Читать книгу Verlorene Fassung - Ute Dombrowski - Страница 8
6
ОглавлениеSusanne hatte nach dem Training bei Marcel noch am Supermarkt angehalten. Noch immer wurde sie dort wie ein Star behandelt, nachdem sie und Robin in ihrem ersten gemeinsamen Fall zwei Trickdiebe gestellt hatten. Die Angestellten nickten ihr freundlich zu, eine Kassiererin winkte. Wenn jemand neu eingestellt wurde, wusste er nach kurzer Zeit, wer sie war und was sie getan hatte.
Sie schlenderte am Käseregal entlang, warf eine Packung Schnittkäse in den Wagen und bog um die Ecke. Dort prallte sie gegen den Rücken eines Mannes. Es war Eric, der zwei Flaschen Wein in der Hand hielt.
„Oh, Entschuldigung.“
Eric schaute Susanne erst grimmig an, dann versuchte er ein Lächeln. Es überzeugte die Kommissarin nicht.
„Was ist denn los? Kann ich Ihnen helfen?“
„Nein danke.“
Susanne nickte und wollte weitergehen.
„Rot oder weiß?“, fragte Eric plötzlich.
Susanne sah ihn an.
„Ich habe weitaus weniger Ahnung von Wein als Sie. Aber ich mag am liebsten Weißwein.“
„Gut, dann nehme ich den.“
Er stellte den weißen Burgunder in den Einkaufswagen und bedankte sich.
„Sie haben Sportklamotten an.“
Es war nicht klar, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. Susanne grinste und nickte.
„Sie sind ein guter Beobachter. Ich war beim Training.“
„Was trainieren Sie?“
„Kampfkunst.“
„Ah ja. Können Sie das denn noch nicht gut genug?“, fragte er düster.
Eben dachte Susanne noch, sie könnte sich unbefangen mit Eric unterhalten, da zerstörte er diese Illusion mit einem Satz.
„Ich lerne dort unter anderem, nicht beleidigt wegzulaufen. Warum müssen Sie immer so unhöflich zu mir sein?“
„War das unhöflich?“
Eric lachte los.
„Ich könnte genauso beleidigt sein. Warum müssen Sie immer alles falsch verstehen? Es war nicht so gemeint.“
Susanne hielt ihm die Hand hin.
„Dann entschuldigen Sie. Ich wollte nicht zickig sein.“
Eric nahm Susannes Hand. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, aber das war nicht unangenehm, im Gegenteil. Die Wärme seiner Hand fühlte sich nach Geborgenheit an, nach Sicherheit. Rasch zog sie ihre weg, denn er hatte ihre Reaktion sehr wohl wahrgenommen, weshalb sich ein Lächeln in seine Augenwinkel schlich.
Was war das? Susanne wünschte Eric einen schönen Abend und gab vor, sich beeilen zu müssen. Sie lief zur Kasse und sah dort, dass sie nur diese eine Packung Käse im Wagen hatte. Sollte sie lieber morgen einkaufen? Dann kniff sie sich in den Handrücken.
„Susanne, du bist bescheuert. Hol schnell den Rest und bleib locker.“
Wie peinlich, dachte sie, dieser Kerl hat mich schon wieder aus dem Konzept gebracht. Und so, wie er sie angesehen hatte, hatte er das auch bemerkt. Reiß dich zusammen, rief sie sich innerlich zu.
Sie konzentrierte sich wieder auf den Einkauf und sah, dass Eric auf die Kasse zusteuerte. Erleichtert schob sie nun durch die Gänge.
„Sind Sie verknallt, Frau Kommissarin?“
Susanne fuhr herum und erkannte die junge Frau, die mit der Kasse unter dem Arm nach hinten ging.
„Was? Wie? Nein, um Gottes Willen, nein!“
„Der Typ sieht aber heiß aus. Ich würde da nicht nein sagen.“
Susanne lachte.
„Nein, er sieht zwar ganz gut aus, aber der ist nichts für uns.“
„Ist er schwul?“
„Nein, das ist er nicht. Er ist Staatsanwalt, mega streng und nicht so nett, wie er aussieht.“
„Staatsanwalt? Oha, dann will ich ihn auch nicht. Schönen Abend noch!“
Die Verkäuferin winkte fröhlich und eilte davon. Susanne seufzte. Wenn diese Frau das gesehen hatte, was hatte dann Eric gedacht? Sie nahm sich vor, ganz sachlich zu bleiben, wenn er ihr wieder über den Weg lief. Sie eilte zur Kasse, bezahlte, lud alles in den Kofferraum und fuhr heim. Nach dem Abendessen legte sie sich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Kanäle. Das Telefon klingelte und sie sah auf das Display.
„Lia, was für eine Freude!“
„Hallo, meine Liebe, ich wollte mich mal melden und fragen, wie es dir geht und was in Eltville los ist.“
„Ach Lia, was bin ich froh, dich zu hören. Ich bin gerade rein, war beim Training.“
„Oh, da gehst du immer noch hin?“
„Es tut mir gut und mit Marcel kann man sich super unterhalten. Er weiß immer, was ich denke und wie es mir gerade geht.“
„Wäre das kein Mann für dich?“
„Nein, erstens ist er verheiratet und zweitens will ich keinen Mann. Außerdem kommt Phillip demnächst hierher und wird mich nerven. Meine Mutter hat mir offenbart, dass er mich zurückhaben möchte.“
„Ach du je! Willst du ihn auch zurück?“
„Niemals!“
„Aber so ein bisschen Wärme wäre doch ganz nett, oder? Hast du mal jemanden kennengelernt?“
„Ich arbeite nur, ich habe keine Zeit für sowas.“
Sollte sie Lia von ihren verwirrenden Gedanken zu Eric berichten?
„Ich bin mit Robin befreundet, Ferdinand ist mein Chef. Eric mag mich nicht und ist eh immer schlecht drauf, aber …“
„Aber? Höre ich da ein kleines Glitzern in deiner Stimme?“
„Ist das so offensichtlich? Der Typ bringt mich ständig aus dem Konzept, bei ihm weiß ich nie, wie etwas gemeint ist. Verstehst du, was ich meine?“
„Ja, es ist kompliziert und du musst immerzu an ihn denken.“
Lia hatte es auf den Punkt gebracht. Susanne berichtete von ihrem Zusammentreffen im Supermarkt.
„Er lässt niemanden an sich ran, ich denke, nur Ferdinand weiß, wie er tickt. Bianca, seine Ex und meine Vorgängerin, ist immer noch präsent. Es ist schon im Job schwierig, sie auszublenden. Da kann ich das privat nicht auch noch. Es würde keinen Sinn machen und nur wehtun. Und das will ich nun wirklich nicht.“
„Dann gehst du ihm besser aus dem Weg. Habt ihr viel zu tun im Moment?“
„Wir haben einen Toten in den Weinbergen gefunden, aber wir wissen noch gar nichts, außer dass der Mann ein mieser Typ war. Er hinterlässt Frau und drei Kinder und holte sich den Spaß woanders. Wenn er nicht schon tot wäre, würde ich ihn verprügeln. Aber das mache ich ja nicht mehr.“
„Du musst trotzdem den Mörder jagen und verhaften. Manchmal denkt man, dass so jemand eher einen Orden verdient hat.“
„Ja, da hast du recht. Aber jetzt haben wir die ganze Zeit über mich geredet! Wie geht es dir denn? Ich nehme dich mit in die Küche und gieße mir ein Glas Wein ein.“
Sie redeten noch eine knappe Stunde, bis sich Susannes Laune stark verbessert hatte. Lia war eine tolle Freundin, klug und warmherzig, nur zu weit weg in Italien. Aber vielleicht würde sie im Sommer Urlaub in Eltville machen. Zufrieden ging Susanne ins Bett und schlief bald ein. Der Wein hatte ihr eine angenehme Bettschwere beschert.
Kurz nach Mitternacht klingelte ihr Telefon erneut. Sie sah Phillips Nummer und drückte den Anruf weg. Was dachte sich der Kerl? Dass sie den Tag über schlief und nachts auf seine Anrufe wartete? Nein, sie musste ihm bald sagen, dass er auf gar nichts zu hoffen brauchte. Susanne dagegen hoffte, dass er das auch verstehen würde.
Jetzt konnte sie nicht mehr einschlafen, wälzte sich hin und her und verfluchte Phillip. Sie verfluchte auch Eric, der sich jetzt in ihre Gedanken schlich. Sie spürte seine Lippen und ärgerte sich im nächsten Augenblick darüber, dass sie den Kuss nicht einfach ausblenden konnte, so wie er es tat. Sie raffte ihr Kopfkissen zusammen und streckte sich.
„Raus aus meinem Kopf!“, sagte sie laut in die Dunkelheit.
Nach einer weiteren wachen halben Stunde fielen ihr endlich die Augen zu.