Читать книгу Zweckel, Zwurzel und das Dingsda - Roman Fessler - Страница 5
Die Reise beginnt
ОглавлениеNach einer viel zu kurzen Nacht sprang Zweckel voller Tatendrang aus seinem Bett, wusch sich schnell, schnitt sich eine Scheibe vom frischen Laib Brot ab und setzte sich damit vor sein Haus. Oh, er musste sich gründlichst überlegen, was er denn alles mitnehmen wollte. Und wie sollten sie das Dingsda denn überhaupt transportieren? Auf die Dauer wäre es wohl doch etwas zu anstrengend, es immer zu tragen und auch viel zu umständlich. Da kam aber auch schon Zwurzel mit einem Rucksack den Weg hinauf. „Guten Morgen, Zweckel! Du bist ja noch gar nicht fertig! Wollten wir nicht direkt nach Sonnenaufgang aufbrechen?“ „Ja, du hast recht, jedoch musste ich mir etwas ausdenken, wie wir das Dingsda am besten transportieren können. Und ich hab eine Idee! Ich bau mir schnell ein Gestell, was ich auf dem Rücken tragen kann. Und der Rucksack, ja der Rucksack wird einfach ein Brustsack! Hahaaa!“ Zweckel sprang von der Bank auf und lief in seine Scheune. Zwurzel schaute ihm verwundert nach. Es dauerte nicht lange und aus der Scheune erklang ein Gehämmer, ein Gesäge und ein Gepfeife. Nach einiger Zeit kam Zweckel mit einem Gestell aus der Scheune, holte sich verschiedene Lederriemen aus dem Haus, und legte alles vor Zwurzel nieder. „Taraa! Und hier ist die Lösung! Warte, ich eile und packe geschwind meine Sachen.“ Und schon war er wieder weg.
Nach viel lautem Gerumpel und Getöse kam Zwurzel mit einem Rucksack, jedoch auf dem Bauch getragen, wieder hinaus. Schnell band er die Lederriemen an das Gestell, schnürte das Dingsda fest und schnallte sich das ganze Gestell auf den Rücken. „So! Auf geht’s! Was schaust du denn so? Los, los! Die Sonne ist schon längst wach! Wollten wir nicht nach Sonnenaufgang starten? Eine neue Geschichte wartet dort draußen auf uns!“ Lachend schlug Zweckel dem Zwurzel auf die Schulter und marschierte los. Immer den Weg entlang runter durchs Dorf.
Am Haus von Zwickalum machten sie kurz Halt. Der alte Wicht wartete schon auf sie. „Hier, ich gebe dir meine Aufzeichnungen über meine Wanderwege Richtung Süden mit. Wer weiß, vielleicht können sie euch behilflich sein. Karten habe ich auch gezeichnet.“ Mit diesen Worten übereichte er Zweckel ein kleines Notizbuch. „Und dazu noch einen Kompass. Der hat mir immer gute Dienste erwiesen und soll auch euch gesund und sicher nach Hause geleiten.“ Den Kompass drückte er Zwurzel in die Hand. „Und dann noch für euch beiden jeweils einen guten robusten Wanderstab. Sehr hilfreich, da ihr euch mit Hilfe eurer Umhänge sehr schnell einen Unterschlupf bauen könnt, falls es einmal regnen sollte. So! Nun seht ihr wirklich wie zwei Abenteurer aus! Ich wünsche euch viel Zwiebliglück und kommt recht bald wieder! Ach, und Zweckel, wenn dich der Weg weiter als meine Aufzeichnungen führen sollte, dann sei doch so gut und vervollständige die Aufzeichnungen. Hier, ich gebe dir meinen heiligen Wanderstift mit. Und nun, auf auf!“ Die beiden jungen Wichte bedankten sich freudestrahlend beim alten Zwickalum, und Zweckel versprach, die Aufzeichnung in Ehren zu halten, und sie gegebenenfalls auch fortzuführen. Und so gingen die beiden Wandersfreunde fröhlich pfeifend den Weg aus dem Dorf hinaus.
Einige Zeit später kamen sie an dem Dorf Hörmichtal vorbei. Dort trafen sie auf dem Dorfplatz einige Dorfbewohner, die sie vom letzten Sommerfest her kannten. Zweckel schnallte seine Trage ab und packte das Dingsda aus. Sie zeigten es allen Wichten, jedoch konnte ihnen keiner etwas über dieses Dingsda sagen. Also zogen die Zwei weiter.
Als es Mittag wurde, und die Sonne am höchsten Punkt stand, kamen sie zu einer kleinen Lichtung. „Lass uns hier Rast machen!“ schlug Zweckel vor. Langsam wurde die Trage auf dem Rücken doch etwas schwer. Sie setzten sich auf die Wiese. Während sie genüsslich am frischen Brot knabberten, holte Zweckel das Buch des alten Wichtes hervor. „Lass uns mal schaun, was Zwickalum so alles erlebt hat.“ Ehrfurchtsvoll schlug er das Buch auf, und klappte eine große Karte aus.
„Booah! Schau dir das an, Zwurzel! Der alte Zwickalum hat eine wunderschöne Karte gezeichnet.“ „Kannst du erkennen, wo wir gerade sind ?“ fragte Zwurzel. „Lass mich überlegen. Ah, siehst du die kleine Lichtung? Ja, genau da sind wir.“ Zweckel zeigte auf einen kleinen grünen Fleck auf der Karte. Zwickalum hatte die Landkarte wirklich mit Liebe zum Detail gezeichnet. Alles war erkennbar, jeder größere Baum, sogar die Dornenhecke am Waldesrand war vermerkt. Es war ein sehr schönes Meisterwerk und eine große Aufgabe, dieses weiterzuführen. Aber vielleicht brauchte Zweckel ja gar nicht weiterzeichnen. Er hoffte inständig nur bis zum gestrigen Punkt gehen zu müssen, und dort vielleicht die Antwort zu finden.
Da sprang Zwurzel plötzlich auf. „Autsch! Ah! Liiih!“ Er sprang wie ein Verrückter vor Zweckel hin und her und klopfte sich dabei auf den Hosenboden. „Verzwiebeliteinsnochmal! Was zwickt und zwackt mich denn da bloß? Und wie das piekst. Mein Popo! Auaaa!“ Schnell fiel Zweckels Blick auf den Platz neben ihn, und da tummelten sich tausende von klitzekleinen Brennmeinselen.
Brennmeinselen sind winzige Insekten, die alles piksen, was ihnen im Weg steht. Sie haben kleine Hörner an ihren Nasen und versuchen alles aufzuspießen, was ihnen im Weg ist. Egal wie schwer oder wie groß. So hingen viele dieser Brennmeinselen mit ihrer Nase an Zwurzels Po fest. „Halt still! Bleib stehen, sonst kann ich dir doch nicht helfen.“ Versuchte Zweckel zwischen seinen Lachanfällen Zwurzel zu beruhigen.
Endlich blieb der Gestochene vor Zweckel stehen, und dieser zupfte dem armen Freund die kleinen Brennmeinselen vom Po. Zwurzel hatte sich genau inmitten einer Brennmeinselen Arbeitstruppe gesetzt. Die klitzekleinen Brennmeinselnenarbeitsgruppe waren unterwegs zu ihrer Baustelle. Und der Po vom Zwurzel saß ihnen im Weg. Also wurde er aufgepikst. Von dem Ersten, dem Zweiten, dem Dritten und bis fast alle sich angepikst hatten. Somit hatte Zweckel mächtig viele rauszuziehen.
Als der letzte der kleinen Pikser rausgezogen war, rannte Zwurzel schnell zu einem kleinen Bach, der am Waldesrand floss, und kühlte seinen gepiksten Po im kalten Flusswasser ab. Ein wohliges „Oh!“ kam über seine Lippen. Und Zweckel? Dem rannen die Tränen vor Lachen über die Wangen. Es war aber auch ein zu lustiges Bild gewesen, der hüpfende Zwackelpopo!
Nachdem sich alles wieder beruhigt hatte, schnallten die Zwei ihr Gepäck wieder auf und machten sich weiter auf den Weg. Aber auch im nächsten Ort wusste keiner etwas über dieses Dingsda zu sagen. Und auf dem Weg fanden sie auch keinerlei Hinweise. So kamen sie etwas müde und leicht enttäuscht in Angelnau an.
Angelnau war ja bekanntlich eines der letzten Dörfer im Wichtland. Und sehr viel weiter im südlichen Gebiet war bis dahin noch nie ein Wicht gewandert. Komische Geschichten machten sich über die äußersten Randdörfer breit. Und das Ende von Wichtland war für die Wichte einfach auch das Ende ihrer Welt. Denn Wichte verlassen in der Regel nicht gerne für längere Zeit ihr Zuhause. Sie gehen nur, wenn es unvermeidlich ist, auf Wanderschaft! Nur ganz, ganz wenige, so wie der alte Zwickalum, oder jetzt unsere beiden Freunde Zweckel und Zwurzel, hatten die nötige Neugier und Abenteuerlust, ein wenig auf unbekannten Wegen zu wandern und Neues zu entdecken! Daher gab es auch nur sehr, sehr wenige Überlieferungen darüber, was sich außerhalb von Wichtenland befand.
Eigentlich gab es nur eine einzige Überlieferung, und die lautete:
Tiefer Abgrund! Mehr nicht. Nur diese zwei Wörter: Tiefer Abgrund!
Und diese Worte waren schon älter als der alte Zwickalum. Keiner wusste so genau, wer sie in das große Buch des Dorfes auf die erste Seite hingeschrieben hatte. Aber dort standen sie als Antwort auf die Frage: ‚Was erwartet uns außerhalb Wichtenland?’ ‚Tiefer Abgrund!’
Daher war bis heute kein Wicht mehr bis ans äußerste Ende des Wichtenlandes vorgedrungen. Sogar der alte Zwickalum nicht. Er erzählte einst, dass er wohl von Weitem ein Blick auf den Abgrund erhascht hätte, aber Zweckel fragte sich immer wieder, wie er denn einen Abgrund sehen konnte, wenn er nicht hinuntergeschaut hat. Naja, laut Zwickalum sah er damals einfach einen Weg ins Nichts verschwinden, so wie auch die nebenliegende Wiese. Es schien wohl so, als hätte man sie abgeschnitten. Weggewischt, ausradiert, wischiwaschweg. Zweckel wollte schon seit dem ersten Mal, als er von diesem tiefen Abgrund gehört hatte, diesen mit seinen eigenen Augen sehen.
Angefacht von der neu erweckten Entdeckerlust, wurden Zweckels Schritte direkt größer. Die Nachmittagssonne schien auf den Marktplatz. Einige Angelnauer liefen geschäftig umher. Zwurzel fragte: „Und nun? Kennst du hier einen der Ältesten? Wo sollen wir hin? Und außerdem, ich weiß zwar nicht, wie es dir geht, aber ich hab Hunger, und könnte eine warme Mahlzeit vertragen!“ „Ja, das ist eine gute Idee, lass uns da vorne in die Schänke gehen. Dort erfahren wir vielleicht auch, wer uns am ehesten etwas über dieses Dingsda verraten kann.“ So marschierten die beiden Wichte zur Schänke. Draußen schnallten sie ihr Gepäck ab, und lehnten es zu den anderen Gepäckstücken an die Wand.
In ganz Wichtenland war es üblich, Gepäck draußen vor der Schänke zu lassen. So nahm es drinnen keinen Platz weg, oder wurde gar zur Stolperfalle. Und Angst davor, dass es abhanden, bzw. gestohlen werden könnte, hatte in Wichtenland auch niemand. Es wurde einfach nicht gestohlen. Wenn überhaupt, dann wurde nur etwas ausgeliehen, oder getauscht. Man hinterließ einen kleinen Zettel mit einer Nachricht, wo der mitgenommene oder getauschte Gegenstand sich jetzt befand.
Manchmal ließen die Wichte einen Ersatz da. Wenn der frühere Besitzer mit dem Tausch nicht einverstanden war, konnte er sich seinen Gegenstand wieder zurückholen. Oder ein Wicht sah vielleicht eine Axt an einer Häuserwand lehnen, die er gerade benötigte. Er nahm sie mit, hinterließ einfach einen Zettel, auf dem dann stand, wann er den Gegenstand wieder zurückbringen würde, zusätzlich aber auch, wo er sich gerade befand. Dieses war eine Lebensweise, mit der ein jeder Wicht aufgewachsen war. Er kannte es nicht anders. Und in der Regel verliefen diese Tausch-/Ausleihaktionen auch für alle zufriedenstellend ab. Natürlich gab es manchmal ein paar kleine Streitereien, aber solche Fälle wurden direkt in einer Schlichtungsstelle geklärt.
Zweckel und Zwurzel betraten die Schänke. Viele Wichte hatten sich schon zu einem gemütlichen warmen Tee eingefunden. Zweckel ging an die Theke und sprach den Wichtenwirt an. „Seid gegrüßt, Herr Wirt! Mein Freund und ich hier haben einen großen Hunger. Könnt ihr uns etwas Warmes bringen?“ „So dänne, Herr Wicht! Erst einmal sagt mir doch, woher ihr kommt und wer ihr seid! Wir in Angelnau schätzen eine gute Geschichte doch sehr. Hier unten im tiefsten Süden von Wichtenland bekommen wir nur selten Fremde zu Gesicht. Und wenn uns gefällt, was ihr zu erzählen habt, dann wollen wir euch auch großzügig bewirten. Also, einen Grog zum Anstoßen. Hier! Meine neuen Freunde, ich bin Angetom! Und heiße euch herzlichst in Angelnau willkommen!“ Mit diesen Worten verteilte er Grogbecher an die zwei Freunde.
„Ja, das ist doch einmal ein famoses Angebot, welches wir dankend annehmen, Herr Angetom. Nicht wahr, Zwurzel?“ drehte er sich fragend zu seinem Freund um. „Ah, wie unhöflich von mir. Das hier ist mein Freund Zwurzel, und ich bin der Zweckel. Wir kommen aus dem Dorf Zwiebeltun. Einen halben Tagesmarsch von hier entfernt. Und nun erst einmal ein Powosit, Herr Angetom! Und dann wollen wir erzählen, warum wir überhaupt unterwegs sind. Powosit!“ mit diesen Worten erhob Zweckel seinen Becher. Ein lautes ‚Powosit’ kam von allen Seiten zurück.
„Oh, welch ein feines Gebräu ihr da habt Herr Angetom! Aber nun zu unserer Geschichte.“, und so fing Zweckel an zu erzählen, wo er das Dingsda gefunden und Zwurzel ihn nach dem Namen gefragt hatte. Ihre vergebene Mühe im Dorf etwas darüber zu erfahren und wie der Weg sie nach Angelnau geführt hatte. Am Ende angelangt, forderte Zweckel alle auf: „Und nun, meine neuen Freunde, bitte ich euch, kommt mit hinaus, und schaut euch das Dingsda an! Vielleicht fällt euch ja etwas dazu ein.“ Alle Wichte aus der Schänke folgten den zwei jungen Wichten nach draußen. Zweckel packte das Dingsda aus und präsentierte es voller Stolz. Ein lautes Gemurmel war zu hören. Jeder hatte etwas dazu zu sagen, jedoch wusste keiner wirklich, was mit diesem Dingsda anzufangen. „Ich habe eine Idee! Geht doch einmal zu dem kauzigen Angitor vorbei. Er wohnt ganz am Ende hinter dem Fluss. Ein komischer Kauz, der recht zurückgezogen lebt. Wir im Dorf bekommen ihn nicht häufig zu sehen. Er ist schon ziemlich alt. Und ist auch schon weit umhergereist. Manche behaupten sogar, er hätte schon einmal in die Tiefe des Abgrundes geblickt!“ Diesen letzten Satz flüsterte Angetom nur noch. Das Gemurmel um sie herum war verstummt. Alle hielten den Atem an. Tiefer Abgrund!
Zweckel stand mit offenem Mund vor Angetom und schaute ihn mit großen Augen an. Laut schluckend räusperte er sich. „Ja, das hört sich doch sehr vielversprechend an. Dann auf Zwurzel, lass uns zum alten Angitor gehen!“ Zweckel wollte gerade losmarschieren, als Zwurzel rief: „Heee! Und mein Essen, das du mir versprochen hast? Ich habe immer noch Hunger.“ Ach ja, das Essen. Zweckel schaute den Wichtenwirt fragend an. „Ja! Ihr Lieben Zwiebeltuner. Ihr habt euch wahrlich euer Essen verdient. Aber ihr müsst uns versprechen, auf dem Rückweg unbedingt wieder bei uns Rast zu machen und uns von euren Abenteuern zu erzählen! Ihr werdet es nicht bereuen, das verspreche ich euch. In meiner Schänke wird immer ein warmes Essen auf euch warten!“ Schallend lachend schlug der große kleine breite Wicht Zweckel kräftig auf den Rücken. So kräftig, dass Zweckel beinahe sein Gleichgewicht verloren hätte und nach vorneweg hingeplumpst wäre. Aber er konnte sich gerade noch so auf den Beinen halten.
So saßen sie wenige Augenblicke später gemütlich in der Schänke, ließen sich gegrilltes Lunzenbein mit roten Rüben schmecken. Beinahe jeder Angeltuner wollte ihnen dazu einen Grog ausgeben. Es wurde immer später und später. Und als Zweckel es dann endlich geschafft hatte, sich vom Tisch zu erheben, da war es schon stockdüstere Nacht draußen.
„ Nein, heute geht keiner mehr von euch hinaus in die Wildnis! Heute bleibt ihr schön hier, und seid meine Gäste. Morgen früh könnt ihr dann früh und ausgeruht euren Weg fortsetzten. Außerdem ist es eh schon zu spät, um beim alten Angitor jetzt noch anzuklopfen!“ sagte Angetom mit bestimmendem Ton.
So blieb den beiden Zwiebeltuner nichts anderes übrig, als die Einladung dankend anzunehmen, und in einem der kuscheligsten Betten ihre müden Häupter niedersinken zu lassen, in denen sie je geschlafen hatten.