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»Meine Stimme hat mich gefunden« Vorwort

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Mein Vater hat immer zu mir gesagt: »Mein Sohn, wenn du später mal dein Geld mit etwas verdienen kannst, was du auch noch gerne tust, dann bist du einer der glücklichsten Menschen dieser Erde.« Die Möglichkeit, meiner bis heute ungebrochenen Neugier freien Lauf lassen und mich mit der Literatur und Musik dieser Welt beschäftigen zu können, ist bestimmt ein großes »Glück« in meinem Leben. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass die Künste und die Geisteswissenschaften wie eine Art unendliches Tagebuch davon zeugen, wer wir als Menschen sind. Daher möchte ich das Vorwort zu diesem Buch – eine Sammlung von Erfahrungen und Erinne­rungen sowie Reflexionen darüber – mit einem Dank an Sie, mein Publikum, beginnen. Mein Alltag ist geprägt von Worten und von jenen rätselhaften Phänomenen namens «musikalische Ideen«, ersonnen von sehr viel sprachgewaltigeren und tiefsinnigeren Menschen als mir. Meine Passion besteht darin, diese Gedanken, Ideen, Geschichten, ja auch Gefühle für wieder andere Menschen hörbar zu machen. Ihnen allen, die Sie einem Künstler ermöglichen, seiner Leidenschaft zu folgen und dabei sogar seinen Lebensunterhalt zu verdienen – Ihnen allen gebührt mein tiefer Dank.

Ich muss zugeben, die Vorstellung, mich an einem Biografie-Projekt über einen gewissen Thomas Hampson zu beteiligen, hat zunächst gemischte Gefühle, wenn nicht sogar ein wenig Unbehagen in mir ausgelöst. Seit ich erwachsen bin, habe ich die meiste Zeit mit Lesen verbracht, voller Bewunderung für Bücher und das Leben jener, die sie für uns schrieben. Ich hatte einfach nicht daran gedacht, selbst einmal meine Gedanken und Erfahrungen zu Papier zu bringen. Die Rückschau auf Vergangenes hat für mich auch etwas Statisches. Wahrscheinlich habe ich das von meinem Vater, der mich immer gelehrt hat, nach vorne zu blicken. Sein Lebensmotto war: »Gib niemals auf« oder auch »Steh auf, wenn du am Boden bist, und lass die Fehler hinter dir«. So ist dieses Buch für mich weniger ein Blick zurück als einer rundherum, um 360 Grad.

Schopenhauer sagte: »Die Erinnerung wirkt wie das Sammlungsglas in der Camera obscura: Sie zieht alles zusammen und bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor, als sein Original ist.« Das habe ich in diesem Buch versucht zu vermeiden. Ich möchte vielmehr einige Aspekte aus meinem Leben mit Ihnen teilen, die Sie hoffentlich noch nicht über mich wissen, Gedanken über bestimmte Entscheidungen und ihre Folgen äußern und vor allem aufzeigen, was so viele meiner Mentoren mir in ihrer unglaublichen Weitsicht mit auf den Weg gaben. Natürlich besteht keinerlei Hoffnung auf Vollständigkeit, aber dafür garantiere ich Ehrlichkeit.

Ein Leben ohne Musik ist für mich etwas, das ich nicht kenne. Musik war immer da. Meine Mutter liebte Musik, mein Vater hatte nichts gegen Musik und mochte es auch, sie um sich zu haben, aber sie war für ihn nicht von primärer Bedeutung. Zu meinen frühesten Erinnerungen zählt, wie ich als kleiner Junge mit meinen Spielsachen unter der Orgelbank in unserer Kirche hockte, während meine Mutter übte oder sich ein musikalisches Programm für den Wochenendgottesdienst ausdachte. Etwas deutlicher erinnere ich mich daran, wie meine beiden älteren Schwestern Tonleitern rauf- und runterspielten – durchaus ahnend, dass diese Überei irgendwann auch einmal auf mich zukommen würde.

Sie sehen also, ich mochte Musik schon als Kind, auch wenn mir damals vermutlich noch nicht bewusst war, wie sehr. Aber ich mochte auch viele andere Dinge. Tatsächlich könnte man sagen, dass ich mich sehr leicht von allem ablenken ließ, was mir ad hoc interessanter erschien als das, was ich eigentlich tat. Das ist letztlich wohl symptomatisch für meine gesamte Kindheit. Aus der kritischen Distanz von heute heraus kann ich verstehen, dass meine Eltern so sehr auf Disziplin, auf rationales Denken, Verantwortung und so weiter bedacht waren. Doch ein etwas milderer Blick lässt mich erkennen, dass ich schon immer eine sehr aktive und lebhafte Fantasie hatte. Das ist eben jene »ungebrochene Neugier«, von der ich eingangs sprach. Keine Frage, ich interessierte mich schon früh für alles, was um mich herum passierte. Ich liebte die Naturwissenschaften, spielte gerne Baseball, engagierte mich bei den Pfadfindern und vieles mehr. Aber auch die Welt der Klänge, Musik oder Geräusche in der Natur, faszinierte mich sehr. Meine Intuition und meine Neugier haben mich, vor allem in meinem späteren Leben, dazu getrieben, mich auch intellektuell mit diesen Dingen zu beschäftigen.

Bruno Walter sagt in seinem Vorwort zu Lotte Lehmanns großartigem Lehrbuch More Than Singing. The Interpretation of Songs den klugen Satz: »Für dich kam immer zuerst das Singen und dann das Nachdenken darüber. Du bist befähigt zu lehren, weil du selbst aus deiner Intuition heraus lernst.« Ich liebe dieses Zitat. Ein älterer Arbeitstitel für das vorliegende Buch lautete denn auch ganz in diesem Sinne: Meine Stimme hat mich gefunden.


Liederabend, Wigmore Hall, 2013

© Minjas Zugik

Liebst du um Schönheit – Sie werden sich vielleicht fragen, wie es schließlich zu diesem Titel für mein Buch kam. Nun, meine Verehrung für Gustav Mahler und alle Aspekte seines Lebens ist hinlänglich bekannt. Und die Geschichte, die sich hinter diesem sanften Liebeslied mit dem genannten Titel verbirgt, hat mich immer sehr bewegt und fasziniert. Mahler hat es im Sommer 1902 geschrieben, für seine Frau Alma, mit der er erst fünf Monate verheiratet war. Er schrieb es höchstwahrscheinlich aus einer doppelten Absicht heraus: Ihr Geburtstag war am 31. August, und das eheliche Verhältnis in Erwartung des ersten Kindes, Maria, das im November 1902 auf die Welt kommen sollte, dürfte – wie soll man sagen – etwas unter Spannung gestanden haben. Was auch immer die Hintergründe waren, Mahler bezeichnete dieses Lied als ein »Privatissimum an Alma«, und man kann durchaus behaupten, dass es das persönlichste Liebeslied, wenn nicht gar das einzige ist, das er jemals geschrieben hat.

Mahlers Inspirationsquelle war ein Gedicht von Friedrich Rückert mit dem Titel »Sicilienne« aus der Gedichtsammlung Liebesfrühling. Eine Sicilienne ist ein langsamer Tanz, eine Art Pastorale oder Ländler. Metaphorisch verwendet bezeichnet »Sicilienne« auch einen sanft gehauchten Liebesgruß. Der Hintergrund von Rückert als Italienreisender und Orientexperte, welcher vielen seiner Gedichte jenen so einzigartigen Beiklang gibt, scheint hier, in dieser sehnsüchtigen Anrufung der Liebe um ihrer selbst willen, besonders prägend. Mahler hat in Rückerts schwärmerischer Abwendung von der Beschäftigung mit »Schönheit«, »Jugend« und »Schätzen«, um sich dem einzigen Sinn des Lebens – der »Liebe« – zu widmen, gewiss eine Entsprechung für seine Liebe zu Alma gefunden. Sie war schön, er nicht. Sie, die um fast 20 Jahre Jüngere, war jugendlich, er nicht. Und in seiner Welt gab es ganz andere Schätze als in jener, der sie vor ihrer Ehe angehörte. Aber – er liebte sie, verehrte sie, verstand sie auch oft nicht richtig und flehte sie an, das Vertrauen in ihre ewigliche innige Verbundenheit nie zu verlieren.

Man kann diese Liebesgeschichte einfach bewundern und sich daran freuen. Aber mich interessiert vor allem Mahlers lebenslange Beschäftigung mit den Worten »Schönheit« und »Liebe«. Seine und Rückerts »Schönheit« ist die Schönheit im Sinne von John Keats, der sagte: »Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit ist Schönheit – das ist alles, was ihr auf Erden wisst, alles, was ihr zu wissen braucht.« Die »Liebe« dieser Männer ist die Liebe schlechthin, die aus Eros, Philia und Agape besteht.

Jenes mystische Ideal, das Mahler in seiner Musik für mich immer wieder aufzeigt, ist einer der zentralen Orientierungspunkte in meinem Leben gewesen. Genau wie Mahlers Credo, stets nach dem Eigentlichen zu suchen (und zwar unabhängig von persönlichen Eitelkeiten, geleitet von tiefer Aufrichtigkeit und im Hier und Jetzt lebend), für mich immer wieder ein Quell des Staunens und der Dankbarkeit ist. Um es mit Joseph Campbell, dem großen amerikanischen Denker, zu sagen: «The privilege of a lifetime is being who you are.«

Doch bevor wir nun in medias res gehen, möchte ich Sie noch einen Blick hinter die Kulissen werfen lassen, auf diejenigen, ohne die ich dieses Buchprojekt nicht hätte in Angriff nehmen können.

Da wäre zunächst der Henschel Verlag, vertreten durch seine Programmleiterin Susanne Van Volxem, der eine bemerkenswerte Reihe an biografischen Werken unterschiedlicher Art von darstellenden Künstlern unserer Zeit verlegt. Ich bin dankbar nicht allein dafür, mich mit meinem Buch in diese Reihe eingliedern zu dürfen, sondern vor allem für Susanne Van Volxems beharrliche Ermunterung und Geduld von Anfang an. Danken möchte ich auch Hans-Jürgen Linke, der mir eine Zeitlang bei diesem Unterfangen als mein »Boswell« sekundierte und dessen Arbeit einen nachhaltig positiven Einfluss auf die weitere Entwicklung hatte. Erwähnt sei an dieser Stelle ebenso Clemens Prokop, dessen vielfältige Karrieremöglichkeiten ihm eine außergewöhnliche Disziplin und Konzentration abverlangen; ihm möchte ich dafür danken, dass er die Herausforderung angenommen hat, sich den Gezeiten meiner Terminplanung anzupassen und mit mir zusammen nach den richtigen Worten zu suchen, während wir gemeinsam das Labyrinth meiner vergangenen Tage durchschritten und diese zu deuten versuchten.

Doch insbesondere meiner Familie und den gemeinsamen Fähigkeiten und individuellen Talenten ihrer Mitglieder ist es zu verdanken, dass dieses Buch am Ende tatsächlich Wirklichkeit geworden ist. Unterstützung habe ich von ihnen allen erfahren, in herausragender Weise aber von meinen geliebten Töchtern: Catherine Pisaroni, deren Blick für Schönheit und optische Klarheit mich immer wieder neu in Erstaunen versetzt und mich die Dinge in einem anderen Licht betrachten lässt, und Felicitas Herberstein, deren Einfühlungsvermögen in die komplexen Gedanken und Gefühle anderer Menschen generell, aber speziell in die besonderen Befindlichkeiten von Künstlern maßgeblich dazu beigetragen hat, dem Buch seine jetzige Struktur und Gestalt zu verleihen.

Last but not least geht mein Dank an die Mutter dieser Töchter, an meine geliebte Frau Andrea Herberstein, dank deren grenzenloser Energie, sprühender Intelligenz und innigem Vertrauen ich des Lebens »Schönheit« zu erkennen vermag und die mir immer wieder zeigt, was eine »ewigliche Liebe« bedeutet. Aus tiefstem Herzen widme ich ihr dieses Buch.

Thomas Hampson

Zürich, im Mai 2014

Liebst du um Schönheit

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