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Wir alle haben einen Schaden
ОглавлениеAn jeder Schule gibt es die verschiedensten Schüler und Schülerinnen. Das ist an unserem Gymnasium nicht anders. Es gibt die Guten und die Schlechten. Es gibt Draufgänger und die Ruhigen. Es gibt die Sportlichen und die Unsportlichen.
Nele ist da keine Ausnahme. Nele achtet auf ihr Äußeres. Es ist nicht so, dass Nele stundenlang vor dem Spiegel steht und mit MakeUp ihr Gesicht bestreicht. Es ist auch nicht so, dass Nele stundenlang an ihren Haaren herumdoktert. Nele steht eher auf der Waage.
Im Unterricht oder in den Pausen fällt uns das nicht auf. Was uns auffällt, ist, dass Nele kaum etwas isst. Wenn Nele einmal ein Stück Schokolade ist, dann notiert sie es sich in ihrem Buch. In ihrem Buch notiert Nele sich alles, was sie isst. Dort steht nicht nur drin, was Nele wann gegessen hat. Nele erwähnt auch die Kalorien, die sie zu sich genommen hat.
Das fanden wir Lehrkräfte merkwürdig. Hätte Stefan es nicht gesehen und nachgefragt, wir wüssten noch heute davon nichts. Stefan fragte Nele, warum sie dies tue. Kalorien sind doch nicht so wichtig. Essen sollte schmecken. Das verstand Nele nur ein bisschen.
Nele liebte weiße Schokolade. Zu viel konnte sie davon aber nicht essen. Stefan fragte warum. Jegliche Kalorien würden sich auf die Hüfte setzen. Auf der Hüfte wollte Nele aber nichts haben. Nele fand sich schon jetzt etwas zu dick.
Das konnte Stefan nicht sehen. Nele war nicht dick. In der Klasse gab es dickere Mädchen, aber selbst sie waren nicht dick. Wenn Stefan Nele so genau anschaute, musste er erkennen, dass Nele in der Klasse die Dünnste war. Stefan konnte teilweise schon die Knochen sehen. Das konnte doch nicht normal sein, oder?
Nele störte es nicht. Sie wollte ihrem Ideal näher kommen. Ihrem Ideal? Stefan wollte das Ideal kennenlernen. Nele zeigte Stefan ein Bild. Auf dem Bild konnte Stefan eine Frau erkennen, die klein und dünn war. Nele erzählte, dass diese Frau nur siebenunddreißig Kilogramm wog. So viel wollte Nele auch wiegen. Allerdings war diese Frau auch nur zirka anderthalb Meter groß. Nele war mindestens einen Meter siebzig groß.
Nele konnte nicht so leicht werden, wie diese Frau es war. Schon diese Frau war untergewichtig. Das sah nicht mehr schön aus. Wie konnte Nele nur diese Frau schön finden? Wir alle haben einen kleinen Schaden, der Schaden bei Nele schien aber etwas größer zu sein.
Stefan musste etwas dagegen tun. Als Nele mal wieder bei ihm Unterricht hatte, fragte er die Mädchen in der Klasse, ob sie sich zu dick fanden. Die meisten Mädchen bejahten es. Stefan wollte wissen warum. Alle Mädchen zeigten Stefan Bilder, wo die Frauen dünn waren. Alle Mädchen träumten davon, so dünn zu sein. Doch waren diese Frauen wirklich so dünn oder war das nur eine Mogelpackung?
Stefan kannte von Freunden die Werbebranche. In der Werbebranche wurde oft getrickst. Stefan erfuhr von Freunden, dass Bilder von Frauen schon oft manipuliert wurden. Die Beine wurden am Computer länger gemacht. Rundungen der Frauen wurden wegretouchiert. Die Wahrheit zeigten die Bilder nicht.
Stefan machte sich auf die Suche nach dieser Frau, die Nele ihm gezeigt hatte. Nach einer längeren Suche fand Stefan sie. Die Frau wohnte in der Stadt. Als Stefan sie aufsuchte und sah, war Stefan überrascht. Die Frau war noch immer klein. So dünn, wie auf dem Bild war sie aber nicht mehr. Stefan erfuhr von der Frau, dass sie einmal Model war. Es ging um jedes Gramm. Die Frau aß nur selten etwas. Irgendwann brach sie zusammen. Die Zusammenbrüche wiederholten sich. Die Ärzte rieten ihr, mit dem Modeln aufzuhören. Irgendwann würde der Körper es nicht mehr mitmachen. Sie könnte sterben. Das wollte die Frau nicht. Sie krempelte ihr Leben um. Sie achtete nicht mehr auf jedes Gramm. Sie aß, wenn sie Hunger hatte. Ob ihre Umwelt sie zu dick fand, interessierte die Frau nicht mehr.
Stefan erzählte der Frau von Nele. Die Frau erklärte sich bereit, mit in die Schule zu kommen. Am nächsten Tag trafen die Frau, Nele und die anderen Schülerinnen aufeinander. Nele war überrascht. Auf den Bildern sah die Frau doch viel dünner aus.
Die Frau erzählte von ihrem Leben. Sie erzählte von ihren Zusammenbrüchen. Sie riet Nele und den anderen Schülerinnen, mit dem Magerwahn aufzuhören. Wir rennen zwar Alle Idealen hinterher, doch das Leben führen wir, nicht unsere Ideale. Wenn wir unser Leben aufs Spiel setzen, sterben wir, nicht unsere Ideale.
Nele und die anderen Schülerinnen verstanden. Nele hörte auf, die Kalorien zu zählen. Nele wollte nicht mehr so dünn sein wie die Frau früher. Nele wollte nicht nur aus Haut und Knochen bestehen. Nele begann wieder mehr zu essen. Einmal in der Woche verschlang Nele auch eine ganze Tafel weiße Schokolade. Wohl bekomms!