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Chrysëis
ОглавлениеAlles begann an einem Tag voller Gewalt.
Schon neun Jahre lang belagerten die Achäer Troia. Wenn sie, wie so oft, Lebensmittel oder Tiere oder Frauen brauchten, unterbrachen sie die Belagerung, machten Beutezüge und plünderten die Städte in der Umgebung. An dem Tag war Theben, meine Heimatstadt, an der Reihe. Sie nahmen uns alles und brachten es zu ihren Schiffen.
Unter den Frauen, die sie entführten, war auch ich. Ich war schön: Als sich die Fürsten der Achäer in ihrem Lager die Beute teilten, sah mich Agamemnon und wollte mich für sich. Er war der König der Könige und das Oberhaupt aller Achäer: Er brachte mich in sein Zelt und in sein Bett. In der Heimat hatte er eine Frau, die Klytemnästra hieß. Er liebte sie. An dem Tag sah er mich und wollte mich.
Aber einige Tage später kam mein Vater in das Lager der Achäer. Er hieß Chryses und war ein Priester des Apollon. Ein alter Mann. Wunderbare Geschenke brachte er mit und bat die Achäer, mich dafür freizulassen. Wie ich schon sagte: Er war ein alter Mann und Apollonpriester. Nachdem ihn die Achäerfürsten gesehen und angehört hatten, sprachen sie sich alle dafür aus, das Lösegeld anzunehmen und der edlen Gestalt, die sie angefleht hatte, Ehre zu erweisen. Nur einer unter ihnen ließ sich nicht beeindrucken: Agamemnon. Er erhob sich und schleuderte meinem Vater brutal ins Gesicht: »Verschwinde, Alter, und lass dich nie mehr hier blicken! Ich werde deine Tochter nicht freilassen. Sie wird in Argos alt werden, in meinem Haus, weit weg von ihrer Heimat wird sie am Webstuhl arbeiten und das Bett mit mir teilen. Und jetzt gehe, wenn dir dein Leben lieb ist.«
Entsetzt gehorchte mein Vater. Er ging schweigend weg und verschwand in Richtung der Meeresküste, im Geräusch des Meeres, so hätte man sagen können. Da geschah es unvermutet, dass Tod und Leid über die Achäer hereinbrachen. Neun Tage lang wurden Mann und Tier von Pfeilen getötet, und die Scheiterhaufen der Toten brannten ohne Unterlass. Am zehnten Tag berief Achill das Heer zu einer Versammlung ein. Vor allen sprach er: »Wenn es so weitergeht, werden wir gezwungen sein, unsere Schiffe zu besteigen und heimzufahren, sonst ist uns allen der Tod sicher. Ziehen wir einen Propheten oder einen Wahrsager oder einen Priester zu Rate, der imstande ist, uns zu erklären, was hier geschieht, und der uns von dieser Plage befreien kann.«
Da erhob sich Kalchas, der berühmteste unter den Wahrsagern. Er wusste alles, was war, was ist und was sein wird. Ein weiser Mann. Er sprach: »Du willst den Grund von all dem wissen, Achill, und ich werde ihn dir sagen. Du aber schwöre, dass du mich in Schutz nehmen wirst, denn was ich sagen werde, kann einen Mann beleidigen, der die Macht über alle Achäer hat und dem alle Achäer gehorchen. Ich setze mein Leben aufs Spiel. Du schwöre mir, dass du es in Schutz nehmen wirst.«
Achill antwortete ihm, er brauche keine Angst zu haben, sondern solle sagen, was er wisse. Er sprach: »Solange ich am Leben bin, wird es kein Achäer wagen, die Hand gegen dich zu erheben. Keiner. Auch Agamemnon nicht.«
Da fasste der Wahrsager Mut und sprach: »Seit wir jenen alten Mann beleidigt haben, fällt sein Schmerz auf uns zurück. Agamemnon hat das Lösegeld abgelehnt und hat die Tochter des Chryses nicht freigelassen: Und der Schmerz des Vaters ist auf uns zurückgefallen. Wir können ihn nur auf eine Weise verscheuchen: dem Chryses das Mädchen mit den leuchtenden Augen zurückgeben, bevor es zu spät ist.« So sprach er, und dann setzte er sich wieder.
Da erhob sich Agamemnon, das Gemüt voll schwarzem Ingrimm und die Augen von feurigen Blitzen entflammt. Hasserfüllt blickte er auf Kalchas und sprach: »Unglücksprophet, nie hast du mir Gutes geweissagt, nur das Übel enthüllst du gern. Und jetzt willst du mir Chryseis wegnehmen, die mir lieber ist als meine Gattin Klytemnästra und die mit ihr wetteifern könnte in Schönheit, Klugheit und edlem Sinn. Muss ich sie zurückgeben? Ich werde es tun, denn ich will, dass das Heer heil davonkommt. Ich werde es tun, wenn es so sein muss. Aber macht mir sofort ein Geschenk, das sie ersetzen kann, denn es ist ungerecht, dass ich als Einziger unter den Achäern nichts von der Beute habe. Ich will ein anderes Geschenk für mich.«
Da sprach Achill: »Wie sollen wir jetzt ein Geschenk für dich finden, Agamemnon? Die ganze Beute ist schon verteilt, wir können nicht noch einmal von vorne anfangen, das ist nicht recht. Gib das Mädchen zurück, und wir werden dich dreifach und vierfach entschädigen, wenn wir Ilios erobert haben.«
Agamemnon schüttelte den Kopf. »Du kannst mich nicht hinters Licht führen, Achill. Du möchtest deine Beute behalten, und ich soll nichts haben. Nein, ich werde das Mädchen zurückgeben, und dann werde ich mir holen, was mir gefällt, und vielleicht werde ich es Ajax nehmen oder Odysseus oder vielleicht auch dir.«
Achill sah ihn mit Hass an: »Unverschämt bist du und habgierig«, sprach er, »du verlangst, dass dir die Achäer in der Schlacht folgen? Ich bin nicht gekommen, um gegen die Troer zu kämpfen, mir haben sie nichts getan. Sie haben mir weder Ochsen noch Pferde gestohlen, sie haben mir keine Ernte zerstört. Berge voller Schatten trennen mein Land von dem ihren, und ein tosendes Meer. Ich bin hier, weil ich dir gefolgt bin, du Schamloser, um die Ehre des Menelaos und die deine zu verteidigen. Und dir, du Bastard, du Hund, ist das egal, und du drohst mir die Beute zu nehmen, für die ich so viel durchgestanden habe? Nein, da ist es besser, ich fahre wieder heim, als dass ich hier bleibe, mir die Ehre nehmen lasse und kämpfe, um dir Schätze und Reichtümer zu verschaffen.«
Da erwiderte Agamemnon: »Geh nur, wenn du willst, ich werde dich gewiss nicht bitten zu bleiben. Andere werden sich an meiner Seite Ehre erwerben. Du gefällst mir nicht, Achill: Du liebst die Raufereien, den Streit, den Krieg. Stark bist du ja, sicher, aber das ist nicht dein Verdienst. Fahr nur zurück und regiere bei dir zu Haus, mir liegt nichts an dir, und ich fürchte auch deinen Zorn nicht. Im Gegenteil, ich will dir sagen: Chrysëis schicke ich auf meinem Schiff mit meinen Leuten zu ihrem Vater zurück. Aber dann komme ich selbst in dein Zelt und hole mir die schöne Brisëis, deine Beute, damit du weißt, wer hier der Stärkere ist, und damit alle lernen, mich zu fürchten.«
So sprach er. Und es war, als hätte er Achill mitten ins Herz getroffen. Der Sohn des Peleus war schon dabei, sein Schwert aus der Scheide zu ziehen, und er hätte Agamemnon gewiss umgebracht, wenn es ihm nicht im letzten Augenblick gelungen wäre, seine Wut zu bezähmen und die Hand auf dem silbernen Knauf zurückzuhalten. Er sah Agamemnon an und sprach wutentbrannt zu ihm:
»Du Hund, Schlappschwanz, Feigling. Ich schwöre bei diesem Zepter, der Tag wird kommen, an dem alle Achäer mir nachweinen werden, wenn sie unter den Schlägen Hektors fallen. Und du wirst für sie leiden, aber nichts tun können. Du wirst dich nur an den Tag erinnern können, an dem du den Stärksten der Achäer beleidigt hast, und wirst verrückt werden vor Wut. Der Tag wird kommen, Agamemnon, ich schwöre es dir.«
So sprach er und schleuderte das mit goldenen Beschlägen verzierte Zepter zu Boden.
Als die Versammlung auseinanderging, ließ Agamemnon eines seiner Schiffe flottmachen, beorderte zwanzig Mann dorthin und übergab das Kommando dem listenreichen Odysseus. Dann kam er zu mir, nahm mich bei der Hand und begleitete mich zum Schiff. »Schöne Chrysëis«, sagte er. Und er ließ es geschehen, dass ich zu meinem Vater und in meine Heimat zurückkehrte. Er blieb an der Küste stehen und sah zu, wie das Schiff in See stach.
Als es am Horizont verschwand, rief er zwei seiner treuesten Herolde und befahl ihnen, zum Zelt des Achill zu gehen, Brisëis bei der Hand zu nehmen und fortzuführen. Er sprach zu ihnen: »Wenn sich Achill weigert, sie euch zu geben, dann teilt ihm mit, ich werde sie mir selbst holen. Das wird ihm viel schlechter bekommen.« Die beiden Herolde hießen Talthybios und Eurybates. Widerwillig gingen sie die Meeresküste entlang, und schließlich kamen sie zum Lager der Myrmidonen. Sie fanden Achill, der bei seinem Zelt neben dem schwarzen Schiff saß. Vor ihm blieben sie stehen und schwiegen, denn sie empfanden Ehrfurcht und Furcht vor diesem König. Da begann er zu sprechen.
»Kommt näher«, sagte er. »Ihr seid an alldem nicht schuld, sondern Agamemnon. Kommt näher ohne Angst vor mir.« Dann rief er Patroklos und bat ihn, Brisëis zu holen und sie den beiden Herolden auszuhändigen. »Ihr seid meine Zeugen«, sagte er und sah sie an, »Agamemnon hat den Verstand verloren. Er denkt nicht an das, was geschehen wird, er denkt nicht an den Tag, an dem er mich brauchen wird, um die Achäer und ihre Schiffe zu verteidigen, es liegt ihm nichts an der Vergangenheit und nichts an der Zukunft. Ihr seid meine Zeugen, der Mann hat den Verstand verloren.«
Die beiden Herolde brachen auf und gingen den Weg zwischen den an Land gezogenen schnellen Schiffen der Achäer zurück. Hinter ihnen ging Brisëis. Die Schöne ging mit, traurig – und schweren Herzens.
Achill sah sie weggehen. Da setzte er sich allein an den Strand und begann zu weinen, vor sich das weiß schäumende Meer, die unendliche Weite. Er war der Herr des Krieges und der Schrecken jeden Troers. Aber er brach in Tränen aus, und wie ein Kind rief er nach seiner Mutter. Da kam sie von ferne und erschien ihm. Sie setzte sich neben ihn und fing an ihn zu streicheln. Leise rief sie ihn beim Namen. »Mein Sohn, warum habe ich dich zur Welt gebracht, ich unglückliche Mutter? Dein Leben wird kurz sein, könntest du es wenigstens ohne Tränen und ohne Schmerzen verbringen …« Achill sagte zu ihr: »Kannst du mich retten, Mutter? Kannst du das?« Aber die Mutter sagte nur: »Hör mir zu, bleibe hier bei den Schiffen und geh nicht mehr in die Schlacht. Beharre auf deinem Zorn gegen die Achäer und höre nicht auf deinen Wunsch nach Krieg. Ich sage dir: Eines Tages werden sie dir wunderbare Geschenke anbieten, und sie werden dir dreimal so viel geben wegen der Beleidigung, die du erlitten hast.« Dann verschwand sie, und Achill blieb allein: Er kochte vor Wut wegen der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren war. Und sein Herz verzehrte sich vor Sehnsucht nach dem Gebrüll der Schlacht und dem Tumult des Krieges.
Ich sah meine Heimatstadt wieder, als das Schiff, das Odysseus befehligte, in den Hafen einfuhr. Sie zogen die Segel ein und näherten sich mit den Rudern dem Ankerplatz. Sie warfen die Anker und banden die Hecktaue fest. Zuerst luden sie die Tiere für das Opfer an Apollon aus. Dann nahm mich Odysseus bei der Hand und führte mich an Land. Er geleitete mich bis zum Altar des Apollon, wo mich mein Vater erwartete. Er ließ mich gehen, und mein Vater schloss mich vor Freude gerührt in seine Arme.
Odysseus und die Seinen verbrachten die Nacht in der Nähe ihres Schiffs. Bei Tagesanbruch stellten sie die Segel in den Wind und fuhren wieder ab. Ich sah das Schiff leicht dahineilen in den Wellen, deren Schaum rings um den Schiffsbauch brodelte. Ich sah es am Horizont verschwinden. Könnt ihr euch vorstellen, wie mein Leben von da an war? Mitunter träume ich von Staub, Waffen, Reichtümern und jungen Helden. Es ist immer derselbe Ort, an der Meeresküste. Es riecht nach Blut und Männern. Ich lebe dort, und der König der Könige wirft sein Leben und seine Leute in den Wind, für mich, für meine Schönheit und meine Anmut. Wenn ich aufwache, ist mein Vater an meiner Seite. Er streichelt mich und sagt: Es ist alles vorbei, mein Kind. Schlaf. Es ist alles vorbei.