Читать книгу Der total normale Frisörwahnsinn - Yvette Gorke - Страница 3

1. Kapitel

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Meine erste Adresse war eine Nebenstraße vom Kudamm. Im Salon „Ferdinand“! Was wir „Ossis“ nicht wussten, war das Ausnutzen, auch genannt Praktikum. Eine ganze Woche lang. Ich als Jeanstyp mit Turnschuhen und jetzt, ich bitte euch, ein Praktikum in einer Nebenstraße vom Kudamm in Hackenschuhen, die mir vorkamen wie Highheels, und einem Röckchen. Was durfte nicht fehlen? Natürlich die Rüschenbluse. Furchtbar! Die ersten Worte des Tages kamen von meiner Mutter: “Ach wie süß du aussiehst, hätteste schon mal früher tragen können“ (kotz brach)! Ich machte mich auf den Weg, ganz alleine in die große weite Westwelt. Eine halbe Stunde vor der Zeit war ich da und schaute mir den ach so tollen und berühmten Kudamm an. Wenn ich an die nächsten Tage dachte, fand ich den Kudamm nur grausam. Nur Luxusschlitten, alle Leute fast oder genauso schick gekleidet wie ich. Zehn Minuten vor der Zeit betrat ich den Salon. Ein kleiner, rundlicher, durch die Nase sprechender Mann kam auf mich zu. Er begrüßte mich forsch mit den Worten: “Ach unser Knecht für eine Woche“, ich lächelte es weg. Er sprach weiter: “Ich bin der Chef und möchte mit Vornamen angesprochen werden“. Ich fragte was zu tun wäre, damit ich das Gelaber nicht mehr hören musste. Meine Worte waren: “Ferdinand, was kann ich für DICH tun?“ Irgendwie wurde Herr Ferdinand blass, drehte sich zu mir um und wollte mich (glaube ich) mit seinem Blick erstechen. Herr Ferdinand wetterte los: “Nur weil ich mit Vornamen angesprochen werden möchte, ist das kein Freibrief zum Duzen. Ach ja, du halt lieber dein Mündchen bei der ach so feinen Kundschaft, man hört ja wo du herkommst“. Da war mir schon klar, hier werde ich keine Friseurin und ich wusste auch nicht ob ich es überhaupt werden wollte! Die erste gnädige Kundin kam herein. Ein Bussi hier, ein Bussi da und Herr Ferdinand sprach wie ausgewechselt mit Engelszunge auf die Kundin ein. Bis dahin stand ich nur rum und musste über dieses falsche Verhalten nur den Kopf schütteln. Er bot seiner Kundin Champagner an und ich der Knecht sollte flitzen. Ich machte den Kühlschrank auf und suchte und suchte, natürlich den Champagner. Nach 10 Minuten kam Herr Ferdinand und fragte „was ist das Problem? Haste im Osten nicht lesen gelernt?“ So schroff sprach er natürlich nur mit mir. Ich erklärte ihm höflich, im versuchten hochdeutsch, dass ich nur Rotkäppchensekt und keinen Champagner finden würde! Er schüttelte den Kopf nahm den Sekt. Komisch, war wohl doch nicht alles schlecht im „Osten“? Er verschwand. Ich schüttelte den Kopf und fragte die Angestellte, die wohl immer ne halbe Stunde zu spät kommt, ob man im Friseurgewerbe immer so falsch miteinander umgeht? Sie zuckte die Schulter und ging ohne eine Antwort. Sicher wusste Herr Ferdinand hinterher von unserem Gespräch. Der Tag verging, kein Wort des Lobes, kein Wort wie schlecht ich war, nichts nur ein plumpes: „bis Morgen“. Furchtbar! Am Abend reagierte ich mich bei meinem Freund ab und wir trafen uns mit der Clique. Ich hörte, dass komischerweise alle Mädels Friseurinnen werden wollten oder sollten, und dass mein Tag der harmloseste von allen war. Es folgte Tag Zwei. Wieder 10 Minuten vor der Zeit. Wieder das griesgrämige Gesicht des Herrn Ferdinand. Keine Suche nach Champagner, den Sekt holte er jetzt lieber selbst. Eine langhaarige, wohl sehr gut betuchte Kundin kam herein. Bussi hier, Bussi da und bla bla bla. Ich merkte gar nicht, dass die Kundin mich überhaupt wahrnahm. Sie grüßte und fragte, wer ich sei. Schock, ich war so geschockt, dass mein Ossiberlinern durchkam. Sie lächelte und sagte, dass sie auch von drüben kommt und man sollte, egal wo man ist, immer dazu stehen, wo man herkommt. Toll, dachte ich, endlich mal ne normale Person im „Goldenen Westen“. Die Dame bekam Foliensträhnchen. Ich staunte nicht schlecht, als die Angestellte mit mir zusammen nach hinten verschwand. Wir sollten Alufolie für die Strähnchen zu schneiden. Das erste Mal bemerkte ich so was wie Begeisterung. Herr Ferdinand begann, wie ich zugeben muss, sehr gekonnt die Strähnchen zu färben. Halbe Stunde einwirken lassen, abwaschen. Ich stand die ganze Zeit daneben und schaute fasziniert zu. Die tolle Kundin war erblondet. Das Waschbecken sah aus wie nach einer Alufolienschlacht und ich bekam die Anweisung, die Folie wegzuräumen. Also nahm ich die Folie, wollte sie in den Mülleimer werfen. Ich dachte ein Erdbeben oder eine andere Katastrophe wäre ausgebrochen so wie Herr Ferdinand auf mich zukam. Er wies mich an, die Folie abzuwaschen, er wäre ja schließlich kein “Geldscheißer“. Die nächste Stunde war ich mit Folienabwaschen und -trocknen beschäftigt. Der zweite Horrortriptag ging zu Ende. Ich habe das erste Mal gemerkt, wie Kunden einem die Aufmerksamkeit danken, mit Trinkgeld. Die nette, tolle Kundin gab mir zwei Mark Trinkgeld. Toll, habe ich gedacht, und das obwohl ich mich nicht verstellt habe. Der Feierabend war da und viel entspannter als der erste schwerste Tag. Am dritten und vierten Tag war Gott sei Dank nichts Aufregendes. Der fünfte und letzte Tag war mein bester von Anfang an. Die Kundinnen am Morgen waren alle sehr nett. Die letzten Tage habe ich ja gemerkt und gelernt, wie man die Kunden begeistert und dadurch Trinkgeld bekommt. Mit ehrlichem Reden und Aufmerksamkeit. Herr Ferdinand fing an bei den Kunden zu rauchen und bei der kleinsten Zigarette wechselte ich sofort den Aschenbecher. Die Kunden waren begeistert von dem kleinen „Ossipraktikanten“. Ich hatte am Nachmittag 10 Mark Trinkgeld im Sparschwein. So ne gute Stunde vor Feierabend stand Herr Ferdinand mit einem Zettel und einem Glas selbsternannten Champagner vor mir. Er lächelte mich zum ersten Mal an. Ihm gefalle es gut, wie ich auf die Kunden zugehe und alles andere könnte ich ja noch lernen. Das falsche Lächeln, die Aussprache und noch Vieles mehr. Wenn ich Interesse hätte, würde er mit mir den Lehrvertrag unterschreiben. Am liebsten hätte ich ihm alles mögliche an seine hohle Birne geknallt, aber da kamen sie mir wieder vor´s Auge - meine Eltern. Wortlos unterschrieb ich den Ausbildungsvertrag. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich fuhr nach Hause und erwähnte nichts von dem Lehrvertrag. Da wusste ich schon, dass ich in diesem Salon die Lehre nie durchhalten würde. Den darauf folgenden Montag fuhr ich zu dem netten Herrn der Berufsberatung. Ich erzählte ihm von der schlimmsten Woche meines jungen Lebens. Er hatte Gnade und gab mir eine neue Adresse. Nun ratet mal wo?

Im Goldenen Westen!!!

Der total normale Frisörwahnsinn

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