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Die Begegnung
ОглавлениеSchon in den Dreißigerjahren hatte die Familie Den Held wenig Besuch bekommen, während des Krieges aber blieben auch alte Bekannte weg. Die öffentlichen Verkehrsmittel fuhren immer seltener, und unter anderem deshalb wurde es in der Rijksstraatweg Nummer 300 noch stiller. Für Corrie war das ein guter Grund, möglichst viel zu unternehmen, zum Beispiel mit den Zwillingsschwestern Van Burlage. Die hatten ein Segelboot, mit dem sie an einem Sommertag 1943 auf den Kagerplassen fuhren. Dümpeln traf es wohl eher, denn es war nahezu windstill. Die Segel hingen schlaff an ihren Masten, und ihre Jolle bewegte sich kaum vom Fleck. Corrie, die Zwillinge und zwei andere Freundinnen trieben fast allein auf dem Wasser. Unter der Woche war auf den Kagerplassen nie viel los, und nun kam das ruhige Wetter noch hinzu. Was die fünf Jugendlichen taten, war eher träger Zeitvertreib als Wassersport.
Sie plauderten in ihrer kleinen Jolle, als plötzlich ein größeres Boot längsseits kam. Das konnte Zufall sein, zwei Boote so nah beieinander. Bei so wenig Wind war es schwierig zu steuern. Vielleicht war es aber überhaupt kein Zufall. Corrie würde es nie erfahren. Vielleicht waren sie vorher beobachtet worden, konnte man von Kalkül sprechen, von geduldigem Warten und im richtigen Moment Zuschlagen, wie ein Raubtier und seine Beute. Doch das wäre Nachtarocken, und nach Argwohn stand ihr an jenem gemütlichen Sommertag plaudernd mit ihren Freundinnen auch nicht der Sinn.
In dem Segelboot saß ein einziger Mann. Er sah die Mädchen freundlich an und unterhielt sich mit ihnen. Danach verabschiedete er sich wieder.
Am Nachmittag trafen sie den Mann im Zug zurück nach Leiden wieder. Er betrat ihr Abteil, sie unterhielten sich erneut, und er schien sich in der Gesellschaft der fünf jungen Damen ausgesprochen wohl zu fühlen. Auf Corrie machte er zumindest einen vertrauenerweckenden Eindruck. Von üblen Absichten schien keine Rede zu sein, zudem war er geschmackvoll gekleidet. Völlig offen und im Beisein der Freundinnen fragte er Corrie, ob sie Lust habe, mal mit ihm segeln zu gehen.
Das habe sie, antwortete sie. Einladungen anständiger Männer mit schönen Segelbooten bekam sie nicht alle Tage. Außerdem liebte sie das Segeln. Nicht, dass sie es schon gut konnte, vielmehr faszinierte sie die Freiheit des offenen Wassers. Mitten auf dem Wasser, kein Mensch in der Nähe und das spritzende Bugwasser im Gesicht. Für sie gab es nichts Schöneres. Genau genommen war sie an keinem Ort so weit weg von zu Hause wie hier auf den Kagerplassen . Für das Geräusch der flatternden Segel und der knarzenden Taue, die durch die Flaschenzüge ratterten, hatte Corrie gerne eine ganze Stunde Fahrt mit dem Fahrrad von Wassenaar bis zum Yachthafen in Warmond übrig.
Dass er gerade sie einlud, fühlte sich ein wenig an wie auserwählt worden zu sein. Sein Auge hätte ebenso auf eines der Zwillinge fallen können. Sie waren hübsche, selbstbewusste, um nicht zu sagen sehr präsente Mädchen mit welligem, dunklem Haar. Mit ihren sechzehn Jahren waren sie zwei Jahre jünger als Corrie, dafür aber keck und aufgeweckt. Corrie den Held kannte die beiden schon von Kindesbeinen an, denn sie waren in der Dintelstraat in Den Haag Nachbarn gewesen. Später, als die Familie Den Held in die Schellinglaan nach Voorburg gezogen war, war ihnen die Familie der Zwillinge sozusagen gefolgt.
Die beiden Mädchen hatten Corrie schon ein paar Segelkniffe beigebracht. Sie entstammten einer betuchten Familie, die Boote besaß. Ihre Eltern hatten auch noch ein Motorboot, unerreichbar für Leute wie Corrie, und ihr Vater war Geschäftsführer eines Ölkonzerns. Als der Unbekannte sich verabschiedet hatte, sagten sie im Chor: „Er hat sich die Harmloseste ausgesucht, und das warst du.“
Corrie dachte: „Vielleicht haben sie Recht“.
Es war nicht ihre Gewohnheit, eine Einladung vom erstbesten Mann anzunehmen. Sie flirtete auch nicht. Wenn Corrie ein Geschäft betrat, senkte sie den Blick, wie es sich für ein wohlerzogenes Mädchen aus Wassenaar gehörte. Dann mussten eventuelle Bekannte sie schon ansprechen oder berühren, wenn sie Kontakt mit ihr wollten. Erst dann entwickelte sich leicht eine Unterhaltung. Sie konnte im ersten Augenblick reserviert sein, aber danach lachte sie gerne und zeigte sich interessiert. Und etwa so war es auch jetzt gegangen.
In ihrer Hand hielt sie die Visitenkarte, die der Mann, der offensichtlich älter war als sie, ihr gegeben hatte. Darauf stand in geschwungenen Buchstaben: Jonkheer Baron H. Van Lynden .
Einige Tage darauf würden sie sich treffen. Diesmal nahm Corrie die Straßenbahn von Wassernaar nach Leiden und danach den Zug nach Warmond. Sie war allein und erwischte leider sie den falschen Zug, den Eilzug nach Haarlem, der nicht in Warmond hielt. 1943 hatte Warmond noch einen Bahnhof aus dem neunzehnten Jahrhundert, ein fast ländliches Gebäude mit Holzdach und Zierleisten, auf halber Strecke von Amsterdam nach Rotterdam. Aus dem Fenster konnte sie den Yachthafen sehen, wo der Baron wahrscheinlich auf sie wartete. Jetzt musste jedoch erst nach Haarlem weiterfahren und danach den Zug zurück nehmen.
Angespannt durch die Befürchtung, wegen ihrer eigenen Dummheit einen schönen Nachmittag verpasst zu haben, erreichte sie den Yachthafen mit einer Stunde Verspätung. Zu ihrer Erleichterung war Freiherr Baron H. van Lynden noch da. Henk, wie sein Vorname lautete, saß in seinem Segelboot und lächelte sie an.
Schon bei ihrer Ankunft benahm er sich zuvorkommend, fand sie. Wie ein Gentleman.
Corrie und Henk verbrachten den Nachmittag segelnd. Entspannt fuhren sie durch das Labyrinth aus kleinen und großen Seen, vorbei an Schilffeldern und Weiden, Wällen und alten Mühlen durch das verträumte Wasserland auf der Grenze zwischen der Provinz Süd-Holland und Utrecht. Sie plauderten über Belanglosigkeiten. Seine Stimme gefiel ihr. Stimmen waren wichtig, fand sie. Menschen, die sich unangenehm anhörten, ging sie am liebsten aus dem Weg. Es war undenkbar, dass sie sich verlieben würde in jemanden mit einer lauten Stimme.
Er konnte auch unterhaltsam erzählen. Ein kultivierter, erfahrener Segler mit einer angenehmen Stimme und einem schönen Boot. Immerhin. Ansonsten geschah nichts Besonderes. Zum Abendessen war sie wieder zu Hause. Corrie konnte ihn gut leiden und war schon wieder verabredet.
Was wusste Corrie von Männern? Nicht viel. Ihr verstorbener Vater war ein Mysterium, mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder hatte sie kaum etwas zu tun und die Lehrer in der Schule hatte sie immer eine merkwürdige, strenge Sorte Mensch gefunden. Als sie bei ihrem Mathematik- und Physiklehrer hatte nachsitzen müssen, weil sie während des Unterrichts mit etwas anderem beschäftigt gewesen war, hatte sie die Augen geschlossen und gedacht: „Komischer Mann, ich sehe dich nicht.“ Und ihr bis dahin einziger Freund Piet, dessen Vater eine Druckerei in der Nähe ihres Elternhauses an der Rijksstraatweg hatte, hatte sich entpuppt als jemand, den seine Jazzband mehr interessierte als sie. Als sie miteinander gingen, hatten sie wenig anderes gemacht als bei ihr oder bei ihm zu Hause herumzusitzen. Diese langweilige Verbindung, in der sie sich nicht einmal geküsst hatten, hatte nach einem halben Jahr ein Ende gefunden. Piet hatte Schluss gemacht.
Man konnte Corrie auch kaum als Frau von Welt bezeichnen. Bis zu ihrer Verabredung mit dem Baron war sie nicht viel weiter gekommen als Den Haag und Umgebung. Urlaubsreisen hatten sich beschränkt auf einen Tag in Marken an Himmelfahrt und zwei Tage Paris, als ihre älteste Schwester mit einem französischen Studenten gegangen war. Immer hatte Corrie nur draußen gespielt, auch wenn andere Kinder aus ihrem Umfeld ihre Ferien auf der Insel Texel oder in der Veluwe oder gar im Ausland verbrachten. Das Aufregendste war ein Ausflug nach Heereveen gewesen. Zusammen mit den anderen Schülern der Abschlussklasse hatte sie bei einem Baron übernachtet und an einem großen runden Tisch ganz vornehm mit Lakaien hinter sich diniert. Als jemand bei der Überreichung des Abschiedsgeschenks im Namen der Schüler ein Dankeswort sagen sollte, hatte sich keiner getraut, also hatte Corrie das übernommen.
Es hatte den Anschein, als hätte sie die fremde Umgebung in Heereveen damals größer gemacht, stärker, mündiger. Ihre Klassenkameraden blickten viel zu sehr zu einem Baron auf, hatte sie gefunden, und jetzt, im Sommer 1943, stand sie bei einem weiteren adeligen Mann vor der Tür. Corrie und der Baron waren nach ihrem ersten Segelturn auch schon zusammen ins Kino gegangen, und diesmal hatte Henk sie zu sich nach Hause eingeladen.
Er wohnte im Haus Boschzicht ganz in ihrer Nähe, das war praktisch. Das monumentale Appartementgebäude befand sich fußläufig in der Rijksstraatweg . Und es war genau wie man es von einem Adeligen erwarten würde. Haus Boschzicht bot Aussicht auf die riesigen Buchen des Haagse Bos . Und obwohl für die deutschen Raketenanlagen, von denen aus London belagert wurde, ein großer Teil des Waldes gefällt worden war, war Corrie von dem Anwesen tief beeindruckt. Es sah unnahbar und abgeschirmt aus. Sie bestieg die Steinstufen, ging durch die Eingangshalle und bestaunte drinnen die Eichenvertäfelung. Es war eins der ersten ‚Wohnhotels‘ in den Niederlanden, erbaut in den Zwanzigerjahren, um den Bedarf an Villen in der sich rasch ausbreitenden Stadt zu decken. Zwei Hausmeister kümmerten sich um das Haus, und es gab zwei Dienstaufzüge und eine Vielzahl Gemeinschaftsanlagen für reiche Leute wie Henk.
Auf beiden Seiten der vornehmen breiten Treppe blickten zwei Habichte einem direkt in die Augen, den eisernen grünen Körper in drohender Haltung. Corrie drehte sich auf dem Marmorboden um die eigene Achse und musste erkennen, dass es dem Freiherrn hier an nichts fehlte. So ein Wohnhotel aus Backstein mit Bleiglasfenstern, mit beeindruckender Symmetrie und Lichtschächten überall hatte sie zuvor noch nie gesehen. Der Eindruck setzte sich in seinem Appartement fort. Henk zeigte ihr den schön eingerichteten Salon mit Blick auf den Garten, der eher wie ein Park anmutete, die Gemälde an der Wand, seine Schlafzimmermöbel aus Nussholz.
Im Schlafzimmer jedoch wurde die Idylle ganz kurz getrübt. Sie konnte an dem Bett sehen, dass dort eine Frau geschlafen hatte. Henk mochte vielleicht sehr nett sein, aber offensichtlich war Corrie nichts die Einzige, zu der er so freundlich war. Aber nun, das konnte sich noch ändern. Henk ließ Kaffee und danach andere Getränke servieren. Eigentlich trank Corrie keinen Alkohol, doch nun ließ sie sich ein Glas nach dem anderen reichen. Wo war sie denn hier gelandet? Anderswo in Wassenaar und Den Haag nahm die Knappheit wöchentlich zu, doch hier herrschte Überfluss. Ihr wurde ein bisschen schwindlig, und während Henk dem Klavier eine klassische Melodie entlockte – musikalisch war er auch noch – bemerkte sie, dass sie Henk abgesehen von nett auch interessant zu finden begann.
Ansonsten erfuhr sie wenig. Über seine Arbeit äußerte sich Henk kaum näher, als dass sie illegal sei, gerichtet gegen die Besatzer. Deshalb müsse er schweigen über die Orte, an die er ginge, und über die Menschen, denen er begegne. Nicht einmal über seine Familie sagte er etwas. Er war der Meinung, dass es für ihre Sicherheit und für den Widerstand gegen die Deutschen am besten sei, dass sie so wenig wie möglich wisse.
Die Untergetauchten, denen er half, durften natürlich nicht in Gefahr gebracht werden, das verstand Corrie sehr gut. Außerdem fand sie einen Agenten, der sich für die gute Sache einsetzte und sich zu ihr hingezogen fühlte, gewissermaßen auch spannend. Und er machte ihr Komplimente.
Eines Tages hatte Henk sie vom Büro abgeholt, und sie fuhren mit der Straßenbahn nach Wassenaar. Zum ersten Mal wurde er mehr oder weniger konkret über seine Arbeit. Er müsse nach Schweden, sagte er. Im Auftrag der Engländer werde er den niederländischen Konsul treffen. Über den Inhalt der Gespräche äußerte er sich nicht, aber das war schon eine ganze Menge Information. Gefährlich konnte so eine Reise aus den besetzten Niederlanden in das noch immer neutrale Schweden und zurück natürlich durchaus werden. Er würde viele Grenzen mit gefälschten Papieren, List und Tücke passieren müssen. Doch Henk schien sich davor nicht zu fürchten. Er habe Beziehungen, die ihn beschützten, sagte er. Corrie solle versprechen, hierüber absolutes Stillschweigen zu wahren.
Wochen darauf erhielt sie ein Telegramm mit der Nachricht, dass Henk wieder da sei. Sie verabredeten sich, und nun wurden die tollsten Geschichten erzählt. Er habe in Schweden eine Menge erlebt. Auf der Hinreise habe er sich natürlich vor den Deutschen verstecken müssen, aber trotz allem sei es ihm gelungen, den Schiffsmotor, der während der Überfahrt nach England den Geist aufgegeben hatte, aufgrund seiner technischen Kenntnisse zu reparieren. In Schweden habe er schließlich das Angebot erhalten, mit dem Flugzeug zurück nach England zu fliegen, wo der niederländische Widerstand unter der Führung von Königin Wilhelmina koordiniert wurde. Er habe das Angebot abgelehnt, da ihm sein geheimer Auftrag wichtiger gewesen sei. Nach dem Gespräch mit dem Konsul sei er nur mit Mühen wieder aus Schweden herausgekommen. Unter einer umgedrehten Schluppe am Strand habe er auf das Schiff warten müssen, das ihn aufnehmen würde.
Henk hatte ein goldenes Zigarettenetui, zwei Goldringe und viele Kleider aus Schweden mitgebracht. Das sei noch nicht alles, es werde noch ein Koffer mit Kleidern nachgesendet, sagte er, die er für Corrie gekauft habe. Dass er während der gefährlichen Reise an sie gedacht hatte, in Geschäfte gegangen war, um Kleider für sie zu kaufen, konnte Corrie kaum fassen. Doch als die Wochen ins Land gingen, ohne dass der Koffer mit den Kleidern eintraf, hätten sie nach Henks Meinung keine andere Wahl als zu akzeptieren, dass der Koffer gestohlen worden sei. Im Krieg passiere so etwas nun mal.
Corrie hatte Verständnis, und was machte es schon? Die Geschichten aus Schweden hatten sie einmal mehr in ihrer Überzeugung bestärkt, dass er für die Engländer tätig war. Jemand, der aus einem sicheren Land wie Schweden zurückkehrte in die Niederlande, um den Kampf gegen die Deutschen fortzusetzen, konnte nichts anderes sein als ein wahrer Held.
Ein Held, der reich, unterhaltsam, sportlich, höflich, adelig und noch dazu gebildet war, der trotz seines Alters von dreißig Jahren nicht auf körperliche Liebe drängte, der sich für seine Heimat einsetzte, so jemanden konnte man mit nach Hause bringen, was Corrie auch tat. Erwartungsgemäß machte Henk einen guten Eindruck. Ihre Mutter war sogar sofort begeistert. Er stellte sich höflich vor, plauderte über dies und das, ließ in allgemeinen Formulierungen etwas über seine illegalen Tätigkeiten fallen. Er lachte sein charmantes Lachen, und als er gegangen war, sagte Corries Mutter: „Dieser Henk ist viel älter als du. Vielleicht ist er eher etwas für Kitty.“
Achtzehnjährige Mädchen, die anders gestrickt waren als Corrie, wären nach so einer Bemerkung ausgerastet. Sie würden ihre Mutter verzweifelt fragen, wie sie es sich einfallen lassen konnte, so etwas zu sagen. „Wieso Kitty? Es geht hier um mich!“ Nicht so Corrie. Für sie war es einfach nur eine weitere gehässige Bemerkung, sie kannte es nicht anders. Die Tatsache, von ihrer Mutter und auch von Kitty schlechter und immer herablassend behandelt zu werden, war etwas, womit sie längst abgefunden hatte. Der Roller war inzwischen ein Fahrrad, aber ansonsten hatte sich seit ihrer Pubertät nichts geändert. Einerseits ging Corrie für ihre Mutter immer noch gerne einkaufen, andererseits konnte es passieren, dass sie in der Küche jemanden murmeln hörte „Wozu? Wer achtet denn schon auf dich?“, wenn sie sich einen neuen Mantel gekauft hatte.
Aber Henk ihrer ältesten Schwester überlassen, das kam nicht in Frage.
Die beharrliche Corrie lud Henk nach diesem ersten Mal weitere Male zu sich nach Hause ein. Es war immer gemütlich. Immer stärker kam bei ihren älteren Schwestern aber auch die Eifersucht hoch. Eines Tages konnte Willy nicht länger an sich halten und fragte unumwunden: „Meinst du nicht, dass wir uns auch einen Mann wünschen?“ Es war für die Schwestern auch eine bittere Pille. Schon seit Jahren gingen sie mit Männern um, und jetzt war es plötzlich die zurückhaltende kleine Corrie, die als Erste einen festen Freund hatte. Und was für einen.
Rachegefühle kannte Corrie nicht, sonst hätte sie ihren Triumph über den Rest der Familie ausgekostet. Sie strebte nach Harmonie, sonst nichts. Sie wollte unbekümmert genießen von Henk, von ihrem geheimnisvollen Henk und seinen schönen Anzügen, von der Art, wie er sie ansah, von seiner Siegerpose und seinen Geschichten, seiner Stimme, seinen Rätseln. Sich dem hinzugeben war kinderleicht. Sie stieg sozusagen von einer Scholle auf die andere und blickte nicht zurück. Es gab wenig, das sie hielt, wenig Liebe und Anerkennung, sogar zu wenig Bindung, um ihnen eine lange Nase zu zeigen. Corrie war immer alleingelassen worden, und nun schob sie den Schollen ohne Bedenken von sich weg.
Die kalte und glatte Oberfläche löste sich ganz leicht. Die Familienbande oder die Verbindung mit der Umgebung waren nun mal mindestens so schlecht entwickelt wie der Zusammenhalt innerhalb der Familie. Für Corries Empfinden kam sie nirgendwo her und ging sie nirgendwo hin, und so flatterte sie davon, ohne dass jemand sie daran gehindert hätte.
Ihre Freundinnen traf sie nur noch selten. Sie hatte keine Zeit mehr für sie. Tagsüber ging Corrie singend durch die Korridore des staatlichen Beschaffungsbüros, in dem sie arbeitete, und die restlichen Stunden gehörten dem Baron, von dem sie nie wusste oder wissen durfte, wann er wieder Kontakt zu ihr aufnehmen würde. Meistens geschah das telegrafisch. In Stichworten las Corrie, wo sie am nächsten Tag zum Mittagessen erwartet wurde. Am Vormittag vor so einem Mittagessen fühlte sich alles leicht an, schwebte sie fast, und wenn es zwölf Uhr war, machte sie sich auf den Weg. Dann spazierte sie vom Büro an der Koninginnegracht zu einem schicken Restaurant. Ein sehr begehrter Ort war Grand Hotel Central , eines der besten Hotels der Stadt. Als erstes niederländisches Hotel hatte es eine Ladenpassage mit Luxusartikeln, die sich ein normaler Mensch nicht leisten konnte. Hinter einer beeindruckenden Fassade aus den Zwanzigerjahren mit Jugendstil- und Art Deco-Elementen saßen die Bevorrechteten: deutsche Diplomaten und Militärs, reiche Niederländer in deutschen Diensten oder nicht, und eben Henk und Corrie.
Sie gingen vorbei an dem Polizeibeamten, der den Saaleingang des Central bewachte, denn wegen der Nähe zum Parlamentsgebäude, in das nun die Besatzungsmacht Einzug gehalten hatte, wurden schicke Adressen wie diese genau im Auge behalten. Auch vor Hotel des Indes und Hotel De Oude Doelen waren niederländische Polizisten postiert, um eventuelle Störenfriede fernzuhalten. Drinnen saßen Corrie und ihr Freiherr in einem großen Saal mit verzierten Säulen und einer hohen, teilweise verspiegelten Decke. Sie waren umgeben von Menschen mit guten Manieren, die sich in gedämpftem Ton unterhielten. Corrie lernte neue Gerichte kennen. Zutaten, die sich sehr unterschieden von dem, was sie von zu Hause gewohnt war.
Wie auch anderen Hausfrauen verlangte die Zusammenstellung einer ordentlichen Mahlzeit, oder was es darstellen sollte, ihrer Mutter einen Tag Arbeit ab. Mit Grütze und Haferflocken und Kartoffeln, einer gedünsteten Gurke vielleicht, musste sie versuchen, etwas zuzubereiten, was zumindest gesund war, meistens aber nicht gut schmeckte. Während ein mitgebrachter Beutel Reis im Hause Den Held schon Freude bereitete, saß Corrie jetzt an einem perfekt gedeckten Tisch und tat sich zu Gute an Käse, Eiern, Fleisch und Milchprodukten. Das waren Nahrungsmittel, die woanders nur mit Lebensmittelmarken zu bekommen waren, so es sie überhaupt gab. Im Central bestand die Suppe nicht aus gekochtem Wasser mit etwas Bindemittel und undefiniertem Geschmack, hier roch man den Duft richtiger Brühe.
„So viel Überfluss“, dachte Corrie, „wer würde sich das nicht wünschen?“ Schon allein der Anblick eines sich verbeugenden Obers, der ihr am Tisch den Fisch – Fisch! –filetierte, ließ sie schwindeln. Zum ersten Mal im Leben hatte sie Rückenwind, nein, mehr als das, hatte sie wahnsinnigen Rückenwind.
Henk lud Corrie manchmal auch ein in ein Restaurant ein Stück weiter, in der Nähe des Buitenhof . Normalerweise ging dort eine Frau mit einem Korb Blumen an den Tischen vorbei, und immer suchte er einige schöne Exemplare für Corrie aus, denn er war sehr romantisch und aufmerksam. Sie dachte: „Er ist wie ein Prinz.“ Wenn das Mittagessen etwas später stattfand, weil Henk zuvor noch etwas zu erledigen hatte, bekam sie zu hören: „Du könntest dir inzwischen beim Friseur kurz die Haare machen lassen. Dann sehen wir uns danach.“ Sie drehte sich um – undenkbar, dass sie ein Widerwort äußern würde – und war später zum verabredeten Zeitpunkt mit Hochsteckfrisur wieder zur Stelle. Das stand ihr sehr gut, darüber waren sie sich einig.
Ihre Gespräche verliefen immer angenehm und ungezwungen, sie passten einfach zusammen. Nie erkundigte sich Corrie nach seiner Arbeit. Sie wollte ihn nicht in die Lage bringen, sie anlügen zu müssen, denn das wollte sie ihm nicht antun. Zu wissen, dass er geheimen Tätigkeiten für die Engländer nachging, reichte ihr. Er seinerseits belohnte ihre vorbildliche Haltung, ihr sonniges Naturell und ihre Formbarkeit, ihre Fähigkeit, in den richtigen Augenblicken zu schweigen, indem er ihr gab, was sie begehrte. Sie verlangte nichts, und genau deshalb bekam sie so viel.
Sie bekam sogar ihren Bruder wieder. Nach dessen Entlassung als Filmtechniker hatte sich Corries sechs Jahre älterer Bruder dem Handel gewidmet. Was es genau damit auf sich hatte, wusste niemand, aber fest stand, dass Jimmy nun Teil eines Hager Umfeldes geworden war, in dem sich Widerstand und Kollaborateure mischten. Es war eine Welt von Kurierdiensten, Geldtransporten und illegalen Transaktionen, wobei die Bezeichnung ‚illegal‘ sowohl anti-deutsch als anti-fiskal bedeuten konnte. Auf alle Fälle war Jimmy im Gefängnis in Scheveningen gelandet. Henk nahm Corrie mit in die Van Alkemadelaan , zum beeindruckenden Eingangstor zwischen den zwei hohen Türmen mit Zinnen wie aus dem Mittelalter. Zu Corries Verwunderung wurden sie begleitet von einem deutschen Offizier. Woher hatte Henk, der Widerstandskämpfer, deutsche Beziehungen? Reichten die Fäden der Illegalität über die Gefängniswärter bis in die Gänge des Gefängnisses?
Nach einer Weile kam Jimmy tatsächlich aus dem Eingangstor, sah aber nicht fröhlich aus. Im Gegenteil, Corrie hatte den Eindruck, dass er den Kopf schüttelte, als er sie ansah, wie um zu signalisieren, dass etwas nicht stimmte.
Jimmy durfte im Hause Boschzicht übernachten. Das war eine schöne und gastfreundliche Geste von Henk, die zu dem Eindruck passte, den Corrie von ihm hatte, denn Männer mit dem Herzen am rechten Fleck ließen Menschen mit Problemen nicht im Stich. Dennoch fiel es schwer, Jimmy von Henks Zuverlässigkeit zu überzeugen, und daraus machte er seiner jüngsten Schwester gegenüber auch keinen Hehl. Corrie mochte diesen Henk vielleicht vergöttern, aber für Jimmy, der im Handel schlauer und in der Zelle härter geworden war, war Vertrauen in seine Mitmenschen keineswegs selbstverständlich. Einigermaßen widerwillig erklärte er sich bereit, zusammen mit Corrie bei einer Sabotage-Aktion anwesend zu sein, mit der Henk zeigen wollte, dass man ihm durchaus trauen konnte. Sie beobachteten, wie der Baron irgendwo in der Nähe seines teuren Appartements eine Telefonzelle in die Luft jagte. Doch Jimmy zögerte auch nach dieser als Widerstandstat gemeinten Aktion. Diesem Freiherr-Baron mit seinen phantastischen Geschichten über Untergetauchte, der während seiner Besuche bei der Familie Den Held seine pro-englischen Standpunkte etwas zu laut äußerte, der ständig suggerierte, über Spionageangelegenheiten Bescheid zu wissen, traute Jimmy ganz und gar nicht.
Auch Corrie hatte so ihre Zweifel. Beispielsweise war es merkwürdig, dass deutsche Maßnahmen ihn nicht zu betreffen schienen. Henk ging einfach durch die Straßen, während sich andere erwachsene Männer ab 1943 für den Arbeitseinsatz zur Verfügung zu stellen hatten. Wer nicht in Deutschland arbeiten wollte, musste untertauchen. Für Henk schien das nicht zu gelten. Stimmte das denn? Na gut, er war gut in allem, also vermutlich auch darin. Alles deutete darauf hin, dass die Besatzung für ihn kein unerträglicher Zustand war, sondern eher ein Spiel, das er virtuos spielte. Er kenne wichtige Leute auf englischer und auf deutscher Seite, sagte er, und Corrie solle sich keine Sorgen darüber machen, was er mit seinen Beziehungen mache.
Corrie hatte nicht vor, sich Sorgen zu machen. Trotz einiger merkwürdiger Vorfälle genoss sie die aufregende Zeit im positiven Sinne des Wortes. Sie gingen Hand in Hand ins Kino, sie besuchten Cafés am Rembrandtplein in Amsterdam, sie segelten mit seinem Segelboot, und wenn sie an einem kühlen Herbsttag durchgefroren vom Wasser zurückkamen, zündete Henk den Kamin an, ließen sie sich einen guten Wein schmecken und konnte keiner ihnen etwas anhaben. Nie hatte sie einen eigenen Platz gehabt, und jetzt plötzlich gab es da einen einfühlsamen Mann, der sich um sie kümmerte, der sie in seinem Luxusappartement in die Arme nahm und ihr zärtliche Dinge sagte.
Was ihre Mutter nie getan hatte, tat Henk mit Hingabe. Er gab Corrie die Geborgenheit, nach der sie sich immer gesehnt hatte. Endlich wurde sie wahrgenommen.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Zumindest nicht für sie. Da nun aber eine Verabredung der anderen folgte und sie immer intimer miteinander wurden, er ihr Schmuck schenkte, sie aber dennoch der Meinung war, dass ihr nichts aufgedrängt wurde, dachte sie: „Wie unglaublich, dass so ein besonderer Mann so viel für mich übrig hat.“ Jeden Tag empfand sie mehr für ihn, sie konnte es nicht leugnen. Das Gefühl wuchs stetig, und nach einigen Monaten wurde es so schlimm, dass es fast weh tat. Ihr den Appetit raubte.
So unerreicht und stürmisch das Gemüt der jungen Corrie auch war, es war noch kein Grund, seinen ersten Heiratsantrag einfach anzunehmen. Sie wolle ihre Freiheit noch nicht aufgeben, sie könne sich immer noch binden, sie werde über seinen Antrag nachdenken, sagte sie.
Kurze Zeit später gab sie ihm dennoch ihr Jawort, und als Henk sie zur Straßenbahn brachte und sie beim Einsteigen kaum Zeit hatte zu antworten, fragte er sie, ob sie ihn noch immer heiraten würde, wenn sie wüsste, dass er pro-deutsch sei.
„Ich glaube kaum“, antwortete Corrie.
Kurz bevor die Straßenbahn abfuhr sagte Henk, dass solche Fragen keine Rolle spielen sollten. Nicht, wenn sie ihn wirklich liebe.
Eines Tages, sie würde es nie vergessen, hatten sie sich im Cineac Theater verabredet. Auch diesmal tagsüber, denn abends waren alle Theater und Kinos ab halb acht geschlossen. Sie wartete auf ihn und sah sich ein bisschen um, den großen Teich, die Reiterstatue, das streng bewachte Eingangstor der Parlamentsgebäude, als sie ihn von Weitem kommen sah. Er schien ein anderer Mensch zu sein. Natürlich war es Henk, kein Zweifel, denn sie erkannte seinen Regenmantel, der um seine schlanke Figur flatterte, und den Hut, den er immer trug. Er machte große Schritte, und Corrie dachte: „Diese Haltung kenne ich nicht. Er ist so unnahbar.“ Als er aber bemerkte, dass Corrie ihn kommen sah, war es, als hätte er plötzlich eine andere Persönlichkeit. Die Falten in seinem Gesicht glätteten sich, und er sah wieder aus, wie sie ihn kannte. Er lächelte ihr zu, und kurz darauf war alles wieder vertraut. Sie genossen die Vorstellung in vollen Zügen.
Sogar die Stadt Den Haag half dabei, Corrie noch verliebter zu machen, als sie schon war. An Henks Seite war es, als würde alles weicher, sicherer, als wäre er ihre Flucht aus den Problemen. Denn wenn man sich in Den Haag des Ausmaßes der Besatzung durch eine ausländische Macht nicht bewusst war, war man es nirgends. Den Haag war das Zentrum der deutschen Obrigkeit, der nationalen Führung und der Polizei. Der Sicherheitsdienst der Nazis hatte mehrere Gebäude im Binnenhof und dessen Umgebung konfisziert, und mehr als anderswo sah man deutsche Uniformen. Das führte zu stärkerem Widerstand, aber auch zu härteren Unterdrückungsmaßnahmen. Ganze Viertel waren entvölkert. Häuser, die von Juden oder anderen ‚unerwünschten‘ Elementen verlassen worden waren, wurden geplündert. Da Den Haag mit sechstausend Mitgliedern nach Amsterdam die größte jüdische Gemeinschaft des Landes beherbergte, waren die gelben Sterne im Straßenbild allgegenwärtig, und die NSB übte regelrechten Terror. Es gab Razzien, niederländische, vor allem aber deutsche. Die jüdische Synagoge in der Wagenstraat war bereits niedergebrannt worden, und an Schwimmbädern, Stränden, Märkten, Cafés, Restaurants und Parks standen Schilder mit der Aufschrift J U D E N V E R B O T E N.
Am Abend, wenn jegliche Form der Beleuchtung untersagt war, mutete Den Haag an wie eine Geisterstadt. Um den alliierten Bombern die Orientierung zu erschweren, musste es dunkel sein. Aber auch tagsüber hing ein Grauschleier über der altehrwürdigen Regierungsstadt. Da Scheveningen ein wichtiger Standort für die Küstenabwehr gegen eine mögliche Invasion der Engländer und Amerikaner war, war dort ein Haus nach dem anderen dem Erdboden gleichgemacht worden. Für den Atlantikwall wurde ein freier Gebietsstreifen von 350 Metern Breite geschaffen, der sich von Kijkduin im Südwesten bis in die Nähe von Wassenaar im Nordosten erstreckte und schließlich zum Strand abbog. Ganze Wohnviertel waren zum Sperrgebiet erklärt und deshalb geräumt worden. Tausende Wohnungen, Krankenhäuser, Kirchen und Vereinsgebäude wurden abgerissen, um den Anforderungen als Stützpunkt im Atlantikwall zu entsprechen, der von der skandinavischen Küste bis zur spanischen Grenze verlief.
In und um Scheveningen, das in den Jahren vor dem Krieg wegen des aufkommenden Mittelstandes eine große Blüte erfahren hatte, bot sich nun ein düsteres Bild aus Bunkern und Stacheldrahtzäunen. Hinter den Absperrungen in Den Haag waren Blockaden in Form von Tankmauern und Panzersperren errichtet worden. Auch der alte Zoo in der Nähe von Haus Boschzicht war größtenteils abgerissen und der umstehenden Bäume beraubt worden.
Die Zwangsevakuierung und der Arbeitseinsatz in Deutschland entwurzelte das öffentliche Leben. Oft herrschte Chaos. Zehntausende wurden deportiert. Die Einwohner von Den Haag mit ihrem gesamten Hab und Gut auf der Suche nach einer Bleibe ohne Aussicht auf Rückkehr waren die Verlierer. Zwischen ihnen ging Corrie wie eine Gewinnerin. Sie fühlte sich nicht eingesperrt. Sie fühlte sich frei. Und der Grund dafür war Henk.
Corrie war nicht der Typ, der aus Protest zum Geburtstag von Prinz Bernhard Blumen am Palast Noordeinde niederlegte, das von der königlichen Familie verlassen worden war. Mit dieser Handlung hatten viele Einwohner von Den Haag die Deutschen bereits sechs Wochen nach deren Einmarsch provoziert. Und Corrie fühlte sich auch nicht hingezogen zu etwas wie einer Parade der NSB auf der Strandpromenade von Scheveningen. Für diese Anhänger des Nationalsozialismus mit ihren schwarzen Fahnen hegte sie keinerlei Sympathie. Auch von den deutschen Militärs mit ihrem Trommelschlagen auf dem Platz vor dem Büro von Reichskommissar Seyss-Inquardt wollte sie nichts wissen. Sie versuchte genau wie die meisten anderen Niederländer, ein angenehmes Leben zu führen.
Das trübe Straßenbild, der Schutt, der Panzergraben quer durch den Haager Wald unmittelbar vor Henks Appartement, alles hatte den Anschein, als wollte die kalte Welt sie in die Arme ihres reichen, liebevollen Barons treiben. Bei ihm fehlte es ihr an nichts, nie. Als die Blätter von den Bäumen fielen, ließ er ihr einen schönen Mantel schneidern. Und als der Herbst in den Winter überging, schenkte er ihr einen Pelzmantel. Damit sie nicht friere, sagte er, obwohl Corrie von Natur aus gar nicht verfroren war.
Früher hatte sie geträumt von einem Prinzen auf einem weißen Pferd. Jetzt war dieser plötzlich in ihr Leben getreten. Obwohl ihr die Mäntel nicht von Vögeln als himmlische Gesandte durch das Küchenfenster gereicht wurden, erlebte Corrie das alles als ihr ganz eigenes Märchen. Sie war wie ein Aschenputtel im Krieg, das in mit Gold und Silber bestickten Schuhen zum Ball im Grand Hotel Central ging. Alles schien zu schön um wahr zu sein, und Jahre später musste sie zugeben, dass es das auch war.
Corrie war klar, dass es irgendwann soweit kommen würde. Eigentlich hatte sie es nicht vorgehabt. Sie fand es im Gegenteil ganz angenehm, dass in seinem wundervollen, geschmackvoll eingerichteten Schlafzimmer zwei Einzelbetten standen. Mit getrennten Betten konnte sie leichter die Distanz wahren, die sich für ein achtzehnjähriges Mädchen aus Wassenaar gehörte. Schließlich war sie noch absolut grün hinter den Ohren. In dem Rausch von 1943 verstand sie schon lange nicht mehr, was sie jemals in ihrem ersten Freund Piet gesehen hatte. Verglichen mit Henk war Piet weder gutaussehend, geschweige denn besonders gewesen. Henk war ihr Ritter, zwölf Jahre älter als sie und erfahren, ein Mann von Welt eben. Ein Widerstandskämpfer, der ins Ausland reiste, der im Nebel verschwand und plötzlich wieder auftauchte, selbstsicher und entschlossen. Ein Erwachsener, der sie erwachsen machte. Es gab kein Entkommen. Sie hatte A gesagt, also musste sie jetzt auch B sagen. Ja, jetzt würde es passieren. Es tat weh, und irgendwo tief drinnen fand sie, dass sie in die Falle getappt war, zumindest ein bisschen. Sie hatte sich selbst noch so sehr davor gewarnt, denn sie fand sich noch zu jung dafür und war noch nicht einmal verheiratet. Dennoch wusste sie, dass er sie liebte, und er war sehr zärtlich. Alles war so surreal. Auch die abendliche Ausgangssperre spielte eine Rolle. Doch sie vertraute ihm, das war das Wichtigste, und so bereute sie am nächsten Tag nichts.
Im November, etwa vier Monate nach ihrer ersten Begegnung, musste Henk sein schönes Appartement in Haus Boschzicht verlassen. Er müsse den Deutschen Platz machen, sagte er. Wie viele andere Bewohner von Den Haag und Umgebung betraf die Evakuierung nun auch Henk. Er bat Corrie eventuellen Neugierigen zu sagen, er habe seine Sachen an jemanden in Utrecht verkauft. Wohin er selbst ginge, dürfe sie nicht wissen, denn das sei zu gefährlich in Zusammenhang mit seiner Arbeit im Widerstand.
Trotz des Umzugs setzte sich ihr Leben aus Verabredungen und aufregenden Ausflügen fort. Manchmal begleitete sie Henk zum Zug, jedoch nie weiter als bis zum Bahnhof Utrecht oder Hilversum. Zusammen die Nacht zu verbringen wurde jetzt ziemlich schwierig. Dafür hatten sie aber mehr Zeit füreinander, denn im Winter hatte Corrie ihre Stellung gekündigt. Schließlich würde sie Henk ohnehin bald heiraten, und als Gattin eines Freiherrn hätte sie ihre Anstellung sicher aufgeben müssen, nein, wollen. Auf diese Weise hatte sie schon mal die Hände frei, um sich mit der Führung eines Haushaltes zu befassen.
Henk erzählte ihr, dass er irgendwo in den Niederlanden an einem Haus dran sei, einem Haus für sie beide. Es werde jetzt umgebaut, sagte er, aber in einigen Monaten würden sie dort einziehen und für immer zusammen sein. Im Februar gab er endlich ihrem Drängen nach, das Haus sehen zu wollen. Sie nahmen den Bummelzug nach Utrecht und von da aus den Bus in Richtung Norden, vorbei an Seen und Feldern und über krumme, malerische Deiche. Auf irgendeinem Deich, als sie das Schild „Juden verboten“ bereits hinter sich hatten, stiegen sie aus. Henk führte Corrie in ein weiß verputztes Haus. Es sah aus wie ein kleiner Bauernhof, hatte grün-weiß-rote Fensterläden und ein Dach, das bis fast unmittelbar über die Eingangstür reichte. Es war lieblich und ländlich und hatte ein ganz anderes Flair als die elitäre Ausstrahlung von Haus Boschzicht oder die Gediegenheit der Rijksstraatweg in Wassenaar. Hinter dem Haus, wo jetzt noch ein Pferdestall stand, gab es einen großzügigen Garten und dahinter erstreckten sich Felder.
Corrie erkannte Henks Möbel und Bilder wieder und wollte jetzt doch endlich wissen, ob das hier der Ort war, an dem sie wohnen würden. „Ja“, antwortete Henk. „Und der Ort heißt Loosdrecht.“ Das Merkwürdige war, das an der Tür ein Namensschild hing mit ‚Dr. Ing. H.J. van Veen‘. Corrie konnte sich an den Namen erinnern. Henk hatte ihn einmal in einer Geschichte über einen Doppelgänger in einem Café erwähnt. Das sei nämlich so, hatte Henk behauptet, das eine Mal sehe Corrie ihn vor sich, und ein anderes Mal einen gewissen Van Veen. Es sei die Rede von zwei verschiedenen Männern, die sich wie ein Ei dem anderen glichen und ihre perfekte Austauschbarkeit im Dienste des Vaterlands einsetzten.
Diese Geschichte hatte ihm Corrie nicht abgekauft. Der Gedanke, dass sie zwei Personen für eine einzige ansehen würde, erschien ihr absurd. Dachte Henk wirklich, dass sie ihm das glaubte? Vermutlich war es Henks Versuch gewesen, seine Umgebung zu schützen. Vielleicht eine Art Nebelschleier, um diejenigen aus den Händen der Deutschen zu halten, die ihm wichtig waren. Decknamen waren für seine Arbeit unentbehrlich, das war Corrie absolut klar. Wie dem auch sein mochte, ab jetzt würde Henk unter dem Namen Doktor Ingenieur H.J. van Veen durchs Leben gehen. Es machte im Grunde keinen Unterschied, denn für Corrie blieb er ‚Henk‘, ihr Henk, der Mann, dem sie vertraute.