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Myléne Farmer (C)
ОглавлениеLudwig, Max, Niklas, Rudolf, Sylvia
D'avoir mis son âme dans tes mainsTu l'as froissé comme un chagrinEt d'avoir condamné vos différencesNous ne marcherons plus ensemble
Sa vie ne bat plus que d'une aileDansent les flammes, les bras se lèventLà où il va il fait un froid mortelSi l'homme ne change de ciel pourtant, j'ai rêvé
Myléne Farmer - Rêver
„Hochwürden?“, eine unsichere Stimme hallte durch die fast perfekte Stille in der alten katholischen Kirche des kleinen Ortes Altötting am Fuß der bayrischen Alpen. Pastor Lammerz, der wie jeden Abend, fast schon nachts, noch einmal die Reihen seiner uralten Kirche prüfte, hielt in seiner Andacht inne.
Die Person am Eingang der zweiten Sitzreihe war ein 'Bot'. Ein 'Bot' mit einer weiblichen Stimme. Er hatte ihn zunächst gar nicht bemerkt. Der Bot, wohl mit einem weiblichen Wesen besetzt, war dunkel, fast schwarz, gekleidet. Es kam tatsächlich selten vor, dass so ein 'Roboter' die Kirche betrat. Um diese Uhrzeit hatte er nicht mit der Anwesenheit eines 'Gläubigen' gerechnet, egal ob Mensch oder Virtueller. Es war 22:30 Uhr. Vater Lammerz wollte eigentlich nur noch sein tägliches Nachtgebet sprechen und dann mit Gottes Segen zu Bett gehen. Um diese Uhrzeit war er Besuch nicht gewohnt. Dennoch, das Haus Gottes blieb, wie es traditionell Brauch und Gesetz war, Tag und Nacht geöffnet. Hier in diesem kleinen Dorf war es nicht nötig, die Türen zu verschließen. Vandalismus oder Landstreicherei war hier in der örtlichen Idylle unbekannt. Die Benutzung von Bots war hier ebenfalls äußerst selten.
Meistens kamen sie nur einmal kurz rein, um die Architektur zu mustern und nachzusehen, wo zum Beispiel die nächste Trauung des Ur- oder noch weiter entfernten Enkels stattfinden sollte, denn Rudolf war etwas traditionell eingestellt und gab die Trauungen tatsächlich nur per Aushang bekannt. Auch für die eigentliche Hochzeit wurden dann selten Bots verwendet. Letzten Endes war hier der Mitschnitt vollkommen ausreichend, denn Bots nehmen sehr viel Platz weg und … sie fallen auf.
In naher Zukunft stand jedoch keine Trauung, Taufe oder Ähnliches an. Das Wesen mit der Stimme einer Frau hatte sich wieder hingesetzt. Der Bot schien ... zu beten. Rudolf Lammerz verließ das Podest vor dem Altar, und näherte sich mit festen Schritten den vorderen Sitzreihen. Vor der ersten Reihe blieb er stehen und fragte mit ruhiger und freundlicher Stimme: „Guten Abend?“. Das Wesen antwortete ebenso freundlich: „Guten Abend“.
„Was führt Sie zu dieser späten Stunde noch in dieses heilige Haus, sehr verehrte Dame?“ Aufgrund der Tonlage war die Stimme des Bots für ihn eindeutig einer weiblichen Person zuzuordnen. Er schätzte die Stimme auf Anfang bis Mitte dreißig. Auch wenn Rudolf Lammerz Probleme hatte, diese 'leblosen Dinger gefüllt mit einer ehemaligen Seele' als echte Geschöpfe Gottes anzusehen, gab es für einen Mann Gottes keinen Grund einen Besucher seines Gotteshauses nicht höflich zu empfangen.
Sie trat aus der Sitzreihe in das Mittelschiff hervor und blieb dann dort stehen, sodass sie einen ähnlichen Abstand einhielt, wie dies wohl auch ein Mensch getan hätte, der auf etwas Distanz bedacht ist, aber dennoch mit seinem Gegenüber gerne sprechen möchte. Der 'Bot' blickte auf und Vater Lammerz sah in Augen, die von Trauer umgeben waren. Er stutzte. Der Pastor hatte nicht erwartet, in einem Bot-Monitor so tiefe Gefühle erkennen zu können.
Die traurigen Augen weiteten sich ein wenig und die Stimme wurde ein wenig fester und sicherer, jedoch konnte sie ihre Unsicherheit nicht vollständig verbergen: „Vielleicht ist es doch nicht richtig, ...“. Unsicher ging der Bot einen Schritt rückwärts und drehte leicht die Hüfte in einer Art und Weise, wie es ein Mensch nicht tun kann. Das Wesen war im Begriff zu gehen.
„Jeder ist im Haus Gottes willkommen!“
Diese Aussage mag einstudiert worden sein, aber Rudolf Lammerz war Pastor aus Leidenschaft. Wenn er dies sagte, so war dies auch seine Überzeugung. Zudem war er zu neugierig, warum ausgerechnet so spät, fast schon in der Nacht, eine dieser Mensch-Maschinen ihn und seine Kirche besuchte. Er war zwar ein Mann Gottes, aber vor allem war er auch Mensch. Rudolf wollte nicht, dass sie ging. Offensichtlich bedrückte sie etwas. Sein Satz hatte Erfolg. Der Bot hielt mitten in der Bewegung inne und blieb stehen.
„Sie sind doch nicht zu dieser späten Stunde hier eingekehrt, um einfach unverrichteter Dinge wieder zu gehen?“, ergänzte der Pastor, um das Gespräch am Leben zu erhalten. Nach einer Pause von einigen Sekunden antwortete sie: „Nein, eigentlich nicht … aber ich wusste nicht, ob ich hier“, es entstand erneut eine kurze Pause, „willkommen bin.“
Vater Lammerz änderte die Haltung seiner vor dem Bauch verschränkten Hände indem er die Handflächen einladend nach außen drehte. Es war nicht direkt eine Frage in dieser Geste zu erkennen. Trotzdem entschied sich Rudolf für diese Bewegung, die seit Tausenden von Jahren als eine Willkommensgeste der Kirche bekannt war. Sie bedeutete 'Ich empfange dich mit offenen Armen, du bist hier willkommen.' Jeder Gläubige kennt sie, wird sie der ursprünglichen Bedeutung nach deuten und sollte darauf reagieren: „Ich danke Ihnen.“ sagte der Bot, der seine Geste anscheinend richtig interpretiert hatte.
Der Pastor legte den Kopf leicht schief, wie er das immer tat, wenn er noch mehr Worte erwartete. Er durchbrach erneut die schon wieder leicht beklemmend werdende Stille und sagte: „Bitte.“ Kurz danach fuhr er fort: „Nun?“
„Ich hoffe ich störe nicht ...“, begann die Frau. Rudolf musste lächeln, er senkte leicht den Kopf und sah den Monitor mit leicht gesenktem Kopf von unten mit nach oben gerichteten Augen an. Der Bot war groß, zirka 190 Zentimeter. In Ihrem irdischen Leben war sie wohl sicherlich nicht so groß gewesen. Aber eigentlich war sie ja immer noch hier, oder nicht? Ach verdammt, die Situation ist schwierig geworden. Ganz früher - als es noch einen endgültigen Tod gab, war es einfacher.
„Aber nein, natürlich störe ich um diese Uhrzeit, tut mir leid … ich war immer ein nachtaktiver Mensch, obwohl ich nicht mehr so recht Tag und Nacht unterscheiden kann.“
Als der Bot antwortete, wurde das Gesicht im Monitor wieder etwas trauriger. Dieses Gesicht zeigte eine Frau - wahrscheinlich in den späten Zwanzigern. Es passte zu dem Alter der Stimme. Der Haaransatz ließ tiefe, dunkelbraune Haare erkennen. Das Gesicht war ausgesprochen hübsch. Sofern es ihr früheres Aussehen war, musste sie eine auffallend schöne Person gewesen sein. Natürlich kann ein „Virtueller“, wie die Bewohner der zweiten Welt gerne wenig respektvoll benannt wurden, seinen Körper nicht mitnehmen.
Der Frau nahm die Gedanken des Pastors auf:
„Ja, das war wirklich ich!“, … … …, „Bevor wir gestorben sind!“ Das Gesicht konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Rudolf wusste nicht, wie es möglich war, dass die Bewohner der zweiten Welt Gefühle erleben konnten. Für ihn waren es unvollkommene Seelengeschöpfe, gefangen in einer Art riesigem digitalem Käfig. Es war ihm immer schon ein Rätsel, wie und warum das funktionieren konnte. Allerdings konnte er auch nicht erklären, wie Gefühle bei Menschen funktionieren. Es hatte ihn viel Training und Gespräche gekostet, mit den Gefühlen anderer Menschen umzugehen, sie richtig zu lesen und entsprechend darauf zu reagieren. Bei virtuellen Menschen fehlte es ihm gänzlich an Erfahrung und Empathie. Jedoch, einem weinenden Wesen konnte er sich nicht verschließen.
„Ich möchte ihnen helfen.“, bemerkte er sichtlich betroffen. „Merken sie es, wenn ich sie in den Arm nehme?“
Schluchzend erwiderte die Person: „Nein, ich merke dies nicht im körperlichen Sinne, aber ich danke ihnen sehr, dass sie es tun würden.“ Im Bot selbst erklang ein Geräusch, als ob tief Luft geholt wurde. „Wie unglaublich echt doch die Illusion einer wirklichen Person ist“, sinnierte Rudolf in Gedanken. Es war deutlich zu erkennen, dass das Gesicht auf dem Monitor tief Luft holte.
„Ich weiß es nicht ...“
„Hmmm?“, der Pastor schien ein wenig verwirrt.
„.. ob sie mir helfen können“, sprach der Bot weiter.
Von einem Augenblick zum Nächsten schien die Traurigkeit in der Stimme verflogen. Das Gesicht auf dem Monitor erschien wieder eigenartig 'normal' abgebildet.
Bei aller Faszination für diese Maschinen - perfekt waren sie noch nicht. Eine 'echte, wirklich lebende' Person hätte den Schmerz und die Traurigkeit nicht in einer solchen Geschwindigkeit wegwischen können.
„Oh, entschuldigen Sie, ich weiß … es ist verwirrend für Menschen, dass die Gefühle so schnell verändert werden können. Es scheint, als haben sie nicht so oft mit der anderen Welt zu tun?“
„Allerdings!“
Rudolfs Antwort geriet vielleicht ein wenig zu schnell und direkt. Nach einer kurzen Pause und einem leichten Kopfschütteln fuhr er mit dem Gespräch fort: „Jetzt muss ICH mich aber entschuldigen, ich wollte sie nicht beleidigen.“
„Das haben sie nicht! Ehrlichkeit ist niemals beleidigend, dies ist nur die Lüge. Es ist … spät … vielleicht sollten wir an einer anderen für sie günstigeren Zeit weitersprechen?“
„Das hätte ein Mensch so niemals gesagt … die Wortwahl ist eigentlich viel zu kompliziert.“, dachte Rudolf still.
Der Kopf auf dem Monitor wiegte sich leicht zur Seite, scheinbar wartete sie auf eine Antwort ...
„Aber ja, ... wenn sie möchten, gerne“, nach einem Moment fuhr er fort: „Sie haben Recht, es ist tatsächlich schon spät.“
„Wann haben sie denn noch 'Termine' frei oder kann ich einfach zu den Sprechstunden vorbeischauen?“, die Stimme der Frau klang leicht amüsiert.
„Die Kirche ...“, begann Rudolf, „ist jederzeit offen“ beendete die Frau den Satz mit einem abermals höflich-freundlichen Lächeln. „Aber ich bekomme nicht immer einen Bot, wann ich dies möchte.“
„Oh ...“ entfuhr es Rudolf. Das stimmte natürlich. Bei der Menge an Bewohnern, die schon seit nunmehr unzähligen Generationen in der zweiten Welt gesammelt wurden, war es sicher nicht immer möglich, jederzeit sozusagen ein Taxi zu bekommen. Gerade zu den Stoßzeiten, also tagsüber, war es wohl umso schwieriger. Dies erklärte auch, warum sie nicht früher, zum Beispiel zu den Abendstunden hier erschienen war.
„Sie müssen entschuldigen, ich benutze nicht gerne die virtuelle Schnittstelle, aber ich kann in ihrem Fall ja eine Ausnahme machen“, sagte Rudolf.
„Wann haben SIE denn Zeit?“, fragte er.
„Jederzeit! Zeit spielt für mich in diesem Leben keine große Rolle mehr, ich werde es einrichten. Schließlich möchte ich mich ja mit Ihnen unterhalten. Zudem habe ich keine großen Verpflichtungen mehr.“
„Morgen um 21:00 Uhr?“, fragte der Pastor. „Dann ist die Abendmesse vorbei und ich habe danach nichts weiter mehr vor.“
„Sicher, ich danke Ihnen, dass sie es so bald einrichten können.“
„Nach wem muss ich suchen?“, fragte Rudolf.
„Sylvia … Sylvia Limbach“, antwortete sie. „Da es sicher mehrere gibt: Ich bin vor anderthalb Monaten gestorben, unsere Familie hatte einen Unfall. Wir wohnen nun im Rosenweg Sieben, im virtuellen München. Bitte klopfen Sie vorher an. Sollte mein Sohn öffnen, sagen sie bitte, dass sie mit mir sprechen möchten. Er sollte nichts von unserem Gespräch erfahren“, antwortete Sylvia.
„In Ordnung, gut“, bestätigte Rudolf. Er stutzte kurz bei dieser Antwort, beschloss aber sie zu ignorieren. Etwas musste er noch wissen: „Darf ich noch etwas fragen?“
„Ja, sicher“
„Wie kommen Sie auf mich?“
„Das ist reiner Zufall, ich habe einfach den Zufallsgenerator nach einem christlichen Priester in Deutschland gefragt, der in einem Ort lebt, der nicht zu häufig von Bots besucht wird. Es war mir wichtig, sie persönlich anzusprechen und nicht den Umweg über das Kommunikationssystem zu gehen. Zudem mochte ich mit einem lebenden Menschen sprechen. Das Suchergebnis hat mir ihre Adresse genannt.“
Rudolf atmete tief aus. „Ich hoffe, das ist für sie in Ordnung?“, sagte Sylvia direkt darauf. Man hörte deutlich die Unsicherheit in dieser Frage. „Ich weiß, ich gehöre nicht ihrer Gemeinde an.“
Rudolf faltete die Hände und ballte sie, bis auf die beiden Zeigefinger zur Faust. Auf der Brust abstützend legte er sein Kinn auf die Fingerspitzen der Zeigefinger, um zusätzlich auch noch seinen Kopf abzustützen. Er tat dies oft, wenn er überlegte.
„Die Wege des Herrn sind manchmal etwas sonderbar“, dachte er laut nach und ergänzte: „Vielleicht hätte ich nicht mit Ihnen geredet, wenn Sie mich einfach nur angeschrieben hätten. Sie haben den richtigen Weg gewählt.“
„Schlafen Sie gut, Ich danke Ihnen vielmals“, sagte Sylvia.
„Ich wünsche Ihnen auch eine gute ...“, Pastor Rudolf stockte.
„Schon gut“, sagte Sylvia „in gewisser Weise ruhen wir auch.“ und nach einer länger wirkenden Pause als vielleicht beabsichtigt, fügte sie hinzu: „Wenn es auch nicht zu vergleichen ist.“
Mit diesen Worten verließ das 'Frauwesen' die Kirche. Pastor Lammerz beendete seine tägliche Routine mit seinem verspäteten Nachtgebet und dem damit verbundenem Dialog zu Gott. Er musste danach doch noch ein wenig, oder vielleicht auch ein wenig mehr, an die Frau denken. Die ganze Begegnung, ebenso das Gespräch, war ungewöhnlich. Sein fester Tagesrhythmus und die dazugehörigen Rituale gaben ihm den Abstand zu seiner Tätigkeit. Diesen Abstand benötigte er gelegentlich, um wieder herunter zu kommen. Auch ein Priester braucht seine Auszeit - er kann nicht immer nur der Hirte sein. Aber diese Frau beschäftigte ihn mehr, als ihm recht war. Schließlich schlief er mitten in der Nacht doch ein.
Sein folgender Tag war wie einer von vielen dieser Herbsttage in einem kleinen Dorf, mitten in dem Land, das einmal Deutschland hieß. Es nieselte, der Tag begann grau. Die Blätter der vielen Laubbäume im bayrischen Wald hatten schon längst ihre grüne Farbe verloren. Altötting war einer von vielen kleinen Orten mitten in Europa. Es gab' nichts Besonderes an und in diesem Dorf, bis auf die alte Kirche und ein noch älterer Rest einer Ruine eines uralten Klosters. Er befürchtete, dass seine ehemals viel prächtigere Kirche demnächst das gleiche Schicksal des bemitleidenswerten uralten Klosters teilen würde. Bis auf ein paar alte Steine, die Ruine eines Turms und einer alten Basaltmauer stand nichts mehr vom alten Kloster. Selbst der Name des Klosters wäre vergessen worden, wenn er nicht in alten Büchern seiner Gemeinde gestanden hätte und irgendwann einmal ein übereifriger Historiker diese Schriften für wertvoll genug deklariert hatte, dass sie abfotografiert und digital gespeichert wurden. Wie es wohl war, das Leben damals vor langer, langer Zeit, im sogenannten Mittelalter? Mittelalter, welch merkwürdiger Name für eine Zeit, in der es noch nichts gab, was heute das Leben ausmacht. Damals war die Kirche noch eine der Hauptsäulen des täglichen Lebens gewesen. Der Adel, die Kirche, das normale Volk, diese Dreiteilung war schon längst Vergangenheit.
Er wusste, dass er schon ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Rudolf verschloss sich den modernen Medien. Mit Computern, Bits und Bytes konnte er nicht viel anfangen. Rudi war ein Mann der Worte, der gesprochenen Worte noch lieber als der geschriebenen. Dafür liebte ihn seine kleine Gemeinde. Zumindest diejenigen die ihm noch zuhören wollten. Die Botschaft von Jesus Christus war für einige Menschen noch immer spannend und aktuell, obwohl das von ihr ehemals propagierte ewige Leben so gut wie überflüssig geworden ist. Nahezu jeder entschied sich später für das Leben nach dem Leben und nicht für das Leben nach dem Tod.
Viele haben damit auch der traditionellen Kirche den Rücken zugekehrt, denn ein wesentliches Versprechen der Kirche war nun auch anscheinend anderweitig zu bekommen. Das ewige Leben gehörte nicht mehr der Kirche allein. Ein Leben nach den traditionellen Grundsätzen der Kirche war vielleicht nicht mehr nötig? Nicht alle besitzen die Disziplin eine Aufgabe durchzuführen, wenn es dafür keine Belohnung gibt. Warum soll man an Gott glauben, wenn man ihn gar nicht mehr benötigt, oder ihn sowieso niemals trifft? Aber … ist dies das Ziel? Ist nicht vielmehr der Weg das Ziel? Gut, dies kommt nicht von Jesus Christus, sondern von Konfuzius, so sagt man zumindest. Die christlichen Lebens- und Glaubensgrundsätze haben einen guten, lebensbejahenden Kern. Selbst wenn man nicht an ein höheres Wesen glaubt, so macht es Sinn, nach den alten Regeln und Vorsätzen zu leben.
Auch andere Religionen haben so ihre Probleme. Es traf sie damals alle unvorbereitet. Durch die große Revolution wurden sie einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Scheinbar bewusst hat man nicht viele höherrangige Kirchenvertreter oder auch Vertreter anderer Religionen in den Plan eingeweiht. Hatte man Angst, vor den Reaktionen? Vielleicht war es auch einfach so, dass man ihr nicht vertraute. Die Kirche stand meist traditionell mit der Wissenschaft im Disput. Es klingt heute unglaublich, dass sie hunderte von Jahre gebraucht hat, um offiziell zu bestätigen, dass die Erde, nachdem man dies entdeckt hatte, doch rund war und keine Scheibe. Für den anfänglichen Glauben an allein nur diese Tatsache starben viele Menschen, gerichtet durch die Kirche oder im Namen von ihr. Der Entdecker des heliozentrischen Weltbildes, Galileo Galilei, wurde erst im Jahre 1992, 351 Jahre nach seinem Tod, von dem Vorwurf der Ketzerei offiziell freigesprochen. Im Jahre 2008 erklärte sich die Kirche erneut, indem sie behauptete, dass das Urteil gegen Galileo Galilei nicht vom damaligen Papst unterzeichnet wurde und er daher nicht von höchster Instanz der Ketzerei für schuldig befunden wurde, weswegen auch kein Freispruch erfolgen musste. Galilei hatte noch Glück, seine Kerkerhaft wurde nach wenigen Wochen beendet und in Hausarrest umgewandelt. Dies ist nur eines der vielen negativen Beispiele aus tausenden von Jahren Zeitgeschichte, in denen die Kirche aktiver als heute die Geschicke der Menschen zu steuern versuchte. Pastor Lammerz musste zugeben, dass hierbei nicht immer ein glückliches Händchen vorhanden war. Viele, viele Menschen sind durch die Vertretung des himmlischen Glaubens auf der Erde, namentlich der Kirche, gestorben, oder schlimmer noch, einfach hingerichtet worden. Viel Wissen ist verloren gegangen, um den Status Quo der Kirche zu erhalten. Das war nicht richtig. Man kann die Zukunft nicht aufhalten. Aber … man konnte sie verlangsamen. Dieses Konzept hat Jahrhunderte, Jahrtausende funktioniert. Und wer weiß, vielleicht wird die Kirche auch überdauern. Rudolf glaubte fest daran, genau wie er auch weiterhin an die Existenz von Gott glaubte. Die Kirche war das Haus Gottes. Bei allem Übel, den sie geduldet und auch hervorgerufen hat, war sie auch die Heimat und der Träger vieler Dinge, die es sonst in dieser Form auf der Welt nicht geben würde: Unter anderem Barmherzigkeit, Schutz, Glaube und auch Liebe.
Er konnte es nicht rational erklären, Glauben ist nicht rational. Entweder man glaubt, oder man glaubt nicht. Aber, würde er auch der Versuchung widerstehen, in das irdische Leben nach dem Tod einzutreten, oder würde er den Mut finden zu sterben? Für ihn gab' es keine Zweifel, es gibt ein Leben nach dem Tod. Nicht hier auf der Erde, sondern … … irgendwo. Die Seele bleibt unsterblich.
Wie auch immer, er benötigte Hilfe. Nicht für sich, sondern für das Gespräch mit Sylvia Limbach. Rudolf war schließlich ein durch und durch weltlicher Mensch, der Computer oder Ähnliches nur selten benutzte. Er konnte gar nicht mit diesen ... Dingern umgehen. Aber ... er war ein Mensch, der seine Versprechen hielt. Zum Glück hatte er nicht versprochen, dass er nicht mit anderen Menschen über die gestrige Begegnung sprechen würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein junger Freund Max den Sohn von Sylvia Limbach kannte, war sehr, sehr gering. Er konnte ihn also gefahrlos einweihen, nachdem er kurz mit seinem Vater gesprochen hatte. Max war 15 Jahre alt. Sie spielten gelegentlich zusammen Tennis und verstanden sich recht gut. Und … Max war der Computerfreak in seiner Familie. Er sprach und traf öfters Menschen aus der zweiten Welt. Viele seiner Omas, Opas, Uromas und was-weiß-sonst-noch-wer-für-Urahnen trafen sich mehrfach in der Woche mit ihm. Fast passierte dies schon zu häufig, dachte Rudolf gelegentlich. Aber sein Vater Peter meinte, sie hätten das unter Kontrolle. Peter war ein fantastischer Vater. Es gab keinen Grund sich Sorgen zu machen, wenn er sich auch keine machte.
„Rudi, sprich einfach hier hinein, das ist das Mikro!“,
Max wirkte leicht amüsiert.
„Ähm, also … einfach so? Wie denn genau?“,
Rudolf wirkte leicht verunsichert.
„Es tut mir leid, Rudi. Wir haben hier noch nicht in jedem Zimmer Richtmikrofone … ach ja, der Computer reagiert auf den Namen 'Vanessa'.“
„Vanessa?!?“, Pastor Lammerz dachte fast, er hätte sich verhört. Er blickte dabei verwundert in Max' Richtung.
„Öhm … ja. Es ist einfach nur ein Name ...“, sagte Max etwas verstohlen.
Gleichzeitig antwortete auch der Computer mit einer weiblichen Stimme: „Ja, wie kann ich dir helfen?“
Zum Glück hatte Max noch kurz vorher die Stimmerkennung angepasst. Wenn er das nicht getan hätte und ER den Namen 'Vanessa' einfach ausgesprochen hätte, würde sie wahlweise mit 'Ja, mein Meister' oder noch schlimmer mit 'Ja, Liebling' antworten. DAS hätte mit Sicherheit ein paar unangenehme Fragen aufgeworfen. So war zunächst einmal alles in Butter. Der Computer wusste, nachdem Rudolf gesprochen hatte, dass jetzt ein 'Fremder' dabei war und so konnte ab jetzt auch Max übernehmen.
„Vanessa, bitte überprüfe die folgende Adresse in der zweiten Welt: Rosenweg Sieben, München.“
Vanessa antwortete: „Dort wohnen Sylvia und Ludwig Limbach, mit ihrem Sohn Niklas.“
Rudolf nickte bestätigend.
„Vanessa, seit wann wohnen sie dort?“, fragte Max weiter.
„Seit vier Wochen“, bekamen Max und Rudolf als Antwort.
„Nicht länger?“, versuchte Rudolf sein Glück und war verwundert, dass keine Antwort kam.
„Du musst sie direkt ansprechen“, bemerkte Max.
„Oh, Okay“, murmelte Rudolf, „Also dann … Vanessa, noch nicht länger?“
„Nein“, kam die prompte Antwort.
„Du hast das noch nicht oft gemacht, oder?“, wunderte sich Max.
„Nein, das ist das erste Mal“, sprach Rudolf etwas verlegen aus. Das dachte sich Max schon, obwohl er es nicht so richtig glauben wollte.
„Ah ja ...“, witzelte Max, „Soll ich mal übernehmen?“
„Ja, bitte!“, Rudolf hörte sich an, als ob er darüber mehr als glücklich war.
„Vanessa, warum wohnen sie erst seit vier Wochen dort? Was kannst du sonst noch so über die Limbachs herausfinden.“
„Es gibt einen Unfallbericht nur wenige Tage vor dem Einzug. Sie haben vorher, noch als Menschen, in Unterhaching, einem Stadtteil von München gewohnt. Möchtet ihr den Bericht hören?“, fragte Vanessa.
„Woher weiß sie, dass wir zu zweit sind?“ fragte Rudolf.
„Das weiß sie nicht“ antwortete Max. „Aber sie hat erkannt, dass wir zwei Personen sind, da sowohl du wie auch ich bisher Fragen gestellt haben. Daher hat sie die Antwort allgemein formuliert. Es könnten noch mehr Personen im Raum sein und trotzdem wäre die Anrede mit 'ihr' richtig.“
„Unheimlich!“, dachte Rudolf laut nach.
„Aber nein, nicht wirklich“, bemerkte Max ruhig und gelassen. „Nur ein bisschen annähernd künstliche Intelligenz. Unerfahrenen Computerbenutzern ist das manchmal ein wenig unheimlich, stimmt schon. Aber wenn man genau darüber nachdenkt, ist das eigentlich halb so intelligent, wie man zuerst dachte.“
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:
„Ihr Name“, er sprach leiser weiter, damit er nicht als Anrede interpretiert wurde, „Vanessa ist eigentlich nur der Platzhaltername für 'Computer'. Er oder sie ist weder weiblich noch wirklich selbständig. Es ist nichts anderes als eine Art Spiel, wenn man so möchte.“
„Aha!“, bemerkte Rudolf.
„Früher hat man die Computer und Programme noch mehr unterteilt. Damals hättest du noch im sogenannten Internet nach einer Adresse gesucht, indem du sie über eine Tastatur eingegeben hast. Heute steuert der Computer vieles im Haus und erkennt zudem, ob du nur zum Beispiel das Licht einschalten möchtest, oder etwas bestimmtes Wissen möchtest. Aber ... mal Spaß beiseite ... du hast noch nie eine Adresse über einen Computer rausgesucht?“
„Nein, wieso sollte ich? Ich weiß wo welcher Mensch in meiner Gemeinde wohnt“, antwortete Rudolf.
„Gehören die Bewohner der zweiten Welt nicht auch zur Gemeinde?“, fragte Max neugierig.
„Das ist eine interessante Frage“, bemerkte Rudolf. „Bisher hat sich noch niemand wirklich bei mir gemeldet - vielleicht haben sie ja in der zweiten Welt auch so etwas wie kirchlichen Beistand?“
„Nun, darüber reden wir ein andermal - lass uns mal hören, was sie, also der Computer, so über die Limbachs herausgefunden hat, okay?“
„Ja, gut“, pflichtete Rudolf ihm bei. Er war froh, nicht noch weiter in die Defensive gedrängt zu werden. Aber Max hatte recht, er musste sich mit diesem Thema wirklich einmal näher beschäftigen.
„Vanessa, lass hören!“
Sie erfuhren, dass die gesamte Familie Opfer eines Verkehrsunfalls geworden ist. Die Bremsen eines Zuges versagten, nachdem bei einem Sturm ein größerer Baum auf die Schienen gefallen war. Ein Zug kann nicht ausweichen und nachdem er die Schienen verlassen hatte, verlor er letztendlich seine Richtung. Er geriet ins Schlingern und ein Personenabteil krachte mehr oder weniger ungebremst gegen einen massiven Stahlbrückenpfeiler. Dabei kamen viele Menschen ums Leben. Zum Glück für die Beteiligten war es wohl so, dass sie nicht viel gespürt haben. Bei einer Geschwindigkeit von ungefähr hundertfünfzig km/h ungebremst vor etwas Massives zu knallen, lässt einem nicht wirklich viele Überlebenschancen.
„Wie es wohl ist, wenn man irgendwo anders aufwacht und dann erfährt, dass man gerade sein erstes Leben verloren hat?“, sprach Max das aus, was wohl in ähnlicher Form auch Rudolf gerade dachte.
„Noch nicht einmal 30 Jahre alt, mit einem jungen Kind so aus dem Leben gerissen. Oh, Herr … manchmal fällt es schwer, an die Gerechtigkeit im Leben zu glauben“, bemerkte der Pastor.
„Woher kennst du sie? Oder anders gesagt, wie kommst du an ihre neue Adresse?“, fragte Max.
„Sie war gestern Nacht in der Kirche“, antwortete er wahrheitsgemäß.
„Ein Bot?!“, rief Max verwundert aus und unterbrach ihn unbeabsichtigt.
„Ja“, sagte Rudolf.
„Wow, DEN hätte ich gerne gesehen, was war es für ein Typ?“, fragte der Junge neugierig.
Rudolf sah ihn kurz verwundert an und begann dann zu sprechen:
„Ich habe ihr versprochen, mich heute Abend um 21:00 Uhr bei ihr zu melden. Es war spät in der Nacht, ich war müde, sie wollte mich nicht weiter stören und war ausgesprochen höflich. Sie hatte mir gesagt, dass sie gestorben ist, was ja logisch ist. Sogar ich weiß, dass man vorher gestorben sein muss, bevor man in der zweiten Welt lebt. Ich ahnte nur nicht, dass es erst vor so kurzer Zeit war. Sie schien so unglücklich.“
„Ich erinnere mich, dass ich von dem Unfall gehört habe“ sagte Max. „Eine tragische Verkettung von unglücklichen Umständen. Solche Unfälle passieren heute so selten, aber es zeigt auch, dass nicht alles hundertprozentig sicher ist. Alle Opfer leben nun in der zweiten Welt. Schade für die Kinder, sie werden so viel niemals erleben - aber zum Glück leben sie noch“.
„Tun sie das wirklich?“, dachte Rudolf.
„Sollen wir mal bei ihnen klingeln?“, fragte Max.
Er bekam keine Antwort.
„Rudi?!“, Max sprach ihn etwas lauter an.
„Oh, entschuldige Max, ich war in Gedanken. Nein, bitte nicht, ich habe ihr versprochen erst abends vorbei zu schauen. Vielleicht ist sie gar nicht da?“, antwortete der Pastor.
„Wo soll sie denn sein? Etwa shoppen im Supermarkt?“, Max versuchte mit einem kleinen Scherz die etwas beklemmend wirkende allgemeine Stimmung aufzuheitern.
„Ich habe nicht den leisesten Schimmer, Max. Ich fürchte ich kann mir das Leben in der zweiten Welt nicht mal ansatzweise vorstellen“, sagte er.
„Ich bin doch nur ein einfacher Pastor. Ich bin auf diese Begegnung überhaupt nicht vorbereitet“, Pastor Lammerz bekam langsam eine Ahnung davon, auf was er sich hier eingelassen hatte.
„Vielleicht ist ein Spezialist für die zweite Welt hier viel, viel besser geeignet“, fuhr er mit seinen Gedanken fort.
„Aber ... wenn sie den hätte haben wollen, dann hätte sie ihn doch auch aufsuchen können?“, schleuderte Max seine Gedanken in den Monolog des Pastors.
„Da hast du auch wieder Recht“, nahm Rudolf den Gedankengang auf.
„Hat Dein Vater nicht auch mit der zweiten Welt zu tun?“, fragte Rudolf.
„Ja, hat er, wie gefühlt ungefähr zwei Drittel aller lebenden Menschen. Aber er ist heute Nachmittag nicht zu Hause. „Er IST nämlich mit Mama shoppen. Tut mir leid Rudolf, da musst du wohl allein durch.“
„Vielleicht muss das so sein? Vielleicht ist es der Wille des Herrn, dass ich mich nun mehr mit dieser anderen Welt befasse?“
Max hob leicht die linke Augenbraue und sah seinen komischen Freund dabei mit halb zusammengekniffenen Augen an: „Wie sagst du immer so schön?“
Wie aus einem Mund sprachen sie beide es aus: „Die Wege des Herrn sind unergründlich.“
Sie ließen Vanessa, Vanessa sein und entschieden sich, erst einmal eine Runde Tennis zu spielen. Zum Glück war die Sonne rausgekommen und der Nieselregen verschwunden. Rudolf brauchte etwas Abstand. Beim Sport konnte er alle Probleme vergessen. Max war etwas praktischer veranlagt. Indem er mit Rudolf Tennis spielte, musste er erst einmal nicht sein Zimmer aufräumen. Nach zwei Stunden Sport sah die Welt schon wieder etwas freundlicher aus. Zu Hause angekommen, gab der Junge Rudolf noch letzte Anweisungen für das Gespräch mit Sylvia:
„OK, du bekommst von mir diesen netten kleinen Kommunikator mit. Papa hat ihn mir gerade erst geliehen. Bitte pass ein wenig darauf auf, es ist schwierig so einen zu bekommen. Der steuert die Kamera, die sich in der Nähe befindet, während du sprichst. Wenn keine in der Nähe ist, benutzt er seine eigene, die in dem Gerät eingebaut ist. Gleichzeitig siehst du deinen Gegenüber - oder das was sie dir zeigen möchte, denn natürlich braucht sie kein reales Bild. Du musst es ungefähr einen Meter vor dir aufstellen oder Du benutzt die Brille ...“, er öffnete die Unterseite und holte eine Brille mit einem etwas dickeren Rahmen heraus. „Wenn Du die aufsetzt, passiert alles vollautomatisch. Das ist fast so, als stünde sie direkt vor dir.
Rudolf sah das ungefähr 20 mal 15 Zentimeter große Gerät skeptisch aber auch interessiert an. Er setzte die Brille auf: „Ich sehe dadurch nur dich!“
Max lächelte: „Es wird hier...“, er drückte den roten Knopf an der Seite „...endgültig ein- oder ausgeschaltet. Du kannst es ab jetzt eingeschaltet lassen. Der Akku reicht locker für einige Tage, selbst wenn du mehrere Stunden täglich sprichst. Wenn du es in die Nähe eines induktiven Ladegerätes legst, oder du dich sogar in einer Ladezone befindest, dann funktioniert es sozusagen immer. Ihr habt so etwas in der Kirche, direkt neben dem Eingang. Aber du hast mit Sicherheit auch in der Nähe deines virtuellen Raumes so etwas“, Max zwinkerte mit dem linken Auge.
„Wenn du bei Familie Limbach anklopfen möchtest, sprichst du das Gerät einfach an, indem du 'Familie Limbach anrufen' sagst. Mich erreichst du, indem du 'Max anrufen' sagst“.
Rudolf lächelte und sagte laut und deutlich die Worte: „Max anrufen!“
Sofort vibrierte etwas in Max' Hosentasche. Er rollte lächelnd mit den Augen.
„Du, Rudi, bitte nimm es mir nicht übel - ich liebe es mit dir Tennis zu spielen, aber manchmal kommst du mir tatsächlich so vor, als wärst du ein paar hundert Jahre zu spät geboren.“
„Ich weiß“ erwiderte der Pastor „und ich bin dir sehr dankbar für deine Hilfe“.
„Hey, das ist doch selbstverständlich“, verabschiedete er seinen älteren Freund.
„Erzähl mir später mal wie es gelaufen ist“.
„Danke dir nochmals. Du hast mir sehr geholfen.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seinem jungen Freund.
Der Tag hielt keine großartigen Neuerungen und Überraschungen bereit. Hier in Altötting passierte nicht so viel Aufsehenerregendes. Wenn schon die Ankunft eines Bots etwas ist, worüber man sprechen würde, dann wusste man: Hier ist nicht der Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, hier ist vielmehr der Ort wo es nicht mal Füchse und Hasen gab, bildlich gesprochen. Füchse, Hasen, Rehe und vieles mehr, gab' es hier sehr wohl. Der richtige Ort für Menschen, die gerne ihre Ruhe haben und mit dem Rest der Welt am Liebsten nichts zu tun haben möchten. So kannte Rudolf seine Gemeinde und so lebte er mit ihnen zusammen. Die Gemeinde war klein, sehr klein, aber bestand auch aus vielen Handwerkern. Dies war ein großes Glück, denn sie sorgten dafür, dass das Gotteshaus einigermaßen in Schuss gehalten wurde. Früher, ganz früher, zog die Kirche hierfür Gelder ein. Und nicht nur hierfür ... auch Pastoren, Priester und andere Würdenträger wollten leben und 'bezahlt' werden. So etwas wie tatsächliches Geld besaß inzwischen niemand mehr. Jeder hatte etwas was er gut konnte, benötigt wurden sowieso nur noch spezielle Arbeiten. Die Welt hier im Dorf bestand hauptsächlich aus Austauschteilen und denjenigen, die sie montieren konnten und wollten, wenn dies nicht auch schon Maschinen erledigten. Eine Heizung, wie sie in Deutschland benötigt wurde, hatte ihren genormten Raum in jedem Haus. Wenn sie einmal defekt war, was selten genug vorkam, dann rief sie selbständig die Ersatzteile herbei, die dann automatisch gegebenenfalls den Terminplan mit den Hausbewohnern abstimmten, wenn nicht auch das schon automatisiert war. Daher bekam man so richtig gar nicht mit, wenn mal etwas nicht so funktionierte.
Dies alles hatte für Rudolf mehr als den Hauch von Magie. Für ihn und sein Gotteshaus war es auch nicht ganz so einfach. Die Räume in der Kirche waren schwer in der Norm unterzubringen. Im Grunde war er überhaupt froh, dass er seinen „Beruf“ noch ausüben durfte, denn irgendwie kam er sich auch etwas nutzlos vor. Er stellte nicht etwas her und half auch nicht bei der Weiterentwicklung von Bots, Technik oder neuen Verfahren zur Energieentwicklung. Erst recht nicht half er bei der Programmierung jeglicher Maschinen, Speichercodes oder was es sonst noch so alles an „verrücktem Zeug“ gab.
Seine Arbeit war schwer zu fassen. Er benötigte jedoch nicht viel zum Leben, von daher war es wohl auch kein Problem, ihn einfach 'durchzufüttern'. Wie alle anderen Menschen auch, benutzte er seine Mensch-Maschine-Schnittstelle, die meisten nannten sie IBP, intelligent brain plugin. Auch wenn er sich noch nicht final entschieden hatte, so wollte er am Tag X auch nicht die Möglichkeit verpassen, vielleicht doch weiter zu leben. Zudem war es tief in den Glaubensregeln verwurzelt, dass sich der Mensch nicht selbst richten durfte. Wenn er nun nicht alle Möglichkeiten bediente, käme das nicht einem Selbstmord gleich? Daher tat er das, was jeder Mensch abends tat. Er erzählte seinem persönlichen Archiv was er täglich gemacht hatte, wenn es dies nicht sowieso schon wusste, denn viele Dinge geschahen automatisch, ohne dass man es bewusst steuern musste. Das war wieder so ein Voodoo-Ding für Rudolf. Aber es war wie Max so schön sagte: „Gutes Juju“.
Ob Sylvia das auch noch so sieht?
Inzwischen war es 20:55 Uhr. Er hatte bereits alle Geräte verbunden und alles schon getestet, zumindest so wie ihm Max erklärt hatte. Es würde wohl funktionieren. Rudolf mochte es nicht, zu einem zugesagten Termin zu spät zu kommen, also setzte er sich schon früh genug in seiner Wohnung in sein normalerweise verwaistes Medien- oder Kommunikationszimmer, platzierte den Kommunikator so wie Max es ihm gezeigt hatte, verband ihn, oder besser der Kommunikator hatte sich selbst mit sämtlichen audiovisuellen Geräten verbunden, und sprach:
„Familie Limbach anrufen“.
Schon nach wenigen Sekunden antwortete sein großer Bildschirm und ein junger Mann erschienen auf dem Monitor: „Guten Abend Hochwürden. Mein Name ist Ludwig, Sylvia bat mich, sie sozusagen herein zu lassen. Sie bringt Niklas noch ins Bett.“
„Danke, guten Abend. Sie müssen entschuldigen, ich habe so etwas ehrlich gesagt noch nie gemacht. Ich weiß nicht, ob sie mich zuerst hereinbitten müssen, damit wir reden können?“, Roland tastete sich langsam vorwärts.
„Sie sind doch kein Vampir!“, antwortete Ludwig mit einem leicht amüsierten Unterton.
„Aber lassen Sie uns ernst bleiben, unser Anliegen ist schließlich nicht ganz so einfach.“
„Oh, dazu sind wir bisher noch nicht gekommen, wir haben uns gestern nur kurz vorgestellt - ihre Frau und ich“, erklärte der Pastor.
„Ah, Okay - dann sollten wir warten, bis Niklas ... nunja, schläft.“
„Sollte er nicht am Gespräch teilnehmen, wenn es die Familie betrifft?“, fragte Roland.
„Nein, sollte er nicht - ja, es betrifft die Familie“, sagte Ludwig.
„Er ist zu jung?“, fragte Rudolf.
„Ja, er war und ist zu jung für sehr, sehr vieles“, bemerkte Ludwig.
„Ich muss Ihnen sagen, ich habe ein wenig recherchiert. Es tut mir unendlich leid, was ihnen widerfahren ist“, Roland versuchte einen anderen Weg in das Gespräch zu finden.
„Es ist passiert, was passiert ist“, antwortete sein momentaner Gesprächspartner in einem Tonfall, der Roland so gar nicht gefiel.
„Die Zeit ist zu kurz, mir erscheint es fast irreal, dass ich jetzt sozusagen über einen Menschen spreche, der vor drei Wochen noch ein glücklicher Familienvater war, eine wunderschöne und kluge Frau als Partnerin hatte und die beide noch glücklicher mit ihrem Wunschkind waren“, erzählte Ludwig weiter.
„Wie viel Bitterkeit in dieser Aussage steckt“, dachte Roland für sich.
„Sprechen sie ihre Gedanken ruhig aus, Pastor. Ich bitte sie sogar, wenn ich darf, darum“, sprach Herr Limbach gerade heraus.
„In Ordnung ... sie klingen verbittert“, sagte Rudolf.
„Ist das nicht normal, nach dem was uns widerfahren ist?“, kam die prompte, leicht anklagende Antwort.
„Ja, das glaube ich, Ihnen“, antwortete Roland.
„Oh, Pastor Lammerz, seien sie willkommen in unserem bescheidenem Heim“, Sylvia Limbach hatte sich in das Gespräch eingeschaltet.
Da er sie nicht sah, setzte er die Brille auf und war direkt in ihrem Haus. Als er den Kopf drehte, sah er Sylvia, wie sie wohl einmal ausgesehen haben mochte und nicht als Bot.
„Entschuldigen Sie meine Verspätung, für Niklas ist die Situation noch viel komplizierter als für uns. Er möchte nicht mehr schlafen“, erklärte sie.
„Rein technisch müsste er dies auch nicht“, ergänzte Ludwig.
„Virtuelle Menschen benötigen keine Ruhephase, keine Zeit zur Besinnung?“, fragte Roland.
„Wir wissen es nicht genau“, antwortete Sylvia.
„Drei Wochen sind eine kurze Zeit, um sich daran zu gewöhnen.“
„Das verstehe ich. In Wahrheit verstehe ich ihre Welt überhaupt nicht, fürchte ich“, bemerkte der Priester.
„Es geht uns genauso!“, sagte Ludwig.
„Wir kommen in dieser Welt nicht klar“, ergänzte Sylvia.
„Gibt es keine Hilfe, keine Führung, keine ... Seelsorge?“, fragte Roland.
„Wir haben nach dem ersten Schock viel versucht“, erzählte Sylvia.
„Und wir sind zu einem Entschluss gekommen“, ergänzte Ludwig.
Roland hob leicht die Augenbrauen, dies reichte scheinbar als Aufmunterung für Sylvia, um mit ihrer Erzählung fortzufahren:
„Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll?“ Sylvias Stimme stockte ein wenig.
„Dann lass mich es sagen, Schatz“, fuhr Ludwig fort. „Pastor Lammerz, wir benötigen ihren Segen! Wir möchten sterben!“
Rudolf war schlagartig hellwach. Damit hatte er niemals gerechnet.
„Mein Gott!“, rief Roland aus.
„Ich weiß, wir bitten um viel!“, Sylvias Stimme war wieder etwas gefestigter.
Roland schwieg und überlegte fieberhaft: „Das kann doch nicht wahr sein. Oh, Herr - warum ich, das kann ich nicht!“
„Wir alle wissen, dass Selbstmord eine Todsünde ist“, erklärte Ludwig.
„Aber wir sind beide zu dem Entschluss gekommen, dass wir DAS hier nicht mehr sind“, ergänzte Sylvia
„Wir denken, dass es besser gewesen wäre, wenn wir vor drei Wochen gestorben wären.“
„Das hier ist weniger als ein Schatten unserer ehemaligen Existenz.“
Rudolfs Gedanken rasten ...
„Ich kann eine Todsünde nicht vergeben, das kann nur Gott“, erwiderte Roland, fast so als wäre er wie in Trance. „Und … sie beide haben einen Sohn! Ein Kind was sie mehr als jemals zuvor benötigt, denke ich.“
„Das wissen wir, sowohl das Eine wie das Andere. Wir bitten nochmals um ihre Hilfe, wir sehen keinen Ausweg aus dieser Situation.“
Die Gesichter, die Pastor Roland Lammerz von seinem Monitor anblickten, waren beide den Tränen nahe.
F: „Ich glaube wir müssen dem Leser noch etwas sagen?“
A: „Oh ja, das müssen wir vielleicht. Irgendwann wird er eventuell selbst darauf kommen, aber zur Sicherheit sollte ich noch einmal sagen, dass dieses Buch nicht linear aufgebaut ist. Die einzelnen Kapitel müssen nicht der Reihenfolge nach durchgelesen werden.“
F: „Das heißt als Leser könnte ich jetzt mit dem - sagen wir mal zehnten Kapitel weiterlesen?“
A: „Stimmt. Da sich aber auch bestimmte Geschichten irgendwann einmal auflösen, würde ich trotzdem empfehlen, die, sagen wir einmal, hinteren drei Kapitel bis zum Schluss aufzusparen, da man sich sonst die Spannung etwas nimmt. Würde man dies nicht tun, liest man sozusagen von hinten nach vorne. Das hieße dann, man würde die Geschichte als Erklärung lesen.“
F: „Was auch eine Möglichkeit ist…“
A: „Natürlich. Aus diesem Grund sind die Kapitel in der Inhaltsangabe mit einem Kästchen versehen. Man kann sozusagen, jede kleinere Geschichte ganz einfach abhaken.“
F: „Vielleicht hat man auch gerade keine Lust, etwas über Christian zu lesen und möchte stattdessen mehr über Samantha erfahren?“
A: „Ja! Diese Geschichte ist letztendlich über die Unsterblichkeit. Zeit spielt daher nur eine untergeordnete Rolle. Die hier vorliegende Geschichte setzt sich ähnlich wie ein Puzzle zusammen, dort fängt man ja auch mit dem Rahmen an. Der Rahmen ist soeben erstellt. Nun werden die unterschiedlichen gleichfarbigen Teile sortiert und schließlich zusammengesetzt. Am Ende, wenn das Puzzle komplett ist, wird sich ein gesamtes Bild ergeben, wenn man jedes Kapitel durchgelesen hat. Dann kann man dieses Buch schließlich in ein Regal stellen, oder sofern man es digital gelesen hat, ablegen.“
F: „Das hört sich etwas lieblos an?“
A: „Nicht jeder hat den Platz, ein Buch irgendwohin zu stellen, oder das Bedürfnis ein Buch immer wieder zu lesen. Natürlich freut es den Autor, wenn es einen schönen Platz bekommt. Aber, wie auch immer, das wird der Schriftsteller auch nie so richtig erfahren. Bilder haben es hier einfacher. Sie schaffen etwas, was für ein Buch schwieriger ist. Sie halten den Moment fest. Den Moment einer Person, einer Landschaft oder irgendetwas Anderem. Ein Bild erschafft immer die Magie des Moments.“
F: „Und ein Buch?“
A: „Erschafft immer die Magie eines längeren Moments. Da man sich mit Büchern länger beschäftigt, erschaffen Bücher immer eine Erinnerung. Das gilt übrigens für jedes Buch, egal ob es gut, oder schlecht ist. Insofern behält jedes Buch immer einen Platz im Kopf. Es sei denn, man ist etwas vergesslich.“
F: „Du hast schon einmal ein Buch vergessen?“
A: „Das ist mir in der Tat schon einmal passiert. Ich habe das Ende eines Buches vergessen. Aber … ich habe es dann noch einmal gelesen und nun ist es für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt.“
F: „Funktioniert das Gehirn eines Unsterblichen wie das eines Sterblichen? Du behältst deine Erinnerung nicht für ... immer?“
A: „Das ist eine gute Frage. Es muss - rein logisch gesehen - ja so sein, dass auch ich irgendwann einmal vergesse. Von daher ist es wohl so, dass ich auch dieses Buch irgendwann vielleicht einmal wieder vergessen werde. Ich sollte vorsichtig damit sein, so Begriffe wie 'immer' oder 'niemals' zu verwenden.“