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Freunde

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Polt stand erschrocken da und fühlte sich in eine Vergangenheit zurückgestoßen, mit der er nichts mehr zu tun haben wollte. Verwundert beobachtete er, wie exakt und scheinbar ruhig Norbert Sailer reagierte. Als er keinerlei Anzeichen von Leben feststellen konnte, richtete er sich auf, griff zum Handy und informierte seine Dienststelle über den Leichenfund. Dann ging er langsam auf Simon Polt zu. „Bleib bitte, wo du bist. Wir zwei haben wahrscheinlich schon Spuren zerstört, als wir hierhergekommen sind. Aber das konnte ja keiner ahnen. An die zwanzig, dreißig Minuten wird es schon dauern, bis die Tatortgruppe da ist. Halten wir eben Totenwache.“

Norbert Sailers Gesicht war für Polt im Halbdunkel nur undeutlich zu sehen. Doch er glaubte einen Ausdruck wiederzuerkennen, der ihm von früher her vertraut war. Wenn’s gefährlich wurde, sperrte sein Freund die Gefühle weg, handelte nicht feig, nicht mutig, nicht im Zorn und nicht aus Mitleid, sondern einfach angemessen und zielführend – bis alles vorbei war und er wieder ein Mensch sein durfte, nicht nur Polizist. „Der Tote liegt schon länger da, Simon. Mehr als 48 Stunden jedenfalls. Die Haut hat einen fahlen, grünlichen Ton, das kommt von bestimmten Bakterien. Und er wäre nicht so bald gefunden worden, wenn nicht wir zwei … Ist ja fast nichts zu tun im Weingarten, derzeit.“ Sailer strich mit der Hand über einen Rebstock. Dann wandte er sich plötzlich ab. Er schwieg lange, und als er weiterredete, war seine Stimme leiser geworden. „Ich Idiot hab immer geglaubt, der Polizist und der Weinbauer hätten nichts miteinander zu tun. Aber es gibt immer wieder eine Lektion zu lernen. Und die hier ist deutlich. Der Kriminalfall, wenn’s überhaupt einer ist, wird irgendwann aufgeklärt sein, oder auch nicht. Mehr oder weniger Routine. Aber der Weingarten da – verdreckt, Simon, für immer verdreckt.“ Ein kaum merkliches Schulterzucken. „Gut, ich nehm’s zur Kenntnis. Aber muss dieser Mensch ausgerechnet hier sterben?“ Sailer richtete den Strahl der Taschenlampe auf den Toten. „Wegschauen bringt nichts, Simon.“

Widerwillig nahm Polt das Bild in sich auf. Zwischen den Rebstöcken lag halb sitzend, in sich zusammengesunken, der Körper eines Mannes, der um die vierzig sein mochte. Keiner von hier jedenfalls: Leute, die so gekleidet waren, kannte Polt nur aus der Zeitung. Das dunkelblonde Haar war halblang geschnitten, das Gesicht wirkte weich, irgendwie knabenhaft. „Schaut nicht so drein, als ob er leiden hätte müssen, wie?“

Norbert Sailer gab einen Laut von sich, der vielleicht ein kleines Lachen war. „Das im Tod zur Maske gefrorene Grauen gibt’s nur in Kriminalromanen. Die Gesichtszüge erschlaffen nach dem Sterben. Übrigens ist die linke Pulsader aufgeschnitten worden, und eine scharfkantige, grüne Glasscherbe hab ich auch liegen gesehen – könnte von einer Weinflasche stammen.“

„Also Selbstmord?“

„Nur kein vorschnelles Urteil. Hast du den Mann schon einmal gesehen, Simon?“

„Nein. Du vielleicht?“

„Wenn ich das wüsste …, ich vergesse kaum je ein Gesicht und dieses hier …, irgendetwas löst es in mir aus. Konkret kann ich aber nichts dazu sagen.“

„Und wie soll es jetzt weitergehen?“

„In der Ermittlungsarbeit so wie immer, da weißt du ja Bescheid, Simon. Hat sich wenig geändert, seit deiner Zeit. Komplizierter ist alles geworden, Intuition und Menschenkenntnis sind nicht mehr so gefragt. Und privat werd ich der Birgit beibringen müssen, dass sie mit einem Mordverdächtigen zusammenlebt.“

„Mach keine blöden Witze!“

„Ich mein’s ernst und es beunruhigt mich nicht. So ist das eben am Anfang einer Ermittlung. Und du kannst deiner Karin morgen was Spannendes berichten.“

„Schauergeschichten sind wahrscheinlich das Letzte, was sie derzeit von mir hören will. Sag einmal, kannst nicht die Taschenlampe ausschalten?“

„Und was der Simon nicht sieht, das gibt es nicht. Bist du eigentlich je erwachsen geworden? Die Taschenlampe bleibt eingeschaltet, damit uns die Kollegen schneller finden. Aber ich leuchte dir zuliebe woanders hin. Da, der Baum! Weingartenpfirsiche. Schmecken wie die saftigste Sünde. Gibt’s fast nur noch bei mir. Irgendwie sind wir beide von gestern. Ich als Weinbauer, du in jeder Hinsicht.“

„Sollst recht haben, Norbert.“

Die Männer schwiegen. Polt spürte kühle Feuchtigkeit auf der Haut, obwohl es schon gegen Mittag aufgehört hatte zu regnen. Er hob den Kopf. Die Wolkendecke war aufgerissen und ließ Platz für eine dünne Mondsichel und ein paar Sterne. Polt fragte sich, welcher Teufel ihn an der Hand genommen und hierhergeführt hatte. Und dazu noch dieses verdammte Warten. Er schaute talwärts, sah die Lichter von Burgheim und Brunndorf, ein paar Autos waren unterwegs, und da, endlich, ein blaues Blinken. „Sie kommen, Norbert!“

„Ja, dann!“

Bald näherten sich die Männer und Frauen der Tatortgruppe. Sailer neigte den Kopf zu Polt. „Bastian Priml leitet den Einsatz. Bezirksinspektor. Tüchtiger als er ausschaut.“

„Guten Abend, die Herren! Die Leiche?“, rief Priml vom Güterweg her.

Norbert Sailer richtete den Lichtstrahl der Taschenlampe darauf.

„Welchen Weg haben Sie durch den Weingarten genommen?“

„Vom Güterweg aus, ungefähr, wo Sie jetzt stehen, hier her.“

„Dann markieren Sie bitte auf geeignete Weise die Stelle, an der Sie sich jetzt befinden, und folgen dem Weg, den Sie gegangen sind, zu mir.“

Sailer und Polt taten wie geheißen und standen dann vor Priml: ein kleiner, altersloser Mann, Hornbrille, Gel im schwarzen, glatt zurückgekämmten Haar. „Den Weingarten bis zur Leiche hin und so weit wie möglich darüber hinaus ausleuchten, bitte!“ Er orientierte sich mit raschen Blicken. „Sie haben den Toten entdeckt, nicht wahr, Herr Kollege?“

„Ja, erst mit der Taschenlampe vom Güterweg her – da war’s noch ein merkwürdiger Farbfleck im Weingarten.“

„Keine Romane bitte, wir reden nachher. Als Sie erkannt haben, dass da jemand liegt …“

„... habe ich den Simon …“

„Wen?“

„Meinen Begleiter aufgefordert stehenzubleiben und bin zum Fundort gegangen.“

„Welche Strecke? So exakt wie möglich bitte.“

„Von dem markierten Platz aus in gerader Linie.“

„Sie haben die Leiche berührt?“

„Ja, um den Puls zu fühlen.“

„Und dann?“

„Sie genauer betrachtet. Die Verfärbung der Haut …“

„Geschenkt. Keine weitere Berührung mehr? Keine Veränderung der Lage?“

„Nein.“

„Und anschließend?“

„Ich bin zum nunmehr markierten Platz zurück, und zwar so gut es ging in meinen eigenen Fußstapfen.“

„Ja, ja. Gehen Sie und Ihr Begleiter zur Kellergasse und warten Sie dort auf mich. Ich muss hier meine Anordnungen treffen und bin dann gleich bei Ihnen.“

Simon Polt warf im Gehen einen Blick zurück in den taghell erleuchteten Weingarten. „So ein Theater!“

„Muss sein. Die Beweissicherung wird immer wichtiger. Und wir zwei könnten dabei nur stören.“

„Dieser Priml …, was ist der für einer?“

„Schwer zu sagen. Er war in Wien ein paar Jahre lang recht erfolgreich unterwegs und hat sich dann zu uns aufs Land versetzen lassen, kann sein, um hier einen noch längeren Schatten zu werfen. Aber ich weiß nicht, ob das die richtige Taktik war. Er tut sich schwer mit den Leuten, und der richtige Stallgeruch gehört eben auch dazu. Vielleicht lernt er es noch, klug ist er ja.“

Die beiden Männer warteten schweigend, bis Priml auf sie zu trat. „So, meine Herren! Nun zu Ihnen. Ist das Ihr Presshaus, Herr Kollege?“

„Ja.“

„Dann lassen Sie uns hineingehen, Licht kann nie schaden.“

„Tut mir leid, ich hab den Schlüssel nicht bei mir.“

„Eigenartig. Ein Weinbauer begibt sich des Abends in die Kellergasse und nimmt den Presshausschlüssel nicht mit.“

„Wie schon am Telefon gesagt: Ich wollte nur mit meinem Freund ganz kurz in den Weingarten. Soll ich den Schlüssel holen? Dauert gerade ein paar Minuten.“

„In denen Sie sich mit Ihrer Frau absprechen können.“

„Warum sollte ich?“

„Ja, warum? Nehmen wir eben mit dieser Straßenleuchte vorlieb.“

Priml schaltete ein Diktafon ein und klappte sein Notizbuch auf. „Ihre Personalien sind bekannt, Herr Kollege. Und Sie?“ Er schaute Polt fragend ins Gesicht.

„Simon Polt.“

„Lange Jahre Gendarm hier im Wiesbachtal gewesen! Ein geradezu legendärer Gendarm“, ergänzte Sailer.

„Darum ist er jetzt wohl keiner mehr? Doch darüber können wir auch später reden. Also weiter im Text. Adresse? Beruf? Geburtsjahr? Familienstand?“

Als Priml die gewünschten Informationen notiert hatte, wandte er sich wieder Norbert Sailer zu. „Jetzt möchte ich eines wissen: Was treibt Sie bei diesem ungemütlichen Wetter und auch noch in der Dunkelheit aus der behaglichen Wohnküche in den morastigen Weingarten?“

Sailer erzählte, Polt nickte bestätigend.

„Ich will Ihnen ja nicht nähertreten, Herr Kollege. Aber Sie sind schließlich auch Polizist. Kommt Ihnen diese … äh … Erklärung nicht ein wenig konstruiert vor?“

„Ich wollte einfach an die frische Luft. Und bei dieser Gelegenheit …“

„Gut. Kein Wort mehr darüber. Oder doch: Hatten Sie oder Ihre Frau keine Bedenken, dass Sie sich ohne zwingenden Grund im nassen Weingartenboden die Schuhe über und über schmutzig machen würden?“

„Darum sind wir ja auch am Rand geblieben, auf dem Güterweg.“

„Bis Sie dann aus einer plötzlichen Eingebung heraus mit Ihrer Taschenlampe den Weingarten abgesucht haben?“

„Nicht abgesucht. Nur im Weggehen schnell noch einen Blick darauf geworfen. Das tu ich eigentlich immer, alte Gewohnheit, auch bei anderen Weinbauern übrigens.“

„Und dieser … Farbklecks hat Sie dann so fasziniert, Herr Kollege, dass Sie …“

„Ja, von da an war dann der Polizist stärker als irgendwelche Bedenken.“

„Und Sie, Herr Polt, sind einfach hinterher. Was oder wer war denn da in Ihnen stärker?“

„Weiß nicht.“

„Und es könnte nicht so sein, dass Sie, Herr Kollege, oder Sie beide erwartet, befürchtet, geahnt haben könnten, was Sie bald darauf erblickten?“

Norbert Sailer lächelte andeutungsweise. „Nein. Es könnte nicht so sein, und es war nicht so.“

Jetzt lächelte auch Priml. „Nichts für ungut, meine Herren. Ich stelle einfach Fragen, die sich mir aufdrängen. Darf ich Sie bei Gelegenheit zu einem Gespräch in die Dienststelle bitten, Herr Polt? Man wird sich mit Ihnen zeitgerecht in Verbindung setzen.“

„Und warum reden wir nicht gleich?“

„Sie sollten die Art meines Vorgehens doch besser mir überlassen. Für heute ist Ihre Anwesenheit nicht mehr erforderlich. Haben Sie Dank, Herr Polt, und auf Wiedersehen!“

Polt.

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