Читать книгу Neun Porträts der Seele - Sandra Maitri - Страница 10
2 ENNEATYP NEUN EGO - TRÄGHEIT
ОглавлениеDer Enneatyp Neun ist „die Mutter“ aller Enneatypen – um einen Ausdruck des berüchtigten Achters, Saddam Hussein, zu zitieren. Wie schon im ersten Kapitel bemerkt, steht Punkt Neun für den prinzipiellen Verlust des Kontakts mit unserem wahren Wesen, und da ein jedes Ich diese Entfremdung erfährt, können all die anderen Typen als Spezialisierungen dieses wesentlichen Persönlichkeitsarchetyps angesehen werden. Anders ausgedrückt: Dieser Typus wurzelt am reinsten in allen Bereichen, die direkt mit dem Vergessen unseres wahren Selbst zu tun haben und damit, dass wir unser tiefstes Wesen „verschlafen“. Alle anderen Typen sind Variationen oder Ausschmückungen dieses Grundprinzips im Zentrum des Ich.
Um die Eigenschaften dieses Enneatyps kurz zusammenzufassen: Die Neunen vermeiden es, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie erwecken nicht den Eindruck, wichtige Persönlichkeiten zu sein, sondern wirken eher unscheinbar oder unbestimmt. Gern geben sie anderen den Vorrang und haben Schwierigkeiten, für sich selbst oder bei anderen die Hauptrolle zu spielen. Sie ziehen es vor, andere im Rampenlicht zu sehen, halten sich selbst für nicht so wichtig oder bedeutend und bleiben meist im Hintergrund. Ihre eigenen Interessen setzen sie selten durch. Sie wollen lieber alles harmonisch und nett und haben Hemmungen, irgendetwas zu sagen oder zu tun, was andere vielleicht anstößig, unbequem oder kontrovers finden könnten. Daher vermeiden sie Auseinandersetzungen, bringen negative Gefühle oder Meinungen nur selten zum Ausdruck und halten sich an das Positive. Als ausgezeichnete Vermittler sind sie in der Lage, jedermanns Standpunkt zu verstehen, doch oft fällt es ihnen schwer, ihren eigenen Standpunkt wahrzunehmen und zu vertreten. Es bereitet ihnen Schwierigkeiten herauszufinden, was für sie selbst wirklich von Bedeutung ist, und sich dann darum zu kümmern. Das kann dazu führen, dass sie ihr inneres Leben vernachlässigen, ihren Gefühlen und Gedanken keine Aufmerksamkeit schenken oder sich kaum um das kümmern, was sie im Leben brauchen.
Wenn sie Anweisungen von außen bekommen, sind sie entweder sehr aktiv oder zeigen eine Tendenz zur Faulheit – doch in beiden Fällen bleiben sie selbst und ihre persönlichen Bedürfnisse außen vor. Sie neigen dazu, sich in alltäglichen Details zu verlieren und können nur schwer unterscheiden, was wirklich ihrer Aufmerksamkeit bedarf. Ihre Tendenz zur Unbeweglichkeit führt dazu, dass sie nur schwer in Bewegung kommen, und wenn sie einmal im Gang sind, nicht so leicht ihren Kurs ändern oder anhalten können. Sie können auf angenehme und harmlose Weise verworren und chaotisch sein. Die Tatsache, dass sie sich selbst im Grunde für wertlos, bedeutungslos und unzulänglich halten, ist verantwortlich für ihr zentrales Mangelgefühl, und sie trösten sich mit Annehmlichkeiten oder Ablenkungen, um ihre schmerzhaften Gefühle zu betäuben. Energetisch gesehen sind die Neunen solide und stabil, zuverlässig und freundlich.
Die Hauptausrichtung des Persönlichkeitstyps, der mit Punkt Neun in Verbindung gebracht wird, ist die wesentlichste: sich selbst zu vergessen. Ebenso fundamental ist die heilige Idee dieses Punktes. Wie wir schon in der Einführung festgestellt haben, entspricht die heilige Idee eines Punktes einer bestimmten Art, die Realität wahrzunehmen, nachdem alle subjektiven Persönlichkeitsschleier verschwunden sind. Jede Heilige Idee stellt eine Möglichkeit dar, das Wesen der Realität aus einem etwas anderen Blickpunkt zu sehen. Bei allen handelt es sich um erleuchtete Sichtweisen, und alle sind gleich wahr. Jeder Enneatyp ist für die Heilige Idee, die zu ihm gehört, besonders sensibilisiert. Das bedeutet, dass sie von allen am wenigsten gefestigt ist, und wenn ein Enneatyp den Kontakt mit dem Sein verliert, geht zugleich auch seine Heilige Idee verloren. In unseren detaillierten Besprechungen der einzelnen Typen werden wir genauer betrachten, wie der Verlust dieser Heiligen Idee für jeden Typus zu einem elementaren blinden Fleck führt.
Die spezielle Sichtweise der Realität, die Heilige Idee, für die der Enneatyp Neun besonders empfänglich ist, heißt heilige Liebe. Heilige Liebe entspricht der Wahrnehmung, dass die Wirklichkeit, wenn sie ohne den Filter des Ego betrachtet wird, von Natur aus liebevoll und lieblich, entzückt und entzückend, beglückt und beglückend, voller Wunder und wundervoll ist. Heilige Liebe deutet auf die Tatsache hin, dass das Sein sowohl der Ursprung der Liebe als auch die Liebe selbst ist und dass die gesamte Existenz eine Erscheinung und Verkörperung jener Liebe darstellt. Heilige Liebe bezieht sich nicht auf das Liebesgefühl selbst, sondern auf die Erkenntnis, dass das Sein oder das wahre Wesen von Natur aus positiv ist und sich wohltuend auf uns auswirkt. Almaas nennt diese Eigenschaft „nicht-konzeptuelle Positivität“ und sagt, dass sie schwer in Worte zu fassen sei, weil sie jenseits unserer vergleichenden Vorstellungen von positiv und negativ oder gut und schlecht liegt. Das bedeutet nicht, dass alles, was geschieht, positiv ist, sondern vielmehr, dass das grundlegende Wesen alles Erschaffenen wohlwollend und gnädig ist. Im Hinduismus wird diese Eigenschaft der Wirklichkeit Ananda oder „Glückseligkeit“ genannt und bildet die Basis des Bhakti-Pfades oder des „Weges der Hingabe“, der diese erhebende Eigenschaft des Seins beschwört und kultiviert.
Heilige Liebe ist also weder eine Emotion noch ein essenzieller Zustand. Das mag nicht ganz einfach zu verstehen sein. Das folgende Zitat, in dem A. H. Almaas die Wahrnehmung der heiligen Liebe mit Hilfe verschiedener essenzieller Aspekte oder Bewusstseinszustände beschreibt, kann vielleicht zur Klärung beitragen:
Heilige Liebe ist die klare und ausgeprägte Beschaffenheit der eigentlichen Substanz und des eigentlichen Bewusstseins eines jeden der essenziellen Aspekte. Heilige Liebe äußert sich in den positiven und beglückenden Affekten und Effekten eines jeden Aspektes. In der Liebe ist sie die Süße und Weichheit, an der Freude das Leichte und Spielerische. Für Intelligenz und Brillanz ist sie das Köstliche und Überragende, und wenn es um den Willen geht, die Reinheit und Zuversicht. Beim roten Aspekt der Stärke ist sie Lebendigkeit, Erregung und Glamour, während sie bei dem schwarzen oder Friedensaspekt als das Mysteriöse oder Seidige erscheint. In der Perle oder der persönlichen Essenz ist sie die Ganzheit und Integrität, und beim Raum die Frische und Neuheit. Sie ist die Tiefe, die tiefe Wärme und die befriedigende Echtheit der Wahrheit.1
Heilige Liebe entspricht der Erkenntnis, dass unser eigentliches, essenzielles Wesen von Natur aus wunderschön ist, ganz unabhängig davon, welche seiner Eigenschaften zu einem gegebenen Zeitpunkt im Vordergrund stehen, und dass es immer eine positive Erfahrung bedeutet, es zu erleben. Da unser essenzielles Wesen der Kern all dessen ist, was wir sind, sagt uns die heilige Liebe auf der persönlichen Ebene, dass wir grundsätzlich wunderschön und liebenswert sind, weil wir untrennbar mit dem Sein verbunden sind. Anders ausgedrückt: Das wahre Wesen durchströmt unsere Seelen und unsere Körper mit Schönheit und Liebenswürdigkeit und macht uns auf diese Weise schön und liebenswert.
Wenn wir das Sein ohne den Filter unseres konzeptuellen Verstandes direkt erleben, bekommen wir ein Gefühl dafür, was wirklich von Bedeutung ist, was Wert hat, was gut tut und Erfüllung bringt. In solchen Augenblicken entspannt sich die Seele, das Herz geht auf, und ein Wohlgefühl stellt sich ein. Wir sind empfänglich für einen Aspekt der Realität, der durch die heilige Liebe zum Ausdruck kommt: ihre reine Positivität. Almaas drückt es so aus:
Wenn Sie die Wirklichkeit objektiv begreifen, ... können Sie ihr nur positive Gefühle entgegenbringen. In dieser Erfahrung gibt es die positiven oder negativen Kategorien nicht, in die Ihr Verstand die Dinge einordnet. Hier gibt es keine Polarität; diese nichtkonzeptuelle Positivität ist jenseits aller Polaritäten. Das Wesen der Wirklichkeit ist so beschaffen, dass sich Ihr Herz, je mehr es von ihm berührt wird, desto glücklicher und voller fühlt – unabhängig von Ihren mentalen Einteilungen in gut oder schlecht.2
Das bedeutet: Je näher wir unseren Tiefen sind, desto ausgeglichener und harmonischer fühlen wir uns. Das hat damit zu tun, dass das Sein aus dem Blickwinkel der heiligen Liebe grundsätzlich positiv ist und sich deshalb positiv auf uns auswirkt. Und es erklärt, warum wir uns so gut fühlen, wenn wir mit der Wahrheit unserer Erfahrung in Kontakt sind und uns so zeigen, wie wir wirklich sind – selbst wenn wir etwas berühren oder zum Ausdruck bringen, das wir nicht gern anschauen oder preisgeben. Weil wir uns auf unsere eigenen Tiefen zubewegen, nähert sich auch unsere Seele der Güte des wahren Wesens und wird von ihr erfüllt. Tiefer mit sich selbst in Kontakt zu sein fühlt sich einfach besser an als gar nicht in Kontakt zu sein. Ohne diese Eigenschaft der heiligen Liebe wären wir nicht motiviert, irgendeinen spirituellen Pfad zu beschreiten. Der Kontakt mit dem Sein wirkt sich angenehm, wohltuend und konstruktiv auf uns aus, und die Kämpfe und Schwierigkeiten, die damit einhergehen, dass sich unser Bewusstsein erweitert, sind unsere Zeit, Energie und Hingabe wert.
Im Zuge unserer Arbeit an uns selbst finden wir bald heraus, dass wir leiden, wenn wir an der Oberfläche bleiben – wenn wir also von unserer äußeren Schale, von der Persönlichkeit aus handeln. Je tiefer der Schlaf ist, der uns daran hindert, die Wirklichkeit im Innersten der Schale zu erkennen, desto weniger erfüllend, bedeutungsvoll und beglückend erscheint uns das Leben. In der Sprache des Enneagramms: Je größer unsere Fixierung ist, desto weniger Anteil haben wir am liebevollen Wesen der Realität, weil wir die Verbindung zur heiligen Liebe verloren haben. Unser Leiden wird weder dadurch verursacht, dass wir allein leben oder in einer falschen Beziehung sind, noch dadurch, dass wir zuwenig Geld, zuviel Geld oder ähnlich geartete Beschwerden haben. Auch dass unser Äußeres nicht so hübsch oder unsere Persönlichkeit nicht so angenehm ist wie sie unserer Meinung nach sein sollte, hat nichts damit zu tun. Wir leiden, weil wir fern von unseren Tiefen leben – so einfach ist das. Je stärker unsere Seele vom Sein durchtränkt ist, desto besser fühlen wir uns und desto besser erscheint uns unser Leben, unabhängig von äußeren Umständen.
Das gibt unserem Verständnis der heiligen Liebe eine weitere Note, die mit ihrer Allgegenwart zu tun hat. Die natürliche Güte der Wirklichkeit befindet sich nicht an einem bestimmten Ort. Sie ist vielmehr in allem enthalten, was es gibt. Sie ist kein Gebrauchsgegenstand, der irgendwo da draußen darauf wartet, dass wir ihn erwerben. Sie wohnt weder einer besonderen Person inne noch ist sie von bestimmten Situationen abhängig. Sie ist kein separates Etwas, das sich außerhalb unser selbst befindet. Sie ist das Wesen von allem, was existiert. Doch solange wir das Leben durch den Schleier unserer Persönlichkeit erfahren, können wir diese Tatsache nicht erkennen. Vielleicht haben wir den Eindruck, dass die Güte oder das Wohlwollen der Realität auf uns zukommt und uns dann wieder verlässt. Vielleicht scheint es uns, als besäßen wir sie in einem Moment, um sie im nächsten wieder zu verlieren, als wären sie nur in bestimmten Situationen und unter bestimmten Umständen verfügbar. Es mag zum Beispiel sein, dass wir die Güte des Lebens nur spüren, wenn jemand uns liebt oder uns seine Aufmerksamkeit schenkt, oder wenn wir eine Beförderung oder eine Gehaltserhöhung bekommen. Im Anfangsstadium einer spirituellen Reise erfahren wir unser wahres Wesen vielleicht nur in Gegenwart unseres Meisters und fühlen uns nur wunderbar und liebenswert, wenn wir meditieren. Das führt dann dazu, dass uns das Positive unseres Wesens sehr vergänglich vorkommt. Es ist aber nur ein Übergangszustand, denn wir werden schließlich erkennen, dass die Schönheit und das Wunder des Seins kein Ding ist, das in irgendjemand anderem wohnt – ja dass es nicht einmal irgendwo in uns selbst zu Hause ist. Es ist das Wesen von allem, und deshalb ist es überall. Aus dieser Perspektive erkennen wir, dass es in der Tat nichts gibt als das Sein, und dass das Sein nicht etwas ist, das wir uns aneignen müssen. Von einem bestimmten Punkt an brauchen wir uns ihm nicht einmal anzunähern. Irgendwann, wenn nicht einmal mehr der Eindruck einer Bewegung von hier nach dort übrig bleibt und wir die Güte und Herrlichkeit des Seins erkennen und in ihm ruhen, verwandelt sich die Reise in etwas anderes.
Vielleicht erschließt sich uns die Tatsache, dass das Universum wohlwollend ist, auch ohne diese Erkenntnis, doch wir sehen nicht, dass es das Wesen von allem ist – auch von uns selbst. Wenn wir den Kontakt zur heiligen Liebe verlieren, geht uns auch der Kontakt zu ihrer Grenzenlosigkeit verloren und es kommt uns vor, als könne die Güte der Realität an einer Stelle sein und an einer anderen nicht. So wird das Positive bedingt und flüchtig. Es taucht nur in bestimmten Situationen auf, ist in einem Moment noch da und im nächsten schon nicht mehr. Auf die gleiche Weise finden wir einen Menschen liebenswert und einen anderen nicht.
Der Eindruck, dass die Güte des Lebens eingeschränkt und bedingt ist, ermöglicht die Täuschung des Enneatyps Neun: Er erkennt nicht mehr, dass er selbst Liebe und deshalb von Natur aus liebenswert ist. Eine Neun findet, dass alle anderen liebenswert sind und an der Mildtätigkeit des Lebens teilhaben, nur sie selbst nicht. Das ist die grundlegende Wahrnehmungsverzerrung der Neun und die Basis für alle charakteristischen Eigenschaften dieses Typs. Es mag schwierig sein, diese Verzerrung als solche zu erkennen, da sie allen Persönlichkeitstypen zugrunde liegt. Wenn wir aber in Betracht ziehen, dass sich in der eigentlichen Grundsubstanz unseres Körpers und unseres Bewusstseins das Sein, dessen wichtigste Eigenschaft seine Positivität ist, ausdrückt und verkörpert, wie können wir dann nicht von Natur aus liebenswert sein? Wie könnte unsere Liebenswürdigkeit davon abhängen, wie unser Körper aussieht, wer uns liebt oder was wir besitzen?
In dem Prozess, in dem wir alle den Kontakt zu unserer Essenz verlieren und der sich, wie wir gesehen haben, allmählich während unserer ersten drei bis vier Lebensjahre vollzieht, verliert der Enneatyp Neun die Verbindung zur heiligen Liebe. Für eine Neun mündet dieser Prozess in den Glauben (die fixierte kognitive Wahrnehmung oder Fixierung), von Natur aus nicht liebenswert, wertvoll, wichtig, bedeutend oder würdig zu sein. Infolge des Kontaktverlustes mit oder der Abwendung von der Essenz erlebt sie sich selbst also nicht mehr als liebenswert und all der schönen und guten Dinge würdig, die das Leben zu bieten hat. Sie kommt sich vor, als stünde sie außerhalb des Bereichs, in dem die Güte des Lebens waltet, und hätte keinen Anteil daran. Diese feste Überzeugung bildet von nun an die Basis aller mentalen Konstrukte, emotionalen Affekte und Verhaltensmuster dieses Typs.
Aus der Perspektive der Kräfte, welche die Psyche der Neun zu Beginn ihres Lebens geformt haben, ihrer Psychodynamik, interpretiert sie das fehlende Gehaltenwerden und die mangelnde Spiegelung ihres wahren Wesens als Zeichen dafür, dass sich der Kontakt mit dem, was sie wirklich ist, nicht lohnt. Obwohl ursprünglich nicht-konzeptuell, entsteht diese Folgerung aufgrund des inhärenten Wissens unserer Seele, dass sie vom Eigentlichen im Kern nie getrennt sein kann: Wenn das Sein, das wir in Wirklichkeit sind, nicht unterstützt und geschätzt wird, kann das nur bedeuten, dass wir selbst nicht wertvoll, liebenswert, kontaktwürdig und so weiter sind. Weil die Neun blind für die heilige Liebe ist, entsteht für sie das Bild – und somit die Erfahrung – einer Kindheit, in der sie wenig bedingungslose Liebe, Fürsorge oder Aufmerksamkeit bekommen hat. Ob sie nun körperlich und emotional vernachlässigt wurde oder nicht – der Eindruck, keine persönliche Zuwendung erfahren zu haben, hat sich der Seele der Neun tief eingeprägt, denn das Wirklichste, ihr wahres Wesen, ist ja in der Tat nicht genug beachtet worden. Etwas, worunter fast alle Menschen leiden, nämlich die mangelnde Resonanz mit ihrer wahren Natur, wird von den Neunen sehr persönlich genommen. Ihr Schluss, den sie vielleicht nie in Worte fassen, lautet: „Weil meine Eltern auf meine Tiefen, also auf das, was ich wirklich bin, nicht angesprochen haben, bin ich wohl nicht wichtig, und es ist klar, dass ich im Grunde bedeutungslos bin.“
Die Neunen unterbrechen daraufhin den Kontakt zu ihren inneren Tiefen und wenden genau wie ihre Versorger ihr Bewusstsein vom Sein ab. Es ist wichtig zu beachten, dass das Sein nicht verschwindet. Es gleitet einfach nur ins Unbewusste ab. Da das Sein dem entspricht, was und wer wir sind, kann man sich von ihm nicht abwenden, ohne sich zugleich von sich selbst zu entfernen. Die Neun beginnt also, sich selbst gegenüber taub zu werden und erwartet dasselbe von ihrer Umwelt. Interessanterweise ist der diesem Typus zugeordnete Körperteil das Ohr, und es ist typisch für sie, nicht nur sich selbst im Inneren, sondern auch die Außenwelt auszublenden und nicht zu hören.
Die „Taubheit“ der Neun entspricht, wie wir gesehen haben, im Grunde einer mangelnden Einstimmung auf das Reich der Essenz. Genau wie die Neunen sich selbst für mehr oder weniger belanglos und uninteressant halten, haben sie im Zuge des Kontaktverlusts mit der Essenz sich selbst vergessen. Dieses Selbst-Vergessen ist charakteristisch für den Enneatyp Neun. Es äußert sich in seinen Tiefen genauso wie auf der oberflächlichsten Persönlichkeitsebene und reicht vom Vergessen der Essenz bis zur simplen Vergesslichkeit im Alltag. Ihr Selbst-Vergessen beschreibt im Grunde die Beziehung der Neun zu sich selbst. Deshalb steht das Selbst-Vergessen im Enneagramm der Handlungen gegen das Selbst (Anhang B) an Punkt Neun. Dieses Enneagramm bezieht sich auf die charakteristische Beziehung eines jeden Typs zu dem, was wir als das Selbst oder unsere Seele erleben.
Die Neunen haben ihre Tiefen vergessen. Ihrem Verhalten, ihren Gedanken und ihren Gefühlen liegt die unterschwellige Ansicht zugrunde: „Es macht doch sowieso keinen Sinn, auf mich selbst zu achten – was ist hier drin denn schon wertvoll“. Im Endeffekt haben sie immer das Gefühl, nichts Besonderes und in keiner Hinsicht bemerkenswert zu sein. Das Innere wird vernachlässigt und gerät in Vergessenheit, und nur das Äußere ist es noch wert, beachtet zu werden. Was sie nach außen hin präsentieren und im Außen erleben, scheint viel mehr Gewicht zu haben als die inneren Geschehnisse, die ihnen vergleichsweise bedeutungslos und unwichtig vorkommen. Sie orientieren sich eher nach außen als nach innen und stellen sich mehr auf die Bedürfnisse der Umwelt und anderer Menschen ein, als auf ihre inneren Eingebungen zu achten. Die Bedürfnisse anderer überdecken ihre eigenen, die grundsätzlich unwichtiger und von geringerer Bedeutung zu sein scheinen. Ihr eigenes Selbstwertgefühl speist sich mehr aus dem, was sie anderen bedeuten und für andere tun, als aus ihrer Sensibilität für sich selbst und dem, was sie für sich selbst tun.
Das führt letztendlich dazu, dass sie den spirituellen Boden, der äußeren Gesten und Handlungen eine Bedeutung gibt, unter den Füßen verlieren und die äußere Schale des Lebens zu einer seichten, leblosen Hülle verkommt. Es ist natürlich eine Tatsache, dass alle, die mit der Persönlichkeit identifiziert sind, also mindestens 99 Prozent der Menschheit, den Kontakt mit ihrer spirituellen Dimension, ihrem essenziellen Wesen verloren haben. Die meisten können sich ein Leben, das mehr ist als nur eine Schale, gar nicht vorstellen. Es ist geradezu eine kulturelle Vorgabe, die Hülle eines Lebens zu leben und zu vergessen, dass es mehr gibt. Um „zivilisierte“ Menschen zu werden, müssen wir alle diesen Angleichungsprozess durchmachen und den Kontakt zu unseren Tiefen verlieren. Dieser Prozess der Anpassung oder Konditionierung – aus spiritueller Sicht ein Prozess des Einschlafens und Selbst-Vergessens – wird durch den Enneatyp Neun verkörpert.
Wenn unser wahres Wesen nicht gehalten und gespiegelt wird, wenden wir uns nicht nur von ihm ab, indem wir die Beziehungsform nachahmen, die uns selbst widerfährt, sondern versuchen auch noch zu interpretieren, warum dies wohl geschieht. Diese Vorstellungen werden geprägt, bevor wir unsere Denkfähigkeit entwickelt haben und sind deshalb anfangs weder bewusst noch konzeptuell. Dennoch färben und bestimmen sie alle Aspekte unserer Beziehung zu uns selbst. Später entwickelte, dem Bewusstsein nähere Überzeugungen und Einstellungen uns selbst und unserer Umwelt gegenüber wurzeln in diesen vorbewussten „Interpretationen“. Die Erfahrung, dass ihr tiefstes Wesen von der Umwelt nicht erfasst und gehalten wurde, wird von den Neunern nicht nur als Beweis dafür gedeutet, dass ihr eigentliches Wesen keiner Aufmerksamkeit wert und in sich nicht wertvoll und liebenswert ist. Sie führt außerdem zu dem Gefühl, nichts irgendwie Wesentliches zu besitzen. Dieses sehr schmerzhafte Mangelgefühl geht mit dem Eindruck einher, dass irgendetwas fehlt – etwas ungeformtes oder unentwickeltes, etwas mangelhaftes oder embryonisches, das im Laufe der Entwicklung verdreht und deformiert wurde. Auf diese Weise äußert sich bei den Neunen das Selbstgefühl um das Loch, das durch den Verlust des Kontakts mit ihrem wahren Wesen entstanden ist. Es bildet die Basis für ihr grundlegendes Defizit-Gefühl. Jedem Enneatyp ist ein charakteristischer defizitärer Zustand zu eigen, auf dem die Persönlichkeit aufbaut, doch alle sind Abwandlungen des Neuner-Zustands und damit des grundlegenden Gefühls, unvollständig oder mangelhaft zu sein.
Bei allen Typen bildet dieses Gefühl des Mangels die oft unbewusste Basis für das innere Selbstbild, das wiederum bestimmt, wie wir uns selbst erleben. Eine Neun sieht und erfährt sich selbst als eine Person, der grundsätzlich bestimmte Teile fehlen; die nicht mit allem geboren wurde, was gebraucht wird; der es an etwas Wichtigem mangelt; die verkrüppelt und missgebildet ist – als hätte sich bei ihr etwas Grundsätzliches entweder unvollständig oder gar nicht entwickelt oder sei überhaupt nie da gewesen. Die Neun kann sogar unter dem Eindruck stehen, ihre Seele sei eine Fehlgeburt oder gestorben. Diese tiefe, schmerzhafte Gefühl von Defizit spiegelt natürlich die Wahrheit, dass ihr wirklich etwas Entscheidendes fehlt: der Kontakt zu dem, was sie wirklich ist – jenseits dieses auf Mangel beruhenden Selbstbildes.
Wie wir schon im ersten Kapitel gesehen haben, entwickelt sich unser Selbstbild nicht in der Isolation. Unser Selbstgefühl, das seine erste Prägung in der frühen Kindheit erfährt und im Körper verwurzelt ist, basiert nicht nur auf inneren Empfindungen, sondern entwickelt sich auch durch den Kontakt zwischen der Umwelt und unserer Hautoberfläche. Unser Gefühl dafür, wer wir sind, entsteht immer in Bezug auf etwas, das anders ist als wir, sich also außerhalb unserer Körpergrenzen befindet. Unser Selbstbild existiert also immer nur als Gegenpart einer Objektvorstellung, eines konzeptuellen Bildes vom „Anderen“. Der (die, das) Andere besitzt in den Augen eines Neuners das, was ihm fehlt: Er (sie es) ist heil, ganz und perfekt hier angekommen und von Natur aus liebenswert und wertvoll. Im Vergleich zu anderen fühlen sich die Neunen extrem minderwertig – weniger gut, vollständig oder würdig. Dieses Gefühl mag von einem Elternteil verursacht worden sein, welcher der Neun auf irgendeine Art besonders oder begabt erschien oder der aufgrund seiner hohen Emotionalität, mentalen Instabilität oder großen Extrovertiertheit viel psychischen Raum in Anspruch nahm. Neben diesem Elternteil nahm die Neun einen untergeordneten Platz ein und trat in den Hintergrund. Wie schon in der Einführung erwähnt wurde, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass diese Eigenschaften nicht unbedingt zu den wichtigsten oder stärkeren Charakteristika dieses Elternteils zählen mussten. Es ist eher so, dass sich die Neun aufgrund ihrer spezifischen Sensibilität diese Eigenschaften herausgepickt und sich auf sie bezogen hat.
Eine übliche Variante ist auch, dass ein Geschwisterkind der Neun, das sich besser durchsetzen konnte oder besondere Fähigkeiten oder Probleme hatte, einen zentralen Platz in der Familiendynamik einnahm. Andere Neunen sind als ein Kind unter vielen aufgewachsen oder waren zu Hause von lauter Verwandten umgeben, was dazu führte, dass sie sich in der Menge verloren gefühlt haben. Sie mögen den Eindruck gehabt haben, dass allein die Funktion, die sie in der Familie ausübten, von Bedeutung und jeder rein persönliche Anteil so unwichtig war, dass er schnell in Vergessenheit geriet. Unabhängig davon, wie oder in Bezug auf wen sich dieses Selbstgefühl entwickelte, bildet diese Primärbeziehung die Blaupause für alle nachfolgenden Erfahrungen ihrer selbst und anderer. Kurz: Die Neun fühlt sich in Bezug auf andere nicht nur minderwertig und unterlegen, sondern auch bedeutungslos.
Eine Neun entwickelt das Gefühl, unsichtbar zu sein, dazu eine tiefe Resignation in Bezug auf die Aussicht, jemals im Mittelpunkt zu stehen oder um ihrer selbst willen geliebt zu werden (sowohl von anderen als auch in ihrem eigenen Bewusstsein), was zu einer umfassenden Selbstablehnung führt. Da die Neunen ihr angeborenes Gefühl von Wert und Würde verloren haben, gehen sie davon aus, dass sie Liebe und Aufmerksamkeit weder je bekommen werden noch verdienen. Diese resignierte Selbsterniedrigung äußert sich auf viele Arten: Neunen können es schwer ertragen, wenn ihnen jemand seine Aufmerksamkeit schenkt. Es fällt ihnen schwer, jemandes Raum oder Zeit für sich in Anspruch zu nehmen. Sie können nicht gut darum bitten, angehört oder gesehen, geschweige denn geliebt zu werden. Sie neigen dazu, alles zu vermeiden, was sie ins Rampenlicht stellen oder die Aufmerksamkeit anderer auf sie richten würde. Sie halten sich im Hintergrund und ergreifen in einer Gruppe kaum jemals das Wort. Da die Realität die merkwürdige Angewohnheit hat, unseren Vorstellungen von ihr zu entsprechen, bewahrheitet sich ihre Annahme, dass ihnen nie irgendwelche Aufmerksamkeit zuteil wird, sogar in Zeiten, wo sie sich durchsetzen und die Stimme erheben. Sie werden ignoriert. Es ist, als umgäben sie sich mit einem Energiefeld, das ausdrückt: „Achten Sie bloß nicht auf mich – ich bin unwichtig.“ Sie werden daraufhin leicht übersehen und von anderen übergangen, was sie wiederum in ihrer Grundannahme über sich selbst bestärkt. Ironischerweise sind viele Neunen physisch beeindruckende Erscheinungen mit mesomorphem Körperbau, groß, rundlich und kraftvoll.
Jeder Enneatyp schützt sich vor dem Erleben seines zentralen defizitären Zustands, weil dieser sich unglaublich schmerzhaft anfühlt und der absolute Kern des Ganzen zu sein scheint – die letzte unveränderliche Wahrheit über sich selbst. Um es noch einmal zu sagen: Der Glaube, uns fehle etwas Wesentliches oder wir seien fehlerhaft, ist wie alle Überzeugungen, die unsere Persönlichkeit prägen, nicht einfach nur eine intellektuelle Idee. Er entspricht einer fühlbaren Realität und scheint deshalb wahr zu sein. Er fühlt sich so wahr an, dass allein die Vorstellung, es könnte sich dabei um pure Annahme handeln, lächerlich scheint. Da er anscheinend real ist, strebt die Energie der Persönlichkeit danach, unser Bewusstsein davon fernzuhalten, und sämtliche Abwehrmechanismen, die wir gegen das schmerzhafte Defizitgefühl einsetzen, fühlen sich notwendig und gerechtfertigt an. Dieses Gefühl zu erleben würde sich für uns nur wie eine weitere Bestätigung anfühlen – und warum sollten wir etwas in Frage stellen, das uns so unerschütterlich wahr vorkommt? All die defensiven Strategien und Abwehrmechanismen der Persönlichkeit sind letzten Endes angetreten, um zu verhindern, dass wir uns selbst als derart mangelhaft erleben.
Die Neunen schützen sich ganz direkt vor ihrem Grundgefühl, mangelhaft und nicht liebenswert zu sein, indem sie es einfach aus dem Bewusstsein verbannen. Die Betäubung oder Abtötung des inneren Gewahrseins und eine Bewusstseinsverlagerung von inneren nach außen erscheinen ihnen als die beste Möglichkeit, den inneren Schmerz abzuschwächen. Diese Art, sich selbst in den Schlaf zu wiegen, diese Narkose ist der typische Abwehrmechanismus der Neun. Unglücklicherweise können wir nicht auswählen, welche Aspekte unseres inneren Erlebens wir zurückhalten wollen, und so verschwindet ein Großteil, wenn nicht sogar das ganze innere Leben der Neun im Unbewussten. Die Selbstnarkose der Neun kann sich auch äußerlich als stumpfer, toter oder glasiger Augenausdruck zeigen. In ihrem Verhalten manifestiert sie sich als Vorliebe für Zerstreuungen, die ihre Aufmerksamkeit von ihr selbst ablenken. Ich kenne eine Neun, die ständig, selbst nachts beim Einschlafen, das Fernsehen oder Radio laufen hat und bei jedem Spaziergang einen Walkman trägt. Viele Neunen lenken sich auch dadurch ab, dass sie sich in Kreuzworträtsel oder Spiele wie Trivial Pursuit vertiefen, schon nachmittags irgendwelche Talkshows anschauen und sich in Groschenromanen oder ähnlicher Lektüre verlieren.
Das führt zu dem charakteristischen Gefühl, im Morast zu stecken – einem dichten, nebulösen Zustand, in dem nichts klar definiert oder unterschieden ist und alles düster und diffus erscheint. Ein Mangel an Vitalität und Strahlen und ein Gefühl von Taubheit, Langeweile, Stumpfheit, Lethargie und Schwere ist allgegenwärtig. Naranjo beschrieb die weiblichen Neunen als „Sumpfköniginnen“, was die schlaffe und stagnierende Atmosphäre dieser inneren Landschaft sehr treffend auf den Punkt bringt. Es vermittelt auch die Gefühlsnote, die der Leidenschaft der Neun entspricht: die Trägheit (siehe Enneagramm der Leidenschaften, Diagramm 2). Diese Trägheit ist charakteristisch für ihre sumpfige innere Landschaft und besitzt eine faule und unbewegliche Qualität, die einen unwiderstehlichen Sog auf diesen Typ ausübt. Sie kann sich darin äußern, dass die Neun die Dinge auf die lange Bank schiebt, lethargisch ist, anstehende Aufgaben nur mit Mühe bewältigt oder alles Mögliche tut – nur nicht das, was wirklich getan werden müsste.
Oft ist die innere Vernebelung der Neun zum Teil auf ihre Unfähigkeit zurückzuführen, sich für die passende Richtung oder nötige Handlung zu entscheiden. Es ist, als stolpere sie in der Dunkelheit umher und bewege sich wankend auf einem Kurs, der stets dem Weg des geringsten Widerstandes folgt anstatt die passende Richtung klar zu erkennen und einzuschlagen. Dieser Zustand manifestiert sich an der Oberfläche als inneres Chaos und innere Unordnung, die im Außen oft als Schlampigkeit und Wirrwarr in Erscheinung tritt. Was anderen wie ein Aufschub vorkommt, mag das Bedürfnis der Neun sein, das Chaos zu ordnen, das sie um sich herum wahrnimmt und ihr Umfeld zu klären, bevor sie sich der anstehenden Aufgabe widmen kann. Darin spiegelt sich der Versuch, die innere Verworrenheit in den Griff zu bekommen. Die Führung und die Orientierung, die einzig aus dem Kontakt mit dem Selbst erwachsen können, sind ausgeschaltet worden; das innere Wissen der Neun kann entweder nicht an die Oberfläche des Bewusstseins gelangen oder es wird ignoriert.
Wie wir sehen, hat diese träge Atmosphäre, die sich auch als Faulheit oder Achtlosigkeit beschreiben lässt, viele Ebenen und Nuancen. Die Trägheit der Neun kann sich als Vergesslichkeit allen wichtigen Pflichten gegenüber äußern. Oder sie hat zwar das Gefühl, etwas müsse getan werden, ist aber unfähig zu unterscheiden oder herauszufinden, worum es dabei eigentlich geht. Es macht ihr Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, und/oder sie verliert über den Details der jeweiligen Aktivität den Überblick und den Kontakt zu sich selbst. Vielleicht nimmt sie, ohne es zu merken, eine andere Aufgabe in Angriff. Zum Beispiel könnte eine Neun, die an einem Projekt arbeitet, das zu einem bestimmten Termin fertig sein soll, plötzlich anfangen, das ganze Haus zu putzen, oder sie kommt auf die Idee, zuerst all ihre Ordner mit den Planungsentwürfen durchsehen zu müssen, um sich wirklich auf die Aufgabe konzentrieren zu können. Dann verliert sie sich derart im Räumen und Klären, dass sie das eigentliche Projekt völlig vergisst und nicht mehr genug Zeit hat, es fertig zu stellen. Die Schwierigkeit, beim Bewältigen einer Aufgabe Prioritäten zu setzen, reflektiert ihr grundsätzliches Problem mit jeder Form von Unterscheidung oder Organisation. Es fällt ihr einfach schwer, herauszufinden, was in welcher Reihenfolge getan werden muss. Wenn Klarheit darüber besteht, was zu tun ist, äußert sich die Trägheit möglicherweise darin, dass sie nun gerade keine Lust auf die Sache hat und sie einfach bleiben lässt.
Äußerlich manifestiert sich die Trägheit der Neunen charakteristischerweise in ihrer Achtlosigkeit gegenüber ihrem Aussehen, ihrer Ernährung und ihrer körperlichen Fitness (was leicht zu Übergewicht führt) sowie in anderen Möglichkeiten, sich selbst zu vernachlässigen. Da sie nicht gut mit ihren körperlichen und psychischen Grenzen in Kontakt sind, überfordern sich manche Neunen bis zum Zusammenbruch – besonders im Dienst an anderen. Andere Neunen kommen gar nicht erst aus sich heraus. Ihre Bequemlichkeit und ihr Genuss sind ihnen wichtiger, als sich in Bewegung zu setzen. Oder eine Neun versteift sich bis zur Besessenheit auf einen bestimmten Aspekt der Gesundheitsvorsorge, zum Beispiel auf die Einnahme von Vitamin- und Mineraltabletten, ernährt sich aber ansonsten völlig ungesund und bewegt sich auch zu wenig. Sie stürzt sich oft auf ein Symptom und lässt die eigentliche Ursache außer Acht. Zum Beispiel schenkt sie einem schmerzenden Fußgelenk übermäßige Aufmerksamkeit, ohne darauf zu kommen, dass dieses Problem etwas mit ihrem Übergewicht oder mit falschem Schuhwerk zu tun hat.
Doch letztendlich hat das Grundthema der Neun, ihre Trägheit, weder mit äußeren Aktivitäten noch mit körperlicher Nachlässigkeit zu tun. Es ist sehr wichtig, diesen Punkt zu verstehen, denn er erklärt, warum einige Neunen Workaholics sind, während andere anscheinend ihre Zeit verplempern. Die Neun vernachlässigt immer den Aspekt am meisten, der eine persönliche Bedeutung für sie hat, und ihre Faulheit hat letzten Endes mit der Aufmerksamkeit für das zu tun, was an ihr am echtesten ist. Im Grunde ist diese Faulheit ein Symptom für die gegenwärtige und anhaltende Unbewusstheit ihrem essenziellen Wesen gegenüber. Wie schon angedeutet, äußert sich die charakteristische Vergesslichkeit der Neun nicht nur darin, dass sie ihre eigenen Tiefen oder ihr wahres Wesen aus den Augen verliert. Das kann sich auch oberflächlich als Geistesabwesenheit äußern. Die Neunen neigen einfach zur Vergesslichkeit. Sie verlieren alles Mögliche aus dem Gedächtnis, vergessen, was sie tun müssten und verlieren mitten in einer Aktivität den Faden, weil sie zu leicht von unwichtigen Dingen abgelenkt werden. Diese Vergesslichkeit entspricht dem Versuch der Neun, sich gegenüber ihrem inneren Gefühl, nicht liebenswert, unbedeutend und wertlos zu sein, taub zu machen. Das mag zwar problematisch erscheinen, ist aber letzten Endes ein Schutzmechanismus gegen eine unerträglich scheinende Erfahrung. Diese Vergesslichkeit verschlimmert ihr Gefühl der Orientierungslosigkeit und des Verlorenseins im inneren Morast und verstärkt damit auch den Eindruck, festgefahren und gelähmt zu sein, dem sich die Neun hilflos ausgeliefert fühlt.
Dieses Gefühl, festgefahren zu sein, welches ihr vorkommen kann, als stecke sie mit den Füßen in feuchtem Zement oder versinke im Treibsand, steht mit der neunertypischen Trägheit in Verbindung. Die Physik definiert Trägheit als „die Tendenz eines Körpers, der Beschleunigung zu widerstehen; die Tendenz eines Körpers, im Ruhezustand zu verharren; oder die Tendenz eines in der Bewegung befindlichen Körpers, sich entlang einer geraden Linie weiterzubewegen, wenn keine Kraft von außen auf ihn einwirkt.“3 Die Trägheit ist nicht nur den Neunen zu eigen. Sie spielt eine wesentliche Rolle für den Fortbestand der Persönlichkeit, gleichgültig, um welchen Typ es sich handelt. Sie erhält unsere konditionierten Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster aufrecht und bewahrt die Rillen und Furchen in unserer Seele, die von längst vergangenen Erfahrungen geprägt wurden. Diese Muster weben den Stoff unserer Persönlichkei,t und die Trägheit, die sie aufrechterhält, kann sich, wenn sie wahrgenommen wird, schwer wie Blei anfühlen, das uns nach unten zieht und unsere Sinne abstumpft.
Bei den Neunen äußert sich diese Trägheit typischerweise als Schwierigkeit, in Aktion zu treten oder, wenn einmal in Bewegung, die Richtung zu ändern. Wie das mit ihnen in Verbindung gebrachte Tier, der Elefant, kommen sie nur langsam in Bewegung und haben es dann schwer, wieder anzuhalten. Anders ausgedrückt: Wenn die Neunen erst einmal ihre Richtung oder ihre feste Routine gefunden haben, können sie diese nur schwer ändern und halten starrsinnig an ihr fest. Sie können eine hartnäckige Unnachgiebigkeit an den Tag legen und sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, ihre Meinung oder ihre Handlungen zu ändern. Das zeigt sich besonders daran, mit welcher Entschlossenheit die Neunen an ihrem tiefen Minderwertigkeits- und Mangelgefühl festhalten. Oft können selbst die gewichtigsten Gegenbeweise diesen tief verwurzelten Glauben nicht erschüttern.
Das Über-Ich der Neun unterstützt ihr Gefühl der Mangelhaftigkeit. Wie vieles in ihrer inneren Welt ist es häufig eine formlose und nicht klar differenzierte, kritische und urteilende innere Stimme. Sie mag einem zunächst wie eine depressive und herabsetzende Gefühlsnote vorkommen, ein zwar passives, aber dennoch definitives Bestreben, unsichtbar zu bleiben und nicht zu viel Raum in Anspruch zu nehmen. Ihr Über-Ich zeigt sich in einer Scham über ihre Bedürfnisse und Schwierigkeiten – als dürften diese nicht existieren – und über ihren Ärger oder ihre Aggressionen. Auf vage und nicht sehr offensichtliche Weise fordert das Über-Ich von der Neun, die Verantwortung für ein glückliches und sicheres Umfeld zu übernehmen und drängt sie, sich um andere zu kümmern. Als Kind fühlt sie sich vielleicht innerlich herausgefordert, mit der neuen Mitschülerin oder dem kranken Kind, das alle anderen meiden, Freundschaft zu schließen. Auf diese Weise versucht sie oft, den Schmerz der anderen zu mildern, um nicht an ihr eigenes Gefühl, nicht geliebt zu werden oder nicht liebenswert zu sein, erinnert zu werden. Ihr Über-Ich verlangt von ihr, niemanden zu stören oder zu verletzen und sich immer neutral zu verhalten, was dazu führt, dass sie selbst als rebellischer Teenager immer darauf achtet, allen zu gefallen.
Übergangszeiten sind für Neunen schwierig und bedrohlich. Daher versuchen sie, sämtliche Veränderungen in ihren Beziehungen, ihrer Arbeit, ihrem Lebensplan und so weiter zu vermeiden. Die weit verbreitete Eigenschaft der Persönlichkeit, an Bekanntem festzuhalten, zeigt sich hier auf beispielhafte Weise. Neunen lieben die Stabilität; sie unterstützen den Status Quo und sträuben sich gegen Veränderungen und Erneuerungen. Die vorherrschende soziale Ordnung – das, was in den Sechzigern „Establishment“ genannt wurde – zu erhalten, ist die Domäne der Neunen. Im Allgemeinen sind sie sowohl politisch als auch in anderen Dingen konservativ und orthodox, traditionsbewusst, konventionell und jedem Wechsel abgeneigt. Das soll nicht heißen, dass aus einer Neun nie ein Revolutionär werden könnte. Doch wenn das geschieht, ist sie sehr dogmatisch, unterstützt ihr neues Umfeld und hält ihm die Treue. Sie ist im Grunde ein konservativer Radikaler.
Den Neunen fällt es oft schwer auszumachen, was ihre persönlichen Werte sind. Sie folgen lieber dem Weg des geringsten Widerstandes und gehen mit den Werten ihrer jeweiligen Kultur oder Subkultur konform. Aus diesem Grund erscheint Rücksichtnahme / Mechanische Anpassung an Punkt Neun im Enneagramm der Lügen (Anhang B), das die charakteristische Art eines jeden Typs aufzeigt, seine eigene Wahrheit aufzugeben. Die Lüge der Neun besteht darin, dass sie, wie bereits besprochen, auf andere, nicht jedoch auf sich selbst Rücksicht nimmt und sich mechanisch an vorherrschende Strömungen anpasst. Aufgrund dieser Tendenz wird die Neuner-Haltung mit bürokratischem und automatischem Verhalten sowie mit Institutionen, in denen alle Handlungsabläufe ohne persönliches Engagement stattfinden, in Verbindung gebracht. Um bloß kein Aufsehen zu erregen, passen die Neunen sich an, stimmen mit der ihnen zugewiesenen Rolle überein und halten sich in allen Punkten an die Vorgaben.
Sie werden zu Rädchen in einem größeren Getriebe, und wenn es irgendwo quietscht, kommen sie mit dem Ölkännchen – sprich: verbannen das Problem aus ihrem Bewusstsein – und halten ihre Nische in Schuss, ohne sich zu beklagen. Ihrer inneren Welt gegenüber sind sie abgestumpft, und im Außen sind sie damit beschäftigt, zu funktionieren, ohne den Bereich, in dem sie funktionieren, jemals infrage zu stellen, was das Leben einer Neun oft institutionell, mechanisch und automatisch macht. Der Stereotyp des namen- und gesichtslosen Bürokraten, der in Formularen erstickt und sich mit Papierkram beschäftigt, der auf korrektem Ablauf besteht, selbst wenn es keinen Sinn macht, und der letzten Endes nichts Echtes oder Bedeutungsvolles erreicht, steht für diese Eigenschaft. In den USA erscheinen die Post und die Steuerbehörde oft in diesem Licht. Auf den ersten Blick mag die Tendenz, wie ein Roboter zu funktionieren, nicht zu der Faulheit und Unordnung passen, die wir vorher angeführt haben, um diesen Typ zu beschreiben. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir jedoch, dass es bei der Neun einen Lebensbereich geben kann, in dem sie absolut kleinkariert ihre Funktion perfekt erfüllt, während ihr restliches Leben im Chaos versinkt oder sie vielleicht gar kein nennenswertes restliches Leben vorzuweisen hat. Alles Persönliche oder Individuelle wird möglicherweise vernachlässigt oder vermieden, weil es unwichtig erscheint. Die kommunistischen Regimes der früheren Sowjetunion oder Chinas (beides Kulturen, die mit Punkt Neun in Zusammenhang gebracht werden) sind beispielhaft für diesen mechanischen Lebensstil, wo der Wert eines Individuums daran gemessen wird, wie glatt er oder sie im allgemeinen Gefüge des Staates funktioniert und wo persönliche Meinungen oder Wünsche den kollektiven Belangen untergeordnet werden.4
Auf der mentalen Ebene zeigt sich die Trägheit der Neun als stures Festhalten an Vertrautem und Bekanntem und als Tendenz zu Dogmatismus und Voreingenommenheit. Sind sie erst einmal auf eine Meinungsschiene eingefahren, verschließen sie ihren Verstand und widerstehen jeglicher Beeinflussung. Ihre mentale Trägheit äußert sich in Buchstabengläubigkeit und Phantasielosigkeit. Sie beurteilen die Dinge lieber auf den ersten Blick, statt sich auf Zwischentöne einzuschwingen. Auch neigen sie dazu, den Hintergrund einer Aktion, eines Verfahrens oder einer Absprache aus den Augen zu verlieren und sie einfach automatisch auszuführen.
Neunen sind nicht selten konventionell in ihrer Lebensweise, halsstarrig und unflexibel und werden daher von anderen oft als farblos, uninteressant und undynamisch eingestuft. Auf der anderen Seite wirken sie aber auch sehr solide und wie ein Fels in der Brandung: zuverlässig, unerbittlich, ausdauernd und konsequent. Sie sind selten launenhaft oder explosiv und deutlich beständiger als die anderen Enneatypen, und sie erwecken den Eindruck, man könne sich immer auf sie verlassen – was meistens auch der Fall ist. Da ihre Ausgeglichenheit und Zuverlässigkeit darauf zurückzuführen sind, dass die Neunen bei sich selbst den unwichtigsten Platz einnehmen und ihr Gefühl einer Wertschätzung oder Würde aus äußeren Aktivitäten beziehen, sind diese Eigenschaften für sie selbst von eher fragwürdigem Wert.
Die Neun meidet Unbequemlichkeiten, was in direkter Verbindung mit ihrer Trägheit steht. Komfort ist ihr sehr wichtig, und sie verwendet viel Zeit und Energie darauf, sich körperlich und emotional wohl zu fühlen. Ihren oben besprochenen Abwehrmechanismus, das Sich-Betäuben, setzt sie für diesen Zweck ein. Vom Verhalten her neigt sie dazu, Dinge zu sammeln, die ihr das Leben oberflächlich gesehen angenehmer machen und wälzt Kataloge voller Hilfsgeräte. Wasserbetten, beheizte Schwimmbecken, Motels, Fernbedienungen und Jacuzzis sind perfekte Beispiele für Dinge, welche die Neunen schätzen, da sie jede körperliche Anstrengung und damit auch alle Unbequemlichkeiten vermeiden wollen. Die Suche der Neun nach Apparaten und Vorrichtungen, die ihr Bequemlichkeit versprechen, ist ebenso typisch wie ihre Freude daran, sich mit Trivialitäten und Kleinkram zu unterhalten. Letzten Endes sind all ihre Apparate und Vergnügungen nichts anderes als Ablenkungen von ihrem schmerzhaften Gefühl, Mangel zu leiden und nicht liebenswert zu sein. Dieser Schmerz soll durch Unterhaltungen und Bequemlichkeiten gelindert und betäubt werden.
Weil sie dazu neigen, Konflikte zu vermeiden und immer versuchen, es anderen so bequem zu machen wie sie es selbst gern hätten, sind die Neunen in der Regel angenehme Gesellschafter – obwohl man sie am Ende hungrig verlässt, weil einem der Biss, die Ansprache fehlt und man sich fragt, ob das nun alles gewesen sein soll. Sie wirken friedlich, sorgenfrei und ruhig. Sie sind nachgiebig, freundlich, herzlich und jovial, und meistens ist es einfach, mit ihnen zusammen zu sein. Man findet vielleicht nie heraus, was wirklich in ihnen vorgeht, fühlt sich jedoch umsorgt und beruhigt. Ein paar Beispiele: Jahrzehntelang war Walter Cronkite, der Sprecher der CBS-Abendachrichten im Fernsehen, ein ruhender Pol für amerikanische Familien, selbst wenn er in den sechzigerund siebziger Jahren oft über sehr turbulenten Ereignisse berichtete. Heute haben wir Rosie O’Donnell, Schauspielerin und Talkshow-Gastgeberin im Nachmittagsfernsehen, die von den Zuschauern zur ungekrönten „Königin von Freundlich-Nett“ ernannt wurde. Die beiden Letztgenannten entsprechen zwar nicht dem Bild der faulen Neun, aber man sollte nicht vergessen, dass die Trägheit der Neun viel subtiler ist und nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, ob sie eine Aufgabe nach außen erledigen kann oder nicht.
Konflikte sind das Unangenehmste, was eine Neun sich vorstellen kann, und sie wird sie um jeden Preis vermeiden, wie wir im Enneagramm der Vermeidungen (Anhang B) sehen. Den momentan vorherrschenden Fluss der Dinge – oder den Mangel daran – zu stören, könnte unangenehme Konsequenzen haben und wird deshalb definitiv vermieden. Anstatt sich mit anderen auseinanderzusetzen, beruhigen und vermitteln die Neunen. Es fällt ihnen schwer, andere zu konfrontieren, besonders wenn diese sie übersehen, nicht beachtet oder nicht gehört (und ähnliches) haben. Dann neigen sie dazu, sich ihre aufgebrachten Gefühle auszureden oder sich einfach von ihrer Verletztheit abzulenken statt das Risiko einzugehen, Schwierigkeiten zu machen und vielleicht kämpfen zu müssen. In diesem Zusammenhang können wir Lady Bird Johnson als Beispiel heranziehen, die ihrem ungeduldigen Ehemann (einem Achter) als Blitzableiter diente. Edith Bunker aus der Fernsehserie All in the Family spielte die gleiche beruhigende Rolle für ihren Achter-Ehemann Archie, der zu Vorurteilen und Schmähreden neigte.
Weil es ihnen so wichtig ist, den Frieden aufrechtzuerhalten, sind sie gute Vermittler und Friedenstifter, die immer einen Weg finden, die Dinge zur Ruhe zu bringen, wenn nicht sogar einzuschläfern. Sie vermitteln nicht nur deshalb so gut, weil sie die Harmonie erhalten wollen, sondern auch, weil sie in der Lage sind, alles aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und jedermanns Sichtweise nachzuvollziehen. Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und zweimal Präsident der USA, bringt diese Stärke der Neun beispielhaft zum Ausdruck, wie der folgende Auszug aus seiner Biographie belegt:
Eisenhower, der während seiner langen Karriere bei der Armee relativ unbekannt war, verdankt seinen rapiden Aufstieg nicht allein der Kenntnis militärischer Strategien und seinem Organisationstalent, sondern auch seiner Fähigkeit zu überzeugen und zu vermitteln, sowie seiner Liebenswürdigkeit. Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus und Nationen mochten ihn, vertrauten ihm und waren beeindruckt von seiner Freundlichkeit, seiner Demut und seinem dauerhaften Optimismus.5
Die Neunen stehen in dem Ruf, von allen Typen die objektivste Wahrnehmung zu haben. Sie sind angeblich in der Lage, ihre persönlichen Vorurteile beiseite zu legen und klar zu erkennen, was in ihrem Umfeld vor sich geht. Allerdings ist diese Gabe fragwürdig, da sie auf dem Selbst-Vergessen der Neunen basiert: Weil sie generell mehr auf das Außen als auf das Innen eingestellt sind, wissen sie nicht so recht, wo sie stehen und was sie fühlen. Sie nehmen andere Menschen – besonders, wenn sie einen bedrohlichen Eindruck von ihnen haben – eher vage und unbestimmt wahr, um Verletzungen zu vermeiden, die ihrer Meinung nach aus einer klaren und scharfen Sichtweise resultieren würden. Selbst wenn ihnen bewusst ist, was sie denken und fühlen, drücken sie es selten aus, um keinen Streit zu riskieren. Die psychodynamischen Wurzeln dieser Konfliktvermeidungsstrategie liegen wahrscheinlich darin, dass sie einen unaufmerksamen Elternteil nicht ärgern oder herausfordern wollten, um das bisschen Liebe und Aufmerksamkeit, das sie zu bekommen meinten, nicht auch noch aufs Spiel zu setzen. Die entspannte und unbeschwerte Kultur Polynesiens ist beispielhaft für diese Seite des Enneatyps Neun, die das Wohlleben liebt und jeden Konflikt vermeidet.
Wie in der Einleitung besprochen, ahmen Persönlichkeitsstruktur und Verhaltensmuster eines jeden Enneatyps eine bestimmte Seinsqualität oder einen bestimmten Bewusstseinszustand nach, welcher der idealisierte Aspekt genannt wird. Diese Reproduktion kann als ein Versuch der Seele verstanden werden, selbst zu einer Verkörperung der verlorenen heiligen Idee zu werden. Da sie jedoch den Kontakt zu ihren essenziellen Wurzeln verloren hat, muss diese Verkörperung eine Fälschung sein. Die Seele versucht mit Hilfe dieser Simulation die verloren gegangene heilige Idee wiederzuerlangen – beim Enneatyp Neun die Erkenntnis, dass das Universum von Natur aus liebevoll und er selbst als seine Manifestation von sich aus liebenswert ist. Die Seinsqualität, welche die Neun anstrebt, heißt im Diamond Approach lebendiges Tageslicht (Living Daylight), weil wir diese bestimmte Präsenz, wenn wir mit ihr in Kontakt kommen, genauso wahrnehmen wie das warme, Leben spendende Licht der Sonne. Wir fühlen uns von einer lieblichen und sanften Gegenwart gehalten, die ganz und gar liebevoll, wohltuend und uns wohlgesonnen ist. Wir haben das Gefühl, dass wir entspannen und loslassen können und von einem Universum umfasst und getragen werden, das von Güte durchströmt und in seinem Wesen freundlich und lebensbejahend ist. Das ist die sanfte und liebevolle Präsenz, welche die gesamte Schöpfung durchzieht und erhält. In manchen Traditionen wird sie kosmische oder göttliche Liebe genannt. In den theistischen Traditionen entspricht sie der Vorstellung von Gott.
Die Simulation des lebendigen Tageslichts ist in allen Persönlichkeitszügen des Enneatyps Neun zu erkennen. In seiner Gesamtheit stellt der kognitive, emotionale und verhaltensspezifische Stil dieses Typs den Versuch dar, auf sanfte und unaufdringliche Art eine liebevolle, fürsorgliche, unterstützende und freundliche Person zu sein. Die Stabilität und Festigkeit der Neun, ihre unvoreingenommene und beipflichtende Art, die Bedeutung, die Bequemlichkeit und Harmonie für sie haben – all das sind Simulationen dieser Realitätsdimension auf der Persönlichkeitsebene. Lebendiges Tageslicht steht für die Erfahrung des Seins als unterstützender Urgrund, und die Tatsache, dass sich die Neun für ihr Leben einen Platz im Schatten auswählt, ist ein wichtiger Teil dieser Reproduktion.
Zusätzlich zu dem Versuch der Persönlichkeit, den idealisierten Aspekt nachzuahmen, idealisieren wir diese Seinsqualität, indem wir sie für die Lösung all unserer Schwierigkeiten und Defizite halten. Jeder Enneatyp kann daher als Versuch verstanden werden, den idealisierten Aspekt sowohl zu besitzen als auch zu verkörpern. Der entsprechende Bewusstseinszustand wird entweder direkt oder durch Manifestationen angestrebt, die ihn zu verkörpern scheinen. Das können andere Menschen oder auch Dinge sein. Die Neunen bemühen sich also nicht nur, dem lebendigen Tageslicht in Aussehen und Wesen zu gleichen, sondern glauben auch, sie müssten nur geliebt, gehalten und als unabdingbarer Teil des Ganzen (was immer sie darunter verstehen) behandelt werden, um keine Probleme mehr zu haben. Sie glauben, dass die gesuchte Liebe, die Fürsorge und das Zugehörigkeitsgefühl in sozialen oder intimen Beziehungen, einem angenehmen, bequemen Leben und behaglichen Vergnügungen und Ablenkungen zu finden sind.
Eine wirkliche Lösung können diese Dinge allerdings nicht bieten. Diese bestünde darin, alle Identifikationen mit dem Persönlichkeitsbereich hinter sich zu lassen und sich wieder mit dem Bereich des Seins zu verbinden. Dafür müsste die Neun die mit diesem Punkt verbundene Tugend erlernen: das Handeln (Diagramm 1, auf dem Enneagramm im Herzbereich der Figur). Wie schon in der Einführung besprochen, manifestiert sich eine Tugend im gleichen Maße wie die Identifikation mit unserer Persönlichkeit sich löst, sie wird aber gleichzeitig benötigt, um diese Disidentifikation zu ermöglichen. Im Folgenden beschreibt Ichazo die Tugend des Handelns:
Es handelt sich um essenzielle Bewegung, die ohne Einmischung des Verstandes ganz natürlich aus dem Bedürfnis des Körpers entsteht, in Harmonie mit seiner Umgebung zu agieren. Die normale Haltung eines Wesens, das mit seiner eigenen Energie und der Energie des Planeten im Einklang ist, ist das Handeln.6
Wahres Handeln, das auf authentischer Harmonie sowie auf innerer und äußerer Empfänglichkeit beruht, fordert eine radikale Richtungsänderung von der Neun. Zunächst – und das ist der wichtigste Punkt – muss sie gegenwärtig und für ihr inneres Leben gewahr werden . Das bedeutet, dass sie ihren Fokus von ihren Aktionen und Interaktionen weg auf die Quelle richtet, der unser Handeln entspringt – auf ihr Bewusstsein oder ihre Seele. Je mehr das Gewahrsein unseres Seelenzustandes – unsere innere Erfahrung – wächst, und je tiefer wir erforschen, was ihn formt, desto transparenter wird die Schale der Persönlichkeit. Schließlich ist sie so dünn, dass wir die Seinsbereiche erfahren können, die jenseits davon liegen. Das entspricht dem Erwachen aus dem Zustand der Unbewusstheit und dem Sich-Erinnern an die inneren Tiefen, welche die Neun vergessen hatte. So sieht wahres Handeln aus, das im doppelten Wortsinn essenziell ist.
In dem Sinne, wie das Wort hier gebraucht wird, ist Handeln das Gegenteil von Trägheit, der Leidenschaft der Neun. Anstatt uns also in nutzlose Aktivitäten zu stürzen, unnütze Dinge zu tun, um uns abzulenken, oder gar nichts zu tun, können wir im wahren Handeln unterscheiden, was wirklich getan werden muss und es dann auch tun. Je weiter sich eine Neun aus dem Würgegriff der Identifikation mit der Persönlichkeit entfernt hat, desto größer wird ihre Fähigkeit, die wirklich wichtigen Dinge zu tun. Das kann einfach nur bedeuten, sich ihren körperlichen und emotionalen Bedürfnissen zu widmen oder auf einer tieferen Ebene alles zu tun, um das Unbewusste, das den essenziellen Bereich mit einschließt, bewusst zu machen.
Der Elefant, das Tier, das mit diesem Punkt in Verbindung gebracht wird, steht symbolisch für die Tugend des Handelns. In der buddhistischen Ikonographie sitzt der Bodhisattva Samantabhadra, japanisch: Fugen, der die spirituelle Praxis des Mitgefühls repräsentiert, auf einem Elefantenthron. Damit wird ausgedrückt, dass wahre Freundlichkeit sich selbst gegenüber nichts anderes bedeutet als die Beständigkeit, Festigkeit, Geduld und innere Kraft eines Elefanten aufzubringen, um zuverlässig und entschieden an sich selbst zu arbeiten.
Für eine Neun bedeutet diese radikale Verlagerung ihres Schwerpunktes von dem, was außerhalb ihrer selbst geschieht, zu dem, was sich in ihrem Inneren abspielt, einen gewaltigen Schritt und wird zum Schlüssel für ihre Entfaltung. Um diesen Schritt zu tun, muss sie zunächst ein paar Grundüberzeugungen von sich selbst in Frage stellen – besonders die Annahme, selbst keine Aufmerksamkeit zu verdienen. Für die Neun ist es eine Art Reflex, sich selbst zu missachten und sich im allgemeinen Fluss fremder Begierden, Vorlieben und Handlungen treiben zu lassen. Im Verlauf ihrer Arbeit an sich selbst wird ihre Tendenz, sich selbst zu verlassen und zu übergehen, auf immer subtilere Art auftauchen, und sie wird sie immer wieder bemerken und sich fragen müssen, warum sie so handelt.
Um diese innere Verlagerung möglich zu machen (die eigentlich darin besteht, gegen die träge Masse ihrer Persönlichkeit anzugehen, die ihr Bewusstsein vom inneren Leben abhält), muss sie erkennen, dass sie die Tendenz hat, sich abzulenken. In ihrem Leben mag es endlose Krisen oder ständige berufliche Anforderungen geben, die anscheinend von ihr verlangen, mit so vielen Dingen zu jonglieren, dass sie nicht auf sich selbst achten kann. Sie muss willens sein, alle Bälle, die sie in der Luft hat, fallen zu lassen, um sich selbst den wichtigsten Platz in ihrem Bewusstsein einzuräumen. Sie muss erkennen, dass ihre Schuldzuweisungen an andere oder an das Leben im Allgemeinen und all ihre Versuche, sich mit Äußerlichkeiten Befriedigung zu verschaffen, nichts anderes sind als Ablenkungen. Sie muss ihre Tendenz erkennen, Zufriedenheit und Antworten außerhalb ihrer selbst zu suchen – eine Tendenz, die von dem Suchenden im Enneagramm der Fallen (Anhang B) verkörpert wird. Die Fallen stehen für die charakteristische Weise, auf die ein jeder Typus seine Aufmerksamkeit vom eigentlichen Thema ablenkt. Anstatt auf das Außen muss die Neun ihre Aufmerksamkeit auf das richten, was in ihrem Inneren vor sich geht, ganz gleich, wie verlockend es auch sein mag, all die vielen Bälle in der Luft zu halten.
Ihr Über-Ich versucht allerdings mit größter Wachsamkeit, diese Verschiebung ihrer Aufmerksamkeit zu verhindern. Daher muss sie sich gegen seine inneren Angriffe wehren und sich genügend Raum verschaffen, um sich um sich selbst zu kümmern. Ihr Über-Ich will sie, koste es was es wolle, vor den Konflikten bewahren, die anscheinend auf sie zukommen, wenn sie ihren eigenen Wünschen, Gefühlen und inneren Eingebungen Gehör schenkt. Es schimpft sie aus und bittet sie, lieb zu sein und bloß nicht aufzufallen, sondern brav mit dem vorherrschenden äußeren Fluss zu fließen. Es ermahnt sie, sich nicht so wichtig zu nehmen, und erklärt ihr, dass es gefährlich sein kann, sich in den Vordergrund zu stellen. Ihr Verlangen, herauszufinden, wer sie jenseits der Hülle aus Trägheit wirklich ist, muss größer sein als ihr Wunsch nach Bequemlichkeit. Es ist ein wechselseitiger Prozess: Je mehr sie mit ihrem wahren Selbst in Kontakt kommt, desto besser kann ihr ihre innere Stärke zu Hilfe eilen, um ihre Seele zu verteidigen. Sie wird herausfinden, dass wahre Bequemlichkeit und wahres Wohlsein in ihrem Sein zu finden sind und nicht darin, sich träge selbst zu vergessen.
Wenn sie wirklich anfängt, ihrer gewohnten Tendenz, sich selbst zu übersehen und zu vernachlässigen, die Stirn zu bieten und sich gegen ihr Über-Ich zu verteidigen, dann wird die Neun sehr schnell mit ihrem tiefen Gefühl konfrontiert, minderwertig, wertlos und nicht liebenswert zu sein. Auf einer tieferen Ebene wird sie mit dem Defizit im Kern ihrer Persönlichkeit in Kontakt kommen, dem Gefühl, im Grunde ihres Wesens mangelhaft und unzulänglich zu sein. Sie muss dann herausfinden, untersuchen und erforschen, warum sie das von sich selbst glaubt und wie es geschehen konnte, dass diese zentrale Überzeugung zur Basis ihres Selbstgefühls wurde. Wenn sie die extrem schmerzhafte Empfindung, unzureichend und minderwertig zu sein, zulässt und zu ihr hin spürt, werden begriffliche und vorbegriffliche Erinnerungen, die dieses Selbstgefühl verursacht und aufrechterhalten haben, zum Vorschein kommen. Diese Erinnerungen müssen verarbeitet und verdaut werden. Die entsprechenden Objektbeziehungen – ihr inneres Gefühl für sich selbst und andere – muss sie sich, wenn sie gerade stattfinden, im Außen ansehen und sich dann die dazugehörigen inneren Konstrukte bewusst machen.
Gleichzeitig verlangt das wahre Handeln von ihr, sich mit ihrem Körper zu verbinden und ihn vollständig zu bewohnen. Anstatt über ihre inneren Empfindungen hinwegzugehen und sie zu verniedlichen, wird sie sich auf sie einstellen und ihnen ihre Aufmerksamkeit schenken müssen. Der tiefe, fühlende Kontakt mit ihrem Körper wird all die Jahre der Vernachlässigung spürbar machen, was wahrscheinlich viel tiefe Trauer mit sich bringt. Je mehr sie ganz in ihrem Körper lebt und ihre Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtet, desto enger wird sie mit ihrer eigenen innersten Würde und ihrem Selbstwert in Kontakt kommen und sie verstärken. Außerdem wird sie, je mehr sie auf ihren Körper achtet, ihre Emotionen bemerken und beachten. Auch ihr Verstand wird schärfer und klarer werden. Sie wird sich zunehmend lebendig und als ein Teil des Lebens fühlen. Wenn sie weiterhin ihre Aufmerksamkeit nach innen richtet, wird sie schließlich die Gesamtheit ihrer Seele spüren.
Je präsenter sie wird, desto bewusster wird ihr der mangelnde Kontakt mit ihrem wahren Wesen – das kann sich wie ein riesiges Loch in ihrer Seele anfühlen. Wenn sie nicht länger vor ihm flieht, um sich in Schläfrigkeit und Ablenkungen zu verkriechen, sondern es sich erlaubt, zu diesem Loch hinzufühlen und Interesse an ihm zu bekunden, wird sie merken, wie sich das Gefühl von Defizit und Leere verändert. Dann kann sie sich ihm weiterhin öffnen und erforschen, wie es sich wirklich anfühlt. Und die Negativität sowie das Gefühl, dass ihr etwas fehlt, werden sich verwandeln. Aus der Leere wird Weite, und wenn sie diesen Abstieg immer wieder unternimmt, werden im Laufe der Zeit alle Eigenschaften des Seins in ihrem Bewusstsein auftauchen. Lange Zeit wird es ihr vorkommen, als käme das Sein und ginge dann wieder – bis sich in ihrer Seele eine Art kritischer Masse angesammelt hat und sich ihre Identität von der Persönlichkeit zum Sein verschiebt. Dann wird sich das Sein wie der Urgrund ihres Erlebens anfühlen und sie wird erkennen, dass sie diejenige war, die kam und wieder ging, dass sie das, was immer da war, manchmal aus dem Bewusstsein verloren und dann wieder gewonnen hat.
Irgendwann wird die Hülle ihrer Persönlichkeit immer durchlässiger für das Sein, und die Neun wird feststellen, dass sie die Seinsqualität, die sie nachzuahmen versuchte – das lebendige Tageslicht – nunmehr erlebt, verkörpert und manifestiert. In ihrem inneren Erleben wird sie sich allmählich nicht mehr unzulänglich, ungeliebt, unwichtig und übersehen fühlen, sondern aufgehoben, umsorgt und untrennbar verbunden mit einem wohlwollenden Universum voller Liebe und Segen. Wenn das geschieht, wird sie endlich ganz und gar erkennen, dass sie selbst die wahre Verkörperung der göttlichen Liebe ist.