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Royal Air Force Base Northolt/16.30 Uhr (GMT)

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Ich saß auf der Rückbank eines schwarzen Bentleys. Die Schranke zur Royal Air Force Base in Northolt öffnete sich, und der Tross raste durch das militärische Sicherheitsgelände. Von allen Seiten durch Militärfahrzeuge geschützt und mit Luftüberwachung versehen, hielten wir bei einem zweistrahligen Jet, um den herum Technikpersonal wuselte und die letzten Kontrollen durchführte. Mir wurde schwummerig. Ich hasste das Fliegen seit jeher, hatte dabei immer das grässliche Gefühl, die Kontrolle über mein Leben abzugeben. Wobei, wenn ich es recht bedachte, war mir die Kontrolle heute Morgen bereits entglitten. Automatisch griff ich in meine Hosentasche und fluchte leise. Keine Bensons. Verdammt.

Paul, der aus dem getönten Fenster gespäht hatte, drehte sich zu mir. „Alles in Ordnung? Du siehst ein bisschen grün aus.“

Ich schüttelte den Kopf. „Was gäbe ich für eine Zigarette …“

„Vergiss die Kippen, Mann. Keine Sorge, wir sind in guten Händen bei den Queens.“

„Die Queens? Seit wann haben wir mehr als eine?“

„Das, mein Freund, ist Northolt“, erklärte Paul. „Die Piloten, die hier stationiert sind, gehören zur Royal Squadron, der Fliegerstaffel der Queen. Man nennt sie Queens Flight. Sie gehören zum Besten, was die Air Force zu bieten hat.“

„Exzellent erklärt, Mr Richards, oder bevorzugen Sie Captain Richards?“, bemerkte Callahan, der uns gegenüber saß und bis gerade eben konzentriert auf seinem Tablet herumgetippt hatte.

„Das war ein anderes Leben, Professor“, winkte Paul ab. „Lassen wir es bei Mr Richards, okay? Gern auch Paul, wenn Sie wollen.“

„Aber sicher doch, Paul. Ich möchte Ihnen übrigens sagen, dass ich mich sehr freue, Sie bei uns zu haben. Ihre Erfahrung wird uns sicher noch sehr gelegen kommen.“

Ich sah verwirrt zwischen den beiden hin und her. Pauls Erfahrung beschränkte sich, soweit ich wusste, auf ein paar Jahre Army sowie Gläserspülen, Bierzapfen und sich über mangelndes Einkommen beschweren. Sein alter Herr, Gott hab ihn selig, hatte ihn immer Captain genannt, wenn wir ihn besuchten. Ich hatte immer gedacht, das wäre einfach Pauls Spitzname. War da doch mehr dran? Misstrauisch warf ich ihm einen Blick zu, den er mit hochgezogener Augenbraue erwiderte.

Als wir aus dem Wagen stiegen, bemerkte ich, dass wir nicht die einzigen waren, die gerade von hier starten sollten, überall auf der Rollbahn wurden Transportmaschinen beladen und betankt. Auf der Bahn hinter uns erhob sich mit ohrenbetäubendem Dröhnen eine Fliegerstaffel in die Luft und raste nach Westen.

„Typhon Jets“, schrie Paul gegen den Lärm an und schickte ihnen einen Salut hinterher.

Im letzten Licht des Tages bestiegen wir unsere Maschine. „Eine Hawker Siddeley Trident, nicht schlecht“, murmelte Paul beeindruckt. „Normalerweise passen da knapp hundert Passagiere rein.“ Mir sagte der Name nichts, aber ich sah mich drinnen neugierig um. Das Flugzeug war innen umgebaut worden und bot mehr als genug Platz für unser Team, es gab kleine Sitzinseln, und weiter Richtung Heck entdeckte ich sogar einen kleinen Meeting Room für bis zu acht Personen. Zu meiner Überraschung lag für mich und Paul neue Kleidung auf zwei Sesseln bereit. Eine komplette Outdoor-Garderobe, wie es schien: Hosen und Hemden, leichte Westen sowie eine gut gefütterte Jacke mit allem Drum und Dran und ein Paar gefütterte Stiefel. Alles in einem leichten Hellbraun gehalten und wohl aus Militärbeständen entliehen.

Karen Stanley winkte uns zu einer der Sitzgruppen, und ich ließ mich in einen Sitz fallen. Auf den Ablagen vor uns befanden sich je ein Laptop mit Regierungsinsignien sowie eine Dokumentenmappe. Ben Wright, Professor Woods und Callahan verstauten Gepäck in den vorgesehenen Fächern. Paul blieb im Gang stehen und sah zu, wie weitere Leute an Bord kamen und von einer Stewardess nach hinten gewunken wurden. Ein stämmiger Kerl mittleren Alters, der einen Militärrucksack über der Schulter trug, steuerte direkt auf meinen Freund zu. „Paul, du alte Wildsau, aus welchem Loch haben die dich denn rausgezogen? Mann, ist das schön, dich zu sehen! Who dares wins, brother.“

Paul klopfte ihm auf die Schulter. „So ist es Brad, so ist es. Du hast dich kaum verändert, siehst immer noch so scheiße aus wie früher. Haben sie dich ausgesucht, für uns den Wachhund zu spielen?“

„Oh, yeah. Aber warum bist du hier? Die brauchen ja wohl kaum zwei von uns.“

Paul grinste. „Ich bin als Zivilist hier, Brad. Ob du es glaubst oder nicht, der Typ, um den es hier geht, ist mein bester Kumpel.“

„Als Zivilist? Du? Da lachen ja die Hühner. Na, sie hätten dich eh angerufen, nicht wahr?“

Meine Augen wurden immer größer. Was hatte Paul mir alles verschwiegen? Wer war er?

„Gibt ’s hier Drinks?“, fragte Biggs niemand bestimmten.

Paul lachte. „Ich schenk dir gleich was ein. Aber zuerst will ich dir meinen Freund David Cole vorstellen.“

Der Hüne warf seinen Rucksack in eines der oberen Gepäckfächer, dann streckte er mir mit einem breiten Grinsen seine Hand entgegen: „Hi, Bradley Biggs, freut mich sehr!“

Eine Flugbegleiterin hatte unseren Wortwechsel wohl gehört. Sie verschwand im Heck, tauchte gleich darauf mit einem Tablett, auf dem eine Flasche und mehrere Gläser standen, wieder auf. „Bitte sehr, die Herren. Madam, was darf ich Ihnen bringen?“

„Ein Wasser, bitte.“ Karen Stanley sah erschöpft aus.

Wir prosteten uns zu. „Sonst noch jemand?“, fragte Paul, der sofort wieder in die Barkeeper-Rolle verfiel, doch die Wissenschaftler winkten ab.

„Was Callahan wohl in Bolivien finden will? Wissen Sie was Genaueres, Mr Biggs?“, fragte ich.

Biggs setzte sein Glas ab und erwiderte: „Man hat mir nicht gesagt, um was es geht, aber in ganz England heben gerade Maschinen ab. Viele unserer Jungs sind schon unterwegs. Bolivien scheint gerade der Place-to-be geworden zu sein, wie mir scheint.“ Er kratzte sich am Kinn: „Kannst du dich noch an Tucker erinnern, Paul?“

„Klar, der Kleine hat mich fast meine letzten Nerven gekostet. Was ist mit ihm?“

„Er ist gerade im Irak stationiert, hat mir vor einer Stunde ’ne Message geschickt. Auch seine Einheit wird verlegt. Rate mal, wohin.“

„Bolivien“, sagte Paul knapp.

„Genau! Das wird was Größeres, wenn du mich fragst.“

Unser Flugzeug bewegte sich nun in Richtung Startbahn, die Stewardess wies alle an, sich anzuschnallen, räumte die Gläser weg und ermahnte Callahan, das Tablet auszuschalten.

„Cabin crew ready for take-off“, klang kurz darauf die blecherne Stimme des Piloten durch den Kabinenlautsprecher. Die Triebwerke dröhnten auf, die Maschine beschleunigte und ich umklammerte möglichst unauffällig die Armlehnen. Noch mehr als das Fliegen selbst hasste ich den Start und die Landung. Wenige Sekunden später ließen wir die Airbase unter uns. Es dauerte ein paar Minuten, bis wir unsere Reiseflughöhe erreicht hatten und das Zittern in mir nachließ, dann griff ich mir die neuen Klamotten und verschwand in einem der Toilettenräume. Kein Vergleich zu den winzigen Kammern, die ich von meinem letzten Urlaubsflug mit Claire nach Mallorca kannte. Das war ein Badezimmer de luxe, mit allem, was das Männerherz begehrte. Sogar einzeln eingeschweißte Rasierpinsel und Rasierschaum standen zur Verfügung. Und – ich traute meinen Augen nicht – eine Dusche, clever versteckt hinter einer Plexiglaswand. Unserem schönen Britannien konnte es nicht so schlecht gehen, wie die Politiker immer sagten. Oder andersherum: Jetzt wusste ich, wo meine Steuern landeten …

Rasiert und neu eingekleidet, ging ich zurück zu meinem Platz, an dem Karen Stanley auf mich wartete.

„Sie sehen gut aus, Mr Cole. Freut mich, dass die Sachen passen.“

„Woher wussten Sie das?“ Ich zupfte am perfekt sitzenden Indiana-Jones-Outfit „Es fehlt allerdings die Peitsche.“

„Ich habe drei Brüder, Indy.“ Ihr huschte ein Lächeln übers Gesicht.

„Danke jedenfalls, das war sehr aufmerksam.“

„Sie haben ja nicht einmal Zigaretten – da musste ich Ihnen und Mr Richards wenigstens angemessene Kleidung besorgen.“ Das Funkeln in ihren Augen verstärkte sich. „Und jetzt erwartet uns Mr Callahan im Meeting-Room. Wenn Sie mir folgen würden.”


Downing Street Nr. 10, London/18.00 Uhr (GMT)

Im Büro des Premierministers herrschte im wahrsten Sinne des Wortes Ausnahmezustand. Militärpersonal, Krisenstab-Mitarbeiter, der Generalsekretär und allerhand dienstbare Geister sprinteten geschäftig umher, während der Premier an seinem Schreibtisch telefonierte.

Als er aufgelegt hatte, stand er auf und stützte die Hände flach auf den Tisch. Es wurde schlagartig still. Alle Anwesenden starrten ihn an.

„Meine Damen und Herren“, begann Harper. „Wir haben grünes Licht, Bolivien wird uns auf jede erdenkliche Art helfen. Mein Kollege, Präsident Moriente, trifft bereits Vorkehrungen für unsere Ankunft. General, wie sieht die Lage bei Ihnen aus?“

Mason nickte ihm zu und drückte einem Sekretär noch schnell einige Papiere und ein Tablet in die Hand. „Wir haben nun alle Truppen auf den Straßen, Reservisten eingeschlossen, um für Ruhe zu sorgen, Sir. Unsere Einsatztruppen im Ausland werden auf ein Minimum reduziert. Einsatzgebiete sind ab sofort Bolivien – und natürlich hier. Die Versetzungsbefehle sind unterschrieben, und ich habe die Bestätigung erhalten, dass die Royal Air Force zusammen mit einigen Nato-Verbündeten die Truppenverlegung beginnt. In diesen Stunden machen sich alle verfügbaren Instandsetzungs- und Pioniereinheiten auf den Weg. Material verpackt und ausgeflogen.“ Mason räusperte sich. „Ich kann zudem bestätigen: Truppenteile aus den USA und Kanada stehen uns zur Verfügung und können jederzeit hinzugezogen werden, allerdings gibt es einige Bündnispartner, die keine Notwendigkeit sehen, uns zu unterstützen, wie Frankreich beispielsweise und die Italiener. Wenn Sie sich hier einschalten könnten, Sir, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“

Harper runzelte die Stirn. „Ich werde hier wohl unsere Freunde nochmal an Ihre Verpflichtungen erinnern müssen. General, stellen Sie bitte auch ein Notfallteam zusammen für den Fall der Fälle. Wenn alle Stricke reißen, müssen wir die königliche Familie in Sicherheit bringen können.“

„Schon geschehen.“ Mason schlug andeutungsweise die Hacken zusammen.

„Blake, wie sieht es bei Ihnen aus?“, wandte Harper sich jetzt an seinen Assistenten.

Der junge Mann schwitzte. Er wischte sich immer wieder mit dem Ärmel über das Gesicht und putzte mit einem Hemdzipfel seine Brille. „Professor Callahan hat uns gebeten, Rohstoffhändler zu kontaktieren, die auf eine bestimmte Art von Steinarbeit spezialisiert sind. Ganz so einfach ist das aber nicht. Die betreffenden Händler in Südamerika sind … zögerlich. Mit anderen Worten, es geht ums Geld.“

Harper unterbrach ihn. „Blake, wir brauchen alles, was von Callahan angefordert wurde. Geld spielt in diesem Fall keine Rolle.“

„Äh … ja, Sir.“ Blake wirkte verunsichert, fuhr aber fort: „Wie General Mason gerade gesagt hat, alle technischen Geräte werden gerade vorbereitet und ausgeflogen. Was wir nicht selbst bewerkstelligen können, koordinieren unsere Wirtschaftspartner für uns. Wir haben uns auch wie gewünscht um die Architekten gekümmert. Es gibt zwei Kandidaten.“ Blake blickte auf den Zettel, den er in der Hand hielt. „Einen Herr Tadao Koma mit außergewöhnlichen Qualifikationen und dann noch Jacques Graf aus der Schweiz, der mir auch von fast allen namhaften Architekturbüros empfohlen wurde.“

„Und welchen halten Sie für geeigneter?“

Blake wurde rot und wischte sich über die Stirn. „Äh … ich weiß nicht, Sir, Architektur ist nicht mein Fachgebiet“, stotterte er, „aber ich denke, beide sind auf ihre Weise brillant.“

„Dann holen Sie beide nach Bolivien!“, forderte der Premierminister.

„Sehr wohl, Sir.“ Ein sichtlich erleichterter Blake putzte sich die Brille und zog sich dann in eine Ecke des Raums zurück, wo er sich hastig Notizen machte.

Eine junge Frau betrat den Raum, winkte Harper zu und deutete mit Daumen und Zeigefinger ein Telefongespräch an.

Harper nickte. Mit den Worten, „General, ich wünsche Ihnen einen guten Flug. Ihnen allen vielen Dank. Machen Sie weiter so, die Zeit drängt“, beendete er die Versammlung.

Der Lärmpegel stieg sofort wieder an. Harper betrat hinter der jungen Dame das Sekretariat neben seinem Büro und nickte der Assistentin zu. „Danke, Stella.“

Leitung zwei blinkte. Er ließ sich in den Sessel hinter dem Schreibtisch fallen und nahm den Hörer ab. „Tessa, alles okay bei dir?“

„Das fragst du mich allen Ernstes, Matthew? Ja, uns und den Kindern geht es gut. Wie ist die Lage bei dir? Wie schaffst du das alles, Matthew?“

Harper stützte den Kopf in die Hände. „Soll ich ehrlich sein, Darling? Ich weiß nicht, ob wir das schaffen. Ob ich das schaffe.“ Seine Stimme klang gepresst.

„Wenn es jemandem gelingt, die Welt in einer solchen Krise zu einen, dann dir! Und du weißt, wir sind in Gedanken immer bei dir!“

Die Worte seiner Frau taten ihm gut. „Tu mir einen Gefallen, Darling, fahrt raus zu deinen Eltern, dort seid ihr sicherer als in London. Die Armee ist zwar im Einsatz, aber es kommt immer noch zu Plünderungen und Panikausbrüchen.“

Er konnte das Lächeln seiner Frau förmlich sehen. „Ich habe vorhin schon mit meiner Mutter gesprochen, Matthew. Sie erwarten uns bereits. Und du, Liebling, bleib stark. Du schaffst das, hörst du?“

„Ich liebe dich, Tessa.“

„Always.“ Das sagte sie immer, und auch in diesem Moment traf sie damit sein Herz. Er lächelte, selbst wenn Tessa es nicht sehen konnte. Dann legte er auf und dachte inbrünstig, Gott, gib mir Kraft, jetzt mehr denn je.


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