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1 DAS INNERE DREIECK UNDDER FALL
ОглавлениеDas Enneagramm ist eine Figur, die aus einem inneren Dreieck mit den Punkten Neun, Sechs und Drei sowie einer äußeren Form besteht, welche die Punkte Eins, Vier, Zwei, Acht, Fünf und Sieben verbindet. Diese beiden Formen stehen nicht miteinander in Verbindung (siehe Diagramm 4), wodurch das innere Dreieck eine gewisse Eigenständigkeit besitzt. Auf der Ebene des Enneagramms der Persönlichkeit stellt das innere Dreieck auslösende Faktoren und Stadien des archetypischen Prozesses dar, in welchem wir den Kontakt zu unserem grundlegenden oder essenziellen Wesen verlieren und schließlich eine Ichstruktur entwickeln. Wenn wir uns selbst frei von allen vergangenen Einflüssen wahrnehmen, sind wir identisch mit unserem essenziellen Wesen, unserem angeborenen und unkonditionierten Bewusstseinszustand. Es ist unser frühkindlicher Zustand, der mit der jeweiligen Eigenart unserer Seele wie Freundlichkeit, Aufgewecktheit, Robustheit und so weiter korrespondiert. Als Kleinkinder können wir unsere Erfahrung allerdings nicht als solche erkennen, weil wir noch nicht zur Selbstreflexion fähig sind.
Der Prozess, in dessen Verlauf wir die Verbindung zu unserem wahren Wesen verlieren, ist universal: Jeder, der ein Ich entwickelt, macht ihn durch – im Grunde also jeder Mensch auf diesem Planeten, es sei denn, er wird als Heiliger geboren oder als Narr, das heißt als jemand, der keine Ichstruktur entwickelt. Jeder Enneatyp des Dreiecks „spezialisiert“ sich sozusagen auf einen der drei archetypischen Verlustmomente und entwickelt sich in dessen Umfeld. Genauso könnte man sagen, dass die drei Typen die drei entsprechenden Phasen im Prozess der Ich-Entwicklung beleuchten und präzisieren, während die restlichen Punkte des Enneagramms diesen Prozess weiterverfolgen. Indem wir den durch das innere Dreieck dargestellten Prozess verstehen, gewinnen wir nicht nur tiefere Einsichten in das Enneagramm der Persönlichkeit, sondern erkennen auch, was wir in uns konfrontieren müssen, um uns wieder mit unserem essenziellen Wesen zu verbinden. Da ich hier die Phasen eines universellen Prozesses und nicht die drei Enneatypen als solche beschreibe, werde ich mich auf Punkt Neun, Sechs und Drei beziehen, anstatt die Namen der zugehörigen Enneatypen zu verwenden.
Diagramm 4
DAS INNERE DREIECK
Wie seine Position an der Spitze des Enneagramms schon andeutet, repräsentiert Punkt Neun das grundlegende Prinzip, welches die Ich-Entwicklung einleitet, den eigentlichen Verlust des Kontakts zu unserem wahren Wesen. Dieser Kontaktverlust wird in der spirituellen Literatur oft als Schlaf bezeichnet, der einen Zustand von Unwissen und Dunkelheit mit sich bringt. Der Prozess, in dem wir den Kontakt zu unseren angeborenen und noch nicht konditionierten Anteilen verlieren, vollzieht sich als allmählicher Vorgang während der ersten Lebensjahre, und im Alter von vier Jahren haben wir meist schon keinen bewussten Zugang zur Essenz mehr. Und damit, dass wir uns unseres wahren Wesens nicht mehr bewusst sind, beginnt der Bau des Gerüstes, der Aufbau unserer Ichstruktur.
Für unsere spirituelle Entwicklung ist der Aufbau dieser Struktur eine notwendige Vorbedingung, da das sich selbst reflektierende Bewusstsein eine Errungenschaft des Ich ist. Ohne es könnten wir keine Wahrnehmung unseres eigenen Bewusstseins entwickeln. Verschiedene Traditionen erklären diese anscheinend unvermeidliche und offensichtlich beklagenswerte Entwicklung auf ganz unterschiedliche Weise. In ihrem Kern bleibt sie ein Geheimnis, und unsere Vorstellungen über die Gründe, die dazu geführt haben, sind letztendlich bedeutungslos. Es ist einfach so wie es ist, und wir können uns entweder mit unserer Entfremdung auseinandersetzen oder weiterschlafen, ohne sie zu erkennen.
Es gibt eine Anzahl von Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass wir den Kontakt zur Essenz verlieren. Der erste hat damit zu tun, dass wir uns mit unserem Körper identifizieren und ihn für das halten, was oder wer wir sind. Nach Heinz Hartmann, dem Vater der Ich-Psychologie und einem der bedeutendsten post-freudianischen Psychoanalytiker, kann man unser Bewusstsein kurz nach der Geburt unter anderem als undifferenzierte Matrix beschreiben, in der die psychologischen Strukturen, die erst später in Erscheinung treten – das Ich, das Über-Ich und die Triebe –, weder eine Form angenommen haben noch sich voneinander unterscheiden. Rene Spitz, in etwa ein Zeitgenosse Hartmanns und einer der ersten, der sich der analytischen Erforschung der Mutter-Kind-Beziehung widmete, erweiterte dieses Konzept um den Begriff der Nichtdifferenziertheit, wo nicht zwischen Innen und Außen, dem Selbst und dem Anderen, Psyche und Soma unterschieden wird und demnach auch keine Wahrnehmung (kein Erkennen) stattfindet.
Basierend auf den Erfahrungen jener Menschen, die in die tiefsten Schichten ihrer Persönlichkeitsstruktur und zu den dort eingeschlossenen Erinnerungen vorgedrungen sind, gehen wir davon aus, dass sich der Säugling in einem Zustand der Einheit befindet, der sich aus Körperempfindungen, Emotionen, Gefühlen und essenziellen Zuständen zusammensetzt. Alle Inhalte des Bewusstseins sind in einer Art Ursuppe miteinander vermischt. Es ist wahrscheinlich, dass ein Kind die Unterschiede zwischen den Dingen zwar wahrnimmt, die Dinge aber nicht wirklich als getrennt erkennt. Es mag zum Beispiel die Wärme der Mutterbrust fühlen, die rote Farbe seines Gummiballs sehen und das Hungergefühl in seinem Bauch spüren, aber höchstwahrscheinlich unterscheiden sich diese Erfahrungen in seiner Vorstellung noch nicht voneinander. Die Wärme, das Rot und der Hunger hätten alle teil an der Einheit seines Erlebens.
Die erkennende Wahrnehmung beginnt, wenn wir zwischen angenehmen und unangenehmen Empfindungen unterscheiden und die Erinnerungsspuren dieser Eindrücke allmählich in unserem sich entwickelnden zentralen Nervensystem gespeichert werden. Die Wiederholung dieser Eindrücke führt schließlich zur Gedächtnisbildung. Zu allererst unterscheiden wir zwischen Schmerz und Freude, und aus diesem Grund bildet das Freudianische Prinzip, demzufolge wir nach der Freude streben und den Schmerz zu vermeiden suchen, die Basis unserer Ichstruktur.
Allmählich bildet sich eine weitere Differenzierung heraus: Ein Gefühl des Innen im Gegensatz zum Außen beginnt, Form anzunehmen. Die gesammelten Empfindungen aus dem Inneren unseres Körpers werden als rudimentäres inneres Identitätsgefühl registriert und bilden die Basis für unser weiterhin vorhandenes Selbstgefühl. Das sich häufig wiederholende Erlebnis, von einer mütterlichen Bezugsperson berührt zu werden, führt schließlich dazu, dass die vielfältigen Empfindungen an der Peripherie des Körpers zu einem Gefühl für die Körpergrenzen zusammenfließen. Der Körper eines jeden Menschen ist vom Körper eines jeden anderen Menschen getrennt, und wiederholter Umweltkontakt über die Haut lässt das Gefühl entstehen, ein getrenntes und eigenes Wesen zu sein. Dieses Gefühl von Getrenntsein, diese Wahrnehmung unser selbst als etwas, das eindeutige Grenzen hat, bildet eine weitere fundamentale Überzeugung und wird zu einem Charakteristikum der Ichstruktur.
Das sich selbst reflektierende Bewusstsein hat seinen Ursprung also in körperlichen Empfindungen, und unser Gefühl dafür, wer und was wir sind, wird automatisch mit dem Körper in Verbindung gebracht. „Das Ich,“ sagte Freud, „ist vor allem ein Körper-Ich.“1 Diese Identifikation mit dem Körper und seiner faktischen Getrenntheit bildet die Basis für unsere Selbstdefinition, die uns von unserem frühkindlichen Bewusstsein abschneidet, in dem alles als eine Ganzheit erfahren wird – als genau jene Einheit, die auch in tiefen spirituellen Erlebnissen erfahrbar ist, wie wir den Berichten von Mystikern aller Zeiten entnehmen können. In Momenten, wo die vorgebliche inhärente Getrenntheit aufgehoben ist, erkennen wir, dass unser wahres Wesen mit dem Wesen von allem, was existiert, eins ist. Wenn wir jedoch mit unseren Körpern und daher mit unserer Getrenntheit identifiziert sind, erleben wir uns nicht mehr als einzigartige Manifestation eines Einen oder als verschiedene Zellen im einen Körper des Universums, sondern als endgültig getrennt und deshalb vom Rest der Wirklichkeit abgeschnitten.
Der zweite Faktor, der dazu beiträgt, dass wir den Kontakt zu unserem essenziellen Wesen verlieren, hat mit Unzulänglichkeiten im kindlichen Umfeld zu tun – zum Beispiel mit Grenzüberschreitungen und einem Mangel an Einfühlungsvermögen und Verständnis von Seiten der Umwelt, besonders der mütterlichen Bezugsperson. Da Kinder ihre Bedürfnisse noch nicht verbal mitteilen können, ist dieser Mangel an Einfühlungsvermögen größtenteils unvermeidlich – die Mutter kann nur raten, ob das Kind gerade Hunger, Blähungen oder Stuhlgang hat. Auf Schmerz oder Unwohlsein, die sich zunächst körperlich äußern, reagiert das Baby, indem es versucht, sich von ihnen zu befreien. Das wird durch die Angst um das Überleben noch geschürt, und das Baby steigert sich auf Alarmstufe eins, um sich vor dem Schmerz zu schützen und dessen Ursache abzustellen. Diese Reaktion führt zu einer Trennung von jenem nicht differenzierten Zustand, in dem es völlig eins mit der Essenz ist. Wenn das Unbehagen vorbei ist, löst sich auch das Bewusstsein des Kindes aufs Neue in Nichtdifferenziertheit auf.
Dieser Kreislauf von Reaktion und Entspannung wiederholt sich je nach Umfeld in bestimmten Abständen, wobei schwerwiegende Übergriffe wie zum Beispiel Missbrauch zu einer mehr oder weniger anhaltenden Reaktionslage führen. Und selbst wenn keine schweren Traumata vorliegen, empfinden alle normalen Neurotiker die Unterstützung, die ihnen ihr Umfeld zur Verfügung stellt, als mehr oder weniger unzuverlässig – was dazu führt, dass wir alle in gewissem Maße getrennt von unserer wahren Natur aufwachsen. Im folgenden Abschnitt beschreibt Almaas, wie das Individuum durch den Verlust der fortwährenden Einstimmung und Empfänglichkeit – oder, in psychologischer Terminologie, des Gehaltenwerdens (holding)2 – der Umwelt zu misstrauen beginnt, was wiederum zur Reaktionshaltung im Kern der Ichentwicklung führt:
Das Kind muss auf den Verlust des Gehaltenwerdens (holding) reagieren, was dazu führt, dass es nicht mehr einfach ist und die spontane und natürliche Entfaltung der Seele unterbrochen wird. Gewinnt diese Reaktionshaltung die Vorherrschaft, dann bildet sie – anstelle der Kontinuität des So-Seins – die Basis der kindlichen Entwicklung. Ein Kind, dessen Entwicklung in einem unsicheren Umfeld auf der Reaktionshaltung aufbaut, wird sich getrennt vom Sein entwickeln, mit seinem Ego als wichtigstem Anteil. Entfaltet sich seine Entwicklung dagegen im Einklang mit der Kontinuität des Seins, dann wird sein Bewusstsein in seinem essenziellen Wesen beheimatet bleiben und seine Entwicklung die Reifung und der Ausdruck jenes Wesens sein.
Je weniger Fürsorge das Umfeld bietet, desto mehr wird die kindliche Entwicklung auf einer Reaktionshaltung basieren, die eigentlich dem Versuch des Kindes entspricht, mit einem unzuverlässigen Umfeld klarzukommen. Das Kind wird Mechanismen entwickeln, um in einem Umfeld zurechtzukommen, das nicht vertrauenswürdig ist, und diese Mechanismen bilden die Basis des sich entwickelnden Selbstgefühls oder Ich. Diese Entwicklung des kindlichen Bewusstseins gründet also im Misstrauen, das daher teilweise das Fundament für die Ich-Entwicklung bildet. Das kindliche Bewusstsein – seine Seele – verinnerlicht das Umfeld, in dem es aufwächst, und projiziert dieses Umfeld auf die Welt.
Das Ich beinhaltet also implizit ein grundlegendes Misstrauen in die Realität. Weil das fürsorgliche Umfeld versagt hat, kann auch kein Grundvertrauen entstehen, was wiederum die Trennung vom Sein verursacht. Und dieses Getrenntsein führt zur Reaktionshaltung oder Ich-Aktivität.3
Wird unsere Verbindung zu unserem ursprünglichen undifferenzierten Zustand unterbrochen, entsteht eine Spaltung oder Dualität zwischen uns selbst und der Essenz. Diese Spaltung führt zu unserer Identifikation mit dem Körper und zu der Überzeugung, wirklich getrennt zu sein. Damit wird die Illusion der Dualität geboren, das spirituelle Thema par excellence, aufgrund dessen wir uns und das Sein für zwei unterschiedliche Dinge halten.
Der dritte Faktor, der dazu beiträgt , dass wir den Kontakt zum Sein verlieren, hat damit zu tun, dass unsere Eltern nicht im Einklang mit unseren Tiefen waren. Wir sind von Eltern großgezogen worden, die (falls sie nicht erleuchtet waren) sich selbst letztendlich für abgegrenzte Wesenheiten hielten. Das prägt unser Bewusstsein zutiefst. Sie waren selbst nicht auf ihr essenzielles Wesen eingestimmt und daher auch nicht in der Lage, unsere wahren Tiefen zu erkennen, zu würdigen oder zu spiegeln. Während der ersten Lebensmonate ist unser Bewusstsein mit dem der Mutter verschmolzen, und wir erleben uns genau so, wie sie uns erlebt. Margaret Mahler sagt dazu: „Während der symbiotischen Phase entsteht durch das wechselseitige wortlose Zeichengeben jene unlöschbar eingeprägte Konfiguration – das komplexe Muster – das zum Leitmotiv für die ‚Entwicklung des Babys zum Kind seiner spezifischen Mutter‘ wird4, das heißt, wir werden zu dem, was wir in den Augen unserer Mutter sind. Nicht nur Gesellschaft und Kultur werden von den Eltern auf uns übertragen, sondern auch die gesamte Weltsicht, auf der jene beruhen. Diese Weltsicht, die wir mit der Muttermilch aufnehmen, ist die Sichtweise der Persönlichkeit, in der das Körperlich-Materielle als die einzig wahre Dimension der Realität wahrgenommen wird. Die tiefere Dimension der Wirklichkeit – die Dimension unseres wahren Wesens – wird nicht fest genug gehalten und uns zurückgespiegelt, was dazu führt, dass wir allmählich selbst den Kontakt zu ihr verlieren.
Wie in der Einführung angedeutet, besitzt die Essenz – das Wesen unseres Bewusstseins oder unserer Seele – viele verschieden Eigenschaften, die als die Essenziellen Aspekte bezeichnet werden. Freundlichkeit, Stärke, Intelligenz, Freude, Frieden, Unfehlbarkeit und Erfüllung sind nur einige davon. Die wahre Natur unserer Seele ist also eine einzige Gegebenheit, aber sie nimmt entweder verschiedene Eigenschaften an, oder die Eigenschaft, mit der wir zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders im Kontakt sind, verändert sich. Welche Eigenschaft die Essenz zum Ausdruck bringt, hängt entweder von der äußeren Situation ab, in der wir uns befinden, oder davon, was in unserem inneren Prozess auftaucht. In Gegenwart eines leidenden Freundes wird vielleicht Mitgefühl in uns aufsteigen, während wir so etwas wie innere Unterstützung erfahren, wenn wir in Kontakt mit unserer Unsicherheit sind. Eine Sufigeschichte berichtet von fünf blinden Mullahs, die einen Elefanten berühren, weil sie wissen wollen, wie er aussieht. Jeder bekommt einen anderen Körperteil zu fassen, worauf sie alle einen unterschiedlichen Eindruck von dem Tier bekommen. Auf dieselbe Weise repräsentiert jeder Aspekt eine andere Eigenschaft unseres wahren Wesens, obwohl alle Teil derselben Sache sind. Die Essenz mag uns verschiedene Gesichter zeigen, aber dennoch bleibt sie immer eins.
Das Baby erlebt offenbar unterschiedliche Essenzqualitäten, doch einige davon nehmen während bestimmter Entwicklungsphasen Vorrangstellung ein. In der von Mahler Symbiose genannten Phase, die etwa im Alter zwischen zwei und sechs Monaten stattfindet, steht der Aspekt der ekstatischen Liebe im Vordergrund, der sich durch eine schmelzende Süße ebenso wie durch das Gefühl auszeichnet, mit allem verbunden zu sein. Im Verlauf dieser Phase fühlen sich Mutter und Kind miteinander verschmolzen, und es ist eben dieses beglückende Gefühl der Einheit, das Erwachsene unbewusst wiederherzustellen versuchen, wenn sie sich verlieben. Wenn das Kleinkind etwa im sechsten oder siebenten Monat zu krabbeln und sich physisch von der Mutter abzulösen beginnt, entwickelt es damit auch ein inneres Unterscheidungsgefühl zwischen sich und der Mutter – es „schlüpft“ aus der symbiotischen Eierschale. Zu dieser Unterphase der Differenzierung gehört ein Aspekt, der sich durch energetische Ausdehnung und ein Gefühl von Kraft und Kompetenz auszeichnet. Das Kind beginnt nun seine Welt zu erforschen und ergötzt sich an seiner Fähigkeit, zu berühren, zu schmecken und all die faszinierenden Menschen und Dinge zu beeinflussen. Dadurch tritt ein anderer Aspekt in den Vordergrund, der ein Gefühl des Entzückens ebenso mit sich bringt wie eine unerschöpfliche ziellose Neugier auf alle Objekte, denen das Kind begegnet. In jedem Stadium der Ich-Entwicklung, durch welches das Kind sich bewegt, steht der dazugehörige Aspekt im Vordergrund; und jedes Trauma oder jede Störung, die in einer bestimmten Entwicklungsphase auftreten und vor denen selbst die gut Angepassten nicht verschont bleiben, schwächen unseren Kontakt zum entsprechenden essenziellen Aspekt. Diese Störungen werden zu einem Kapitel der in unseren Körpern und Seelen gespeicherten Geschichte.
Dieser Kontaktverlust mit unseren Tiefen wird von einigen spirituellen Schulen als „der Fall“ bezeichnet. Er ist kein einmaliges Ereignis, wie manche Lehren anzudeuten scheinen, sondern vollzieht sich allmählich in den ersten vier Lebensjahren, während wir die Entwicklungsstufen durchschreiten, in denen bestimmte Aspekte im Vordergrund stehen. Wie schon besprochen, führen Störungen und die mangelnde Spiegelung dieser Aspekte dazu, dass sie schrittweise aus dem Bewusstsein verschwinden – einige allmählich, andere unvermittelt. Irgendwann ist ein kritisches Gleichgewicht überschritten, und der gesamte essenzielle Bereich ist dem bewussten Gewahrsein nicht mehr zugänglich. Essenz ist das Wesen der Seele. Der Fall bedeutet also nicht den wirklichen Verlust der Essenz. Wir verlieren einfach nur den Kontakt zu ihr. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn sie bedeutet, dass der essenzielle Bereich zu allen Zeiten gegenwärtig ist – wir haben ihn nur „vergessen“ oder aus dem Bewusstsein verbannt. Er ist in jedem Moment vorhanden und kann von dem, was und wer wir sind, nicht getrennt werden, er ist jedoch zu einem Teil unseres Unbewussten geworden. Das Wissen um diese Tatsache bildet die Basis für einige spirituelle Lehren, die behaupten, dass wir bereits erleuchtet sind. Das ist für die meisten von uns jedoch ein schwacher Trost, denn der essenzielle Bereich erscheint nicht einfach nur deshalb in unserem Bewusstsein, weil wir im Kopf wissen, dass er da ist.
Eine mögliche Sichtweise der spirituellen Entwicklung könnte also sein, dass es darum geht, das Unbewusste bewusst zu machen. Im normalen Bewusstsein wird der essenzielle Bereich von der tiefsten Persönlichkeitsschicht verdeckt, deren Inhalte aus dem Bewusstsein verbannt wurden oder nie in das Bewusstsein gelangt sind, wie zum Beispiel die instinkthaften Triebe und alle dazugehörigen Erinnerungen und Fantasien. Freud, der den Begriff des Unbewussten prägte, verstand es als einen Bereich, der bestimmte, nicht bewusste Funktionen des Ich und des Über-Ich sowie das von ihm so genannte Es enthält. Sein Konzept des Es besagt, dass „sein Inhalt alles ist, was ererbt, bei Geburt mitgebracht und konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die aus der Körperorganisation stammenden Triebe, die hier (im Es) einen ersten, uns in seiner Form unbekannten psychischen Ausdruck finden.“5 Der essenzielle Bereich, welcher bei der Geburt vorhanden ist, würde interessanterweise laut Freuds eigener Beschreibung zum Es gehören, obwohl Freud die spirituelle Dimension weder in seine Theorien noch seine Schriften je einbezog.6
Wenn die Essenz Stück für Stück als Teil des Es im großen Kessel des Unbewussten versinkt, verlieren wir allmählich den Kontakt mit diesem kostbaren Teil unserer selbst – ja im Grunde mit dem, was uns überhaupt kostbar macht. Diese Einsicht wird von Almaas aus den folgenden Gründen als Theorie der Löcher formuliert: Der „Verlust“ eines jeden der Aspekte lässt bei uns den Eindruck aufkommen, uns fehle etwas, und das wiederum führt zu einem Gefühl von Mangel, welches wir als Unvollkommenheit deuten: „Irgend etwas fehlt in mir, also ist irgend etwas an mir falsch.“ Es ist, als sei unser Bewusstsein durchlöchert, wo es ganz sein sollte, und es kann zu einem wirklich fühlbaren Eindruck von leeren Stellen kommen. Es kann uns sogar vorkommen, als hätten wir Löcher in verschiedenen Bereichen unseres Körpers, obwohl wir wissen, dass physisch alles vorhanden ist. Wenn durch den Verlust der essenziellen Aspekte immer mehr Löcher auftreten, verschiebt sich das innere Gleichgewicht, und ein allgemeines Gefühl der Leere und Unvollkommenheit breitet sich aus, das schließlich bei den meisten Menschen bewusst oder unbewusst zum Kern des inneren Erlebens wird. Dieser Mangelzustand des Ich, welcher sich als Gefühl von Wertlosigkeit, Unwürdigkeit, Kleinheit und Schwäche sowie als das Gefühl äußern kann, völlig hilflos, impotent, unzulänglich, unfähig und ohne Halt ausgesetzt zu sein, bildet die tiefste Schicht und daher auch die tiefste Erfahrung der Persönlichkeit. Das muss so sein, denn die Persönlichkeit entspricht dem Eindruck des Selbst, keinen Boden oder keine Essenz zu haben. Sie kann sich also nur unzureichend anfühlen.
Diese erste Phase des Kontaktverlustes mit unserem essenziellen Wesen, welche die Bildung der Persönlichkeit oder Ichstruktur einleitet und schließlich in ihrem Kern zum Mangel- oder Leerezustand führt, wird von Punkt Neun im inneren Dreieck repräsentiert. Auf die Gefahr hin, den Leser durch eine zusätzliche Ebene von Komplexität zu verwirren, möchte ich darauf hinweisen, dass die drei Faktoren, die laut meiner Beschreibung zum Kontaktverlust mit der Essenz beitragen – Identifikation mit dem Körper, Reaktionshaltung und mangelndes Vertrauen in die Umwelt sowie das Nicht-gespiegelt-Werden des essenziellen Bereichs –, den drei Ecken des inneren Dreiecks entsprechen, was zu einem Dreieck im Dreieck führt. Die Identifikation mit unserem Körper entspricht Punkt Neun. Die reaktive Bestürzung über die mangelnde Befriedigung unserer Bedürfnisse durch die frühen Versorger entspricht Punkt Sechs. Der fehlende Kontakt unserer Eltern mit dem Bereich der Essenz sowie die daraus resultierende fehlende Spiegelung entsprechen Punkt Drei. Im Folgenden wird erkennbar, warum ich diese Bezüge hergestellt habe.
Punkt Neun und die beiden Nachbarpunkte Acht und Eins in Diagramm 3 bilden die „träge“ Ecke des Enneagramms, was bedeutet, dass das gemeinsame Thema all dieser Typen – Ego-Trägheit (9), Ego-Rache (8) und Ego-Groll (1) – das „Einschlafen“ ist, der Kontaktverlust mit der Essenz und die Fremdbestimmung. Das beruht auf der Vorstellung, dass jemand, der nicht wach für sein wahres Wesen ist und nicht versucht, aus dem Schlaf der Unbewusstheit zu erwachen, faul ist und nicht das tut, was wirklich getan werden muss.
Wenn wir der Bewegungsrichtung innerhalb des Dreiecks folgen, wird die nächste Stufe der Persönlichkeitsentwicklung von Punkt Sechs repräsentiert. Diese Ecke des Enneagramms, mit Punkt Sechs (Ego-Feigheit) und seinen Nachbarpunkten Sieben (Ego-Planen) und Fünf (Ego-Geiz) ist die „Angstecke“. Sie steht für die Angst, die durch die Einbrüche im frühen Versorgungsumfeld in der Seele entstanden ist und aufgrund derer sie sich von der Essenz entfernt hat. In nächster Instanz repräsentiert sie die Angst, die durch diesen Kontaktverlust ausgelöst wird.
Die defizitäre Leere, welche nach der Entstehung der Löcher zurückbleibt, ist für das kindliche Bewusstsein viel zu schwer zu ertragen und lässt die Angst aufkommen, den Verlust nicht zu überleben. Diese Angst davor, das Verlusterlebnis nicht zu überleben, führt zu einer Schicht von Anspannung und Einschnürung um jedes vorhandene Loch und fühlt sich insgesamt wie ein Ring des Entsetzens an der Basis der Persönlichkeitsstruktur an. Dieser Ring entspricht einer Ebene von Angst, auf der wir uns abgeschnitten, verloren und zutiefst gefährdet fühlen und die genauer als primäres Entsetzen beschrieben werden kann. Sie ist eine Kontraktion der Seele, welche sich im Körper durch Anspannungs- oder Panzerungsmuster manifestiert. Die gesamte Persönlichkeitsstruktur ist letztendlich eine gewaltige Kontraktion, ein rigides Zusammenhalten, das mit dieser primären, in der Seele kristallisierten Angst übereinstimmt.
Im Prozess der Rückverbindung mit der Essenz, in dem wir uns erlebend durch die äußeren Schichten der Persönlichkeit hindurchbewegen und uns dem darunter liegenden Zustand der defizitären Leere erneut annähern, wird diese Ebene der Angst besonders offenbar. Sie entspricht dem Archetyp der Signalangst, dem Gefühl drohender Gefahr, das auftaucht, wenn ein unbewusster Inhalt bewusst zu werden beginnt, dem Gefühl, welches das Ego mobilisiert, um diesen Inhalt aus dem Bewusstsein zu verbannen. Die Signalangst ist eine oberflächliche Manifestation dieser primären Angstschicht. Paradoxerweise geht es dabei, wie schon angemerkt, um dieselbe Angst, die uns zu Beginn aus dem Kontakt mit der Essenz katapultiert hat, da Störungen im fürsorglichen Umfeld zu einer Reaktionshaltung führen, die uns vom Verweilen im Sein abschneidet. Wir werden uns die Angstecke genauer ansehen, wenn wir auf den Prozess der Rückverbindung mit unserem wahren Wesen zu sprechen kommen.
Wenn es sich mit der Todesangst konfrontiert sieht, versucht das Kleinkind, seine sich entwickelnde psychische Ökonomie wieder in eine Art von Gleichgewicht zu bringen. Dieser Teil des Ich-Entwicklungsprozesses bringt uns zu dem, was von Punkt Drei dargestellt wird. Um mit der Angst, die sein Leben zu bedrohen scheint, umgehen zu können, verdeckt das Kind die Löcher, indem es sie und die sie umgebende Angst aus dem Bewusstsein verbannt. Wenn die Löcher in seiner Psyche erst einmal aus dem Bewusstsein verschwunden sind, fängt es an, sie füllen zu wollen – denn obwohl sie verdrängt wurden, weiß seine Seele um ihre Existenz. Das Kind versucht, sie mit etwas Äußerem zu füllen, das sich genauso anfühlt wie das, was ihm fehlt; und dieser Prozess wird mit zunehmendem Alter immer ausgefeilter und subtiler. Anfangs kann vielleicht ein warmes Fläschchen oder die Schmusedecke den liebevollen, zärtlichen Kontakt ersetzen, der verloren gegangen ist. Im Erwachsenenalter kann das Füllen der Löcher zur Suche nach weltlichem Erfolg werden (um das Loch der Machtlosigkeit zu füllen); zur Suche nach Anerkennung oder zum Ansammeln von kostbaren Dingen (um das Loch der Wertlosigkeit zu füllen); zu sozial bedeutsamen Aktivitäten (um das Loch der Bedeutungslosigkeit zu füllen); zum Bergsteigen (um das Loch der Schwäche und Impotenz zu füllen); zur Suche nach einem Partner (um das Loch zu füllen, aufgrund dessen man sich nicht liebenswert fühlt), und so weiter.
So entwickeln sich passend zu den Löchern verschiedene Teile der Persönlichkeit. Die Gedächtnisspuren, von denen vorher schon die Rede war, verweben sich zu Repräsentationen des Selbst beziehungsweise zu inneren Bildern, die wir von uns selbst haben. Diese Repräsentationen des Selbst enthalten die Erinnerung an den Kontaktverlust mit jedem der Aspekte und damit die Vorstellung von uns selbst, die dadurch entsteht, sowie die Emotionen, die zu diesem Selbstgefühl gehören. Mit der Zeit bilden diese Selbstrepräsentanzen Teile eines umfassenden Selbstbildes, eines inneren Bildes von uns selbst, das jedoch größtenteils unbewusst bleibt. Wir halten uns für einen Menschen, der schwach oder nicht liebenswert ist, dem es an Durchhaltevermögen oder Genialität mangelt oder was auch immer die Eigenschaft sein mag, zu der wir den inneren Kontakt verloren haben.
Die Persona, die wir der Welt präsentieren – oft auch das Selbstbild oder Image genannt – ist nur eine äußere Manifestation des inneren Bildes, das wir von uns selbst haben. Die Enneatypen der „Imageecke“, die, wie wir in Abbildung 3 sehen, Ego-Schmeichelei (Punkt Zwei), Ego-Eitelkeit (Punkt Drei) und Ego-Melancholie (Punkt Vier) heißen, haben eines gemeinsam: Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Beschäftigung mit dem Image – also mit allem, was äußerlich dargestellt und innerlich vorgestellt wird. Hier geht es um die oberflächliche Manifestation eines tieferen Identifikationsprozesses mit den inneren Bildern unser selbst, unserem Selbstbild.
Mit der Zeit verfestigt sich dieses Selbstbild. Wir halten uns – größtenteils aufgrund der jeweiligen Löcher und der entsprechenden Charakteristika, die unser Selbstgefühl bestimmen – für eine so oder so geartete Person, die diese oder jene Eigenschaften, Wesenszüge und Fähigkeiten besitzt. Dieses Gefühl eines Selbst entwickelt sich, wie die Objektbeziehungspsychologie erklärt, in Konjunktion mit dem Gefühl eines „Anderen“. Die Erinnerungsspuren, die durch wiederholte Eindrücke und Erfahrungen im sich entwickelnden Bewusstsein des Kleinkindes entstehen, verbinden sich schließlich zu einem Gefühl dafür, was wir sind, und was nicht wir sind, sondern ein anderer ist. Dieser Andere, ist beim Kleinkind zunächst die Mutter oder der wichtigste Versorger. Unser ursprüngliches inneres Bild beziehungsweise unsere Vorstellung von einem Anderen, unser Objektbild, das für immer durch die Mutter geprägt ist, bildet eine Schablone, durch die wir die gesamte Außenwelt wahrnehmen und erleben. Auf die gleiche Art, wie die Entwicklung unseres Selbstbildes eng an das gekoppelt ist, was unsere Eltern in uns wahrgenommen und uns gespiegelt haben, kopieren wir mit unserem Gefühl für alle, die nicht wir sind, diejenigen, die uns diese frühe Spiegelung gaben. Deshalb erinnern uns all unsere Freunde und Liebespartner so merkwürdig an unsere Eltern, und selbst unsere tiefsten Vorstellungen vom Göttlichen gleichen auf beunruhigende Weise dem Bild unserer Mutter.
Diese mentalen Strukturen des Selbst und unsere Objektvorstellungen definieren, wer wir in Bezug auf die Umwelt sind. Sie wirken wie Filter, die unser Bewusstsein auf die Oberfläche unseres Wesens richten und dafür sorgen, dass wir uns mit ihr identifizieren und nicht mit unseren Tiefen. Diese Identifikation mit der Oberfläche ist eng daran gekoppelt, dass die Eltern unser tiefstes Wesen nur mangelhaft wahrgenommen haben. Wir haben das im Zusammenhang mit Punkt Drei bereits als einen Faktor besprochen, der unsere Trennung von der Essenz mit verursacht hat. Almaas beschreibt es so:
Im Laufe der Zeit gibt es in der bewussten Erfahrung eines Menschen keine Essenz mehr. Anstelle der Essenz oder des Seins sind dort viele Löcher zu finden: die verschiedensten tiefen Defizite und Mangelzustände. Der Mensch wird normalerweise allerdings keine bewusste Wahrnehmung dieses durchlöcherten Zustandes haben. Stattdessen wird ihm gewöhnlich die Füllung, welche sein Bewusstsein dieser Defizite abdeckt und die er für seine Persönlichkeit hält, bewusst sein. Aus diesem Grund wird seine Persönlichkeit von Menschen, die die Essenz kennen, für eine falsche Persönlichkeit gehalten. Das Individuum allerdings hält das, was es von sich wahrnimmt, in aller Ehrlichkeit für sich selbst, nicht ahnend, dass all das nur eine Füllung ist, welche das ursprüngliche Verlusterlebnis in Schichten von Schleiern hüllt. Das Erleben der Essenz und ihres Verlustes wird gewöhnlich nur noch als ein vages Gefühl der Unvollständigkeit und ein nagendes Mangelgefühl wahrgenommen, das sich mit zunehmendem Alter vergrößert und vertieft.7
Wenn das hier beschriebene Gefühl der Unvollständigkeit und des Mangels uns dazu bewegt zu fragen, ob das Leben nicht mehr zu bieten hat als die Sinnlosigkeit und die innere Leere, die wir fühlen; wenn sich unser Hoffen auf äußere Lösungen für all unsere Probleme endlich erschöpft; wenn wir aufhören, uns auf eine bestimmte Art zu verhalten, um das zu bekommen, wovon wir uns Erfüllung versprechen, und wenn wir die Versuche beenden, unsere innere Leere zu füllen oder uns von ihr abzulenken, dann werden wir vielleicht endlich in der Lage sein, das Rad des Lebens in eine neue Richtung zu drehen und uns ehrlich und direkt mit unserer inneren Welt und unserem Bewusstsein zu konfrontieren. Denn nur von diesen hängt letztendlich ab, was wir erleben.
Wenn wir verstehen, dass unser Gefühl der Unvollständigkeit dadurch verursacht wurde, dass wir den Kontakt mit unseren Tiefen verloren haben und dass der Zugang zu diesen Tiefen von allen möglichen psychologischen Strukturen verdeckt ist, dann folgt daraus, dass wir nur unseren Weg durch diese Strukturen finden müssen, zurück zu dem, was hinter ihnen liegt, um uns wieder mit unseren spirituellen Wurzeln zu verbinden. Da sich die persönlichkeitsbildenden Strukturen als Antwort auf die Löcher entwickeln, ahmen sie Eigenschaften des Seins nach, die dem Bewusstsein verloren gegangen sind. Wir müssen also wieder in Kontakt mit unseren Tiefen kommen, um unsere Entwicklungsschritte nachvollziehen zu können. Dazu müssen wir in unserem unmittelbaren Erleben gegenwärtig sein, und das bedeutet, dass wir unsere Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken ganz in den Kontakt nehmen und einfach spüren, voller Forscherdrang und Wissensdurst in Bezug auf alles, was wir finden werden. Alles was auf einem mentalen Konzept basiert, also unser Selbst und unsere Objektvorstellungen, wird sich bei empirischer Erforschung auflösen und schließlich das Loch zutage treten lassen, das von dieser Fälschung gefüllt wurde. Alles, was von Natur aus echt ist, wird sich ausweiten und einen wichtigeren Platz in unserem Bewusstsein einnehmen.
Wenn wir ganz am Anfang unserer inneren Arbeit stehen und unsere Abwehr aus Selbsttäuschung, Verleugnung und Vermeidung aufgeben, werden wir feststellen, dass das, wofür wir uns gehalten haben, die falsche Persönlichkeit ist, jene Persönlichkeit, die, wie wir gesehen haben, nur aus der Füllung besteht, mit der wir das Loch zugestopft haben, das dadurch entstanden ist, dass wir den Kontakt mit unserem wahren Wesen verloren haben. Wir beginnen die Reise also an Punkt Drei, der hier für unsere Identifikation mit der eigenen Oberfläche, mit der Persönlichkeit steht. Darüber hinaus repräsentiert er alle Stützen der Persönlichkeit, alles in der Außenwelt, von dem wir hoffen, dass es uns erfüllen wird: Beziehungen, Reichtum, Macht, Status, Wissen und so weiter. Ganz allgemein symbolisiert er das Füllen unserer Löcher durch mentale Konstrukte oder äußere Erwerbungen, die nur dazu dienen, uns noch vollkommener von jenen Tiefen abzuschneiden, die unsere Oberfläche und unser Leben wirklich erhalten und ein Teil von ihnen sind.
Unsere Persönlichkeit ist durch eine Anzahl von Eigenschaften gekennzeichnet, die sie klar von unserem essenziellen Wesen unterscheiden. Eines ihrer Hauptcharakteristika ist ihre rigide Festigkeit. Diese führt dazu, dass sich unser ursprüngliches und eigentliches Selbstgefühl von einem auf den anderen Moment nur wenig ändert und dass wir auf die Herausforderungen des Lebens aufgrund eines subjektiven Selbstgefühls reagieren anstatt im Einklang mit dem zu handeln, was die Situation erfordert. Unsere Erfahrung des gegenwärtigen Moments wird durch die oben besprochenen Bilder gefiltert, die wir von uns selbst und unserer Umwelt haben, durch unseren inneren Film, den wir aus Elementen der entfernten Vergangenheit zusammengeschnitten haben. Dieser Film bildet sozusagen einen Puffer zwischen uns und den Ereignissen und verzerrt unsere Wahrnehmung soweit, dass wir die Dinge falsch interpretieren und in der Tat auf die Vergangenheit anstatt auf die Gegenwart antworten. Das kann sich auf ganz einfache Weise äußern, zum Beispiel in einer Situation, in der wir unsere Bedürfnisse einfordern müssten und sie trotzdem nicht ausdrücken, weil wir von uns selbst glauben, dass wir das nicht können oder nicht sollten. Diese Rigidität zeigt sich mit besonderer Schärfe in engen Beziehungen, in denen wir nicht glauben können, dass der andere uns wirklich liebt, weil wir uns selbst grundsätzlich für nicht liebenswert halten. Oder wir erkennen, dass er uns wirklich liebt, glauben aber sofort, dass er dann nicht wirklich so großartig sein kann wie wir dachten. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist die Anerkennung unsere Leistungen, von der wir insgeheim glauben, dass sie auf einem Irrtum beruhen muss.
All diese Beispiele beruhen gleichermaßen auf einem Selbstbild, das auf einem Mangel basiert und damit das Defizit spiegelt, welches die tiefste Persönlichkeitsschicht bestimmt. Aus diesem Grund werden wir immer, wenn wir das bekommen, was wir uns am meisten gewünscht haben und von dem wir dachten, es würde dieses Loch wirklich füllen, entweder sofort irgendwelche Fehler daran entdecken, uns davon überzeugen, dass wir es nicht wirklich haben dürfen, oder nur einen flüchtigen Moment der Erfüllung erleben.
Wir müssen verstehen, dass unser Selbstbild unser Bewusstsein dahingehend beeinflusst hat, dass wir nicht mehr willentlich handeln, uns bewusst unsere Gedanken machen und die Wahl haben. Vielmehr handeln wir aufgrund unanzweifelbarer, meist unbewusster Überzeugungen darüber, wer und was wir sind und wer und was die anderen sind. Die Menschen in unserem Leben kommen und gehen, aber die Rollen, die wir ihnen in unserem inneren Film geben, verändern sich nur geringfügig und sind größtenteils Erweiterungen der Rollen, die alle Menschen gespielt haben, die für uns in der Kindheit wichtig waren. Unsere Lebenssituationen haben die teuflische Angewohnheit, sich zu wiederholen. Erst wenn wir erkennen, dass unsere momentane Situation wirklich von unserer Identifikation mit der Persönlichkeitsebene abhängig ist, beginnen wir das Ausmaß unserer Gefangenschaft in unserem Selbstbild zu verstehen.
Indem wir unseren Körper mit Bewusstsein füllen und alle Empfindungen, Emotionen und Gedanken, die in ihm aufsteigen, erleben und in ihrer ganzen Fülle zulassen, bewegen wir uns tiefer in uns selbst hinein und beginnen, uns stärker mit uns selbst in Kontakt zu fühlen. Diese Verschiebung des Blickwinkels von einem nach außen Gerichtetsein zur inneren Erforschung nimmt der Persönlichkeit ganz von selbst einigen Wind aus den Segeln. Wenn wir anfangen, unser inneres Terrain zu erforschen, begegnen wir in der Regel zuerst unserem inneren „Sollte“ und „Müsste“ – der Stimme des inneren Kritikers, dem Über-Ich. Dabei handelt es sich um eine Mischung verinnerlichter Stimmen der unterschiedlichsten Autoritätsfiguren aus der frühen Kindheit. Es ist die letzte Persönlichkeitsschicht, die sich entwickelt hat und damit die erste, der wir begegnen. Freud nannte sie das Über-Ich, was andeutet, dass ihre Funktion darin besteht, unser Ich zu überwachen. Mit ihren Geboten, Verboten und Ermahnungen hält sie den Status quo der Persönlichkeit aufrecht und sagt uns, was wir zu tun und wie wir zu sein haben, was erlaubt ist und was nicht. Sie prüft unser Erleben daraufhin, ob es gut oder schlecht, richtig oder falsch, in Ordnung oder nicht in Ordnung ist, und erhält in uns die Hoffnung aufrecht, wir müssten nur „besser“ werden, um die Erfüllung zu finden, nach der wir suchen. Aus diesem Grund blockiert unser Über-Ich die Entblätterung unserer Ichstruktur, die von der oben beschriebenen erfahrungsbetonten Erforschung hervorgerufen wird. Es diktiert, was sich in uns abspielen sollte und was nicht.
Einer der ersten Programmpunkte auf unserer inneren Reise besteht also darin, uns gegen das Über-Ich zur Wehr setzen zu lernen. Dabei geht es in erster Linie darum, das Ausmaß an Leid fühlend zu erkennen, welches wir uns durch ständiges Urteilen und Kritisieren selbst zufügen, und einzusehen, dass diese Art, mit sich selbst umzugehen, absolut kontraproduktiv ist. Wir müssen verstehen, dass die Mittel – Selbstkritik und Selbstverurteilung – den Zweck bestimmen: das innere Mangelgefühl aufrechtzuerhalten.8 Das Über-Ich eines jeden Enneatyps hat eine bestimmte Färbung und steht in bestimmter Beziehung zu dem, was wir als uns selbst erleben. Wenn wir uns mit den einzelnen Typen beschäftigen, werden wir darauf zurückkommen.
Haben wir gelernt, uns gegen unser Über-Ich zur Wehr zu setzen, können wir leichter mit unseren Bewusstseinsinhalten in Kontakt bleiben, was immer sie auch sein mögen. Wir folgen dem roten Faden eines bestimmten Themas, einer Reaktion oder einer körperlichen Anspannung, der uns durch die betroffenen psychologischen Strukturen und ihre Geschichte zu dem Loch in unserem Bewusstsein führt, wo der Kontakt zur entsprechenden Essenzqualität verlorengegangen ist. Ein Beispiel mag hilfreich sein, um diesen Prozess verständlich zu machen.
Nehmen wir einmal an, eines Ihrer Themen sei die materielle Sicherheit in Ihrem Leben. Sie haben anscheinend nie genug Geld, um Ihre Bedürfnisse abzudecken und sind wütend und neidisch, wenn Sie sehen, dass die Menschen in Ihrem Umfeld teure Reisen machen, Häuser kaufen und so weiter. Wenn dieses Thema für Sie akut wird und Sie mit Ihrem Zustand fühlend in Kontakt gehen, bemerken Sie, dass Sie sich emotional unterversorgt und bedürftig fühlen. Ihnen wird klar, dass Sie sich anscheinend schon immer so gefühlt haben. Viele Kindheitserinnerungen steigen auf, die Ihnen zeigen, wie andere Kinder Dinge von ihren Eltern bekamen, die Ihnen verwehrt wurden. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Ihre Mutter einfach nicht für Sie da war und Ihre emotionalen oder materiellen Bedürfnisse nicht befriedigt hat.
Tiefer Schmerz wird frei, und Sie bemerken, dass er von einer Anspannung im unteren Bauchbereich ausgeht. Sie lassen diesen Schmerz zu und verspüren in jenem Bereich Ihres Körpers vielleicht eine gewisse Leere, die aber von der Angst begleitet ist, das gegenwärtige Gefühl ganz und gar zuzulassen. Wenn Sie mit der Angst in Kontakt bleiben und zu verstehen versuchen, was sich da so Furcht erregend anfühlt, kommen Erinnerungen an eine überwältigende Todesangst ans Licht – an die Angst, sterben zu müssen, weil die Mutter nicht im Einklang mit Ihren Bedürfnissen handelte. Und Sie erkennen, dass Sie vom Gefühl her gerade ein Jahr alt sind und dieses Loch in jenem Alter unmöglich ertragen konnten. Gleichzeitig ist Ihnen klar, dass Sie jetzt erwachsen sind und es in Ordnung ist, das Loch zu fühlen. Sie tasten zu ihm hin, und die Anspannung in Ihrem Bauch lässt nach – obwohl sich die Leere entsetzlich anfühlt. Sie scheint endlos zu sein und Ihr Verstand erzählt Ihnen, dass es sinnlos sei, die Sache weiterzuverfolgen. Sie erkennen, dass dieses Loch existiert hat, solange Sie denken können, dass es sich sehr vertraut anfühlt und einen Teil Ihres Selbstgefühls ausmacht, obwohl es nur im Hintergrund gestanden hat. Sie erkennen, dass Sie es für sinnlos hielten, dieses Gefühl wirklich zu erleben und Sie es deshalb hinter Mauern und aus Ihrem Blickfeld verbannt haben.
Sich ihm nun zu stellen fühlt sich an, als ob Ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen würde und Sie, falls Sie sich darauf einlassen, für immer und ewig in das Loch hineinfallen würden. Sie erkennen, dass das eine Vermutung ist und machen sich daran, diese Vermutung fühlend zu erforschen – um sich mitten im Loch wiederzufinden. Plötzlich merken Sie, dass Sie gar nicht fallen, sondern schweben, und dass es sich anfühlt, als würden Sie von irgendetwas gehalten. Sie erforschen das, was Sie da hält, und haben ein starkes Empfinden für eine Präsenz, die sich fest und sicher anfühlt. Zunächst scheint sie außerhalb von Ihnen zu sein, doch wenn Sie in der Erfahrung verweilen, merken Sie, dass sie sich in Wirklichkeit in Ihrem Inneren befindet. In der Tat fühlen Sie diese unterstützenden Präsenz genau an der Stelle Ihres Bauches, wo vorher die Leere war.
Dieses hypothetische Beispiel lässt erkennen, wie man sich durch das Loch der essenziellen Unterstützung hindurch bewegt. Es zeigt uns, wie sich der mangelnde Kontakt mit einer Eigenschaft unseres essenziellen Wesens in einem Alltagsproblem äußert – besonders in einem, das immer wieder auftaucht. Störungen an der Oberfläche beziehen sich direkt auf das, was in den Tiefen vor sich geht, und allein dadurch, dass wir Kontakt zu diesen Tiefen aufnehmen, wird sich die Oberfläche schließlich von Grund auf verändern. Wir können an diesem Beispiel auch sehen, wie eine forschende, offene Haltung gegenüber unserem Erleben uns zu dem Loch an der Wurzel der Oberflächenturbulenz führen und hindurch geleiten kann.
Wie das Loch in diesem Beispiel ist jedes Loch von Angst umgeben; und wenn wir der Landkarte des inneren Dreiecks folgen und uns dieser Angst stellen, befinden wir uns an Punkt Sechs. Wie schon gesagt, setzt sich diese Angstschicht aus unseren Befürchtungen über die Begegnung mit dem Loch und aus der reaktiven Bestürzung in der Seele zusammen, aufgrund derer das Loch ursprünglich entstanden ist. Die Angst impliziert die unvermeidliche Überzeugung, dass es unerträglich sein wird, das Loch ganz zu fühlen. Das kann bewirken, dass wir das Gefühl haben, verrückt zu werden, auseinander zu fallen, uns aufzulösen, zu zersplittern, zu verschwinden oder zu sterben. Je grundlegender das Loch für die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen ist, desto größer wird seine Angst sein. Was da verschwinden, sich auflösen und verloren gehen wird, ist der Persönlichkeitsanteil, der die Schicht über der Angst bildet. Mit anderen Worten: Wir bewegen uns über die Persönlichkeit hinaus, wenn wir uns über die Angst hinaus bewegen, und obwohl wir vorgeben, uns genau das zu wünschen, fürchten wir es auch am meisten. Wir haben uns daran gewöhnt, die Persönlichkeit für das zu halten, was wir sind – für alles, was wir sind. Die Angst bringt auch mit sich, dass wir uns zusammenziehen und damit vom Loch entfernen. Paradoxerweise entsteht das Gefühl von Defizit, das wir mit dem Loch verbinden, genau durch dieses Sich-Zurückziehen. Solange wir es ablehnen, fühlt es sich schlecht an, doch sobald wir es annehmen und uns ihm öffnen, wird das, was sich wie ein Mangel angefühlt hat, zu einer Weite, die von genau der Essenzqualität erfüllt ist, die uns zu fehlen schien. Auf unserem Weg durch das innere Dreieck führt uns dieser Schritt durch die Angst hindurch in die defizitäre Leere und darüber hinaus in die Weite der Essenz zum Punkt Neun.
Diesen Prozess, in dem wir uns durch die von Punkt Drei symbolisierten Persönlichkeitsstrukturen, die von Punkt Sechs symbolisierte Schicht aus Angst und durch die defizitäre Leere bis zur Essenz in Punkt Neun bewegen, müssen wir viele Male durchlaufen, um eine wesentliche Disidentifikation mit der Persönlichkeit zu gewährleisten. Genau wie in der frühen Kindheit eine kritische Anzahl von Löchern dazu führte, dass unser inneres Gleichgewicht von der Identifikation mit der Essenz zur Identifikation mit der Persönlichkeit kippte, muss auch in diesem Umkehrprozess eine kritische Masse erreicht werden. Wiederholte Erlebnisse, in denen wir uns durch unsere Löcher bewegen und unserem essenziellen Wesen begegnen, führen schließlich dazu, dass sich unsere Identifikation von der Persönlichkeit zur Essenz bewegt. Die Dauer dieses Prozesses ist individuell unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel davon, wie schwer die Kindheitstraumata waren und wie groß die inneren Motivation ist, alles durchzumachen, was nötig ist, um sich der Wahrheit zu stellen, dem, was wir wirklich sind. Diese Rückverbindung mit unserem essenziellen Wesen erfordert eine Menge Arbeit, die weder leicht noch schnell zu erledigen ist. Doch für alle, die von einem inneren Feuer verzehrt werden und von daher motiviert genug sind, ihre eigenen Tiefen zu entdecken, ist sie eine Notwendigkeit. Jelaluddin Rumi, der berühmte Dichter und Mystiker des dreizehnten Jahrhunderts, hat es so ausgedrückt:
Du hast gefürchtet,
der Boden könne dich verschlingen
oder der Himmel dich hinwegheben.
Doch nun löst sich dein Wasserbett
und fällt zurück in den Ozean,
dem es entsprang.
Es hat nicht mehr die gleiche Form
und ist doch Wasser,
ist von derselben Essenz.
Dieses Aufgeben ist keine Buße.
Es ist eine tiefe Würdigung deiner selbst.9