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I. RELIGION, DER RELIGIÖSE GLAUBE UND DER MONOTHEISMUS

1. Die erste Frage, die wir in diesem Zusammenhang klären müssen, ist, was wir unter "religiösem Glauben" und "Religion" verstehen.

Wenn wir vom religiösen Glauben reden, meinen wir die Wahrnehmung von etwas in der Welt, das in jeder oder in bestimmter Hinsicht übermenschlich mächtig ist, etwas, das so wahrgenommen wird, das uns persönlich und kollektiv unbedingt angeht und uns verpflichtet.

Dieses Etwas kann eine Naturkraft, ein Himmelskörper oder eine vom Menschen als Ausdruck des tiefen Glaubens erzeugtes Objekt sein, das religiöse Macht darstellt. Sie alle stellen das Göttliche selbst dar oder vermitteln auf eine bestimmte Weise zwischen dem Glaubenden und dem Göttlichen.

Wichtig ist die Wahrnehmung der Wirkung dieser Macht als Ausdruck von Absicht und Wille, die als das Eingreifen dieser Macht (oder Mächte) in die Ereignisse der Welt im Allgemeinen und in die Sphäre des Menschen im Besonderen verstanden wird. Das Bedürfnis, diese Macht oder Mächte anzubeten und ihnen zu dienen, wurzelt in dieser religiös wahrgenommenen Tatsache des Eingreifens des Göttlichen in die Welt im Allgemeinen und in das persönliche und in das kollektive Leben des Menschen im Besonderen.

Diese oben genannten religiösen Tatsachen erwecken die wichtige Frage nach der Art und Weise des Lebens und des Verhaltens des Menschen in Entsprechung mit dem Göttlichen. Hier ist eine Lehre oder eine Weisheit gefragt, die diese Entsprechung regelt. Sie ist die sprudelnde Quelle von Gebeten, Ritualen, Zeremonien und Traditionen, die allesamt der Weisheit oder der Lehre gemäß das jeweilige Göttliche befriedigen und zufrieden stellen. Das erlaubt dem Gläubigen, eine gewünschte Wirkung zu erflehen und sie zu erbitten. Er muss eventuell auch mit Strafe rechnen. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gemeinschaft.

2. Die Religionsform einer Religion wird durch die Art des Göttlichen bestimmt, das von den Gläubigen als solches wahrgenommen wird (monotheistische oder polytheistische Religionsform, Naturreligion, Sonnenreligion und dergleichen mehr). Gleich welcher Art das Göttliche ist, von ihm wird, wie schon oben erwähnt, einiges verlangt und erwartet.

Vor allem muss es eine gewaltige, wirksame Kraft besitzen, also mächtig genug sein, um die Natur oder zumindest Teile von ihr zu beherrschen und in sie einzugreifen bzw. an ihnen wirksam zu werden. Dieses Eingreifen und dieses Wirken gelten selbstverständlich auch für den Menschen und für sein Leben. Mit anderen Worten: Vom Göttlichen wird unbedingt übermenschliche, wirksame Lebendigkeit verlangt, die die Welt im Allgemeinen und die Sphäre des Menschlichen im Besonderen durchdringt, beherrscht und leitet.

Bezüglich dieses lebendigen Göttlichen lassen sich die Religionen grundsätzlich in zwei unterschiedliche Gruppen einteilen: Religionen, die das Göttliche – gleich auf welche Weise und in welcher Form – als eine innerweltliche Macht verstehen; zur zweiten Gruppe gehören Religionen, die das Göttliche als etwas verstehen, das in jeder Hinsicht und ohne Ausnahme und auf gar keine Weise mit weltlichen Kategorien bestimmt und verstanden werden kann.

Wir haben oben betont, dass vom Göttlichen unbedingt übermenschliche, wirksame Lebendigkeit verlangt wird, die die Welt im Allgemeinen und die Sphäre des Menschlichen im Besonderen durchdringt, beherrscht und leitet. Zu den Religionen der ersten Gruppe gehören solche, die das Göttliche als eine innerweltliche Macht verstehen, gleich auf welche Weise und in welcher Form.

Was das vom Menschen Erzeugte betrifft, gleich welcher Art und Gestalt, auch wenn es aus tiefem Glauben geschieht, da besteht kein Problem. Von übermenschlicher, wirksamer Lebendigkeit kann hier allen Einwänden zum Trotz gar keine Rede sein.

Was die Naturkräfte und bestimmte Himmelskörper betrifft, ist zu fragen, inwiefern sie Wille und Absicht, Eigenständigkeit und Lebendigkeit besitzen, um das darzustellen, was die Gläubigen von ihnen halten, von ihnen erwarten und verlangen. Auch in diesem Fall kann die Antwort allen Einwänden zum Trotz nur negativ sein. Es gibt keinen Himmelskörper, gleich welcher Dimension und welcher Wirkung, und keine Naturkraft, gleich wie stark sie ist, die Willen und Absicht ausdrücken, die Lebendigkeit ausdrücken und die wirklich eigenständig sind. Die Frage, ob Tiere die Eigenschaften eines Göttlichen besitzen bzw. besitzen können, darf man in diesem Zusammenhang als eine rhetorische Frage verstehen.

Was die Lehre oder die Weisheit der Religionen der oben genannten ersten Gruppe betrifft, so ist es klar, dass der Mensch in Bezug auf diese beiden nach seinen Einsichten formuliert, was das Göttliche darstellen soll und wie es wirksam sein soll. Das besagt natürlich nicht, dass solche religiöse Lehren und Weisheiten in jeder Hinsicht falsch sein müssen. In ihnen werden oft viele, tiefe Intuitionen und Einsichten über Mensch und Welt formuliert. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese keinen Ausdruck der Wahrheit und auch keine Andeutung der Wahrheit über die geglaubte Gottheit darstellen. Die Frage nach der Wahrheit des Inhalts einer bestimmten Religion bleibt auch dann bestehen, wenn Menschen diesen Gehalt als lebendig-göttlich halten.

Dabei ist zu bedenken, dass es durchaus nicht nur möglich, sondern oft tatsächlich so ist, dass Menschen richtige religiöse Intuitionen haben, die aber falsch gedeutet werden. Dieses Phänomen ist eine der gewaltigsten Äußerungen des Erkenntnisproblems, das zur Klärung drängt.

3. Wie oben angedeutet, beanspruchen die Religion und ihre Erscheinungen für sich Tatsächlichkeit, also Wahrheit. Es wäre im höchsten Maß merkwürdig, wenn eine der gewaltigsten und wichtigsten Erscheinungen der Menschheitsgeschichte "wahrheitsneutral" wäre. Wenn eine Religion behauptet, dass sie in der Tatsächlichkeit des Göttlichen gründet, so hat das zwingende Folgen für die gesamte Lebensführung der Gläubigen16 dieser Religion.

Darf bzw. soll die Lebensführung eines Menschen auf Täuschung gründen? Darf man von religiösen Menschen verlangen, in dieser wichtigsten Angelegenheit ihres Lebens blind zu vertrauen?

Bedenkt man, dass die Religion die umfassendste Angelegenheit des Menschen ist, die es überhaupt geben kann, so ist es eindeutig klar, dass die Wichtigkeit des persönlichen und des gemeinschaftlichen Lebens, sowie die Würde des Menschen uns unbedingt dazu verpflichten, die Frage nach der Wahrheit der Religion im Allgemeinen zu stellen und zu klären.

Die Aufgabe des philosophischen Systems kann jedoch nicht darin bestehen, die einzelnen Religionen nach ihrem Wahrheitsgehalt zu prüfen. Dazu ist sie, wie schon gesagt, ihrem Wesen nach nicht in der Lage. Als System der Erkenntnis der Welt muss sie jedoch in der Lage sein, für sich die Frage nach dem Weg zum wahren Glauben und zu einer wahren Religion zu klären.

Zur Klärung der Frage nach der Wahrheit einer bestimmten gegebenen Religion sollten sich die Gläubigen dieser bestimmten Religion, wegen der oben genannten Gründe und trotz der damit verbundenen gefühlsmäßigen Schwierigkeiten, unbedingt verpflichtet sehen.

Bevor wir die Klärung der Frage nach der Form der wahren Religion fortsetzen, müssen wir die Frage nach dem Wesen des religiösen Glaubens besprechen.

4. Wenn wir vom Glauben reden, müssen wir den Glauben im alltäglichen Sprachgebrauch vom religiösen Glauben streng unterscheiden.

Im alltäglichen (sinnvollen) Gebrauch kommt das Wort „Glaube“ in verschiedenen Aussagen als Ausdruck von Mangel an Wissen vor: Hätten wir gewusst, was der Fall ist, so bräuchten wir nicht zu glauben, dass das der Fall ist.

In diesem Sinne vertrauen wir darauf, dass eine bestimmte Information, die wir bekommen oder die wir besitzen, richtig ist. Hätten wir gewusst, dass diese Information richtig ist, wäre die Rede von Glauben und Vertrauen diesbezüglich unsinnig.

Der Weg zu dieser Art des Glaubens zeigt dessen betont subjektiven Zug: Die Quelle der Information, deren Richtigkeit wir glauben, muss uns zunächst glaubwürdig erscheinen; sonst hätten wir sie nicht angenommen. Jedoch hängt das, was uns als glaubwürdig erscheint, stark von unserer persönlichen Erfahrung ab. Darüber hinaus kommt es natürlich darauf an, wie plausibel uns das vorkommt, was uns gesagt wird. Auch das hängt stark von unserer persönlichen Erfahrung, aber auch von unserer Vorstellungskraft und Bildung ab.

Die Anwendung eines solchen Begriffs des Glaubens im Bereich des Religiösen, besonders auf die Frage nach der Existenz des Göttlichen, wäre völlig unverständlich. Denn die Religion ist, da sie das Ganze des Lebens umfasst, keine Angelegenheit, die bloß subjektive Gültigkeit besitzen darf.

Sicherlich spielt Vertrauen in der Religion eine sehr wichtige Rolle. Vertrauen darf aber nicht die kritische Betrachtung einer bestimmten Religion durch ihre Gläubigen ersetzen.

Nicht jeder Glaubende wird das Göttliche persönlich erfahren können. Das ist nur wenigen gegeben; dies von sich aus herbeiführen zu wollen, ist nicht möglich, so zumindest berichten diejenigen, die das Göttliche erfahren haben. Man kann sich darauf vorbereiten, gleich was immer das heißen mag; eine solche Erfahrung aus eigenem Willen herbeizuführen, ja herbeizuzwingen, ist nicht möglich. Das Göttliche, und das ist schon eine fundamentale Wahrheit einer Religion überhaupt, liegt nicht in unserer Hand, es ist eher der umgekehrte Fall.

Das bedeutet also, dass das Göttliche nicht mit Hilfe eines diskursiven Verfahrens erfasst werden kann. Wäre das der Fall, wäre das möglich, so bräuchten wir nur unseren Verstand auf eine gültige Weise zu betätigen, so, wie wir es im Bereich der Wissenschaft oder der Mathematik tun, und wir wären beim Göttlichen angelangt – oder wir wären dann gezwungen, zur Kenntnis zu nehmen, dass es das Göttliche nicht gibt.

Zugang zum Göttlichen, wenn überhaupt, ermöglicht uns die Intuition, die in diesem Fall tiefer in das innere Wesen der Wirklichkeit eindringen kann, als es jegliche Wahrnehmung oder jegliches diskursive Verfahren je erreichen kann.

Es ist ein unmittelbares Erfassen des Grundes der Einheit aller Erscheinungsformen als des wahren Seins. Hier werden die Erscheinungen gewissermaßen mit anderen Augen gesehen: Es ist ein Blick, der zwar von außen kommt, aber von Innen völlig zum Wesen des Seins durchdringt. Das ist das Geheimnis der Mystik und der mystischen Schau als der so genannten unio mystica.

Diese Tatsache betont allerdings das fundamentale Vertrauen, von dem die Religion Gebrauch macht, ja machen muss. Dieses Vertrauen ist aber keinesfalls ein blindes Vertrauen. Hier geht es nicht bloß um einen Mangel an Information und an Wissen, was uns zwingen würde, einfach zu glauben. Diese Art des fundamentalen Vertrauens ist bis zu einem gewissen Punkt überprüfbar.

Die Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit ist insofern überprüfbar, als sie dem erkenntnismäßigen Erfassen der Wirklichkeit entspricht. Entspricht das so Erfahrene dem erkenntnismäßigen Wesen der Wirklichkeit nicht, so hat es mit ihr nichts zu tun und kann somit keine sinnvolle religiöse Bedeutung besitzen.

5. Welche religiöse Bedeutung haben aber derartigen Erfahrungen? Solche Einsichten und Erfahrungen haben zunächst insofern religiöse Bedeutung, als sie zeigen, dass die Wirklichkeit eine geschlossene, systematische Einheit darstellt, in der kein Faktor, aber auch nicht die Wirklichkeit als Ganzes „Übermacht“ besitzt, sie also keine „göttlichen“ Kräfte besitzen können, weil sie in jeder Hinsicht gebunden sind.

Diese Einsichten und Erfahrungen zeigen einerseits, dass Religionen der ersten Gruppe bezüglich der oben genannten Kriterien falsch sein müssen, andererseits aber geben sie uns nicht mehr als eine Ahnung von dem, was das Göttliche, falls es dieses gibt, sein könnte, nämlich von dem, was im Zentrum der Religionen der zweiten Gruppe stehen sollte.

Mit anderen Worten, wenn es tatsächlich ein wahres Göttliches gibt, so muss es zwangläufig außerhalb der Grenzen der von uns erkennbaren Wirklichkeit bestehen. Erst seine Offenbarung kann uns die Sicherheit verschaffen, dass es wirklich da ist.

Aber das ist nur eine punktuelle Angelegenheit: Wenn das Göttliche das sein soll, was ihm zugeschrieben wird, dann muss es uns irgendwie davon in Kenntnis setzen und uns eine Lebensweise zeigen, die der Natur der Wirklichkeit wie auch unserer Natur entspricht.

Hier müssen wir lernen zu extrapolieren, sozusagen Zwischenwerte zu bestimmen. Die einzelnen Hinweise und Andeutungen, die wir feststellen können, sollen von uns zu einem sinnvollen, informativen Ganzen verbunden werden, in dem die Bedeutung dieser Hinweise und Andeutungen klar wird.

Das Göttliche muss uns also einen planmäßigen Rahmen des Lebens geben, in dem das individuelle wie das gemeinschaftliche Leben als das, was es ist, konkret möglich ist.

Diese Information wird uns ermöglichen, die Berichte der Religionsstifter und der Mystiker als religiöse Erscheinungen zu verstehen und bis zu einem gewissen Punkt zu überprüfen. Mit anderen Worten, dem Göttlichen selbst werden wir nie direkt begegnen können, es muss uns jedoch die Information bzw. die Hinweise geben, wie man sich seiner in der Welt vergewissern kann.

Das kann sicherlich nicht jedermann tun; da spielt schon Vertrauen eine große Rolle; dieses Vertrauen lässt sich aber, wie gesagt, nur bis zu einer gewissen Grenze überprüfen und begründen.

Das Göttliche muss uns diese Möglichkeit der Überprüfung gewähren. Wenn es will, dass man es und die von ihm offenbarte Lebenslehre ernst nimmt und dass man ihm aus klarer Überzeugung und mit gutem Gewissen dienen soll, dann muss es uns die Möglichkeit geben, von seiner Wahrheit überzeugt zu werden. Ist das nicht möglich, so bleiben uns nur die Natur im Allgemeinen und die menschliche Natur im Besonderen als die bestimmenden Faktoren menschlicher Orientierung in dieser Welt übrig.

Die besagte Überprüfung kann nur darin bestehen, dass das uns Offenbarte dem Wesen der Wirklichkeit und dem Wesen des Menschen entspricht. Beim Menschen reicht jedoch diese Entsprechung noch nicht aus: Die von Gott offenbarte Lebenslehre muss auch unbedingt das wesensmäßige Wachstum des Menschlichen fördern – individuell und gemeinschaftlich.

Das größte Problem in Bezug auf die Wahrheit ist nicht die Frage nach ihrer Erkennbarkeit, sondern eher die Bereitschaft der Menschen, sich ihr gegenüber zu öffnen: Oft ist das die ganz banale menschliche Eigenschaft, die uns daran hindert, verpflichtende Einsichten erkennen zu wollen und sie zu verinnerlichen.

Sich der Wahrheit als Wirklichkeit zu öffnen und die Folgen für sich aus den damit verbundenen Einsichten zu erkennen und sie somit zu verinnerlichen und zu leben, darin besteht das Wesen des menschlichen Wachstums und der menschlichen Reife als Maßstab des Fortschritts dieses Wachstums.

6. Was bedeuten nun die bisherigen Ausführungen für die Wahrheit einer möglichen Religion im eigentlichen Sinne? Welche Gestalt muss eine gültige Religion annehmen?

Bedenken wir, dass im Zentrum einer Religion das Göttliche steht, so bestimmt das Göttliche das, was die Religionsform genannt wird.

Nach unseren Überlegungen gibt es nur die Religionsform des Monotheismus als Antwort auf die oben gestellten Fragen.

Der Monotheismus wird oft als Eingott-Religion, als der Glaube an einen einzigen Gott definiert. Diese Definition ist aber irreführend und falsch.

Der Monotheismus behauptet nicht nur die (numerische) Einzigkeit des Göttlichen, sondern in erster Linie die absolute Andersartigkeit und die absolute Einzigartigkeit des Göttlichen, woraus die Einzigkeit notwendigerweise folgt. Diese Andersartigkeit und Einzigartigkeit kennen keine Ausnahme und sie sind uneingeschränkt in ihrer Geltung.

Andersartigkeit und Einzigartigkeit eines Etwas können wir nur durch Vergleich des Etwas mit einem anderen Etwas bestimmen. Mit dem monotheistischen Göttlichen verhält sich das jedoch anders. Per definitionem kann man es nicht mit irgendetwas vergleichen: Es ist buchstäblich nicht von dieser Welt.

Die Andersartigkeit und die Einzigartigkeit des Göttlichen sind eben ohne einen möglichen Vergleich, also absolut bestimmt. Die numerische Einzigkeit des monotheistisch bestimmten Göttlichen ist die unmittelbare, notwendige Folge der Absolutheit der Andersartigkeit und der Einzigartigkeit dieses Göttlichen.

Das Göttliche als etwas zu verstehen, das in jeder Hinsicht und ohne Ausnahme und auf gar keine Weise mit weltlichen Kategorien bestimmt und verstanden werden kann, bedeutet, dass das Göttliche notwendigerweise als unendlich und ewig verstanden werden muss.

Dass dieses Göttliche nicht nur da ist, sondern dass es die Welt geschaffen hat, dass es ein personales Göttliches für Welt und Mensch ist, dass es in das Weltgeschehen und in das Leben des Menschen eingreift, dass es die Welt lenkt und erhält, unser Wissen von dem, was es vom Menschen verlangt, unser Wissen von der religiösen Bedeutung der Natur der Welt und vom Wesen des Menschen, all das kann nur es uns offenbaren. Ohne die Offenbarung des Göttlichen gäbe es im besten Fall nur eine Religion des Menschen.

Das monotheistisch bestimmte Göttliche stellt den höchsten Grad der Abstraktheit dar und ist somit das Konkreteste schlechthin: Es gibt in der so verstandenen Wirklichkeit nichts, was nicht göttlich bestimmt ist. Es liegt am Göttlichen, uns von seiner übermenschlichen, wirksamen Lebendigkeit ein Zeichen zu geben, eine Wirksamkeit, die die Welt im Allgemeinen und die Sphäre des Menschlichen im Besonderen durchdringt, beherrscht und leitet.

7. Die Ausschließlichkeit so wie die maximale Abstraktheit des monotheistischen Göttlichen erzeugt für den Glaubenden das Problem der lebendigen Verbindung des Göttlichen mit dem Menschen.

Entscheidend ist dabei die Offenbarung, sie ist aber zunächst nichts weiter als die Offenbarung einer höheren, uns unbekannten Kraft. Als solche ist sie noch weit davon entfernt, eine göttliche Macht zu sein: Vielleicht handelt es sich hier bloß um eine gewaltige, uns nicht bekannte Naturerscheinung?

Die oben genannte lebendige Verbindung des Göttlichen mit dem Menschen muss sich schon in der Offenbarung des Göttlichen zeigen: In seiner Ausschließlichkeit und in seiner maximalen Abstraktheit muss es sich als die Macht zeigen, deren Wesen im Ganzen des Lebens und im Ganzen der Wirklichkeit wirksam ist.

Das Göttliche muss sich in seiner Offenbarung gleich als das Ein-Einzige der gesamten Wirklichkeit zeigen: Die Offenbarung muss die Ausschließlichkeit und die maximale Abstraktheit des Göttlichen in der ganzen Fülle des konkreten Lebens und des konkreten Daseins zeigen. Das Göttliche muss sich also nicht nur als Herr alles Wirklichen, sondern darüber hinaus als Herr der gesamten Wirklichkeit erweisen.

Angesichts solch einer Forderung verliert der Begriff des alltäglichen Glaubens als Ausdruck des Wissensmangels im Zusammenhang mit der Religion jegliche Bedeutung. Die so genannte persönliche Offenbarung des Göttlichen ist keine alltägliche Angelegenheit. Hier kommt das schon erwähnte fundamentale Vertrauen zum Tragen: Es ist ein Vertrauen, das sich zumindest seines Fundaments vergewissern kann.

Mit dem Vergewissern des Fundaments des Gottesvertrauens ist natürlich nicht die „Beweisführung“ für die Wahrheit der Religion gemeint. In so einem Fall hätte es keinen Sinn, von Vertrauen zu reden. Gemeint ist zunächst die Feststellung der fundamentalen Entsprechung der erkenntnismäßigen Wahrheit der Wirklichkeit mit dem Offenbarungsinhalt bzw. mit der Lehre Gottes über Mensch und Welt und über ihr Verhältnis zueinander.

Hier liegt zunächst der einzige für uns mögliche Maßstab für die Wahrheit der Offenbarung und mit ihr für die Bestätigung des tatsächlichen Bestehens des Göttlichen. Das ist das eigentliche Problem der Religionsstifter und der Mystiker aller Religionen zu allen Zeiten.

Die einzelnen Religionen mögen sehr unterschiedlich sein, ihr Fundament muss aber dasselbe sein: Eine Religion, die mit der Wahrheit der Wirklichkeit und mit dem in ihr eingebetteten Menschenverständnis nicht in Einklang steht, kann keine wahre Religion sein.

So z.B. kann eine menschenverachtende Religion, eine, die die Grundrechte des Menschen missachtet, eine Religion, die das Denken ignoriert oder verfälscht, keine wahre Religion

sein. Sie stellt als solche die Negation all dessen dar, was gut, wahr und wichtig ist.

Abschließend lässt sich also sagen, dass der Gottesglaube das erste sein müsste, auf das Kants Aufklärungsaufruf direkt angewandt werden sollte: Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit: "Sapere aude!". Denn der größte Feind aller Wahrheit im Allgemeinen und einer jeden wahren Religion im Besonderen ist die blinde bzw. unkritische oder gar irrationale, autoritätsbezogene bestimmte Denkweise.

16Vgl. System III, S.25

Religion, Wissenschaft und die Erkenntnis der Wirklichkeit

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