Читать книгу Schande zählt nicht - Stefan Matern - Страница 7
ОглавлениеVorwort
Gelassenheit und die Nähe des Menschen zu sich selbst sind von zentraler Bedeutung für Anthony de Mello, der den entscheidenden Anstoß zu diesem Buch gab. Aber Gelassenheit kann man sich nicht einfach verordnen. Man muss sie sich regelrecht erleben und die Auseinandersetzung mit de Mello ist für mich ein bedeutender Teil dieser Erlebung geworden. Das Außergewöhnliche an seinem Welt- und Menschenbild ist, dass sich Gelassenheit dabei nicht aus heiteren und optimistischen Betrachtungen entwickelt, sondern aus einem zutiefst ernüchternden Blick auf die menschliche Natur.
Anthony de Mello (1931–1987) war ein innerhalb der Katholischen Kirche bekannter und erfolgreicher indischer Jesuitenpater, der erst wenige Jahre vor seinem frühen und plötzlichen Tod damit begonnen hatte, die menschliche Natur zu sezieren und radikale Thesen darüber aufzustellen. In den Jahren zuvor hatte er bereits mehrere Bücher mit Lebensweisheiten (überwiegend als Kurzgeschichten und Aphorismen) über Meditation und Spiritualität geschrieben, aber noch nicht über sein neues Menschenbild. So sind seine Ansichten dazu nur fragmentarisch erhalten geblieben, aber zusammen mit anderen Texten, die sich kritisch mit der Lehre der Kirche auseinandersetzen, führte dies dazu, dass seine Schriften für einige Jahre mit einer offiziellen Notifikation der Katholischen Kirche gebrandmarkt wurden (… um die Gläubigen vor den Gefahren zu warnen, die in den Schriften von Pater Anthony de Mello liegen …).
Nach seinem Tod haben Freunde von ihm wesentliche Aussagen aus seinen schriftlichen Unterlagen und Vorträgen seiner letzten Jahre zusammengetragen und als Buch unter seinem Namen in den USA veröffentlicht (Titel der Originalausgabe: Awareness (dt. Der springende Punkt, Herder Verlag).
Im ersten Kapitel meines Buches schreibe ich darüber, warum wir Menschen nicht freie Altruisten, sondern unfreie Egoisten sind. Im zweiten Kapitel habe ich die für mich wichtigsten Aussagen de Mellos aus Awareness zusammengefasst und mit eigenen Kommentaren versehen. Und in der Quintessenz verbinden sich diese beiden Kapitel zu einer Geschichte darüber, warum weder Ansehen noch Schande von Bedeutung sind.
Dies ist das herausfordernste Buch, das ich je gelesen habe. Mir hat es nicht gefallen, was er über die Menschen und ihre Selbstsucht und über die Liebe sagt, aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Das hat der Papst wohl auch so gesehen, dass er ihn dafür bestraft hat…
Internetkritik zu Awareness