Читать книгу Der blaue Express - Agatha Christie - Страница 5

Zweites Kapitel Monsieur le Marquis

Оглавление

Der Weißhaarige ging ohne Eile seines Weges, anscheinend völlig gleichgültig seiner Umgebung gegenüber. Er bog in eine Seitenstraße nach rechts ein und in eine weitere nach links. Hin und wieder summte er eine Melodie vor sich hin.

Plötzlich blieb er stehen und lauschte gespannt. Er hatte ein bestimmtes Geräusch gehört. Es konnte das Platzen eines Reifens gewesen sein oder vielleicht – ein Schuss. Ein seltsames Lächeln spielte kurz um seine Lippen. Dann ging er gelassen weiter.

Als er um die nächste Ecke bog, erreichte er eine recht bewegte Szenerie. Ein Hüter des Gesetzes schrieb etwas in sein Notizbuch, und ein paar späte Passanten hatten sich angesammelt. Einen von ihnen bat der Weißhaarige höflich um Auskünfte.

»Hier ist etwas vorgefallen, nicht wahr?«

»Mais oui, Monsieur. Zwei Unterweltler haben einen älteren amerikanischen Herrn überfallen.«

»Haben sie ihm etwas getan?«

»Aber keineswegs.« Der Mann lachte. »Der Amerikaner hatte einen Revolver in der Tasche, und ehe sie ihm etwas tun konnten, hat er sie so mit Kugeln eingedeckt, dass die Kerle Angst gekriegt haben und geflohen sind. Die Polizei ist wie üblich zu spät gekommen.«

»Ah!«, bemerkte der Frager.

Er zeigte keinerlei Gemütsregung.

Gelassen und unberührt nahm er seinen nächtlichen Bummel wieder auf. Bald überquerte er die Seine und gelangte in die reicheren Viertel der Hauptstadt. Etwa zwanzig Minuten später blieb er vor einem bestimmten Haus in einer ruhigen, eher aristokratischen Straße stehen.

Der Laden, denn ein solcher war es, wirkte zurückhaltend und unaufdringlich. D. Papopoulos, Antiquitätenhändler, war so berühmt, dass er keine Reklame brauchte, und tatsächlich machte er die meisten Geschäfte nicht am Ladentisch. Monsieur Papopoulos besaß eine sehr elegante Wohnung an den Champs-Élysées, und man hätte ihn natürlich zu dieser Zeit eher dort erwartet als in seinem Geschäft, aber der Weißhaarige schien seiner Sache sicher, als er die fast verborgene Türglocke drückte, nachdem er zunächst einen schnellen Blick die verlassene Straße hinauf und hinab geworfen hatte.

Seine Zuversicht war gerechtfertigt. Die Tür öffnete sich, und ein Mann stand im Rahmen. Er trug goldene Ohrringe und war von eher dunkler Hautfarbe.

»Guten Abend«, sagte der Fremde. »Ihr Herr ist zu Hause?«

»Er ist da, aber zu dieser Nachtzeit empfängt er keine unangemeldeten Besucher«, knurrte der andere.

»Ich glaube, er wird mich empfangen. Sagen Sie ihm, sein Freund Monsieur le Marquis sei da.«

Der Mann öffnete die Tür etwas weiter und ließ den Besucher eintreten.

Der andere, der sich Monsieur le Marquis nannte, hatte beim Sprechen das Gesicht mit der Hand bedeckt. Als der Diener mit der Mitteilung zurückkehrte, dass Monsieur Papopoulos sich freuen würde, den Besucher zu empfangen, war eine Veränderung im Aussehen des Fremden erfolgt. Der Diener musste entweder sehr unaufmerksam oder sehr gut ausgebildet sein, denn er zeigte keinerlei Überraschung angesichts der kleinen schwarzen Seidenmaske, die die Züge des anderen verbarg. Der Diener ging voran zu einer Tür am Ende des Vorraums, öffnete sie und meldete in einem respektvollen Gemurmel: »Monsieur le Marquis.«

Die Gestalt, die sich erhob, um diesen seltsamen Gast zu empfangen, war beeindruckend. Monsieur Papopoulos haftete etwas Ehrwürdiges und Patriarchalisches an. Er hatte eine hohe, gewölbte Stirn und einen schönen weißen Bart. In seiner Manier war etwas von einem gütigen Geistlichen.

»Mein lieber Freund«, sagte Monsieur Papopoulos. Er sprach französisch, und seine Stimme war schwer und salbungsvoll.

»Ich muss um Entschuldigung bitten«, sagte der Besucher, »dass ich zu so später Stunde komme.«

»Aber keineswegs«, sagte Monsieur Papopoulos. »Eine interessante Zeit. Hatten Sie möglicherweise einen interessanten Abend?«

»Nicht persönlich«, sagte Monsieur le Marquis.

»Nicht persönlich«, wiederholte Monsieur Papopoulos, »nein, nein, natürlich nicht. Und es gibt Neuigkeiten, wie?«

Er warf seinem Besucher einen scharfen Seitenblick zu, einen Blick, der nicht im Geringsten priesterlich oder gütig war.

»Es gibt nichts Neues. Der Anschlag ist misslungen. Ich hatte kaum etwas anderes erwartet.«

»Ganz recht«, sagte Monsieur Papopoulos, »jede rohe Gewalt …«

Er machte eine Handbewegung, die seine intensive Ablehnung für jede Form von Rohheit ausdrückte. Tatsächlich war nichts Rohes an Monsieur Papopoulos und den Gütern, mit denen er handelte. An den meisten europäischen Fürstenhöfen war er sehr bekannt, und Könige nannten ihn freundschaftlich Demetrius. Er stand im Ruf erlesenster Diskretion. Dies und sein aristokratisches Aussehen hatten ihm bei mehreren fragwürdigen Transaktionen geholfen.

»Der direkte Angriff …«, sagte Papopoulos. Er schüttelte den Kopf. »Manchmal ist er nützlich. Aber sehr selten.«

Der andere zuckte mit den Schultern.

»Er spart Zeit«, bemerkte er, »und kostet nichts, wenn er scheitert – oder fast nichts. Der andere Plan wird nicht scheitern.«

»Ah«, sagte Monsieur Papopoulos; er musterte ihn scharf.

Der andere nickte langsam.

»Ich habe großes Vertrauen in Ihren – hm – guten Ruf«, sagte der Antiquitätenhändler.

Monsieur le Marquis lächelte sanft.

»Ich glaube sagen zu dürfen«, murmelte er, »dass ich Ihr Vertrauen rechtfertigen werde.«

»Sie haben einzigartige Möglichkeiten«, sagte der andere, mit etwas wie Neid in der Stimme.

»Ich schaffe sie mir«, sagte Monsieur le Marquis.

Er stand auf und griff nach dem Mantel, den er nachlässig auf eine Sessellehne geworfen hatte.

»Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, Monsieur Papopoulos, durch die üblichen Kanäle. Aber es darf nichts schiefgehen bei Ihren Vorkehrungen.«

Papopoulos wirkte gequält.

»Bei meinen Vorkehrungen gibt es nie Schwierigkeiten«, protestierte er.

Der andere lächelte, und ohne weitere Abschiedsworte verließ er den Raum; die Tür schloss er hinter sich.

Monsieur Papopoulos stand einen Moment in Gedanken versunken da und strich über seinen ehrwürdigen weißen Bart; dann ging er zu einer zweiten Tür, die sich nach innen öffnete. Als er die Klinke drückte, stolperte eine junge Frau, die nur allzu deutlich mit dem Ohr am Schlüsselloch an der Tür gelehnt hatte, kopfüber ins Zimmer. Monsieur Papopoulos zeigte weder Überraschung noch Ärger. Offenbar fand er all dies ganz natürlich.

»Nun, Zia?«, fragte er.

»Ich habe ihn nicht weggehen hören«, erklärte Zia.

Sie war eine hübsche junge Frau von junonischer Gestalt, mit dunklen blitzenden Augen, und insgesamt sah sie Monsieur Papopoulos so ähnlich, dass man sie mühelos als Vater und Tochter erkannte.

»Es ist lästig«, fuhr sie verärgert fort, »dass man durch ein Schlüsselloch nicht gleichzeitig horchen und schauen kann.«

»Das hat mich oft geärgert«, sagte Monsieur Papopoulos sehr schlicht.

»Das also ist Monsieur le Marquis«, sagte Zia langsam. »Trägt er immer eine Maske, Vater?«

»Immer.«

Nach einer Pause fragte Zia: »Es geht um die Rubine, nicht wahr?«

Ihr Vater nickte.

»Was hältst du von ihm, meine Kleine?«, erkundigte er sich mit einem leicht amüsierten Funkeln in seinen schwarzen Augen.

»Von Monsieur le Marquis?«

»Ja.«

»Ich finde«, sagte Zia langsam, »dass man sehr selten einen wohlerzogenen Engländer findet, der so gut französisch spricht.«

»Ah!«, sagte Monsieur Papopoulos, »das also findest du?«

Wie gewöhnlich legte er sich nicht fest, betrachtete Zia jedoch mit gütiger Anerkennung.

»Außerdem finde ich«, sagte Zia, »dass sein Kopf eine seltsame Form hat.«

»Massig«, sagte ihr Vater, »ein wenig massig. Aber diese Wirkung hat eine Perücke immer.«

Die beiden sahen einander an und lächelten.

Der blaue Express

Подняться наверх