Читать книгу Unterwegs mit dir - Sharon Garlough Brown - Страница 7
ОглавлениеKapitel 3
Dem Herzen Gottes
näherkommen
Daraufhin fragte er sie: „Und was meint ihr, wer ich bin?“
Matthäus 15,16
Mara
Mara Payne saß still an ihrem Pult, während sich die Mädchen in ihrer Klasse aufgeregt über Kristie Van Burens bevorstehende Geburtstagsparty unterhielten. Kristie war das beliebteste Mädchen in der Klasse, und sie wohnte in einem großen Haus auf der Cliburn Avenue.
„Hast du gehört, dass es Ponyreiten im Garten geben wird?“
„Kristie hat mir erzählt, dass wir die ganze Nacht aufbleiben und uns Geistergeschichten erzählen können!“
Kristie hatte versprochen, Mara zu ihrer Geburtstagsparty einzuladen, wenn Mara ihr helfen würde, eine Inhaltsangabe zu einem Buch zu schreiben. Mit großen Augen hatte Mara zugehört, als Kristie in allen Einzelheiten schilderte, welche Aktivitäten für die Feier geplant waren. „Du darfst am Geburtstagstisch auch neben mir sitzen“, hatte Kristie versprochen und sie freundlich angelächelt.
Mara hatte bisher noch nie bei einem anderen Mädchen übernachtet, und ihre Mutter hatte ihr extra für diese Gelegenheit ein neues Nachthemd gekauft. Doch als die Inhaltsangabe abgegeben war und die Geburtstagseinladungen verteilt wurden, musste Mara feststellen, dass es für sie keinen rosa Umschlag gab.
Kristie zuckte die Achseln und sagte: „Meine Mutter hat gesagt, dass ich zu viele Mädchen eingeladen habe. Tut mir leid. Vielleicht kannst du ja nächstes Jahr kommen.“
Auf dem Heimweg vom Einkehrzentrum wirbelten in Maras Kopf lauter entstehende Bilder und beginnende Einsichten durcheinander.
Im Labyrinth hatte sie über das nachgedacht, was sie gesehen hatte, als Katherine die biblische Geschichte vorgelesen hatte. Es war so real gewesen: Die Stimme von Jesus, seine Augen, sein Lachen. Vor allem sein Lachen. Sie hörte sein glückliches, freudiges Lachen immer noch, so als wäre ein großer Sieg errungen worden: „Mara, komm mit mir. Ich wähle dich. Kommst du mit?“
Eine Flut von schmerzlichen Erinnerungen war auf dem Weg zum Mittelpunkt des Labyrinths über sie hergefallen: das schreckliche Gefühl, nicht gewählt zu werden, der Schmerz der Zurückweisung. Mara war wieder in der Vergangenheit, erlebte manche Begebenheiten in allen Facetten noch einmal. Sie sah, wie die achtjährige Mara ganz allein auf dem Spielplatz spielte, allein im Bus saß, allein in ihrem Zimmer weinte. Sie sah die sechzehnjährige Mara, die allein zum Unterricht ging, in der Cafeteria allein am Tisch saß; allein im Bett lag, nachdem der Nachbarsjunge bekommen hatte, was er wollte. Und sie war verwirrt, ängstlich, beschämt und leerer und einsamer zurückgeblieben als je zuvor in ihrem Leben.
Nun, nicht ganz so leer und allein.
Als die Wochen ins Land gingen, war die Übelkeit ein Zeugnis für das, was der Junge ihr genommen und was er ihr hinterlassen hatte. Ihre Mutter fuhr mit ihr in die Klinik, bevor „es“ für alle offensichtlich wurde, und Mara verpasste nur zwei Schultage. Sie sprachen nie wieder darüber. Doch die Stille schrie laut.
Zweieinhalb Jahre später war es ein anderes Bett, ein anderer Mann – dieses Mal verheiratet –, der ihr versicherte, sie sei alles, was er sich je gewünscht hätte, und ihr versprach, sie zu seiner Frau zu machen, wenn sie nur etwas Geduld hatte. Und so brachte sie ihr gemeinsames Kind zur Welt. Er besuchte sie manchmal an den Wochenenden, und Jeremy nannte ihn „Papa“.
Mara wartete und wartete. Aber er entschied sich nicht für sie. Als seine Frau irgendwann von seiner Geliebten und dem dreijährigen Jungen erfuhr, drohte sie ihr Gewalt an. Und er auch. Er schrie sie an, schwenkte die Fäuste, befahl der „nichtsnutzigen Schlampe“, sie solle verschwinden und das Kind mitnehmen. Eine Busfahrt durch die Nacht brachte sie von Ohio in eine Stadt in Michigan, wo niemand sie kannte. Weiter als bis nach Kingsbury war Mara mit dem Geld, das er ihr vor die Füße geworfen hatte, nicht gekommen.
Nie hatte sie den Augenblick vergessen, als sie aus dem Bus eine Welt betrat, die nach Zigarettenrauch und Schweiß stank. Sie war desorientiert und verwirrt, gedanklich immer noch mit der zornigen Auseinandersetzung vom Vortag beschäftigt. Jeremy war müde und hungrig. „Ich will meinen Hasi“, sagte er daumenlutschend.
„Dein Hasi ist nicht da. Ich kaufe dir einen neuen.“ Wieso nur hatte sie vergessen, Jeremys Plüschhasen mitzunehmen? In panischer Hast hatte sie die Wohnung verlassen und nur ein paar Kleidungsstücke eingepackt.
Er starrte sie mit den haselnussbraunen Augen seines Vaters an. „Ich will aber meinen Hasi!“
„Ich hab dir doch gesagt, Jeremy, ich kauf dir einen neuen Hasi.“ Sie zog an seiner Hand, und er trat nach ihr – ihr wunderbarer kleiner Junge mit den dunklen Locken war das gespuckte – und spuckende – Ebenbild des Mannes, der sie beide so schmählich im Stich gelassen hatte. Maras Augen füllten sich mit Tränen.
Jeremy begann zu jammern. „Ich will keinen neuen Hasi. Ich will den Hasi von Papa.“
„Aber du kannst Papas Hasi nicht haben, okay?“ Sie schaute sich im Busbahnhof um und überlegte, was sie nun machen sollte. Wo sollten sie hingehen? Er schrie noch lauter. „Ich will zu Papa! Ich will zu Papa!“
Sie schlug ihn. Sie verpasste ihm tatsächlich eine Ohrfeige. „Sei still! Papa ist nicht da! Dein Hasi ist auch nicht da! Du wirst Papa und Hasi nie wieder sehen!“
Noch immer war es Mara nicht gelungen, den Anblick seines kleinen, verängstigten Gesichts aus ihrer Erinnerung auszulöschen. Bis zum heutigen Tag verfolgte die Erinnerung sie, und ihre Bemühungen, sie auszulöschen, machten sie umso lebendiger. Jeremy hatte aufgehört zu weinen und fest ihre Hand umklammert. 27 Jahre später spürte Mara immer noch den Griff seiner kleinen Finger um ihre.
Während sie mit Jeremy an der Hand ziellos im Busbahnhof herumlief, sah jemand, dass sie weinte – ein Engel mit Namen Jo. „Alles in Ordnung, Liebes?“, fragte die Frau. „Sie wirken so verloren.“
Jo war groß, rund, weich und mitfühlend, und für den Augenblick waren Maras Ängste verschwunden.
„Ich hab meinen Hasi und meinen Papa verloren“, sagte Jeremy und blickte mit zitternder Unterlippe in das Gesicht dieser freundlichen Fremden. „Und ich hab Hunger.“
Mara hatte Jos Nachnamen nie erfahren, aber noch Jahre später dankte sie Gott für ihre Hilfe. Jo kaufte ihnen Frühstück und brachte sie zum Crossroads-Haus, wo andere Schutzengel ihnen eine sichere Unterkunft, Essen und einen neuen Hasi für Jeremy boten. Und neue Hoffnung. Ihre Großzügigkeit wies Mara auf Jesus hin, und irgendwann öffnete sie sich für den Glauben. Ihr war bewusst gewesen, wie dringend sie einen Neuanfang brauchte, und es war ihr egal, wenn Gott sie nur aus Mitleid annahm, aus Erbarmen. Wenigstens schickte Gott sie nicht weg.
Doch jetzt ließen die Worte von Jesus in ihrer Vision sie nicht los: Ich habe dich gewählt, Mara. Kommst du mit mir?
Mara war noch nie für irgendetwas gewählt worden. Nie. Und sie war nicht sicher, ob Jesus sie tatsächlich gewählt hatte.
Sie war überhaupt nicht sicher.
Als Mara nach Hause kam und ihren Anrufbeantworter abhörte, freute sie sich über eine Nachricht von Jeremy: „Hey, Mama! Abby ist heute zu Besuch bei ihren Eltern. Wie wäre es, wenn ich zu dir rüberkomme? Ich könnte chinesisches Essen oder Pizza mitbringen. Wie du magst. Ruf mich an, okay?“
Mara entschied sich für Cashew-Hühnchen und begrüßte Jeremy wenig später an der Tür. „Wo sind Tom und die Jungs denn?“, fragte Jeremy und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Sie sind zelten und kommen morgen Abend zurück.“ Sie setzten sich mit dem Essen an den Tisch. „Wie schön, dass du hier bist, Jerry“, sagte Mara, während sie Teller und Gläser aus dem Schrank nahm.
„Weißt du, neulich abends klangst du so niedergeschlagen. Ich dachte, du könntest ein bisschen Gesellschaft gebrauchen.“
Mara war nicht sicher, wie viel sie preisgeben sollte. Dawn hatte ihr geholfen, ihre tiefe emotionale Bindung zu ihrem ältesten Sohn zu erkennen. Es stimmte – sie fühlte sich Jeremy näher als ihrem Mann. Jeremy gehörte ihr Herz, wie es Tom nie gehört hatte, und sie musste Wege finden, um loszulassen. Aber vielleicht nicht heute. Sie seufzte. „Ich habe das Gefühl, festzustecken.“
„Mit Tom?“, fragte er. Jeremy schüttelte den Kopf. „Ehrlich, Mama, ich weiß nicht, warum du bei ihm bleibst.“
Mara wusste sehr genau, warum. Ihre Beziehung war für beide von Vorteil, zumindest im Augenblick. Sie schätzte, dass das noch fünf Jahre so bleiben würde, maximal. Sie würden Brians Highschoolabschluss abwarten, und das wäre es dann. Tom brauchte Mara, damit sie für die Jungen da war und er seine Geschäftsreisen machen konnte. Mara brauchte Tom und das Geld, das er nach Hause brachte. Sie hatte keine Ausbildung und keine Möglichkeit, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Sie war immer nur Mutter gewesen. Und wie sie sich immer wieder einredete, war sie sicher keine tolle Mutter. Meistens würde sie sich nicht einmal als „gute“ Mutter bezeichnen. Sie wusste, für welches Elternteil sich die Jungen entscheiden würden, wenn sie und Tom sich trennten, und sie war noch nicht bereit, sie zu verlieren. Noch nicht.
„Mama?“
„Entschuldige, Jerry.“ Sie setzte sich an den Tisch und verteilte das Essen auf die Teller.
„Ich sagte, ich weiß gar nicht, warum du bei ihm bleibst.“
„Finanzelle Sicherheit.“ Das war zwar eine ehrliche Antwort, entsprach aber nicht ganz der Wahrheit. „In meinem Leben bin ich immer wieder davongelaufen, wenn es schwierig wurde“, fügte Mara leise hinzu. „Wenn Tom beschließt, mich zu verlassen, dann ist das eine Sache. Aber ich werde nicht gehen.“ Außerdem, dachte sie, möchte Gott nicht, dass Ehepaare sich scheiden lassen. Sie würde nichts mehr tun, was Gott enttäuschte. Schnell wechselte sie das Thema. „Aber ich will nicht über Tom reden. Erzähl mir von dir.“
In den folgenden Stunden unterhielten sie sich über Jeremys neuen Job und das Baby, das im Januar auf die Welt kommen sollte. Während Mara ihm zuhörte, konnte sie nur staunen, dass er sich zu einem so gesunden, verantwortungsbewussten jungen Mann entwickelt hatte. Sie war von Herzen dankbar dafür, dass sie sein Leben nicht ruiniert hatte.
„Ich bin so stolz auf dich, Jeremy“, sagte Mara, als sie sich zum Abschied an der Haustür umarmten. „Du bist ein toller junger Mann geworden.“ Obwohl du mich als Mutter hattest, fügte sie in Gedanken hinzu.
Jeremy legte seine Hände an ihr Gesicht und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich hatte eine Mutter, die mich liebte“, erklärte er. „Und das ist viel mehr, als die meisten Kinder haben.“
Mara wartete, bis er davongefahren war, bevor sie in Tränen ausbrach.
Charissa
Den Sommer vor ihrem ersten Highschooljahr verbrachte Charissa als Austauschschülerin in Griechenland. Als sie nach zweieinhalb Monaten im August nach Hause zurückkehrte, konnte sie es kaum erwarten, ihre Freundin Emily Perkins wiederzusehen. Sie hatten sich so viel zu erzählen!
Emily hatte ebenfalls einige Wochen des Sommers weit weg von zu Hause verbracht. Sie war in einer Klinik für Teenager mit Essstörungen gewesen. Als Emily übers Wochenende nach Hause kam, besuchte Charissa sie. Seit dem Ende des Schuljahres hatten sie sich nicht mehr gesehen.
Nichts, was Charissa über Emilys Kampf gegen die Anorexie gehört hatte, hatte sie auf das veränderte Aussehen ihrer Freundin vorbereitet: leere Augen, eingefallene Wangen, hervorstechende Schlüsselbeine. Emilys früher dichte, blonde Haare wirkten genauso vertrocknet und zerbrechlich wie ihr Körper. Obwohl Charissa versuchte, ihr Entsetzen zu verbergen, traute sie ihrem Mienenspiel nicht und wandte sich ab. Emily war schon immer sehr schlank gewesen, doch Charissa konnte nicht fassen, wie viel sie in nur zwei Monaten abgenommen hatte. Kein Wunder, dass ihre Eltern sich entschlossen hatten, sie wegzuschicken, damit sie Hilfe bekam. Wenn sie nach der Zeit in der Klinik noch so dürr war, wie hatte sie dann wohl vor der Behandlung ausgesehen?
„Ich freue mich so, dich zu sehen, Charissa!“, rief Emily und umarmte sie mit ihren mageren Ärmchen. „Ich hab dich vermisst.“
Charissa murmelte eine Erwiderung und kämpfte gegen den Drang an, sich von ihr zu lösen.
„Ich will alles über deine Abenteuer in Griechenland hören. Und ich habe dir auch viel zu erzählen!“, sagte Emily lächelnd. „In der Klinik habe ich so viel gelernt, und ich möchte das alles mit dir teilen. Komm, lass uns einen Spaziergang machen, ja? Ich habe unsere Spaziergänge vermisst.“
Charissa starrte auf das Freundschaftsband, das lose an Emilys Handgelenk hing, und wünschte, sie wüsste etwas zu sagen – irgendetwas.
Charissa hatte sich um 13 Uhr mit John auf dem Parkplatz des New Hope-Zentrums verabredet. Sein Samstagvormittag war fürs Footballspielen mit Freunden reserviert. Mit dem Mittagessen, das John für sie vorbereitet hatte, setzte sie sich unter einen Baum und las seine Notiz auf der Dose: „Ich hoffe, der erste Tag deiner geistlichen Reise ist fantastisch! Ich liebe dich!“
Sie ließ langsam den Atem entweichen und lehnte ihren Kopf gegen den Baumstamm. Was sollte sie machen? Dass sie nicht wusste, welches Ziel der Kurs genau verfolgte, behagte ihr gar nicht. Wenn sie eine eigene Gruppe leiten würde, würde sie ganz sicher anders vorgehen. Und Katherine Rhodes’ Bemerkung darüber, dass man immer die Kontrolle über sein Leben haben wolle, hatte sie provoziert.
Ich bin nicht kontrollierend! Ich bin diszipliniert!, protestierte Charissa innerlich. Sie holte ihren Laptop aus der Tasche. Die Zeit, bis John sie abholte, konnte sie sinnvoll nutzen und sich an die Aufgabe machen, die Katherine ihnen mitgegeben hatte … nur für den Fall, dass sie auch an der nächsten Sitzung teilnehmen würde.
Sie öffnete ein neues Dokument und starrte lange Zeit auf den leeren Bildschirm, während sie sich an ihre frühesten Bilder von Gott zu erinnern versuchte.
Großvater, tippte sie. Dann löschte sie das Wort wieder. Das war eine Sackgasse. Helfer. Sie bat Gott häufig um Hilfe und Frieden, wenn der Stress für sie zu groß wurde, und es war kein kleines Wunder, dass sie unter der Last ihrer eigenen hohen Maßstäbe noch nicht zusammengebrochen war. Ihre Mutter war der Meinung, John sei derjenige, der verhinderte, dass Charissa ein Magengeschwür bekam. Seine fröhliche Verspieltheit sei ein gesunder Gegenpol zu ihrer Ernsthaftigkeit.
Während Charissa in ihren vegetarischen Wrap biss, wanderten ihre Gedanken zu ihrer ersten Verabredung mit John zurück. Sie hatten im ersten Jahr an der Kingsbury-Universität studiert. Seit Monaten lag John ihr in den Ohren, sie solle doch mit ihm ausgehen, und er weigerte sich, ein Nein zu akzeptieren. Aber er war ganz und gar nicht ihr Typ. Zum einen war er mit seinen 1,77 Metern etwas kleiner als sie. Sie wollte nicht mit einem Mann ausgehen, der unter 1,80 Meter groß war. Und für ihren Geschmack redete er viel zu viel über Sport. Charissa kannte keinen Sportler, der auch intellektuelle Ziele ernsthaft verfolgte. Doch für sie war die wissenschaftliche Laufbahn sehr wichtig, ebenso wie sie es für ihren Partner sein sollte.
Doch er gab einfach nicht auf. Aus lauter Verzweiflung gab sie irgendwann nach – aber nur dieses eine Mal! Innerlich nahm sie sich vor, sich ihm gegenüber so abweisend zu verhalten, dass er sie nie wieder einladen würde.
„Das ist ja fantastisch!“, rief er, als sie mit offen zur Schau gestelltem Widerstreben seine Einladung annahm. Er war wie ein kleines Kind, dem gerade ein Ausflug nach Disneyland in Aussicht gestellt worden war.
Am Freitagabend derselben Woche klopfte er um Punkt 18:00 Uhr mit einer Schachtel mit Schokolade überzogener Kirschen an ihre Zimmertür. Ihre Mitbewohnerin schien ihn instruiert zu haben: Charissa duldete keine Verspätung, und sie liebte Schokoladenkirschen.
John sagte: „Ich hätte dich vielleicht vorwarnen und dir sagen sollen, dass ich mit dir in ein Lokal gehe, wo das Essen zu wünschen übrig lässt, aber die Atmosphäre ist einmalig.“
Sie zog einen Schmollmund. „Toll“, erwiderte sie in dem sarkastischen Tonfall, den sie perfektioniert hatte. Doch leider schien John das nicht zu bemerken. Charissa straffte die Schultern und folgte ihm durch den Flur.
„Oh …“ Er griff in seine Tasche. „Entschuldige bitte! Ich habe meine Brieftasche in meinem Zimmer vergessen.“ Er zuckte fröhlich die Achseln, während sie einen genervten Seufzer ausstieß und einen Blick auf ihre Uhr warf. „Das ist nicht schlimm, mein Zimmer ist gleich hier, ein Stockwerk höher. Es dauert nur eine Minute. Komm mit.“ Sie hätte lieber in der Halle auf ihn gewartet, doch sie sparte sich den Atem für den Einwand.
Als John die Tür zu seinem Zimmer öffnete, erkannte Charissa sofort die anschwellende Melodie eines ihrer Lieblingsstücke: Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Rachmaninow.
„Ich hoffe, Italienisch ist in Ordnung“, sagte er und schob sie ins Zimmer.
In der Mitte des Zimmers stand ein kleiner runder Tisch mit einer rotweißen Tischdecke, für zwei Personen gedeckt. Auf den Bücherregalen und Schreibtischen standen Dutzende flackernder Kerzen und kleine Vasen mit roten Nelken. Noch während Charissa den Anblick zu verarbeiten versuchte, erschien Johns Mitbewohner in einem schwarzen Frack. „Willkommen! Ich bin Tim und werde mich heute Abend um Sie kümmern. Darf ich Ihnen vorab bereits ein Getränk bringen?“
John schob Charissa den Stuhl zurecht und wartete darauf, dass sie Platz nahm. Verblüfft und mit offen stehendem Mund starrte sie auf den Tisch. „Irgendwas ohne Zucker“, murmelte sie schließlich und ließ sich auf ihren Platz sinken.
„Ich nehme eine Cola“, sagte John. Kurz darauf kehrte Tim mit handgeschriebenen Speisekarten und ihren Getränken in Champagnergläsern aus Plastik wieder.
„Ich empfehle die in der Mikrowelle aufgewärmte Lasagne“, sagte John, während er die Speisekarte überflog.
Charissa konnte nicht anders – sie musste lachen. Lasagne war das einzige Gericht auf der Karte.
In den nächsten vier Stunden unterhielten sich John und Charissa über Musik, Filme und Literatur. Charissa war erstaunt, dass John sich so gut in der Dichtung auskannte. Und sie staunte über seinen Humor. Sie war noch nie einem Menschen begegnet, der sie zum Lachen brachte. Im Laufe der folgenden Jahre trug John geduldig alle ihre Vorbehalte ab, bis sie schließlich Ja zu seiner Liebe sagte.
Charissa riss ihre abwandernden Gedanken von ihrem Mann los und blickte auf ihre Uhr. Noch 30 Minuten. Das war mehr als genug Zeit, um die Aufgabe zu erledigen. Sie trommelte mit den Fingern auf das Keyboard ihres Laptops. Welches waren ihre Bilder von Gott?
Die Erinnerung, die dabei in ihr hochstieg, verblüffte sie. Sie war 16 gewesen und gerade von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Griechenland zurückgekehrt. Und ihre Freundin war über das Wochenende aus der Klinik nach Hause gekommen. Charissa freute sich auf Emily – schließlich hatten sie sich den ganzen Sommer nicht gesehen –, und sie machten einen Spaziergang um den Block. Unterwegs sprach Emily über Jesus. Mit wachsendem Unbehagen hörte Charissa ihr zu. Sie wünschte, Emily würde ein anderes Thema wählen, egal was. Das Thema Jesus bereitete ihr Unbehagen.
10 Jahre später hatte sich daran noch nichts geändert. Es war nicht so, dass sie nicht glaubte, dass er der Sohn Gottes war. Charissa war theologisch konservativ und bejahte alle grundlegenden Lehren des christlichen Glaubens. Aber in der Nähe von Menschen wie Emily, die eine regelrechte Bekehrung erlebt hatten, fühlte sie sich unwohl. Wovon was hätte sie sich denn auch bekehren sollen? Sie war immer ein braves Kind und eine vorbildliche Schülerin gewesen. Natürlich glaubte sie, dass Jesus am Kreuz gestorben war, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen, und sie bat auch um Vergebung, wenn sie einen Fehler machte. Aber sie passte nicht in die Kategorie der „wiedergeborenen“ Christen. Wenn Menschen sich selbst als „Sünder“ bezeichneten und Christus als ihren „persönlichen Retter“, zuckte sie zusammen.
Helfer. Dieses Bild müsste genügen. Sie schrieb ein paar Absätze über Psalm 46, in dem Gott als ein sehr präsenter Helfer in Not beschrieben wird. Als John eintraf, hatte sie ihre Aufgabe gerade beendet.
„Danke, auch für das Mittagessen“, sagte sie, als sie auf der Beifahrerseite einstieg. „Was würde ich nur ohne dich tun?“
Er grinste. „Verhungern.“
Sie wuschelte ihm durch die Haare. „Wie war das Footballspiel?“
„Dein Schatz hat mit einem Touchdown gepunktet und das Spiel gewonnen.“
„Du hättest Profisportler werden sollen, John.“
„Allerdings. Dann hätten wir jetzt zumindest zwei Autos.“
Charissa lachte.
„Und bei dir, Riss? Wie war der Kurs?“ John behielt eine Hand am Lenkrad und streichelte mit der anderen über ihre Haare.
„Ganz anders, als ich erwartet hatte.“
„Oooh … Das klingt nicht gut. War es eine besondere Art von Bibelstunde, oder was?“
„Nein, definitiv keine Bibelstunde“, erwiderte sie, und ihr Tonfall verriet ihre Irritation deutlich. „Die Leiterin begann mit einer Art Meditationsübung. Sie las den Text vor, wie Jesus die Jünger beruft, und forderte uns auf, uns vorzustellen, wir wären dabei. Was sehen wir? Was fühlen wir? Was hören wir? Es war alles sehr subjektiv. Ich schätze, wir sollten den Text auf eine ganz neue Art erleben. Aber ich habe diesen Abschnitt schon so oft gelesen, dass ich nichts Neues erkennen konnte. Dann verteilte sie ein Arbeitsblatt über so ein Labyrinth. Das ist wie ein großer Irrgarten, draußen im Hof des Zentrums auf dem Boden aufgemalt, und man läuft die Wege entlang, während man betet. Ich fand das ehrlich gesagt ziemlich esoterisch angehaucht. Und es gibt keinen Studienplan und keine Leseliste“, schnaubte Charissa.
„Das ist schon ein wenig seltsam, nicht?“
„Finde ich auf jeden Fall. Wo gibt es das denn, dass kein Studienplan verteilt wird? Ich verstehe das nicht.“
„Was genau sollt ihr denn lernen?“
„Keine Ahnung.“ Charissa wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger. „Sie sagte nur, sie wolle nicht, dass wir uns selbst vorauseilen. Und dann gab sie uns eine Aufgabe. Wir sollen über unsere Bilder von Gott nachdenken. Ich habe das erledigt, während ich auf dich gewartet habe. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich überhaupt noch mal hingehe. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was ich tun soll. Dr. Allen hat so eine hohe Meinung von ihr, und er war davon überzeugt, dass mir dieser Kurs etwas bringt. Aber ich sehe nicht, was das sein könnte.“
In dieser Nacht schlief Charissa nicht gut. Während sie wach im Bett lag und Johns gleichmäßigem Atmen lauschte, versuchte sie sich an den unangenehmen Traum zu erinnern, der sie aufgeweckt hatte.
Da war eine Dachkammer mit Kisten voller Bücher gewesen, und sie lag auf den Knien und packte diese Kisten aus. Sie wusste, wenn sie alle Kisten ausgepackt hatte, könnte sie eine wundervolle Bibliothek zusammenstellen. Sehr sorgfältig katalogisierte sie die Bücher, ordnete sie alphabetisch und füllte ein Regal nach dem anderen. Aber immer, wenn sie dachte, die letzte Kiste wäre nun ausgepackt, tauchten weitere auf. Während sie noch dabei war, alle Bücher unterzubringen, klopfte es an der Tür. Sie arbeitete weiter, ohne die Tür zu öffnen, fest entschlossen, ihr Projekt zu Ende zu bringen. Doch das Klopfen hörte nicht auf und wurde immer lauter.
„Herein!“, rief sie schließlich ungeduldig. Aber es kam niemand herein, trotzdem klopfte es weiter. „Was ist denn?“, rief sie. „Ich habe doch ‚Herein‘ gesagt!“ Die Tür ging nicht auf, und erst da fiel ihr auf, dass sie verriegelt war.
Charissa war aus dem Schlaf hochgeschreckt, und das Klopfen hallte noch in ihrem Kopf nach. Zuerst dachte sie, es sei vielleicht tatsächlich jemand an der Tür, und sie lauschte aufmerksam. Aber da war nur das gleichmäßige Ticken der Wanduhr, das die endlosen Minuten der Schlaflosigkeit herunterzählte.
Charissa hatte die Absicht gehabt, sich nach dem Seminar am Montag davonzustehlen, bevor Dr. Allen ihr irgendwelche Fragen stellen konnte. Doch als sie ihre Sachen zusammenpackte, fing er sie ab. „Charissa, bleiben Sie doch bitte noch kurz“, sagte er, den Studenten unterbrechend, der eine Frage an ihn hatte.
Sie atmete tief durch und wartete darauf, dass er sein Gespräch beendete.
„Begleiten Sie mich doch ein Stück“, sagte er, während er seine Aktentasche nahm. „Ich würde gern etwas über die geistliche Reisegruppe hören.“
Sie verbarg ihre Irritation hinter einem aufgesetzten Lächeln. „Na ja, es war nicht ganz das, was ich erwartet hatte …“
„Nur weiter.“ Er würde sie nicht vom Haken lassen.
„Ich bin davon ausgegangen, dass es ein richtiger Kurs über geistliche Übungen und Gebetspraktiken wäre. Das stand zumindest auf dem Flyer. Ich hatte einen Vortrag mit anschließender Diskussion erwartet, doch stattdessen war das Ganze ziemlich … experimentell. Kein Studienplan, keine Leseliste. Keine Anhaltspunkte, was eigentlich das Ziel dieses Kurses ist. Ganz und gar nicht das, was ich erwartet habe.“
„Ich verstehe.“
Sie hatte das beklemmende Gefühl, dass das tatsächlich so war. Dr. Allen besaß geradezu übermenschliche Fähigkeiten in der Analyse, und plötzlich schien sie das Objekt seiner Studien zu sein. Charissa war daran gewöhnt, dass die Leute nur das sahen, was sie ihnen zu sehen gestattete, und jetzt erkannte ihr Professor offensichtlich Dinge, die sogar ihr selbst verborgen waren. Das gefiel ihr nicht.
„Vergessen Sie nicht, Charissa: Die Dinge, die uns ärgern oder enttäuschen, offenbaren oft mehr über uns als alles andere. Lernen Sie, bei dem zu verweilen, was Sie provoziert oder abstößt. Sie könnten feststellen, dass der Geist Gottes genau dort am Werk ist.“
Sie waren bei seinem Büro angekommen, und er wandte sich ihr zu. „Zum Lernen gehört mehr als ein Studienplan und eine klare Zielsetzung“, fuhr er fort. „Eigentlich ist es so, dass ein Plan dem wirklichen Lernen manchmal sogar im Weg steht, vor allem, wenn es das höchste Ziel eines Studenten ist, den Lehrstoff zu beherrschen.“ Er zögerte, musterte sie sorgfältig. „Sie sind eine ausgezeichnete Studentin, Charissa. Sie sind gewissenhaft, effizient und erledigen alles perfekt, was Sie anfangen. Aber unter dem Offensichtlichen gibt es mehr zu entdecken.“ Obwohl sein Kompliment eher wie ein Vorwurf klang, war Charissa entschlossen, keine Reaktion zu zeigen. „Kommen Sie doch kurz rein.“
Sie folgte ihm in sein Büro. Er legte seine Aktentasche ab, nahm ein Foto von seinem Schreibtisch und hielt es ihr hin. „Sie wissen ja, dass ich leidenschaftlich gern segele“, sagte er.
Charissa betrachtete das Foto von Dr. Allen und einigen Freunden auf einem Segelboot. Jemand hatte gerade in dem Augenblick auf den Auslöser gedrückt, als das Segel gebläht war. Seine grauen Haare wehten im Wind, sein Gesicht leuchtete vor Begeisterung.
„Sind Sie schon mal gesegelt?“, fragte er.
„Ja, einmal mit meinem Vater, als ich klein war. Ich erinnere mich nur daran, dass das Boot sanft auf dem Wasser geschaukelt hat. Wir warteten darauf, dass Wind aufkam. Mein Papa war ziemlich frustriert, und ich glaube, danach ist er nicht mehr segeln gegangen. Er hat ein Motorboot gekauft.“
Dr. Allen lachte. „Genau. Segeln ist nicht effizient. Darum nutze ich es als Bild für mein eigenes geistliches Wachstum und meine Übungen.“ Er hielt inne. „Mir fällt es schwer, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Ich bevorzuge es, einen Kurs festzulegen und diesem ohne Umwege und Ablenkungen zu folgen – mit einem Motorboot durchs Leben zu fahren, wenn Sie so wollen. Doch das Segeln ist eine gute Übung für mich. Ich lerne, Geduld zu haben, auf den Wind zu warten und zu überlegen, welche Segel gehisst werden müssen, um die Kraft des Windes am besten zu nutzen. Zwar habe ich absolut keine Kontrolle über den Wind, doch ich kann darauf reagieren, wenn ich aufmerksam bin.“
Er stellte das Foto wieder auf seinen Schreibtisch. „Am liebsten würden wir die Richtung unserer geistlichen Reise festlegen“, fuhr er langsam fort. „Doch in der Liebe zu Gott und zu anderen Menschen zu wachsen ist ein lebenslanger Prozess, den wir nicht aus eigener Kraft erreichen können. Wir müssen lernen, dem Heiligen Geist das Steuer zu überlassen.“ Er lächelte geheimnisvoll. „Vielleicht möchte Gott Ihnen durch ihre Frustration über diesen Kurs etwas klarmachen.“
Seine dunklen Augen blickten sie eindringlich an, und sie wünschte sich beinahe, er würde ihr auch gleich verraten, was Gott ihr klarmachen wollte. Doch Dr. Allen hütete sich, ihr etwas zu sagen, was sie allein herausfinden musste. Zurückhaltung war die Gabe eines guten Lehrers, und in diesem Augenblick ärgerte sie sich darüber, dass er ein guter Lehrer war.