Читать книгу Unmoralische Auszeit | Erotischer SM-Roman - Alexandra Gehring - Страница 5
ОглавлениеZu Hause
Draußen ging die Sonne langsam unter. Trotz der Umtriebigkeit im Zug, versuchte Elena einen klaren Kopf zu bewahren. Es fiel ihr schwer, ihre Gedanken zu ordnen.
Eine ganz klare Aussage über die sexuelle Neigung des Paares, über den Ablauf eines Tages oder der Nacht in der Villa, hatte Christina ihr nicht mit auf die Rückfahrt gegeben. Sie hatte ihr allerdings die Neigungen und Erwartungen ihres Mannes in aller Offenheit mitgeteilt. Dabei waren auch extreme SM-Elemente. Es war und blieb also ein Abenteuer. Aber auch, wie Elena fand, eine gut bezahlte Auszeit vor ihrem Einstieg in die richtige Arbeitswelt. Immerhin machte sie nun doch noch eine Reise, in diesem Fall eine Reise ins Unbekannte …
Der ICE fuhr in den Zentralbahnhof ein. Interessiert schaute sie dem hektischen Treiben auf dem Bahnsteig zu. Jeder dieser unzähligen, wuselnden, unbekannten Menschen hatte sein Leben, seine Probleme, seine Glücksmomente. Alle diese Menschen hatten immer wieder Entscheidungen zu treffen. Damit war sie nun bestimmt nicht allein. Einfacher machte es diese Erkenntnis aber auch nicht. Elena musste über sich selbst schmunzeln. Was für Gedanken! Sie hatte sich entschieden, und es fühlte sich gut an.
Ein Kind schrie laut auf und brachte sie endgültig in die nüchterne Realität zurück. Der Zug stand. Sie musste umsteigen. Am Kiosk kaufte sie eine Zeitschrift, die sie sich ab und zu gönnte. Wie sie amüsiert feststellte, war es eine aus dem Verlag ihrer neuen Herrschaften. Sie blätterte die Seiten durch und vertiefte sich in einen Bericht über die neuesten Modetrends. Es tat ihr gut, endlich auf andere Gedanken zu kommen. Als sie dann noch in ihrem Horoskop las »Beste Voraussetzungen für Veränderungen in Ihrem Alltag, alles was Sie in Angriff nehmen, wird ein Erfolg«, wurde ihr die Zeitschrift, samt der Herausgeber, noch sympathischer.
***
Am nächsten Abend traf sich Elena mit Selina, die sie mit Fragen über WhatsApp regelrecht bombardiert hatte. Sie hatten sich zum Abendessen in der Stadt verabredet.
Es gab nur ein Thema. Selina ließ nicht locker, hinterfragte jeden Satz, den Elena von sich gab. Nur kurze Zeit vertieften sich beide in ihr Pastagericht, das heute zur Nebensache wurde.
»Christina hat mir ihre Sicht deutlich erklärt. Sie wollen mich nicht nur zu ihrer Verwendung, zu ihrem Spaß, um sich mit mir auszutoben, sondern ich komme als Novizin, um sexuell meinen Weg zu finden, den sie mir vorgeben wollen. Aber ich soll auch eine Rolle in ihrem Alltag spielen, eine Zeitspanne mit dem Ehepaar verbringen, wie immer das auch zu verstehen ist.« Sie machte eine kleine Pause. »Ich gehe nicht als Hure oder lasse mich prostituieren. Auch wenn man das so sehen kann. Ich gehe als neugierige Elena, die sich freiwillig auf ein sexuelles Abenteuer einlassen möchte. Natürlich ist es ein ungewöhnliches Spiel. Ein Psychospiel, das so oder so für mich ausgehen kann. Ich habe Lust darauf, Leben zu erleben und verkrustete Werte hinter mir zu lassen, die allerdings, und das gestehe ich jedem zu, nur zu oft die richtigen Werte sind. Ob Esoterik oder Glauben an wen auch immer … Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Ohne Werte würde alles zusammenbrechen, dessen bin ich mir voll bewusst. Damit meine ich auch die sittlichen Werte. Ich habe in diesem Fall ein gutes Gefühl, unterschwellig aber nicht unbedingt ein reines Gewissen.«
Selina schaute ihrer Freundin tief in die Augen. Die Worte und Sätze konnten von ihr sein. Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, setzte sich aufrecht hin.
Elena seufzte: »Jetzt muss ich das nur noch meinen Eltern beibringen. Natürlich bin ich erwachsen genug und bräuchte ihren Segen nicht. Mir ist es allerdings lieber, sie müssen sich keine unnötigen Gedanken oder gar Sorgen machen. Offiziell arbeite ich im Haus des Medienpaars als Sekretärin und Übersetzerin und das zunächst für ein halbes Jahr bei angemessener Bezahlung. Das ist auch dein offizieller Wissensstand, denn die eine oder andere unserer Freundinnen wird dich schon fragen, was mich in die Ferne zieht. Das hört sich doch gut an, findest du nicht!« Elena sah in das zustimmende Gesicht ihrer Freundin, hob ihre Hand und gab der Bedienung ein Zeichen. »Bitte noch zwei Cappuccino!«
Die Bedienung nickte ihr zu und nahm die Teller und das Besteck mit.
»Wenn ich daran denke, dass der Oberarsch, mein Ex-Freund Roman, meine Neugierde und Neigung zu härteren Sexspielen entscheidend mitgeprägt hat, könnte mir der ganze Spaß an der Sache schon wieder vergehen. Aber wie du ja immer sagst: Wir leben im Hier und Jetzt.« Sie musste plötzlich schmunzeln. »Da fällt mir ein Witz ein, den Roman mir mehrfach erzählt hatte. So oft, dass ich den bestimmt bis an mein Lebensende mit mir herumtrage.«
Sie sah zu der Bedienung hoch, die ihre Cappuccino vor ihr abstellte und nickte ihr dankend zu.
»Ein Pärchen beim Ficken. Sie wird immer geiler und flüstert ihm erregt zu: ›Ja, gib’s mir! Sag mir dreckige Sachen!‹ Er flüstert zurück: ›Küche … Bad … Wohnzimmer …‹«
Selina hielt sich die Hand vor den Mund, hatte sie sich beim Trinken doch etwas verschluckt. Beide grinsten sich an.
»Jetzt wieder ernsthaft!«, nahm Elena den Faden wieder auf. »Mit Alex gab es ein langes Gespräch. Er war enttäuscht, aber nach seiner Aussage hatte er etwas Ähnliches erwartet. Ich hatte ja im Vorfeld schon die eine oder andere Andeutung gemacht. In den letzten Wochen stimmte es einfach nicht mehr zwischen uns, und das ging in erster Linie von mir aus. Das Feuer in mir brannte nur noch auf Sparflamme. Wir wollen Freunde bleiben, auch wenn jeder ab sofort seinen eigenen Weg gehen wird. Ich fühle einen Schmerz in mir, eine Traurigkeit. Das habe ich ihm gesagt. Er hat sich immer fair und anständig benommen, aber bei aller Abwägerei, ich konnte nicht anders. Für ihn hat sich sicherlich eines seiner geplanten Lebensziele in Luft aufgelöst. Er wird eine Frau finden, die ihm zur Seite steht, dessen bin ich mir ganz sicher.«
Elena öffnete das Päckchen mit dem Zucker und verteilte den Inhalt über den Milchschaum. Für einen Moment war Stille. Etwas war zu Ende.
»Du möchtest jetzt sicherlich meine Meinung hören«, führte Selina ihr Zwiegespräch weiter.
Elena nickte.
»Ich glaube aber, die kennst du. Ganz einfach. Ich kann dich, was Alex betrifft, voll und ganz verstehen. Dieser feste Lebensrahmen hätte dich als Persönlichkeit stark eingeschränkt. Und nun zu deinem weiteren Weg. Hier finde ich dein Verhalten absolut mutig. Diese Stelle bei dem ›Global Player‹ nicht anzunehmen, alle Achtung! Jetzt noch dieser mutige Aufbruch in das ungewisse Abenteuer … Also meinen Respekt hast du! Du bist gerade dabei, mich in den Schatten zu stellen. Du verstehst genau, wie ich das meine.« Selina berührte die Hand ihrer Freundin. »Und ich bin tatsächlich etwas neidisch. Neidisch, wie offen und mutig du mit dieser Situation umgehst. Da denkt man, man kennt seine beste Freundin … und dann erlebt man, dass diese ihren eigenen unerwarteten Weg geht. Du wirst mir ganz schön fehlen. Jetzt muss mein Freund noch mehr ran. Deine Abwesenheit reißt eine richtige Lücke in meinen Alltag. Ich werde dich richtig, wirklich richtig, vermissen, auch wenn du nicht aus der Welt bist. Dein Handy wird glühen, verlass dich darauf!«
Die Freundinnen lächelten sich verständnisvoll an. Jetzt ging alles seinen Lauf.