Читать книгу Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat, Band 1 - Augustinus von Hippo - Страница 6
2. Buch
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1. Die Pflicht des Disputierens hat auch ihre Grenze.
Wenn die Menschen ihre in langer Gewöhnung matt und krank gewordene Gesinnung, statt sie unverfroren der Vernunftmäßigkeit der offenkundigen Wahrheit widerstreben zu lassen, heilender Lehre wie einem Arzneimittel anvertrauen wollten, bis sie mit Gottes Hilfe und durch die Kraft eines frommen Glaubens geheilt würde, dann brauchten die, die das Richtige haben und ihre Meinungen hinreichend klar zum Ausdruck bringen, zur Widerlegung jeglichen Irrtums haltloser Meinung nicht viel Worte zu machen. So aber, weil diese Unverständigen schwerer und bösartiger kranken und ihre unvernünftigen Regungen auch nach erschöpfender Beweisführung, wie sie nur immer ein Mensch seinem Mitmenschen schuldet, als ausbündige Vernunft und Wahrheit verteidigen, sei es in übergroßer Blindheit, die selbst das offen daliegende nicht sieht, oder in verstockter Hartnäckigkeit, die sich auch gegen das sperrt, was sie sieht, so ergibt sich in der Regel die Notwendigkeit, klare Dinge in aller Ausführlichkeit zu sagen, als wollten wir sie nicht etwa Sehenden zum Anschauen, sondern gleichsam Tastenden, die die Augen zudrücken, zum Berühren darbieten. Und dennoch, wenn wir immer wieder auf Gegenrede antworten wollten, wann kämen wir da mit dem Streiten zu Ende und fänden für unsere Ausführungen ein Ziel? Denn die, welche das Vorgebrachte nicht verstehen oder in der Widerspenstigkeit ihres Sinnes so hartnäckig sind, daß sie sich gegen ihre bessere Einsicht verschließen, die erwidern, wie geschrieben steht[78] , und „sprechen ungerechte Rede“ und sind unermüdlich in haltlosen Meinungen. Es ist leicht einzusehen, eine wie endlose, mühevolle und unfruchtbare Aufgabe es wäre, wollten wir ihre Einwendungen jedesmal widerlegen, so oft sie mit trotziger Stirn, nur um unsern Ausführungen zu widersprechen, irgendetwas vorbringen, unbekümmert darum, was sie sprechen. Daher sollst du, mein Sohn Marcellin, und sollen die andern, denen diese unsere Arbeit zu ersprießlichem und reichlichem Gebrauche dienen will, meine Schriften nicht danach beurteilen, ob sie jedesmal eine Erwiderung haben auf das, was ihr etwa dagegen einwenden hört, damit ihr nicht jenen „Weiblein“ gleichet, „die immer lernen und nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen können“[79] .
2. Rückblick auf den Inhalt des ersten Buches.
Als ich mich im vorhergehenden Buche anschickte, über den Gottesstaat zu handeln, wovon mit Gottes Beistand dieses ganze Werk vorgenommen worden ist, sah ich mich zunächst veranlaßt, denen entgegenzutreten, die die gegenwärtigen Kriege, welche die Welt erschüttern, und vorab die jüngste Zerstörung der Stadt Rom durch die Barbaren der christlichen Religion zuschreiben, durch die sie verhindert werden, mit frevelhaften Opfern den Dämonen zu dienen, während sie vielmehr es Christo zuschreiben sollten, daß ihnen um seines Namens willen gegen Kriegsbrauch und Kriegssitte Barbaren religiöse Stätten von größtem Fassungsvermögen als Freistätten einräumten und an vielen die Gefolgschaft Christi und nicht bloß die wahre, sondern selbst die aus Furcht erheuchelte in der Weise in Ehren hielten, daß sie für unstatthaft erachteten, was ihnen wider Feinde nach dem Kriegsrecht gestattet gewesen wäre. Von da ging die Untersuchung zu der Frage über, warum solcher Wohltaten Gottes auch Gottlose und Undankbare teilhaft wurden und warum auf der andern Seite die Härten feindlichen Auftretens die Frommen gerade so wie die Gottlosen heimgesucht haben. Um diese weit greifende Frage — sie pflegt ja bei sämtlichen Tag für Tag sich erneuernden Gaben Gottes und Heimsuchungen durch Menschen, wie sie sich häufig ganz ohne Unterschied über Gute und Böse ergießen, die Gemüter vielfach zu beschäftigen — zu lösen, soweit es innerhalb des Rahmens dieses Werkes liegt, habe ich mich bei ihr länger aufgehalten, hauptsächlich zum Troste jener heiligen und fromm-keuschen Frauen, an denen vom Feinde Frevel begangen wurden, die ihrer Ehrbarkeit schmerzlich fielen, jedoch die Festigkeit ihrer Keuschheit nicht erschütterten, damit sie nicht des Lebens überdrüssig würden, da sie doch keinen Anlaß haben, eine Schlechtigkeit zu bereuen. Hierauf habe ich einige Worte gegen die gerichtet, welche die schwer heimgesuchten Christen und besonders die Ehre jener entehrten und doch völlig reinen und heiligen Frauen mit der schamlosesten Frechheit verlästern, sie, die längst alle Tugend und Scham abgelegt haben, ganz entartete Epigonen jener Römer, von denen viel Vortreffliches gerühmt und in der Geschichte gefeiert wird, ja das gerade Widerspiel ihres Ruhmes. Denn Rom, gegründet und zur Macht gediehen durch die Mühen der Alten, ist durch sie in seinem Glanze häßlicher gewesen als in seinem Fall; sanken bei seinem Fall die Mauern und Balken dahin, so war aus ihrer Lebensführung aller Halt und Schmuck der Sitten dahingeschwunden, und unheilvoller wütete in ihren Herzen Leidenschaft aller Art als in den Wohnstätten Roms das Feuer. Damit habe ich das erste Buch beschlossen. Im folgenden will ich ausführen, welche Übel diese Stadt seit ihrer Gründung erlitten hat, sowohl sie selbst als auch die ihr unterworfenen Provinzen, was man natürlich alles der christlichen Religion zuschreiben würde, wenn damals schon die Lehre des Evangeliums in voller Freiheit ihr Zeugnis hätte ertönen lassen wider die falschen und trüglichen Götter.
3.Man muß die Geschichte heranziehen, um zu zeigen, welche Übel den Römern zustießen, als sie noch ihre Götter verehrten und bevor sich die christliche Religion ausbreitete.
Doch bedenke, daß ich mich mit diesen Ausführungen noch gegen die Ungebildeten wende, deren Unwissenheit auch das Sprichwort aufkommen ließ: „Es ist Mangel an Regen, Schuld daran sind die Christen“. Denn wer eine höhere Bildung hat und ein Freund der Geschichte ist, weiß sehr gut, wie sich die Sache verhält; aber um die Scharen der Ungebildeten gegen uns zu erbittern, tun sie, als wüßten sie es nicht, und suchen die Menge in der Meinung zu bestärken, daß das Unheil, von dem das Menschengeschlecht in gewissen örtlichen und zeitlichen Zwischenräumen heimgesucht werden muß, um des christlichen Namens willen hereingebrochen sei, der sich zum Nachteil ihrer Götter mit ungeheurem Ruhme und hochgefeiert überallhin ausbreitet. Nun mögen sie mit uns Rückschau halten über die Unglücksfälle, die den römischen Staat so oft und vielfach mitgenommen haben, bevor noch Christus im Fleische kam, bevor sein Name mit solcher Herrlichkeit, an die sie vergeblich ihren Neid hängen, den Völkern bekannt wurde; und dann sollen sie, wenn sie es vermögen, derhalb ihre Götter verteidigen, falls diese zu dem Zweck verehrt werden, daß ihre Verehrer keine solchen Übel erleiden, wie sie, zur Zeit manchen davon unterworfen, uns auf Rechnung zu schreiben für gut finden. Denn warum haben die Götter zugelassen, daß Dinge, wie ich sie erzählen will, ihren Verehrern zustießen, bevor die Verkündigung des Namens Christi sie reizte und ihre Opfer untersagte?
4.Die Verehrer der Götter haben niemals Gebote der Rechtschaffenheit von ihren Göttern erhalten und haben bei deren Kult alle Schändlichkeiten begangen.
Was zunächst die Sitten betrifft, warum wollten die Götter nicht dafür sorgen, daß ihre Verehrer nicht in der größten Sittenlosigkeit lebten? Der wahre Gott hat sich ja mit Recht um die nicht angenommen, die ihn nicht verehrten; aber warum haben jene Götter, von deren Kult abgehalten zu werden sie voll Undank zum Gegenstand des Vorwurfs machen, ihren Verehrern zu einer guten Lebensführung nicht die Beihilfe von Gesetzen angedeihen lassen? Es wäre doch wohl billig gewesen, daß sie sich um die Werke ihrer Verehrer, wie diese um den Dienst der Götter, gekümmert hätten. Man wendet ein, daß man durch den eigenen Willen böse ist. Das stellt natürlich niemand in Abrede. Allein es wäre Sache fürsorglicher Götter gewesen, die Vorschriften eines guten Wandels den sie verehrenden Völkern nicht vorzuenthalten, sondern klar zu verkünden, auch die Sünder durch Propheten aufzusuchen und zu mahnen, öffentlich den Übeltätern mit Strafe zu drohen und für guten Wandel Lohn zu verheißen. Hörte man jemals etwas derart offen und vernehmlich in den Tempeln der Götter verkünden? Auch ich ging ehedem als junger Mann zu den gotteslästerlichen Schaustücken und Spielen, sah die Besessenen, hörte die Musikanten, ergötzte mich an den schändlichen Spielen, die zu Ehren der Götter und Göttinen veranstaltet wurden, zu Ehren der Jungfrau Cälestis[80] und der berecynthischen Göttermutter[81] , vor deren Ruhestätte am Feste ihrer Reinigung von ganz nichtswürdigen Komödianten öffentlich Lieder gesungen wurden, dergleichen zu hören, ich sage nicht: für die Mutter der Götter, sondern für die Mutter eines beliebigen Senators und überhaupt jedes ehrbaren Mannes, ja selbst für die Mutter der Komödianten unanständig wäre. Denn der Achtung der Menschen gegen ihre Eltern ist ein gewisses etwas eigen, das nicht einmal die Schlechtigkeit auszutilgen vermag. Es würden sich also die Komödianten selbst schämen, diese Schändlichkeiten an unzüchtigen Worten und Handlungen zu Hause vor ihren Müttern einzuüben, wie sie sie öffentlich vor der Göttermutter aufführten vor den Augen und Ohren einer dichtgedrängten Zuschauerschaft beiderlei Geschlechtes. Wenn diese, von Neugierde angelockt, es über sich brachte, so zahlreich zu erscheinen, so hätte sie wenigstens, von der Unzucht abgestoßen, beschämt zu verschwinden sich beeilen sollen. Was ist Gotteslästerung, wenn das Gottesdienst, was Besudelung, wenn das Reinigung ist? Und das nannte man „Gänge“, als wenn ein Gastmahl gefeiert würde, bei dem unreinen Dämonen mit ihrem Lieblingsgericht aufgewartet würde. Denn wer fühlte nicht heraus, welcher Art die Geister sind, die sich an solcher Unzucht ergötzen, außer wer etwa nicht weiß, ob es überhaupt unreine Geister gibt, die unter dem Scheine von Göttern Täuschung üben, oder wer ein Leben führt, daß er lieber die Dämonen als den wahren Gott zu gnädigen Herren wünscht und als erzürnte Gegner fürchtet?
5. Die Göttermutter ließ sich von ihren Verehrern mit Abscheulichkeiten ehren.
Keinenfalls diese Leute, die an der Gewohnheit schandbarer Laster, statt ihr entgegenzutreten, vielmehr Gefallen finden, sondern wiederum Nasica Scipio, der als der beste Mann vom Senate bezeichnet wurde, der das Bildnis eben jenes Dämons[82] in Empfang genommen und in die Stadt gebracht hat, möchte ich zum Richter in dieser Sache haben. Er würde uns sagen, ob er wünschte, seine Mutter möchte sich solche Verdienste um den Staat erworben haben, daß ihr göttliche Ehren zuerkannt würden, wie ja bekanntlich die Griechen und die Römer und andere Völker solche manchen Sterblichen zuerkannt haben, deren Verdienste um das Gemeinwesen sie besonders hoch schätzten und die sie der Unsterblichkeit teilhaftig und unter die Zahl der Götter aufgenommen glaubten. Selbstverständlich würde er seiner Mutter womöglich ein solches Glück wünschen. Wenn wir ihn aber weiter fragten, ob er einverstanden wäre, daß an göttlichen Ehren für sie auch solche Schändlichkeiten gefeiert würden, würde er nicht laut dagegen protestieren und versichern, seine Mutter liege ihm lieber ohne alle Empfindung im Grabe, als daß sie als Göttin zu dem Zweck fortlebe, um derlei mit Freuden anzuhören? Es ist undenkbar, daß ein Senator des Römervolkes, der ein solches Zeugnis seiner Gesinnung abgelegt hat, wie es die Verhinderung des Theaterbaues in der Stadt eines männlichen Volkes ist, seine Mutter in der Art verehrt wissen möchte, daß man ihr als Göttin durch Ausdrücke huldigte, die sie als ehrbare Frau verletzen müßten. Um keinen Preis würde er glauben, daß sich die Schamhaftigkeit einer tugendhaften Frau durch das Hinzutreten des göttlichen Charakters so gänzlich ins Gegenteil verkehre, daß ihre Verehrer sie anrufen dürften unter Ehrenbezeugungen, über die für sie bei ihren Lebzeiten, wenn dergleichen als Schmähungen gegen irgend jemand geschleudert worden wären, ihre Angehörigen, ihr Gemahl und ihre Kinder erröten müßten, wenn sie sich nicht die Ohren zuhielte oder davoneilte. Also eine Göttermutter, wie sie selbst der schlechteste Mann nicht zur Mutter haben möchte, verlangte nach dem besten Mann, da sie sich der Herzen der Römer bemächtigen wollte, und verlangte nach ihm, nicht um ihn durch Lehre und Beistand dazu zu machen, sondern um ihn durch Trug zu täuschen, ähnlich wie die, von der geschrieben steht: „Ein Weib fängt der Männer kostbare Seelen“[83] , damit dieser groß veranlagte Geist, durch das scheinbar göttliche Zeugnis geschmeichelt und sich wirklich für den besten haltend, nicht nach der wahren Frömmigkeit und Religion verlange, ohne die jedes, auch noch so preiswürdige Genie in Hochmut verfällt und zugrunde geht. Nur in tückischer Absicht konnte diese Göttin nach dem besten Manne verlangen, da sie ja in ihrem Dienste nach Dingen verlangt, wie sie beste Männer auch nur bei ihren Gastmählern heranzuziehen verabscheuen.
6. Niemals haben die Götter der Heiden eine Lehre über den rechten Wandel gegeben.
Diese böswillige Absicht bestimmte die Götter, sich um die Lebensführung und die Sitten der sie verehrenden Staaten und Völker nicht zu kümmern; sie ließen es vielmehr zu, ohne irgendwie ein abschreckendes Verbot einzulegen, daß ihre Verehrer — nicht etwa an Feldern und Weinbergen, nicht an Haus und Gut, nicht am Leibe, der dem Geiste untergeordnet ist, sondern — gerade am Geiste, dem Gebieter des Leibes, in schauerliche und fluchwürdige Übel versanken und ganz entsittlicht wurden. Man lege doch den Finger darauf, man weise es nach, wenn sie hindernd eingriffen. Nur komme man uns nicht mit dem triumphierenden Hinweis auf ein unkontrollierbares Gesäusel, das einigen wenigen ins Ohr geraunt und als eine Art Geheimreligion anvertraut worden sei, woraus man Rechtschaffenheit und Keuschheit des Wandels lernen könne[84] ; sondern man zeige oder nenne uns die Stätten, die jemals solchen Zusammenkünften geweiht gewesen wären, bei denen nicht Spiele aufgeführt wurden unter unzüchtigen Worten und Gebärden der Schauspieler, auch nicht Fluchtfeste[85] gefeiert wurden unter Freiheit für jede Art von Schändlichkeiten[86] ; sondern Zusammenkünfte, bei denen das Volk zu hören bekam, was für Vorschriften die Götter gaben über die Bändigung der Habsucht, die Bezähmung des Ehrgeizes und die Zügelung der Wollust, bei denen die Unglücklichen lernen konnten, was Persius[87] zu lernen so eindringlich empfiehlt mit den Worten:
„Lernet, ihr Unglücksel'gen, erkennen die Gründe der Dinge,
Was wir sind und wozu wir geboren; in welche Reihen
Wir gestellt; woher und wo das Ende sich schleichend herannaht;
Welches das Maß im Besitz; was recht ist zu wünschen; was hartes
Gold kann nützen; wieviel dem Vaterlande, wieviel auch
Teuren Verwandten zu spenden geziemt; wie Gott dich gewollt hat;
Welcher Platz dir im Leben gewiesen ist unter den Menschen.“
Man soll uns sagen, an welchen Stätten derlei Vorschriften lehrender Gottheiten verlesen und von dem sie verehrenden Volk regelmäßig angehört wurden, so wie wir auf hiezu errichtete Kirchen hinweisen können überall, wohin sich die christliche Religion verbreitet hat.
7. Die Erfindungen der Philosophen sind in Ermanglung göttlicher Autorität kraftlos, da weit wirksamer zur Nachfolge reizt, was Götter tun, als was Menschen sagen.
Oder werden sie uns auf die Schulen und Erörterungen der Philosophen hinweisen? Zunächst sind diese nicht römisch, sondern griechisch; oder wenn sie deshalb römisch sein mögen, weil auch Griechenland eine römische Provinz geworden ist, so handelt es sich hier doch nicht um Gebote von Göttern, sondern um Erfindungen von Menschen, die mit allem Scharfsinn auf dem Weg der Spekulation irgendwie zu erforschen suchten, was in der Natur der Dinge verborgen liegt, was auf dem Gebiet der Moral anzustreben und zu meiden ist, was nach den Regeln der Schlußfolgerung in einem notwendigen Zusammenhang steht oder was nicht folgerichtig ist oder auch einen Widerspruch in sich schließt[88] . Manche von ihnen haben wichtige Entdeckungen gemacht, soweit ihnen Gott seine Hilfe lieh; soweit ihnen aber menschliche Beschränktheit hinderlich war, sind sie in die Irre gegangen, vorab weil ihrem Hochmut die göttliche Vorsehung mit Recht widerstand, um auch an ihnen, nur eben im Widerspiel, zu zeigen, daß der Weg der Frömmigkeit von der Demut seinen Ausgang nehme und emporführe, ein Punkt, über den sich, wenn es der Wille Gottes des wahren Herrn ist, später Gelegenheit zur Untersuchung und Erörterung finden wird. Indes, wenn die Philosophen auf etwas gekommen sind, was zur Führung eines rechtschaffenen und zur Erlangung eines glückseligen Lebens hinreichend sein kann, wieviel billiger wäre es dann, ihnen göttliche Ehren zuzuerkennen! Wieviel besser und anständiger wäre es, wenn in einem Tempel Platos dessen Bücher verlesen würden, als daß sich in den Tempeln der Dämonen Priester der Kybele entmannen, Lustknaben sich weihen, Rasende sich verstümmeln, und was sonst noch Grausames und Schandbares oder schandbar Grausames und grausam Schandbares in den Tempeln solcher Götter vor sich zu gehen pflegt! Wieviel wirksamer wäre es, zur Erziehung der Jugend in der Gerechtigkeit Gesetze von Göttern öffentlich zu verlesen als in eitlem Dünkel Gesetze und Einrichtungen der Vorfahren zu rühmen! Denn all die Verehrer solcher Götter sehen, sobald sie, wie Persius[89] sagt, „die in hitziges Gift getränkte“ Lust dahinnimmt, weit mehr auf das, was Jupiter getan, als was Plato gelehrt oder Cato geurteilt hat. So läßt Terenz[90] einen lasterhaften Jüngling ein Wandgemälde erblicken,
„auf dem die Sage vorgestellt,
Wie Jupiter einst goldnen Regen sandt' in den Schoß der Danae“,
und sich auf dieses gewichtige Vorbild zur Beschönigung seiner Ausschweifung berufen, in der er einen Gott nachzuahmen sich brüstet.
„Und welchen Gott“,
fährt er fort;
„Ihn, dessen Donner des Himmels Höh'n und heil'ge Bezirke zittern macht!
Ich, ein Menschlein, sollt's nicht wagen? Ja, ich tat es, und mit Lust.“
8. Die Götter werden durch die Bühnenspiele, in denen ihre Schändlichkeiten öffentlich vorgeführt werden, nicht beleidigt, sondern versöhnt.
Aber diese Dinge werden ja gar nicht im Götterdienste überliefert, sondern in den Fabeln der Dichter. – Ich will nicht behaupten, daß die Mysterien schandbarer seien als die Theaterspiele; aber das behaupte ich – und wer es leugnen wollte, wird von der Geschichte überführt – daß eben die Spiele, zu denen die Fabeleien der Dichter den Stoff bilden, nicht in blindem Eifer von den Römern bei ihrem Götterdienste eingeführt worden sind, sondern daß die Götter selbst durch strengen Befehl, fast möchte man sagen durch Erpressung, es dahingebracht haben, daß sie ihnen feierlich abgehalten und zu ihren Ehren geweiht wurden; ich habe das schon im ersten Buche[91] kurz berührt. Bei Überhandnahme der Pest nämlich wurden die Bühnenspiele auf Anordnung der Opferpriester erstmals in Rom eingeführt. Wie sollte man nun für die Lebensführung nicht eher das als Richtschnur betrachten, was bei den auf göttlichen Befehl eingesetzten Spielen in lebendiger Handlung vor Augen gestellt wird, als das, was in papiernen Gesetzen steht, die Menschenwitz ersonnen und verkündet hat? Wenn die Dichter fälschlich den Jupiter als Ehebrecher hinstellten, so hätten keusche Götter doch wohl zürnen und strafen sollen deshalb, weil solcher Frevel in Spielen gemimt wurde, nicht aber deshalb, weil man das unterließ. Und da handelt es sich noch um die erträglicheren unter den Spielen, um Komödien und Tragödien nämlich, d. h. um Aufführungen von Dichterfabeln, die zwar inhaltlich genug des Schändlichen enthalten, aber doch nicht, wie vieles andere, in schandbaren Ausdrücken verfaßt sind; um Dichterfabeln, die auch bei den sogenannten edlen und freien Studien von den Knaben auf Befehl der Älteren gelesen und gelernt werden.
9. Wie die alten Römer urteilten über die Einschränkung der dichterischen Freiheit, während die Griechen ihr, hierin dem Urteil der Götter beistimmend, keine Zügel angelegt wissen wollten.
Wie darüber die alten Römer dachten, bezeugt uns Cicero in seinen Büchern über den Staat[92] , wo Scipio in einer Unterredung sagt: „Niemals hätten die Komödien mit ihren Schändlichkeiten beim Publikum Anklang finden können, wenn es nicht die Lebensart so mit sich gebracht hätte“. Und die Griechen der älteren Zeit haben, so verkehrt ihre Anschauung hierin war, ein gewisses Gefühl für das Schickliche bewahrt; denn bei ihnen war es sogar gesetzlich erlaubt, daß die Komödie über jeden beliebigen jede beliebige Anspielung mache, und zwar mit Nennung des Namens. „Wen hat sie daher“, wie Afrikanus in demselben Werke sagt, „nicht angetastet oder vielmehr nicht verfolgt? wen hat sie verschont? Mag sie sich immerhin gegen unehrliche Volksschmeichler, politische Wühler wie Kleo, Kleophontes, Hyperbolus gekehrt haben. Das könnte man hingehen lassen, obgleich es besser wäre, wenn solche Bürger vom Zensor statt vom Dichter gerügt würden. Aber einen Perikles durch Spottverse zu verletzen und sie auf der Bühne vorzubringen, zu einer Zeit, da er bereits mehrere Jahre hindurch seinem Staate in Krieg und Frieden mit größtem Ansehen vorgestanden hatte, das war ebenso ungeziemend, als wenn“, sagt er, „unser Plautus oder Nävius auf Publius und Gn. Scipio oder ein Cäcilius auf Marcus Cato schmähen wollte.“ Und kurz danach fährt er fort: „Unsere zwölf Tafeln dagegen, die doch nur auf ganz wenige Verbrechen die Todesstrafe setzten, glaubten darunter auch den Fall aufnehmen zu sollen, daß jemand etwas singen oder dichten würde, was einen andern in Ehrlosigkeit und Schande brächte. Vortrefflich! Denn unser Leben soll nicht dem Witz der Dichter, sondern dem Urteil der Behörden und ordnungsgemäßen Prozessen unterstellt sein und wir sollen keinen Vorwurf zu hören bekommen, ohne daß uns die Möglichkeit geboten wird, uns zu verantworten und gerichtlich zu verteidige.“ Diese Stelle aus Ciceros viertem Buch über den Staat glaubte ich, mit wenigen Auslassungen und geringen Änderungen zum Zweck des besseren Verständnisses, im übrigen wortgetreu herübernehmen zu sollen; denn sie hängt enge mit dem Gegenstand zusammen, den ich, wenn ich imstande bin, klar machen will. Er fügt dann noch anderes hinzu und schließt die Ausführung mit dem Hinweis, daß die alten Römer weder am Lobe noch am Tadel eines Lebenden durch das Theater einen Gefallen gehabt hätten. Die Griechen dagegen haben, wie gesagt, zwar mit weniger Gefühl für Ehrerbietung, aber mit mehr Gefühl für Schicklichkeit diese Freiheit in Anspruch genommen, da sie sahen, daß ihren Göttern Schmähungen in Bühnenstücken lieb und angenehm seien, nicht nur auf Menschen, sondern auch auf die Götter selbst, ob nun diese Schmähungen von den Dichtern frei erfunden waren oder ob ihre wahren Schandtaten vorgebracht und gemimt wurden in den Theatern und ihren Verehrern vor Augen geführt wurden, die sie leider nicht bloß des Belachens, sondern auch der Nachahmung wert erachteten. Übertriebener Hochmut war es, den Ruf der Staatslenker und der Bürger zu schonen, wo die Götter für ihren Ruf keine Schonung heischten.
10. Arglist der Dämonen ist es, wenn sie Schandtaten — sei es wirkliche oder erlogene — von sich erzählt wissen wollen.
Denn was man zur Rechtfertigung dieser Bühnenspiele vorbringt, daß sie nämlich nicht Wirkliches, sondern Erlogenes und Erdichtetes wider die Götter behaupten, gerade das ist noch verbrecherischer, wenn man die der Religion schuldige Ehrfurcht ins Auge faßt; wenn man sich dagegen die Bosheit der Dämonen vergegenwärtigt, wie hätte man es da schlauer und verschmitzter anpacken können, um irre zu führen? Wenn ein Vorwurf erhoben wird gegen einen guten und tüchtigen Staatslenker, ist das nicht umso nichtswürdiger, je weniger er zutrifft und je weniger sein Wandel Anlaß dazu bietet? Welche Strafen würden demnach zureichen, wenn einem Gott eine so frevelhafte, so außerordentliche Unbill zugefügt wird? Aber die bösen Geister, die man für Götter hielt, lassen sich auch Schandtaten, die sie gar nicht begangen haben, nachsagen, wofern sie nur durch solche Meinung von sich den Geist der Menschen wie mit Netzen umgarnen und mit sich in die prädestinierte Pein reissen können, mögen nun derlei Schandtaten jemals von Menschen begangen worden sein — in diesem Falle freuen sich die Dämonen darüber, daß solche Menschen für Götter gehalten werden, wie sie sich über alle Irrwege der Menschen freuen; sie setzen auch mit ihren tausenderlei Lug- und Trugkünsten sich an deren Stelle und nehmen für sie die göttliche Verehrung entgegen — oder mag es sich überhaupt nicht um wirkliche Verbrechen auch nur von Menschen handeln — dann lassen es sich eben diese ganz abgefeimten Geister gern gefallen, daß man solche Verbrechen Gottheiten andichtet, damit es den Anschein gewinne, als ob vom Himmel selbst ein so anregendes Vorbild für Verübung von Freveln und Schändlichkeiten auf die Erde herüberwirke. Da sich also die Griechen als Diener von solchen Gottheiten fühlten, so glaubten sie bei so vielen und schweren Schmähungen der Götter durch die Bühnenspiele auch für sich selbst keine Schonung von den Dichtern beanspruchen zu sollen, entweder weil sie ihren Göttern auch hierin ähnlich sein wollten, oder weil sie deren Zorn herauszufordern fürchteten, wenn sie nach einem besseren Rufe strebten und in dieser Richtung vor ihnen etwas voraus haben wollten.
11. Die Griechen haben die Schauspieler zur Verwaltung des Staatswesens zugelassen, weil es unbillig sei, daß sie, die die Götter versöhnen, von den Menschen verachtet werden.
Aus demselben Gefühl für Schicklichkeit heraus haben sie auch die Schauspieler dieser Fabeln nicht geringer Ehre von Seiten des Staates für würdig erachtet; wie nämlich in demselben Buche über den Staat berichtet wird[93] , widmete sich der Athener Aeschines, ein sehr beredter Mann, nachdem er in der Jugend Tragödien gemimt hatte, der politischen Laufbahn, und einen andern Tragödienspieler, Aristodemus mit Namen, ordneten die Athener oft in hochwichtigen Angelegenheiten des Friedens und des Krieges als Gesandten an Philippus ab. Denn es schien ihnen ungereimt, da diese Künste und diese Schauspiele, wie sie sahen, sogar ihren Göttern angenehm seien, die Akteure zu den Ehrlosen zu zählen. So hielten es die Griechen, schändlich allerdings, aber völlig im Sinne ihrer Götter: sie wagten es nicht, den Lebenswandel ihrer Bürger vor der Herabwürdigung durch Dichter und Schauspieler sicher zu stellen, da sie sahen, daß von diesen ja auch der Wandel der Götter, und zwar unter freudiger Zustimmung der Götter selbst heruntergezogen werde; und sie erachteten die Leute, die das, was nach ihrer Überzeugung den Gottheiten angenehm war, in den Theatern mimten, nicht bloß durchaus nicht für verächtliche Glieder das Staatswesens, sondern im Gegenteil für würdig der größten Ehren. Warum hätten sie auch zwar die Priester, durch deren Hand sie die den Göttern gefälligen Opfer darbrachten, ehren, dagegen die Schauspieler für. unehrlich halten sollen, durch die sie dieses Vergnügen, das die Götter als Ehrenerweisung forderten und über dessen Vorenthaltung sie gezürnt hätten, auf Anmahnung der Götter hin kennen lernten? zumal da Labeo[94] , den sie als den besten Kenner in diesen Dingen rühmen, die guten Gottheiten von den bösen auch durch die Art der Verehrung in der Weise unterscheidet, daß er die bösen durch blutige Opfer und düsteren Gebetsdienst günstig gestimmt werden läßt, die guten dagegen durch heitere und fröhliche Feiern, zum Beispiel, wie er selbst sagt, durch Spiele, Gastmähler, Polsterfeste[95] . Was es mit all dem für eine Bewandtnis hat, werden wir mit Gottes Beistand später erörtern. Ob nun auch allen Göttern als guten Göttern alle diese Arten von Verehrung unterschiedslos zugewendet werden [denn es soll doch keine bösen Götter geben, obwohl vielmehr alle böse sind, weil sie unreine Geister sind], oder ob, wie Labeo meinte, mit Unterschied den einen diese, den andern jene Feiern zukommen, jedenfalls haben in der vorwürfigen Frage die Griechen völlig zutreffend geurteilt, indem sie sowohl die Priester, die den Opferdienst versehen, als auch die Schauspieler, die die Spiele aufführen, für ehrenwert erachten, damit sie nicht allen ihren Göttern, falls die Spiele allen genehm sind, oder, was noch unpassender wäre, den vermeintlich guten Göttern, falls die Spiele diesen allein zusagen, offenbares Unrecht täten.
12. Die Römer haben es mit sich besser gemeint als mit ihren Göttern, da sie den Dichtern die Freiheit gegenüber den Menschen unterbanden.
Die Römer indes wollten ihren Wandel und ihren Ruf, wie in dem angeführten Werk über den Staat Scipio rühmt, nicht den Anwürfen und Beleidigungen von Dichtern preisgegeben wissen und setzten sogar die Todesstrafe darauf, wenn jemand ein solches Gedicht zu verfassen sich herausnähme. Diese Bestimmung zeugt zwar hinsichtlich ihrer selbst von schönem Ehrgefühl, in bezug auf ihre Götter aber von Hochmut und Unehrerbietigkeit; da sie nämlich wußten, daß sich die Götter nicht nur geduldig, sondern selbst mit Vergnügen durch die Anwürfe und Schmähungen von Dichtern herabsetzen lassen, so erachteten sie eben solche Unbilden nicht für ihre Götter, wohl aber für sich selbst als unpassend und schützten sich davor sogar durch ein Gesetz, Schmähungen ihrer Götter dagegen reihten sie sogar unter die heiligen Feiern ein. Du rühmst also wirklich, Scipio, die Unterbindung der Freiheit römischer Dichter, auch nur einem einzigen Römer eine Schmach anzuheften, während sie, wie du siehst, nicht einen einzigen von euren Göttern verschont haben? Mehr also gilt dir der gute Ruf eurer Kurie als der des Kapitols, ja der der einzigen Stadt Rom mehr als der des ganzen Himmels, so daß den Dichtern sogar gesetzlich verboten war, die Lästerzunge wider die Bürger zu spitzen, während sie wider deine Götter ruhig und unbehelligt vom Senat und vom Zensoramt, von weltlicher und geistlicher Obrigkeit solche Schmähungen schleudern durften? Wäre es denn empörend gewesen, wenn Plautus oder Nävius auf Publius und Gn. Scipio oder Cäcilius auf M. Cato geschmäht hätte, und daß euer Terenz durch die Schandtat des besten und größten Jupiter die böse Lust der Jugend reizte, war ganz in der Ordnung?
13. Die Römer hätten einsehen sollen, daß ihre Götter, die eine Verehrung durch schändliche Spiele heischten, keine göttlichen Ehren verdienten.
Aber Scipio würde mir vielleicht, wenn er noch lebte, erwidern: Wie hätten wir das unter Strafe stellen sollen, was die Götter selbst als eine Form der Verehrung bestimmten, indem sie die Bühnenspiele, bei denen derlei gefeiert, gesprochen und gemimt wird, in Rom heimisch machten und zu ihren Ehren zu weihen und aufzuführen befahlen? Warum hat man dann daraus nicht vielmehr den Schluß gezogen, daß sie keine wahren Götter seien, noch irgend würdig, daß ihnen jener Staat göttliche Ehren erweise? Denn hätte man sie gewiß nicht verehren dürfen und müssen, wenn sie Spiele zur Schmach der Römer geheischt hätten, wie konnte man doch, ich bitte euch, auf den Gedanken kommen sie zu verehren, wie konnte man verkennen, daß es sich um verabscheuungswürdige Geister handle, da sie aus Freude an Lug und Trug verlangten, daß man zu ihren Ehren auch ihre Schandtaten feiere? Zudem haben die Römer, obwohl bereits in dem heillosen Aberglauben befangen, sie müßten als Götter die verehren, die sich schändliche Theaterstücke weihen ließen, wie männiglich sah, doch wieder auf ihre Würde und Ehrbarkeit soviel gehalten, daß sie die Mimen solcher Stücke keineswegs, wie die Griechen, ehrten, sondern nach Scipios Worten bei Cicero[96] , „da sie die Schauspielkunst und das ganze Bühnenwesen für schimpflich hielten, dieser Klasse von Menschen nicht nur an der Ehre der übrigen Bürger keinen Anteil gewähren, sondern sie aus ihrer Zunft durch zensorische Rüge ausgestoßen wissen wollten“. Wirklich eine außerordentliche Klugheit und einer der schönsten Züge des Römertums; aber sie sollten konsequent und sich treu bleiben. Es war ja gewiß richtig, jedem römischen Bürger, der sich für den Beruf eines Schauspielers entschied, nicht nur die Erlangung von Ehrenstellen unmöglich zu machen, sondern ihm auch durch Rüge des Zensors die eigene Zunft zu versperren. Eine Gesinnung, eifersüchtig auf die Ehre des Staates und echt römisch! Aber man erkläre mir doch, wo da die Konsequenz bleibt, wenn man die Schauspieler aller Ehre entkleidet und auf der andern Seite die Schauspiele unter die göttlichen Ehren aufnimmt. Die Römer in ihrer guten Zeit haben lange diese Theaterkünste nicht gekannt; hätten die Menschen danach verlangt zur Befriedigung der Lust, so hätten sie sich durch den Verfall der menschlichen Sitten eingeschlichen; die Götter waren es, die deren Aufführung für sich heischten; warum also stoßt man den Schauspieler aus, durch den der Gott verehrt wird? und wie darf man es wagen, den Darsteller der Bühnenschändlichkeiten zu brandmarken, wenn man ihren Urheber anbetet? Diese Streitfrage mögen die Griechen und die Römer unter sich ausmachen. Die Griechen sind der Ansicht, daß sie mit Recht die Schauspieler in Ehren halten, weil diese die Götter verehren, die Forderer der Schauspiele; die Römer dagegen wollen durch die Schauspieler nicht einmal eine plebeische Zunft, geschweige denn die Kurie der Senatoren entehren lassen. In dieser Kontroverse löst den Kernpunkt der Frage folgender Schluß: Die Griechen stellen den Vordersatz auf: „Wenn man solche Götter verehren muß, so muß man natürlich auch solche Menschen in Ehren halten“. Dazu geben die Römer den Untersatz; „Solche Menschen aber hat man durchaus nicht in Ehren zu halten“. Und die Christen ziehen daraus die Schlußfolgerung: „Also braucht man solche Götter durchaus nicht zu verehren“.
14. Plato, der den Dichtern in seinem Musterstaat keinen Platz gewährte, war besser als diese Götter, die sich durch Schauspiele verehren ließen.
Sodann stellen wir die Frage, warum denn die Dichter, denen durch das Zwölftafelgesetz die Verunglimpfung von Bürgern verboten ist, als die Verfasser solcher Bühnenstücke, in welchen schimpfliche Lästerungen wider die Götter geschleudert werden, nicht ebenso wie die Schauspieler für unehrlich gelten. Wie läßt es sich rechtfertigen, daß die Mimen poetischer Fabeleien und schandbarer Götter in Verruf erklärt und die Dichter in Ehren gehalten werden? Oder hat man vielleicht dem Griechen Plato die Palme zu reichen, der, als er das Ideal eines Staatswesens im Geiste entwarf, die Dichter als Feinde der Wahrheit aus dem Staate vertrieben wissen wollte? Er war eben entrüstet über die Schmähung der Götter und mochte es nicht leiden, daß der Sinn der Bürger durch Fabeleien auf Abwege geführt und verdorben werde. Und nun stelle man den Menschen Plato, der die Dichter aus dem Staate vertreiben will, damit sie nicht die Bürger betrügen, neben die Götter, die zu ihren Ehren Bühnenspiele heischen! Der eine riet, wenn er auch durch seine Ausführungen nicht zu überreden vermochte, den leichtsinnigen und ausgelassenen Griechen, derlei gar nicht schreiben zu lassen; die andern zwangen durch ihren Befehl die ernsten und ehrbaren Römer, derlei sogar aufführen zu lassen. Und sie begnügten sich nicht mit der Aufführung, sie ließen sich derlei auch noch widmen, sich weihen, sich feierlich darbringen. Wem doch würde der Staat mit mehr Schicklichkeit göttliche Ehren zuerkennen, dem Plato, der solch schändliche und sündliche Dinge zu hindern suchte, oder den Dämonen, die sich über diese Berückung von Menschen freuen, welche jener von der Wahrheit nicht zu überzeugen vermochte?
Diesen Plato glaubte Labeo zu den Halbgöttern zählen zu sollen wie einen Herkules oder einen Romulus. Und die Halbgötter stellt er über die Heroen, beide jedoch zu den Gottheiten. Ich würde indes kein Bedenken tragen, diesen sogenannten Halbgott nicht nur über die Heroen, sondern auch über die Götter selbst zu stellen. Zwischen den Gesetzen der Römer aber und den Anschauungen Platos besteht insofern eine Verwandtschaft, als Plato alle dichterischen Fabeleien verwirft, während die Römer den Dichtern wenigstens die Schmähfreiheit den Menschen gegenüber benehmen; jener die Dichter vom Aufenthalt im Staate fernhält, diese wenigstens die Darsteller dichterischer Fabeleien von der bürgerlichen Gemeinschaft ausschließen und sie, wenn sie den Göttern gegenüber als den Urhebern der Schauspiele sich's getrauten, vielleicht ganz wegweisen würden. Gewiß hätten also die Römer Gesetze zur Begründung guter oder zur Besserung schlechter Sitten von ihren Göttern nicht überkommen oder erhoffen können, da sie ja durch ihre eigenen Gesetze die Götter übertreffen und des Unrechts überführen. Denn diese heischen zu ihren Ehren Bühnenspiele, und die Römer versagen alle Ehre den Bühnenspielern; die Götter befehlen, ihre Schmach in dichterischen Fabeleien zu feiern, und die Römer schrecken die Zügellosigkeit der Dichter von Schmähungen der Menschen ab. Jener Halbgott Plato aber trat nicht nur dem Begehren solcher Götter entgegen, sondern deutete auch an, was die Römer ihrer natürlichen Veranlagung gemäß hätten ausführen sollen, indem er sich dagegen aussprach, daß den Dichtern, die entweder willkürlich Lügen erfinden oder den unglücklichen Menschen verruchte Taten vorgeblicher Götter zur Nachahmung vor Augen stellen, in einem wohl eingerichteten Staate ein Platz gewährt werde. Wir halten zwar Plato weder für einen Gott noch für einen Halbgott, noch stellen wir ihn auf eine Stufe mit irgend einem Engel des höchsten Gottes oder mit einem Propheten der Wahrheit oder mit einem Apostel oder mit einem Märtyrer Christi oder mit irgend einem christlichen Menschen; den Grund dafür werden wir mit Gottes Gnade in anderem Zusammenhang darlegen. Immerhin aber sind wir, da sie selbst ihn zu einem Halbgott machen, der Ansicht, er sei, wenn nicht über Romulus und Herkules zu stellen [obwohl ihm kein Geschichtsschreiber und kein Dichter einen Brudermord noch sonst eine Untat nachgesagt oder angedichtet hat], so doch gewiß über Priapus oder einen Kynokephalus oder gar die Febris, Gottheiten, die die Römer teils von auswärts übernahmen, teils selbst dazu geweiht haben. Wie sollten sich nun also um gute Vorschriften und Gesetze zur Hintanhaltung oder Bekämpfung einer solchen Verheerung der Gesinnung und Gesittung Götter kümmern, die sich im Gegenteil die Entstehung und Ausbreitung von Lastern angelegen sein ließen durch das Verlangen, daß ihre derartigen Taten oder Scheintaten durch theatralische Feiern den Völkern bekannt gemacht würden, damit durch den Anschein eines göttlichen Vorbildes die schon aus eigenem Antrieb grundschlechte menschliche Lust entfacht werde, unter deren Ansturm Ciceros Wort[97] verhallt, der von den Dichtern sagt: „Wenn ihnen nur erst das Beifallsgeschrei der Menge zuteil wird, die ihnen als ein gewichtiger und einsichtsvoller Lehrmeister gilt, welche Finsternis verbreiten sie dann über sie, welche Schrecknisse jagen sie ihr ein, welche Begierden entflammen sie in ihr!“
15. Die Römer machten sich manche Götter nicht aus guten Gründen, sondern aus Wohldienerei.
Aber in der Wahl selbst dieser falschen Götter liessen sich die Römer nicht so fast von vernünftiger Erwägung als vielmehr von Wohldienerei leiten; haben sie doch Plato, ihren Halbgott, der sich in so mühsamen Untersuchungen erging, damit die Sitten der Menschen nicht durch seelische Schäden, denen man ganz besonders vorbauen muß, verderbt werden, nicht einmal eines Tempelchens gewürdigt, dagegen ihren Romulus über viele Götter gestellt, obwohl ihn ihre sogenannte Geheimlehre nicht als Gott, sondern als Halbgott bezeichnet. Denn sie gaben ihm sogar einen Flamen, eine Gattung des Priestertums, die, wie schon die hohe Spitze ihres Amtshutes andeutet, im römischen Kult eine so hohe Stellung einnahm, daß man nur für drei Gottheiten je einen Flamen einsetzte, für Jupiter den dialischen, für Mars den martialischen und für Romulus den quirinalischen Flamen. Quirinus nämlich hieß Romulus, nachdem er durch die Gefälligkeit der Bürger sozusagen in den Himmel aufgenommen worden war. Sonach wurde Romulus hinsichtlich dieser Ehrenauszeichnung sowohl über Neptun und Pluto, die Brüder Jupiters, als auch selbst über Saturnus, deren Vater, gestellt, indem sie als etwas Hervorragendes dieselbe Priesterschaft wie dem Jupiter auch ihm zuteilten und dem Mars als seinem Vater vielleicht auch um seinetwegen.
16. Hätten sich die Götter um die Gerechtigkeit auch nur einen Deut gekümmert, so hätten die Römer von ihnen Vorschriften über Lebensführung erhalten sollen, statt von anderen Völkern Gesetze herübernehmen zu müssen.
Wenn aber die Römer Lebensregeln von ihren Göttern hätten erlangen können, so würden sie nicht einige Jahre nach der Gründung Roms die Gesetze Solons, die sie indes nicht in der übernommenen Form beibehielten, sondern zu verbessern suchten, den Athenern abgeborgt haben, obgleich Lykurg den Lacedämoniern Gesetze auf Apollos Geheiß gegeben haben wollte, was die Römer klüglich nicht glaubten, weshalb sie sie auch nicht von dorther nahmen. Numa Pompilius, der Nachfolger des Romulus im Königtum, soll einige Gesetze erlassen haben, die jedoch zur Leitung eines Staates völlig ungenügend waren; er hat bei den Römern auch viele gottesdienstliche Einrichtungen getroffen; daß er aber jene Gesetze von den Göttern erhalten hätte, darüber verlautet nichts. Also haben sich die Götter nicht im mindesten angelegen sein lassen, von ihren Verehrern Schäden der Seele, des Wandels und der Sitten fernzuhalten, Schäden, die so sehr von Belang sind, daß daran nach der Versicherung der gelehrtesten Männer die Staatswesen zugrunde gehen, mögen auch die Städte äußerlich im besten Stande sein; im Gegenteil, sie haben sich in jeder Weise angelegen sein lassen, daß diese Schäden überhandnehmen, wie oben ausgeführt worden ist.
17. Der Raub der Sabinerinen und andere Ungerechtigkeiten, die im römischen Staat auch in den guten Zeiten häufig genug vorkamen.
Oder sind etwa dem römischen Volk deshalb keine Gesetze von den Göttern gegeben worden, weil bei ihnen, wie Sallust sagt[98] , „der Sinn für Recht und Sittlichkeit von Natur aus ebenso stark war wie infolge von Gesetzen“? Dieser Sinn für Recht und Sittlichkeit hat sie wohl beim Raub der Sabinerinen[99] geleitet! Was wäre auch gerechter und sittlicher, als fremde Mädchen, die unter dem Vorwand eines Spieles herbeigelockt wurden, statt sie sich von ihren Eltern geben zu lassen, mit Gewalt wegzunehmen, so gut es jedem gelingen wollte? Denn hätten die Sabiner unbillig gehandelt, indem sie sie auf Ersuchen verweigerten, wieviel unbilliger war es dann, sie zu rauben, weil sie verweigert wurden? Mit mehr Recht hätte man mit dem Volke der Sabiner Krieg führen können, weil es seine Töchter den Angrenzern und Nachbarn auf deren Ersuchen nicht zur Ehe geben wollte, als weil es die geraubten Töchter zurückforderte. Das also wäre schicklicher gewesen; dabei hätte Mars seinen Sohn im Kampfe unterstützt, damit er das Unrecht der Verweigerung der Ehe mit den Waffen in der Hand räche und auf solche Weise zu den begehrten Frauen gelange. Nach einer Art Kriegsrecht ja hätte man dann etwa als Sieger rechtmäßig die mit Unrecht verweigerten Mädchen wegnehmen können; jedenfalls aber gibt es kein Friedensrecht, das gestattete, sie im Fall der Verweigerung zu rauben und einen ungerechten Krieg wider deren mit Recht erzürnte Väter zu führen. Immerhin ist es noch insofern gut und glücklich abgelaufen, als das durch diese Untat gegebene Vorbild in Stadt und Reich der Römer keinen Beifall fand, obwohl zur Erinnerung an den Betrug das Zirkusspiel eine ständige Einrichtung wurde; und wenn die Römer den Romulus nach dieser Untat zu ihrem Gotte weihten, so ist dieser Irrtum geringer, als wenn sie hinsichtlich des Raubes von Frauen durch Gesetz oder Gewohnheit die Nachahmung seiner Handlungsweise gestattet hätten. Derselbe Sinn für Recht und Sittlichkeit brachte es mit sich, daß nach Vertreibung des Königs Tarquinius und seiner Kinder, dessen Sohn die Lucretia gewaltsam geschändet hatte, der Konsul Junius Brutus den Gemahl der genannten Lucretia, L. Tarquinius Collatinus, seinen Kollegen im Amte, einen edlen und unbescholtenen Mann, nur wegen seines Namens und seiner Verwandtschaft mit den Tarquiniern zur Abdankung nötigte und verbannte[100] . Dieses Verbrechen beging er unter dem Beifall oder doch mit Zulassung desselben Volkes, von dem Collatinus so gut wie Brutus das Konsulat erhalten hatte. Derselbe Sinn für Recht und Sittlichkeit hat M. Camillus, einen bedeutenden Mann in jener Zeit, der die Vejenter, die gefährlichsten Feinde des römischen Volkes, nach einem zehnjährigen Krieg, in welchem das römische Heer so oft unglücklich kämpfte und so schwere Schlappen erlitt, so daß Rom selbst bereits um seine Rettung bangte und zitterte, mit Leichtigkeit überwand und ihre blühendste Stadt eroberte, infolge des Neides, den seine Tüchtigkeit erweckte, und der Unverschämtheit der Volkstribunen in den Anklagestand versetzt und ihn den Undank des Staates, den er befreit hatte, in einem Maße fühlen lassen, daß er, da ihm die Verbannung sicher bevorstand, freiwillig ins Exil ging und dann noch in seiner Abwesenheit zu einer Geldstrafe von 10.000 Aß verurteilt wurde, er, der bald darauf abermals sein undankbares Vaterland, diesmal vor den Galliern, retten sollte[101] . Schon genug! Ich habe keine Lust, die vielen abscheulichen und ungerechten Machenschaften aufzuzählen, durch die der römische Staat beunruhigt wurde, als die Mächtigen das Volk sich zu unterwerfen suchten und dieses sich wider die Unterwerfung sträubte und die Vertreter beider Teile mehr die Parteiinteressen aus Rechthaberei verfochten, als sich dabei von irgend welchen Rücksichten auf Billigkeit und Sittlichkeit leiten ließen.
18. Sallusts Ausführungen über die gegenteilige Beeinflussung der Sitten der Römer durch Furcht und durch Sicherheit.
Ich will daher zurückhalten und lieber Sallust als Zeugen aufrufen. Kaum hat er zum Ruhme seines Volkes den Ausspruch getan, an den diese Erörterung anknüpfte, nämlich: „Der Sinn für Recht und Sittlichkeit war bei ihnen von Natur aus ebenso stark wie infolge von Gesetzen“, voll des Lobes über die Zeit, da der Staat nach Vertreibung der Könige binnen kurzer Frist mächtig anwuchs, so vernimmt man von ihm im ersten Buch seines Geschichtswerkes, und zwar gleich am Anfang das Eingeständnis, daß es auch damals als die Regierungsgewalt von den Königen an die Konsuln überging, schon sehr bald zu Ungerechtigkeiten der Mächtigeren und in deren Gefolge zur Lostrennung der Plebejer von den Patriziern und zu anderen Mißhelligkeiten unter der Bürgerschaft gekommen sei. Nachdem er nämlich erwähnt hat, daß im römischen Volk zwischen dem zweiten und dem letzten punischen Krieg der beste sittliche Zustand und die größte Eintracht geherrscht habe, wie er sagt, nicht aus Liebe zur Gerechtigkeit, sondern aus Furcht wegen der fortwährenden Gefährdung des Friedens, solang Karthago stand [in demselben Sinne wollte ja auch Nasica[102] zur Abwehr der Sittenlosigkeit und zur Erhaltung jenes vortrefflichen Sittenzustandes, bei dem durch Furcht die Laster in Schranken gehalten wurden, von der Zerstörung Karthagos nichts wissen], fährt er unmittelbar darauf fort mit den Worten[103] : „Allein Zwietracht, Habsucht, Gunstbuhlerei und die sonstigen Übelstände, die im Wohlergehen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entstehen, haben nach dem Untergang Karthagos mächtig Überhand genommen“; er gibt uns damit zu verstehen, daß solche Übelstände auch vorher nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entstanden und Überhand nahmen. Deshalb fügt er zur Begründung dieser Worte bei: „Denn zu Unbilden der Mächtigeren und in deren Gefolge zur Trennung der Plebejer von den Patriziern und zu anderen Mißhelligkeiten unter den Bürgern kam es schon von Anfang an und nur nach Vertreibung der Könige, so lange, bis die Furcht vor Tarquinius und der gefährliche Krieg mit Etrurien ein Ende nahm, herrschte Recht und Billigkeit“. Er gibt also offenbar selbst für diese kurze Zeit, in der nach Verbannung das heißt Verjagung der Könige Recht und Billigkeit herrschte, die Furcht als Grund dieser Erscheinung an; die Furcht bezog sich auf den Krieg, den König Tarquinius, von Reich und Stadt vertrieben, im Bunde mit den Etruskern wider die Römer führte[104] . Nun beachte man, was er gleich daranschließt: „Hernach plagten die Patrizier das Volk durch herrisches Wesen, verfügten über Leib und Leben geradeso wie die Könige, vertrieben die Leute von ihrer Scholle und führten allein unter Ausschluß der übrigen das Regiment. Da sich das Volk durch diese Grausamkeiten und vorab durch Wucher schwer bedrückt fühlte, während es doch bei den beständigen Kriegen die Last der Steuern und. des Kriegsdienstes mitzutragen hatte, griff es zu den Waffen und besetzte den heiligen Berg und den Aventin; damals erwarb es sich den Volkstribunat und andere Rechte. Erst der zweite punische Krieg setzte den Zwistigkeiten und dem Kampfe ein Ziel.“ Man sieht daraus, in welcher Verfassung sich schon von diesem Zeitpunkte ab, nämlich kurz nach Vertreibung der Könige, die Römer befanden, von denen er sagt: „Der Sinn für Recht und Sittlichkeit war bei ihnen ebenso stark von Natur aus als infolge von Gesetzen“,
Wenn sich nun aber schon diese Zeiten, in denen es um den römischen Staat gar herrlich und gut stand nach seinen Lobrednern, in solchem Lichte zeigen, wie haben wir dann wohl über den folgenden Zeitabschnitt zu urteilen, da „sich allmählich“, um mich der Worte desselben Geschichtsschreibers[105] zu bedienen, „der Wandel vom herrlichsten und besten Staate zum schlechtesten und sittenlosesten vollzog“, nämlich nach der Zerstörung Karthagos, wie er erwähnt hat? Sallust schildert diese Zeiten in knapper Übersicht in seinem Geschichtswerk; dort kann man auch seinen Nachweis lesen, welch schrecklicher Sittenverfall einriß infolge des Wohlergehens und wie er schließlich zu Bürgerkriegen führte. „Seit dieser Zeit“, sagt er[106] , „ging es mit den Sitten der Vorfahren nicht allmählich, wie vorher, sondern in jähem Sturze wie bei einem Gießbach abwärts; der junge Nachwuchs sank durch Ausschweifung und Habsucht so tief, daß man von ihm mit Recht sagen konnte, er sei nur dazu geboren, um weder selbst ein Vermögen besitzen noch ein solches andern in Ruhe lassen zu können.“ Danach erzählt Sallust allerlei von den Lastern des Sulla und den sonstigen schrecklichen Zuständen im Staate, und andere Schriftsteller sagen das gleiche, wenn auch nicht in gleicher sprachlicher Meisterschaft.
Du siehst daraus jedoch, wie ich glaube, und jeder, der die Augen aufmacht, erkennt ohne Mühe und vollkommen klar, in welchen Sumpf der gräulichsten Sittenlosigkeit jener Staat vor der Ankunft unseres himmlischen Königs versunken war. Denn das hat sich zugetragen, nicht allein bevor Christus, im Fleische unter uns weilend, sein Lehramt aufnahm, sondern schon bevor er von der Jungfrau geboren ward. Da nun unsere Gegner die entsetzlichen Übelstände von damals, die früher noch einigermaßen erträglich waren, nach der Zerstörung Karthagos aber unerträglich und schauderhaft wurden, ihren Göttern nicht beizumessen wagen, die doch den Seelen der Menschen jene Meinungen, aus denen solche Laster emporwuchern konnten, mit böswilliger Schlauheit einimpften, warum messen sie das Unheil der Gegenwart unserm Christus bei, der mit heilsamster Lehre auf der einen Seite die Verehrung der falschen und trügerischen Götter verbietet, auf der andern Seite die verderblichen und schandbaren Begierden der Menschen mit der Kraft göttlicher Autorität verpönt und verdammt und der an diesen Übeln krankenden und dahinsiechenden Welt allenthalben die Seinigen nach und nach entzieht, um mit ihnen einen ewigen Staat zu gründen, der überaus glorreich ist nach dem Richtspruch der Wahrheit, nicht nach dem billigen Beifall der Torheit.
19. Die Sittenverderbnis im römischen Staate, ehe Christus mit den Göttern aufräumte.
Siehst du, der römische Staat [nicht erst ich sage das, sondern ihre Schriftsteller, aus denen wir es um Geld erlernt haben, sprachen es schon so lange vor der Ankunft Christi aus] „hat sich allmählich geändert und wurde aus dem herrlichsten und besten zum schlechtesten und sittenlosesten“. Siehst du, wie vor der Ankunft Christi, nach der Zerstörung Karthagos, „es mit den Sitten der Vorfahren nicht allmählich, wie vorher, sondern in jähem Sturze wie bei einem Gießbach abwärts ging; so sehr sank die Jugend durch Ausschweifung und Habsucht“. Man verlese uns doch die Gebote wider Ausschweifung und Habsucht, die die Götter dem römischen Volke gaben; ja hätten sie ihm wenigstens von Keuschheit und Bescheidenheit bloß geschwiegen und nicht sogar Unzucht und Schändlichkeiten von ihm verlangt und diesen Dingen unter dem Scheine, als stehe die Gottheit dahinter, ein verhängnisvolles Ansehen verschafft! Dagegen lese man unsere Schriften, wie sie in Propheten und Evangelium, in der Apostelgeschichte und in den Briefen soviele Mahnungen wider Habsucht und Ausschweifung allenthalben den zur Anhörung versammelten Scharen so herrlich, so göttlich — nicht wie aus den Disputationen der Philosophen, entgegengellen, sondern — wie aus Orakeln und aus Wolken des Himmels entgegendonnern. Und gleichwohl schreiben die Gegner es nicht ihren Göttern zu, daß der Staat durch Ausschweifung und Habsucht und durch häßliche und schandbare Sitten „zum schlechtesten und sittenlosesten wurde“; wohl aber klagen sie ob seiner Heimsuchung, unter der zur Zeit irgendwie ihr Hochmut und ihre Genußsucht gelitten hat, mit vorwurfsvollen Mienen die christliche Religion an. Und doch, würden „die Könige der Erde und alle Völker, die Vornehmen und alle Richter in der Welt, die Jünglinge und die Jungfrauen, die Alten mitsamt den Jungen“[107] , jedes Alter und jedes Geschlecht, dazu auch die, an welche sich der Täufer Johannes wandte[108] , die Zöllner und die Soldaten, würden sie alle zumal die Vorschriften der christlichen Religion über gute und rechtschaffene Sitten anhören und zur Richtschnur nehmen, das Gemeinwesen müßte durch seinen glücklichen Zustand die Staaten dieser Welt schmücken und sich zu den Höhen des ewigen Lebens emporschwingen, um dort in ungetrübter Seligkeit zu herrschen. Weil aber der eine hört, der andere ablehnt und die Mehrzahl sich den einschmeichelnden Lastern mehr zuneigt als der heilsamen Herbheit der Tugend, so sind die Diener Christi, seien es nun Könige, Vornehme, Richter oder Soldaten oder Provinzbewohner, Reiche oder Arme, Freie oder Sklaven, Männer oder Frauen, sie sind angewiesen, selbst das schlechteste und sittenloseste Gemeinwesen, wenn es sein müßte, zu ertragen und sich auch durch diese Duldsamkeit einen Platz zu erwerben in der hochheiligen und erhabensten Kurie der Engel und im himmlischen Gemeinwesen, wo der Wille Gottes Gesetz ist.
20. Das Ideal der Glückseligkeit und der Sittenzustände nach der Anschauung derer, die die Zeiten der christlichen Religion anklagen.
Indes diese Verehrer und Anhänger der Götter, zugleich mit Lust und Liebe deren Nachfolger in Verbrechen und Lastern, läßt es völlig kühl, wenn die größte Verworfenheit und Lasterhaftigkeit im Staate herrscht. „Wenn er nur feststeht“, sagen sie, „wenn er nur blüht, reich an allem Überfluß, ruhmvoll durch Siege oder noch besser sicher befriedet. Was geht uns seine sittliche Beschaffenheit an? Nein, uns liegt vielmehr daran, daß jeder seine Reichtümer stetig vermehre, um den täglichen Verschwendungen gewachsen zu sein und die wirtschaftlich Schwächeren sich dienstbar zu machen. Die Armen sollen den Reichen unterwürfig sein, um satt zu werden und unter deren Schutz sich einer trägen Ruhe zu erfreuen; die Reichen sollen die Armen in großer Zahl als ihren Stab und als Werkzeuge ihrer Hoffart um sich scharen. Die Menge soll denen Beifall klatschen, die sie mit Vergnügungen überschütten, nicht denen, die auf den gemeinen Nutzen bedacht sind. Nichts Unbequemes soll befohlen, nichts Unsittliches verwehrt werden. Die Könige sollen bei ihren Untertanen nicht auf Gediegenheit, sondern auf Unterwürfigkeit schauen. Die Provinzen sollen in den Königen nicht die obersten Wächter der Sitte, sondern die Herren ihrer Habe und die Garanten ihrer Freuden erblicken und sie nicht aufrichtig ehren, sondern in gemeiner und knechtischer Weise fürchten. Durch Gesetze soll nur der Schaden geahndet werden, den man etwa an fremden Reben, nicht aber der, den man am eigenen Leben anrichtet. Vor den Richter darf niemand geschleppt werden, außer wer sich für den Besitz, das Haus oder das Leben eines andern oder gegen jemand wider dessen Willen lästig und schädlich erweist; im übrigen mag jeder mit seiner Habe, mit seinen Untergebenen und mit allen, die ihm willig sind, tun, was ihm beliebt. Öffentliche Dirnen sollen im Überfluß vorhanden sein für alle, die ihre Lust befriedigen wollen, und speziell für die, die sich keine eigenen halten können. Häuser soll man bauen so groß und schön als möglich, üppige Mahle sind zu veranstalten, jedermann soll Tag und Nacht hindurch spielen und trinken, speien und schlemmen können, wo es ihn freut. Überall erschalle Tanzmusik und die Theater mögen aufjauchzen vor wilder Ausgelassenheit und jeder Art grausamer und schändlicher Lust. Wem eine solche Glückseligkeit mißfällt, der gelte als Feind des Staates; wer darin etwas zu ändern oder sie uns zu nehmen sucht, den soll das freie Volk überschreien, von der Schwelle verjagen, aus der Zahl der Lebendigen tilgen. Das seien unsere wahren Götter, die eine solche Glückseligkeit den Völkern verschaffen und sie ihnen erhalten. Sie sollen verehrt werden, wie sie es nur wünschen, mögen Spiele fordern welcher Art immer, um sie mit und von ihren Verehrern zu genießen; nur das eine haben sie zu leisten, daß einer solchen Glückseligkeit keine Störung drohe, nicht vom Feinde, nicht von der Pest, nicht von irgend einer Drangsal“. — Es wäre Aberwitz, ein solches Gemeinwesen — ich sage nicht mit dem römischen Reich, sondern — mit dem Haus des Sardanapal auf gleiche Stufe zu stellen; dieser König war so sehr den Lüsten ergeben, daß er sich auf das Grabmal die Inschrift setzen ließ, er besitze im Tode nur das, was seine Lust bei Lebzeiten genossen habe. Wenn er ihr König wäre und in solchen Dingen ihnen willfahrte, ohne irgend jemand auch nur mit leisester Strenge entgegenzutreten, ja, dem würden sie lieber, als die alten Römer dem Romulus, Tempel und Flamen weihen.
21. Ciceros Ansicht über den römischen Staat.
Gibt man aber nichts auf den, der den römischen Staat den schlechtesten und sittenlosesten nannte, und kümmern sich unsere Gegner nicht darum, welche Flut und Schmach der äußersten Entsittlichung sich über ihn ergieße, zufrieden, wenn er nur bestehen bleibt, so sollen sie vernehmen, daß er nicht, wie Sallust erzählt, zum schlechtesten und sittenlosesten Staate geworden sei, sondern daß er, wie Cicero ausführt, damals schon völlig zugrunde gegangen ist und überhaupt kein Staat mehr war. Cicero läßt nämlich Scipio, denselben, der Karthago zerstört hatte, über den Staat sich äußern zu einer Zeit, da man schon vorausahnte, er werde an dem Verderbnis, von dem Sallust schreibt, in kurzer Frist zugrunde gehen; denn die Ausführungen sind in die Zeit nach dem Morde eines der beiden Gracchen verlegt, von wo an Sallust die schweren Aufstände datiert[109] ; sein Tod wird in jenem Werke Ciceros erwähnt. Also Scipio sagt zunächst am Ende des zweiten Buches[110] : Wie beim Saiten- und Flötenspiel und auch bei der Vokalmusik auf eine Art Zusammenklingen der verschiedenen Töne zu achten sei, dessen Störung oder Verstimmung ein musikalisches Ohr nicht ertragen könne, und dieses Zusammenklingen durch gehörige Abstimmung von ganz ungleichen Stimmen eben doch übereinstimmend und angenehm werde, so bilde auch der Staat durch eine ähnliche Angleichung der höchsten und niedersten Stände, zwischen denen die mittleren stehen, ein Zusammenklingen infolge der Übereinstimmung ganz ungleicher Elemente, und was die Musiker beim Gesang die Harmonie nennen, das sei im Staate die Eintracht, das festeste und beste Band der Wohlfahrt in jeglichem Gemeinwesen, und sie sei ohne Gerechtigkeit undenkbar; nachdem er sich dann etwas ausführlicher darüber ergangen hatte, von welchem Vorteil die Gerechtigkeit für den Staat sei und wie sehr deren Mangel schade, ergriff Philus das Wort, einer der Teilnehmer an der Unterredung, und verlangte, daß diese Frage genauer behandelt und über die Gerechtigkeit eine eingehendere Erörterung gepflogen werde, weil bereits die allgemeine Ansicht dahin neigte, ein Staat könne ohne Ungerechtigkeit nicht regiert werden. Auch Scipio meinte[111] , diese Frage müsse erörtert und gelöst werden; was er bisher über den Staat beigebracht zu haben glaube, sei nicht derart, daß man weiterfahren könne, ehe nicht festgestellt sei, die Ansicht, daß ein Staat ohne Ungerechtigkeit nicht regiert werden könne, sei nicht nur unrichtig, sondern das Gegenteil sei allein richtig, daß nämlich ein Staat ohne allseitige Gerechtigkeit nicht regiert werden könne. Die Auseinandersetzung über die Frage wurde auf den folgenden Tag verschoben und im dritten Buch ist dieser Punkt in einem heftigen Meinungsstreit vorgeführt, Philus vertrat dabei die Ansicht, daß ein Staat ohne Ungerechtigkeit nicht regiert werden könne, nachdem er sich feierlich dagegen verwahrt hatte, als teile er sie; er führte mit Eifer die Sache der Ungerechtigkeit gegen die Gerechtigkeit[112] , indem er sich scheinbar ernstlich bemühte, mit Wahrscheinlichkeitsgründen und Beispielen den Nachweis zu erbringen, daß für den Staat die Ungerechtigkeit ein Vorteil sei, die Gerechtigkeit dagegen nichts tauge. Darauf nahm sich auf allgemeinen Wunsch Cälius der Sache der Gerechtigkeit an und verfocht nach Kräften den Satz, daß für einen Staat nichts so schädlich sei als die Ungerechtigkeit und daß ein Gemeinwesen überhaupt ohne große Gerechtigkeit nicht regiert werden noch bestehen könne.
Nachdem diese Frage genügend erörtert ist, nimmt Scipio den unterbrochenen Faden wieder auf und wiederholt und empfiehlt seine kurze Begriffsbestimmung des Gemeinwesens, wonach er es als eine Sache des Volkes bezeichnet hatte. Als Volk aber gilt ihm nicht eine beliebige Vereinigung einer Menge, sondern eine durch Übereinstimmung des Rechtes und durch die .Gemeinsamkeit des Nutzens zusammengeschlossene Vereinigung. Er legt sodann dar, wieviel bei wissenschaftlichen Untersuchungen auf die Begriffsbestimmung ankomme, und zieht aus den erwähnten Begriffsbestimmungen den Schluß, das Gemeinwesen sei dann ein wahres d. i. eine Sache des Volkes, wenn es gut und gerecht geführt wird, sei es von einem Monarchen oder von einigen Optimaten oder von der Gesamtheit des Volkes. Wenn aber der König ungerecht ist, ein Tyrann, wie er ihn in diesem Falle nach dem Vorgang der Griechen nennt, oder wenn die Optimaten ungerecht sind, deren Zusammenhalten er dann als Coterie bezeichnet, oder wenn das Volk ungerecht ist — dafür fand er keine gebräuchliche Bezeichnung, sondern spricht auch hier von Tyrannenwirtschaft —, dann sei das Gemeinwesen nicht mehr bloß mangelhaft, wie tags vorher behauptet worden war, sondern, wie sich aus seinen Begriffsbestimmungen folgerichtig ergebe, überhaupt kein Gemeinwesen mehr; denn es sei, wenn sich desselben ein Tyrann oder eine Coterie bemächtige, nicht mehr eine Sache des Volkes, und wenn das Volk selbst ungerecht sei, so sei dies kein Volk mehr, weil es sich dann nicht um eine durch Übereinstimmung des Rechtes und durch die Gemeinsamkeit des Nutzens zusammengeschlossene Menge handle, wie die Definition des Begriffes Volk erfordert.
Und demnach war das römische Gemeinwesen, als es sich in dem Zustande befand, wie ihn Sallust schildert, nicht mehr bloß äußerst schlecht und sittenlos, wie er sich ausdrückt, sondern es war überhaupt kein Gemeinwesen mehr, wenn wir es an dem Maßstab messen, welchen die von den Größen des damaligen Gemeinwesens gepflogene Untersuchung ergab. Wie auch Tullius[113] selbst nicht mit Scipios oder eines andern, sondern mit seinen eigenen Worten zu Beginn des fünften Buches im Anschluß an den von ihm zitierten Vers des Dichters Ennius: „Auf den Sitten und Männern der alten Zeit beruht der römische Staat“ sich dahin äußert: „Diesen Vers in seiner Gedrängtheit und Wahrheit hat er, so möchte ich glauben, einem Orakelspruch entnommen. Denn weder hätten einzelne Männer, wenn nicht die Bürgerschaft so gesittet gewesen wäre, noch hätten die Sitten, wenn nicht solche Männer an der Spitze gestanden wären, einen so bedeutenden, so gerecht und weithin herrschenden Staat zu gründen oder so lange zu behaupten vermocht. So drängte vordem die Sitte darauf hin, hervorragende Männer zu verwenden, und diese ausgezeichneten Männer wahrten hinwiederum die alte Sitte und die Einrichtungen der Vorfahren. Unsere Zeit aber, die den Staat überkommen hat als ein prächtiges, aber vor Alter verblassendes Gemälde, hat es nicht nur verabsäumt, dieses Gemälde in den ursprünglichen Farben zu erneuern, sondern hat nicht einmal für die Erhaltung seiner Form und sozusagen seiner Umrißlinien gesorgt. Was ist denn noch übrig von den alten Sitten, auf denen nach Ennius' Worten der römische Staat beruht? Vergessen sehen wir sie und veraltet, so sehr, daß man nichts mehr davon weiß, geschweige denn sie übt. Und was soll ich von den Männern sagen? Gerade infolge des Mangels an Männern sind ja die Sitten dahingeschwunden, und wir stehen einem Unheil gegenüber, das uns nicht nur die Pflicht der Verantwortung auferlegt, sondern uns geradezu wie Kapitalverbrecher zur Verteidigung nötigt. Denn nicht durch einen Zufall, sondern durch unsere Schuld haben wir vom Staat nur noch den Namen, während wir der Sache längst verlustig gegangen sind.“
Dies Geständnis machte Cicero lange nach dem Tode des Africanus, den er in seinem Werke die Lehre über den Staat erörtern ließ, aber noch vor der Ankunft Christi; würden solche Ansichten nach der Ausbreitung und dem Obsiegen der christlichen Religion gehegt und geäußert, so würden unsere Gegner diese Zustände ohne Zweifel den Christen zur Last legen. Warum haben demnach ihre Götter nicht vorgebeugt, sondern den Staat, dessen Verlust Cicero lange vor der Ankunft Christi im Fleische so kläglich betrauert, damals zugrunde gehen lassen? Seine Lobredner mögen zusehen, in welchem Zustand sich das Gemeinwesen selbst unter jenen alten Römern und unter der Herrschaft der alten Sitten befand, ob darin wahre Gerechtigkeit blühte oder ob es etwa selbst damals schon nicht lebendig gewesen sei an sittlicher Kraft, sondern lediglich geschminkt mit farbiger Pracht, wie das auch Cicero unbewußt andeutete, da er von ihm in dem Bilde eines Gemäldes sprach. Wir werden das ja ein andermal, wenn es Gott gefällt, ins Auge fassen. Ich werde mich nämlich an seinem Orte[114] bemühen, an der Hand der Definitionen Ciceros, in denen er mit den Worten Scipios kurz die Begriffe Gemeinwesen und Volk feststellt [zur Bekräftigung dienen viele in derselben Erörterung enthaltene Ausprüche Ciceros selbst und derer, die er redend einführt], den Nachweis zu führen, daß jenes Gebilde niemals ein Gemeinwesen war, weil darin niemals wahre Gerechtigkeit zu finden war. Nach anderen Definitionen jedoch, die der Wahrheit näher kommen dürften, war es in seiner Art allerdings ein Gemeinwesen und dieses wurde von den Römern der alten Zeit besser verwaltet als von den späteren; aber die wahre Gerechtigkeit herrscht nur in dem Gemeinwesen, dessen Gründer und Leiter Christus ist, wenn man dieses Gebilde auch ein Gemeinwesen nennen will, da es ja unbestreitbar eine Sache des Volkes ist. Wenn aber diese Bezeichnung, die für einen andern Begriff und in anderem Sinne üblich ist, der bei uns gebräuchlichen Ausdrucksweise vielleicht weniger entspricht, so sagen wir: in dem Staate herrscht die wahre Gerechtigkeit, von dem die Heilige Schrift[115] rühmt: „Herrliches wird von dir gesagt, Staat Gottes“.
22. Die Götter der Römer haben sich stets völlig gleichgültig dazu verhalten, daß der Staat an Sittenlosigkeit zugrunde ging.
Was jedoch die vorliegende Frage betrifft, so mag man den römischen Staat, den der Vergangenheit und den gegenwärtigen, herausstreichen wie man will; es bleibt doch bestehen, daß er nach den gelehrtesten römischen Schriftstellern lange schon vor Christi Ankunft zum schlechtesten und sittenlosesten herabgesunken war oder vielmehr überhaupt kein Staat mehr war und an völliger Sittenlosigkeit zugrunde gegangen war. Damit es nun nicht zu diesem Äußersten komme, hätten die Götter, seine Schutzherren, dem sie verehrenden Volke vor allem Lebens- und Sittenvorschriften geben sollen, da sie doch vom Volke mit so vielen Tempeln, so vielen Priestern und vielgestaltigen Opfern, mit so zahlreichen und mannigfaltigen Gottesdiensten, mit soviel festlichen Feiern und mit so vielen und großartigen Festspielen verehrt wurden; aber bei all dem haben die Dämonen lediglich ihr Geschäft besorgt, gleichgültig dagegen, wie ihre Verehrer lebten, nein, eifrig darauf hinarbeitend, daß sie ein schlechtes Leben führen sollten, wenn sie nur zu ihren Ehren all das in knechtischer Furcht leisteten. Oder wenn die Götter solche Vorschriften erließen, so möge man die der römischen Bürgerschaft gegebenen Gesetze aufweisen, zeigen und verlesen, die die Gracchen übertreten haben, als sie durch Aufstände alles durcheinander brachten, oder ein Marius, ein Cinna, ein Carbo, als sie sogar zu Bürgerkriegen übergingen, die aus ganz ungerechten Gründen unternommen, mit Grausamkeit geführt und noch grausamer beendet wurden, ein Sulla endlich, dessen Leben, Sitten und Taten nach der Schilderung Sallusts und anderer Geschichtsschreiber nur allgemeinen Abscheu erregen können. Hier gibt es keinen Ausweg: der Staat war damals zugrunde gegangen.
Werden sie vielleicht — wie es oft geschieht — im Hinblick auf diese Sittenverwilderung unter der Bürgerschaft den Ausspruch Vergils[116] zur Verteidigung ihrer Götter entgegenhalten:
„Von den verlass'nen Altären und Tempeln entwichen die Götter
Insgesamt, auf denen das Wohl des Reiches beruhte“?
Ist dem so, dann haben unsere Gegner vor allem keinen Grund, sich über die christliche Religion zu beklagen, als hätten, durch diese beleidigt, ihre Götter sie verlassen, da ja ihre Vorfahren längst schon durch ihre Sittenlosigkeit die vielen kleinen Götter wie Mücken von den Altären der Stadt verjagt haben. Aber wo war diese Schar von Gottheiten zu der Zeit, als lange vor der Verderbnis der alten Sitten Rom von den Galliern eingenommen und niedergebrannt wurde? Damals ist ja die ganze Stadt in die Gewalt der Feinde gekommen, nur der kapitolinische Hügel war noch übrig, und auch der wäre erobert worden, wenn nicht statt der schlafenden Götter wenigstens die Gänse gewacht hätten. Infolge dessen wäre Rom beinahe dem Aberglauben der Ägyptier mit ihrer Tier- und Vogelanbetung verfallen; schon feierte man zu Ehren der Gans Feste. Indes handle ich hier noch nicht von derlei äußerlichen und mehr den Leib als die Seele betreffenden Übeln, wie sie von Feinden oder durch anderes Mißgeschick verursacht werden; vielmehr steht jetzt zur Besprechung der Sittenverfall, der mit allmähliger Veränderung anhub, dann aber wie ein Gießbach der Tiefe zudrängte, so daß das Gemeinwesen, obwohl die Häuser und die Mauern keinen Schaden aufwiesen, zur Ruine wurde und hervorragende Geister kein Bedenken trugen, es für verloren zu erklären. Mit Recht aber wären ,,die Götter insgesamt von den verlassenen Altären und Tempeln entwichen“ zum Ruin des Staates, wofern die Bürgerschaft ihre Vorschriften über rechtschaffenes Leben und Gerechtigkeit verachtet hätte. So jedoch, was waren das, ich bitte euch, für Götter! Sie weigerten sich mit dem ihnen ergebenen Volke zu leben und hatten doch nichts getan, um es durch Belehrung von den schlechten Wegen auf gute zu bringen!
23. Die wechselnden irdischen Verhältnisse sind nicht von der Gunst oder der Anfeindung der Dämonen, sondern von dem Ratschluß des wahren Gottes abhängig.
Ja sie scheinen ihnen sogar zur Befriedigung ihrer Begierden behilflich gewesen zu sein, jedenfalls haben sie deren Zügelung nicht zu ihrer Sache gemacht; standen sie doch dem Marius, einem politischen Neuling von obskurer Herkunft, dem blutrünstigen Urheber und Leiter von Bürgerkriegen, bei, daß er siebenmal Konsul wurde und in seinem siebenten Konsulate hochbetagt starb, ehe er in die Hände Sullas fiel, der bald hernach als Sieger auftrat. Haben ihm nämlich die Götter dazu nicht verholfen, so ist das ja ein köstliches Eingeständnis; denn dann kann auch ohne die Gunst ihrer Götter dem Menschen ein so großes zeitliches Glück, das ihnen nur zu sehr am Herzen liegt, zuteil werden; Menschen wie ein Marius können dem Zorn der Götter zum Trotz in den Vollgenuß des Wohlergehens, der Kraft, der Macht, der Ehren, des Ansehens und der Langlebigkeit gelangen und darin bis ans Ende verbleiben, und Menschen wie ein Regulus können trotz der Freundschaft der Götter durch Gefangenschaft, Sklaverei, Mangel, Schlaflosigkeit und Schmerzen gepeinigt und zu Tode gemartert werden. Wenn sie das zugeben, so gestehen sie damit schlankweg, daß die Götter nichts nützen und es überflüssig ist, sie zu verehren. Denn wenn die Götter hinsichtlich der seelischen Tugenden und der Rechtschaffenheit des Lebens, wofür der Lohn nach dem Tode zu erwarten steht, eher abträgliche Einrichtungen dem Volke darboten und wenn sie nun auch hinsichtlich der vergänglichen und zeitlichen Güter ihren Feinden nicht zu schaden und ihren Freunden nicht zu nützen vermögen, was verehrt man sie dann, was fordert man so stürmisch, daß man sie verehren solle? Warum murrt man in bedrängten und schlimmen Zeiten, als hätten sie sich beleidigt zurückgezogen, und schleudert ihretwegen wider die christliche Religion die empörendsten Schmähungen? Haben sie aber Gewalt, in derlei Dingen Gutes und Schlimmes zu erweisen, warum standen sie dann hierin dem ruchlosen Marius zur Seite, während sie den wackeren Regulus im Stiche ließen? Sieht man hieran nicht, daß sie höchst ungerecht und böse sind? Wenn man aber meint, daß sie gerade deshalb zu fürchten und zu verehren seien, so tut man ihnen abermals der Ehre zuviel an; denn Regulus hat sie offenbar nicht weniger verehrt als Marius. Auch darf man darum nicht meinen, daß man sich nur für ein möglichst schlechtes Leben zu entscheiden brauche, da die Götter angeblich dem Marius günstiger waren als dem Regulus. Denn einer der trefflichsten unter den Römern, Metellus, der fünf Söhne von konsularischem Rang hatte, war auch in zeitlichen Gütern mit Glück gesegnet, der ruchlose Catilina dagegen, der in der drückendsten Armut lebte und in dem durch seinen Frevel veranlaßten Kriege fiel, hatte in zeitlichen Dingen Unglück, und des allein wahrhaften und sicheren Glückes erfreuen sich nur die Guten, die Gott verehren, der allein solches Glück verleihen kann. Als demnach jenes Gemeinwesen an Sittenverderbnis zugrunde ging, haben ihre Götter nichts getan zur Lenkung oder Besserung der Sitten, um dem Untergang vorzubeugen; im Gegenteil, sie haben durch Verschlechterung und Verderbung der Sitten dazu beigetragen, den Untergang zu beschleunigen. Auch sollen sie sich ja nicht in den Tugendmantel hüllen, als hätten sie sich zurückgezogen, gleichsam beleidigt durch die Schlechtigkeit der Bürger. Nein, nein, sie waren da; sie verraten sich, sie werden überführt; sie vermochten freilich nicht durch Vorschriften Abhilfe zu schaffen, aber auch nicht durch Schweigen sich verborgen zu halten. Ich will nicht daran erinnern, daß Marius von den mitleidigen Minturnensern der Göttin Marica[117] in ihrem Haine empfohlen ward, es möge ihm alles gut gelingen, und siehe da, er, der eben noch am Rande des Abgrundes stand, kehrte unversehrt und blutgierig an der Spitze eines blutgierigen Heeres in die Stadt zurück; wie blutig dort sein Sieg war, wie unbürgerlich, unmenschlicher als ein Feindessieg, das mag man bei den Geschichtsschreibern nachlesen. Doch, wie gesagt, ich will das übergehen und schreibe auch dieses bluttriefende Glück des Marius nicht einer Marica zu, sondern vielmehr der geheimen Vorsehung Gottes, die denen den Mund schließen und Befreiung vom Irrtum gewähren wollte, welche sich nicht von Voreingenommenheit leiten lassen, sondern mit klarem Blick darauf achten, daß die Dämonen, wenn sie auch in dieser Hinsicht irgend etwas vermögen, doch nur soviel vermögen, als ihnen nach dem geheimen Ratschluß des Allmächtigen gestattet ist, damit wir das irdische Glück nicht überschätzen, das ja auch den bösen Menschen, wie eben dem Marius, in der Regel zuteil wird, aber es auch anderseits nicht für verwerflich halten, da sich dessen, wie wir sehen, auch viele fromme und gute Verehrer des einen wahren Gottes wider den Willen der Dämonen in hohem Grade zu erfreuen hatten, und damit wir nicht gar wegen eben dieser zeitlichen Güter oder Übel die unreinen Geister günstig stimmen oder fürchten zu sollen glauben, da sie ebenso wie die bösen Menschen auf Erden nicht alles, was sie wollen, zu tun vermögen, sondern nur soviel, als nach der Fügung Gottes zugelassen wird, dessen Gerichte niemand völlig begreift, niemand mit Recht begeifert.
24. Ganz offen zeigten sich die Dämonen als Helfershelfer Sullas.
Jedenfalls waren dem Sulla seinerseits, dessen Zeiten der Art waren, daß man sich nach den eben vorangegangenen sehnte, von denen er die Welt zu befreien vorgab, bei seinem Zug nach der Stadt wider Marius[118] , wie Livius berichtet, die Vorzeichen in den Eingeweiden der Opfertiere so günstig, daß der Opferschauer Posturnius erklärte, er wolle sich in die Haft begeben und der Todesstrafe gewärtig sein, wenn Sulla seine Absichten nicht mit Hilfe der Götter durchführe. Da haben wir's ja: die Götter hatten ihre Tempel und Altäre nicht verlassen und sich zurückgezogen, da sie doch über den Ausgang der Sache eine Vorhersagung machten, ohne sich freilich um die Besserung Sullas zu kümmern. Sie verhießen in einer Prophezeiung ein großes Glück, aber der bösen Gier setzten sie keinerlei Drohung entgegen. Ferner, da er in Asien den Krieg gegen Mithridates führte, ließ ihm Jupiter durch Lucius Titius verkünden, daß er den Mithridates besiegen werde, wie es auch der Fall war. Und als er sich dann später anschickte, in die Stadt zurückzukehren und das ihm und seinen Freunden zugefügte Unrecht mit Bürgerblut zu sühnen, ward ihm abermals von demselben Jupiter durch einen Soldaten der sechsten Legion verkündet, er habe vordem den Sieg über Mithridates vorhergesagt und nun verheiße er, die Macht zu verleihen, den Feinden die Regierung nicht ohne großes Blutvergießen wieder zu entreißen. Darauf ließ sich Sulla von dem Soldaten die Gestalt beschreiben, die ihm erschienen war, und erinnerte sich, daß es dieselbe sei, wie die, von der ihm der Überbringer der Verkündung des Sieges über Mithridates berichtet hatte. Was läßt sich da auf die Frage erwidern, weshalb sich die Götter angelegen sein ließen, jenes scheinbare Glück zu verkünden, während sich keiner von ihnen angelegen sein ließ, durch Warnung den Sulla zu bessern, der im Begriffe stand, auf dem verbrecherischen Weg des Bürgerkrieges ein Unheil anzustiften, dergleichen den Staat nicht nur entwürdigte, sondern in seiner ganzen Existenz vernichtete? Hier sieht man eben, daß die Dämonen, wie ich oft gesagt habe und wie uns aus der heiligen Schrift bekannt ist und die Tatsachen selbst es hinreichend erweisen, ihr eigenes Geschäft besorgen, damit sie als Götter betrachtet und verehrt werden, damit ihnen Ehren erwiesen werden, durch die die Verehrer sich ihnen zugesellen und gemeinsam mit ihnen ein und dieselbe äußerst schlimme Lage im Gerichte Gottes haben sollen.
Als hernach Sulla nach Tarent kam und dort den Göttern opferte, sah er auf dem oberen Teil einer Kalbsleber das Bild einer goldenen Krone. Das deutete der Opferschauer Postumius auf einen glänzenden Sieg und hieß ihn diesen Teil der Eingeweide selbst zu essen. Kurz darauf rief ein Sklave eines gewissen Lucius Pontius in seherischem Geiste aus: ,,Von Bellona[119] komme ich als Bote; der Sieg ist dein, Sulla“. Er fügte noch bei, das Kapitol werde in Brand geraten. Mit diesen Worten stürmte er aus dem Lager und kam tags darauf noch aufgeregter zurück mit der Meldung, das Kapitol sei in Brand geraten. So war es auch. Dies vorauszusehen und eiligst zu verkünden, war einem Dämon leicht. Doch man beachte, auf was es hier hauptsächlich ankommt, nämlich welche Götter sich die als Herren wünschen, die den Erlöser schmähen, daß er den Willen der Gläubigen von der Herrschaft der Dämonen befreit. Jener Mann rief in seherischem Geiste: „Der Sieg ist dein, Sulla,“ und um den Glauben zu erwecken, daß er dies in göttlichem Geiste rufe, verkündete er zugleich etwas, was unmittelbar bevorstand und auch alsbald eintrat, wovon aber der, durch den der Geist sprach, räumlich weit entfernt war; dagegen rief er nicht: „Hüte dich vor Verbrechen, Sulla!“ da doch Sulla damals deren als Sieger so entsetzliche beging, er, dem eine goldene Krone als strahlendes Zeichen des Sieges an der Leber eines Kalbes erschien. Wären es wahre Götter und nicht Dämonen, die solche Zeichen zu geben pflegen, so würden sie gewiß in den Eingeweiden auf drohende, ruchlose und für Sulla selbst höchst verderbliche Übel hingewiesen haben. Denn der Sieg erhöhte wohl sein Ansehen, aber weit mehr seine verhängnisvolle Gier; und so kam es, daß er alle Mäßigung beiseite setzte, durch das Glück sich überhob und hinreißen ließ und dadurch an sittlichem Gehalt mehr verlor, als er seinen Feinden leiblichen Schaden tat. Diese wirklich traurigen und beklagenswerten Folgen hat ihm kein Gott vorhergesagt, keiner aus Eingeweiden oder Vogelzeichen, durch Traum oder Weissagung verkündet. Ihnen lag mehr am Herzen, seine Besserung zu hintertreiben als ihn zum Siege zu führen. Im Gegenteil, sie arbeiteten an seiner Niederlage; als glorreicher Sieger über die Bürger sollte er von schandbaren Lastern besiegt und in Knechtschaft gehalten und so erst recht enge an die Dämonen gekettet werden.
25. Wie sehr reizen die bösen Geister die Menschen zur Lasterhaftigkeit, indem sie das Gewicht ihres scheinbar göttlichen Beispiels für Begehung von Freveln einsetzen!
Man sah sogar auf einer weiten Ebene Campaniens, auf der bald hernach Bürgerscharen in unheilvollem Kampfe mit einander rangen, diese Götter zuerst mit einander Krieg führen. Wahrlich, man muß sich dafür entschieden haben, lieber sie nachzuahmen, als sich mit der Gnade Gottes von ihnen loszusagen, um nicht zu erkennen und klar zu durchschauen, wie sehr sich diese bösen Geister Mühe geben, durch ihr Beispiel für Verbrechen eine Art göttliches Vorbild aufzustellen. Dort hörte man nämlich zuerst ein mächtiges Getöse, und bald kam von vielen Seiten die Nachricht, man habe einige Tage hindurch zwei Heere wider einander streiten sehen. Nach Beendigung des Kampfes fand man auch Spuren, wie von Menschen und Pferden eingedrückt, in einer Menge, wie sie etwa einem solchen Zusammenstoß entsprach. Wenn demnach wirklich Gottheiten mit einander gekämpft haben, so finden ja Bürgerkriege zwischen Menschen Entschuldigung; doch bedenke man, welche Bosheit von diesen Göttern, oder aber welch klägliche Zustände bei ihnen! Haben sie aber den Kampf nur fingiert, was haben sie damit sonst bezweckt, als daß die Römer zu der Meinung kommen sollten, sie begingen kein Unrecht, wenn sie nach dem scheinbaren Beispiel der Götter Bürgerkriege führten? Denn schon hatten die Bürgerkriege ihren Anfang genommen und waren einige unselige Kämpfe unter fluchwürdigen Blutvergießen vor sich gegangen. Schon hatte es in weiten Kreisen einen erschütternden Eindruck gemacht, daß ein Soldat, der einem Getöteten die Rüstung auszog, in dem entkleideten Leichnam seinen Bruder erkannte und daraufhin unter Verwünschung des Bürgerkrieges neben der Leiche seines Bruders Selbstmord beging. Damit man also den Abscheu vor so entsetzlichem Greuel völlig überwinde und die Lust am verbrecherischen Kriege immerdar wachse, erachteten es die feindseligen Dämonen, die man für Götter hielt und verehren zu müssen glaubte, für geraten, einen Götterkampf vor den Menschen aufzuführen; treubürgerliche Gesinnung sollte das Bedenken ablegen, solche Kämpfe nachzuahmen, vielmehr sollte das Verbrechen der Menschen an dem Beispiel der Götter seine Entschuldigung finden. Dieselbe Verschmitztheit leitete die bösen Geister auch bei der Anordnung, ihnen Bühnenspiele zu weihen, wovon bereits ausführlich die Rede war; die dabei in Bühnengesängen und Schaustellungen gefeierten Schandtaten der Götter sollten das Publikum zu unbedenklicher Nachahmung reizen, da jeder, gleichviel ob er daran glaubte oder nicht daran glaubte, wahrnehmen mußte, daß sich die Götter derlei mit großem Vergnügen darbieten ließen. Damit man also ja nicht meine, die Dichter hätten nicht würdig von ihnen geschrieben, sondern Schmähungen wider sie erdichtet, wenn sie von Kämpfen zwischen Göttern sprechen, haben die bösen Geister selbst zur Irreführung der Menschen die Dichtungen bestätigt, indem sie ihre Kämpfe nicht nur durch Schauspiele im Theater, sondern auch in eigener Person auf einem Felde vor den Augen der Menschen aufführten.
Zu diesen Ausführungen haben uns die römischen Schriftsteller selbst veranlaßt, weil sie unumwunden zugeben, daß durch die ganz herabgekommenen Sitten der Bevölkerung der römische Staat schon vorher zugrunde gegangen sei und schon vor der Ankunft unsers Herrn Jesus Christus nicht mehr als Staat existiert habe. Diesen Verlust schreiben unsere Gegner nicht ihren Göttern auf Rechnung, wohl aber unserm Christus die vorübergehenden Übel, an denen die Guten, ob sie sie überleben oder daran sterben, nicht zugrunde gehen können; und doch schärft unser Christus so herrliche Gebote zur Hebung der Sitten und zur Bekämpfung der Sittenlosigkeit stestfort ein, während ihre Götter niemals mit derartigen Geboten an das sie verehrende Volk zum Besten des Staates, um ihn vor dem Untergang zu bewahren, herangetreten sind; haben sie doch eben die Sitten durch ihr angebliches Beispiel unter Mißbrauch der Autorität verdorben und so vielmehr auf den Untergang des Staates hingearbeitet. Und niemand, glaube ich, wird ferner noch zu behaupten wagen, deshalb sei damals der Staat zugrunde gegangen, weil „die Götter insgesamt von den Altären und Tempeln gewichen waren“, sie, „die Freunde der Tugend“, beleidigt durch die Lasterhaftigkeit der Menschen; denn sie werden der Anwesenheit überführt durch eine Unzahl von Äußerungen in Opfer- und Vogelschau und freier Weissagung, wodurch sie mit ihrer Kenntnis der Zukunft und mit ihrer Beihilfe in Schlachten groß zu tun und sich einzuschmeicheln trachteten; wären sie nur wirklich fern gewesen, die Römer hätten sich, lediglich aus eigener Leidenschaft, weniger heftig in Bürgerkriege gestürzt als auf ihre Anreizung hin.
26. Was hat man von den geheimen Weisungen der Dämonen über wahre Sittlichkeit zu halten, da man doch öffentlich bei ihrem Kulte jede Art von Schlechtigkeit lernen konnte?
So also stand es. Offen und ohne Hehl wurden Schändlichkeiten und Grausamkeiten, Untaten und Verbrechen von Göttern, gleichviel ob wahre oder erdichtete, auf das gebieterische Verlangen der Dämonen und auf ihre Drohung mit Ungnade im Fall der Weigerung sogar in bestimmten und regelmäßig wiederkehrenden Festfeiern ihnen geweiht und gewidmet, sie standen in Ansehen und wurden als nachahmenswertes Vorbild allenthalben dargeboten und gingen vor aller Augen über die Bühne. Was ist nun unter solchen Umständen davon zu halten, daß eben diese Dämonen, die sich durch derlei Gelüste als unreine Geister kundgeben, die durch Offenbarung ihrer Laster und Schandtaten oder durch Vorspiegelung von solchen und dadurch, daß sie deren feierliche Darstellung von den Schamlosen forderten und von den Sittsamen erpreßten, offenkundig zu einem sündhaften und unreinen Wandel aufreizten, angeblich in ihrem Allerheiligsten und in geheimen Zellen einigen, ihren auserwählten Heiligen sozusagen, gewisse Sittenvorschriften im guten Sinne erteilen? Ist daran wirklich etwas Wahres, so läßt sich eben an diesem Vorgehen erkennen und erweisen, daß die Bosheit dieser heillosen Geister mit besonderer Verschmitztheit gepaart ist. Denn die Anziehungskraft der Rechtschaffenheit und Keuschheit ist so mächtig, daß deren Vortrefflichkeit auf jedes oder fast auf jedes menschliche Wesen einen Eindruck macht und niemand so tief in Lasterhaftigkeit versunken ist, daß in ihm alles Gefühl für Ehrbarkeit erstorben wäre. Wenn sich daher die Bosheit der Dämonen nicht zuweilen, wie wir in unserer Schrift ja lesen[120] , „in einen Engel des Lichtes kleidete“, so führte sie das Geschäft des Betrügers nicht völlig durch. Draußen also unzüchtige Gottlosigkeit, die allüberall laut vor den Ohren des Volkes erschallt, und drinnen erheuchelte Keuschheit, die mühsam zu den Ohren einiger weniger dringt; für das Schandbare die breite Öffentlichkeit, für das Ehrbare tiefe Verborgenheit; die Tugend verkriecht sich, das Laster spreizt sich; das Schlimme, in Handlungen vorgeführt, sammelt alle um sich als Zuschauer; das Gute, in Worten vorgebracht, findet zur Not ein paar Zuhörer, gerade als müsse man sich der Ehrbarkeit schämen und der Unehrbarkeit rühmen. Und wo hält man es so? In den Tempeln der Dämonen, in den Herbergen des Truges! Das eine geschieht, um die Anständigeren zu gewinnen, die in der Minderzahl sind; das andere, damit sich die aller Schandbarkeit ergebene große Mehrzahl nicht bessere.
Ich weiß nicht, wo und wann die Auserwählten der Cälestis Vorschriften der Keuschheit zu hören bekamen; aber vor ihrem Heiligtum, in welchem wir ihr Bild aufgestellt sahen, verfolgten wir alle, die wir von allen Seiten herbeiströmten und mit Mühe einen Platz erkämpften, mit der größten Aufmerksamkeit die Spiele, die aufgeführt wurden, den Blick abwechselnd bald auf die Prozession der Buhldirnen, bald auf die jungfräuliche Göttin gerichtet, wie man sie flehentlich anrief und zugleich vor ihr schandbare Dinge verübte; kein Mime, keine Schauspielerin von auch nur einigem Schamgefühl war da zu sehen; aller Unzucht wurde vollauf gefrönt. Man wußte, was der jungfräulichen Göttin gefalle, und führte Dinge auf, daß auch eine verheiratete Frau mit neuer Kenntnis bereichert vom Tempel nach Hause gehen konnte. Manche Frauen, die noch einiges Schamgefühl besaßen, wandten den Blick von den unzüchtigen Bewegungen der Schauspieler ab und lernten die Kunst des Lasters nur durch verstohlene Beobachtung kennen. Sie schämten sich eben vor den Menschen und wagten nicht, die unzüchtigen Bewegungen freien Blickes zu betrachten; noch viel weniger aber wagten sie die Feier der verehrten Jungfrau keuschen Herzens zu verdammen. Es wurde in der Tat im Tempel Gelegenheit geboten, öffentlich Dinge zu lernen, zu deren Begehung man im Hause doch wenigstens die Verborgenheit aufsuchte, wobei sich nur das Schamgefühl der Menschen, wenn dort eine Spur davon zu finden war, gar sehr darüber wundern mußte, daß die Menschen nicht ungeniert ihre menschlichen Laster verübten, in die sie bei den Göttern sogar in den Formen eines religiösen Schauspiels eingeweiht wurden unter Drohung mit ihrem Zorne, wenn sie nicht auch für deren Vorführung Sorge trügen. Denn der gleiche Geist, der sich an solchen Festfeiern ergötzt, ist es auch, der mit heimlicher Anreizung die verdorbenen Seelen aufstachelt und sie zur Unzucht treibt und sich an deren Begehung weidet; er stellt in den Tempeln die Abbilder der Dämonen auf und liebt bei den Spielen die Vorbilder der Laster; er lispelt im Verborgenen Worte der Gerechtigkeit, um auch noch die wenigen Guten zu täuschen, und häuft vor der breiten Öffentlichkeit Lockungen zur Schlechtigkeit, um sich der zahllosen Bösen zu versichern.
27. Welch erschrecklichen Verfall der öffentlichen Zucht bei den Römern die Weihe unzüchtiger Spiele zur Versöhnung ihrer Götter herbeiführte.
Tullius, ein würdiger Mann, aber ein schlechter Philosoph, machte bei der Bewerbung um die Ädilität der ganzen Bürgerschaft bekannt, daß er es zu seinen Amtspflichten rechne, die Mutter Flora durch Festspiele zu versöhnen[121] ; diese Spiele aber werden gemeinhin je frömmer desto ausgelassener gefeiert. An einer anderen Stelle[122] sagt er, damals schon Konsul zu einer Zeit, da sich der Staat in äußerster Gefahr befand: Zehn Tage lang seien Spiele abgehalten und nichts sei versäumt worden, um die Götter zu versöhnen; als wenn es nicht besser gewesen wäre, solche Götter durch Enthaltsamkeit zu reizen, statt sie durch Ausschweifung zu versöhnen, sie durch Ehrbarkeit sogar zu feindseliger Gesinnung zu treiben, statt sie durch solche Greuel zu besänftigen. Denn die Leute, wegen deren drohender Haltung sie versöhnt wurden, hätten auch mit der unmenschlichsten Grausamkeit nicht soviel Schaden tun können, als die Götter, da man sie mit den unsaubersten Lastern versöhnte. Hat man sich doch, um den Gefahren für den Leib zu begegnen, die man von einem Feinde befürchtete, die Götter auf eine Weise günstig gestimmt, durch die die Tugend in der Seele vernichtet wurde; denn die Götter hätten die Verteidigung der Mauern wider den stürmenden Feind nicht übernommen, ohne vorher die guten Sitten der Bürger im Sturm erobert zu haben. Und diese Versöhnungsfeiern, deren Mimen die Römer mit dem Instinkt ursprünglicher Tüchtigkeit der Bürgerehre beraubten, aus der Zunft stießen, für unehrlich erkannten und in Verruf erklärten, diese Orgien der Ausgelassenheit, der Unkeuschheit, der Schamlosigkeit, der nichtswürdigsten Unzucht, ich sage, so schandbare Versöhnungsfeiern solcher Götter, einen Greuel und Gegenstand des Abscheues für die wahre Religion, diese verführerischen Schauspiele, voll Anwürfen gegen die Götter, diese Schandtaten der Götter, ob nun frevelhaft und schimpflich begangen oder noch frevelhafter und schimpflicher fingiert: die gesamte Bürgerschaft lernte sie durch öffentliche Schaustellung und Deklamation kennen, sie sah, daß an solchen Taten die Götter Gefallen fänden, und glaubte deshalb derlei nicht nur ihnen vorführen, sondern auch für sich nachahmen zu sollen; nichts aber erfuhr sie von jenen angeblich guten und ehrbaren Lehren, die an so wenige und dazu so insgeheim ergingen [wenn sie überhaupt ergingen], als ob man deren Verbreitung noch mehr scheue als deren Befolgung.
28. Die Heilswirkung der christlichen Religion.
Daß nun die Menschen von dem höllischen Joch dieser unlauteren Mächte und von dem Los gemeinsamer Strafe mit ihnen durch Christi Namen erlöst und aus der Nacht verderblichster Gottlosigkeit in das Licht heilbringendster Gottseligkeit versetzt werden, darüber klagen und murren unbillig denkende, undankbare und in die Gewalt des bösen Geistes nur zu tief verstrickte Leute, weil die Scharen in keuscher Feierstimmung, nach Geschlechtern ehrbar getrennt, zur Kirche strömen, um dort zu vernehmen, wie sie sich für die kurze Spanne Zeit hienieden eines guten Wandels zu befleißen haben, damit sie nach diesem Leben selig und immerdar zu leben verdienten; um dort, wo die Heilige Schrift und die Lehre der Gerechtigkeit von erhöhter Stelle aus vor allen Anwesenden ertönt, sie zu hören zum Heile, wenn sie danach handeln, oder zum Gerichte, wenn sie nicht danach handeln. Mögen dorthin selbst etliche kommen, die über solche Lehren spotten, so weicht doch ihre ganze Ausgelassenheit entweder einer plötzlichen Sinnesänderung oder sie erstickt in Furcht oder Scham. Denn wo die Gebote des wahren Gottes verkündet oder seine Wunder erzählt, seine Gaben gepriesen oder seine Gnaden erfleht werden, da wird keine Schändlichkeit und kein Laster zu Schau und Nachahmung vorgeführt,
29. Aufforderung an die Römer, vom Kult der Götter abzulassen.
Danach sollst du lieber begehren, preiswürdige echte Römerart, Geschlecht eines Regulus, Scävola, Scipio, Fabricius; danach sollst du lieber begehren; sieh, wie verschieden dies ist von jenem schändlichen, eitlen Treiben der Dämonen und von ihrer trugbeflissenen Bosheit. Was immer als treffliche Naturanlage dich auszeichnet, es wird nur durch wahre Frömmigkeit geläutert und vervollkommnet, durch Gottlosigkeit dagegen verderbt und strafwürdig. Nunmehr entschließe dich, wohin du dich wenden sollst, um nicht in dir, sondern im wahren Gott ohne Gefahr einer Irrung Ruhm zu finden. Denn ehedem umgab dich der Ruhm der Welt, aber es war nach dem geheimen Ratschluß der göttlichen Vorsehung die wahre Religion nicht vorhanden, dich ihr anzuschließen. Erwache, es ist Tag, wie du erwacht bist in so manchen, die uns durch ihre vollkommene Tugend und selbst durch Leiden für den wahren Glauben Gegenstand des Ruhmes sind, die nach allen Seiten hin wider die feindlichsten Gewalten kämpften, sie durch einen heldenmütigen Tod überwanden und „mit ihrem eignen Blut dieses Vaterland uns erworben“[123] . In dieses Vaterland überzusiedeln laden wir dich mit mahnender Stimme ein, geselle dich der Schar seiner Bürger bei! Seine Freistatt sozusagen[124] ist der wahrhaftige Sündennachlaß. Höre nicht auf die Entarteten deines Volkes, die auf Christus und die Christen schmähen und in Selbsttäuschung über die bösen Zeiten klagen, da sie doch Zeiten wünschen, nicht eines friedlichen Lebens, sondern nur der größten Freiheit für ihre Schlechtigkeit. Solche Zeiten haben dir aber niemals, auch nicht für das irdische Vaterland gefallen. Nunmehr ergreife das himmlische, für das du nur ganz wenig zu leiden brauchst, und doch wirst du in ihm wahrhaft und immerfort herrschen. Denn dort wird dir nicht der vestalische Herd noch der kapitolinische Fels, sondern der eine und wahre Gott „weder Ziel noch Grenzen der Herrschaft setzen, er wird dir ein Reich ohne Ende geben“[125] .
Geh' nicht den falschen und trügerischen Göttern nach; weg damit, verachte sie, erhebe dich zur wahren Freiheit! Sie sind keine Götter, böse Geister sind sie, für die deine ewige Seligkeit eine Pein ist. Mehr noch als Juno den Trojanern, von denen du deine Herkunft ableitest, die Bergung in Rom mißgönnte, missgönnen diese Dämonen, die du annoch für Götter hältst, dem ganzen Menschengeschlecht die ewigen Wohnsitze. Du hast ja selbst über solche Geister schon ein bedeutungsvolles Urteil gefällt, da du sie durch Spiele versöhntest und die Darsteller der Spiele für ehrlos erklärtest. Laß deine Freiheit in Schutz nehmen wider die unreinen Geister, die deinem Nacken das Joch auferlegt haben, zu ihren Ehren ihre Schande zu weihen und zu feiern. Die Mimen der Götterverbrechen hast du von deinen Ehrenstellen weggewiesen; flehe zum wahren Gott, daß er von dir jene Götter weise, die sich an ihren Schandtaten ergötzen, eine unsägliche Schmach, wenn sie wirklich geschahen, eine unsägliche Bosheit, wenn sie fingiert sind. Aus dir selbst heraus hast du den Schauspielern und Bühnenleuten den Anteil am Bürgerrecht verwehrt; recht so; erwache noch vollends! Gewiß wird durch solche Künste, die die Menschenwürde schänden, Gottes Majestät nicht versöhnt. Wie kannst du also Götter, die sich an solcher Huldigung ergötzen, der Zahl der heiligen Himmelsgewalten beigesellen wollen, da du die Menschen, durch die eben diese Huldigungen dargebracht werden, der Zahl der niedrigsten römischen Bürger nicht beigesellen wolltest? Unvergleichlich herrlicher ist die himmlische Gemeinde, in der Sieg und Wahrheit, Würde und Heiligkeit, Friede und Seligkeit, Leben und Ewigkeit herrschen. Wenn du in deiner Gemeinschaft schon solche Menschen zu haben dich schämtest, so gibt es in jener Gemeinschaft noch viel weniger solche Götter. Wenn du dich also sehnst, zur seligen Gemeinde zu gelangen, so meide die Gemeinschaft mit den Dämonen. Unwürdig der Verehrung der Rechtschaffenen sind die, die Versöhnung durch Ehrlose entgegennehmen. Wie die Schauspieler durch zensorische Rüge von deinem Ehrenstand ausgeschlossen worden sind, so sollen die Götter durch die christliche Reinigung vor deiner Verehrung ausgeschlossen werden.
Hier will ich mit diesem Buche Schluß machen. Wir werden weiterhin sehen, daß die Dämonen auch über die Güter der niederen Sphäre, die einzigen, die den Bösen begehrenswert erscheinen, nicht die Gewalt haben, die man ihnen beimißt [und wenn sie sie hätten, so müssten wir eben lieber auch diese Dinge verachten als um ihretwillen die Dämonen verehren und uns dadurch den Weg versperren zu den Gütern, die sie uns mißgönnen], daß sie also hierin nicht die Macht haben, wie sie ihnen von denen zugeschrieben wird, die um solcher Dinge willen die Verehrung der Dämonen zur Pflicht machen wollen.