabei helfen.

Das erste Kapitel wird vom Problem mit dem Müll erzählen, vom Kunststoff in den Ozeanen und den vielen Verpackungen. Im zweiten Kapitel wird es um die Risiken von Plastik gehen, um verbotene Weichmacher und den Tod eines Eissturmvogels. Im dritten Kapitel werden wir mehr über die Menschen erfahren, die den Kunststoff erfunden haben, über einen verarmten Eisenwarenhändler zum Beispiel oder über die Experimente eines Buchdruckers. Im vierten Kapitel werden wir dem Weg des Plastiks folgen und herausfinden, was mit dem Kunststoff passiert, den wir in unsere Tonnen werfen. Im fünften Kapitel schließlich wird es vor allem um uns Menschen gehen – und um die Frage, was wir tun können, damit in Zukunft nicht immer noch mehr Plastik zu immer noch mehr Müll wird.

Es ist eine gute Zeit, um darüber nachzudenken, weil sich gerade viel verändert. Die Politikerinnen und Politiker haben das Problem erkannt, nicht nur in den Gemeinderäten und Stadträten wird über Plastikmüll debattiert, sondern auch in Berlin und in Brüssel. In den großen Unternehmen arbeiten Menschen währenddessen an besseren Verpackungen, zum einen wegen neuer Gesetze, zum anderen aber auch, weil die Kritik am Plastik lauter wird. Nicht nur in den Bioläden des Landes legt man uns nahe, dass wir an dem Material sparen sollten, sondern ebenso in Drogerien oder Restaurants oder in einer Strandbar irgendwo im Süden von Kroatien. Die Menschen setzen sich mit ihrem Plastikmüll auseinander, gerade weil sie so oft mit ihm konfrontiert sind. Andere globale Herausforderungen wie der Klimawandel zum Beispiel sind ihnen zwar bewusst, aber die dünner werdende Ozonschicht ist eine abstrakte Vorstellung – während jede und jeder andauernd irgendeine Plastikfolie aufreißt.

Wir sollten die Zeit nutzen, in der so viel Interesse an diesem Thema da ist und so viel Wille. Denn die öffentliche Aufmerksamkeit funktioniert wie ein Scheinwerfer: Für einen kurzen Moment leuchtet er einen Teil der Bühne aus, die Menschen im Publikum blicken alle auf diese eine Stelle, die zuvor im Dunkeln lag. Dann schwenkt der Scheinwerfer um und die Zuschauer richten ihre Augen wieder auf einen neuen Punkt. Auf ein neues Problem.

Wir sollten die Zeit nutzen, um unseren Umgang mit dem Plastik neu zu verhandeln. Um Ideen zu entwickeln und auch Utopien. Die Antwort auf die Frage, was wir tun können, sei an dieser Stelle vorweggenommen:

Viel.

Plastik. 100 Seiten

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