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Isabels verlorene Träume

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Weiches, trostspendendes Licht drang von der Straßenbeleuchtung in das halbdunkle Wohnzimmer. Von dem Lärm auf der Straße war kaum noch etwas zu hören. Manchmal fiel ein bunter Lichtschimmer auf die Wand gegenüber dem Fenster und fernklingendes, dumpfes Donnern rollte durch die kleine, gemütliche Wohnung.

Die Kerze auf dem kleinen Tisch war schon lange heruntergebrannt und die schön geschmückte und zum Essen angerichtete Tafel im Halbdunkel versenkt. Ein paar Luftschlangen hingen schlapp von der Lampe herunter und berührten fast den Hals der leeren Sektflasche.

Plötzlich durchbrach das nahe Kreischen eines der letzten Feuerwerkskörper dieser Silvesternacht die Stille und langsam kam Bewegung in die Gestalt vor dem kleinen Sofa.

„Verdammt!“

Leise und gehemmt drang dieser Laut aus dem rot angemalten Mund, dessen Farbe sich bis zum Wangenknochen verschmiert hatte.

„So eine verdammte Scheiße.“

Langsam schob Isabel sich von dem dunkelblauen Teppich hoch und hielt sich noch einen Moment an der Sofalehne fest, um sich dann stöhnend auf die Füße zu ziehen.

Leicht schwankend bemühte sie sich darum, einige Schritte vorwärtszutun. Doch die Koordination ihres Körpers wollte sich offenbar nicht ihrem Willen unterwerfen. Seufzend versuchte sie es erneut, als sich plötzlich etwas in ihrem Magen aufbäumte, als hätte sie ein Wildpferd verschluckt.

Eine Hand vor den Mund reißend, lief sie mit wankenden Schritten zur Toilette und schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich über der Schüssel auf die Knie fallen zu lassen. Dort erbrach sie sich und suchte blind nach dem Papier, um sich den Mund abzuputzen. Ein bitterer Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus und wieder schüttelte sich ihr Körper in Würgekrämpfen.

Der Geruch von Erbrochenem erfüllte den Raum und sie hob schwerfällig den Arm und drückte die Toilettenspülung. Glucksend verschwand die stinkende Flüssigkeit aus Alkohol und Gallensaft im Toilettenschlund.

Einige Zeit blieb sie noch benommen vor der Toilette hocken, bevor sie erneut versuchte, sich auf die Füße zu stemmen.

Ihr Blick fiel auf den kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Dunkel verschmierte Augen und ein entsetzlich entstellter Mund sahen ihr Mitleid heischend entgegen. Sprenkel von Erbrochenem verdunkelte das schöne Blau ihres Kleides.

Der Mund öffnete sich und leise drangen aufgebrachte Worte daraus hervor. „Du kotzt mich an!“

Kurz starrten ihr die Augen noch dümmlich aus dem Spiegel entgegen, dann verändert sich deren Ausdruck und der Mund verzog sich breit. Glucksendes Lachen brach in einer Fontäne über das kleine Badezimmer herein.

„Du kotzt mich an! Hahaha! Du kotzt mich wirklich an. Ja, das hast du tatsächlich getan.“

Niveaulos und heruntergekommen. Und dann lachst du auch noch darüber. Ganz schön tief gesunken und sowas von erbärmlich.

Augenblicklich verzog sich ihr Mund und das Lachen wurde von einem Schluchzer abgelöst. Die verschmierten Augen fingen zu glänzen an. Tränen quollen aus ihnen hervor und der eben noch fröhlich gestimmte Gesichtsausdruck wurde zu einer weinerlichen Grimasse.

Isabel schlug die Hände vors Gesicht und wankte laut schluchzend ins Wohnzimmer zurück. Dunkelheit umschloss sie, die plötzlich jäh unterbrochen wurde.

Den Lichtschalter mit der Hand umschließend, sah sie sich verweint in dem Raum um.

Das Essen auf dem kleinen Tisch war nicht angerührt worden. Eine leere Sektflasche stand wie eine Trophäe mitten auf dem Tisch platziert, und eine lag vor dem Sofa auf dem Boden. Die Kerze auf dem Tisch war schon lange in ihrem Halter ausgebrannt und Kälte lag über allem.

Fröstelnd schlich sie zu ihrem Sofa und zog die Decke um ihre Schultern, als ein roter, leuchtender Punkt auf dem kleinen Beistelltisch ihre Aufmerksamkeit forderte.

Schnell warf sie die Decke zur Seite und lief, schwankend wie ein alter Kutter auf hoher See, um das Sofa herum zu dem kleinen Tischchen.

„Er hat doch noch angerufen! Bestimmt hatte er eine Panne oder einen Unfall … auf dem Weg zu mir,“ schoss es ihr dabei hoffnungsvoll durch den Kopf und sie drückte auf den Knopf des Anrufbeantworters, die letzten versiechten Tränen aus den verschmierten Augenwinkeln wischend. „Er hat mich nicht absichtlich sitzengelassen.“

Eine Stimme erklang.

„Isabell, ich kann heute nicht mehr kommen. Wir haben noch Besuch, und da kann ich mich unmöglich loseisen. Tut mir leid.“ Seine Worte waren geflüstert und nur heimlich an sie gerichtet. Dahinter Gelächter und Partystimmung.

Mit einem gequälten Aufschrei riss Isabel den Anrufbeantworter vom Tisch und ließ ihn zu Boden krachen. Dann richtete sie sich auf und stand unschlüssig da.

Eine dumpfe Wut machte sich in ihrem Inneren breit, dehnte sich bis in die letzten Poren aus und ließ sie erzittern. Diese Wut hatte sie fast den ganzen Abend begleitet, wenn sie nicht gerade von dem Elend abgelöst wurde, dass ihr immer wieder ihr trostloses Leben vor Augen gehalten hatte.

Langsam griff sie zum Telefonhörer und wählte eine Nummer. Schon als sie den Hörer an ihr Ohr hielt, überkamen sie die Zweifel.

Was machst du da? Du wusstest doch, dass er verheiratet ist. Er hat eine Familie, mit der er feiert. Das war dir doch klar!

„Berger.“

Das war seine Tochter Jasmin. Sie war einen Tag zuvor zwölf Jahre alt geworden und durfte Silvester das erste Mal mitfeiern.

„Falsch verbunden“, klang es müde und traurig durch den Raum. „Entschuldigung!“

Grüß deinen Vater, hätte sie am liebsten noch voller Boshaftigkeit gerufen. Doch ihr Gewissen verbat ihr das. Schnell schmiss sie den Hörer auf die Gabel, als wäre er glühend heiß. Das alles war so ungerecht, so grausam. Alle feierten diesen Tag, nur sie war allein Zuhause und hatte vergeblich auf einen Mann gewartet, der viel lieber mit seiner Familie feierte.

Alles umsonst. Das schöne Essen, sein Lieblingssekt, für den sie durch fünf Geschäfte gelaufen war, bis sie ihn endlich gefunden hatte und das schöne, blaue Kleid mit der blauen Spitzenunterwäsche und den Strapsen darunter. Sie hatte sich so herausgeputzt, um ihm und sich eine wunderschöne Silvesternacht zu bescheren und ihn seine angeblichen Probleme mit seiner Familie vergessen zu lassen. Schließlich mochte sie ihn wirklich, und hatte auch ein Anrecht auf etwas Glück.

Aber doch nicht mit einem verheirateten Mann!

Langsam ging Isabel in das angrenzende Schlafzimmer, drückte auf den Lichtschalter und sah sich in dem großen Spiegel ihres Schrankes an. Auch hier waren die Kerzen heruntergebrannt. Sie hatte Glück, dass ihre selbstvergessene Unachtsamkeit ihr nicht die Wohnung unter dem Hintern weggebrannt hatte.

Ein gequälter Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht, als sich sofort die Erinnerung an den Brand in ihrer Kindheit in ihren Kopf schob. Sie sah sich und ihre Schwester Karin im Schlafanzug und unter einer Decke geschützt aus dem großen Dielentor eilen, von ihrem Vater vor sich hergetrieben. Er selbst war hinter ihnen keuchend zusammengebrochen. Ihre Mutter war zu ihm gerannt und hatte ihn am Arm weitergezogen, mit einem Aufschrei Isabel auffordernd, ihr zu helfen. Zusammen hatten sie ihren Vater weggezerrt, während das alte, schöne Haus ihrer Kindheit vor ihren Augen in hellen Flammen aufgegangen und zusammengefallen war. Und damit hatte ihre ganze schöne Kindheit geendet. Das war der Auftakt zu einem neuen Leben, dass allen Glückes beraubt war. So kam es Isabel zumindest in diesem Augenblick vor. All ihr Glück in ihrem Leben war damals in dieser einen Nacht verbrannt.

Sie wollte nicht mehr daran denken. Jetzt war sie eine erwachsene Frau, die ihr Leben im Griff hatte. Und ja, er ist verheiratet. Aber er hatte ihr gesagt, dass er sie wirklich toll findet und seine Familie kurz vor der Auflösung steht. Er sagte, seine Frau betrügt ihn. Er war so unglücklich … und er liebt seine Kinder doch so sehr! Kinder sind das Beste im Leben! Er hätte sogar einen ganzen Stall voll haben wollen, hatte er gesagt. Aber seine Frau wollte das nicht. Sie muss so ein böser Mensch sein.

Mach dir nichts vor. Er wird wegen dir nicht seine Familie aufgeben und eine neue gründen. Das kann er sich gar nicht leisten. Die Unterhaltszahlungen würden ihn bei seinem mickrigen Gehalt ruinieren.

Ihr Gewissen war mal wieder erbarmungslos. Es war ständig da, sagte ihr, was sie zu tun und zu lassen hatte und ließ sie keinen Moment mit Freude etwas Verdorbenes, Hinterlistiges oder Schlechtes tun. Sie hasste es und fühlte sich ihm doch unterworfen. Es wurde manchmal regelrecht zu ihrem Feind und in Augenblicken wie diesen lechzte sie danach, es zu töten.

Aber hatte es bisher nicht meistens recht gehabt? Wenn sie doch bloß mehr darauf gehört hätte. Nie wollte sie sich mit einem verheirateten Mann einlassen, sich nie einem Mann an den Hals werfen, der sie nicht wirklich und wahrhaftig liebte und frei für sie war. Doch was war daraus geworden? Sie hatte Silvester für einen verheirateten Mann geopfert, der sie dann sitzen gelassen hatte.

Geschieht dir ganz recht. Schließlich hast du mit ihm einen deiner streng behüteten Vorsätze gebrochen, nur um die Feiertage zu überstehen.

Nein, es ging um mehr! Sie dachte, dass er länger bleibt. Vielleicht sogar für immer.

Scheiß Kurzschlußpanik. Nie hätte sie gedacht, dass sie jemals so tief sinken könnte, dass sie sich deshalb jemandem an den Hals warf, der zwar gut aussieht, aber vergeben ist.

Aber er hatte ihr auf der Weihnachtsfeier gesagt, dass er seine Ehe satthat und seine Frau ihn betrügt. Er war so am Boden zerstört gewesen, dass sie ihn trösten musste.

Und dabei hast du völlig übersehen, dass du nicht die erste bist, mit der er das abzog.

Isabel starrte immer noch ihr Spiegelbild an und schüttelte unwirsch den Kopf. Auf solche beschissenen Gedanken konnte sie gut verzichten.

Ihr Blick fiel auf ihre schlanke Figur in dem schönen Kleid. Sie hatte sich so schön herausgeputzt und keiner hatte das zu Gesicht bekommen. Wäre sie doch nur auf eine Party gegangen oder mit ihren Freunden losgezogen. Sie hatte doch Freunde, oder? Doch wo waren alle in so einer Nacht? Irgendwo da draußen und feierten.

Du hast selbst alle abgewimmelt und jedem erzählt, dass du die Grippe hast. Selbst schuld!

Nun hatte sie die Nacht der Nächte einsam und allein zugebracht, weil ihr Herzallerliebster sie im Stich gelassen hatte.

Erniedrigend. Warum hängst du dich auch immer an irgendwelche dummen Kerle?

Ja, das war eine berechtigte Frage, die sie sich immer wieder stellen musste und die in ihrem derzeitigen Zustand wahre Krater in ihr Herz riss.

Langsam ließ sie sich auf das Bett sinken. Sollte sie das Kleid und die teure Unterwäsche ausziehen? Ach, egal. Sie würde so schlafen gehen.

Nein, das verknautscht doch alles!

„Ja, verdammt. Ich ziehe es doch schon aus. Verflucht noch mal …!“

Langsam quälte sie sich wieder aus dem Bett und ihr wurde schwindelig. Wieder starrte ihr das verschmierte Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Ihr wurde erneut schrecklich übel.

Waschen …?

Diesmal war die Stimme in ihrem Inneren vorsichtiger mit ihren erbarmungslosen Ansprüchen. Manchmal ging das Ganze auch wirklich zu weit. Das war doch schon krank!

„Ach, halt doch den Mund!“, schrie sie ihr Spiegelbild aufgebracht an, dessen Mund aber stumm blieb. Doch sie musste es tun. Sie wollte jemanden verletzen oder einmal diese Stimme in ihrem Inneren niedertreten.

Ihr war plötzlich danach, etwas ganz Schlimmes zu tun. Etwas, was ihr Gewissen bestimmt schocken würde.

Tzzz. Hast du nicht mit dieser Beziehung zu Hardy schon all deine inneren Werte mit den Füßen getreten? Was willst du noch?

Er war es gewesen, der zu ihr ins Bett gekrochen war. Er wollte sie! Er wollte bei ihr sein! Er glaubte sogar, sich in sie zu verlieben!

Blödsinn.

„Doch!“, schluchzte sie auf. „Das war so!“

Außerdem, was hätte sie anderes tun können, als ihm hilfsbereit die Hand entgegenzustrecken, wo es ihm so schlecht ging?

Es war bei der Weihnachtsfeier vor vier Wochen gewesen. Er hatte ihr so traurige Dinge über seine gescheiterte Ehe erzählt und wie einsam er war, dass sie ihn einfach nicht ungetröstet ziehen lassen konnte. Dazu kam, dass seine Frau ihn angeblich an diesem Abend hinausgeworfen hatte und er buchstäblich auf der Straße stand. Isabel musste ihm einfach ein Dach über dem Kopf anbieten – so kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe, dem sie sowieso schon mit erschreckend ungutem Gefühl entgegensah, und das für sie wieder zum Fest der beklemmenden Einsamkeit zu werden drohte.

Du brauchtest doch nur ein Opfer, dass dich die Einsamkeit vergessen ließ. Und Weihnachten verbrachte er trotzdem bei seiner Familie … und du hast dich auf Silvester vertrösten lassen. Und nun …?

Gott, sie war so dumm! Er war schließlich schon am Morgen nach der Weihnachtsfeier zu seiner Familie zurückgekehrt. Angeblich, weil seine Frau ihn angefleht hatte. Dabei hatte er überhaupt keinen Anruf an diesem Morgen bekommen. Aber sie hatte das anfangs gar nicht gecheckt. Und auch nicht, dass eine Frau, die ihren Mann betrügt, nicht diejenige sein kann, die ihren Mann aus der Wohnung wirft. Das Recht hätte sie gar nicht.

Wie immer hast du vor allem die Augen verschlossen, was du nicht sehen wolltest.

Seufzend starrte sie sich weiter in dem Spiegel an, in dem sich die verschmierten Augen schon wieder mit Tränen füllten. Dabei versuchte sie ihrem Gewissen entgegenzuhalten: „Aber er kam doch seit der Weihnachtsfeier immer wieder zu mir. Er wollte bei mir sein, weil er sich schwer in mich zu verlieben drohte. Ja, das waren seine Worte. Er drohte sich schwer in mich zu verlieben.“

Das hatte etwas in ihr freigesetzt. Eine Hoffnung. Eine dumme Hoffnung.

Zweimal fing er sie sogar in der Arbeit ab und zog sie ungestüm in das Lager und liebte sie auf dem kalten Plastik eines einfolierten Sofas. Nach Weihnachten stand er um Vergebung bettelnd vor ihrer Tür. Er hatte ihr zwar versprochen, Weihnachten bei ihr zu sein, aber das ging dann doch wegen der Kinder nicht. Aber er hatte für sie eine riesige Schachtel Pralinen mitgebracht und einen Arm voller Schwüre, dass Silvester ihr allein gehört, und dass sich im neuen Jahr alles für sie ändern wird. Und er zog sie erneut in ihr Bett und liebte sie mit mindestens zwei Kondomen übereinander.

Diesmal brauchte sie ihr schlechtes Gewissen nicht. Sie erkannte selbst, wie dumm sie war.

„Dumme Kuh!“, rief sie ihrem Spiegelbild entgegen. „Vergiss die Männer! Du brauchst sie nicht!“

Doch, sie brauchte sie. Sonst blieb sie allein und alles würde für sie zu spät sein.

Sie starrte ihr Spiegelbild wie einen Feind an. Diese andere Frau, die sie so erbärmlich um Mitleid heischend ansah und einfach nicht begriff, dass sie sich besser einen Hund anschaffen sollte.

Nein, nicht so ein dreckiges Fellvieh!

Isabel schüttelte den Kopf, als wenn sie erkannte, dass es keinen Zweck hatte. Sie würde nie verstehen – nie begreifen, was wirklich in ihrem Inneren tobte und warum es das tat. Wäre ein Hund nicht die Lösung? Könnte das nicht ein Ersatz sein?

Ihre Vorsätze für das neue Jahr fielen ihr ein. Sie hatte hunderte in ihrem Kopf heraufbeschworen, als sie die Sektflaschen geleert hatte. Jetzt wusste sie nur noch einen und ihr Gewissen rief applaudierend, weil es den wohl zu seinem Lieblingsvorsatz auserkoren hatte: Finger weg von allen Männern oder der ständigen Suche nach einem Vater für ein Kind.

„Und nie mehr nett sein, nie mehr auf dieses verdammte Gewissen hören und sich einen Hund anschaffen“, zischte sie wütend, um dieser Stimme endlich Einhalt zu gebieten. Dabei schlug sie gegen den Spiegel, der Frau mitten ins Gesicht, die noch nicht einmal ihre Miene verzog. Doch ein gewaltiger Sturm tobte durch Isabels Hand und mit Genugtuung stellte sie fest, dass die Frau ihr gegenüber nun doch das Gesicht verzog. Doch das schien nur Sekunden lang so zu sein. Denn ihre Gedanken wollten unbedingt bei der Sache mit dem Hund bleiben. Warum auch nicht? Sie wollte doch nur etwas, was sie bedingungslos lieben konnte und was sie genauso zurückliebte. Außerdem wollte sie etwas, um was sie sich kümmern konnte und dass sie nie verließ.

Hör auf, dich verrückt zu machen. Du hast gar keine Zeit für einen Hund und wirst bestimmt auch noch allergisch. Geh dich jetzt waschen und zieh den Fummel aus. Es ist gleich morgens und etwas schlaf wird dir guttun. Morgen sieht die Welt dann schon anders aus.

Immer noch drangen von draußen die dumpfen Böllerschüsse durch die Nacht und der kreischende Schrei eines Jaulers.

„Pah, ich höre nicht auf dich. Du kannst mich mal! Ich lege mich jetzt so schlafen“, rief sie sich aufmüpfig zu und machte eine wegwerfende Handbewegung zu der Frau im Spiegel, die sie mürrisch anstarrte. Dann schob sie sich schwerfällig von der Bettkante und setzte sich schlurfend in Bewegung. Einen Augenblick wusste sie nicht, was sie eigentlich tun wollte. Seltsam ruhelos trat sie ans Fenster. Die Straßenlaternen warfen müdes Licht auf die Häuserwände und die darunter geparkten Autos und die Straße war menschenleer. Nur hier und da erhoben sich noch buntschillernde Lichterpunkte in den dunklen Himmel über der Stadt. Dort wurde offenbar immer noch gefeiert.

Erneut drangen wie aus weiter Ferne Böllerschüsse an ihr Ohr. Aber nur noch sehr wenige. Die Silvestermeute war langsam des Feierns müde. Aber man konnte dennoch in den Häusern erleuchtete Fenster sehen. Eigentlich noch eine ganze Menge. Da drüben wurde auch noch kräftig gefeiert. Und da, gegenüber im Nachbarhaus, stand jemand am Fenster und sah genauso wie sie hinaus.

Sie griff nach dem Schalosienband und wollte die Schalosie gerade hinunterlassen, als sie ein Gedanke packte. Eigentlich löste ihr Gewissen diesen Gedanken aus, der sie schon brav ins Badezimmer wanken sah, um sich abzuschminken und sich das Kleid auszuziehen …

„Vergiss es“, lallte sie aufmüpfig und immer weniger ihrer Muttersprache mächtig. „Abschminken? Wozu? Ausziehen …, okay!“

Noch während sie die Worte zu sich sagte, schrie es in ihr auf. Nein, tue das bloß nicht!

Hämisch grinsend knöpfte sie ihr Kleid auf. Langsam, ganz langsam. Dabei starrte sie auf das Fenster im gegenüberliegenden Haus und spürte, wie etwas in ihr entsetzt erstarrte. Aber sie ignorierte diese plötzlich aufkeimende Angst vor dem, was sie vorhatte. Heute wollte sie nicht die brave, liebe Isabel sein.

Bewegung kam in die Gestalt im gegenüberliegenden Haus und plötzlich ging das Licht aus.

Etwas enttäuscht wollte Isabel sich abwenden, den Gedanken verwerfend, der sie gerade noch trug, als das Glimmen einer Zigarette ihr verriet, dass die Gestalt immer noch am Fenster stand.

Langsam drang die Tragweite ihres Handelns in ihre Gedankengänge, doch sie verdrängte sie mit aller Macht.

Einmal tun, was sie will. Einmal nicht prüde und brav sein.

Sie schwankte leicht und musste sich am Fensterbrett festhalten, als sie das Kleid sinken ließ. Langsam drehte sie sich einmal um sich selbst und strich sich durch ihr langes, dunkelbraunes Haar. Ein Seufzer drang aus ihrer Kehle, und erschrocken riss sie die Augen auf, die sie kurz geschlossen hatte.

Er war noch da. Er schien sie wirklich zu beobachten.

Genug jetzt, mach die Schalosie runter.

Sie stellte stattdessen ihren Fuß auf die Fensterbank, was ihr erst erhebliche Schwierigkeiten bereitete und sie schwanken ließ wie eine alte Fregatte.

Als sie endlich halt gefunden hatte und ihr Gleichgewicht mit der Situation zurechtkam, rollte sie langsam den Straps herunter. Dabei grinste sie hämisch und kam sich wunderbar verrucht vor.

Plötzlich musste sie aufstoßen und der eklige Geschmack von Sekt und Magensäure verursachte ihr wieder schreckliche Übelkeit.

Hör doch auf und geh ins Bett. Was du da machst ist echt lächerlich.

„Lächerlich?“ Sie griff nach dem Straps und winkte kurz damit. Dann strich sie sich genüsslich über das Bein und zog es wankend wieder von der Höhe auf den Boden. Sie nahm das andere Bein hoch, sich erneut mit einigen Schwierigkeiten ausbalancierend und schälte es aus dem zweiten Straps. Ein Zug bitterer Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. Auch mit dem winkte sie zu der Gestalt hinüber. Doch diesmal musste sie schon mit beiden Händen nach dem Fensterrahmen greifen, um das Bein, ohne hinten über zu fallen, wieder auf den Boden zu bekommen.

Wie wäre es mal mit etwas Yoga im neuen Jahr?

Energisch zog sie ihren Slip herunter.

Macht nichts. Der Typ wird bestimmt nichts sehen können. Seine Wohnung lag zwar eine Etage höher als ihre, aber die Entfernung und die Fensterbank werden es schon verdecken.

Mit dem Slip schwenkte sie einmal über ihrem Kopf und ließ ihn zu Boden fallen. Einen Augenblick spürte sie etwas Hitze auf ihren Wangen, aber sie wollte sich nicht unterkriegen lassen und einmal wirklich verrucht sein.

Sie griff sich zwischen die Brüste und öffnete den BH. Langsam zog sie ihn aus und ließ ihn fallen.

Die Gestalt war immer noch da.

Sie legte ihre Hände auf ihre Brüste. Dabei wurde ihr bewusst, dass er das aber sehen konnte.

Wie eine alles mitreißende Flut überkam sie die Panik. Schnell griff sie zu dem Schalosienband und ließ die schwere Schalosie heruntergleiten.

„Ende der Vorstellung!“, lallte sie dabei und drehte sich leicht taumelnd um. Sie war so müde und so betrunken …

Langsam peilte sie ihr Bett an, kroch unter die Decke, machte das Licht aus und drehte sich auf die Seite. In ihrem Kopf wirbelten kleine Stürme. Doch es dauerte nur einen Augenblick, in dem sie das vor Entrüstung schreiende Etwas, das ihren Auftritt vor dem Fenster nicht fassen konnte, in sich zu ignorieren versuchte. Dann schlief sie ein.

Nur langsam drang das Schnarren des Telefons an Isabels Ohren und wurde von ihrem Gehirn registriert. Sie schlug die Augen auf und fast gleichzeitig schoss ein Schmerz in ihre Schläfen und ihr Magen schien sich seltsam zu verdrehen.

Stöhnend versuchte sie in die Wirklichkeit zu finden.

„Hardy …!“, schoss es ihr durch den Kopf und ihre Hand griff neben sich. Doch der Platz war kalt und leer.

Ach ja, er hatte sie sitzengelassen.

Wieder schnarrte das Telefon.

Isabel stand auf und wankte benommen in ihr Wohnzimmer. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich mit rauer, dünner Stimme.

Sofort dröhnten ihr überlaute Worte ins Ohr, die sie den Hörer weit von sich halten ließen. „Ein wunderschönes neues Jahr, mein Schatz. Ich wünsche dir, dass in diesem Jahr endlich alle deine Wünsche in Erfüllung gehen.“

„Danke Mama.“

Ihre Stimme klang zu müde und niedergeschlagen und sie versuchte sich zusammenzureißen. Ihre Mutter sollte glauben, dass es ihr wirklich gut geht. Ansonsten konnte sie sich wieder die besserwisserischen Vermutungen von ihr anhören, warum es ihr schlecht ging und die Fragen beantworten, wieso sie nicht so war wie ihre jüngere Schwester Karin. Die hatte immer alles im Griff mit sich und ihren zwei Kindern und ihrem tollen Ehemann.

Ihre Mutter weiß nicht, dass Klaus, bevor er von ihre Schwester angeschlürt wurde und diese von Liebe auf den ersten Blick sprach, eine One-Night-Bekanntschaft von Isabel gewesen war. Natürlich konnte Isabel das niemandem sagen und Klaus hütete sich, dass von sich aus zur Sprache zu bringen. Also wusste niemand, dass Klaus seine Schwägerin von innen und außen kennt und ihre Mutter hätte Isabel geluncht, wenn sie erfahren hätte, dass sie Männerbekanntschaften für eine Nacht hegte. Das Klaus Isabel dann auch noch anbaggerte, als Karin mit Natalie schwanger war, konnte sie natürlich auch niemandem sagen. Er war betrunken gewesen und hatte Isabel gesagt, dass er Karin nur genommen hatte, weil Isabel ihn damals nicht wiedersehen wollte.

Natürlich hatte sie ihm das weder geglaubt noch ihn weiter erhört, weil sie das ihrer Schwester nicht antun konnte. Aber ab da wusste sie, dass er eigentlich ein Schwein ist, wie alle Männer.

Ihr Blick fiel auf den heruntergefallenen Anrufbeantworter. Mit dem Hörer in der Hand der Mutter lauschend, die ihr von ihrem Silvesterabend mit Karin, Klaus und den Kindern berichtete, stand sie von dem Sofa auf, auf das sie sich fallenlassen hatte und hob das Gerät auf. Kopfschüttelnd stellte sie es wieder hin. Sie konnte sich nicht erinnern wie das Gerät auf den Fußboden gekommen war.

„Es wäre schön, wenn du Karin auch mal wieder besuchst. Sie sagte, du schaust nie bei ihr rein.“

„Ja Mama. Mache ich.“

Isabel sah sich um.

Der Tisch war immer noch ordentlich gedeckt und das Essen stand in den Schüsseln angerichtet vertrocknet und unappetitlich auch noch da. Dazwischen prangte eine leere Sektflasche.

„Die Kinder sind so lebhaft. Du könnest ihr ein wenig mit ihnen helfen. Vielleicht regt das deine Mutterinstinkte endlich mal etwas an.“

Oh Mann. Ihre Mutter hatte überhaupt keine Ahnung, was sich wie in Isabel regt.

„Mama, ich arbeite den ganzen Tag. Und ich denke, Karin kriegt das mit den Kindern auch allein hin.“

Isabel fand beim Sofa die zweite leere Sektflasche.

Hardy, dieses Schwein! Erst erzählte er ihr, dass er unbedingt mit ihr ins neue Jahr reinfeiern will und dann kam er nicht.

„Isabel, du wirst nicht jünger. Wenn du selbst mal Kinder haben willst, wird es langsam Zeit. Ich glaube, in deinem Alter läuft die biologische Uhr schon recht schnell rückwärts. Hast du dich mal bei dem Arzt darüber erkundigt, den ich dir letztens empfohlen habe?“

„Ja Mama, habe ich. Es ist alles noch im grünen Bereich“, log sie und wusste, sie musste das Gespräch schleunigst beenden. „Dann grüß Papa schön von mir und nochmals ein schönes neues Jahr, falls ich das noch nicht erwähnt habe. Ich habe es etwas eilig. Ich habe gleich noch ein Neujahrsessen mit Freunden. Tschüs und bis bald!“ Isabel hörte noch ein perplexes: „Ähm … ja, okay, gut. Bis bald. Und komm mal …“ und legte schnell auf.

Sie atmete einmal tief durch, weil sich erneut Übelkeit in ihrem Bauch ausbreitete und ihre Magensäure immer höher Richtung Ausgang wanderte. Isabel schluckte schnell einige Male, um dem entgegenzuwirken.

Ihre Mutter nervte sie immer wieder damit, dass Isabel Karin nicht mit den Kindern half und selbst keinerlei Anstalt machte, welche zu bekommen. Sie wusste nichts von Isabels Leben. Sie wusste nicht, dass sie Karin so selten besuchte, weil es sie schmerzt, dass Karin zwei so tolle Kinder hat und sie nicht. Sie ertrug es kaum, die Kleinen um sich zu haben und war hinterher immer erschreckend deprimiert.

Ihre Mutter wusste auch nicht, dass Isabel diese Muttergefühle, die sie bei Kindern jedes Mal anfielen, fast ins Grab brachten, und dass sie sich absolut bewusst war, dass sie bald nicht mehr in der Lage sein würde, selbst welche zu bekommen.

Tränen quollen ihr aus den Augen, und Isabel versuchte sie mit aller Macht zu unterdrücken. Bloß nicht schon am frühen Morgen in Selbstmitleid zerfließen. Wo soll das sonst hinführen?

Trotz Gegenwehr machte sich Niedergeschlagenheit bei ihr breit. Sie musste sich erst einmal einen Kaffee kochen und eine Schmerztablette einwerfen, damit die rasenden Kopfschmerzen aufhörten, die mit der Übelkeit erneut eingesetzt hatten.

Langsam schlurfte sie in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Dann griff sie in eine Schublade nach den immer dort parat liegenden Tabletten und schluckte eine mit etwas Wasser hinunter. Der nächste Gang führte sie in ihr Badezimmer. Der Blick in den Spiegel verhieß nichts Gutes. Soll das da etwa sie sein? Diese alte Frau mit der verschmierten Schminke im Gesicht.

Es fröstelte sie und ihr wurde langsam bewusst, dass sie nichts anhatte.

So läufst du in der Wohnung herum, und das am helllichten Tag, wo dich jeder sehen kann!

Ah, ihr Gewissen. Das war immer rege und wachsam. Selbst nach so einer Nacht.

Scheu sah sie durch die Tür des Badezimmers in den kleinen Flur und das angrenzende Wohnzimmer.

Tatsächlich! Es war hell - also die Schalosien offen. Ihr wurde mit Erschrecken klar, dass sie eben jeder sehen konnte, als sie aus dem Bett zum Telefon gewankt war.

Schamröte überzog ihr Gesicht und machte es mit der verschmierten Schminke noch unansehnlicher.

„Ach, es wird schon keiner am Fenster gestanden haben“, beruhigte sie sich schnell.

Fenster … Fenster … irgendwie drängte sich ein ungutes Gefühl im Zusammenhang mit Fenster an die Oberfläche.

Ach, egal! Sie musste erst mal duschen.

Sie stieg hinter den Vorhang und ließ das Wasser über ihren Körper laufen. Langsam verschwanden dabei ihre Kopfschmerzen und ihre Lebensgeister erwachten vollständig. Aber mit denen auch die Wut auf den missratenen Silvesterabend.

Sie trocknete sich ab und marschierte, von ihrem großen, geblümten Handtuch umschlungen, in ihr Schlafzimmer. Aus der Küche drang schon der würzige Kaffeegeruch zu ihr herüber, und mit einem dumpfen Hungergefühl im Magen fiel ihr Blick auf den Radiowecker auf ihrem Nachtschrank.

„Mein Gott, es ist ja schon fünf!“, entfuhr es ihr aufgebracht. Sie hatte doch tatsächlich bis zum Nachmittag geschlafen.

Schnell zog sie sich an und lief zum Fenster, zog die Schalosie hoch, scheinbar die einzige, die sie herunterzulassen geschaffte hatte, und öffnete das Fenster. Es regnete etwas und es war viel zu warm für diese Jahreszeit.

Ohne zu wissen, warum, glitt ihr Blick suchend über die gegenüberliegende Häuserreihe. Gerade als ihr das bewusst wurde und sie sich umdrehen wollte, weil sie nicht so recht wusste, was sie eigentlich sucht, fiel ihr Blick auf die blaue Spitzenunterwäsche und ihr teures Kleid zu ihren Füßen. Erschrocken sah sie wieder zu der Häuserreihe hinüber und ihr Blick blieb an einem bestimmten Fenster hängen.

Es war also kein Traum gewesen. Sie hatte das tatsächlich getan.

Schnell drehte sie sich vom Fenster weg und drückte sich an die Wand. Von der schnellen Bewegung wurde ihr schwindelig und sie fasste sich an den Kopf, um das Rotieren in ihren Schläfen zu besänftigen. Dabei versuchte sie sich zu beruhigen.

Das konnte doch nicht wahr sein! Das konnte sie doch unmöglich getan haben! Bitte, lass es nur ein Traum gewesen sein.

Sie bückte sich und lief in dieser Haltung unter dem Fenster her. Erst am anderen Ende stellte sie sich wieder hin und lugte noch einmal, durch die an dieser Seite des Fensters herabfallende Gardine, zu dem gegenüberliegenden Haus hinüber. Dort war aber niemand zu sehen.

Mein Gott, wie peinlich! Wer sie wohl letzte Nacht alles gesehen hatte?

Jedem Nachbarn aus der Straße wird sie ab jetzt nur noch mit Schamröte im Gesicht begegnen können, und die Frauen halten sie bestimmt für ein Flittchen. Wenn sich das herumspricht!

Sie sah sich niedergeschlagen um, einen Augenblick von dem Gefühl überwältigt, aus dieser schönen Wohnung unter diesen Umständen ausziehen zu müssen.

Dann dieser Kerl, von dem sie genau weiß, dass er sie beobachtet hatte. Hoffentlich sah er das nicht als Einladung an, um sich vor ihrer Tür einzufinden.

Sie sah sich schon einem alten Kerl mit Hosenträgern über dem Unterhemd und abgetragener Jogginghose gegenüber, der sie mit lüsternem Blick aus einer versoffenen Trinkervisage angrinste.

Jetzt wurde Isabel wieder bewusst, warum sie immer auf ihr Gewissen hören sollte. Es schützte sie vor so unliebsamen Erkenntnissen am nächsten Tag.

Unglücklich und niedergeschlagen schlurfte sie in die Küche und schüttete sich einen Kaffee ein. Im selben Moment klingelte es an der Tür.

Erschrocken über die noch eben in ihrem Kopf rotierenden schrecklichen Gedanken ging sie beunruhigt in den winzigen Flur. Sie sah durch den Türspäher und fand das kleine, kahle Treppenhaus leer. Es hatte also unten an der Haustür geschellt.

Sie drückte den Türöffner und öffnete beunruhigt die Wohnungstür. Wenn sie durch das Treppenhaus nach unten spähte, konnte sie vielleicht erkennen, wer da kam und die Gelegenheit nutzen, um die Tür wieder zuzuschmeißen und zu verriegeln.

Noch bevor sie die Tür ganz geöffnet hatte, prangte ihr ein Strauß roter Rosen von ihrer Fußmatte entgegen, und das Treppenhaus war von einem angenehmen Duft durchdrungen. Langsam nahm sie ihn hoch und sah sich nochmals um. Aber da war niemand.

Schnell ging sie in die Wohnung zurück und suchte in dem Strauß nach einer Karte.

„So schöne Rosen! Sind die wohl von Hardy? Will er sein schlechtes Gewissen damit beruhigen?“, fragte sie sich dabei und wollte ihm schon wieder alles verzeihen.

Sie fand nur eine nicht unterschriebene Karte von einer Blumenhandlung, mit einem Spruch. „Zwölf neue Monate, zwölf Mal Glück, Freude und Gesundheit“, und stellte die Rosen in eine Vase auf den Tisch. Es waren zwölf Stück. Wunderschön anzusehen. Ein netter Neujahrsgruß.

Eigentlich sollte sie sie sofort in den Müll werfen. Schließlich hatte Hardy sie tief verletzt und sie brauchte keinen Neujahrsgruß von ihm, der ihr wenig persönlich vorkam. Hätte er wenigstens eine Karte mit heißen Liebesschwüren drangemacht und sie darin angefleht, ihr zu verzeihen, dann hätte sie ihren Ärger herunterschlucken können. Aber er hatte nichts dergleichen getan.

Er ist verheiratet und hatte nie vor, dich mehr in sein Leben zu lassen. Er wollte nur ein wenig Spaß. Mehr nicht.

Die Rosen waren trotzdem zum Wegwerfen zu schade. Aber Isabel schwor sich, dass Hardy bei ihr nicht mehr antanzen musste. Die Feiertage waren vorbei. Nun kehrte wieder der Alltag ein und sie brauchte keinen Tröster mehr. Sie hatte diese schreckliche Zeit der trostlosen Einsamkeit, in der sie glaubte, das einzige, einsame Wesen auf der weiten Welt zu sein, überstanden. Auch ohne Hardy oder Charly oder Martin oder Jürgen … oder oder oder. Sie hatte es geschafft und konnte sich nun endlich wieder in die Arbeit stürzen. Sie brauchte niemanden mehr. Konnte sie nicht richtig stolz auf sich sein?

Nein, konnte sie nicht. Immer noch nagte die Einsamkeit an ihren Knochen und wie schon so oft las sie erneut in der alten Tageszeitung vom Vortag die Kontaktanzeigen durch.

Das ist alles erstunken und erlogen. Oder glaubst du wirklich, dass es irgendjemanden gibt, der lieb, nett und gutaussehend ist und trotzdem solo? Dass sind bestimmt alles Verbrecher, Schläger oder Mittellose, die eine reiche Frau suchen.

Jaja!

Ärgerlich knüllte Isabel die Zeitung zusammen und warf sie mit einem gekonnten Treffer in den Papierkorb.

Sie trank ihren Kaffee aus und knabberte an dem trockenen Zwieback, der ihr als erste Mahlzeit nach so einer Nacht als das Richtige erschien.

Doch ihr Magen bäumte sich dennoch auf und Isabel sprang vom Stuhl auf, rannte zur Toilette und übergab sich.

Der Kaffee, vermischt mit Magensäure und Bröckchen vom Zwieback, hinterließ ein Brennen im Hals. Erschöpft und elend setzte Isabel sich neben die Kloschüssel und lehnte ihren Kopf in ihre Hände.

Verdammt, wieso hatte sie nur so viel getrunken? Warum hatte Hardy ihr den Abend versaut … und wieso konnte er nicht wenigstens seine Blumen persönlich überbringen und sie dann tröstend in die Arme schließen?

Bist du verrückt? Der Kerl soll bloß bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wie alle Kerle! Ich weise dich nicht gerne darauf hin, aber One-Night-Stands sind wirklich besser, wenn man in deiner Situation ist.

Was für eine Situation? Ihr wollte nicht richtig aufgehen, was diesen Gedanken ausgelöst hatte.

Isabel stemmte sich hoch und schlurfte in ihr Schlafzimmer zurück. Ohne sich dessen bewusst zu sein, fand sie sich plötzlich vor ihrem Fenster wieder und suchte erneut die Fenster im gegenüberliegenden Haus nach einer menschlichen Regung ab. Doch sie sah nicht nur in der Wohnung gegenüber niemanden, sondern in allen Wohnungen schienen die Menschen ausgeflogen zu sein.

Ihr Blick fiel auf die Straße, auf der im Nieselregen ein paar Kinder in den Überresten der Raketen wühlten, um sich noch etwas Brauchbares herauszupicken.

Isabel schlurfte zu ihrem Bett und setzte sich auf die Bettkante. Ihr Blick fiel auf den großen Spiegel. Ihre langen braunen Haare wirkten erschreckend kraftlos, ihre blauen Augen trüb und ihre schmalen, blassen Wangen regelrecht eingefallen. Selbst ihre vollen Lippen schienen heute die Mundwinkel nicht am freien Fall hindern zu können.

„Es ist keiner für dich da. Niemand!“, sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild und ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Langsam und mühevoll zog sie die Decke unter sich hervor und deckte sich zu. „Niemand!“

Sie musste noch etwas schlafen. Morgen sah dann hoffentlich alles besser aus. Dann konnte sie endlich wieder arbeiten gehen und gleichzeitig ein neues Jahr einläuten. Dann hatte sie drei Tage, bevor erneut ein Wochenende ihren Alltag zerstückelte.

Ach, was hasste sie die Wochenenden, Feiertage und Urlaube. Alles Tage der Einsamkeit, des Nichtstuns und des Unnütz seins. Wieso musste ausgerechnet nach diesem Silvester eine angebrochene Woche folgen? Sie hätte gerne 30 Tage am Stück draufgesetzt. Warum wurde sie nur so hart bestraft?

Isabel drehte sich um und schloss die Augen. Bloß nicht mehr daran denken.

Ihr musste etwas Nettes einfallen. Dann könnte sie bestimmt einschlafen.

Isabel wühlte in ihrem Gedächtnis. Sie sah sich am Schreibtisch in dem großen Büro sitzen, der erhellt von gleißendem Sonnenschein warm und gemütlich ihr Herz erwärmte. Die Tür ging auf und ihre Chefin kam herein. „Hallo Isabel! Ich hoffe du hattest erholsame Feiertage. Wir müssen aber noch unbedingt über die Sache sprechen, die dir da letzte Woche so dumm widerfahren ist.“

Isabel warf sich im Bett herum. Nein, bloß nicht daran denken.

Etwas anderes musste her. Es musste doch etwas Nettes zu denken geben!

Isabel sah sich vor dem Fenster stehen und nach draußen in die tiefe Nacht sehen. Plötzlich sah sie jemanden am gegenüberliegenden Fenster und sie fing an, sich auszuziehen …

„Nein!“ Isabel setzte sich auf. Das ist ja nicht auszuhalten. An ihren Auftritt vor dem perversen Lustmolch will sie nie wieder denken.

Sie stand auf und schlich mit ihrer Decke unter dem Arm ins Wohnzimmer. Dort ließ sie sich auf das Sofa fallen und drückte an der Fernbedienung den Fernseher an. Hier wollte sie sich einlullen lassen, bis sie einschlief. Das schien ihr die einzige Medizin gegen hemmungslos plagende Gedanken zu sein, auch wenn das hieß, die Nacht auf dem Sofa zu verbringen. Sie würde sie schon irgendwie überstehen und Morgen begann ein neuer Tag, ein neues Jahr und ein neues Leben. Sie musste sich nur überlegen, wie sie es ausfüllte.

Ihr fiel der Gedanke mit den One-Night-Stands ein, die ihre Situation bereinigen könnten. Und jetzt wurde ihr auch klar, was „die Situation“ ist, die sie damit bereinigen könnte. Sie hatte in den letzten Jahren immer wieder daran gedacht. Was wäre, wenn sie von so einem One-Night-Stand schwanger wurde? Ein Kind nur für sich.

Sie hatte sich das manchmal gewünscht, wenn der Typ nicht ganz so ein arrogantes Arschloch war und die Nacht nicht ganz so ätzend. Aber meistens gingen die One-Night-Stands erschreckend unbefriedigend aus. Irgendwie musste Isabel feststellen, dass sie so schnelle Nummern nicht mochte und ein Minimum an Gefühl für den Menschen, der einem die Klamotten vom Leib riss, schon vorhanden sein sollte. Aber sie hatte dennoch einige Male, wenn der Zeitpunkt passend war, genommen, was sich anbot. Dummerweise sind die Männer von heute nicht mehr so gutgläubig. Sie nehmen Kondome, auch wenn sie ihnen schwor, dass sie nicht nur regelmäßig ihre Pille nahm, sondern ihre Gebärmutter auch noch eine Mütze trug und sie gesundheitlich ein Unbedenklichkeitszertifikat aufweisen konnte. Sie hatte sogar schon mehrmals eine Allergie gegen Kondome ins Feld geführt, was aber keinen der Herren interessiert hatte.

Isabel versuchte weiter einzuschlafen und die Gedanken zu verdrängen. Aber sie konnte erneut den Erinnerungen über die vielen Desaster in ihrem Leben nicht entfliehen. Sie hatte nie Glück. Weder mit ihren Beziehungen noch mit den One-Night-Stands noch mit sonst etwas.

Während sie die Erinnerungen an ihre Verflossenen an sich vorbeiziehen ließ, wurde ihr klar, dass die letzten eigentlich nur noch einen Zweck erfüllen sollten. Und das erschreckte sie ein wenig. Sie hatte sich das noch nie eingestanden. Aber in den letzten Jahren verhütete sie nicht mehr und versuchte fast schon krampfhaft einen Mann dazu zu bringen, zum richtigen Zeitpunkt ohne Kondom mit ihr zu schlafen. Aber sie war nicht mehr ausnahmslos jung und schön und die Männer wirklich vorsichtig. Vielleicht war ihnen klar, dass sie eine von den Gebärfreudigen mit letzter Chance war.

Isabel warf sich auf dem kleinen Sofa erneut auf die andere Seite. Sie musste den Gedanken an ein Kind wirklich begraben oder sich künstlich befruchten lassen.

Oh mein Gott! stöhnte ihr Gewissen entsetzt auf. Auch dazu brauchst du einen Mann. Dann schaff dir doch besser ein Haustier an. Dafür brauchst du nichts weiter als dich selbst. Für dich ist der Zug echt abgefahren.

Isabel liefen Tränen auf ihr Sofakissen. Aber wenn sie in Selbstmitleid versank und herumheulte, dann ließ ihr Gewissen sie wenigstens in Ruhe, und auch die bösen Gedankenattacken. So kann sie vielleicht doch endlich einschlafen. Sie wollte doch nichts weiter als ein wenig Ruhe. Morgen begann ein neuer Tag in einem neuen Jahr. Ab Morgen würde dann alles anders werden.

Am nächsten Tag parkte Isabel ihren weißen Beetle auf dem großen Parkplatz vor dem imposanten Gebäude der Möbel Altwerna Werke. Sie arbeitete seit neun Jahren dort und würde ihre rechte Hand für diesen Betrieb geben.

Schon an der Tür wurde sie mit freundlichen Neujahrsgrüßen empfangen und erwiderte sie fröhlich. Sie hatte sich fest vorgenommen, dieses Jahr zu ihrem Jahr zu machen. Es reichte, dass sie den ganzen Neujahrstag in Selbstmitleid zerfließend und mit ihrem Schicksal hadernd vor sich hin sinniert hatte, bis sie endlich auf dem Sofa eingeschlafen war.

Als sie am Morgen erwacht war, hatte sie die Sinnlosigkeit ihres sich selbst zerfleischenden Selbstmitleids erkannt und sich überlegt, dass es so mit ihr nicht mehr weitergehen konnte. So hatte sie beim Frühstück beschlossen, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben und sich nicht mehr so runterziehen zu lassen. Sie hatte schließlich einen tollen Job, verdiente gut, hatte eine schöne Wohnung und war gesund. Das wollte sie sich vor Augen halten und nichts anderes.

Außerdem beschloss sie, dass sie sich nicht mehr von ihrer biologischen Uhr und ihrer Familie bedrängen lassen durfte.

Als ihre Schwester Karin ihr erstes Kind bekam und ihr langsam bewusstwurde, dass sie selbst bald eine alte Schachtel war, begann sie mit Männern zu schlafen, um schwanger zu werden. Und dann, nach ihrem vierunddreißigsten Geburtstag, als ihr plötzlich nach einer Liebesnacht mit einem gutaussehenden jungen Mann auffiel, dass er nicht im geringsten Anstalt machte, sich ihr für weitere Treffen aufzudrängen, wurde ihr bewusst, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hatte und es nicht leichter für sie wurde. Er hatte vor dem Sex ein ganzes Arsenal Kondome ausgepackt und sie war sich nicht sicher, ob er nicht sogar drei übereinander stülpte, weil es ewig dauerte, bis er endlich bereit war. Der Sex war zwar prickelnd gewesen, weil er göttlich gebaut war und so süß mit Grübchen lächelte, aber auch erschreckend kurz und nichts, um auch nur in die Nähe eines Orgasmus zu kommen. Danach war er aufgestanden, hatte noch einmal höflich gelächelt und war gegangen. Kein: „Können wir uns noch einmal treffen?“ Kein: „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt! Wollen wir zusammenbleiben?“ Gar nichts!

Nicht, dass sie darauf eingegangen wäre. Gott bewahre! Aber so gar keine Möglichkeit zu haben, dem Mann der letzten Nacht noch einen Tritt in den Allerwertesten zu geben, nachdem man gnädig lächelnd über seinen Anflug von romantischen Liebesbeteuerungen hinweggesehen hatte, war nicht leicht zu verkraften. Und einzusehen, dass er nicht der Vater des Wunschkindes werden würde, war bedrückend, aber erst noch kein Drama. Aber diese Fälle häuften sich und sie war bald so weit, von sich aus die Männer zu fragen, ob es vielleicht eine Zukunft geben könnte, nur um sie noch öfters ins Bett zu kriegen. Schleichend und fast unbemerkt war aus ihr das weinerliche, einsame Mäuschen geworden, das sich aufdrängte und die Männer um mehr anbettelte, nur um ihre biologische Uhr zu übertölpeln und der Einsamkeit ein Schnippchen zu schlagen. Aber die Männer waren nie um Ausreden verlegen.

Das war der Punkt, an dem sie wusste, dass alles zu spät war und sie es nur noch mit größter Mühe schaffen konnte, einen Mann für sich zu gewinnen, der zur rechten Zeit seinen Freund am rechten Ort platzierte. Von einem Mann für eine gemeinsamen Zukunft ganz zu schweigen. Mit reiner Überredungskunst war da nicht mehr viel zu gewinnen.

Gut, es gab Anwärter, die wollten sie und waren bestimmt zu allem bereit. Aber was sollte sie mit dem kahlen Nerd aus der Entwicklungsabteilung, der mit seinem Computerprogramm umgehen konnte, aber ansonsten offensichtlich weit entfernt von jeglicher Realität war. Isabels Gewissen mahnte beständig, dass der Vater ihres Kindes unbedingt ein Minimum an Intelligenz, Charakter und Schönheit mitbringen und vor allem Gefühle bei ihr auslösen sollte, um etwas zu haben, an dass man sich gerne erinnerte. Das war ihr wichtig. Sie wollte das Kind ansehen und sich daran erinnern, was sie mit dessen Vater verbunden hatte. In dem Punkt kam zumindest Isabels romantische Ader durch, die sich den Traumprinzen aber schon abgeschminkt hatte. Genauso wie den Traum von dem schönen, unglaublich süßen und lieben Kurztrip ins Glück, der wissentlich mit ihr ein Kind zeugte, weil er sie für die unglaublichste Frau in seinem Leben hielt und wert genug, um seine wertvollen Gene weiterzuverbreiten.

Aber vielleicht wollte ihr Körper kein Kind mit einem Unbekannten, der keine Gefühle in ihr auslöste. Vielleicht waren Gefühle der Erfolgsgarant für eine Schwangerschaft. Irgendwelche Gefühle. Es mussten schließlich nicht alles niederringende, große, romantische Gefühle sein. Sie wäre schon froh, wenigstens etwas zu fühlen. Aber auch das fiel ihr immer schwerer. Wahrscheinlich steuerten ihre Hormone allmählich schon die Talfahrt an und begannen den Wunsch nach zwischenmenschlichen Freuden zu reduzieren.

Das war ein erschreckender Gedanke, den Isabel lieber verdrängte. So versuchte sie sich auf das zu konzentrieren, was sie hatte: ihren Job. Und sie musste sich zusammenreißen und den wieder meistern, wie sie es all die Jahre gemacht hatte.

Leider war ihr dahingehend in den letzten Monaten etwas der Elan abhandengekommen. Sie hatte dummerweise einige Böcke geschossen, die sie nur durch die Gutmütigkeit ihrer Chefin überstanden hatte. Aber die wusste noch nicht den neusten Clou ihrer einst besten Mitarbeiterin, die sich auf den Bereichsleiter der Logistikabteilung namens Hardy Meiners eingelassen hatte. Cornelia wird ihr bestimmt nicht gerade hoch anrechnen, dass die sich mit einem verheirateten Mitarbeiter der Firma eingelassen hatte. Ihre Chefin mochte so etwas gar nicht.

Niemals, in all den vergangenen Jahren, hatte Isabel damit gerechnet, dass sie dermaßen in eine Kurzschlusspanik verfallen könnte und sich damit sogar geschäftsschädigend verhalten würde. Und Hardy und ihre missratene Beziehung mit ihm waren der Höhepunkt einer langen Reihe dummer Fehlentscheidungen.

Aber jetzt hatte sie beschlossen, das neue Jahr zu ihrem werden zu lassen. Mit dem Beginn des neuen Jahres, und ihren Vorsätzen, sah sie sich in der Lage, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wer brauchte schon eine nervende Beziehung und eine Familie mit quengeligen Kindern, wo man doch einen tollen Job hatte, der einen hoffentlich genug stresste, um jeglichen Anfall von Trübsal blasen im Kein zu ersticken.

„Hallo, ja, Ihnen auch ein schönes, neues Jahr. Klar habe ich schön reingefeiert“, verkündete Isabel einige Male, bevor sie den Fahrstuhl erreichte. Dabei warf sie ihre langen, braunen Haare nach hinten und ging erhobenen Hauptes durch das riesige Gebäude.

Sie fuhr mit dem Lift nach oben und betrat das obere Stockwerk. Hier war zum größten Teil die Chefetage, und Isabel steuerte das große, helle Büro an. Ihr riesiger Schreibtisch mit Blick auf den kleinen See, der auch zu dem Grundstück gehörte, erwartete sie, und ihre neue Aussicht auf einen arbeitsreichen Beginn des neuen Jahres. Doch noch bevor sie ihren Schreibtisch erreichte, schwang die Tür hinter ihr auf und ihre Chefin trat ein.

„Guten Morgen und ein schönes neues Jahr wünsche ich dir!“, rief sie freudestrahlend und gutgelaunt.

Isabel legte ihre Tasche an die Seite und ließ sich von der blonden, schlanken Frau umarmen.

„Das wünsche ich dir auch, Cornelia.“

„Dann wollen wir das neue Jahr mal anlaufen lassen. Ich hoffe, es wird so erfolgreich wie das vergangene.“ Lächelnd lief sie zu einer weiteren Tür, die fast an Isabels Schreibtisch angrenzte. Sie stieß sie auf und verschwand dahinter, als im gleichen Moment auch schon das Telefon auf Isabels Schreibtisch läutete. Isabel hörte Cornelia noch rufen: „Ich bin noch nicht im Haus!“, bevor ihre Tür zuschlug und die andere Tür vom Flur her sich öffnete.

Isabel griff über ihren Schreibtisch hinweg zum Hörer und meldete sich. Während sie dem Anrufer lauschte, schaltete sie den Computer an.

„Nein, tut mir leid. Frau Albers ist noch nicht im Haus. Aber wenn sie Sie zurückrufen soll, dann werde ich ihr das ausrichten. Sie können mir aber auch sagen, worum es sich handelt.“

Isabel spürte heißen Atem an ihrer Schulter und sah auf.

Hardy stand lächelnd hinter ihr.

Sie sah ihn fassungslos an. Es war das erste Mal, dass er sich von seinem entfernten Stützpunkt in die Chefetage verirrte. Dabei versuchte sie zu erfassen, was der Telefonteilnehmer am anderen Ende ihr mitteilte.

„Hm, das ist in der Tat etwas seltsam. Ich werde das gleich überprüfen und Frau Albers ausrichten. Sie wird sie dann verlässlich zurückrufen. Und ich werde Ihnen die nötigen Unterlagen zusenden“, versuchte sie den Kunden zu beruhigen und fühlte sich schon am ersten Tag des neuen Jahres überfordert. Sie warf Hardy einen düsteren Blick zu und sah zu dem freien Schreibtisch hinüber, der noch auf seinen Einsatz wartete, und zu Cornelias Tür, die gottseidank verschlossen war.

„Das tut mir wirklich leid. Ich werde sehen, was da schiefgelaufen ist und wir melden uns dann bei Ihnen so schnell es geht. Auf Wiederhören!“

Isabel warf den Hörer auf das Telefon und fauchte Hardy an: „Was willst du hier? Dass du dich noch unter meine Augen traust!“

„Aber Mäuschen! Es tut mir schrecklich leid wegen Silvester. Ich wollte gerade zu dir, als meine Eltern überraschend vorbeikamen. Ich konnte ihnen doch nicht sagen, dass ich noch auf Silvester ausfahre, während meine Frau mit den Kindern Zuhause bleibt. Versteh doch! Meine Eltern sind in solchen Dingen echt spießig. Bitte verzeih mir. Ich mache alles wieder gut.“

Isabel war einen kurzen Moment versucht, ihm wirklich zu verzeihen. Doch dann hörte sie wieder das Gelächter und die laute Musik, die sie gehört hatte, als sie fast schon früh am Morgen bei ihm angerufen hatte. Sie glaubte ihm kein Wort.

„Verschwinde! Ich möchte nicht mehr, dass wir uns treffen. Hast du verstanden?“ Sie wollte ihrer Stimme etwas mehr Nachdruck und einen bösen Unterton verleihen, aber sein verletzter Gesichtsausdruck ließ ihre Stimme nur traurig und niedergeschlagen klingen. So setzte er auch gleich an, es noch einmal zu versuchen. Doch Isabel winkte ab: „Vergiss es. Es ist mir wirklich ernst. Ich brauche keinen von euch Trotteln. Ihr seid es doch alle nicht wert, sich mit euch einzulassen.“

Puh, das klang gar nicht nett. War sie in der letzten Nacht etwa zu einer emanzipierten Frau herangereift, die wirklich meinte, was sie sagt?

Irgend so ein hirnloses Männchen in ihrem Inneren schrie: „Vergib ihm! Sonst bist du wieder völlig allein und deine vielleicht letzte Chance ist vertan.“

Nur mit Mühe konnte sie diese Stimme überhören. Die Sache mit der starken Frau gefiel ihr.

Geschlagen drehte Hardy sich um und ging langsam zur Tür. Bevor er sie hinter sich zuschlagen ließ, drehte er sich noch einmal um. Sein Blick war herzerweichend.

„Trotzdem Danke für die schönen Rosen. Aber es ist besser so“, rief sie ihm hinterher und setzte sich an den Schreibtisch.

Über sein Gesicht schob sich einen kurzen Moment lang ein überraschter Ausdruck. „Welche Rosen?“ Doch als Isabel schnell abwinkte, ging er.

Also waren die Rosen nicht von ihm.

Wieder wurde die Tür aufgerissen und Tanja kam im Eilschritt herein. „Hallo. Ein frohes Neues wünsche ich dir! Ich hatte doch glatt einen Platten … und das im neuen Jahr. Das fängt ja gut an.“

Sie hing ihre Jacke auf und setzte sich an den Schreibtisch, um den Computer hochzufahren.

„Was wollte dieser Kerl denn hier drinnen?“ Sie wies mit dem Kinn auf die Tür, hinter der Hardy kurz vorher verschwunden war. „Du hast doch nichts mit dem, oder?“

Isabel schüttelte den Kopf und erwiderte aufgebracht: „Wie kommst du denn darauf? Der ist doch verheiratet!“

„Ich meine nur. Was ich von dem schon alles gehört habe. Naja, ist auch egal. Ist die Chefin schon drinnen?“

„Ja, aber wir sollen noch keine Gespräche durchstellen. Aber … was … was hast du denn von dem gehört?“ Isabels Hand wedelte in Richtung Tür, hinter der Hardy verschwunden war, als wäre das eigentlich gar nicht von Belang. Aber ihr Herz begann unruhig zu schlagen.

Tanja sah noch einmal prüfend in einen Spiegel, den sie in ihrer untersten Schreibtischschublade immer bereitliegen hatte, und strich sich das kurze, blonde Haar zurecht. Dann sah sie ihre Tischnachbarin an. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und packte den Spiegel zu den anderen Schminkutensilien. „Ach, das ist so ein Weiberheld. Trotz Frau und Kinder. Der kriegt jede! Das behauptet er zumindest, der Spinner. Der ist sowas von eingebildet, hält sich für den Größten und Schönsten und ist dabei ein völliges Arschloch. Und er macht einen beschissenen Job, habe ich gehört. Wenn er Pech hat, ist er bald seinen Posten als Logistikleiter los, weil er ständig irgendeinen Scheiß fabriziert.“

„Ach so“, schaffte Isabel nur zu erwidern und starrte auf die vielen Zahlen und Adressen, die der Computer ausspuckte, ohne wirklich etwas zu sehen. Sie wusste nur zu gut, wie es um seinen Einsatz für die Firma stand. Sie selbst hatte den einen oder anderen Fehler von ihm in den letzten vier Wochen ausgebügelt. Aber damit war jetzt Schluss. Und wenn er auch nur einem verriet, dass sie sich von ihm erweichen lassen hatte, dann wird sie sogar selbst dafür sorgen, dass er nicht mehr länger in dieser Firma tätig ist.

Sie sah in Tanjas blaue Augen, die sie herausfordernd musterten, als sie nichts weiter dazu sagte. Wahrscheinlich wusste sie sowieso schon Bescheid. Wahrscheinlich wussten alle Bescheid!

Am liebsten würde Isabel sich verkriechen. Warum machte sie sich in den letzten Jahren nur immer wieder zum Gespött der Menschen? Was war nur los? Konnte sie denn wirklich nicht mehr Gut von Böse unterscheiden? War sie nicht mehr in der Lage, vernünftig zu denken? Nah, das wird sich jetzt ein für alle Male ändern.

Eine blecherne Stimme meldete sich. „Isabel, es können jetzt Gespräche durchgestellte werden. Gab es heute Morgen schon etwas Wichtiges?“

„Ja, ein Herr Sachser von der Firma Mellcopp fragte nach, warum die letzte Lieferung ausgeblieben ist und wieso noch kein Katalog für dieses Jahr zugesandt wurde. Ich habe ihn erst einmal vertröstet und suche jetzt die Unterlagen heraus. Ich bringe sie dir dann rein.“

Cornelia bedankte sich nachdenklich und die Verbindung wurde beendet.

„Weißt du etwas darüber, dass die Firma Mellcopp die letzte Lieferung nicht bekommen hat und warum an die Firma keine neuen Kataloge geschickt wurden? Die haben wir doch schon Anfang Dezember verteilt. Da muss etwas schiefgelaufen sein.“ Isabel sah Tanja fragend an, die aber nur unwissend die Schultern hochzog.

Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Hatte sie die Sache vielleicht verbockt?

„Mellcopp, Mellcopp …“ Ihr wollte nichts so recht zu dem Namen einfallen. Doch sie war sich darüber im Klaren, dass es durchaus möglich sein konnte, dass sie die Firma irgendwie aus dem Computer gekickt hatte. Auch jetzt fand sie nichts in ihren Listen und sie ging zu dem großen Aktenschrank, um in den alten Karteikarten nachzusehen.

„Tatsächlich. Da ist sie!“ Isabel wurde blas. Das war eine Firma aus ihrem Ressort. Sie ging mit der Karte in der Hand zu ihrem Schreibtisch zurück und gab die Daten neu ein. Der Computer zeigte ihr an, dass diese Firma in einer anderen Rubrik abgespeichert war. Isabel sah nach und fand sie bei den Importeuren wieder.

Das konnte doch nicht sein! In welchem seltsamen Wahn hatte sie denn das verbockt?

„Hast du etwas gefunden?“, fragte Tanja, während sie ihre Finger über die Tastatur jagte, um die Inventur für das vergangene Jahr abzuschließen. Sie musste das bis zehn Uhr dem Chef vorlegen.

Es war Isabel etwas peinlich. Sie war seit fast zehn Jahren hier und solche Fehler durften ihr eigentlich nicht passieren. Dazu kam, dass sie in den letzten Monaten öfters falsche Eingaben gemacht hatte. Das hatte zum Teil verheerende Auswirkungen gehabt. Dazu kamen noch andere Patzer.

„Ich glaube schon. Ich meine, ich weiß es. Es ist wohl mein Fehler. Ich habe das verbockt.“ Isabel seufzte betroffen und fing sich einen beunruhigten Blick von Tanja ein. Sie wusste, dass Isabel im letzten Jahr einige Fehler gemacht hatte, die nicht alle im Verborgenen gehalten werden konnten.

Das kommt nur wegen der Männer. Du läufst schon seit Monaten mit einem Brett vor dem Kopf durch die Welt und hast wirklich lange gebraucht, endlich etwas zu begreifen.

„Jaja!“

„Was sagst du?“, rief Tanja mit einem seltsamen Blick.

„Ach nichts!“ Isabel winkte schnell ab.

Das Telefon läutete und sie nahm den Hörer in die Hand, der tonnenschwer war, und meldete sich. Nach einem kurzen Gespräch stellte sie zu ihrer Chefin durch.

Für sie stand fest, dass sie Cornelia noch am selben Vormittag ihren Patzer beichten musste. Sie schluckte schwer. Diese Fehler kamen in letzter Zeit einfach zu häufig vor. Sie wusste schon, was dann kommen wird …

„Ich glaube, du hast ganz dringend einen längeren Urlaub nötig. Seit vier Jahren lässt du dir das meiste davon ausbezahlen, ohne wirklich mal länger auszuspannen. Das kann doch nicht gut gehen. Sieh das doch mal ein!“

Isabel hasste das Wort Urlaub. Das hieß morgens aufstehen, nichts mit seinem Tag anfangen zu können, herumzulungern, traurig, überflüssig und nutzlos zu sein.

Sie brauchte diese Firma. Sie brauchte die Menschen hier und die Arbeit. Zuhause war sie nur einsam. Sie hasste diese Einsamkeit, diesen Frust. Es reichte ihr schon, dass sie am Samstagnachmittag oft früh nach Hause gehen konnte und sonntags frei hatte. Sie traf sich dann zwar mal mit Freunden oder ging abends zu einer Geburtstagsparty. Aber ihr Bekanntenkreis bestand immer mehr aus Ehepaaren, die zum Teil schon Kinder hatten, Pärchen, die schon ewig zusammen waren oder den wenigen Singles, bei denen sich das, wie bei ihr, nie ändern wird. Manchmal beneidete sie diese verheirateten, verlobten, verliebten. Doch wie oft wurde sie schon Zeuge von Tragödien. Es hatte schon bitterböse Scheidungen gegeben und Zänkereien. Sie mochte diese Traurigkeit bei anderen nicht, weil sie dann immer mitlitt.

Liebe ist doch nur etwas für Schwachköpfe. Nur ein Mittel, um sich zu Quälen.

Isabel musste erneut an Silvester denken und die vielen Tränen, die sie geweint hatte. Es war auch wirklich zu dumm, dass man nicht in der Lage war, Gefühle aus dem Spiel zu lassen. Eine Beziehung ohne Liebe und Gefühle … nur blanker, wilder Sex …

Schön wärs, wenn das ihr Ding wäre. Aber der bloße Gedanke daran trieb ihr die Schamröte ins Gesicht. Außerdem musste sie feststellen, dass solche Begegnungen meist ziemlich unbefriedigend verliefen. Es musste schon mehr sein. Sie musste wenigstens das Gefühl haben, dass sie ihrem Bettgefährten auch wirklich echte und aufrichtige Gefühle entgegenbrachte … oder ihn zumindest irgendwie mochte. Meistens entpuppte sich das zwar sehr schnell als Fehlfunktion einer ihrer Gehirnregionen, aber der Sex wurde damit zumindest angenehmer.

„Isabel, es klingelt. Soll ich abnehmen?“

Isabel griff schnell zum Hörer und meldete sich. Tanja sollte nicht merken, dass sie mit ihren Gedanken wieder einmal weit weg gewesen war.

Auch das zweite Telefon läutete und Tanja übernahm. Langsam wurde es rege. So liebte Isabel das. Dann wurde sie zumindest von ihren Gedanken abgelenkt. Außerdem gewann sie so Zeit, um sich eine plausible Erklärung für die erneut aufgetretenen Missstände auszudenken, die sie ihrer Chefin noch beichten musste.

Aber ewig konnte sie das nicht hinausschieben und was dann geschah würde sich zeigen.

Erschöpft und unzufrieden fuhr Isabel am Abend in die Garage, die sie vor zwei Monaten endlich mieten konnte. Damit war ihr heißgeliebter Beetle nicht mehr schutzlos dem Wetter ausgesetzt.

Sie nahm die Tüte mit dem gebratenen Huhn in süßsaurer Soße vom Beifahrersitz und ging über den Hinterhof, um das Haus herum, zur Eingangstür. Noch bevor sie ihren Schlüssel aus der Handtasche geklaubt hatte, wurde die Tür von innen aufgezogen und ein Mann sprang ihr eilig entgegen.

Isabel stolperte erschrocken zur Seite und umklammerte ihr Huhn in Soße.

„Guten Abend!“, meinte sie gehörte zu haben und sah dem Davoneilenden hinterher. Doch ihr Blick erhaschte nur noch die dunkelblonden, welligen Haare und die große, schlanke Gestalt in einem ziemlich konservativen Anzug.

Schnell schlüpfte sie durch die Tür ins Haus und ließ sie kopfschüttelnd zuschlagen. Sie hatte diesen Typ hier noch nie gesehen. War das ein neuer Nachbar?

„Ist doch egal“, ermahnte sie sich aufgebracht, weil ihr Innerstes schon wieder zu lechzen begann, wie ein Hund nach einem fleischigen Knochen in erreichbarer Höhe.

Schnell ging sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf, wo ihre Atemwege immer noch einen aufregenden, männlichen Aftershaveduft wahrnahmen. Sie reagierte schon immer besonders auf Aftershaves und dieses war extrem angenehm.

Als wolle ihr Gewissen sie an andere Aftershaveerlebnisse erinnern, kam ihr Carsten in den Sinn. Der hatte sich immer so viel eines furchtbar süßen Duftes ins Gesicht, und auch sonst wohin, geschmiert, dass ihr davon regelmäßig schlecht wurde. Als sie ihm das sagte, meinte er nur, dass sie ihn nicht wirklich lieben würde, wenn sie seinen Duft nicht ertrug, - und ging.

An ihrer Wohnungstür angekommen, wurde ihr bewusst, dass immer noch dieser Duft in der Luft lag. Isabel sah sich um. War dieser Mann vielleicht hier oben vor ihrer Tür gewesen? Nichts deutete darauf hin und sie verwarf den Gedanken. Mehr als ihren Namen auf dem Klingelknopf gab es hier auch nicht zu sehen. Wahrscheinlich war er in einer der unteren Wohnungen gewesen und der Duft war bis hier heraufgezogen.

Sie schloss aber dennoch beunruhigt die Tür auf und betrat vorsichtig die Wohnung. Doch hier war dieser Geruch definitiv nicht vorhanden.

Schnell schloss sie die Tür wieder zu, um ihn gar nicht erst in ihre Wohnung ziehen zu lassen. Dort hatte Männerduft nichts zu suchen … vor allem nicht, wenn der dazugehörige Mann ausblieb.

Sie warf ihre Jacke über den Küchenstuhl und setzte ihr Tütenhuhn auf den Tisch. Im Wohnzimmer drückte sie den Anrufbeantworter an, der zwei Anrufe anzeigte und hörte sich kurz das Band an. Das erste war ihre Mutter, die sie für Sonntag zum Essen einlud. Das zweite war von Susanne, die ihr mitteilte, bei wem sich diese Woche der Handarbeitsclub traf.

Isabel holte einen Teller und Besteck und setzte sich seufzend an den Küchentisch. Sie aß ohne viel Appetit das Huhn. Vielleicht sollte sie sich diese Woche einmal aufraffen und ihre gehäkelte Spitze einpacken und wieder einmal hingehen. Sie hatte es in dem letzten halben Jahr auf ganze zehn Zentimeter Spitze gebracht und würde das Ding wohl in hundert Jahren nicht fertigbekommen. Sie muss an geistiger Umnachtung gelitten haben, als sie sich dazu überreden ließ, dort mitzumachen.

Sei nicht albern. Ein Treffen mit ein paar Frauen wird dir ganz guttun. Wo es keine Männer gibt, gibt es auch keine Probleme.

Blödsinn! Bei diesen Frauentreffen wurden doch Probleme erst zu welchen gemacht. Fühlte man sich vorher kerngesund, wurde man dort über alle möglichen Erkrankungen, und vor allem bevorzugt „Krebsleiden“, aufgeklärt. Wer hinterher nicht die eine oder andere Krankheit an sich entdeckte, muss schwer von Begriff sein.

Wer Kinder hat, stellte bald fest, dass bei der Prahlerei der anderen über ihren Nachwuchs man selbst nur einfältige Kreaturen auf die Welt gebracht hat. Unfähige Lehrer und Kindergärtnerinnen gaben einen weiteren Lieblingsgesprächsstoff ab. War dann auch dieses Thema erschöpft, hatte bestimmt die eine oder andere noch etwas über seltsame Todesfälle im Ort oder wenigstens über eine Affäre eines Nachbarn oder einer Nachbarin zu berichten. Dabei kam es nicht selten vor, dass so manch eine das wichtige Häkeln oder Stricken ganz vergaß.

Isabel schob den Rest des Huhns weit von sich und streckte ihre Beine erschöpft unter dem Tisch aus. Irgendwie fühlte sie sich diesen Frauensitzungen im Moment gar nicht gewachsen. Sie hatte schließlich auch nichts zu bieten. Keine Kinder und deren Lehrer, keine Krankheiten und keine nennenswerten Beziehungen oder gar einen fremdgehenden Ehemann. Nein, sie hatte nur ihre Arbeit und die interessierte niemanden.

Mit Schrecken fielen Isabel die Vorkommnisse dieses Tages ein. Das war ein ausgesprochener Scheißtag gewesen. Dass ihr das mit der Firma Mellcopp passiert war, erweckte in ihrem Magen das Huhn in süßsauer Soße wieder zum Leben. Jetzt wusste sie den Namen und würde ihn bestimmt so schnell nicht wieder vergessen. Außerdem waren ihr noch weitere Patzer passiert. Sie hatte einige Rechnungen angemahnt, obwohl diese schon beglichen waren, eine falsche Warenliste an ihre Chefin weitergereicht, die den Kunden deshalb etwas anpries, was er gar nicht haben wollte, und zwei Bestelllisten vertauscht, woraufhin zwei Firmen beinahe mit falscher Ware beliefert wurden. Letzteres wurde allerdings durch die Achtsamkeit des Logistikleiters Hardy Meiners verhindert.

Ironie des Schicksals. Aber er war ihr diese Kleinigkeit sowieso schuldig.

Naja. Dann kam, was kommen musste. Cornelia hatte ihre „langjährige rechte Hand“ vor ihrem Nachhausegang nochmals an die Seite genommen und sie lange angesehen. Dann hatte sie mit sorgenvoller Miene gefragt: „Was ist nur in letzter Zeit mit dir los? Du bist so zerstreut und unkonzentriert, dass ich versucht bin, dir einen Zwangsurlaub zu verpassen. Vielleicht sollte ich dich in eine Kur schicken?“ Cornelia hatte dabei beide Hände auf Isabels Schultern gelegt.

Sie war für Isabel nie wie eine Chefin gewesen, sondern immer wie eine große, in letzter Zeit sehr besorgte Schwester.

„Nein, bitte nicht! Ich werde mich jetzt auch zusammenreißen und verspreche dir, dass so etwas nicht mehr vorkommen wird.“

Isabel waren dabei Tränen in die Augen getreten und sie hatte sich so unglaublich niedergeschlagen gefühlt. Was sie jetzt auf keinen Fall gebrauchen konnte war Urlaub!

„Macht dir denn dein Beruf gar keinen Spaß mehr? Du bist so zerstreut und wirkst unzufrieden.“

„Doch! Ich liebe meinen Job!“, hatte Isabel gerufen.

Cornelia nickte daraufhin nur und sah sie unschlüssig an. „Ich werde mit meinem Mann sprechen. Mal sahen, was der sagt.“

Für Isabel hatte das wie eine Drohung geklungen. Sie kannte den Chef gut. Er war ein netter Mann und schätzte sie als langjährige Mitarbeiterin. Doch seine Firma stand für ihn immer im Vordergrund und er würde nicht zögern, sie sogar zu kündigen, wenn sie untragbar wurde. Nur von Cornelia konnte sie etwas Nachsicht erwarten.

So saß sie nun an ihrem Küchentisch vor dem halb aufgegessenen Huhn von ihrem Lieblingschinesen und stützte frustriert ihren Kopf in den Händen ab.

Was, wenn die jetzt ernst machen? Entlassen werden sie sie wohl nicht gleich, aber vielleicht wird ihr Chef sie erbarmungslos beurlauben. Was sollte sie dann machen?

Wieder schossen ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen. Unwillig schüttelte sie den Kopf. Sie war so schrecklich deprimiert und weinerlich in letzter Zeit, dass es schon zum Fürchten war. Vielleicht wurde sie langsam geisteskrank wie ihre Tante Ingeborg? Oder es lag einfach an der Jahreszeit und am Vitamin D Mangel. Schon immer schlugen ihr die dunklen Wintertage etwas aufs Gemüt. Doch niemals so stark wie dieses Jahr. Und sie war doch erst sechsunddreißig Jahre alt, also noch kein Alter für die Wechseljahre. Oder?

Das Wort ließ das Huhn in ihrem Magen auch noch Samba tanzen. Wechseljahre hieß Schluss mit allem. Damit war der letzte Zug unwiderruflich abgefahren. In drei Monaten wurde sie schon siebenunddreißig. Wo war nur die Zeit geblieben? Was war aus ihren Träumen geworden?

Es war schon seltsam. Früher hatte sie noch an die große Liebe geglaubt, wollte heiraten, Kinder kriegen und alles tun, um den Mann an ihrer Seite glücklich zu machen.

Der Mann an ihrer Seite …

Isabel verdrängte die aufkommenden Gedanken daran. Eigentlich hatte es in ihrem Leben nur einen Mann gegeben, den sie sogar heiraten wollte.

Nicht diese Geschichte! Du wusstest in dem Alter noch gar nicht, was heiraten eigentlich heißt.

Doch! Sie glaubte damals, dass er der Richtige für immer und ewig war. Lange war sie ihm hinterhergelaufen und lange hatte er ihr ganzes Sein und Handeln bestimmt. Aber er wollte sie nicht!

Das war ein dunkles Kapitel in ihrem Leben, dass sie besser unangetastet ließ.

Da warst du jung und dumm! Sehr jung und dumm, und nicht mal volljährig. Also vergiss das endlich.

Isabell seufzte auf. Dieses Kapitel aus ihrer Jugendzeit zu vergessen war aussichtslos. Immer wieder hatte sich in den vergangenen zwanzig Jahren diese tiefe, aber nicht erwiderte Liebe an die Oberfläche gespült. Und wie immer folgen auch diesmal die anderen zwischenmenschlichen Missgeschicke ihres Lebens auf dem Fuße. Denn niemand von ihnen hatte je wieder die Gefühle in ihr wecken können wie Cedric. Er war immer ihr goldener Ritter auf dem schneeweißen Pferd geblieben, der alles verkörperte, was sie sich wünschte.

Das lag einzig und allein daran, dass er dich von Anfang an links liegen gelassen hatte. Er war immer unnahbar gewesen und deshalb konnte daraus auch keine missratene Beziehung werden.

Isabel wollte daran nicht denken. Dass Cedrik und sie nie eine Chance hatten, lag an dem damaligen schlimmen Schicksalsschlag und an nichts anderem. Sie wollte weiterhin daran glauben, dass er es sonst für sie gewesen wäre.

Ihr Gewissen reagierte mit einem grummelnden Abwerten dieses Gedankenganges, das ihr ein flaues Gefühl in der Magengegend bescherte. Deshalb dachte sie schon fast panisch an die anderen Männer in ihrem Leben, um da ja nichts nachkommen zu lassen. Und da hatte es einige gegeben. Aber keiner war so gewesen, wie sie ihn sich gewünscht hatte. Sie wollte einen Freund, einen Gesprächspartner, einen Seelenklempner, einen Schmeichler, einen Liebeshungrigen, der aber jederzeit ein Nein akzeptierte und einen, der immer mit ihr durch dick und dünn ging. Er sollte immer zu ihr halten, sie unglaublich und bedingungslos lieben und vor der Welt beschützen und sie doch niemals einengen. Außerdem musste sie ihn auch lieben und immerwährende tiefe Gefühle sollten sie verbinden. So sollte ihr Traummann sein. Dazu kam natürlich noch, dass er ausgesprochen kinderlieb, absolut treu und ein leidenschaftlicher Hausmann sein sollte - und ihr bedingungslos ergeben.

Bedingungslos ergeben …?

Erneut schüttelte etwas ihr Gewissen wach und Isabel kämpfte energisch darum, die aufkeimenden Gedanken nicht an die Oberfläche dringen zu lassen. Aber erfolglos.

Es hatte ihn gegeben. Den bedingungslos Ergebenen. Cedrics jüngerer Bruder Till. Er und seine beiden älteren Geschwister lebten in dem großen Gut neben ihrem Zuhause aus Kinderzeiten. Und Till war es, dem sie wissentlich mehrmals das Herz gebrochen hatte. Ihre ganze Kindheit lang hatte er es ihr immer wieder zu Füßen gelegt. Erst hatte sie es genossen, seine ständige Aufmerksamkeit zu haben. Aber später wollte sie das nicht mehr und machte ihm das erbarmungslos klar, völlig davon überzeugt, dass sie eine Berechtigung dazu hatte, weil sie einen anderen liebte.

Du warst noch ein Kind!

Mit dieser Ausrede tröstete Isabel sich lange, wenn sie die Erinnerungen an ihre Kindheit überfielen und ihr Gewissen und ihr Selbstbewusstsein marterten. Ihr Gewissen litt bei den alten Geschichten, weil Isabel wusste, dass sie Till immer wieder wehgetan hatte, obwohl er ihr bester Freund gewesen war. Und ihr Selbstbewusstsein, weil sie sich selbst verletzt und ungeliebt gefühlt hatte, weil Cedric sie ignoriert hatte. Schließlich wollte sie nur ihn, doch der hatte sie nie auf seinem Radar.

Manchmal kam es ihr so vor, als hätte sie, bevor sie volljährig war, schon all ihr Pensum an Liebe verschossen, das dieses Leben für sie vorgesehen hatte.

Sie musste an ihr damaliges Zuhause denken, dass ihre Familie bewohnt hatte. Es war ein altes Heuerhaus, das im Schatten des riesigen Guts der Familie Schneider stand. Es war ein uraltes, wunderschönes Fachwerkgebäude gewesen, mit einer riesigen Diele und einem urigen Dielentor, kleinen Butzenfenstern und einem eigenen Brunnen, der ihre Fantasie immer besonders beflügelt hatte. Der Holzdeckel auf der etwa einen Meter hohen, gemauerten Einfassung verschloss die Untiefen einer anderen Welt vor ihrer und ließ weder die Monster aus der Unterwelt heraus noch die Frösche zum Küssen.

Sie hatte dieses Haus geliebt, aber es wurde ihr fast zum Verhängnis. Eines Tages brannte es lichterloh und ihr Vater hatte sie und ihre Schwester gerade noch rechtzeitig retten können. Deshalb waren sie damals weggezogen und sie musste ihrer schönen Kindheit Lebewohl sagen - und ihrer Liebe.

Nein, an Cedric wollte sie nicht mehr denken. Jeder Gedanke an ihn schmerzte seltsamerweise immer noch. Wahrscheinlich wird es das auch noch auf ewig tun. Er war der Mann, den sie für sich und ihr Leben auserkoren hatte, der sie sogar lange in ihren Träumen verfolgte und der sie niemals wollte. Vielleicht gab es keinen Märchenprinzen für sie, weil sie Cedric nicht bekommen hatte.

Hör auf mit dem Scheiß. Was hättest du bei ihm gehabt? Er ist nie auch nur im Ansatz ein Märchenprinz gewesen.

Für Isabel damals schon. Auch wenn er ein seltsamer, komplizierter Junge war, den sie nie ganz verstand und der ihr durchaus auch mal Angst machen konnte. Sie hatte erlebt, wie er seinen kleinen Bruder vor ihren Augen misshandelt und quält hatte. Er war eigentlich kein netter Mensch. Überhaupt nicht. Dennoch hatten ihre Gefühle sich auf ihn ausgerichtet. Sie mochte seine braunen Haare, seine braunen Augen und seine süße Nase. Er war nicht besonders groß, aber durchaus gut gebaut. Und wenn er sich ihr gegenüber mal ein wenig netter gab als bei allen anderen, dann konnte sie das richtig glücklich machen. Dann hatte sie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Was dich an ihm hängen ließ war dein gottverdammtes Helfersyndrom. Du glaubtest ständig ihm helfen zu müssen.

„Er hatte es auch nicht leicht. Sein Vater war früh bei einem Treckerunfall ums Leben gekommen und Cedric musste das Gut führen, als er nicht mal fünfzehn war“, verteidigte Isabel sich und ihn in Gedanken.

Aber er wollte deine Hilfe nicht. Er wollte nichts von dir und hat dir das auch gezeigt, wo er konnte. Du hast das bloß nicht geschnallt!

Doch, das hatte sie. Aber sie konnte das nicht glauben. Sie war damals der Meinung, wenn sie sich in jemanden verliebt, so richtig, mit Herz und Verstand, dann wird er das auch erwidern.

Du warst schon immer dumm und naiv. Wieso glaubst du, dass dich überhaupt jemand will!

Erbarmungslos drängen sich ihre Reinfälle mit dem anderen Geschlecht an die Oberfläche als würden sie ihr etwas klarmachen wollen. Dabei war sie in den letzten Jahren mit ihren Ansprüchen schon ganz schön in den Keller gegangen. War sie nicht sogar schon dazu übergegangen, jeden für in Ordnung zu befinden, der sich nicht ganz so dämlich anstellte und ihr netterweise das eine oder andere Getränk spendierte, was ein gewisses Maß an Interesse an ihr zeigte? Wenn sie nun so darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, dass ihre letzten Liebhaber sowieso nur noch einem Minimum dessen entsprachen, was ihr eigentlich so vorschwebte. Manchmal nicht mal mehr das.

Wieder marterte sie ihr Selbstwertgefühl und versuchte ihr klarzumachen, dass ihre Chancen längst verspielt waren. Das brachte ihr Selbstmitleid auf den Plan, das heiße Tränen über ihre Wangen rollen ließ.

Isabel starrte mit verschwommenem Blick auf das Gemisch gelber Soße, aus dem noch hier und da ein weißes Fleischstück herausragte, sowie ein paar Morcheln und Bambussprossen. Ein Häufchen Reis schien die gelbe Flüssigkeit magisch anzuziehen.

Sie schob energisch den Teller noch weiter von sich weg.

„Wo bist du nur geblieben, Traumprinz? Wo nur?“ Ihr Blick lief wie zufällig zu dem kleinen Eckregal mit den Rosen in der weißen Vase.

Die roten Rosen! Wenn sie nicht von Hardy waren, von wem dann?

Sie zählte in Gedanken ihre Verflossenen auf, die ihr vielleicht so noch einmal einen netten Gruß zum neuen Jahr senden wollten. Aber Isabel konnte sich nicht denken, warum sie die Rosen vor die Tür gelegte hatten und nicht hereingekommen waren?

Vielleicht hatte derjenige nur Angst, dass du dich ihm voller Verzweiflung an den Hals wirfst und ihn mit Selbstmord drohst, wenn er dich nicht in den nächsten fünf Minuten zu einem Traualtar schleppt und mit dir ein Kind zeugt.

Das war gemein. So verzweifelt war sie gar nicht. Und sie wollte doch gar nicht heiraten. Ein Mann für immer - daran glaubte sie sowieso nicht mehr. Wenn sie darüber nachdachte, fiel ihr auch niemand ein, mit dem sie wirklich jeden Tag zusammenhocken wollte, dem sie die Wäsche waschen und den sie bekochen und bemuttern wollte. Nein, dazu war sie wahrscheinlich schon zu lange Single, um damit noch zurecht zu kommen.

Aber ein Kind …!

Isabel seufzte auf und unterdrückte die erneut aufsteigenden Tränen.

Warum gab es keine Automatik, die bei einer Frau den Kinderwunsch nur einschaltete, wenn sie den passenden Mann dazu hatte? Ansonsten blieb man von jeglichem Gedanken an so ein kleines Wesen verschont. Und warum war es so schwer, einen passenden Mann zu finden?

In den letzten Jahren hatten alle bei ihr eine faire Chance gehabt, außer … na gut, Michael hatte sie mit vielen bösen Worten rausgeschmissen, nachdem sie ihn mit einer anderen Frau auf ihrem Sofa erwischt hatte. Dieses Schwein!

Sie schüttelte mit zusammengekniffenen Augen den Kopf. Der bloße Gedanke an ihn ließ ihren Magen noch mehr rebellieren. Dabei hatte sie ihm einen Job besorgt und ihn bei sich wohnen lassen, weil er angeblich eine schlimme Zeit hinter sich hatte.

Der hatte ihr bestimmt keinen netten Neujahrsgruß gesendet. Sie hatte die Frau nackt vor die Tür gejagt und ihm ein blaues Auge verpasst.

Aber auch sonst fiel ihr keiner ein. Detlef war ihr erster fester Freund mit Beziehungsstatus gewesen. Aber das hielt nicht, weil er nach England ging, um zu studieren. Charly folgte und machte Schluss, nachdem ihn endlich die Frau erhört hatte, die er eigentlich liebte. Dann folgte Ronny, der mit ihrem Wesen nicht klarkam. Er wollte eine Frau, die genauso gerne jede Party mitnahm wie er und die abends gerne bei einem Joint entspannte und der freien Liebe frönte. Es folgten etliche No-Name-Nummern, bis sie Carsten traf, mit dem sie das Geruchsproblem hatte. Danach kam Michael, den sie von der Straße aufgabelt hatte und bei sich wohnen ließ. Aber der gabelte auch mit Vorliebe Menschen von der Straße auf, während sie arbeitete. Und zwar vornehmlich weibliche. Nach ihm begann sie sich darauf zu konzentrieren, einen Mann für gewisse Stunden zu finden, um einfach nur schwanger zu werden. Aber das bescherte ihr mehr Desaster, als ihr lieb war und brachte nichts. Und dann die Sache mit Hardy auf der Weihnachtsfeier, was wohl eine völlige Kurzschlussreaktion gewesen war.

Eigentlich sollte ihr mittlerweile klar sein, dass dieses Leben nicht dafür gedacht war, es mit einem Mann glücklich und in trauter Zweisamkeit zu verbringen. Das sah ihr Seelenplan wohl nicht vor … oder sie war irgendwann falsch abgebogen.

Der Gedanke machte sie noch trauriger.

Verdammt, was soll das? Hatten wir nicht gerade erst eine klare Vereinbarung getroffen? Warum hängst du jetzt schon wieder hier rum und denkst an nichts anderes als an das, an das du nicht mehr denken wolltest?

Isabel ignorierte ihr Gewissen. Der Gedanke mit dem falschen Weg hatte sie schon oft befallen. Aber sie wusste nicht, wann sie einen anderen Weg hätte einschlagen können oder wann ihr Leben nicht mehr dem Plan gefolgt war? Vielleicht schon in ihrer Kindheit, als alles so schrecklich konfus war und sie schon viele falsche Entscheidungen getroffen hatte, an die sie aber nicht mehr denken will. Außerdem gab es damals nicht die Möglichkeit, etwas anders laufen zu lassen, weil ihre Gefühle nicht mitgespielt hatten, oder derjenige ihre Gefühle nicht erhörte, dem sie ihre für immer schenken wollte.

Sind wir wieder an dem Punkt, den Schuldigen zu benennen? Der, dem du deine Gefühle ein Leben lang vor die Füße kippen wolltest und der sie mit den Selbigen trat, bis sie nur noch Mus waren.

Oh Mann, bloß nicht! Cedric war tiefste Vergangenheit. Ein Kindheitstraum. Er konnte sie nur noch in ihren Träumen erreichen, die ihn aber immer mal wieder heraufbeschworen, als könne etwas in ihr ihn einfach nicht loslassen.

Isabel stand auf und schlurfte ins Wohnzimmer. Sie warf sich auf das kleine, geblümte Sofa und schaltete den Fernseher ein, um alte Erinnerungen nicht wieder hochquellen zu lassen. Sie hatte viele Jahre gebraucht, um sich von ihnen zu lösen und den Plan, mit Cedric das Leben zu leben, nicht mehr als ihre Bestimmung anzusehen. Sie hatte lange nicht verstanden, warum Cedric ihr gegenüber all die Jahre so unnahbar geblieben war, obwohl sie damals davon überzeugt war, dass er sie lieben muss oder dies irgendwann tun wird. Schließlich wollte sie mit ihm alles durchstehen, ihm bei allem helfen und hätte für ihn vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung auf dem Gut geschuftet.

Sie hatte sich lange damit getröstet, dass es nur der Hausbrand gewesen war, der diesen Traum zerstört hatte.

Isabel verdrängte mit aller Kraft die alte Geschichte. Es liefen die Nachrichten des Tages und sie konzentrierte sich auf die. Aber auch da war alles was sie sah: Das Leben ist nun mal beschissen, gewöhn dich daran.

Vielleicht sollte sie mal wieder bei ihrer alten Schulfreundin Kerstin anrufen? Sie könnte sie fragen, wie es ihr so geht und was sie so macht und ihr nachträglich ein gutes, neues Jahr wünschen.

Kerstin hatte es tatsächlich geschafft in ihrem hohen Alter von sechsunddreißig Jahren noch einen Kerl abzubekommen, der sie sogar vor kurzem geheiratet hatte. Unglaublich!

Natürlich war Peter kein Mann, den Isabel genommen hätte. Aber Kerstin meinte, dass er wirklich lieb und toll ist, sie liebt und man die Witwenrente als verheiratete nicht außeracht lassen darf, wenn er den Löffel abgibt. Doch Isabel hatte keine Lust sich den Bericht der tollen Hochzeitsreise anzuhören, der dann anstehen würde.

Ihr fiel ihre andere Schulfreundin ihres damaligen Dreiergespanns ein. „Na gut, dann rufe ich halt Britta an.“

Britta hatte sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesprochen. Das lag daran, dass die wenig Zeit hatte, seit sie den Buben zur Welt gebracht hatte. Außerdem herrschte dort wieder ungetrübte Familienidylle, seit der Zuwachs die Zweisamkeit mit ihrem Mann wieder gefestigt hatte. Davor sah es kurz so aus, als würden sie sich scheiden lassen.

Isabell wählte deren Nummer und drückte den Hörer ans Ohr, obwohl sie alles wollte, nur nicht telefonieren.

„Rittler!“

„Hallo, Britta. Ich bin es, Isabel!“

„Oh, Isabel! Das ist wirklich nett, dass du mal anrufst. Aber …“ Ein kurzes Stöhnen war zu hören. „Ich kann jetzt leider nicht! Nils holt gerade den Wagen aus der Garage. Wir bekommen unser zweites Baby!“ Halb weinend, halb lachend drangen ihre Worte an Isabels Ohr.

„Mein Gott, das ist ja …!“ Isabel wusste nicht, wie sie das finden sollte. „Okay, ich wünsche dir alles Gute! Meldet euch, wenn es da ist.“

„Machen wir! Ich muss jetzt!“ Brittas gepresste Stimme wurde undeutlich und machte dem Besetztzeichen Platz.

Isabel saß wie betäubt vor dem Telefon und hielt den Hörer immer noch an ihr Ohr. Sie beneidete ihre Freundin. Sie hatte alles. Einen mittlerweile wieder netten Mann, ein Haus und bekam gerade das zweite Kind. Gerade jetzt, in diesem Augenblick.

Isabel legte langsam den Hörer auf und schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie wusste, sie wollte nichts mehr von Britta und ihrem neuen Baby hören. Das riss sie nur noch tiefer in eine Depression.

Eigentlich hattest du doch immer dein Leben vor allen als Perfekt hingestellt, und die Frauen als bemitleidenswert bedauert, die sich abhängig von ihren Männern machten, indem sie sich durch ein Kind an den Haushalt banden.

Das war alles nur Show. Isabel konnte sich vielleicht nicht mehr vorstellen einen Mann fest in ihr Leben zu integrieren. Aber sie wollte auch nicht für immer allein sein. Sie sah ihr Leben als in eine Sackkasse gefahren an, wenn es so blieb, wie es war. Sie brauchte endlich einen anderen Einfluss in ihrem Leben, der es aufwertete. Und sie wusste genau, was das sein konnte. Sie wollte ein Kind. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Wenn du mit einem Mann ins Bett gehst, bloß um ein Kind zu bekommen, ist das auch eine Form von stehlen.

Quatsch. Das ist etwas ganz anderes. Außerdem würde sie es nur darauf anlegen, wenn Gefühle mit im Spiel waren. Oder zumindest Achtung voreinander, gepaart mit der Bereitschaft, dem Schicksal eine Chance zu geben.

Isabel seufzte tief auf. Ja, ein Kind wäre ihr Traum. Aber der Gedanke daran brachte auch ein gewisses Maß an Unbehagen mit sich, wenn sie sich die letzten Zusammentreffen mit Männern vor Augen hielt. Sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, ein Kind anzusehen und sich nur an dessen Vater als versoffenen Willigen auf einer Party zu erinnern, der nur hirnlos einen wegstecken wollte.

Ach so? Komisch, ich kann mich an den einen oder anderen besoffenen Willigen ohne nennenswerten Gefühlsparameter erinnern, der nur vögeln wollte.

Isabel schüttelte unwillig den Kopf und ging zum Sofa zurück, um sich darauf zusammenzurollen.

Das war dumm und nur eine Kurzschlussreaktion. Mehrere Kurzschlussreaktionen. Oh Mann! Was soll sie nur tun?

Sie war verzweifelt und sah für sich keinen Ausweg.

Um ihre Gedanken zu übertönen, machte sie den Fernseher lauter. Sie musste sich auf das konzentrieren, was dort ablief. Und das war mittlerweile ein Film, in dem eine Frau darüber sinnierte, ob sie den richtigen Mann am nächsten Tag heiraten würde, oder ob sie doch besser den Jugendfreund nahm, den sie als Trauzeugen eingeladen hatte und der sie mit heißer Sehnsucht in den Augen die ganze Zeit anstarrte.

Isabel drehte sich vom Fernseher weg und schloss die Augen.

Du musst dir eine Perspektive suchen, einen neuen Weg, irgendetwas, was dich aus dieser Ausweglosigkeit befreit.

Ihr Verstand suchte nach einem Ziel, das sie sich setzen konnte und das sie ausfüllen würde. Sie brauchte unbedingt endlich etwas, das sie glücklich machen würde und ihr die Einsamkeit nahm. Es musste doch irgendetwas für sie geben!

Aber ihr wollte einfach nichts einfallen.

Doch so reichte ihr das Leben nicht mehr. Sie brauchte mehr! Vielleicht sollte sie sich doch einen Hund anschaffen? Aber der würde ihr viel Arbeit machen und herumbellen. Außerdem waren keine Tiere in den Wohnungen erlaubt.

Ein Goldfisch, mit dem sie reden konnte, der ihr nie widersprechen würde und wenn sie ihn nicht zu oft fütterte, sich sogar freuen würde, wenn er sie sah und sie ihm etwas in sein kleines Glas warf. Das wäre noch eine Möglichkeit.

Wenn sie ihn aber zu oft vergaß? Sie war in letzter Zeit sehr vergesslich. Ob der das wohl ein paar Tage aushielt? Er würde sich noch nicht einmal durch Rufen bemerkbar machen können.

Nein, der würde bei ihr bestimmt einen qualvollen Tod sterben. Sie war also weiter dazu verdammt, allein und einsam zu leben … und vielleicht sogar bald beurlaubt.

Erschöpft und traurig ließ sie sich nur zu gerne in den Schlaf fallen, der sie immer mehr übermannen wollte. Schlafen hieß vergessen und vergessen hieß, dass alles erträglicher erschien. Zumindest für eine Weile.

Ein verhängnisvoller Wunsch

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