Читать книгу Ein ganzes Leben in einer Hutschachtel - Ulla Rogalski - Страница 10

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Immer wieder war und ist von Berthas schöner Rosentapete die Rede. Frau Haag schwärmt regelrecht davon und kann sie mir im Winter 1990/91 endlich im Original zeigen. Denn Abschnitte davon stecken in der von Bertha geerbten Hutschachtel. Also sichten wir gemeinsam den Inhalt und schauen die Informationen durch, die Icki Haag inzwischen gesammelt hat. Zur Rosentapete fällt ihr noch der Zahnarzt und Freund Dr. Hans Thünker ein. Er ist Witwer von Berthas Schulkameradin Elisabeth, genannt Li. Beide haben Bertha vor und nach dem Krieg in London besucht. Auch nach dem Tod seiner Frau korrespondierte Thünker, der mit seinem Spitznamen „der Mopp“ unterschreibt, regelmäßig mit Bertha. Die beriet einst das Brautpaar bei der Ausstattung seiner ersten Wohnung und ließ im Flur an Wand und Decke die gepriesene Rosentapete verkleben. Um Erinnerungen und Überlieferungen zu sammeln, lädt Frau Haag zu einem „Bertha-Hutschachtel-Abend“ ein. Außer dem agilen Dr. Thünker kommt noch Heidi Schneider. Deren Mutter arbeitete mit Berthas Mutter Clara in der Reformkleider-Bewegung zusammen und ihre Schwester ging mit Bertha in eine Klasse. Auch Frau Schneider selbst hatte später Kontakt zu Bertha in London. Froh sei die über jeden Kontakt nach Deutschland gewesen, auch wenn sie jemanden nur indirekt kannte und ja selbst nach ihrer Emigration nie mehr nach Deutschland kam. Frau Schneider glaubt, dass sie sich im Exil heimatlos und einsam gefühlt habe. Außerdem ist sich der kleine Freundeskreis einig, dass Bertha sehr unglücklich gewesen sein muss.

Bald nach der anregenden Gesprächsrunde findet Hans Thünker in seinem Haushalt noch einen Rest der besagten Rosentapete. Er ist musteridentisch mit zwei Tapetenabschnitten aus der Hutschachtel, von denen einer rosé- und einer schwarzgrundig ist. Dann offenbart sich ein überraschender Tatbestand: Berthas Rosentapete ist nicht Berthas Entwurf. Die Schrift auf der Druckkante am schwarzgrundigen Tapetenrest ist angeschnitten, zeigt aber klar: „WIENER WERKSTÄTTE <DIE ROSE> ENTWURF. D. PECHE.“ Nun kommt schon wieder die Wiener Werkstätte ins Spiel, aber in diesem Fall ist nicht Bertha die Schöpferin des Entwurfes.

Die Wiener Werkstätte und „D. Peche“

Die Wiener Werkstätte ist ein Begriff in der Kunstgeschichte und auch Peche ist mir bekannt. Zwar habe ich während meines Innenarchitektur-Studiums nie von ihm gehört, aber gerade in den letzten Jahren hat mir ein Kunsthistoriker, der über Peche gearbeitet hat, dessen einzigartiges Schaffen sehr ans Herz gelegt. Auch Nachbarin Haag hat den Namen Peche schon gehört — vielmals und von Bertha. Die habe in ihren späten Jahren noch immer wie ein junges Mädchen von einem charmanten und genialen Mann dieses Namens geschwärmt. Bei der Wiener Werkstätte ist natürlich ein „D. PECHE“ zu finden, er heißt mit Vornamen Dagobert, wurde 1887 geboren und starb bereits 1923 im Alter von nur 36 Jahren. Daher ist sein Name in der Kunstgeschichte auch nicht so präsent wie die von Josef Hoffmann und Koloman Moser, die 1903 die Wiener Werkstätte gründeten. Ziel der Werkstätte war die Erneuerung des Kunstbegriffes im Bereich des Kunstgewerbes und der Einrichtung, so wie es die „Arts and Crafts“-Bewegung in England bereits zuvor auf ihre Art praktiziert hatte. Seit 1911 entwarf Peche Stoffe für die anspruchsvolle Wiener Institution, 1915 wurde er zum Mitglied berufen. Josef Hoffmann kürte den stilistisch eigenwilligen und hochbegabten Architekten zu seinem Nachfolger. Nach Peches frühem Tod wurde Hoffmanns Werk selbst von der neuartigen dekorativen Eleganz Peches beeinflusst.

Lebenslang geliebtes Muster

Nun ist klar, „Berthas Rosentapete“ wurde von dem österreichischen Architekten Dagobert Peche für die Wiener Werkstätte entworfen. Bertha hat dieses Muster offenbar sehr geschätzt und gerne verwendet. Ihre alten Bekannten können sich alle nicht erinnern, ob Bertha jemals über die Urheberschaft gesprochen hat. Sie alle kennen bis zu diesem Zeitpunkt diese Tapete nur als „Berthas Rosentapete“.

Der Signatur auf der Spur

Als ich mich jetzt mit Peche näher beschäftige, seinen einzigartigen Stil studiere, sein opulentes Schaffen aus wenigen Jahren Revue passieren lasse, kommt ein Gefühl auf, dass etwas mit Berthas in London gezeigter Sessel-Zeichnung nicht stimmt. Die wunderschöne Zeichnung, deren zeichnerische Qualität mich 1986 so beeindruckte, zeigt eine große Nähe zu Peches Werk. Man glaubt hier fast, den eleganten Strich des Frühverstorbenen zu erkennen — wenn sie nicht die Experten des ehrwürdigen Londoner Museums eindeutig Bertha Sander zugeschrieben hätten. Beim Schwelgen in Peche-Arbeiten und Durchblättern von vertiefender Lektüre wird klar: Der Österreicher hatte nicht nur zeichnerisch einen besonderen Stil, auch seine Handschrift wirkte wie Kalligraphie — und er erfand für sich eine besondere Art und Weise, seine Werke zu signieren. Meist band er seine Signatur mit in die Zeichnung ein. Es ist ein langer senkrechter Strich mit einem flachen Bogen, also ein extrem schlankes P. Das steht auf einem Stern mit einem kurzen waagerechten Strich darüber, auf dem zwei Ziffern symmetrisch als Jahreszahlen balancieren. Wer dieses spezielle Zeichen nicht kennt, wird es schwerlich als Signatur erkennen und einem Urheber zuordnen. Es ist eindeutig: Bei „Berthas“ Sesselzeichnung markiert sie zart die Mittelachse und schwebt über der Rückenlehne: Dagobert Peches Signatur. Also kann die Zeichnung Bertha nur gehört haben, sie stammt definitiv nicht aus ihrer Hand. Warum war Bertha der Wiener Werkstätte so nahe und ihr so verbunden — sie, die in Köln wohnte und arbeitete? Da ist die Erklärung schnell bei der Hand: Sie hat, laut eigenen Angaben, in Wien für die Künstlergemeinschaft gearbeitet, was später auch ein Zeugnis belegen wird. Das wirft wieder neue Fragen auf: Wie kam es dazu, was hat sie da gemacht und wie kam die Peche-Zeichnung in ihren Besitz? Nach der Ernüchterung über die tatsächliche Urheberschaft der schönen „Bertha-Funde“ gibt es noch genug spannende Fragen.

1991 gehe ich zweimal auf Recherche-Reise nach London. Gesichtet wird erst einmal der Bertha-Sander-Nachlass in den „Archives of Art und Design“. Sie gehören zum Victoria & Albert Museum. Dort sind Nachlässe von interessanten Künstlern, Designern, Unternehmen und Vereinigungen aus dem 20. Jahrhundert untergebracht. Mit Voranmeldung kann man sie zu Studien- und Forschungszwecken an Ort und Stelle einsehen. Um als Privatperson zugelassen zu werden, muss man zu jener Zeit noch ein Empfehlungsschreiben einer wissenschaftlich arbeitenden Institution vorlegen können. In den „Archives“ sichte ich die Bestände der Bertha Sander — sie sind sehr umfangreich. Listen werden anlegt, Texte handschriftlich (nur Bleistifte sind erlaubt) abgeschrieben, ein paar Dokumentationsfotos werden aufgenommen. Jetzt sehe ich erstmals die wunderschöne Sesselzeichnung im Original, die vor Jahren mein Interesse für Bertha geweckt hat. Sie liegt allerdings nicht in den „Archives“, sie wird im berühmten Museum selbst, in der Grafischen Sammlung des Hauses, „Print Room“ genannt, aufbewahrt. Im Original und in Farbe wirkt die Zeichnung noch faszinierender. Wenn sie nur von Bertha wäre — dann hätte ich eine Entdeckung gemacht und könnte eine richtig gute Geschichte schreiben. Aber da steht nun einmal „Eigentum der Wiener Werkstätte“ und da ist Peches Signatur. Eine ähnliche Farbskizze ruht auch noch zwischen Berthas Arbeiten in den „Archives“, ebenfalls mit dem „Werkstätte“-Stempel. Der Kurator des „Print Room“, der 1986 die Ausstellung „Designs for Interiors“ zusammenstellte und damit Bertha zu später Freude verhalf, zeigt mir noch einige Skizzen und Tapetenentwürfe von Bertha. Aber er zeigt sich wenig beeindruckt, als ich anhand von Abbildungen der Peche-Signatur aus Fachbüchern Berthas Urheberschaft an der Sesselzeichnung ganz vorsichtig infrage stelle. Der Experte überspielt das einfach souverän. Vielleicht kann man sagen „Was soll‘s?“ Damit hat er Bertha in ihren grauen letzten Jahren wenigstens kurzfristig eine Freude gemacht, sie fühlte sich geschmeichelt. Sie hat sich gerne einmal kurz im „Glanz“ des eleganten Österreichers gesonnt und ihn unwidersprochen als den Ihren genossen. Hoffentlich wird die Zeichnung künftig korrekt zugeschrieben — der Ordnung halber und dem Renommee der Institution entsprechend, den Forschenden zum Nutzen und nicht zuletzt dem genialen Urheber zu Ehren.

Reste vom Dachboden

Zur Bertha-Sander-Recherche gehört auch ein Besuch in Justins, dem kleinen privaten Retirement Home auf dem Land, in dem Bertha ihre letzten Lebensjahre verbracht hat. Die Besitzer, das Ehepaar Ted und Jane Francis, sind reizend und erzählen viel von Bertha, auch dass sie sehr schwierig war und gerne „die Puppen tanzen ließ“. Die beiden holen einen Karton vom Dachboden, darin haben sie das von Bertha verwahrt, was die anderen Erben nicht haben wollten. Ted und Jane sind begeistert, dass jemand etwas über „ihre“ Bertha schreiben möchte und überlassen mir gerne etliche Fotos, Papiere und Zeitschriften, die nützlich erscheinen. Die reisen nun, in einer Liste erfasst, mit mir zurück nach Heidelberg. So können wir beiden Nachbarinnen weitere Fragmente aus Bertha Sanders Leben sichten und vielleicht ein paar Steinchen mehr zueinander fügen.

Recherche verpackt

Aber dazu kommt es zunächst nicht. Erst einmal lasse ich alles ruhen und komme dann für mich zu dem Schluss, dass Berthas Arbeiten nicht die design-historische Entdeckung sind, die eine Publikation tragen könnte. Hier gibt es keine neue Eileen Gray zu entdecken, wie Ende der 1970er-Jahre, als aufsehenerregende Möbelstücke dieser irischen Autodidaktin auf dem Kunstmarkt auftauchten und ihr Name auf einmal bekannt wurde. Ich habe Innenarchitektur studiert und arbeite im Bereich Kommunikation rund um das Thema Design. Da wäre die Geschichte einer solchen Neuentdeckung ein großes Vergnügen gewesen — aber die gibt es ja nun nicht. Und einer Biografie, für die Berthas Leben und Schicksal wahrscheinlich genug Stoff liefern würde, fühle ich mich nicht gewachsen. Irgendwann packe ich Berthas Lebensfragmente mit etwas Wehmut in eine Kiste. Sie landet in unserem Familien-Depot, fünfzig Kilometer entfernt von Berthas Geburtsort Köln. Da bleiben sie erst einmal — nicht immer in bester Gesellschaft.

Ein ganzes Leben in einer Hutschachtel

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