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Kapitel 2

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Erinnerungen an eine Familie


Die Nachricht, die Crest von seinem Vater nach dessen Tod erhalten hatte, war unmissverständlich gewesen.

»Geliebter Sohn!

Wenn du dies liest, weißt du, dass ich tot bin. Ich hoffe, da ich diese Botschaft konzipiere, indes noch immer, sie möge übereilt angefertigt sein.

Wisse, dass alles, was du über mich hören wirst, dir nie das Bild ersetzen soll, das du dir selbst von mir gemacht hast. Ich habe dich oder deine Schwester nie danach gefragt, denn ich wollte euch nie zu Gefallen sein. Ihr solltet beurteilen können, nicht Meinungen anderer wiedergeben.

Ich hoffe, diese Saat keimt in dir fort und wird dich zu einem besseren Mann machen, als ich es je gewesen bin. Was ich tat, tat ich um deinetwillen. Ich nehme auch die Strafe des Imperators auf mich, die dem Vernehmen nach härter ausfallen wird, als ich vermutete.

Dein Vater«

Crest wusste, was er damals gedacht hatte: Rohinseide – war sie das alles wert gewesen?

Einst war der Khasurn da Zoltral groß und mächtig gewesen, und der junge Crest hatte sich nicht vorzustellen vermocht, dass etwas so Großes je wanken, zerbersten und verschwinden könnte. Aber es hatte kaum fünf Jahre gedauert. Und er erinnerte sich …


»Kannst du mir verraten, was das hier ist?« Die Stimme seines Vaters klang beherrscht und leise.

Crest sah, was auf dem Tisch lag, und erkannte es sofort, obwohl er schon seit über einem Jahr nicht mehr daran gedacht hatte. Eine Wette wie viele, Jugendstreiche, wenn man so wollte, längst abgehakt und vergessen als erfolgreiche Beweisführung. Derzeit galten seine Gedanken längst nicht mehr solchen Albernheiten, sondern Aizela.

Wie aber kam sein Vater an diesen Gegenstand?

Statt zu antworten, stürzte Crest sich auf die erste panische Gegenfrage, die ihm in den Sinn kam: »Woher hast du das?«

Varga da Zoltral sah ihn ernst und ein wenig traurig an. »Es wurde bei dir gefunden. Streitest du seinen Besitz ab?«

Crest senkte den Blick. Selbstverständlich stritt er nichts ab. Das hätte keinerlei Sinn gehabt, und er sah überhaupt nicht ein, sich deswegen mit einer Lüge zu belasten.

»Ist dir klar, was du damit losgetreten hast?«, fragte sein Vater. Nun las Crest nicht mehr Tadel, sondern Sorge in seinem Gesicht.

»Es ist doch schon ein Jahr her …«, begann er.

Sein Vater schnitt ihm mit einer barschen Handbewegung das Wort ab. »Es ist egal, ob es gestern, vor einem Jahr oder vor zehn Jahren war. Du bist doch nicht so naiv anzunehmen, es bliebe unbemerkt?«

»Ich …«

»Warum? Warum bist du in den Kristallpalast eingedrungen und hast ein imperiales Schlafgewand aus Rohinseide gestohlen?«

»Es war …« Crest gewahrte, wie ihm das Blut in den Ohren rauschte. Am liebsten wäre er im Erdboden versunken. Er war ein erwachsener Mann und fühlte sich wie ein kleiner Junge.

Wie konnte sein Vater es wagen, ihn so zu konfrontieren? Immerhin war er im Recht gewesen! Es war um die Lethargie gegangen, die sich im Imperium bis in die höchsten Kreise ausbreitete. Begriff niemand, welche Gefahr daraus für das Reich der Arkoniden erwuchs?

Es war ein Beweis in Form einer Wette gewesen, ein Spiel, und es war um etwas so Banales gegangen, dass weder Crest noch sein Kamerad sich deswegen Sorgen gemacht hätten. Ein Schlafgewand! Wie viele mochte der Imperator davon haben? Dutzende, mindestens.

Ein einziges Schlafgewand! Und deswegen zitiert er mich hierher?

Für einen Moment hatte er befürchtet, sein Vater hätte etwas über das Thema Aizela zu sagen gehabt. Deshalb war er erleichtert, selbst wenn das Gespräch offenbar gar nicht gut für ihn lief.

Aber besser über Angelegenheiten des Verstandes sprechen als über wirklich Wichtiges, das nur das Herz betraf.

Varga da Zoltral stellte sich vor Crest, legte ihm eine Hand unters Kinn und hob sie hoch, bis die Blicke der beiden Männer sich trafen.

»Du verstehst es nicht.« Vargas Stimme klang plötzlich sehr sanft. Seine rechte Hand krallte sich in das Schlafgewand, das unter dem Griff leise raschelte, summte und schimmerte.

Rohinseide war ein seltener, kostbarer Stoff, der nur aus den Fäden einer einzigen seltenen Spinnenart gewebt werden konnte, die ausschließlich auf dem Zwergmond Rohin im Schatten des Gasriesen Merlan gedieh und deren qualitativ hochwertige Verarbeitung nur von Hand und ohne Einsatz von Maschinen oder Energiefeldern möglich war. Eine Stoffbahn Rohinseide überstieg das halbjährliche Durchschnittseinkommen eines arkonidischen Holodesigners, und veredelt durch die bekanntesten Coutouriers des Imperiums potenzierte sich der Preis …

Was da so achtlos auf dem Tisch lag, war ein Vermögen wert – aber um Geld ging es nicht. Es ging um Symbolik: jene eines imperialen Besitzes, jene der Degeneration des mächtigsten Volks der Galaxis, jene des Diebstahls.

»Der Imperator kann nicht hinnehmen, dass er bestohlen wird. Seine Leute sind seit Monaten auf der Suche nach dem Dieb, und du kannst von Glück reden, dass sie deine Spur nicht längst aufgenommen haben.«

Crest horchte auf. Konnte das tatsächlich wahr sein? Die Agenten des Imperators suchten nach dem Dieb eines Schlafgewands? Hatte er die Angelegenheit am Ende tatsächlich unterschätzt?

»Offensichtlich warst du wirklich geschickt bei deinem Beutezug.« Varga da Zoltral gestattete sich den Anflug eines Lächelns. »Du bist mein Sohn, und ich werde immer stolz auf dich sein und mich vor dich stellen. Aber ich bin auch dein Vater, und wenn jemand das Recht hat, dir Vorhaltungen zu machen, bin ich das. Ich werde dem Imperator sein Eigentum zurückgeben, und wir werden sehen, was dann geschieht.«

»Ihr seid Freunde«, erinnerte ihn Crest zaghaft.

»Freunde?« Sein Vater lachte auf. »Der Imperator hat keine Freunde. Freundschaft ist eine Schwäche, die sich nicht mit seinem Amt verträgt. Nein, mein Sohn, auf Freundschaft werde ich keine Hoffnung gründen können. Die Macht des Hauses Zoltral als Bündnispartner des Hauses Orcast muss genügen.«

»Ich werde es selbst zurückgeben«, sagte Crest mannhaft, obwohl ihm furchtbar übel wurde bei dem Gedanken daran, Orcast XIX. gegenüberzutreten. »Und ihm erklären, was geschehen ist. Er wird mir zuhören. Es kann nicht in seinem Sinne sein, dass das Imperium an sich selbst sowie seiner Trägheit und Selbstversunkenheit zugrunde geht.«

Varga schüttelte den Kopf. »Nein, das wirst du nicht. Er wird dir nicht zuhören. Überleg dir, welche Botschaft du ihm dadurch vermitteln würdest: dass er selbst weder imstande ist, die Situation zu analysieren, noch sich selbst davon ausnehmen kann. Wenn du das tust, erläuterst du ihm nichts, sondern du klagst ihn an. So zumindest wird er es sehen.«

»Aber …«

»Du bist immer noch kaum mehr als ein Kind. Mein Sohn, ein Vater trägt die Verantwortung für die Taten seiner Kinder. Und das werde ich tun.« Varga da Zoltral lächelte schmal, wie so oft, wenn er etwas sagte, von dem er wusste, sein Sohn würde es nicht auf Anhieb verstehen.

Crest sah ihn an und fragte sich, was sein Vater diesmal meinte.

»Bis die Angelegenheit geklärt ist, bitte ich dich, zu verreisen. Wir haben Besitzungen auf mehreren Kolonialplaneten, die ab und zu unserer ordnenden Hand bedürfen. Ich habe mir erlaubt, dir entsprechende Vollmachten auszustellen und eine Reise zu buchen. Du fliegst selbstverständlich in Linienraumern, wir wollen kein großes Aufhebens darum machen. Such dir fünf Diener und Wachen aus, eine Liste der fraglichen Unternehmen habe ich dir überspielen lassen.«

Crest fror plötzlich, obwohl es mit fast 34 Grad so angenehm warm war wie überall auf Arkon. Er sollte seine Heimat verlassen? Der Kontakt zu Aizela würde schwierig werden, jedenfalls jener, der den ungefilterten Austausch von Gedanken zuließ. Und er würde seine Familie nicht mehr sehen außer in Form von Holos.

»Wann soll ich aufbrechen?«

»Dein Flug geht in einer Stunde.«

»Wie soll ich mich da von Aénda und von …«

»Gar nicht. Ich informiere sie.« Varga da Zoltral wedelte mit der Hand, schien es sich dann doch noch einmal zu überlegen. »Ich liebe dich, mein Sohn«, sagte er seltsam brüsk, als wären ihm die Worte peinlich. »Geh jetzt!«


Drei Wochen hatte die Rundreise gedauert, drei Wochen, in denen Crest nur Holoaufzeichnungen angefertigt hatte. Einen direkten Kontakt nach Hause hatte sein Vater ihm untersagt.

Ein einziges Mal hatte er mit seinem Freund Onat da Heskmar sprechen und auf diesem Weg alle Neuigkeiten erfahren wollen, aber die Verbindung war nicht zustande gekommen.

Da er ohnehin nichts ändern konnte, beschloss Crest, das zu tun, was sein Vater von ihm erwartete: schweigend abzuwarten und die Geschäfte der Familie voranzubringen.

»Halte dich bedeckt, mein Sohn. Zieh keine Aufmerksamkeit auf dich, ehe die Situation nicht geklärt ist«, hatte Varga ihm aufgetragen.

Als das große, bauchige, von ungezählten Reisen vernarbte Raumschiff, das den stolzen Namen KRISTALLWELT längst nicht mehr verdiente, in den Landeanflug auf Arkon I überging, trafen zwei Nachrichten unterschiedlicher Absender ein, die mehrfach verschlüsselt waren.

Keine von seinem Vater, keine von Yrandi. Vargas Holonachricht kam erst viel später, per Bote, auf einem Datenkristall. Keine von Aizela.

Dafür eine von seiner Schwester Aénda: »Triff mich am Khasurn da Zoltral!« Die zweite stammte vom Haushofmeister des Imperators: »Finde dich am Hofe ein.«

Crest ließ sich die Nachrichten mehrmals vorspielen, weil sich sein Verstand weigerte, deren Inhalt zu begreifen. Was war los?

Erst nachdem die anderen Passagiere der KRISTALLWELT längst von Bord gegangen waren, kam Bewegung in den jungen Mann.

Ein Vater trägt die Verantwortung für die Taten seiner Kinder.

Grußlos und hektisch hastete Crest die Gänge entlang, rempelte gegen Türen und Wände, ohne es zu merken, und erreichte schließlich einen Fahrzeugstand.

Er nahm sich einen Gleiter und flog los.

Er sah nur auf die Straße vor sich, das diamantgetupfte, graue Band jener Verkehrsader, die ihn an sein Ziel führen sollte: Arkon schrumpfte für ihn in diesem Momenten zusammen auf diese Linie. Gleichgültig, welche landschaftlichen oder architektonischen Schönheiten sonst an ihm vorüberflogen, er beachtete sie nicht.

Perry Rhodan Neo Story 15: Der Untergang des Hauses Zoltral

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