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Kapitel 5

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Es war schon später Nachmittag, als meine Reise endlich zu Ende ging. Ich verbrachte fast zwölf Stunden in einem kleinen Bus, der jedes Mal auseinander zu fallen schien, wenn er von einem Schlagloch in das nächste fuhr. Ich erreichte auf diese Weise einen kleinen Ort, von dem aus ich fast eine Stunde lang an einer staubigen Straße entlang wandern musste, um endlich diesen Ort namens Byscovice zu erreichen.

Meine Kleidung klebte, und die Sonne brannte erbarmungslos auf meinen schweißnassen Körper herab, während ich meinen Koffer hinter mir herzog. Ben wimmerte erbärmlich in seinem Käfig. Es musste brütend heiß darin sein. Doch ich konnte ihn erst rauslassen, sobald wir angekommen waren.

„Du wolltest ja unbedingt mit!“ warf ich Ben vor. Seine grünen Augen funkelten mich anklagend durch die Schlitze in der Käfigtür an. „Das hast du jetzt davon.“

Der Ort selbst schien nur aus wenigen alten Häusern zu bestehen, die sich um die kleine Landstraße herum verstreuten. Ich suchte eine Weile, bis ich so etwas wie ein Gasthaus fand, in der ich etwas trinken und nach einem Zimmer fragen wollte.

„I need a room“, sagte ich zu einer älteren Dame, die hinter dem Tresen stand. Sie war von geradezu monströsem Umfang. Im Arm hielt sie einen dieser winzigen Hunde, die über Generationen hinweg handlich gezüchtet werden. Dieser hier schien kaum lebensfähig zu sein. Er zitterte unentwegt am ganzen Körper und starrte entsetzt auf Ben, den ich auf dem Tresen abgestellt hatte. Ben hingegen hatte sich umgedreht und zeigte dem Scheusal nur sein Hinterteil.

Die fette Dame antwortete nicht. Stattdessen sah sie mich aus weit aufgerissenen Augen an. Anscheinend war es eine Seltenheit, dass ein Fremder hier auftauchte und um ein Zimmer bat.

„For one night“, sagte ich. „At first.“

Mein Englisch war nie gut gewesen. In Ländern wie Frankreich, wo die Menschen noch schlechter Englisch sprechen, hatte es immer ausgereicht. Doch hier, in diesem Kaff irgendwo im Nirgendwo, war ich anscheinend an der falschen Adresse damit. Die fette Dame starrte mich nur weiter an. Dann ging sie langsam ein paar Schritte rückwärts – und verschwand einfach durch eine Tür hinter dem Tresen.

Verdattert sah ich mich um. Die Einrichtung war rustikal. Es gab einen steinernen Kamin, neben dem eine alte Standuhr tickte. Davor lag ein verfilzter Teppich, der ein paar Holztische und Stühle trug. Hinter mir gab es eine weitere Tür, die anscheinend zur Treppe führte.

Als ich eine Weile so dagestanden hatte, kam ein junges Mädchen durch die Tür hinter dem Tresen. Sie hielt ein großes Buch in der Hand und sah überrascht auf, als sie mich bemerkte. Ich hatte keine Lust darauf, mich heiser zu reden. Also hob ich einfach nur meinen Koffer und sah sie auffordernd an. Das half.

Zwei Minuten später öffnete ich den Koffer in der Kühle eines, für diese Umstände, ganz ansehnlichen Gästezimmers. Ich wollte mich erstmal von den Strapazen der Reise erholen, meine Kleidung wechseln und eine Dusche nehmen.

Als erstes ließ ich Ben etwas Wasser aus meiner Thermoskanne schlecken. Dann kramte ich einige Fotos meines Vaters hervor, die ich mitgebracht hatte, und die zu den ältesten zählten, die ich von ihm hatte. Sie waren allesamt in Deutschland geschossen worden, kurz nach meiner Geburt. Aber wenn ihn hier jemand kannte, dann musste er ihn sicher wiedererkennen. Doch zuallererst musste ich etwas essen.

Ich klappte den Koffer wieder zu. Meine Kleider ließ ich darin. Sie bedeckten das Gemälde, das ich weiterhin in das weiße Leintuch eingehüllt ließ, das ich seit meinem Besuch in der Pinakothek in München nicht mehr abgenommen hatte.

Die fette Dame, die ich bei meiner Ankunft in dem Gasthaus gesehen hatte, war immer noch weg, als ich mein Zimmer verließ. Dafür stand das junge Mädchen am Tresen, das anscheinend kein Deutsch verstand und mir nicht weiterhelfen konnte – weder, als ich sie um etwas zu essen bat, noch als ich sie nach der älteren Dame fragte. Sie schüttelte nur immer wieder bedauernd den Kopf. Die fette Dame musste zwar etwas jünger gewesen sein als mein Vater, es bestand aber die Chance, dass sie ihn gekannt hatte. Ich zeigte dem jungen Mädchen das Foto, ohne jedoch wirklich zu hoffen, dass sie ihn erkannte.

Ich trat hinaus in die Sommerhitze und sah mich etwas in dem kleinen Ort um. Es schien hier tatsächlich alles zu geben, was man auch in größeren Ortschaften findet. Ich entdeckte eine Werkstatt, einen kleinen Lebensmittelladen und einen winzigen Ramschladen. Es gab sogar ein rustikales Internetcafé. Wenigstens glaube ich, dass es eines war. Ich sah nicht mehr als drei Stühle vor drei Monitoren, aber ich hatte auch nicht die Geduld, die Gebäude genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich war am Verhungern. Trotzdem staunte ich nicht schlecht über die souveräne Unabhängigkeit, die sich dieser winzige Ort gegenüber den umliegenden Ortschaften erkämpft zu haben schien.

Als ich in das Gasthaus zurückkehrte und mich an einen der Tische setzte, war ich allein. Tschechische Musik schepperte aus einem kleinen Radio, das hinter der Theke auf einem Regal stand. Als das junge Mädchen kam, versuchte ich ihr noch einmal klarzumachen, dass ich etwas essen wollte. Sogar mein Magen stimmte in meine Bemühungen mit ein und gab ein ergreifendes Knurren von sich. Aber das Mädchen schüttelte nur immer wieder dümmlich den Kopf. Erst als ich mich einiger plumper Hand- und Mundbewegungen bediente, klärte sich ihr Blick und sie verschwand durch die Tür hinter der Theke. Wenn es um die grundlegenden Dinge des menschlichen Überlebens geht, dann kann man sich eben doch archaischer Hilfsmittel bedienen.

Eine Weile saß ich nur so da, bis hinter mir jemand herein kam. Ich drehte mich nicht um, sondern blieb einfach sitzen, während die Person in der Tür stehen blieb und mich anscheinend von dort beobachtete.

Schließlich schloss sich die Tür, und die Person schritt langsam um mich herum. Es handelte sich um einen Bär von einem Mann. Er musterte mich aus scharfen Augen, die von dichten, grauen Augenbrauen überwuchert wurden. Es war schwierig, etwas aus seinem Gesicht zu lesen, da es zu einem großen Teil hinter Schmutz und Barthaaren verborgen lag. Ich versuchte, meine Verunsicherung zu verbergen. Als er eine Weile um mich herum gestiefelt war, setzte er sich mir gegenüber.

In diesem Augenblick tauchte auch das junge Mädchen wieder auf. Sie brachte mir einen großen Teller Gulasch und einen Kanten Weißbrot. Ich bedankte mich kurz und begann zu essen, während mich der Bär weiter ansah, ohne etwas zu sagen. Langsam wurde ich nervös – und ich bin mir sicher, dass der Mann das spürte, während ich unbeirrt den Gulasch in mich hineinschaufelte. Ich entschied mich, die Flucht nach vorne anzutreten.

„Dass in so einem kleinen Ort nicht viel passiert, hab ich mir ja schon gedacht“, sagte ich, ohne zu dem Mann aufzusehen. „Aber dass ein Deutscher, der Gulasch isst, so eine große Attraktion ist -“

„Ich wusste, dass einer von euch wiederkommen würde“, unterbrach mich der Bär.

Ich stockte mitten in der Bewegung und sah ihn an. Er hatte perfektes Deutsch gesprochen. In seiner Stimme lag eine Mischung aus Vorwurf und Einsicht.

„Einer von wem...?“ fragte ich. Ich machte den Ansatz, noch etwas hinzuzufügen. Ich wusste aber selbst nicht genau, was daraus werden sollte. Nach kurzem Gestammel entschied ich mich, abzubrechen. Irgendetwas an dem Riesen machte mich unsicher.

„Du weißt, wen ich meine...“, fuhr der Bär fort. „Deine Familie. Deswegen bist du doch hier.“

Ich sah ihn einen Moment lang verwirrt an. Auf einmal änderte sich sein Gesichtsausdruck. Er wirkte, als wäre er sich selbst nicht mehr ganz sicher, ob er mit dem Richtigen sprach.

„Mein Vater ist vor ein paar Tagen gestorben“, sagte ich schließlich.

„Aha.“ Der Gesichtsausdruck des Mannes nahm wieder die alte Härte an, kaum dass ich meinen Satz beendet hatte. „Ich dachte es mir schon... Und jetzt suchst du danach.“

„Wonach?“

„Wonach?“ der Mann sah mich an, als hätte ihm ein kleines Kind gerade eine dumme Frage gestellt. „Sag mal, Junge, warum bist du denn hier?“

Ich überlegte kurz, dann entschied ich mich dafür, die ehrlichste Antwort zu geben: „Ich weiß es nicht so genau.“

Der Mann lachte laut los. Es klang wie ein Lachen, das kleine Kinder zum Weinen bringt. „Du weißt es gar nicht? Du kommst aus deinem schönen, sauberen Nest in Deutschland hierher in diesen Haufen Dreck, und du weißt gar nicht, warum?! Na ja, ihr ward schon immer so. Man wusste nie, ob ihr einen besonderen Spürsinn habt – oder einfach nur dumm seid...“

„Kannten Sie meinen Vater denn?“

Auf einen Schlag wurde der Mann wieder ernst und sah mich erneut scharf an. Er schien kurz zu überlegen, was er antworten sollte, dann lehnte er sich langsam zurück. „Jeder hier kennt deinen Vater... Ich kann dir aber nicht weiterhelfen.“

Er kramte in seiner Hosentasche herum. Dann zog er etwas hervor. „Ich hab aber versprochen, das hier aufzuheben. Hier.“ Er warf mir einen Gegenstand zu, der hart auf der Tischplatte aufschlug und neben meinen Teller polterte.

Der Bär stand auf und verließ das Gästehaus, während ich den Gegenstand vor mir ansah. So wenig ich mir auf dieses Gespräch auch zusammenreimen konnte, ich ahnte, wofür das kleine Metallobjekt war, das meinen Blick fesselte. Es handelte sich um einen alten Messingschlüssel.

Der Appetit war mir auf einmal vergangen. Die fette Dame schleppte sich wieder in das Gasthaus. Ich war mir sicher, dass sie genau wusste, was gerade geschehen war. Auch sie sah mich auf eine mitleidvolle Weise an. Ich nahm den Schlüssel und wog ihn prüfend in der Hand. Er war kühl und schwer. Dann sah ich zu der Dame hinüber.

„Wofür ist der Schlüssel?“ fragte ich.

„Das Haus.“ Sie lächelte freundlich. „Wissen Sie, wo es ist?“

~

Die Wegbeschreibung der fetten Dame war nicht allzu genau. Doch ich fand schnell, was ich suchte. Ich musste nur immer in die Richtung gehen, in welcher der größte Berg der Sudeten lag: die Schneekoppe. Die Sonne ging bereits unter, als ich endlich den kleinen Hügel nahe des Ortes erklommen hatte, und mein Blick auf mein Ziel fiel. Kurz schien alles um mich herum von mir fort zu rücken, als befände ich mich in einer Umgebung, die nicht real war und dies auch niemals gewesen war.

Was da vor mir lag, auf der Spitze dieser kleinen Anhöhe, war nichts anderes als das Haus, das auf dem Gemälde abgebildet war, das noch immer in meinem Koffer lag. Es sah genauso aus wie auf dem Bild. Es schien, als wäre das Gemälde erst gestern entstanden, als blickte ich in diesem Augenblick auf das Gemälde selbst, das zu übergroßen Proportionen angeschwollen war.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis ich wieder zurück in dem kleinen Ort war. Ich schnappte nach Luft und rang mit meinen Gedanken. Was ich gesehen hatte, war genau das gewesen, wonach ich gesucht hatte. Aber der Anblick des Hauses hatte mich zutiefst erschreckt. Was hatte ich erwartet, hier zu finden? Doch nichts anderes als eine Antwort auf diesen makabren Scherz in meinem Koffer. Und hier war sie. Doch ich war zu feige gewesen, länger als wenige Sekunden vor diesem tatsächlich existierenden Gebäude zu stehen, das sich aus irgendeinem unverschämten Grund nach all den Jahren um kein Haar von seinem Abbild auf dem Gemälde unterschied.

Zurück im Gasthaus sah mich die fette Dame fragend an. Ich überlegte, ob ich sie auf das Gebäude ansprechen sollte. Ich entschied mich aber dagegen. Stattdessen kehrte ich auf mein Zimmer zurück. Hier öffnete ich meinen Koffer, um das Bild noch einmal zu betrachten. Es sah noch genauso aus wie direkt vor meiner Abreise, als ich es das letzte Mal angesehen hatte. Das Fenster im obersten Stock war leer.

Ich hüllte das Gemälde gerade wieder ein, als es an der Tür klopfte. Noch bevor ich mich erhob, zwängte sich die fette Dame durch den Türrahmen. Ich habe keine Ahnung, wie sie es so schnell die Treppe herauf geschafft hatte.

„Ja?“ fragte ich verärgert.

„Haben Sie es gesehen?“

„Was gesehen?“

„Na, Ihr Haus...“ Sie grinste mich schief an.

„Wieso mein Haus? Was hab ich damit zu tun?“

„Sie sagten doch, Ihr Vater sei gestorben. Ihm gehörte das Haus. Also gehört es jetzt Ihnen...“

Ich wusste nicht genau, wie ich darauf antworten sollte. Sie taxierte mich einen Moment, ihr Blick blieb dann an meinem Gesicht hängen. Ein Ton der Vertrautheit schwang in Ihrer Stimme mit, als sie sagte: „Sie sehen ihm so ähnlich...“

Ich schloss den Koffer und stellte mich direkt vor sie, die Hände in die Hüften gestemmt. „Was ist denn mit diesem Haus?“

„Was soll damit sein?“

Ich zögerte einen Moment, dann entschloss ich mich, anders vorzugehen. „Seit wann gehörte das Haus meinem Vater?“

„Schon immer. Er und sein Bruder wurden darin geboren...“

Ich stockte. Dass mein Vater einen Bruder gehabt hätte, wäre mir jetzt neu gewesen. „Das kann nicht sein“, sagte ich. „Ich hab keinen Onkel. Und mein Vater hat auch nie von einem erzählt.“

„Doch“, erwiderte die fette Dame bestimmt. „Er hatte einen Bruder. Nachdem ihre Eltern gestorben waren, lebten die zwei noch eine Weile in dem Haus. Sie waren sehr reich. Ihre Eltern waren sehr reich.“

„Warum... hat er mir nie von seinem Bruder erzählt?“

Die Frage war eher an mich selbst gerichtet, doch die fette Dame beantwortete sie trotzdem: „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Sein Bruder starb leider auch sehr früh. Er starb und Ihr Vater verließ das Land... mit seiner neuen Frau.“ Ihre Stimme wurde brüchig, als sie das sagte. „Seitdem haben wir ihn nicht wieder gesehen. Und das Haus ist seit damals verlassen.“

„Und wieso wussten Sie, dass ich irgendwann kommen würde?“

„Das wussten wir nicht. Wir haben es aber vermutet. Niemand von uns hat das Haus betreten. Unsere Aufgabe war es nur, den Schlüssel aufzubewahren. Wir haben angenommen, dass früher oder später jemand von Ihrer Familie wieder auftauchen würde.“ Sie sah mich erwartungsvoll an. „Ich denke, Sie werden diese Nacht nicht hier im Zimmer bleiben?“

Ich schwieg eine Weile und schüttelte dann langsam den Kopf. „Ich denke nicht, dass es mich in dieses Haus zieht.“

„Das sollte es aber.“

Ich sah auf. „Was meinen Sie damit?“

Die fette Dame schien angestrengt zu überlegen, als wäre sie auf einmal darauf bedacht, ihre Worte sorgsam zu wählen. „Nun ja, es ist Ihr Haus“, wiederholte sie. „Ich denke, es ist Ihre Pflicht, sich darum zu kümmern. Jetzt, wo Sie hier sind.“

Sie sah mich durchdringend an, als wollte sie mir mehr sagen, als ihr in Worten lieb war. Dann trat sie zur Seite und machte mir so die Tür frei. Ich verstand schon, was sie mir mitteilen wollte: Ich hatte gar keine andere Wahl. In ihrem Gasthaus würde ich keine Nacht verbringen.

Das Dunkle Bild

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