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Kapitel 2

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Den nächsten Tag nutzte ich, um die letzten Dinge zu erledigen. Während die Arbeiter die Kellerräume des kleinen Hauses meiner Eltern ausräumten, sah ich nochmal alles durch, was ich mitgenommen hatte. Mehr als die Hälfte davon war Schrott, den ich heute noch entsorgen wollte. Als ich wieder zu dem Bild kam, war mir klar, dass ich erstmal den Rat eines Experten einholen musste. Wenn es wertvoll war, dann würde ich es auf jeden Fall verkaufen.

Als ich das Leintuch abnahm, um das Bild nochmal anzusehen, war es mir, als führe mir jemand mit klammer Hand über den Rücken. Mir fiel sofort auf, dass das Fenster, in dem ich noch am Vorabend eine Person gesehen hatte, leer war.

Ich suchte die anderen Fenster des Hauses ab, in der Hoffnung, mich geirrt zu haben. Aber auch sie waren allesamt leer. Also nahm ich mir nochmal das Fenster vor, von dem ich mir sicher war, gestern Abend hier eine Gestalt gesehen zu haben. Doch ich konnte beim besten Willen nichts darin erkennen. Ich näherte mich mit dem Gesicht der Leinwand, betrachtete sie aus verschiedenen Winkeln und wendete sie im Licht der Deckenlampe. Doch das Fenster blieb einzig und allein von einem einheitlichen Schwarz erfüllt. Langsam kam mir der Gedanke, mich gestern Abend geirrt zu haben. Ich war immerhin todmüde gewesen von den Anstrengungen des Tages, als ich das Bild untersucht hatte.

Aus einem mir unerklärlichen, dafür aber umso stärkeren Bedürfnis heraus, deckte ich das Bild wieder ab, um es sofort wieder zu enthüllen. Es änderte sich aber nichts. Ich ließ das Laken darüber fallen und machte mich daran, den überflüssigen Krempel aus dem Flur zu schaffen.

~

Am frühen Nachmittag machte ich mich auf den Weg zu einem Antiquariat, das ganz in meiner Nähe lag. Eingehüllt in das weiße Leintuch, trug ich das Bild aus dem Haus. Ich widerstand der Versuchung, nochmal unter das Tuch zu sehen. Diesen Moment wollte ich mir für den Besuch beim Antiquar aufheben. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht wollte ich dabei nicht allein sein.

Wenig später trat ich mit dem eingehüllten Bild in einen engen Raum, der vollgestopft war mit Möbeln, Bildern, Vasen, Statuen und allerlei Kitsch. Ein enger Weg schlängelte sich zwischen dem Ramsch hindurch zu einem hölzernen Tisch, auf dem eine grüne Schirmlampe neben einer altmodischen Kassenmaschine stand. Ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Aber obwohl ich von ziemlich hagerer Figur bin, war zu wenig Platz. Rumpelnd viel ein hässlicher nackter Engel mit Pausbacken um. Er wälzte sich auf den Rücken und sah mich mit dämlichem Blick aus wässrig-blauen Augen an.

„Sagen Sie mal!“

Der Antiquar kam angerollt. Der Mann war von raumgreifendem Umfang, und sein geringelter Schnauzbart bebte vor Empörung. Mir war es sofort ein Rätsel, wie er sich hier drin bewegen konnte, ohne ständig irgendetwas platt zu walzen.

„Entschuldigung“, sagte ich. Ich musste aber wenig überzeugend geklungen haben. Wütend bückte sich der Antiquar nach dem Engel, wobei ein Goldkettchen mit einem winzigen Kreuz vor seinem Gesicht umherbaumelte. Er stellte den Engel auf eine brusthohe Anrichte, von wo er mich mit seinen wässrigen Augen trotzig anglotzte.

„Könnten Sie sich das hier mal ansehen?“ fragte ich. Dabei hielt ich dem Mann das eingehüllte Bild hin.

Der Antiquar nahm mir das Bündel wenig behutsam ab. „Was ist das?“ fragte er unwirsch.

„Ein Laken“, erwiderte ich.

Der Gesichtsausdruck des Antiquars ähnelte nun erschreckend dem des Keramik-Engels. Ich besann mich schnell. Es war keine gute Idee, den Mann zu verärgern. Immerhin wollte ich etwas von ihm. Und ich war von seiner ehrlichen Meinung abhängig, was den möglichen Wert des Gemäldes anging. Ich würde mir noch weitere Meinungen einholen, aber es war klüger, mir nicht mehr Arbeit als nötig zu machen.

„Es ist ein Bild“, sagte ich. „Ein Gemälde. Es hat meinem Vater gehört, jetzt ist er tot, und ich möchte es verkaufen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mal einen Blick darauf werfen könnten, um zu sehen, wie viel es wert ist.“

„Mhm“, machte der Dicke und sah mich noch einen Moment prüfend an. Ich versuchte, ein charmantes Lächeln aufzusetzen. Anscheinend funktionierte es. Der Dicke wirkte auf einmal weniger verdrießlich. „Na, dann wollen wir mal sehen“, sagte er und enthüllte das Bild.

Ich stellte mich neben ihn, um im selben Moment wie er den Blick auf das Gemälde werfen zu können. Als die Leinwand frei war, erkannte ich, dass das Fenster leer war. Erleichterung machte sich in mir breit. Ich hatte mich am Vorabend wirklich geirrt.

Der Antiquar ließ seinen Blick eine Weile auf dem Bild verweilen. Ich versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten, aber er blieb während seiner Prüfung völlig neutral.

„Was meinen Sie, wie alt ist es?“ fragte ich schließlich.

„Na ja, der Leinwand nach zu urteilen ist es nicht sehr alt“, sagte er.

Meine Enttäuschung blieb ihm nicht verborgen. Er sah mich fast hämisch an und besah dann das Bild noch einmal. Diesmal wendete er es etwas, als suchte er nach etwas Bestimmtem, und drehte es dann um.

„Hm“, machte er.

„Was, hm?“ fragte ich.

Wir sahen uns an. Der Blick des Antiquars war herausfordernd. Er erwiderte aber nichts. Stattdessen wandte er sich erneut der Rückseite des Gemäldes zu. Schließlich fragte er: „Wissen Sie, von wem das ist?“

„Ich weiß gar nichts über das Bild.“

„Es scheint keine Signatur drauf zu sein.“

Der Antiquar sah eine Weile ratlos auf das Bild, dann wandte er sich wieder mir zu. „Kann ich es aus dem Rahmen nehmen? Vielleicht finden wir auf der Rückseite der Leinwand etwas.“

Ich nickte nur, und der Antiquar nahm die Leinwand vorsichtig aus dem Rahmen. Die Rückseite war allerdings vollkommen leer. Nirgendwo ließ sich auch nur der geringste Hinweis auf den Maler finden.

„Tja, tut mir leid“, sagte der Mann, während er das Bild zurück in den Rahmen steckte. „Ich fürchte, sonderlich viel kann ich Ihnen nicht dafür nicht geben. Hübsch ist es auch nicht, wissen Sie...“

Ich sah den Antiquar verblüfft an. „Sie meinen, im Gegensatz zu...“ Anstatt weiterzusprechen, breitete ich die Arme zu einer allumfassenden Geste aus, in die ich besonders den dicken Engel hinter mir mit einschloss.

Mit einer energischen Bewegung hielt der Antiquar mir das Bild hin. „Verkaufen Sie es oder gehen Sie einfach wieder. 50 Euro.“

Ich überlegte kurz. Sollte ich es an ihn verkaufen? Ein unbestimmtes Gefühl deutete mir, dass es falsch wäre, dieses Bild so einfach loszuwerden. Es war immerhin von meinem Vater an diesem eigenartigen Ort aufbewahrt worden, unzugänglich für jeden, von dem er nicht wollte, dass er es fand.

Also entschied ich mich dazu, das Bild erstmal nicht wegzugeben.

„Ich denke, ich werde mir noch eine weitere Meinung einholen“, sagte ich.

„Tja, ich glaube, niemand wird Ihnen mehr dafür bieten“, erwiderte der Antiquar. „Aber falls Sie einen Experten zu Rate ziehen wollen, dann gehen Sie am besten zu der Pinakothek. Vormittags können Sie da das Bild vorlegen und es wird dann von einem Gutachter geprüft.“

Ich nickte nur dankend und verabschiedete mich.

Zu Hause stellte ich das Bild zurück auf die Staffelei und deckte es wieder zu, wie aus einer alten Gewohnheit heraus. So hatte ich es gefunden und so schien es mir auch zu gehören.

~

Am späten Abend befanden sich nur noch die Staffelei und mehrere Kartons mit übrig gebliebenen Unterlagen meines Vaters im Flur. Ich hatte diesen Moment lange mit Qual vor mir hergeschoben, aber jetzt schien es mir auf einmal angebracht, doch wieder einen Blick unter das Leintuch zu werfen. Aus welcher Eingebung heraus ich auch den Abend abgewartet hatte, ich musste einfach einen weiteren Blick auf das Fenster werfen. Mir war klar, wie lächerlich das war. Aber es war wie ein Zwang, der mich nicht mehr losließ. Und jetzt war es für mich soweit. Draußen war es schon dunkel und das Bild wurde nur noch durch das Deckenlicht meines Flurs erhellt, als ich das Leintuch abnahm und wie erstarrt auf diese eine Stelle auf dem Gemälde sah.

Das Fenster war nicht mehr leer. Wie am vorangegangenen Abend war schwach die Form einer Gestalt im Fensterrahmen zu erkennen. Während ich spürte, wie mich ein tiefes Frösteln befiel, ließ ich das Laken fallen. Ehe ich mich versah, hatte ich das verfluchte Bild gepackt und mit weit ausgestreckten Armen hinunter zum Müllcontainer getragen, in dem es krachend verschwand.

Ich blieb noch einen Moment lang so stehen, dann stieg ich die Treppe des Hauses wieder rauf in meine Wohnung. Eine Weile starrte ich aus dem Fenster hinunter auf den Container, in dem das Gemälde lag. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um, verließ meine Wohnung und fischte das Bild wieder aus dem Müllcontainer. Mit hastigen Schritten trug ich es runter in den Keller, in dem es diese Nacht bleiben sollte. Ich konnte es nicht wegwerfen. Irgendetwas an diesem Gemälde ließ mir keine Ruhe. Ich hatte keine Ahnung, was es für eine Bedeutung hatte. Aber ich spürte, dass es mich ab jetzt verfolgen würde, egal, was ich tat. Ich würde es nicht mehr loswerden. Es sei denn, ich kam seinem Geheimnis auf die Spur.

Am nächsten Tag, so beschloss ich, würde ich tatsächlich in die Pinakothek gehen, um es dort einem Experten vorzulegen.

Das Dunkle Bild

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