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Wehe, wenn sie losgelassen

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Diesmal gibt es keinen Reisebericht, denke ich. Gar nix Ungewöhnliches passiert. Flugzeug pünktlich, keine Turbulenzen, niemand hat wegen mir und meines Sekt-Konsums am frühen Morgen gekotzt... Ist ja auch mal schön!

Beim letzten Flug sah das anders aus:

Start 06:00 Uhr in Saarbrücken. Ungewöhnlich auf dieser Strecke: die Maschine kam aus Stuttgart, war schon zur Hälfte besetzt, und die saarländischen PAXE [Fachausdruck für Passagiere in der Luftfahrtbranche] komplettierten den Vogel bis auf den letzten Sitz. In meiner Reihe – ich natürlich gebucht am Fenster – saß am Flur eine Engländerin, die bereits grün im Gesicht war. Fliegen war wohl nicht so ihr Ding. Als ich dann nach dem Start der Maschine meinen Start in den Urlaub mit einem Sekt begrüßt habe, schaute sie kurz ungläubig auf das Fläschchen in meiner Hand und kübelte dann wie ein südamerikanischer Condor. Natürlich reichte das Tütchen nicht aus… entsprechend roch es dann auf dem gesamten Flug. Ich hätte sie töten können… die Stewardessen versprühten Parfüm, so roch es wie in einem verkotzten Parfümladen. Vielleicht hätte ja „Mädemm“ das english breakfast weglassen sollen, bestehend aus Bratkartoffeln, Würstchen, Speck, Eiern, dicken Bohnen, Gurken, Tomaten und großen Pilzen. Das hält ja auch kein Ochse aus…

Doch heute kam die Maschine aus Mallorca und flog auch wieder dahin zurück. Ich konnte niemanden mit Flugangst erkennen, alle Gesichter hatten Farbe und freuten sich auf ein paar sonnige Tage.

Wir schreiben den 12. Oktober 2006, 18 Uhr und 40 Minuten. Aeroport de Son Sant Joan, Palma de Mallorca. Wir sind mit 5 Minuten Verfrühung gelandet.

„Bitte bleiben Sie angeschnallt, bis die Maschine ihre endgültige Parkposition erreicht hat!“

Das hat sie gerade. Sie steht, die Triebwerke werden abgeschaltet, und überall ist das „Klack“ der Gurte zu hören.

Gleichzeitig stehen von den 189 Passagieren 90 auf, und kramen in den Gepäckfächern rum, um ihre Mäntel zu suchen, die natürlich auch im Gang angezogen werden müssen!

Nur nebenbei: es herrschen draußen 30 Grad Celsius, ein besonders schöner Oktober!

Zurück zur Hauptgeschichte: die, die jetzt alle gleichzeitig aufstehen und nach ihren Sachen kramen; diejenigen, die daran schuld sind, dass nicht ein einziger Passagier wirklich das Flugzeug verlassen kann, weil der Gang dicht ist; sind dieselben, denen 20 Minuten in der Warteschlange vorm Ticket-Abreißen nicht einfällt, jetzt ihre Scheiß-Jacken auszuziehen; sondern das muss ja erst gemacht werden, wenn man im Mittelgang des Flugzeugs steht. Der Mittelgang MUSS ja versperrt werden. Bei Hin- und Rückflug!

Ich tue meinen Nerven das nicht an und warte wie immer, bis fast alle PAXE draußen sind, und erhebe mich dann, um ungestört zum Ausgang zu gehen. Meist werde ich ja nicht abgeholt, sondern übernehme einen Leihwagen, da kommt´s auf ein paar Minuten nicht an. Die Schalter sind immer besetzt. Die nervösen „schnell, schnell, dabber, dabber“ [saarländisch für „schnell, Beeilung!“] sind die Pauschal-Touristen, die um ihren Bus ins Hotel bangen.

So bin ich der zweitletzte, der die Maschine am Mallorca Airport verlässt. Hinter mir ist nur noch eine alte Frau, die furchtbar langsam ist. Die Cockpit-Crew verlässt auch das Cockpit. Der Pilot (erkennbar an den vier Streifen am Ärmel) ruft in die Gangway: „Hallo, Sie haben was verloren!“

Ich drehe mich um. Er meint die alte Frau, die ihren Mantel verloren hat. Der Pilot hängt ihn ihr über den Arm, geht aber dann wieder zurück ins Cockpit.

Im selben Moment, ich schaue immer noch in Richtung zurück, verliert die alte Frau ihren Stock, an dem eine Stofftüte baumelt.

Natürlich eile ich zu ihr, hebe den Stock auf, reiche ihn ihr, und hebe dann die Tüte auf und kann es kaum fassen: Das Teil wiegt mindestens 6 Kilo!

„Oh leck, was hann se´n do drin? E Amboss?“

“Nee, das iss mei Lesestoff!”

„Ei, so e schweri Tut kenne se awwer net an de Stock hänge!“ (Ich selbst hätte so eine Tüte nicht an einem Stock händeln können, da er beim Laufen ja sehr stark in einer Pendelbewegung ausschlägt.)

„Ich holle Ihr Biescher. Mir misse jo ans selbe Band!“

„Ei, Sie sinn awwer nett!“

„Jo, gere!“

[Saarl.: „Owei! Was haben Sie denn da drin? Einen Amboß?“

„Nein, meinen Lesestoff!

„Aber so eine schwere Tüte können Sie nicht an den Stock hängen! Ich nehme ihre Bücher! Wir müssen ja ans selbe Gepäckband!“

„Oh, sie sind aber nett!“ „Gerne!“]

Also trug ich Omas Bücher. Musste abwechseln, linker Arm, rechter Arm, weil sie irre schwer waren. Ich dachte, wie kann denn eine alte Frau, die bereits am Krückstock geht, eine derart schwere Tasche als HANDGEPÄCK mitnehmen???

Außerdem fiel mir auf, dass sie sage und schreibe 4 Mäntel über dem Arm hatte, 3 Handtaschen und eine Plastiktüte. Das kam mir bereits spanisch vor...

Und wir gingen Richtung Gepäckband.

Aber wir gingen nur kurz.

Nach ein paar hundert Metern musste sie sich hinsetzen. Sie sei stark gehbehindert. Daher auch der Stock.

OK.

Ich kenne den Flughafen Mallorca sehr genau. Es kann sein, dass man nur 5 Minuten zum Kofferband braucht, ich bin aber schon volle 45 Minuten zum Kofferband gelaufen. Wo man rauskommt, kann man selbst als Mallorca-Profi nicht vorher feststellen.

Also: wenn wir ziemlich weit vom Gepäckband sind, und ich begleite die alte Frau, bekommen wir unsere Koffer nicht mehr.

Unruhe keimt in mir auf!

Als erstes gabel´ ich uns mal ein Wägelchen auf.

Das Handgepäck-Fach ist mit ihren 4 Mänteln, 3 Handtaschen und der Plastiktüte erst mal voll. Mehrmals verlieren wir Gegenstände.

Die Unruhe steigt in mir!

Währenddessen erzählt sie mir von den bösen Enkeln, der bösen Schwiegertochter, und den Söhnen, die nicht mehr nach ihr fragen.

Ganz dumpf im Kleinhirn schwant mir Böses... Wenn sie keinen Familien-Kontakt hat, wer hat dann ihre Reise organisiert, die Reise befürwortet, ihre Sachen gepackt, und überhaupt...???

Immerhin kann sie mit dem Wägelchen gut laufen. Es stützt sie. Ich trage den Stock. Und wir sind gottseidank nicht weit weg vom Kofferband. Mit dem Wagen braucht sie keine Pause mehr.

Also stehen wir am Gepäckband.

Ihre Verfassung lässt es natürlich nicht zu, Gepäckstücke vom laufenden Band zu klauben. Mache ich natürlich, sie soll mir nur sagen, was ihr gehört, und ich hieve es dann vom Band und leg´s in ihren Wagen. No Prob.

„Das is mein!“ sagt sie zu einer Tasche.

„Das ah!“

„Unn das!“

Meine Unruhe steigt...

„Das ach!“

???

„Unn das noch!“

Es sind sage und schreibe 8 Gepäckstücke. Inklusive einem Regenschirm, der die Saarterrassen [Saarbrücker Industriegebiet] abdecken würde.

Ich schwitze inzwischen wie ein Schwein.

Versuche, die Gepäckstücke auf ihrem Wagen zu verteilen. Der Gepäckwagen gibt´s nicht her. Unmöglich! Völlig unmöglich! Nochmal umpacken. Und nochmal.

Ich würde ja gerne was auf meinen Wagen nehmen, aber gleich trennen sich unsere Wege am Ausgang, ich zum Autoverleih, sie zum Bus.

Irgendwann hab ich´s geschafft, alles bis auf eine große Saunatasche in dem Wägelchen zu stapeln. Inzwischen war kaum noch jemand am Band, jeder hatte sein Gepäck erhalten.

„Das do Ding krien ich nimmie unner!“

„Ei, das iss jo a gar net mein!“

[Saarl.: „Das Ding bekomme ich nicht mehr unter!“

„Nun… das gehört mir ja auch gar nicht!“]

Also hab´ ich irgendjemandes Gepäckstück vom Band geholt, der Alten hingestellt, vielleicht ist der wahre Besitzer bereits beim „lost and found-Schalter“, schiebt Terror ohne Ende, oder sieht, wie ich sein Gepäckstück zurück auf´s Band stelle und verflucht mir alle Knochen im Leibe!

Das war der Moment, wo meine Nächstenhilfe ausgereizt war!

Das war auch der Moment, in dem ich erfasste, dass die Alte komplett daneben war, vielleicht irgendwo abgehauen oder so.

Ich brauchte nur noch eine kleine Bestätigung:

„Wie kommen Sie jetzt weider? Ich muss jetzt gleich mei Audo abhole!“

„Och, do werd schon e Bus fahre, mol gugge!“

„Wie... sinn Sie net mit erer Reisegesellschaft gefloh, die sie mi´m Bus ins Hodel bringt?“

„Nee, ich bin allehn gefloh! Ich war jo vor 35 Johr schommo do! Ich kenne jo die Insel.

[sich umschauend] Hat sich awwer schon viel veränndert, vor allem am Fluchplatz! Der iss jo so groß!“

„Do hat sich aarisch viel verännert, in 35 Johr! Wo issen Ihr Hotel?“

„Wes net, orgendwo in Arenal!“

[Saarl.: „Wie kommen Sie jetzt weiter? Ich muss nun zum Autoverleih!“

„Och, mal schauen, da wird schon Bus fahren!“

„Wie... sie sind nicht mit einer Reisegesellschaft geflogen, die sie mit einem eigenen Bus ins Hotel bringt?“

„Nein, ich bin allein geflogen! Ich war ja vor 35 Jahren schon mal hier! Ich kenne ja die Insel. [sich umschauend] Hat sich aber schon viel verändert, vor allem am Flugplatz! Der ist ja so groß!“

„Da hat sich sehr viel verändert, in 35 Jahren! Wo ist denn Ihr Hotel?“

„Ich weiß nicht, irgendwo in Arenal!“]

Ja, in Arenal wird sich auch viel geändert haben seit 1971, schießt es mir durch den Kopf… speziell und ganz Besonders in der Hoteldichte…

Bevor ich zu meinem Verleih-Stand gegangen bin, hab ich ihr noch genau erläutert, wo sie hingehen soll, und dass sie sich am besten ein Taxi holt, dem Taxifahrer die Hotel-Adresse (so existent!) unter die Nase hält, und so in ihr Hotel kommt. Ich hab ihr auch gesagt, dass ihr Gepäck in kein normales Auto passt, sie solle am besten einen Kombi oder besser ein Auto der Van-Klasse nehmen.

Aber sie wollte lieber zuerst mal nach einem „Omni-Bus“ suchen.

Von weiß-nicht-wo nach irgendwo.

Ich wünsche ihr, dass sie nicht noch immer auf der Insel rumirrt, und inzwischen wieder gut zuhause in der Pfalz angekommen ist.

Abwesenheitsagent

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