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Viertes Kapitel In der Curzon Street
ОглавлениеMrs Derek Kettering wohnte in der Curzon Street. Der Butler, der die Tür öffnete, erkannte Rufus Van Aldin sofort und gestattete sich ein diskretes Begrüßungslächeln. Er ging voran, die Treppe hinauf zum großen doppelten Salon in der ersten Etage.
Eine Frau, die dort am Fenster saß, sprang mit einem Schrei auf.
»Also, so was Liebes von dir, Dad, dass du gekommen bist! Den ganzen Tag lang habe ich mit Major Knighton telefoniert, um dich zu erreichen, aber er konnte nicht genau sagen, wann man dich zurückerwartet.«
Ruth Kettering war achtundzwanzig Jahre alt. Ohne schön oder im eigentliche Sinn des Wortes hübsch zu sein, sah sie doch sehr reizvoll aus, und zwar wegen ihrer Farben. Van Aldin war zu seiner Zeit »Möhre« und »Ingwer« gerufen worden, und Ruths Haar war ein beinahe reines Rotbraun. Hinzu kamen dunkle Augen und tiefschwarze Wimpern – Kunstfertigkeit verstärkte die Wirkung ein wenig. Sie war groß und schlank und bewegte sich anmutig. Auf den ersten Blick hatte sie das Gesicht einer Raffael-Madonna. Erst wenn man genauer hinsah, bemerkte man die ausgeprägten Wangenknochen und das markante Kinn wie in Van Aldins Gesicht, was für die gleiche Härte und Entschlossenheit sprach. Dem Mann stand es gut, der Frau jedoch weniger. Seit ihrer Kindheit war Ruth Van Aldin daran gewöhnt, immer ihren Willen durchzusetzen, und wer sich ihr entgegenstellte, erfuhr bald, dass Rufus Van Aldins Tochter nie nachgab.
»Knighton hat mir gesagt, dass du angerufen hast. Ich bin erst vor einer halben Stunde aus Paris zurückgekommen. Was ist denn wieder los mit Derek?«
Ruths Gesicht rötete sich vor Ärger.
»Es ist unsäglich. Es geht auf keine Kuhhaut«, rief sie. »Er – er hört auf gar nichts, was ich sage.«
In ihrer Stimme mischten sich Verwunderung und Ärger.
»Auf mich wird er hören müssen«, sagte der Millionär grimmig.
Ruth fuhr fort.
»Seit einem Monat habe ich ihn kaum gesehen. Überall taucht er mit dieser Frau auf.«
»Mit welcher Frau?«
»Mirelle. Sie tanzt im Parthenon, weißt du.«
Van Aldin nickte.
»Vorige Woche war ich in Leconbury. Ich – ich habe mit Lord Leconbury gesprochen. Er war ganz reizend zu mir, voller Verständnis. Er hat gesagt, er würde Derek gründlich die Leviten lesen.«
»Ah!«, sagte Van Aldin.
»Was meinst du mit ›ah!‹, Vater?«
»Das, was du gerade denkst, Ruthie. Der arme alte Leconbury ist doch am Ende. Natürlich spielt er den Verständnisvollen, natürlich versucht er, dich zu beschwichtigen. Da er seinen Sohn und Erben mit der Tochter eines der reichsten Männer aus den Staaten verheiratet hat, will er die Sache jetzt natürlich nicht vermurksen. Aber er steht doch schon mit einem Fuß im Grab, jeder weiß das, und was immer er sagt, wird bei Derek verdammt wenig bewegen.«
»Kannst du nicht etwas tun, Dad?«, bedrängte Ruth ihn nach ein paar Momenten des Schweigens.
»Ich könnte«, sagte der Millionär. Er dachte eine Sekunde nach und fuhr dann fort: »Es gibt ein paar Dinge, die ich tun könnte, aber nur eins hätte wirklich Sinn. Wie viel Mumm hast du denn, Ruthie?«
Sie starrte ihn an. Er nickte ihr zu.
»Ich meine genau das, was ich sage. Hättest du den Mut, vor aller Welt zuzugeben, dass du einen Fehler gemacht hast? Aus diesem Schlamassel gibt es nur einen Ausweg. Schreib deine Verluste ab und fang neu an.«
»Du meinst …?«
»Scheidung.«
»Scheidung!«
Van Aldin lächelte trocken.
»Du sprichst das Wort aus, Ruth, als ob du es noch nie gehört hättest. Dabei lassen sich doch all deine Freundinnen jeden Tag scheiden.«
»Ach, das weiß ich doch. Aber …«
Sie hielt inne und biss sich auf die Lippen. Ihr Vater nickte verständnisvoll.
»Ich weiß, Ruth. Du bist wie ich, du kannst es nicht ertragen, etwas aufzugeben. Aber ich habe gelernt, und auch du musst es lernen, dass es Zeiten gibt, wo das die einzige Möglichkeit ist. Ich könnte Mittel finden, um Derek zurückzupfeifen, zurück zu dir, aber am Ende käme alles wieder auf dasselbe hinaus. Er taugt nichts, Ruth; er ist durch und durch verdorben. Und weißt du, ich mache mir Vorwürfe, dass ich dir je erlaubt habe, ihn zu heiraten. Aber du hattest ihn dir nun mal in den Kopf gesetzt, und damals schien er ernsthaft ein neues Leben anfangen zu wollen – und, tja, ich hatte dir einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht, Liebes …«
Er sah sie bei den letzten Worten nicht an. Hätte er es getan, so hätte er die plötzliche Röte bemerken können, die ihr Gesicht überzog.
»Das hast du«, sagte sie mit harter Stimme.
»Ich war verdammt zu weich, das ein zweites Mal zu machen. Aber ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich wünsche, ich hätte es doch getan. Die letzten Jahre hast du ein Hundeleben gehabt, Ruth.«
»Es war nicht besonders – angenehm«, stimmte Mrs Kettering zu.
»Deshalb sage ich dir, damit muss jetzt Schluss sein!« Er schlug die Hand heftig auf den Tisch. »Vielleicht hängst du immer noch an dem Kerl. Mach Schluss! Stell dich den Tatsachen. Derek Kettering hat dich wegen deines Gelds geheiratet. Mehr ist nicht dran. Gib ihm den Laufpass, Ruth.«
Ruth Kettering schaute ein paar Momente zu Boden; dann sagte sie, ohne den Kopf zu heben:
»Und wenn er nicht einwilligt?«
Van Aldin sah sie erstaunt an.
»Er hat dazu gar nichts zu sagen.«
Sie errötete und biss sich auf die Lippen.
»Nein – nein – natürlich nicht. Ich habe nur gemeint …«
Sie hielt inne. Ihr Vater musterte sie aufmerksam.
»Was hast du gemeint?«
»Ich meine …« Sie machte eine Pause und wählte ihre Worte sorgfältig. »Vielleicht nimmt er es nicht so einfach hin.«
Der Millionär reckte grimmig das Kinn.
»Du meinst, er wird die Scheidung verweigern? Soll er doch! Aber, ganz nebenbei, da irrst du. Jeder Anwalt, den er konsultiert, wird ihm sagen, dass er keinen Boden unter den Füßen hat.«
»Du glaubst also nicht –« sie zögerte – »ich meine – aus reiner Böswilligkeit mir gegenüber könnte er – also, er könnte Schwierigkeiten machen?«
Ihr Vater sah sie einigermaßen erstaunt an.
»Die Scheidung anfechten, meinst du?«
Er schüttelte den Kopf.
»Ziemlich unwahrscheinlich. Weißt du, er müsste nämlich einen Grund haben.«
Mrs Kettering antwortete nicht. Van Aldin sah sie scharf an.
»Komm, Ruth, raus damit! Dich beunruhigt doch was – was ist es?«
»Nichts, wirklich gar nichts.«
Aber ihre Stimme klang nicht überzeugend.
»Du hast Angst vor der Öffentlichkeit, wie? Ist es das? Überlass das nur mir. Ich drücke die ganze Affäre so glatt durch, dass es überhaupt kein Aufsehen gibt.«
»Na gut, Dad, wenn du meinst, dass es wirklich das Beste ist.«
»Hast du den Burschen etwa noch gern? Ist es das?«
»Nein.«
Sie sagte das mit unmissverständlichem Nachdruck. Van Aldin schien zufrieden. Er klopfte seiner Tochter auf die Schulter.
»Alles wird gut werden, Kleines. Mach dir keine Sorgen. Jetzt denk nicht mehr daran. Ich habe dir ein Geschenk aus Paris mitgebracht.«
»Für mich? Etwas Schönes?«
»Ich hoffe doch, dass du es schön findest«, sagte Van Aldin lächelnd.
Er nahm das Päckchen aus der Manteltasche und reichte es ihr. Sie packte es eifrig aus und klappte das Etui auf. Ein langgezogenes »Oh« kam über ihre Lippen. Ruth Kettering liebte Juwelen – hatte sie immer geliebt.
»O Dad, wie – wie wunderbar!«
»Eine Klasse für sich, oder?«, sagte der Millionär befriedigt. »Sie gefallen dir, was?«
»Gefallen? Dad, sie sind einzigartig. Wie bist du an sie gekommen?«
Van Aldin lächelte.
»Ah! Das ist mein Geheimnis. Ich habe sie natürlich privat kaufen müssen. Sie sind ziemlich bekannt. Siehst du den großen Stein in der Mitte? Vielleicht hast du von ihm gehört; das ist das historische Feuerherz.«
»Feuerherz!«, wiederholte Mrs Kettering.
Sie hatte die Steine aus dem Etui genommen und hielt sie an ihren Busen. Der Millionär beobachtete sie. Er dachte an all die Frauen, die diese Juwelen getragen hatten. Die gebrochenen Herzen, die Verzweiflung, den Neid. Das Feuerherz hatte wie alle berühmten Steine eine Spur von Tragödien und Gewalt hinterlassen. In Ruth Ketterings ruhiger Hand schien das Juwel jedoch seine böse Kraft zu verlieren. Mit ihrer kühlen, beherrschten Haltung schien diese Frau aus dem Westen eine Widerlegung aller Tragik, aller wilden Aufwallungen zu sein. Ruth legte die Steine zurück ins Etui; dann sprang sie auf und schlang die Arme um den Hals ihres Vaters.
»Danke, danke, danke, Dad. Sie sind ganz wunderbar! Immer machst du mir die herrlichsten Geschenke.«
»So ist das richtig«, sagte Van Aldin; er tätschelte ihre Schulter. »Du bist alles, was ich habe, weißt du, Ruthie.«
»Du bleibst doch zum Dinner, Vater, nicht wahr?«
»Ich glaube nicht. Du wolltest doch ausgehen?«
»Ja, aber das kann ich ohne weiteres absagen. Nichts besonders Aufregendes.«
»Nein«, sagte Van Aldin. »Halt deine Verabredung ein. Ich habe noch genug zu erledigen. Wir sehen uns morgen, Liebes. Ich rufe dich noch an, vielleicht könnten wir uns bei Galbraith treffen?«
Galbraith, Galbraith, Cuthbertson, & Galbraith waren Van Aldins Londoner Anwälte.
»Gut, Dad.« Sie zögerte. »Ich hoffe, diese – diese Sache wird mich nicht daran hindern, an die Riviera zu fahren?«
»Wann willst du los?«
»Am Vierzehnten.«
»Ach, das geht schon in Ordnung. So etwas dauert immer eine ganze Weile, bis es reif ist. Übrigens, Ruth, an deiner Stelle würde ich diese Rubine nicht mitnehmen. Lass sie in der Bank.«
Mrs Kettering nickte.
»Wir wollen doch nicht, dass du wegen des Feuerherzens beraubt und umgebracht wirst«, sagte der Millionär scherzend.
»Und dabei hast du sie in der Tasche herumgetragen«, gab seine Tochter lächelnd zurück.
»Ja …«
Etwas, ein Zögern, erregte ihre Aufmerksamkeit.
»Was ist, Dad?«
»Nichts.« Er lächelte. »Ich habe nur an ein kleines Abenteuer gedacht, das ich in Paris hatte.«
»Ein Abenteuer?«
»Ja. In der Nacht, als ich diese Dinger gekauft habe.«
Er wies auf das Juwelen-Etui.
»Ach, erzähl es mir bitte.«
»Nichts Besonderes, Kind. Ein paar Apachen sind ein bisschen frech geworden, da habe ich auf sie geschossen, und sie sind abgehauen. Das ist alles.«
Sie sah ihn bewundernd an.
»Du bist wirklich eine harte Nuss, Dad.«
»Worauf du dich verlassen kannst, Ruthie.«
Er küsste sie zärtlich und ging. Als er ins Savoy zurückkam, gab er Knighton eine knappe Anweisung.
»Treiben Sie einen Mann namens Goby auf; Sie finden seine Adresse in meinem privaten Notizbuch. Er soll morgen um halb zehn hier sein.«
»Jawohl, Sir.«
»Und ich möchte Mr Kettering sprechen. Stöbern Sie ihn für mich auf, wenn’s geht. Versuchen Sie’s in seinem Club – also, schnappen Sie ihn sich irgendwie und sorgen Sie dafür, dass er mich morgen früh hier aufsucht. Oder lieber später, so gegen zwölf. Früher steht diese Art Leute sowieso nicht auf.«
Der Sekretär nickte zur Bestätigung der Anweisungen. Van Aldin lieferte sich nun seinem Kammerdiener aus. Das Bad war vorbereitet, und als er im warmen Wasser schwelgte, schweiften seine Gedanken zurück zum Gespräch mit seiner Tochter. Insgesamt war er ganz zufrieden. Sein scharfer Verstand hatte schon längst akzeptiert, dass Scheidung der einzige mögliche Ausweg war. Ruth hatte der vorgeschlagenen Lösung bereitwilliger zugestimmt, als er erwartet hatte. Und doch konnte er sich trotz der Einwilligung eines leichten Unbehagens nicht erwehren. Etwas in ihrem Benehmen, fand er, war nicht ganz natürlich gewesen. Er runzelte die Stirn.
»Vielleicht bilde ich mir das nur ein«, murmelte er. »Und trotzdem – ich wette, da gibt es etwas, was sie mir nicht erzählt hat.«