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Der Montagsvater

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Was für ein schöner Morgen! Der graue Himmel hing so tief über dem Wiesbachtal, als wäre er mit ausgestreckten Händen zu berühren. Der Regen tat ein Übriges und legte einen dichten Schleier über das Hügelland. Wind war aufgekommen und wehte Polt die Tropfen ins Gesicht. Frisch fühlte sich das an und aufmunternd. Aber ein Rest Müdigkeit sollte schon bleiben, als Erinnerung an einen langen Abend, tief in die Nacht hinein. Seltsam, wenn zwei, die seit Jahren miteinander vertraut sind, unvermutet am Anfang stehen.

Ein paar Monate noch … Polt war verwirrt und ratlos, aber eindeutig glücklich.

Um fünf Uhr früh hatte der Wecker geläutet. Das musste so sein, denn Frau Habesam legte hartnäckig Wert drauf, ihr kleines Kaufhaus schon im Morgengrauen zu öffnen. Das betraf auch Simon Polt, der seit einigen Wochen in ihren Diensten stand. Das war so gekommen:

An einem Mittwoch im Sommer des vergangenen Jahres hatte Frau Habesam soeben gemeinsam mit Sepp Räuschl eine ausführliche und detailreiche Betrachtung über den unaufhaltsamen Verfall der Sitten im Wiesbachtal vorläufig beendet und einen halben Schwarzbrotwecken über den Ladentisch geschoben, als sie in jähem Schmerz das Gesicht verzog, sich an die Stirn griff und energisch nach Hilfe verlangte, bevor ihr die Zunge versagte. Die rasche Behandlung im nahen Bezirkskrankenhaus verhinderte die ärgsten Folgen des Schlaganfalls. Frau Habesams Sprechwerkzeuge, in Jahrzehnten unermüdlich geübt, funktionierten bald wieder, aber die Beine wollten nicht mehr so recht. Immerhin konnte sie mit Hilfe einer Krücke für kurze Zeit aufrecht stehen und ein paar Schritte tun, aber am Rollstuhl führte kein Weg vorbei. Die Kauffrau nahm das zur Kenntnis, übte sich unwirsch in neuen Fertigkeiten und war bald schneller unterwegs, als sie es zu Fuß je geschafft hätte. Aber einiges blieb ihr doch verwehrt. Daher wurde Simon Polt gegen geringes Salär zu ihrem kaufmännischen Gehilfen bestimmt. Es sprach ja auch nichts dagegen, wenn er sich nützlich machte, statt seine Zeit mit Müßiggang zu vergeuden. Außerdem hatte Frau Habesams Geschick, mit ihrem Kaufhaus, einem Brennpunkt dörflicher Kommunikation, stets den entscheidenden Informationsvorsprung zu wahren, angesichts vordergründiger Hinfälligkeit noch an hintergründiger Wirksamkeit gewonnen. Demnach wusste auch Polt neuerdings über so ziemlich alles Bescheid. Heute war ihm aber das köstliche Privileg vergönnt, eine Neuigkeit zu verkünden, die sogar für Frau Habesam neu war. Unwillkürlich trat er kräftiger in die Pedale.

Polt war mit seinem alten Steyr-Waffenrad unterwegs. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, warum er diesem schweren und schwerfälligen Fahrzeug treu blieb. Jedenfalls gab es Gemeinsamkeiten: Die geraume Zeit, welche vonnöten war, um gemächlich zu beschleunigen, dann aber stetes und verlässliches Vorwärtskommen, das sich nur mit einigem Kraftaufwand bremsen ließ.

Polt stutzte, als er im Halbdunkel ein wohlbekanntes Gebäude erblickte: Hier, im Haus Burgheim 56, hatte er fast zwei Jahrzehnte als Gendarm gearbeitet. Diese Dienststelle gab es nicht mehr, das Wiesbachtal wurde vom gut dreißig Kilometer entfernten Breitenfeld aus betreut. Ja, und die Gendarmerie hieß jetzt Polizei. Polt war, ganz in Gedanken, an Frau Habesams Kaufhaus vorbei zur vertrauten Adresse gefahren. Ach was, nicht mehr seine Welt. Er wendete und beeilte sich, ans richtige Ziel zu kommen. Seine Arbeitgeberin erwartete ihn vor der geöffneten Tür. Schweigend schaute sie auf die nahe Kirchturmuhr.

Polt lehnte das Fahrrad an die Mauer. „Ja, ja, ich weiß schon. Aber doch nur ein paar Minuten!“

„Zu spät ist zu spät, mein lieber Herr. Und wie schaun S’ denn drein?“

„Wie jeden Tag, nicht wahr?“

„Aber gehn S’. Diesen Blick kenn ich doch von irgendwo. Jetzt hab ich’s: Der heilige Stephanus aus dem Bauernkalender, wie er mir steht der Himmel offen! ruft. Nachher haben s’ ihn gesteinigt. Kaffee?“

„Ja, gern!“ Polt griff nach dem Rollstuhl.

„Lassen S’ die Finger davon! Wer weiß, wohin Sie mich heute schieben, in Ihrer merkwürdigen Verfassung.“

Dann saßen die beiden zwischen dem Verkaufsraum und dem Lager im kleinen Büro, das auch als Küche diente. Frau Habesam goss Kaffee ein und legte zwei Semmeln auf den Tisch. Polt griff prüfend zu. „Die sind aber von gestern.“

„Darum müssen s’ ja weg. Eintunken, dann sind s’ butterweich. Also, was ist los mit Ihnen?“

„Vater werd ich! Die Karin Walter …“

„Wer sonst?“ Jetzt erst begriff Frau Habesam die Tragweite dieser Mitteilung. „Ja, sind Sie denn noch zu retten? In Ihrem Alter! Und unsere verehrte Lehrerin ist auch grad kein junges Mädchen mehr. Außerdem stimmt die Reihenfolge nicht. Als ob das so schwer zum Merken wär: erstens heiraten, zweitens Kinder machen. Andererseits: Der Simon Polt als Ehemann und Familienvater …, also ich weiß nicht …“

Polt schaute verblüfft auf. „Heiraten! Über alles Mögliche haben wir gestern geredet, die Karin und ich, nur nicht darüber.“

„Dann wird’s Zeit. Alles muss seine Ordnung haben vor Gott und der Welt, irgendwie halt. Der Meinige war ja auch nicht grad ein Haupttreffer. Kein Wunder, hat ja bei uns nichts G’scheites gegeben in den Sechzigern. Aber es war auszuhalten mit dem Ferdl. Nur wenn er was getrunken hat, ist er frech geworden. Stellen Sie sich vor, Herr Polt, sagt der Lackel spät abends im Wirtshaus zu mir: ‚Wennst ein Esel wärst, Loisi, könnt ich jetzt auf dir heimreiten.‘ Darauf ich: ‚Der Esel bist selber und reiten kannst nicht.‘ “

„Frau Habesam!“

„Tun S’ nicht so unschuldig, Herr Kindesvater. Werd ich also auch noch Trauzeugin auf meine alten Tage!“

„Danke fürs Angebot …“

„Das war eine Feststellung. Ja, und noch was. Ich bin für dich ab sofort die Aloisia. Verstanden?“

„Ja …, also das freut mich …, äh … Aloisia.“

„Frau Aloisia, wenn ich bitten darf. Und jetzt nimmst den Besen und kehrst auf. Ein reines Herz und ein sauberer Fußboden gehören zusammen, sag ich immer.“

„Ja, Frau Aloisia.“

Früher als sonst endete Polts Arbeitstag im Kaufhaus. Frau Habesam stellte fest, dass ohnehin nichts Rechtes mit ihm anzufangen sei, und entließ ihn mit einem Klaps auf den Hintern. „Nichts für ungut, Simon“, hatte sie feixend angemerkt, „ich hätt dir ja gern auf die Schulter geklopft, aber der verdammte Rollstuhl …“

Karin Walter hatte an diesem Tag viel Arbeit und wollte ungestört sein. Polt blieb also Zeit. Zeit für sich.

Noch immer war ihm irgendwie feierlich zu Mute. Und dann dieser Geruch in der kühlen, feuchten Luft … Ein wenig Rauch, in den Häusern wurde ja noch geheizt, aber da war auch nasse Erde drin und frisches Gras, Frühling, na klar. Ob der Nussbaum vor seinem Presshaus in der Burgheimer Kellergasse schon aufgewacht war, mit winzigen Blattspitzen an den kahlen Zweigen? Ein guter Grund jedenfalls, Nachschau zu halten, vielleicht Wein aus dem Keller zu holen und im Presshaus eine kleine Feierstunde zu begehen, eine, die nur dem werdenden Vater Polt gehörte. Natürlich würde er Karin Walter in seine Gedanken einpacken, ganz fest auch noch. Schade, dass sie ihn nicht begleiten konnte, aber Polt kam auch ganz gut mit sich allein zurecht, sehr gut eigentlich, er hatte ja viele Jahre Übung darin. Die Rückkehr ins Dorf durfte warten. Für die Ernährung seines gefräßigen Katers Czernohorsky war gesorgt, das Ehepaar Höllenbauer, in dessen Hof Simon Polt das Ausgedinge bewohnte, war verreist – eine Exkursion ins Weststeirische Weinland –, und die drei Töchter, längst recht eindrucksvoll ins Kraut geschossen, waren zu ihrer unverhohlenen Freude bei Freundinnen untergekommen.

Eine ungemessene Spanne Zeit verbrachte Polt in seinem Presshaus, sah vor der geöffneten Tür den Tag sachte vergehen, das Grau dunkel und dann schwarz werden, fühlte sich geborgen in der beginnenden Nacht und war froh darüber, dass es hier nur Kerzenlicht gab und nicht diese aufdringliche, alles entblößende Helligkeit. Er war eben ein altmodischer Mensch, so wie er auch ein altmodischer Gendarm gewesen war, ganz gerne zwischendurch, oft genug aber in kaum erträglichem Widerspruch zwischen dem, was er verpflichtet war zu tun, und dem, was er glaubte, tun zu müssen. Das war gottlob vorbei. Mit der neuen Dienststelle in Breitenfeld suchte er keinen Kontakt. Seine Kollegen von damals waren aus irgendwelchen Gründen, die Polt nicht nachvollziehen konnte oder wollte, versetzt worden. Eine Ausnahme gab es allerdings, Norbert Sailer. Als er ganz jung in die Burgheimer Dienststelle gekommen war, hatten ihn die älteren, erfahrenen Kollegen nicht weiter beachtet. Doch in den folgenden Jahren erwies sich Sailer als sehr respektabler Gendarm, viel besser und moderner ausgebildet als die Generation vor ihm, aber bodenständig geblieben, mitten im Leben, mit feinem Gespür für die Menschen im Wiesbachtal. Das lag natürlich nicht zuletzt daran, dass er hier in Burgheim zu Hause war und Weinbauer im Nebenberuf. Darum hatte Sailer alles darangesetzt, auch als Polizist in der Gegend zu bleiben. Polt war längst mit ihm und seiner Frau befreundet. Davon abgesehen hatte er schon recht früh erkannt, dass Sailer ein Ordnungshüter nach seinem Geschmack war, mehr noch, einer, den er neidlos bewunderte.

Polt dachte an einen Herbsttag irgendwann Mitte der Neunzigerjahre, Föhnwetter, ein grellblauer Himmel mit pastellfarbenen Wolkenfetzen, unwirklich hell die Landschaft darunter. Er und Sailer waren mit Blaulicht zum Hof des Klaus Gantenberger unterwegs gewesen. Eines seiner Kinder hatte in panischer Angst angerufen, der Vater drehe durch, mit dem Gewehr in der Hand. „Nicht das erste Mal“, hatte Polt gesagt und Halt gesucht, weil Sailer den biederen Dienstwagen gekonnt durch eine Kurve driften ließ, „am Anfang spielt er den Bruder Lustig im Presshaus, dann packt ihn der Leichtsinn und zu Hause die Wut.“ Sailer nickte. „Und dann ist er unberechenbar und gefährlich.“ Er bremste. „Lass mich voran, Simon.“ Er öffnete leise das Hoftor, warf einen Blick in die leere Küche und fand dann Klaus Gantenberger im Schlafzimmer mit dem Gewehr im Anschlag vor. Die Kinder im Ehebett unter der Steppdecke, als wäre das irgendein Schutz, und davor Frau Gantenberger, seltsam ruhig, die Augen wie Löcher im weißen Gesicht.

Sailer zog unglaublich rasch seine Dienstwaffe und zerschoss rechter Hand einen Spiegel. Gantenberger fuhr herum, ließ verwirrt das Gewehr sinken, hob es aber gleich wieder. Sailer grinste. „Manchmal springt einem das Schießzeug nur so in die Hand, nicht wahr? Erst macht er dich lustig, der Rausch, dann allmächtig, dann ohnmächtig. Und wenn du einmal so weit bist, müssen die Schwachen herhalten, um dich stark zu machen. Hab ich recht? Na? Schieß doch auf mich, Arschloch, feiges.“ Mit einer raschen Bewegung nahm Sailer dem Gantenberger das Gewehr aus der Hand. „Komm mit mir. Du brauchst endlich Hilfe, sonst zielst am Schluss noch auf dich selbst. Und du, Simon, bleib bei der Familie. Red mit ihr. Das kannst du besser.“

Ein paar Wochen später kehrte Klaus Gantenberger ganz friedlich in sein Haus zurück, klaubte ein paar Äpfel auf, legte sie ordentlich in einen Korb, stieg hinauf in den Dachboden und erhängte sich.

Polt.

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