Читать книгу Polt. - Alfred Komarek - Страница 6
Abendruh
ОглавлениеPolt wischte die alten Bilder in die Nacht, wartete, bis die Kerze von selbst erlosch, und saß noch eine Weile im Dunkeln. Er trank den Rest Wein im Glas, verschloss die halbleere Flasche und klemmte sie auf den Gepäckträger seines Fahrrades. Dann rollte er langsam talwärts.
Er war allein in der Kellergasse. Noch vor einigen Jahren, gar nicht lange her, standen hier im Frühjahr bis spät in die Nacht hinein viele Presshaustüren offen, weil es galt, gemeinsam den jungen Wein zu verkosten, ihn zu beurteilen, sich Ratschläge zu holen. Und natürlich konnte sich daraus auch eine behäbige Sauferei ergeben, ein Ritual von sanfter Zügellosigkeit. Gestritten oder gerauft wurde in den Kellern so gut wie nie, das passte nicht zur erdigen Würde dieser unterirdischen Schatzkammern. Doch Jahr für Jahr war es stiller geworden in der Kellergasse. Viele Weinbauern – der Höllenbauer übrigens auch – wollten sich nicht mehr der Natur ihrer Keller und Holzfässer ausliefern und setzten auf kontrollierten Ausbau im Stahltank. Das mochte den neuesten Erkenntnissen entsprechen, doch für Polt schwand ein dunkles Zauberreich dahin.
Noch weniger konnte er jene Bauern verstehen, die sich neuerdings dafür genierten, mit Kunden und Freunden den Wein im Presshaus oder im Keller zu verkosten. Einer, der Zöbinger Willi, hatte sich sogar einen Architekten geholt, der dann mit Beton, Glas und Chrom eine Art Schneise ins alte Bauernhaus schlug, ein önologisches Erlebnis-Labor sozusagen. Das sei modern und hygienisch, hatte der Zöbinger argumentiert. Die Gläser seien doch früher auch sauber gewesen, hatte Polt dagegengehalten, und heute Modernes sei morgen unmodern, während die Kellergasse seit über zweihundert Jahren sehr überzeugend Nützlichkeit und Genuss verband. Aber die langen Reihen der schlichten, weiß gekalkten Gebäude erinnerten auch an ein armes, ja armseliges Leben, in dem noch bis in die jüngste Vergangenheit die Herrschaft, die Kirche, die Großgrundbesitzer das Sagen hatten. Kein Wunder, dass etwas Neues hermusste, wenn man es sich endlich leisten konnte, und sei es auf Kredit.
Auf halbem Weg sah Polt dann doch einen Menschen. Ein sehr alter Mann, dürr und kleinwüchsig, trat aus einem der Presshäuser, hantierte umständlich an der Tür, wandte sich zum Gehen und verharrte, als er Geräusche hörte. Polt erkannte Hans Hornung. Letztes Jahr im September war er neunzig geworden. Es hatte eine große Geburtstagsfeier gegeben mit Kindern, Enkeln und Urenkeln. Der Pfarrer kam und brachte eine Flasche Messwein mit, und der Bürgermeister stellte sogar einen opulent gefüllten Geschenkkorb auf den Tisch. Das nächste Mal würde Hans Hornung wohl erst wieder bei seinem Begräbnis öffentliches Aufsehen erregen. Polt bremste, grüßte. „Wir zwei bringen Leben in die Kellergasse. Nicht wahr, Hans?“
Der Alte hob müde den Kopf. „Zum Leben langt’s nicht mehr, Simon. Aber das Sterben freut mich auch nicht, so lang ich noch jeden Tag in den Keller kann. Alles schon auf die Jungen geschrieben, aber sie lassen mich halt gewähren. Hast Dienst morgen?“
„Ich bin schon lang kein Gendarm mehr.“
„Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“
„Siehst! So ein fauler Hund war ich.“ Polt grinste, hob grüßend die Hand und setzte seinen Weg fort. Kein Gendarm mehr …, aber Vater, bald einmal! Schön, wenn er mit jemandem darüber reden könnte, der mehr Verständnis für ihn aufbrachte als diese Krämerseele von Habesam. Und wieder kam ihm Norbert Sailer in den Sinn. Er wohnte mit seiner Birgit ja ganz in der Nähe, dort, wo die Presshäuser der Kellergasse an den Ort Burgheim grenzten.
Polt versuchte es einfach und traf die beiden in der Küche an. Norbert Sailer stand am Herd, seine Frau saß am Tisch und legte das Illustrierte Heimatblatt zur Seite, als sie den Besucher erblickte. „Simon! Herein mit dir! Du kommst grad recht zum Abendessen! Es gibt Kürbiscremesuppe aus der Tiefkühltruhe und dann Weintraubenstrudel – auch aus der Tiefkühltruhe.“
Polt setzte sich zu ihr. „Es kann nur besser werden nach dem Mittagsmenü bei der Frau Habesam, richtig gesagt bei der Frau Aloisia. Neuerdings sind wir sehr vertraut miteinander.“
„Da schau her. Was hat’s denn gegeben?“
„Erbswurstsuppe aus dem Stanniol und Hering in Senfsauce aus der Dose. Seit drei Monaten abgelaufen. Aber ich verdien halt nichts Besseres als Gemischtwarenhandelsgehilfe in Ausbildung. Und du, Norbert? Hab gar nicht gewusst, dass du kochen kannst!“
„Ich kann’s nicht, aber ich tu’s gern.“
„Ah ja. Gilt das auch für deine Mitwirkung im Kirchenchor?“
„Frechdachs. Mein Gesang wird allseits gerühmt, sogar von deiner neuen Freundin Aloisia, die ist ja auch dabei. Aber wenn wir schon bei anrüchigen Nebenbeschäftigungen sind: Wie geht’s dir denn so als Wirt?“
„Ganz gut. Nur die Karin Walter hat keine rechte Freude damit. Wie war doch gleich ihre Red? Wart, ich bring’s schon zusammen: Mit Knaben, gleich welchen Alters, die an der Quelle sitzen, ist es noch nie gut gegangen … Sie hat halt Angst, dass ich zu meinem besten Gast werde.“
„Nicht nur, Simon, nicht nur. Ich kenn das Gedicht nämlich, aus dem sie zitiert. Hat ein gewisser Friedrich Schiller geschrieben. Und ich kenn auch die letzten zwei Zeilen: Platz ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar. Was sagst jetzt?“
„Kein Wort. Oder doch. Es ist nämlich so … Sie bekommt ein Kind von mir, die Karin. Zweiter Monat!“
Norbert Sailer zeigte verblüfft mit dem tropfenden Kochlöffel auf den werdenden Vater. „Noch ein Polt! Als ob nicht einer mehr als genug wär.“
Im Gesicht von Birgit Sailer war die Sonne aufgegangen. „Simon! Ich freu mich so sehr mit euch beiden! Wie geht’s denn der Karin?“
„Sie kann das Wirtshaus nicht mehr riechen und mich nur noch bedingt.“
„Normal. Das legt sich. Aber glücklich seid ihr alle zwei, nicht wahr?“
„Ja, schon. Die Frau Habesam meint, dass es höchste Zeit fürs Heiraten wäre. Mit ihr als Trauzeugin.“
„Ja und was meint die Karin?“
„War noch kein Thema, bisher.“
„Willst du damit sagen, Simon, dass du sie noch nie gefragt hast?“
„Also ich hab immer gedacht, dass sie sich’s ja denken kann.“
„Simon, Simon!“ Birgit Sailer hatte sich weit über den Tisch gebeugt und ergriff Polts Hände. „Ein Kind bringt er zusammen, aber was Wichtiges fragen traut er sich nicht.“
„Ich war lange mit mir allein. Da kommt man aus der Übung bei solchen Sachen.“
Jetzt stellte Norbert Sailer die gefüllten Suppenteller auf den Tisch. „Bring einen wackeren Junggesellen nicht in Verlegenheit, liebe Frau. Jetzt wird erst einmal gegessen. Werdende Väter brauchen Kraft für den Daseinskampf.“
„Und die werdenden Mütter, Norbert?“
„Die auch. Mahlzeit.“
Nach dem Essen hob Polt den Kopf und seufzte. „Also, wie soll ich sagen. Auf der einen Seite ist es ganz einfach: zum Verrücktwerden schön nämlich. Andererseits hab ich Angst davor, alles falsch zu machen, was ein Mann nur falsch machen kann.“ Als er keine Antwort bekam, lächelte er versonnen. „Versteh schon. Meine Blödheiten gehören mir allein. Aber es gibt ja auch weniger komplizierte Neuigkeiten. Einen dritten Beruf hab ich jetzt auch noch: geprüfter und diplomierter Kellergassen-Führer.“
„Alle Achtung!“ Norbert Sailer stand auf, räumte das Geschirr ab und kam zum Tisch zurück. „Reich wirst du damit aber nicht werden, Simon.“
„Muss ja nicht sein. Ich hab mir das so überlegt: Wenn unsere Gäste sich mehr und mehr für die Kellergassen interessieren, weil sie Verständnis dafür haben, werden vielleicht auch die Weinbauern im Wiesbachtal wieder draufkommen, auf welche Schätze sie einfach verzichten.“
„G’scheit ist er, unser Simon. Aber mich brauchst du nicht zu bekehren. Bei mir ist sogar noch die alte Baumpresse in Betrieb.“
„Ja, ich weiß. Kann ich in dein Presshaus hinein, zum Herzeigen?“
„Na klar.“
„Und noch was, ich fang bald an mit den Führungen. Der Weingarten hinter dem Presshaus gehört ja auch dir. Kannst mir bei Gelegenheit erzählen, was sich da so tut, um diese Jahreszeit?“
„Wenig genug, Simon, ist also schnell erledigt. Aber nicht hier in der Küche. Magst gleich mit mir hinauskommen?“
„Es ist stockfinster.“
„Es gibt Taschenlampen. Und ich war heute noch nicht an der frischen Luft.“
„Ja dann!“
„So, da sind wir. Bleiben wir auf dem Güterweg, der Boden im Weingarten wird ziemlich tief sein nach dem Regen.“ Norbert Sailer atmete durch. „Dich hat der Himmel geschickt, Simon! Ich wär doch glatt vor dem Fernseher verkommen. Hier leb ich auf. Macht viel Arbeit, meine kleine Wirtschaft, aber sie zeigt mir, dass es nicht nur ein Leben als Polizist gibt. Ohne Weingarten, ohne Presshaus und Keller als tröstliche Gegenwelt hätte ich längst resigniert und die Uniform hingeschmissen.“
Polt schaute ihn erstaunt an. „Du auch?“
„Ja, klar. Da gibt’s jede Menge Bosheit unter den Leuten, Hass, Neid, Gewalt, aber auch Wut und Verzweiflung, Stumpfsinn, Irrsinn, pervertierte Liebe, was weiß ich. Und dieses Höllengebräu gärt unter der schönen, ruhigen Oberfläche. Nur ab und zu reißt ein Loch auf und es passiert was. Wir dürfen dann den Dreck wegräumen, Simon, und dem Gericht sauber sortiert vorlegen. Und zwischendurch ist es fad und banal. Ach was. Da, schau her: Die Reben haben um diese Zeit noch nicht ausgetrieben. Aber du kannst auf den Rebschnitt hinweisen: Qualität oder Masse, das ist die Frage. Dreimal darfst du raten, wofür ich mich entschieden habe. Und dann wirfst du einen Kennerblick auf die Dicke der Stämme und verkündest, dass die hier sieben Jahre alt sind. Ja, und noch was: könnte natürlich sein, dass es Frostschäden gibt. Das sieht man so nicht.“ Sailer zückte ein Taschenmesser. „Zeit für einen scharfen Schnitt ins Auge, Simon. Klingt grausam, aber so nennt man die Stelle, von wo aus der Stock bald einmal antreiben soll. Erledigt! Schau her: schön grün innen! Braun wär ganz schlecht gewesen. So, das war’s, zurück ins traute Heim!“
Sailer ließ das Licht der Taschenlampe beiläufig über die Reben gleiten. Dann stutzte er. „Moment noch, Simon. Da hinten ist was, das nicht hierher gehört.“ Mit raschen Schritten ging er in den Weingarten. Polt folgte ihm zögernd. Dann blieb Norbert Sailer so plötzlich stehen, dass Polt gegen den Rücken seines Freundes stieß. „Keinen Schritt weiter! Da liegt einer. Tot, kann fast nicht anders sein. Und da ist verdammt viel Blut.“