Читать книгу Der Tod ist keine Frau - Werner Siegert - Страница 4
V e r w i r r u n g e n
ОглавлениеDie Eile, mit der ich T. und mein Refugium dort hinter mir lassen wollte, stand in beredtem Gegensatz zu den langen Wochen und Monaten, in denen ich mich immer wieder mit den Ereignissen jenes Maientages auseinanderzusetzen versuchte.
Ja, gerade weil ich T., die Burg und vor allem das rätselhafte Mädchen eiligst auszulöschen versuchte, rumorte die Hefe des Unbewältigten in mir.
Tausendmal, und das ist nicht nur so dahingesagt, stieg die Frage in mir empor: Gab es das Mädchen wirklich, oder war ich einer Halluzination, einem überraschenden Anfall von Schizophrenie zum Opfer gefallen? Ebenso oft sah ich die Tassen im Spülstein vor mir, sah ich den Papierkorb mit den nassen Blättern, sah ich - und hier wurde ich schon unsicher in meiner Fähigkeit, mich präzise nur an Fakten zu erinnern - die Plastiktüte mit der doppelten Ration von der Kathl. Was, wenn die Tüte so vollgestopft war, hatte ich denn mit dem ganzen Zeug gemacht?
Dass ich nie mehr nach T. zurückgekehrt bin (und es mir auch lange Zeit nicht vorstellen konnte, je wieder dort aufzukreuzen), liegt zum größten Teil daran, dass ich die Blamage fürchtete. Natürlich, eine Frage an Willi brächte Gewissheit: "Willy, war ich damals mit einem Mädchen hier, an jenem Abend, als das Unwetter kam? Erinnerst du dich nicht, deine Frau, die Kathl, hat sie mir nicht an jenem Abend ein besonders reichhaltiges Sackl gepackt?" usw. Aber genau diese Frage könnte ich mir ja auf gar keinen Fall erlauben. Ob Ja oder Nein, gleichermaßen müsste ich riskieren, als wirr, als deppert zu gelten.
Was mich bei meinen tausendfachen Inquisitionen ganz besonders stutzig machte, war, dass ich nicht einmal wusste, ob ich an jenem verzweifelten Morgen das Kopfkissen nach einigen Haaren abgesucht hatte. Jede Frau lässt auf ihrem Kissen ein paar Haare zurück, zumal, wenn sie einen so wunderschönen langen Kopfschmuck hat wie die Annemarie meiner Phantasie! Wie oft habe ich diese achtlos verlorenen Spuren sorgsam gesammelt und als kostbare Erinnerung manchmal jahrelang aufgehoben. Hätte ich Medaillons von jener Art besessen, in die man geheime Köstlichkeiten verbergen konnte, ich hätte diese Reliquien der Zärtlichkeit darin konserviert - und damit einen Teil des erotischen Rausches jener Nächte.
Dass ich nach der tatsächlichen - oder geträumten? herbeigesehnten? Mai-Nacht in inniger Nähe zu Annemarie nicht nach solchen intimen Spuren gesucht - und wenn, dann keine gefunden hatte, verwendete ich alsbald gegen mich. Ich schalt mich einen Spinner, einen von altersbedingten Mangelerscheinungen (in mehrfacher Hinsicht!) angegriffenen Greis, der erotische Szenarien zu erträumen und durchzuspielen begann. In dieser depressiven Verlorenheit glaubte ich allmählich, keine Aussicht nähren zu dürfen, dass mich je wieder ein weibliches Wesen auch nur eines Gedankens für würdig befinden könnte. Keine Haare - keine Annemarie! Keine Annemarie - kein Verstand! Und dies mitten in einem anspruchsvollen Berufsleben, in dem es ohnehin nie einen Anspruch auf Frühpensionierung geben würde, noch das geziemende Alter in Sichtweite war.
Wer sich ein wenig in meine Situation hineinversetzen kann, wird verstehen, dass dies allmählich zu einer quälenden Frage meines Selbstwertes wurde und - so lange es mir nicht gelingen wollte, diese Ereignisse aus meinem Gedächtnis zu tilgen - eine beträchtliche Brisanz erhielt. Wusste ich doch auch niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können. Wen auch? Einen Nervenarzt? Einen Gerontologen?
Wochenlang hatte ich die Kartons, die mir von einer Umzugsfirma einer benachbarten Stadt in T. zusammengepackt worden waren, nicht zu öffnen gewagt. Obwohl ich nicht einmal mit den Möbelpackern, die mein Burgverlies auflösten, in Kontakt kommen wollte, fügte es der Zufall, dass ich die Sendung persönlich in Empfang nehmen musste. Der redselige Fahrer erzählte mir damals, dass ihn die Leute in der Burg auszufragen versucht hatten, und es sei wohl das Gerücht umgegangen, ich sei tödlich verunfallt. Das war mir immer noch lieber, als wenn sie mich im Geiste in der Klapsmühle gewähnt hätten. Schließlich war diese Frau doch eine Art Tod.
Zaghaft hatte ich dann begonnen, Karton für Karton auszupacken und jeden Gegenstand akribisch zu prüfen. ob er irgendeinen Existenzbeweis für Annemarie liefern könne. Sicher, da war die Vase für den Maienstrauß. Da waren die Tassen, die Teller, die Gläser. Es gab nur einen Zahnputzbecher. Hatte sie ihn benutzt? Heute kann ich zugeben, dass ich - auf die ganz, ganz dünne Hoffnung hin - den ganzen Rand mit Küssen benetzt habe. Wahnsinn!
Wäre ich doch an jenem Vormittag noch einmal zurückgefahren! Hätte ich doch die Blätter wieder aus dem Papierkorb geholt! Ich glaubte, mich zu erinnern (oder nicht?), dass Annemarie auch ein paar Striche auf ein Skizzenblatt geworfen hatte.
Nun war alles weg. Ich hatte zu malen aufgehört und monatelang keine Zeile geschrieben. Wenn Ölquellen zu brennen beginnen, zündet man eine gewaltige Explosion, direkt daneben, um durch den plötzlichen Sauerstoffentzug die Flamme auszublasen. So kam mir das Phänomen Annemarie vor. Ihr Erscheinen und ihr Auflösen in Nichts war ein Blow-up für meine ganze Persönlichkeit und drohte, mir in gewisser Hinsicht das Lebenslicht auszublasen.
Natürlich haben meine Freunde etwas bemerkt. Aber ich wagte nicht, irgend jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu erzählen. Und zu einem Psychiater zu gehen, wäre nun das Allerletzte gewesen. Denn dessen Diagnose schien mir ohnehin klar: So oder so - nur eine wenigstens ihn sanierende Langzeittherapie könne mir die verlorene Stabilität wiedergeben.
Einziges Gegenmittel, das ich mir verschrieb, war Arbeit, Arbeit, Arbeit. Tagsüber, Nächte hindurch. Und eine selbstverordnete Isolation von Bekannten. Dafür suchte ich in den wenigen Stunden, die ich mir gönnte, geradezu manisch Kontakte mit wildfremden Menschen. Ich schrieb an Kontaktadressen im Stadtanzeiger. Verbrachte ein Wochenende hier, eines da. Eines mit dieser Frau, eines mit einer anderen. Ich suchte nicht sie - alle mögen es mir verzeihen! - , nicht ihre Unterhaltung und ihre Körper, sondern ganz klar nur mich. Es waren liebe, sehr liebe und sehr verzweifelte Frauen dabei. Aber ich habe sie - denen ich nie Treue schwören musste und es natürlich nie tat! - schamlos betrogen: denn ich war da und doch nicht da. Ich habe sie großzügig verwöhnt, aber sie gar nicht gemeint. Sie waren fast immer "himmelhochjauchzend", wenn wir irgendwo wahnsinnig weit weg wahnsinnig ausgelassene Dinge trieben, und zu Tode betrübt, wenn ich mich mir nichts dir nichts zurückzog. Das war - natürlich - auch so eine Art Rache am Geschlecht der Annemarie. Eine berechtigte Rache? Oder ganz und gar die Rache an einem Phantasiegebilde? Wenn ich das doch nur gewusst hätte.
Um dies zu erforschen, verbrachte ich viel Zeit mit dem Studium von Telefon- und Adressbüchern: "v.D.", und "I" mit Vornamen. Bald kannte ich alle gängigen Adelsnamen von "von Dannewitz" bis "von Drzebinow".
So lernte ich auch Ingeburg Freifrau von Dreiwitz kennen. Unweit von Limburg. Eine mittelalterliche Dame mit sehr jugendlicher Stimme. Ein Ausbund von Temperament und reich an ordinärem Wortschatz. Frau von Dreiwitz (ich habe den Namen geringfügig verstellt) entpuppte sich natürlich als eine ausgemachte Fehlanzeige. Ich lud mich unter einem Vorwand ein. Alles klappte vorzüglich. Mit ihr blätterte ich den ganzen Gotha durch und bekam fast auf jeder dritten Seite ein Sittengemälde aufgetischt. Ingeburg von D., die Freifrau, war so frei und grölte schließlich vor Vergnügen. Vieles war ganz sicher erlogen, aber gekonnt, gekonnt! Vielleicht verschwand hinter den Skandalgeschichten, die sie aus der Adelszene üppig von sich gab, sogar eine für mich heiße Spur zu einer anderen 'I.v.D.', aber ich konnte mich anderentags ohnehin kaum noch an etwas erinnern. Denn die Nacht wurde lang. Sie endete nämlich in einem wüsten Bacchanal, als - zufällig oder nicht? - weitere Freundinnen und befreundete Paare in der Luxusvilla eintrafen und Swimmingpool wie Sauna mit einer wahren Orgie erfüllten. Der Champagner floss und unser aller Rausch hätte einen besonderen Adel verdient. Immerhin bewahrte er mich vor sittlichen Anfechtungen anderer Art. Als ich, schlimm verkatert, wieder in den Alltag zurückkehrte, war ich um eine weitere Hoffnung, nein, um eine ganze Wagenladung von Hoffnungen ärmer.
In dieser Situation, als ich schließlich der Resignation nachzugeben bereit war und jene Annemarie, alias "I.v.D.", als Irrlicht, als Wahngebilde, als erste Warnung vor der Verkalkung abzutun verzweifelt genug war, traf es mich wie ein gewaltiger Donnerschlag, wie ein pfeifender Hieb des Schicksals, dass ich Annemarie wiedersah.