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Kapitel 2

Die Pilgerreise beginnt

Wie glücklich sind alle, die in deinem Haus Wohnrecht haben

und dich dort immerzu preisen können!

Wie glücklich sind sie, die bei dir ihre Stärke finden und

denen es am Herzen liegt, zu deinem Heiligtum zu ziehen!

Wenn sie durchs Wüstental wandern, brechen dort Quellen auf, ­

milder Regen macht alles grün und frisch.

Psalm 84,5-7

New Hope

Als Meg am zweiten Samstag im September am New Hope-Zentrum eintraf, suchte sie instinktiv nach einem Parkplatz, der so weit wie möglich vom Eingang entfernt lag. Nachdem sie ein wenig herumgefahren war, fand sie einen Platz, der von kleinen Büschen teilweise abgeschirmt wurde. Hilf mir, betete sie, als sie den Motor ausschaltete. Ihre Hand lag am Sicherheitsgurt, halb, um ihn ­auszuklinken, halb, um sich festzuhalten. Von ihrem geschützten Platz aus beobachtete sie, wie sich eine kleine Gruppe von ­Menschen vor dem Haupteingang traf. Sie fragte sich, ob auch nur einer von ihnen an diesem Morgen mit ver­gleichbaren ­Dämonen zu kämpfen gehabt hatte wie sie. Die geist­liche Reise hatte noch nicht einmal begonnen, und sie war bereits erschöpft.

„Denk einfach an dieses alte Sprichwort“, hatte Rachel ihr gesagt. „Selbst die weiteste Reise beginnt mit einem ersten Schritt.“

Während Meg das mit Efeu überwucherte Gebäude betrachtete, versuchte sie genügend Mut aufzubringen, um die hundert Meter über den Parkplatz zurückzulegen. Hilf mir, Gott, bitte, betete sie. Während ihre Absätze in gleichmäßigem Tempo über das Pflaster klapperten, wurde das Pochen ihres aufmüpfigen Herzens immer wilder. Als sie die Eingangstür erreichte, dröhnte ihr der Herzschlag in den Ohren.

Eine zier­liche, grauhaarige Frau mit rundem Gesicht begrüßte sie an der Tür. „Hallo, herzlich willkommen! Ich bin Katherine Rhodes“, stellte sie sich vor und streckte beide Hände aus. Meg hatte von dieser kleinen Person eine sanfte Berührung erwartet, nicht diesen festen, beruhigenden Händedruck mit beiden Händen. Diese Frau strahlte große Entschlossenheit aus, ähnlich wie Megs Mutter. Doch im Gegensatz zu Ruth Fowler, die entschieden kühl gewesen war, ging von Katherine eine geradezu sommer­liche Wärme aus. „Kommen Sie zur geist­lichen Reisegruppe?“, fragte Katherine lächelnd.

„Ja“, erwiderte Meg mit dünner Stimme. Sie spürte, wie sie errötete. Warum war ihr Gesicht immer heiß und ihre Hände immer kalt?

„Ich freue mich, dass Sie da sind“, sagte Katherine. „Gehen Sie zum Ende des Flurs und dann rechts. Und bedienen Sie sich bitte mit Kaffee und Brötchen.“

Meg verschwand erst mal in der Toilette und war erleichtert, dass sie allein dort war. Kritisch überprüfte sie ihre Erscheinung im Spiegel, drehte sich hin und her. Aber aus jedem Blickwinkel fand sie Mängel. Sie versuchte, ihre schulterlangen Locken aus dem Gesicht zu streichen, aber das ging gar nicht. Die hektischen roten Flecken an ihrem Hals waren zu deutlich sichtbar. Darum ließ sie ihre Haare wieder ins Gesicht fallen. Und ihre Kleidung? War sie mit Rock und Bluse zu elegant ausstaffiert? Katherine und die anderen, die sie gesehen hatte, waren lässig gekleidet.

Als eine Frau in Jeans und Sweatshirt die Tür öffnete, wurde Meg klar, dass ihr keine Zeit mehr blieb, sich in Ordnung zu bringen. Heute würde es keine Gelegenheit mehr geben, die kritische Stimme in ihrem Kopf zu besänftigen. Mutters Stimme. Oder war es ihre eigene? Sie konnte es nicht sagen.

Der sonnendurchflutete Raum füllte sich langsam mit leger gekleideten Menschen, als Meg eintrat. Sie suchte aus dem Karton auf dem Tisch ihr Namensschild heraus und steuerte den Tisch in der hinteren Ecke in der Nähe eines künst­lichen Ficus und einer Tür an. Sie fragte sich, ob wohl jemand bemerkt hatte, wie ihre Hand zitterte, als sie auf der Namensliste unterschrieb.

Ihr war übel. Was um alles in der Welt hatte sie sich nur dabei gedacht, dass sie sich für diesen Kurs angemeldet hatte? Sie hätte sich lieber einer Frauenbibelgruppe in ihrer Kirche anschließen sollen. Dann hätte sie die Teilnehmer wenigstens gekannt. Aber das hier … Wenn sie es nicht ihrem Pastor und seiner Frau unbedingt hätte recht machen wollen, dann wäre sie nicht gekommen. Meg wusste nicht, was schmerz­licher war: sie zu enttäuschen oder sich selbst ein Magengeschwür zu verpassen. Sie griff nach ihrer Tasche und wollte gerade aufstehen, als eine andere Frau an den Tisch trat und ihr den Fluchtweg versperrte.

„Wäre es okay, wenn ich mich zu Ihnen setze? Ich mag die hinteren Ecken auch lieber.“ Die ziemlich korpulente Frau zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Von hier habe ich alles besser im Blick.“

Und ich kann leichter zur Toilette verschwinden, falls ich mich übergeben muss, antwortete Meg. Aber nur still für sich. Sie zwang ein wackeliges Lächeln auf ihr Gesicht und deutete einladend auf den leeren Platz neben sich.

„Danke“, sagte die Frau, stellte ihren Kaffeebecher ab und legte ein Brötchen und ihre große bestickte Tasche auf den Tisch. Mit dem schreienden Blumenmuster auf ihrer Kleidung und den auffälligen, klimpernden Accessoires machte sie auf Meg den Eindruck einer freigeistigen Nonkonformistin. Selbst ihre kurzen Locken waren bunt: rotbraun mit frechen kupferfarbenen Strähnchen. Ich wünschte, ich hätte das Selbstbewusstsein, solche Farben zu tragen, dachte Meg mit einem Blick auf ihren langweiligen braunen Rock.

Die Frau atmete langsam aus, während sie ihren massigen Körper in den Stuhl zwängte. „Diese Stühle sind nicht für ausladende Hintern gedacht“, bemerkte sie trocken, während sie ihren Blick über Megs zier­lichen Körper wandern ließ. „Nicht, dass Sie dieses Problem hätten.“ Sie reichte ihr die Hand. „Ich bin Mara Garrison.“

„Meg. Meg Crane. Entschuldigen Sie die kalten Hände.“ Megs Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

„Dafür haben Sie bestimmt ein warmes Herz“, meinte Mara und spielte mit ihren bunten Ketten mit den großen Perlen. War das ein Tattoo an ihrem Handgelenk? Meg wollte nicht allzu auffällig hinschauen. „Also, Meg – sind Sie bereit für diese ‚geist­liche Reise‘?“

Meg zuckte die Achseln und brachte ein schwaches Lächeln zu­­stande. „Ich weiß es auch nicht so genau“, fuhr Mara fort und griff in ihre Handtasche. „Aber eine Freundin meinte, dieser Kurs wäre gut für mich, und darum bin ich hier. Wie steht’s mit Ihnen? Wie haben Sie davon erfahren?“

„Ich … äh …“ Meg spürte, wie sie wieder errötete. Wenn sie nur einen Rollkragenpullover angezogen hätte! Aber es war noch viel zu warm für Rollkragen. „Die Frau meines Pastors hat mir diesen Kurs empfohlen. Sie sagte, er hätte ihr nach dem Tod ihrer Mutter sehr geholfen. Und da meine Mutter auch gestorben ist …“ Zu viel. Sie hatte zu viel gesagt. Sie hatte doch nicht vorgehabt, sich zu öffnen, und jetzt würde sie gleich losheulen. Sie biss sich auf die Lippen und drängte die Tränen zurück.

Mara, die gerade dabei war, ihren knallroten Lippenstift nachzuziehen, hielt inne und blickte von ihrem Taschenspiegel hoch. „Oh, das tut mir leid“, sagte sie und warf ihr einen mitfühlenden Blick zu, der Megs bereits angespanntem Nervenkostüm den Rest gab.

„Entschuldigen Sie mich“, murmelte Meg. Sie schnappte sich ihre Tasche und schlüpfte schnell zur Tür hinaus. Ihre Bibel blieb auf dem Tisch liegen.

Mara war nicht sicher, ob Meg nur kurz auf die Toilette gegangen war oder ob sie die Absicht hatte, nach Hause zu fahren. Armes Ding. Meg wirkte nach außen genauso ängstlich, wie Mara sich innerlich fühlte. Sie entschied sich dagegen, Meg die Bibel hinterherzutragen, denn es war ja nur gut, wenn Meg einen Grund hatte, noch einmal zurückzukommen. Um ihretwillen.

Nein, falsch. Um Maras willen. Denn falls Meg nicht zurückkam, würde Mara ganz allein an dem Tisch in der hinteren Ecke sitzen, und es gab nichts Einsameres, als allein in einem Raum voller Menschen zu sein. Das wusste sie aus Erfahrung.

Sie brach ein Stück von ihrem Rosinenbrötchen ab und kaute langsam, während sie die anderen Gruppenteilnehmer musterte. Das waren also ihre Mitreisenden. Die meisten der rund 30 zukünftigen Pilger waren Frauen. Ein paar Männer in den Zwanzigern standen vorn und plauderten angeregt miteinander. Einige Ehepaare saßen nebeneinander, klar erkennbar an ihrer zugewandten Körpersprache. Mara fragte sich, ob die Männer wohl freiwillig mitgekommen waren. Und ob die Frauen wussten, wie glücklich sie sich schätzen konnten. Oder sahen sie das als Selbstverständlichkeit?

Mara versuchte, das Gefühl der Eifersucht zu unterdrücken, das in ihr aufstieg, aber es gelang ihr nicht. Jahrelang hatte sie sich gewünscht, Tom würde auch nur einen Hauch von Interesse für geist­liche Dinge zeigen. Aber je mehr sie sich darum bemühte, desto größer schien seine Ablehnung zu werden. Und so war sie allein auf dem Weg mit Gott. Immer allein.

Oh, jetzt kehrte Meg an den Tisch zurück. Sie wirkte verlegen. Mara war nicht sicher, ob sie zurückgekommen war, um ihre Bibel zu holen, oder um sich wieder hinzusetzen. Meg schien es auch nicht zu wissen. Eine Hand schwebte über der Bibel und die andere lag auf der Rücklehne des Stuhls.

„Willkommen, alle zusammen! Ich bin Katherine Rhodes“, sagte da ihre Kursleiterin.

Meg ließ sich auf ihren Stuhl sinken und drückte ihre Hand­tasche fest an sich.

„Ich sehe, dass einige Tische noch ein wenig unterbesetzt sind“, fuhr Katherine fort. „Vielleicht könnten einige von Ihnen sich noch an den Tisch in der hinteren Ecke setzen und ein paar andere an den Tisch hier vorn. Alle sollten mit vier bis fünf Personen besetzt sein. Und dann nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit, um sich vorzustellen und ein bisschen zu erklären, warum Sie hier sind.“

Mara beobachtete, wie zwei Frauen ihren Tisch ansteuerten. Eine war groß und grazil, elegant gekleidet mit einem edlen dunkellila Oberteil, schwarzen Jeans und goldenen Creolen. Sie sah aus, als wäre sie einer Modezeitschrift entstiegen – die Art von Zeitschriften, in denen die makellosen Models Mara mit ihren Tipps verspotteten, wie man seinen Mann mit sexy Unterwäsche beglückt oder mit zehn einfachen Übungen im Alltag schlank und fit bleibt. Mara bevorzugte Zeitschriften, die unvorteilhafte Fotos von Stars mit Cellulitis abbildeten.

Schon lange hatte sie jede Hoffnung aufgegeben, Tom mit irgendetwas zu beglücken oder fit zu werden. Immerhin, ihr Badezimmerschrank war vollgestopft mit faltenglättenden, collagensteigernden und antioxidativen Produkten. Sie war entschlossen, sich den einzigen körper­lichen Vorzug zu erhalten, für den sie gelegentlich Komplimente erhielt: Mara hatte schöne Haut. Auch wenn sie wusste, dass das übergewichtigen Frauen gern gesagt wurde, wenn man nichts anderes Positives fand, war Maras Haut tatsächlich frisch und weich und lud zu Spekulationen darüber ein, was ihre Pflegegeheimnisse waren.

Während sie den blitzenden Diamantring und die erstklassig manikürten Fingernägel des „Covergirls“ bewunderte, schämte sich Mara plötzlich für ihre abgekauten Fingernägel. Sie ballte ihre linke Hand zur Faust, um die verräterischen Finger zu verstecken, und versuchte, nicht an die Mädchen zu denken, die ihr das Leben schwer gemacht hatten. Diese reichen, eingebildeten, voreingenommenen–

Hör auf!, befahl sie sich. Du kennst diese Frau doch gar nicht. Sie hat noch kein einziges Wort von sich gegeben, und schon verurteilst du sie.

Warum, warum, warum? Warum wurden nach all diesen Jahren immer noch dieselben Knöpfe bei ihr gedrückt? Sie wünschte, das neunjährige Mädchen, das immer noch in ihrem klimakterischen Körper steckte, würde endlich erwachsen werden.

Mara wandte den Blick von der Schönheit mit der olivfarbenen Haut ab und konzentrierte sich auf die andere Frau. Sie war etwa so groß wie sie selbst und hatte einen unauffälligen Körperbau ohne sichtbare Kurven. Nichts an ihrer Person fiel ins Auge: farblose Kleidung, kein Make-up und außer einer Halskette mit einem Kreuz kein Schmuck. Es erforderte ein gewisses Maß an Mut, ein nicht mehr ganz junges und recht durchschnitt­liches Gesicht so wenig zu optimieren, und Mara vermutete, dass die Frau entweder sehr selbstbewusst und total zufrieden mit sich war oder zu den wenigen Frauen gehörte, denen ihr Aussehen schlicht egal war.

Auch ihrer Frisur schien sie nicht viel Aufmerksamkeit zu widmen. Ihre kinnlangen, hellbraunen Haare waren feucht und hingen ihr strähnig ums Gesicht. Mara dachte, dass ein Stufenschnitt und ein Föhn – und vielleicht etwas Farbe und Strähnchen, um das Grau zu überdecken – wahre Wunder bei ihr bewirken würden.

Sie hatte deutlich sichtbare Falten, die sie alt machten. Ihre Stirn war die einer Denkerin. Oder einer Frau, die sich viele Sorgen machte. Vielleicht beides. Und unter ihren Augen waren deut­liche Ringe der Erschöpfung. So dunkle Ringe hatte Mara noch nie gesehen. Abgesehen von der Müdigkeit lag ein wissender Blick in ihren Augen, der beunruhigend hätte sein können, wäre er nicht durch eine weiche Sanftheit abgemildert worden. Diese Augen strahlten Vertrauenswürdigkeit aus und luden zum Preisgeben von Geheimnissen ein.

Aber vielleicht bildete sich Mara das auch nur ein. Vielleicht lag es an dem Kreuz um ihren Hals, das Mara instinktiv veranlasste, ihr zu vertrauen. Dieses Kreuz war einzigartig; so etwas hatte sie noch nie gesehen. Es war aus Nägeln gearbeitet und hing an einem schwarzen Band. Fasziniert starrte sie es an.

Die Frau bemerkte ihren Blick und lächelte. Mara fand sie sympathisch. „Hallo, ich bin Hannah Shepley.“ Sie blickte auf Maras Namensschild. „Schön, Sie kennenzulernen, Mara … und Meg … und … Entschuldigung. Ihr Namensschild kann ich nicht richtig erkennen.“

„Charissa Sinclair“, half das Model aus.

„Charissa?“, wiederholte Mara. „Den Namen habe ich noch nie gehört. Er ist wunderschön.“

Das passte ja. Das Model hatte sogar einen ausgefallenen, besonders klangvollen Namen. Vielleicht hatte sie ihn erfunden. Hatten reale Menschen einen Namen wie Charissa Sinclair? Mara beobachtete, wie sie einen Laptop aus ihrem Rucksack nahm, und kämpfte darum, keine innere Ablehnung ihr gegenüber zu empfinden.

„Also, wie wäre es, wenn jede von uns kurz erzählt, warum sie hier ist?“, schlug Hannah vor und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, als wollte sie beten.

Meg senkte ausweichend den Blick. Charissa schaltete ihr Mobiltelefon aus. Im Raum wurden leise Gespräche geführt.

„Ich kann anfangen“, bot Mara an. Sie ließ ihren Blick über die anderen Teilnehmerinnen wandern und räusperte sich. „Ich bin Mara. Mara Garrison. Ich bin verheiratet und habe drei Söhne. Brian ist dreizehn, Kevin ist fünfzehn und Jeremy ist schon dreißig und wird bald zum ersten Mal Vater. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Ich meine, dass die Zeit so schnell vergangen ist, nicht das mit dem Baby.“ Sie lachte ihr glucksendes, schnorchelndes Lachen, das den Jungen immer peinlich war und ihre Freunde amüsierte.

Hannah grinste, während Charissa unbehaglich auf ihrem Stuhl herumrutschte. Mara fuhr fort: „Irgendwie habe ich das Gefühl, in vielen Bereichen meines Lebens festzustecken. Bisher habe ich nie an einer Bibel- oder Gebetsgruppe oder so was teilgenommen, und ich bin ziemlich nervös. Ich weiß nicht, was mich hier erwartet. Aber meine Therapeutin hat mir diesen Kurs empfohlen. Sie meinte, er könnte mir dabei helfen, etwas von meinem Ballast loszuwerden, und darum bin ich hier. Bereit oder nicht.“ Mist. Hatte sie das gerade wirklich laut ausgesprochen? Was war nur los mit ihr? „ZVI, Mama!“, würden die Jungs augenrollend sagen. Zu viel Information. Charissa musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Das Model brauchte vermutlich keine Therapeutin.

Hannahs Stimme beendete das unbehag­liche Schweigen. „Da­mit sind Sie bestimmt nicht allein, Mara. Jeder von uns trägt Lasten mit sich herum, die wir abladen müssen, um unbeschwert unterwegs sein zu können, nicht?“

Mara dankte ihr innerlich und war froh über ihren Versuch, ihr Unbehagen zu zerstreuen. Vielleicht hatte Hannah auch eine Therapeutin.

„Dann mache ich mal weiter“, sagte Hannah. Charissa konzentrierte sich auf ihren Bildschirm, und Megs Blick hing sehnsüchtig an der Tür nach draußen. „Ich bin Hannah. Ich komme aus Chicago und wohne für die kommenden neun Monate im Haus einer Freundin hier am See.“ Charissa zog wieder die Augenbrauen hoch, und Mara fragte sich, ob Hannah vielleicht unfreiwillig schwanger war und die Anonymität suchte. Neun Monate … Vielleicht wirkte sie deswegen so erschöpft und traurig.

„Sind Sie Schriftstellerin?“, fragte Charissa.

Huch, dachte Mara. Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Das zeigt mal wieder, in welche Richtung meine Gedanken gehen.

Hannah lächelte trocken. „Nein. Ich bin Pastorin und wurde gegen meinen Willen gezwungen, eine lange Auszeit an einem absolut wundervollen Ort zu verbringen. Und ich habe keine Ahnung, wie ich diese Zeit füllen soll.“

Das erklärte die Erschöpfung. Mitgefühl hatte die tiefen Falten in ihre Stirn gegraben. Es war die Stirn einer Pastorin.

„Haben Sie Familie in der Nähe?“, fragte Mara. Sie schämte sich, dass sie sie mit einem unehe­lichen Kind in Verbindung gebracht hatte. Zu viele Klatschzeitschriften.

„Nein“, erwiderte Hannah. „Meine Eltern leben in Oregon und mein Bruder mit seiner Familie in New York. Ich bin in der Mitte zwischen beiden gelandet. Und jetzt warte ich wohl einfach ab, was Gott für mich bereithält.“

Obwohl sich Hannahs Lippen zu einem Lächeln verzogen, erreichte es ihre Augen nicht, wie Mara auffiel. Diese dunklen, erschöpften, traurigen Augen. Mara fragte sich, was für einen Hintergrund sie wohl hatte. Welche Frau würde sich nicht über einen langen Urlaub in einem Haus am See freuen? Sie wünschte, sie könnte mal eine Auszeit von ihrem Mann und den Teenagern nehmen! Sie bräuchte auch keine neun Monate. Ihr würden ein paar Wochen reichen, in denen sie sich um niemand anderen als sich selbst kümmern müsste. Das reine Glück! Sie blickte Hannah an und versuchte, keine Eifersucht aufkommen zu lassen.

Charissas Stimme durchbrach ihre Gedankengänge. „Ich bin Charissa Sinclair. Mein Mann John und ich haben im vergangenen Monat unseren ersten Hochzeitstag gefeiert.“ Die anderen murmelten Glückwünsche. „Danke. Im Augenblick schreibe ich an meiner Doktorarbeit über englische Literatur an der Universität von Kingsbury. Meine große Leidenschaft ist das Lernen, und als mir der Flyer für diesen Kurs in die Hände fiel, fand ich das Angebot gleich interessant. Einer meiner Professoren kennt die Leiterin dieses Zentrums und hat den Kurs wärmstens empfohlen.“

Na toll, dachte Mara. Schön und klug. War sie hier etwa umgeben von lauter hochgebildeten, supergeist­lichen Menschen? Schleppte auch nur eine der anderen so viel Gepäck mit sich herum wie sie? Alle anderen wirkten so gelassen. Nun, fast alle. Meg machte einen ziemlich verängstigten Eindruck. Aber eine Pastorin und eine Doktorandin? Wenn Mara das gewusst hätte, wäre sie nicht gekommen. Das Ding hier war offensichtlich zu hoch für sie. Was hatte sich Dawn nur dabei gedacht?

Katherines Stimme erhob sich über das angeregte Murmeln im Raum. „Es wäre schön, wenn Sie langsam zum Ende kommen würden“, sagte sie.

„Was ist mit Ihnen, Meg?“, fragte Hannah. „Wir möchten Sie nicht übergehen.“

Mara beobachtete, wie Meg schluckte. „Da gibt es nicht viel zu sagen.“ Megs helle Stimme bebte. „Ich habe eine Tochter, Becca, die gerade angefangen hat, in England Literatur zu studieren.“

Mara fühlte sich seltsam getröstet, als sie sah, dass sich ein rotes Band der Angst wie eine Würgekette um Megs Hals legte. Mara konnte ihre Fingernägel wenigstens verstecken. Megs Nervosität war nicht zu übersehen. Armes Ding.

„Schön, dass Sie da sind, Meg“, sagte Hannah.

Gesegnet sei sie, dachte Mara.

In diesem Augenblick streckte Katherine ihre Hände aus und forderte alle auf, die Köpfe zum Gebet zu neigen. Mara schloss die Augen und fragte sich, ob Meg wohl noch da sein würde, wenn sie sie wieder öffnete.

Mit sanfter, beruhigender Stimme leitete Katherine die Gruppe durch eine Textbetrachtung. „Ich werde einen Text aus dem Markusevangelium lesen“, erklärte Katherine. „Stellen Sie sich beim Zuhören vor, Sie wären Teil der Geschichte. Was sehen Sie? Was hören Sie? Was fühlen Sie? Was ist Ihr Platz in der Geschichte? Und dann treten Sie einfach vor Gott und sagen ihm, was Ihnen aufgefallen ist.“

Mara lauschte mit geschlossenen Augen, während Katherine vorlas. Jesus stand am See von Galiläa und rief die Jünger auf, mit ihm zu gehen. Mara stellte sich vor, sie stände am Ufer und sähe aus der Ferne zu. Eine warme Brise strich über ihr Gesicht, und die Sonne schien ihr in die Augen.

„Folgt mir nach“, sagte Jesus gerade zu den Jüngern.

Voller Neid beobachtete Mara die Szene. Wie gern würde sie zu den Erwählten gehören! Sie fühlte ihre Freude mit, als sie einer nach dem anderen aufstanden und ihre Arbeit zurückließen. Sie ließen die Netze fallen, und mit strahlenden Gesichtern und funkelnden Augen verabschiedeten sie sich von ihren Angehörigen und Freunden.

Bittere Tränen brannten in Maras Augen, als sich die Szene in ihrem Kopf abspielte. Jesus würde sie wieder übersehen. Er würde an ihr vorbeigehen. Mara konnte es nicht ertragen zuzusehen, wie er mit den anderen davonging, darum senkte sie den Blick auf ihre Füße.

Und plötzlich berührte sie jemand an der Schulter. Als sie aufblickte, stand Jesus vor ihr. Er lächelte sie an. So ein Lächeln hatte sie noch nie gesehen – es hieß sie in seinem inneren Kreis aus Licht willkommen. „Mara, komm mit mir“, sagte er. „Ich wähle dich. Kommst du mit?“

Maras erster Gedanke galt ihrem Gepäck. Sie schleppte so viel mit sich herum, war umgeben von Koffern und Taschen. Wie konnte sie ihm folgen?

Jesus lächelte. „Lass es einfach stehen“, sagte er leise lachend. Und das Lachen war das mitfühlendste, das sie je gehört hatte. Er legte den Kopf in den Nacken, blickte in den Himmel und rief: „Danke, Vater!“ Dann ergriff er ihre Hand, und sie gingen gemeinsam davon.

Mara drückte ihre Handflächen fest gegen ihre Augen, um ihre Gefühle in Schach zu halten. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Natürlich hatte sie sich auch noch nie vorgestellt, Teil einer biblischen Geschichte zu sein. Was sollte sie jetzt also davon halten? Sie traute ihrer Fantasie nicht. Sie hatte einfach ihr Wunschdenken und ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit in die Übung projiziert. War es nicht so? Es kam ihr vor wie ein Wachtraum – eine Art der Verarbeitung ihrer unterbewussten Gedanken und Hoffnungen. Vielleicht hatte sie auch nur zu viele Liebesromane gelesen und sich vorgestellt, von einem Helden geliebt und erwählt zu werden.

Aber es war ihr so real erschienen. Wenn es nur wahr wäre. Wenn nur … Leise kramte sie nach einem Taschentuch. Sie wollte die anderen nicht durch ihr Schniefen stören. Eine leichte Berührung an ihrer Schulter jedoch zeigte, dass sie sich bereits verraten hatte. Hannah reichte ihr eine Packung Taschentücher und schenkte ihr ein pastorales Lächeln.

Hannahs Gedanken waren so laut in der Stille des Raumes, dass sie sich nicht gewundert hätte, wenn jemand sie gehört hätte.

Mara. Mit Mara passierte etwas. Warum weinte sie? Hoffentlich war sie nicht besorgt, weil sie ihre Therapeutin erwähnt hatte. Trotz Hannahs Versuch, die greifbare Spannung am Tisch abzubauen, brauchte man keine Expertin in der Deutung von Körpersprache zu sein, um Charissas Reaktion einzuschätzen. Ihre steife Haltung und die hochgezogenen Augenbrauen verrieten deutlich ihre Missbilligung. Arme Mara. Dass sie nach ihrem Geständnis errötet war, zeigte, dass ihre Lippen ohne die Zustimmung ihres Verstandes gesprochen hatten. Hilf ihr, Herr.

Und Meg. Arme Meg. Hannah warf ihr einen verstohlenen Blick zu, doch Meg hatte ihre blonden Locken wie einen Vorhang vor ihr Gesicht fallen lassen. Bitte hilf Meg, Herr. Bitte schenk ihr Frieden.

Katherines Stimme durchbrach die Stille im Raum und Hannahs inneren Lärm. „Der Psalmist singt: ‚Wie glücklich sind sie, die bei dir ihre Stärke finden und denen es am Herzen liegt, zu deinem Heiligtum zu ziehen!‘“ Herzlich lächelnd blickte Katherine die Gruppe an. „Es ist mir eine Freude, Sie alle zu unserer geist­lichen Reise willkommen zu heißen.“

Hannahs Blick wanderte durch den Raum, und sie fragte sich, welche Umstände ihre Mitreisenden wohl hierher geführt hatten. Übergänge? Verluste? Der Wunsch nach einer tieferen Beziehung zu Gott?

Hannah hatte sich zur Teilnahme an diesem Kurs entschlossen, weil Nancy sie dazu gedrängt und ermutigt hatte. „Ich habe diesen Flyer ganz bewusst dort hingelegt“, hatte Nancy erklärt, als sie Anfang der Woche miteinander telefoniert hatten. „Kingsbury liegt ein Stück vom Ferienhaus entfernt – ungefähr vierzig Minuten Fahrt. Aber mir hat die Gebetsgruppe, die ich im Sommer dort besucht habe, sehr gefallen, und einige der Frauen hatten mir von diesem neuen Kurs, dieser ‚geist­lichen Reise‘, erzählt. Das hörte sich sehr interessant an. Ich würde diesen Kurs auch gern besuchen. Vielleicht im nächsten Sommer.“

„Kennst du die Kursleiterin?“, hatte Hannah gefragt.

„Ich bin ihr einige Male begegnet. Katherine macht einen sehr netten Eindruck auf mich – sie strahlt so etwas Beruhigendes aus, auch ohne viele Worte.“

Hannah hatte sich über Katherine Rhodes informiert, doch im Internet fand sie nur ein paar Einträge im Zusammenhang mit ihrer Position als Leiterin des Einkehrzentrums. Dann war sie auf ein Diskussionsforum auf der Webseite des New Hope-Zentrums gestoßen, wo einige Leute über ihre Erfahrungen mit diesem Kurs ‚Geist­liche Reise‘ berichteten. Die Kommentare weckten ihr Interesse: „Die geist­liche Reise hat mir geholfen, die Landschaft meiner inneren Welt besser zu verstehen, und meine Beziehung zu Gott ist tiefer geworden.“ „Ich habe angefangen zu erkennen, was mich Gott näher bringt und was mich von ihm wegtreibt.“ „Ich habe mich weiterentwickelt, nicht nur in meiner Beziehung zu Jesus, sondern auch zu mir selbst.“ „Ich habe neue Wege kennengelernt, mich für den Gott zu öffnen, der immer bei mir ist.“

Vielleicht konnte Hannah die Erfahrungen, die sie auf dieser „geist­lichen Reise“ sammelte, in ihrer Gemeinde nutzen, vielleicht sogar eine neue Gruppe ins Leben rufen, die anders war als die etablierten Kleingruppen. Es war schon Jahre her, dass sie das letzte Mal eine Fortbildung für sich selbst in Anspruch genommen hatte, und vielleicht war dies die Gelegenheit, ihren Horizont zu erweitern, um ihren Schäfchen noch mehr geben zu können. Wenn sie schon zu dieser Pause gezwungen war, dann wollte sie die Zeit wenigstens sinnvoll nutzen.

Katherine begann zu erzählen, und Hannah konzentrierte sich auf das, was sie sagte. „Meine dreijährige Enkelin Morgan ist wie ein kleiner Schmetterling“, sagte Katherine gerade. „Sie redet gern und viel, vor allem, wenn sie in ihrem Kindersitz im Auto sitzt. Dauernd macht sie meine Tochter Sarah auf irgendetwas aufmerksam, das sie gerade entdeckt hat. Und Sarah antwortet dann oft ziemlich zerstreut: ‚Ja, Liebes, ich sehe es!‘, oder: ‚Wow, Morgan, das ist toll!‘ In der vergangenen Woche war Sarah morgens mit ihr unterwegs zum Kindergarten, und Morgan sagte: ‚Guck mal, Mami! Guck, was auf meinem Schoß liegt!‘ Ohne sich umzudrehen erwiderte Sarah: ‚Ja, Liebes, ich sehe es! Das ist toll!‘ Die kleine Morgan ließ das nicht so stehen. ‚Mami‘, erwiderte sie streng, ‚mit dem Mund können wir doch nicht sehen! Dreh dich um und guck mich mit den Augen an!‘“

Hannah war nicht sicher, ob Katherines Geschichte oder Maras ansteckendes Lachen Meg ein Lächeln entlockt hatte. Vielleicht beides.

„Auf unserem Weg mit Gott geht es um Aufmerksamkeit“, fuhr Katherine fort. „Der Geist Gottes redet unablässig mit uns, aber wir müssen innehalten und wirklich hinhören lernen. Wir müssen unseren Autopiloten ausschalten und uns Zeit nehmen, mit den Augen und Ohren des Herzens zu sehen und zu hören.“

Katherine hielt inne und ließ die Stille im Raum schweben. „Ich will Sie gleich von Anfang an warnen“, fuhr sie schließlich langsam fort. „Den Weg zu größerer Freiheit und tiefer Veränderung zu beschreiten, erfordert Mut. Er ist nicht leicht. Er verläuft nicht linear. Manchmal mag er uns schwierig und chaotisch erscheinen, und vielleicht geraten Sie aus dem Gleichgewicht, wenn alte Dinge sterben und neue geboren werden. Vielleicht verlieren Sie die Orientierung, wenn falsche Sicherheiten, auf die Sie fest vertraut haben, entlarvt und ausgemerzt werden. Aber haben Sie keine Angst vor dem Durcheinander. Der Heilige Geist führt uns mit sanfter Hand und schenkt uns die Kraft, die wir für unseren Weg tiefer in das Herz Gottes hinein brauchen.“

Charissa hatte aufgehört zu tippen. Mara spielte mit ihren Armbändern. Meg starrte zur Tür. Hannah war gar nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Kreuz umklammerte, bis ihr Fingernagel sich in ihren Handballen grub. Sie ließ es los.

Katherine hatte recht. Hannah hatte genügend Erfahrung darin, andere Menschen durch Veränderungen im Leben zu begleiten, und sie wusste, wie viel Mut und Ausdauer dazu nötig waren. Sie hoffte nur, dass Meg und Mara die Kraft dazu aufbringen würden. Vielleicht sollte Hannah schon wegen diesen beiden Frauen an dem Kurs teilnehmen. Sie konnte ihnen zur Seite stehen, wenn sie Ermutigung brauchten. Und so wie es aussah, würden sie alle Ermutigung brauchen, die sie bekommen konnten.

Katherine fuhr fort: „Das Wichtigste, das Sie hoffentlich mitnehmen werden, sind vermutlich nicht Notizen zu dem, was ich sage, obwohl ich natürlich hoffe, dass hier und da ein paar hilfreiche Sachen bei Ihnen hängenbleiben werden. Aber viel wichtiger ist das, was Sie über Ihr eigenes Leben mit Gott herausfinden. Das sollten Sie festhalten. Führen Sie eine Art Tagebuch – notieren Sie Wörter, Bilder, Gebete, Fotos – Dinge, die Ihnen helfen, das zu verewigen, was Gott Ihnen klar macht. Sie brauchen Ihre Gedanken mit niemandem zu teilen, es sei denn, Sie möchten es. Aber machen Sie sich selbst das Geschenk, den Weg zu dokumentieren. In den kommenden Monaten werden wir uns gemeinsam mit geist­lichen Übungen beschäftigen, die Christen über die Jahrhunderte hinweg geholfen haben, offener zu werden für das Wirken des Heiligen Geistes. Auch wenn es ebenso wertvolle und nütz­liche geist­liche Übungen gibt, die uns helfen, Gottes Welt zu lieben und ihr zu dienen, werden wir uns hier mit solchen beschäftigen, die sich auf die Umgestaltung unseres inneren Lebens konzentrieren. Wir werden Praktiken erlernen, die dem Zweck dienen, unsere Beziehung zu Jesus zu vertiefen. Wir werden uns anschauen, wie wir in unserem Leben heilige Räume schaffen können, damit wir mehr Freiheit haben, Ja zu Gott zu sagen.“

Freiheit, Ja zu Gott zu sagen. Hannah notierte sich diese Formulierung. Die könnte sie verwenden. Sie hatte das Gefühl, dass sie vieles von dem, was Katherine da angekündigt hatte, übernehmen und anwenden könnte. Gut. Sehr gut.

Charissas Hand schoss in die Höhe, als Katherine fragte, ob jemand noch eine Frage hätte. „Bekommen wir einen Studienplan und eine Leseliste?“, fragte Charissa. Sie sprach betont deutlich.

Katherines Mund verzog sich zu einem angedeuteten Lächeln. „Für einige von Ihnen mag das vielleicht frustrierend sein, aber ich werde Ihnen keine Leseliste geben und auch nicht nach einem festgelegten Programm vorgehen. Meistens werde ich Ihnen nicht einmal im Voraus sagen können, was Sie beim nächsten Treffen erwarten wird, obwohl sie für die Wochen zwischen unseren Zusammenkünften durchaus Reflektionsmaterial bekommen werden.“

Charissa straffte sich sichtlich.

Katherine ließ ihren Blick durch den Raum wandern, als sie weitersprach. „Eines habe ich im Laufe der Jahre gelernt, und zwar, den Drang loszulassen, alles kontrollieren zu wollen. Wie schnell nehmen wir selbst die Zügel in die Hand und eilen dem voraus, was Gott in und um uns herum tut, und dann nehmen wir das Flüstern des Heiligen Geistes nicht mehr wahr. Selbstverständlich werde ich Ihnen Hilfsmittel an die Hand geben, die dazu dienen, dass Sie Gott auf dieser Reise begegnen“, erklärte sie. „Aber im Augenblick möchte ich Sie nicht in Versuchung führen, sich auf Ihren eigenen Verstand zu verlassen. Ich möchte Ihnen helfen, auf eine andere Art als bisher auf den Heiligen Geist zu reagieren. Intuitiver und in größerer innerer Freiheit.“ Sie strich sich eine Strähne ihres silbergrauen Haares aus dem Gesicht. „Noch weitere Fragen?“

Hannah warf einen Seitenblick auf Charissa, die mit den Fingern auf ihren Laptop trommelte und verstimmt wirkte. Die Sprache der Augenbrauen beherrschte Charissa in Perfektion, und Hannah hatte keine Mühe, ihre Körpersprache zu deuten. Sie hoffte nur, dass sich Katherine davon nicht beeindrucken lassen würde. Aus Erfahrung wusste Hannah, wie irritierend der missbilligende Gesichtsausdruck eines Zuhörers für einen Vortragenden sein konnte, und Charissa war besonders einschüchternd. Wenigstens hatte sie sich nicht ganz nach vorn gesetzt.

„Zu Beginn unseres Weges nach innen“, fuhr Katherine fort, „werden wir eine Mini-Pilgerreise unternehmen. War jemand von Ihnen schon einmal in einem Labyrinth?“ Ein paar Hände gingen in die Höhe. „Das Labyrinth, durch das Sie heute schreiten werden, ist dem in der Kathedrale von Chartres in Frankreich aus dem dreizehnten Jahrhundert nachempfunden.“ Sie hielt inne und blickte die Gruppe eindringlich an. „Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Einige Christen werden nervös, wenn ein Labyrinth im Spiel ist, weil das Labyrinth in vielen kulturellen und geist­lichen Traditionen zu finden ist. Der Kreis und die Spirale sind alte Symbole für Ganzheitlichkeit und Veränderung, und manche Menschen behaupten, das Muster des Labyrinths an sich sei mystisch oder esoterisch.“

„Na toll“, murmelte Charissa.

„Ich glaube nicht, dass das Labyrinth an sich etwas Mystisches an sich hat“, erklärte Katherine. „Umgestaltung und Heilung sind Geschenke, die in der Begegnung mit dem lebendigen Gott geschehen – nicht, indem man einem bestimmten Muster oder Weg folgt. Das Labyrinth bietet einfach nur eine Gelegenheit zum Gebet. Denken Sie daran: Das Ziel geist­licher Übungen ist es, einen Raum zu schaffen, in dem wir Gott begegnen können – einen Raum, in dem wir uns von Gottes überfließender Liebe zu uns tief berühren und verändern lassen können. Auf unserem Weg durch das Labyrinth schalten wir bewusst einen Gang herunter und schenken Gott unsere andächtige Aufmerksamkeit. Wir bitten den Heiligen Geist, uns zu helfen, ganz präsent zu sein für den Einen, der immer bei uns ist. Wir werden still, damit wir Gottes leise Stimme hören und mit Liebe, Glauben und Gehorsam darauf reagieren können.“

Katherine nahm einen Stapel Papier von ihrem Tisch. „Ich gebe jetzt die Arbeitsblätter aus. Sie können in Ihren Gruppen den Text über das Labyrinth lesen. Und wenn Sie bereit sind, gehen Sie in den Hof. Wenn Sie das Labyrinth absolviert haben, kommen Sie wieder herein, und wir teilen unsere Erfahrungen miteinander, in Ordnung? Mögen Sie auf Ihrer gemeinsamen Wanderung Gottes Nähe erfahren.“

Geist­liche Reise, New Hope-Einkehrzentrum

Erster Tag: Ein Pfad zum Gebet

Der Weg durch das Labyrinth kann eine gute Hilfe für das Gebet sein. Im Gegensatz zu einem Irrgarten gibt es im Labyrinth nur einen einzigen Weg, der von der Mitte wegführt und zur Mitte zurückführt, ohne Hindernisse oder Sackgassen. Auf dem Weg durch das Labyrinth möchten Sie vielleicht hier oder da stehen bleiben, ausruhen und zuhören. Wählen Sie ihr eigenes Tempo. Wenn Sie sich unsicher sind, fühlen Sie sich frei, den Weg zu verlassen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Auch wenn es im Labyrinth keinen festgelegten Weg gibt, finden es manche hilfreich, sich die Reise in drei Phasen vorzustellen: Der Weg nach innen, die Zeit in der Mitte und der Weg zurück nach draußen.

So, wie Pilger ganz bewusst die Sorgen der Welt hinter sich lassen, so lädt Gott uns ein, auch im Alltag immer neu die Dinge loszulassen, die sich in unserem Leben auftürmen. Überlegen Sie zu Beginn des Weges, was Sie ablenkt und behindert. Schreiben Sie auf, was ihre Aufmerksamkeit und Hinwendung zu Jesus stören will. Auf der Reise zur Mitte haben Sie Gelegenheit, Lasten abzuwerfen, Ängste zu benennen und Sünden zu bekennen.

Die Mitte des Labyrinths ist ein Ruheort, wo Sie in Gottes liebender Umarmung gehalten sind. Bleiben Sie so lange dort, wie Sie möchten, empfangen Sie das, was Gott Ihnen an Bibelversen, Erkenntnissen, Nähe, Frieden oder Offenbarungen gibt. Freuen Sie sich einfach an seiner Gegenwart.

Und wann immer Sie so weit sind, beginnen Sie die Reise zurück nach außen. Lassen Sie sich vom Heiligen Geist Kraft schenken, um Gottes Gegenwart und seine Gaben hinaus in die Welt zu tragen.


Ein Weg zum Gebet

„Was ist das denn – ein Irrgarten?“, fragte Mara und starrte auf die Abbildung auf dem Arbeitsblatt. „Na, das hat mir gerade noch gefehlt – dass ich mich gleich am ersten Tag verirre. Ich bin total unfähig in so was!“

Charissa hatte sich in den Text vertieft. „Sie können sich nicht verirren“, erwiderte sie knapp, beinahe verächtlich. „Es gibt nur einen Weg zur Mitte und wieder hinaus, keine Abzweigungen.“

„Na, das sind doch gute Nachrichten“, meinte Hannah fröhlich. Sie hoffte, dass Mara sich Charissas arroganten Tonfall nicht zu Herzen genommen hatte. Charissa reagierte weder verbal noch nonverbal. Nicht einmal mit den Augenbrauen.

„Das in der Mitte sieht aus wie eine Blume, nicht?“, bemerkte Mara. „Ah, da unten ist ein Eingang, und ich nehme an, das ist auch der Ausgang, nicht? Ein Weg hinein, ein Weg hinaus?“

Hannah folgte mit dem Finger dem gewundenen Pfad durch die vielen Windungen zu der wie eine Rosette geformten Mitte. Nach einer Weile gab sie auf. „Soll ich den Text vorlesen?“, fragte sie.

Mara war die Einzige, die nickte. Hannah räusperte sich und begann langsam und deutlich zu lesen, gab den Wörtern Raum zu atmen. Sie konnte hören, wie Mara vor sich hinmurmelte, als versuche sie, die ersten drei Teile der Reise zu verinner­lichen. Ob Charissa und Meg zuhörten, konnte sie nicht sa­­gen. Charissa starrte auf ihren Laptop. Meg hielt den Blick gesenkt.

„Also, wollen wir es mal versuchen?“, fragte Hannah, nachdem sie zu Ende gelesen hatte.

Mara und Charissa erhoben sich, doch Meg blieb sitzen. „Kommen Sie auch mit, Meg?“, fragte Hannah sanft.

Meg schüttelte den Kopf und deutete auf ihre High Heels. „Ich fürchte, meine Schuhe sind nicht so ganz passend. Ich habe das mit der ‚geist­lichen Reise‘ wohl nicht wörtlich verstanden.“ In ihren Augen war ein Funke Leben und Humor zu erkennen. Aber nur ein Funke.

„Kommen Sie, Freundin“, beharrte Mara, ergriff Megs Hand und zog sie hoch. „Ihre Stöckelschuhe werden Sie nicht retten. Sie kommen mit uns, ob Sie wollen oder nicht.“

Hannah war verblüfft, dass Meg tatsächlich mitging.

Katherine beobachtete die Teilnehmer beim Hinausgehen. „Sie können Ihre Rucksäcke und Handtaschen auf den Tischen liegen lassen“, sagte sie. „Denn schließlich sollten Pilger ja mit möglichst leichtem Gepäck reisen.“

Als sie das Labyrinth erreichten, waren bereits ein Dutzend Leute darin unterwegs. Einige legten den Weg mit zügigen Schritten zurück. Andere bewegten sich langsam und blieben häufig stehen.

„Oh! So etwas hatte ich nicht erwartet“, bemerkte Mara in einem lauten Flüstern. „Ich dachte, es wäre eine Art Irrgarten mit Hecken oder so etwas. Aber das – sind das nur gemalte Linien auf dem Beton?“

„Sieht so aus“, erwiderte Hannah leise. Sie wollte die anderen Pilger in ihrer Andacht nicht stören.

„Na, dann hoffe ich, dass ich mich nicht verirre“, verkündete Mara trocken, bevor sie zum Ausgangspunkt schlenderte. Meg hatte eine Bank im hinteren Teil des Gartens gewählt, ziemlich gut abgeschirmt durch eine mit Spätsommerrosen überrankte Laube. Charissa ging außen herum und musterte die Menschen, die das Labyrinth abschritten.

Das Bild, das sich Hannah bot, erinnerte sie an einen lang­samen englischen Volkstanz ohne Musik: Die Kursteilnehmer folgten den Linien, den Biegungen und Windungen des Pfades, gingen für eine kurze Zeit Seite an Seite und wendeten sich dann wieder voneinander ab, um der Richtung des Pfads zu folgen. Ein paar waren bereits in der Mitte angekommen. Ein Mann kniete auf dem Boden, den Kopf gesenkt; eine Frau stand mit erhobenen Armen auf dem Weg, das Gesicht der Sonne zugewandt.

Während Hannah darauf wartete, dass sich das Labyrinth wieder etwas leerte, betete sie für Mara, Meg, Charissa und Katherine. Eine Fülle anderer Gesichter standen ihr vor Augen und wollten nicht weichen, und so brachte sie auch diese Menschen vor Gott. Steve konnte sie nicht davon abhalten, wenigstens für die Menschen zu beten, die sie gezwungenermaßen im Stich lassen musste.

Steve hatte sie angewiesen, keinerlei Anrufe zu tätigen oder E-Mails zu schicken, die mit ihrer Arbeit zusammenhingen. Nancy hatte ihr aber immerhin versprochen, sie zu benachrichtigen, sollte sich etwas Wichtiges ereignen.

Der Tod wäre leichter zu ertragen gewesen.

Hannah fühlte sich wirklich ein bisschen wie ein Zombie. Sie lebte weiter, aber nicht mehr so, wie sie in den vergangenen 15 Jahren gelebt hatte.

Exil. Das war der passende Ausdruck dafür. Sie war ins Exil verbannt worden, allerdings an einen wunderschönen, ruhigen Ort. Eigentlich sollte sie dankbar sein. Aber sie war es nicht. Und dann machten sich die Schuldgefühle wieder bemerkbar. Es war ein Teufelskreis.

Hannah beobachtete, wie Charissa den Weg ins Labyrinth antrat und wünschte sich, Meg würde sich ihnen anschließen. Hör auf, hör auf, hör auf, ermahnte sie sich. Sie fing schon wieder an, Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die sie gerade erst kennengelernt hatte. Nancy hatte recht. Hannah war so daran gewöhnt, die Lasten anderer zu tragen, dass sie nicht mehr wusste, wie man sie wieder ablegte.

Hilf mir.

Als sie endlich selbst zwischen die Linien auf dem Asphalt trat, hatten viele ihrer Mitreisenden den Weg bereits beendet. Meg und Charissa waren wieder zurück in den Seminarraum gegangen, und Mara befand sich auf der äußeren Schleife und kam auf einer der Serpentinen an Hannah vorbei. Hannah war zügigen Schrittes unterwegs, doch dann fiel ihr ein, dass es ganz und gar nicht darum ging, die Sache schnell hinter sich zu bringen, ja dass das sogar den Zweck der Übung total verfehlte. Vielleicht war ihr Tempo auch ein Hinweis auf die viel zu große Eile, die sie auch sonst im Leben an den Tag legte. Sie wurde langsamer und bat Gott um die Fähigkeit loszulassen.

Während sie betete, kam ihr eine Vision in den Sinn, die sie fast 20 Jahre zuvor gehabt hatte. Sie war damals am College gewesen, jung und leidenschaftlich in ihrem Glauben. Eines Tages, als sie in ihrem Zimmer saß und betete, sah sie sich selbst als kleines Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Die kleine Hannah rannte in den Thronsaal Gottes, um Jesus Blumen zu bringen. Hin und her tänzelte sie, hinein und hinaus. Jedes Mal, wenn sie hereinkam, legte sie Blumen zu Jesu Füßen ab. Dann eilte sie wieder hinaus, um noch mehr zu pflücken. Das ging immer so weiter, bis Jesus sie schließlich mitten in einem Durchlauf hochhob, auf seinen Schoß setzte und sanft die Arme um sie legte, sodass sie kurz dableiben musste.

„Danke für die Blumen, Hannah“, sagte er lächelnd. „Sie sind wunderschön! Aber ich würde jetzt wirklich gern hier mit dir sitzen und dich eine Weile halten.“

Hannah seufzte. 20 Jahre später würde Jesus vermutlich genau dieselben Worte zu ihr sagen. Warum nur fiel es ihr so schwer, einfach mal nichts zu tun und still zu sein?

Sie blieb stehen, blickte zur Mitte des Labyrinths und dachte an eine andere Frau, die Mühe mit denselben Dingen gehabt hatte: Martha, die Freundin von Jesus. Hannah hatte immer große Sympathien für Martha gehegt, die ihr Haus gastfreundlich für Jesus und die Jünger geöffnet hatte. Sie begriff, warum Martha sich so über ihre Schwester ärgerte, die ihr nicht dabei half, das Abendessen für ihre Gäste zuzubereiten. Hannah stellte sich vor, wie Martha in der Küche mit den Töpfen klapperte und seufzte, um Marias Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber Maria saß einfach nur bei Jesus, vollkommen unberührt von dem steigenden Blutdruck ihrer Schwester. Marthas Wut staute sich an und brach sich schließlich Bahn. Sie beschwerte sich bei Jesus über die Faulheit ihrer Schwester, beschuldigte ihn, dass sie ihm wohl ganz egal sei, und forderte ihn auf einzugreifen. „Herr, kümmert es dich nicht, dass mich meine Schwester die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!“

In welchem Tonfall hatte Jesus ihr wohl geantwortet? „Martha, Martha, du bist um so vieles besorgt und machst dir so viel Mühe1.“

Wie oft hatte Jesus diese Worte in Hannahs Leben gesprochen? „Hannah, Hannah, du bist um so vieles besorgt und machst dir so viel Mühe.“

Sie seufzte erneut. Beide Schwestern lebten in ihr, und seit ­Jahren stritten sie miteinander. Wenn Hannah still saß und wie Maria aufmerksam auf Jesus hörte, beklagte sich ihre innere Martha, sie würde Zeit vergeuden und es gäbe doch so viel Wichtiges für das Reich Gottes zu tun. Und wenn Hannah von einem Termin zum anderen hastete und mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigte, dann warf ihre innere Maria einen nachdenk­lichen Blick in ihre Richtung, und sofort machten sich die Schuld­gefühle bemerkbar.

„Nur eins ist nötig“, sagte Jesus zu Martha. Maria hatte den besseren Teil gewählt, indem sie bei Jesus war, und für Hannah galt dieselbe Einladung. Nachdem ihr nun jede Gelegenheit zum Dienst für andere genommen worden war, hatte Hannah alle Zeit der Welt, zu Jesu Füßen zu sitzen und aufmerksam auf ihn zu hören – und niemand forderte ihre Hilfe ein. Niemand.

Aber warum widersetzte sie sich genau der Sache, die sie doch angeblich so sehr wollte? Warum widerstand sie der Einladung, zu Jesu Füßen zu sitzen?

Als Hannah die Mitte des Labyrinths erreichte, war sie allein. Sie hatte die Absicht gehabt, hier zu verweilen und auf Gottes leise Stimme zu hören. Doch als sie sich niederließ, wurde sie innerlich immer rastloser. Ständig dachte sie an die anderen Teilnehmer, die sich wieder im Seminarraum zusammengefunden hatten.

Was hat Katherine noch gesagt, wann sie weitermachen würden? Habe ich vielleicht was verpasst?

Sie atmete tief durch, versuchte sich zum Gebet zu sammeln. Sollte ich nicht drinnen sein, für den Fall, dass jemand etwas braucht?

Sie warf einen Blick auf ihre Uhr: 11:15 Uhr. Um wie viel Uhr sind die anderen hineingegangen?

Seufzend erhob sie sich. Sie könnte ja noch einmal zurückkommen, wenn sie nicht so abgelenkt war. Ohne den Weg durch das Labyrinth zurückzunehmen, verließ Hannah den Hof und eilte ins Haus.

Als Charissa das Labyrinth verließ, war sie ärgerlich und fühlte sich provoziert.

Es hatte keinen Augenblick der Inspiration gegeben, kein Gefühl der Gegenwart Gottes, keine der Erkenntnis. Nichts. Stille.

Nun ja, zumindest Gott hatte geschwiegen.

Ihre eigenen Gedanken waren laut genug gewesen, vor allem hatten sie hinterfragt, ob sie alles richtig machte, während sie ziellos dem gewundenen Pfad folgte. Charissa mochte Spiralen nicht. Sie liebte gerade Linien und klar definierte Ziele. Im Kreis zu laufen war sinnlos, und die Windungen und Biegungen des Labyrinths waren total frustrierend. Wenn sie dachte, jetzt würde sie sich der Mitte nähern, führte der Weg sie wieder an den Außenrand. Irritierend.

Unterwegs war sie nicht in der Lage gewesen, über Dinge nachzudenken, die sie loslassen müsste. Es fielen ihr keine Sünden ein, die sie bekennen müsste. Nach außen versuchte sie andächtig zu wirken, für den Fall, dass jemand sie beobachtete, aber sie wollte im Grunde nichts weiter, als zum Ende zu kommen und es hinter sich zu haben.

Außerdem, bei dem ganzen Gerede über die „geist­liche Reise“ und davon, seine „innere Welt kennenzulernen“ fragte sie sich immer noch, ob sie nicht in einer seltsamen Esoterik-Veranstaltung gelandet war. Dr. Allen hatte ihr versichert, dass das New Hope-Einkehrzentrum theologisch in Ordnung und Katherine Rhodes vertrauenswürdig sei. Aber wusste Dr. Allen auch über das Labyrinth Bescheid? Vielleicht war er doch nicht so geradlinig, wie Charissa gedacht hatte. Vielleicht war es ihm gelungen, unter dem christ­lichen Radar der Kingsbury-Universität durchzutauchen.

Nachdem sie nun wieder im Gruppenraum saß und zuhörte, wie die anderen von ihren Erkenntnissen und Entdeckungen auf dem Gebetsspaziergang erzählten, fühlte sie sich noch abgestoßener. Eine Frau erzählte, für sie sei es ein Geschenk gewesen, zusammen mit so vielen anderen Menschen durch das Labyrinth zu gehen. Ihr sei klar geworden, dass, egal mit welchen Problemen sie auch zu kämpfen hätte, immer auch andere Pilger auf dem Weg zum Herzen Gottes unterwegs seien. Diese Gemeinschaft der Gläubigen hätte ihr Mut gemacht und Hoffnung gegeben.

Ein anderer Teilnehmer erzählte, wie sehr ihn die Erfahrung frustriert hatte, dass der Weg ihn jedes Mal, wenn er dachte, er würde endlich in der Mitte ankommen, wieder zum äußersten Rand geführt hatte. Er sei sich dadurch seiner starken Sehnsucht bewusst geworden, das Ziel zu erreichen, und fragte sich, ob Gott ihn vielleicht dazu einlud, auch die Reise mit allen ihren Kehren und Windungen zu genießen.

Voller Begeisterung berichteten die Gruppenteilnehmer von ihren geist­lichen Erkenntnissen. Charissa war froh, dass sich von ihrem Tisch niemand zu Wort meldete. Wenigstens fiel ihr Schweigen dadurch nicht so auf. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl herum. Na los. Kommt schon. Ihrer Meinung nach ließ Katherine Rhodes viel zu viel Raum für diese unwichtigen Beiträge. Was für eine Zeitvergeudung.

Kurz vor dem Mittag fasste Katherine die Ausführungen zusammen: „Eines habe ich im Laufe der Zeit festgestellt: In unserer äußeren Welt zurechtzukommen ist sehr einfach im Vergleich zu der Reise durch den Irrgarten unserer inneren Welt. Ich freue mich über Ihre Berichte, wie das Labyrinth zu einer Metapher und einem Spiegel für das Wirken Gottes in Ihrem Leben geworden ist. Sie können gern jederzeit wieder herkommen und durch das Labyrinth gehen und beten. Wie ich anfangs bereits sagte, werden Sie auf Ihrer Reise sicher Ablenkungen und Phasen der Verwirrung erleben. Es mag Zeiten geben, in denen Sie den Mut verlieren und in Versuchung geraten aufzugeben. Aber wenn Sie durchhalten, wenn Sie in der Hoffnung und in dem Vertrauen darauf weitergehen, dass Gott selbst Ihre Reise leitet und bei Ihnen ist, dann kann sie zu einem wundervollen Abenteuer werden. Es ist ein besonderes Geschenk, mit vertrauenswürdigen Gefährten unterwegs zu sein. Wir brauchen einander. Gott möchte nicht, dass wir allein nach dem Weg suchen. Darum bete ich, dass Sie sich auch gegenseitig näherkommen, während Sie Gott besser kennenlernen.“

Ein wundervolles Abenteuer? Eher unwahrscheinlich, dachte Charissa. Nicht, wenn sie nur herumsitzen und über eher lächer­liche persön­liche Erkenntnisse aus New Age-Praktiken reden würden. Sie konnte nicht fassen, dass es keinen Studienplan gab. Woher sollte sie denn so wissen, ob es sich lohnte weiterzumachen?

„Die frühen Wüstenväter und -mütter zogen sich in die Einöde zurück, um Gott zu suchen und sich selbst kennenzulernen“, erklärte Katherine jetzt. „Wir brauchen uns nicht an einen abgelegenen Ort zurückzuziehen oder unseren Alltag aufzugeben, um Gott zu begegnen. Aber wir müssen uns darin üben, das Wirken des Geistes Gottes im Alltag zu erkennen. Wir müssen uns Zeit nehmen, um still zu sein und zuzuhören. Das Gepäck zu identifizieren, das wir mit uns herumschleppen und das uns niederdrückt, braucht ebenfalls Zeit. Bei dieser Reise wird es unter anderem auch darum gehen. – Noch ein letzter praktischer Hinweis, bevor ich zum Schluss noch ein Gebet spreche: In den kommenden zwei Wochen beschäftigen Sie sich bitte mit Ihren Bildern von Gott. Überlegen Sie vor allem, wie Ihre gegenwärtigen Vorstellungen entstanden sind und ob und wie sie sich im Laufe der Jahre verändert haben. Wer ist Gott für Sie? Und vergessen Sie nicht, ein Reisetagebuch zu führen. Ich bin sicher, dass der Heilige Geist Ihnen viele Dinge eröffnen wird, wenn Sie sich die Zeit nehmen herunterzuschalten, still zu sein und zuzuhören.“ Sie hielt inne. „Meine lieben Mitpilger, der Herr sei mit Ihnen. Mögen Sie Wege finden, mit Gott und miteinander zu sein.“

Charissa klappte ihren Laptop zu und steckte ihn in seine Hülle zurück.

Meg blieb noch zurück, als die anderen sich verabschiedet hatten. Katherine räumte den Tisch ab und stellte schmutzige Teller und Kaffeebecher auf einen Servierwagen.

„Kann ich Ihnen dabei helfen?“, fragte Meg.

Katherine drehte sich um. „Das wäre sehr nett“, erwiderte sie mit einem Blick auf ihr Namensschild. „Vielen Dank, Meg.“

Während Katherine ihre Papiere zusammensuchte, räumte Meg den Tisch ab. Selbst das trieb ihr schon wieder Tränen in die Augen. Es war seltsam mit der Trauer. Sie war so vollkommen unberechenbar und schlug bei den einfachsten Auslösern unerwartet zu. Wie lange war es her, dass sie einen Tisch abgeräumt hatte? Obwohl Becca erst sechs Wochen fort war, fühlte es sich an, als wäre es schon unendlich lange her. Und Mutter …

„Also, Meg, wie fanden Sie den Vormittag?“

Meg wischte sich schnell über die Augen. „Ich fürchte, ich war nicht sehr gut vorbereitet“, erwiderte sie leise.

„Wie das?“ Katherine ließ sich auf einem Stuhl nieder und forderte Meg mit einer einladenden Geste auf, sich neben sie zu setzen.

„Ich, äh, … ich wusste nicht, was mich erwartete, und habe nicht die passende Kleidung gewählt.“ Meg deutete auf ihre hohen Absätze.

Katherine lachte. „Ja, das sind nicht gerade Wanderschuhe, nicht? Und wenn ich Sie mir so ansehe, sind Sie vermutlich nicht der Typ, der die Schuhe einfach auszieht und barfuß läuft.“

Meg schüttelte lächelnd den Kopf.

„Dann können Sie sich ja beim nächsten Mal noch auf das Labyrinth freuen. Kommen Sie früh genug, dann ist auch noch niemand da, der Sie beobachtet.“

Meg seufzte. „Alle hatten so tiefsinnige Dinge zu sagen. Aber ich fürchte, ich bin nicht so. Vielleicht ist das Niveau in dieser Gruppe für mich zu hoch.“ Schon wieder brannten Tränen in ihren Augen, und sie wandte den Blick ab.

„Jesus hat gesagt. ‚Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn ihnen gehört die neue Welt Gottes2‘“, sagte Katherine mit sanfter Stimme.

Der Vers kam ihr bekannt vor, aber Meg wusste nicht, was er bedeutete.

„Sie beginnen die Reise mit einem wundervollen Geschenk, Meg, wenn Sie schon wissen, dass Sie nicht so viel wissen, und wenn Sie bereits erkannt haben, wie verzweifelt Sie Gott brauchen. Demut ist immer der Ausgangspunkt für diejenigen, die Gott näherkommen wollen.“

Meg blickte auf und begegnete Katherines mitfühlendem Blick. „Natürlich gibt es auch die Art der inneren Armut, die lähmt“, fuhr Katherine langsam fort, „die höhnt, dass man nicht gut genug ist, egal wie sehr man sich bemüht. Diese Art der Selbstdemütigung hindert uns daran, uns so zu sehen, wie Gott uns sieht.“ Sie hielt inne. „Vielleicht wird Ihre Reise Sie vom einen zum anderen führen.“

Meg schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich verstehe nicht so ganz, was Sie meinen.“ Es gab so vieles, was sie nicht verstand. Wie konnte es sein, dass sie sich mit 46 immer noch wie ein Kind fühlte? Das Alter hatte sich angesch­lichen, als sie gerade nicht aufgepasst hatte.

Katherine lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. „Vor vielen Jahren, als ich noch Berufsanfängerin war“, erzählte sie, „hatte ich einen Traum, den ich nie vergessen habe. In dem Traum bewarb ich mich für einen Job bei der Polizei – ausgerechnet! Der Polizeibeamte war sehr unfreundlich und grunzte, wenn ich den Job haben wollte, müsste ich dreihundert Pfund heben können.“

Meg lachte laut auf.

„Ich weiß. Sehen Sie mich nur an!“ Katherine lachte und deutete auf ihre mageren Arme. „Also erklärte ich ihm, dass ich schon lange keinen Sport mehr gemacht hätte. Und er runzelte die Stirn und brummte: ‚Nun, das ist aber die Voraussetzung für den Job, meine Dame. Ist das ein Problem für Sie?‘ Ich blickte ihm in die Augen und erwiderte: ‚Nein, das ist kein Problem für mich, weil Jesus es für mich tun wird.‘ Daraufhin brachte er mich zu einem riesigen Apparat mit Gewichten – das Ding war wirklich monströs! – und schnallte mich an. Anfangs konnte ich mich kaum rühren, doch dann plötzlich drückte ich riesige Gewichte hoch über meinen Kopf, immer und immer wieder.“

Meg grinste, als Katherine die Bewegung demonstrierte. Mit funkelnden Augen fuhr Katherine fort. „Leider wachte ich auf, bevor ich erfuhr, ob ich den Job bekommen hatte. Aber ich wusste, dass der Traum eine wichtige Bedeutung hatte, darum bat ich den Heiligen Geist, mir zu helfen, ihn zu verstehen. Und während ich betete, hatte ich ganz stark das Gefühl, dass Gott zu mir sagte: ‚Kitty, das ist Demut. So sollst du leben: in dem Wissen, dass du aus dir heraus nicht die Kraft hast, aber in vollem Vertrauen darauf, dass du durch mich alles schaffen kannst.‘“ Sie hielt inne. „Ergibt das einen Sinn?“

Meg sprach langsam. „Ich denke schon. Mein Pastor sagt oft, dass wir nur noch nach oben schauen können, wenn wir mit unseren eigenen Mitteln am Ende sind.“

„Genau.“ Katherine faltete die Hände. „Als Jesus von den ‚Ar­men im Geiste‘ sprach, meinte er vermutlich die Menschen, die absolut hilflos und in allen ihren Bedürfnissen vollkommen von Gott abhängig sind. Diese Art von Schwäche ist ein Segen, Meg. Es ist ein Geschenk, sagen zu können: ‚Ich kann das nicht, aber Gott kann es!‘“ Katherine blickte Meg eindringlich an. „Eigentlich ist dies eines meiner Lieblingsgebete. Beim Einatmen sage ich die Worte: ‚Ich kann es nicht‘ und beim Ausatmen: ‚Aber du kannst, Herr‘. Und das immer und immer wieder, den ganzen Tag. Diese einfachen Worte helfen mir, voller Hoffnung und Glauben weiterzugehen, wenn der Weg schwierig wird. Und manchmal ist er sehr schwierig, nicht?“

Meg schwieg und lauschte auf den Rhythmus ihres eigenen Atems. Konnte man wirklich so beten? So … beständig? So einfach … Ihre Ängste waren für sie wie das Atmen – ständig und regelmäßig und ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sie kaum noch bemerkte. Könnte Gebet so für sie werden? Könnte das Bewusstsein der Gegenwart und Macht Gottes für sie tatsächlich wie die Luft zum Atmen für sie werden?

„In den vergangenen Jahren habe ich eigentlich immer nur gesagt: ‚Ich kann nicht‘.“ Megs Stimme war kaum lauter als ein Flüstern. „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch anders kann.“

Katherine lächelte sie ermutigend an. „Bei geist­lichen Übungen geht es darum, neue Gewohnheiten zu formen“, erwiderte sie. „Wenn Sie den Teil mit dem ‚Ich kann nicht‘ schon so gut beherrschen, können Sie jetzt ja anfangen, den zweiten Teil einzuüben: ‚Aber du kannst.‘ Gottes Gnade ist so groß, dass unsere Schwächen wunderbare Gelegenheiten für den Heiligen Geist werden, in uns zu wirken. Unsere Ängste, unsere Versuchungen, sogar unsere Sünden können uns näher zu Gott bringen.“

Meg dachte einen Augenblick nach. „Meine Ängste hätten mich heute beinahe davon abgehalten, hierher zu kommen“, murmelte sie schließlich.

Katherine blickte sie wissend an. „Und doch hat Gott Ihnen den Mut geschenkt zu kommen – und nicht wieder wegzulaufen.“ Meg spürte, wie sie errötete. „Ich zweifle nicht daran, dass Gott Ihnen alles geben wird, was Sie brauchen, um dem Weg in die Freiheit zu folgen, Meg. Er wird an Ihrer Seite gehen.“

Meg schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Danke“, hauchte sie.

Katherine drückte ihre Hand und erhob sich. „Gott segne Sie, Meg. Wir sehen uns beim nächsten Mal.“

Meg verließ das Gebäude durch die Tür zum Innenhof und ging über den von Bäumen gesäumten Weg zum Labyrinth. Als sie es erreichte, war sie überrascht, Hannah auf der Bank bei den Rosensträuchern sitzen zu sehen. Ihr erster Impuls war, sich unbemerkt zurückzuziehen, doch es war bereits zu spät; Hannah blickte auf und winkte. Das Klappern ihrer Absätze hatte sie verraten.

„Entschuldigung“, sagte Meg und deutete auf Hannahs Notizbuch. „Ich wollte Sie nicht stören.“

„Ich bin sowieso fast fertig“, erwiderte Hannah. Sie rutschte ein Stück zur Seite, damit Meg Platz hatte. Meg wischte einige rosa Blütenblätter von der Sitzfläche. „Ich habe mir nur schnell ein paar Dinge aufgeschrieben, bevor ich sie wieder vergesse. Wollten Sie durch das Labyrinth gehen?“

„Nein, das hebe ich mir für das nächste Mal auf. Ich wollte es mir nur noch einmal anschauen.“

Sie saßen eine Weile nebeneinander und lauschten auf den Wind, der durch die Bäume strich, bis das Knurren von Hannahs Magen auf einmal die fried­liche Stille durchbrach. Hannah lachte. „Ich hätte daran denken sollen, etwas zu essen mitzubringen“, sagte sie. „Ich muss irgendwo noch schnell einen Happen zu mir nehmen, bevor ich zum See zurückfahre. Kennen Sie vielleicht ein Lokal in der Nähe, wo ich schnell eine Suppe oder ein Sandwich bekomme?“

Meg nannte das erste Lokal, das ihr in den Sinn kam. „Das Corner Nook. Dort gibt es hausgemachte Suppen und Brote.“

„Perfekt! Finde ich dahin? Einen Stadtplan habe ich nämlich auch nicht eingepackt. Ich habe mir nur die Wegbeschreibung vom Ferienhaus hierher ausgedruckt.“ Hannah lächelte. „Keine sehr gut vorbereitete Pilgerin, nicht?“

Meg deutete auf ihre hohen Absätze. „Willkommen im Club.“

„Na ja, jetzt wissen wir auf jeden Fall beide, was uns das nächste Mal erwartet, nicht?“, bemerkte Hannah, während sie ihr Notizbuch wegsteckte. „Also, in welche Richtung muss ich fahren?“

„Eigentlich liegt das Lokal auf meinem Heimweg. Wie wäre es, wenn Sie mir hinterherfahren würden?“

Hannah antwortete nicht sofort, und Meg fragte sich, warum sie zögerte. Sie schien nachzudenken. „Vielleicht haben Sie ja schon Essenspläne“, sagte Hannah schließlich, „aber wenn nicht, würde ich mich freuen, wenn Sie sich mir anschließen würden.“

Während sie in Hannahs dunkle und erschöpfte Augen blickte, trug Meg, die Gefällige, den Sieg über Meg, die Trauernde, davon. Warum sollten sie beide allein zu Mittag essen?

Im Restaurant war das leise Summen angeregter Gespräche zu hören, als sich Meg und Hannah an einem Ecktisch in der Nähe des Kamins niederließen.

„Hey! Sie habe ich ja lange nicht mehr gesehen“, begrüßte die Kellnerin Meg.

„Ja, stimmt, ich war schon länger nicht mehr hier“, erwiderte Meg.

„Wie geht es Ihrer Mutter?“, fragte die Frau, während sie die Wassergläser füllte.

Meg schluckte. „Sie ist vor ein paar Monaten verstorben.“

Hannah empfand Mitgefühl für Meg, aber auch für die Kellnerin.

„Oh, das tut mir so leid“, erwiderte die Frau. „Ich erinnere mich noch, dass Ihre Mutter immer dasselbe bestellt hat, nicht? Hähnchensalat mit Kirschen auf Weizenbrot.“ Meg nickte, und in ihren großen, braunen Augen schimmerten Tränen. „Ich komme gleich noch mal wieder“, sagte die Kellnerin und tätschelte Megs Schulter, bevor sie zu einem anderen Tisch weiterging.

Meg vertiefte sich in die Speisekarte und versuchte, ihrer Tränen Herr zu werden.

„Es tut mir so leid, Meg.“ In zweierlei Hinsicht, dachte Hannah. Zum einen, weil Meg so traurig war, aber auch, weil sie ungewollt daran beteiligt gewesen war, dass diese Wunde wieder aufgerissen wurde. Erneut spürte sie, wie sich die ihr so vertraute Last der Verantwortung auf ihre Schultern legte, und sie sank ein Stückchen zusammen. Hilf mir, Herr.

Meg zuckte kraftlos die Achseln. „Wenn meine Mutter jetzt hier wäre, würde sie sagen, ich solle mich nicht so anstellen. Ich höre ihre Stimme in meinem Kopf, wissen Sie? Du bist so überempfindlich! Und sie hat recht. Sie hatte recht, meine ich.“ Meg holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und versuchte, die verräterischen Spuren ihrer Trauer zu beseitigen, aber dadurch machte sie alles nur noch schlimmer. Ihre Wimperntusche hinterließ schwarze Streifen auf ihrem Gesicht.

Hannah wollte Meg gerade auffordern, über ihren Schmerz zu reden, wollte sie durch einen Teil des Trauerprozesses führen, als ein Gedanke in ihr aufblitzte. Ein kleiner Schubser in eine andere Richtung. Vielleicht brauchte Meg eine Freundin, nicht eine Pastorin.

„Ich musste erst lernen, meine Empfindsamkeit als eine meiner größten Gaben anzunehmen. Ich würde sie gegen nichts auf der Welt eintauschen. Aber sie ist auch eine Belastung, mit der ich umgehen muss. Es ist schwierig – manchmal äußerst anstrengend. Ein Segen und ein Fluch zugleich, nicht?“

„Für mich eher ein Fluch“, erwiderte Meg. „Zum Glück hat meine Tochter Becca ein dickeres Fell abbekommen.“

Wieder kam die Pastorin in Hannah zum Vorschein. Sie wollte Megs Bemerkung aufgreifen und die Ursachen hinter ihrer Un­­sicherheit und ihrem mangelnden Selbstwertgefühl erforschen. Doch dann rief sie sich in Erinnerung, dass sie nicht als Pastorin hier war. Meg war nicht auf der Suche nach Rat oder Seelsorge zu ihr gekommen. Und auf einmal war da ärger­licherweise Steves Stimme in ihrem Kopf. Schon wieder. Du weißt gar nicht mehr, wer du bist, wenn du nicht deinen Beruf ausübst.

Ach, sei still! Diese Frau brauchte ganz eindeutig seelsorger­liche Hilfe, und sie würde die Gelegenheit nutzen. Als Meg sich entschuldigte und vom Tisch aufstand, ignorierte Hannah Steves Stimme und ließ ihre Gedanken wandern.

Meg trug keinen Ehering. War eine Scheidung ein Grund für ihren Kummer? Ein paarmal hatte sie ihre Tochter Becca erwähnt. Standen sie sich nahe, obwohl viele Tausend Kilo­meter zwischen ihnen lagen? Und wie kam es, dass jemand, der so schüchtern war wie Meg, beschloss, ganz allein an einer solchen Gruppe teilzunehmen? Das passte nicht zusammen. Normalerweise musste man recht selbstsicher sein, um sich für einen solchen Kurs anzumelden, oder sich so verzweifelt nach Veränderung sehnen, dass die Unzufriedenheit über die Furcht siegte. Vielleicht war das ja die Triebkraft für Meg gewesen. Sie wollte den Status quo durchbrechen. Trauer trug immer das Potenzial für Wachstum in sich, und Meg war ganz klar in Trauer. Das war nicht zu übersehen. Altes war gestorben, und das Neue wartete darauf, zur Welt zu kommen. Aber Hannah konnte die Zeichen deuten. Jetzt wuchs ihre Neugier umso mehr. Sie wollte Megs Geschichte hören, und sie wollte helfen. Vielleicht konnte sie Megs geist­liche Hebamme sein … und Steve würde ja nichts davon erfahren.

Einige Minuten später kehrte Meg mit sorgfältig aufgefrischtem Make-up wieder an den Tisch zurück.

„Alles in Ordnung?“, fragte Hannah. Sie bemühte sich, nicht zu eifrig oder interessiert zu erscheinen. Meg nickte nur.

Ihr Gespräch beim Essen verlief freundlich und persönlich, ohne wirklich tief zu gehen, was Hannah enttäuschte. Sie übernahm die Gesprächsführung, erzählte von ihrer Kindheit und hoffte, ihre Offenheit würde Meg Vertrauen schenken. Hannah erzählte, dass sie in ihrer Kindheit häufig umgezogen waren und welche Schwierigkeiten sie damit gehabt hatte. Ihr Vater war Handelsvertreter gewesen, und sie waren seiner Arbeit gefolgt. Als Hannah 15 war, war es schließlich mit den häufigen Umzügen vorbei gewesen, den Grund dafür verschwieg sie allerdings. Darüber sprach sie niemals und Meg stellte keine Fragen.

Meg hatte ihr ganzes Leben in Kingsbury verbracht. Sie sprach von ihrer Liebe zur Musik und von den vielen Klavierschülern, die sie im Laufe der Jahre unterrichtet hatte. „Anfänger“, erklärte sie. „Für die Fortgeschrittenen bin ich nicht gut genug.“ Hannah hätte gern viele Fragen gestellt, aber sie spürte keine Bereitschaft von Meg, sie zu beantworten.

Sie machte sich etwas vor, nicht? Sie war nicht wegen Meg oder Mara oder sonst jemandem in diesem Kurs. Wann würde sie endlich akzeptieren, dass diese Sabbatzeit einfach nur für sie war?

Auf dem Rückweg zum See wurde ihr klar, dass die kommenden neun Monate noch schwieriger und unbequemer werden würden, als sie gedacht hatte.

Unterwegs mit dir

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