Читать книгу Viel zu langsam viel erreicht - Ingo Rose, Barbara Sichtermann - Страница 6

Kapitel 1: Kategorien

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Die Art, wie sich die Menschen bewegen, wie sie gehen, sitzen, etwas suchen oder umhertragen, etwas mitteilen oder sich anhören, ist immer unterschiedlich: zum einen individuell, denn jeder, jede hat einen persönlichen Ausdruck. Aber auch geschlechtsbezogen, denn Männer und Frauen bewegen sich nicht gleich; schon von Weitem lässt sich auf der Straße erkennen, ob es ein Mann ist oder eine Frau, die sich nähert oder weggeht. So ist es auch mit Stimmen, die man hört, ohne die Sprechenden oder Rufenden zu sehen. Man weiß sofort: Es ist eine Frau, die ruft, oder: Es ist ein Mann. Die Irrtumswahrscheinlichkeit ist nicht groß, aber sie ist vorhanden. Es gibt Männer mit weicher Gestik und Frauen mit kantiger, es gibt Männer mit hoher Stimmlage und Frauen mit tiefer, und so kann man sich täuschen. Aber bezogen auf die große Zahl sind die Unterschiede deutlich und klar. Schließlich gibt es die Meinung, dass Männer sich mehr und mit größerer Kraft und Freude bewegen als Frauen, und es gibt die Beobachtung, dass männliche Stimmen weiter tragen und eine größere Entschiedenheit ausdrücken als weibliche. Das wären dann mit Werturteilen befrachtete Verallgemeinerungen, die zu Fragen führen, woher das alles kommt.

Die Antworten, die wir haben, sind umstritten. Manche führen die Neigung der Frauen, auf ihrem Sitz in der Straßenbahn die Beine überzuschlagen, und die der Männer, mit gespreizten Knien dazusitzen, auf den unterschiedlichen Bau der Gelenke bei den Geschlechtern zurück. Man kann aber auch argumentieren, dass Frauen dazu erzogen werden, wenig Platz zu einzunehmen, und deshalb die Beine überschlagen und dass Männer dazu ermutigt werden, viel Platz zu beanspruchen, und deshalb gern breitbeinig dasitzen. Bei den Stimmen sagt der Hinweis auf die unterschiedliche Anatomie des Kehlkopfes bei den Geschlechtern schon vieles – aber nicht alles. Der Ausdruck einer Stimme ist von vornherein dadurch gefärbt, welche Resonanz der sprechende, rufende oder singende Mensch erwartet. Und die kann, je nach dem, wie eine Gesellschaft die Geschlechterfrage beantwortet, ebenfalls sehr unterschiedlich sein. Angeborene Eigenschaften und epochentypische Erziehung, natürliche Anlagen und kulturelle Gepflogenheiten, genetische Ausstattung und gesellschaftliche Erwartungen – das ist immer alles zugleich da, eines durchdringt das andere, widerspricht ihm oder ergänzt es, bestätigt oder verändert es. Heraus kommt eine Art Kompromiss oder Mittelwert, weshalb es nichts bringt, das eine gegen das andere auszuspielen. Auch ist die Natur kulturell beeinflussbar und sozusagen dehnbar und die Kultur von der Natur abhängig, beeindruckbar und bildbar, was uns lehrt, beide Faktoren weniger in Opposition als in Relation zu sehen. Ein Mädchen, das auf Bäume klettert, kann ein Zeichen dafür sein, dass der weibliche Bewegungsdrang dem der Jungen naturgemäß in nichts nachsteht. Das kletternde Mädchen kann aber auch eine Ausnahme sein, es kann für den Bruch eines Tabus stehen oder für die Begründung einer neuen Tradition. Es kommt immer auf den Kontext an. Und zu dem gehören die natürlichen Voraussetzungen und kulturellen Standards der Vergangenheit ebenso wie die lebendigen Kompromisse der Gegenwart und die verschiedenen für die Zukunft erstrebten Veränderungen. Es ist also nicht so einfach, das Geschlechterverhältnis in der jeweiligen konkreten Situation zu verstehen und dann auch noch zu verändern.

Die beiden Kategorien, die unseren Gedankengang bisher strukturiert haben, heißen Gleichheit und Verschiedenheit (oder Differenz). Sind nicht die Bedürfnisse, Baumwipfel zu erklettern, bei beiden Geschlechtern gleich, nur die Bedingungen, die Mädchen und Jungs jeweils vorfinden, wenn sie klettern wollen, unterschiedlich? Oder sind auch die Bedürfnisse unterschiedlich? Sind sie bereits geschlechtsbezogen unterschiedlich oder nur individuell? Wünschen nicht beide Geschlechter, mit ihren Stimmen durchzudringen, wobei aber die Frequenzen, auf denen ihre Ausrufe schwingen, dem einen Geschlecht mehr, dem anderen weniger Kraft verleihen? Oder liegt der Unterschied im Gehör, das beide finden, nur an sozialen Parametern? Die Antworten auf diese Fragen sind oft schwer zu geben, manchmal kommt man überhaupt nicht dahinter, manchmal nur näherungsweise. Das Sich-Festbeißen an den Begründungszusammenhängen von Gleichheit und Verschiedenheit ist misslich, das Darüber-Hinweggehen erst recht. Was also tun? Es bleibt nicht viel mehr übrig als die konkrete Analyse der konkreten Situation samt ihrem geschichtlichen Hintergrund. Gehen wir also freiweg rein ins gedankliche Gelände.

Eine weitere Kategorie, die wir jetzt brauchen, um voranzukommen, ist die Kategorie der Herrschaft. Sie hat das Verhältnis der Geschlechter die gesamte menschliche Geschichte hindurch strukturiert, wobei die Männer das beherrschende Geschlecht waren und die Frauen das beherrschte. Epochen des Matriarchats, in denen es umgekehrt war, sind entweder mit den primitiven Gemeinschaften, in denen sie prägend waren, untergegangen oder bloße Legenden. Sie sollen uns hier nicht weiter kümmern. Wir beziehen uns auf die ausdifferenzierten Gesellschaften der Moderne und ihre Vorgeschichte bis hin zur Antike, und hier finden wir überall die hierarchische Struktur im Zusammenleben der Geschlechter. Es waren (und sind) patriarchalische Gesellschaften, in denen der Mann entschied und die Frau ihm unterstand und von ihm abhängig war. Die Söhne wurden auf den Status des Oberhauptes der Familie vorbereitet, in allen Schichten, von ihren Vätern ebenso wie von ihren Müttern. Und die Töchter erzog man für ein Leben in Abhängigkeit von Vätern und Ehemännern. Nun könnte man den Schluss ziehen, dass angesichts einer so durchgängigen Geschichte der Herrschaft von Männern über Frauen während vieler Tausender von Jahren die Bereitschaft beider Geschlechter, es mit dieser patriarchalen Struktur gut sein zu lassen, als erwiesen gelte und man die Debatte schließen dürfe.

Dagegen spricht, dass das Geschlechterverhältnis als ein Herrschaftsverhältnis in der Vergangenheit und erst recht in der Gegenwart nie stabil war und ist und dass die Freiheitsgrade, die das unterworfene Geschlecht beansprucht hat, sich in Zahl und Bedeutung stets geändert und seit zweihundert Jahren kontinuierlich erhöht haben. Wir sind heute so weit, dass wir sagen können: Das Herrschaftsverhältnis soll als solches abgeschafft und nicht etwa umgekehrt werden. Die Männer haben ihre beherrschende Rolle ausgespielt, die Frauen wollen eine solche Rolle keineswegs erben, beide Geschlechter sollen als gleichwertig und gleichberechtigt anerkannt werden. So der Konsens in weiten Teilen der westlichen Gesellschaften. Der kleinere Teil dort und der größere im Rest der Welt, der unbelehrbar scheint und an den obsoleten Verhältnissen festhält, schießt quer, scheint aber – im Westen – auf dem Rückzug.

Es gestaltet sich nun der Prozess der Verabschiedung des überlebten Herrschaftsmodells ausgesprochen mühselig. Der Frauenbewegung, also der Avantgarde weiblicher Rebellion gegen den Herrschaftsanspruch der Männer und die entsprechend schiefe Machtverteilung in der Gesellschaft, wird immer wieder vorgehalten, sie habe sich verausgabt und keine neuen Ideen auf Lager. Die Situation der Frauen selbst hat sich zwar seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts deutlich in Richtung Gleichheit verbessert, vor allem, was Ausbildungs- und Berufschancen betrifft, aber noch nicht wirklich umfassend erneuert. Die Fortwirkung alter Rollenmuster, besonders unter Frauen, die Mütter geworden sind, scheint ausgesprochen zäh. Ein Stocken der Freiheitsbewegung der Frauen, ja eine Gefahr der Rückentwicklung wird befürchtet. Das ist die Ausgangslage, an die wir unsere Fragen und Erwägungen für Antworten knüpfen wollen.

Wenn es stimmt, dass Traditionen und Gewohnheiten sich genetisch einschreiben in die Konstitution der Individuen – wo sie allerdings jederzeit wieder mit anderen Informationen überschrieben werden können –, wenn es stimmt, dass die alten Verhältnisse sich über die Zeit hinaus fortschleppen, in der sie vom Verstand und vom Erneuerungsbedürfnis der Menschen längst zum alten Eisen erklärt worden sind – und vieles spricht dafür –, dann haben wir als Frauen im Prozess der Emanzipation viel mehr zu tun, als nur gleiche Rechte zu fordern. Denn dann steckt die Herrschaft in ihren beiden Ausprägungen, der Dominanz und der Unterwerfung, der Prärogative und dem Gehorsam, dem Machtbewusstsein und der Bereitschaft zum Klein-Beigeben, in den winzigsten Verästelungen des menschlichen Zusammenlebens, des öffentlichen ebenso wie des privaten. Das hieße, dass wir einen Mann nicht nur deshalb an seinen Bewegungen erkennen, weil diese Bewegungen naturgemäß eckiger sind als die einer Frau, sondern auch, weil sie, soziokulturell begründet, stärker darauf aus sind, Folgsamkeit zu erwirken. Es hieße, dass wir eine weibliche Stimme auch deshalb von einer männlichen unterscheiden, weil sie im Unterton eine Tendenz zu dieser verlangten Folgsamkeit spüren lässt.

Das aber bedeutet, dass Herrschaft als Anordnung und Unterordnung – oder auch Auflehnung gegen die Erwartung, Unterordnung zu verlangen oder zu leisten – überall ist, dass wir gar nicht darum herumkommen, ihr alltäglich und an jedem Ort zu begegnen. Und wenn sie überall ist, ist sie auch schwer wahrnehmbar. Wird sie doch wahrgenommen, zeigt sie zugleich, wie verbreitet, wie fein verteilt in allen Aktionen und Reaktionen sie ist, wie ubiquitär, wie unweigerlich. Da kann schon das Gefühl einer Sisyphusarbeit aufkommen. Und zwar bei allen, die am Prozess der Emanzipation teilhaben, sei es als Vorantreibende oder Aufhaltende, als Subjekte oder Objekte, als Beobachtende oder Involvierte. Das verbreitete Gefühl von Überforderung einerseits: Es ist alles zu viel, und Unterforderung andererseits: Es ist doch längst alles gesagt, hat hier seine Ursache. Die Soziologieprofessorin Ute Gerhard hat die schwierige Situation folgendermaßen kurz in Worte gefasst: »Der Widerspruch zwischen Befreiung und Beschränkung, zwischen der Rede von der Emanzipation und tatsächlicher Unterordnung der Frau unter männliche Dominanz begleitet die Frauen- und Geschlechtergeschichte der Neuzeit seit der Französischen Revolution.«

Die Geschlechtscharaktere in den Jahrhunderten zuvor wiesen allerdings mannigfache Unterschiede auf, sie waren quasi gewichtet und ausgestaltet durch alle anderen Herrschaftsformen, die es in der jeweiligen Epoche gab. Die Dame am Hofe eines italienischen Renaissancefürsten lebte anders und gab sich anders als eine Bürgerin kurz vor der Revolution in Paris, und eine Kaufmannsfrau im mittelalterlichen Augsburg arrangierte sich auf andere Art mit ihrem Gatten als dreihundert Jahre später eine Aristokratin am Zarenhof in Russland. Zu schweigen von den Unterschieden zwischen der Ehefrau eines arabischen Scheichs und einer amerikanischen Universitätsdozentin heute. Was sie aber fast alle eint, ist ihr Unterworfensein unter die Herrschaft von Männern, ist der Mangel an Freiheit, was das Fällen lebenswichtiger Entscheidungen betrifft. Die einzige Ausnahme bildet die Universitätsdozentin, sie kann ihr Leben bereits selbst gestalten. Und sie weiß, dass sie, ihren Fall hochgerechnet auf die weibliche Weltbevölkerung, eine Ausnahme ist.

Die historische Herrschaft der Männer über die Frauen war und ist je nach Zeit und Ort unterschiedlich ausgeprägt, aber sie ist als Herrschaft mit den typischen Einschränkungen, denen die Beherrschten ausgesetzt waren und sind, auch überall ähnlich. Das wurde von den Frauen selbst jedoch früher nur selten so gesehen. Die gefühlte Selbstverständlichkeit der männlichen Vorherrschaft verhinderte einen kraftvollen und einstimmigen Widerstand seitens der Frauen, und wo er aufkam, wurde er niedergemacht; das letzte Wort in all diesen Auseinandersetzungen sprach stets die Gewalt. Aber wie wurde sie legitimiert, wie kam es dazu, dass die Männer ihre Herrschaft so lange und so weitgehend unangefochten aufrechterhalten konnten? Man sprach ja nicht einmal von Herrschaft. Es galt stattdessen der verbreitete Glaube an eine Bestimmung, die mit dem jeweiligen Geschlecht verbunden sei. Nachdem dieser Glaube durch die Aufklärung erschüttert worden war, hat man ihn vor allem im 19. Jahrhundert besonders inbrünstig beschworen.

Die Männer seien dazu bestimmt, ihre Familie zu beherrschen, die Frauen dazu bestimmt, sich zu fügen. Auch wenn das nicht überall friktionslos gelang, war doch das Bewusstsein: Ich, der Mann, muss meine Frau führen, und: Ich, die Frau, muss mich dem Mann unterordnen, allgemein. Das Medium, in dem diese Überzeugungen reiften und sich verfestigten, war die Religion. Es war (und ist) in allen geoffenbarten Bekenntnissen das Gleiche: Gott wolle es so, dass die Frau dem Manne untertan sei, und nun müsse man das Leben nach diesem Gebot führen. Es ist eigentlich einer Erklärung bedürftig, dass diese spirituell vermittelte Herrschaftsform der Männer über die Frauen so lange hingenommen worden ist. Was man weiß, ist dies: Die großen monotheistischen Religionen mit ihren Vatergottheiten über den Wolken haben ein Menschenbild kreiert, verbreitet und am Leben erhalten, in dem Herrschaft als Spezialfall von Zuneigung und Fürsorge, Auflehnung dagegen als Sünde und Ketzerei galt. Gehorsam war die wichtigste und angesehenste Verhaltensbereitschaft – die Männer schuldeten ihren Gehorsam Gott und seinen Gesetzen, die Frauen desgleichen, mit dem Unterschied, dass ihr Gottesgehorsam einen Umweg über die männlichen Menschen nehmen musste. Sie hatten zu tun, was die Männer als Stellvertreter göttlichen Wollens verlangten.

Die Religion und die Strenge der Geistlichen haben die Unterdrückung der Frauen aber nicht allein ins Werk gesetzt, die weltliche Macht hat mitgeholfen, sie hat stets mit Gewalt gedroht, wenn Arme, Benachteiligte, Fremde oder Frauen Ungehorsam an den Tag legten. In allen traditionalen Gesellschaften war und ist Gleichheit nicht praktisch zu denken. Diese Gesellschaften waren ständisch gegliedert, und die Stände – die Bauernschaft, die Handwerker, die Kriegerkaste, die Gelehrten, die Kirchenleute und der König – konnte man untereinander nicht vergleichen, weil ihr Wirken eine jeweils unterschiedliche Bedeutung für das Ganze hatte. Man dachte in heterogenen Einheiten; die Vorstellung von Homogenität, von einer menschlichen Allgemeinheit ist aber die Voraussetzung für ein Denken in Termini von Gleichheit. So gab es dereinst auch niemand, der sich gleiche Rechte oder Wirkungsräume oder Bewährungsfelder für Männer und Frauen denken konnte; die Menschen des Mittelalters hätten solche Ideen nicht nur für sündhaft, sondern auch für verrückt gehalten, für völlig irreal. Frauen sollten Kinder und das Herdfeuer hüten und Männer die Meere befahren und Länder erobern und alle gemeinsam zum Herrgott beten. Das Feld, auf dem die Menschen in homogenen Einheiten dachten: Wir sind alle Menschen, war einzig das religiöse, insofern es sich auf das Leben nach dem Tode erstreckte. Vor Gott waren alle gleich, aber auf Erden gab es gewaltige Unterschiede, und das war dann ja wohl der Wille Gottes. Hinter den konnte niemand zurück.

Erst seit die Aufklärung Herrschaftsformen überhaupt infrage stellte und fallweise abzuschaffen drohte, erst als die säkulare Gesellschaft am Horizont der Geschichte erschien und mit Immanuel Kant den Gehorsam als Prinzip kritisierte, ist Bewegung und Praxis in das Programm mit Titel »Gleichheit« geraten. Jetzt wurde Gleichheit denkbar und machbar, auch die von Männern und Frauen, zunächst im politischen und juristischen Sinn. Das geschlechtsbezogene Herrschaftsverhältnis war aber über so lange Zeiträume intakt geblieben, dass es sehr tief in alle Verzweigungen des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen war und dass wir heute vor der Sisyphusarbeit stehen, es aus diesen Verzweigungen und unseren eigenen Psychen und Verhaltensrepertoires wieder herauszubefördern. Wobei der erste Schritt, nämlich die Erkenntnis: Ja, da gibt es noch hierarchische Auffassungen vom Verhältnis der Geschlechter, also die Dingfestmachung von Herrschaftsansprüchen, häufig überhaupt erst gegangen werden muss. Jeder erkennt Herrschaft, wenn ein Mann eine Frau zu irgendetwas zwingt. Wer aber hätte gedacht, dass die scheinbar so unschuldige Lobpreisung der weiblichen Schönheit etwas mit Herrschaft zu tun haben könnte, dass die Höflichkeitsgesten von Männern gegenüber Frauen eine Art Kompensation für den Ausschluss aus den meisten gesellschaftlich interessanten Unternehmungen darstellten oder dass Hochzeitsfeste, wenn man ihre Rituale deutet, nichts anderes feiern als den Übergang von einer Form der familialen Einhegung weiblicher Existenz zur nächsten? Wer hätte gedacht, dass überall Spuren von Unterdrückung aufgefunden werden können, die der weibliche Teil der Menschheit vonseiten der männlichen erfahren hat?

So weiterhin zu denken, mit einem derart detektivischen Blick auf die Welt zu schauen, gilt heute als überholt und obendrein als ethisch fragwürdig. Für die Gleichstellung sei genug getan worden, und Frauen sollten sich vor einer Selbststilisierung als ewige Opfer hüten. Das ist richtig, dennoch: Es wäre verwunderlich, wenn nach einer so langen Vorgeschichte der Unterdrückung nicht immer noch Spuren, Folgen, geistige Verformungen und unbewusste Verhaltensbereitschaften aus diesem Kontext auffindbar wären, bei Männern und Frauen. Soll man sie auf sich beruhen lassen? Selbst wenn die gesamte Gesellschaft sich dazu entschlösse – es wäre nicht möglich. Die Idee der Gleichheit und das Virus des Widerstands gegen Diskriminierung sind in der Welt und werden ihre Arbeit tun. Die Gesellschaft muss mitmachen. Dabei geht es nicht nur darum, Diskriminierungen historisch zu begründen, sondern sie abzuschaffen und tragfähige Lebensformen für die Zukunft zu finden.

Man darf davon ausgehen, dass der Großteil unserer Öffentlichkeit und ihrer dienstbaren Geister, die Presse, das Fernsehen, das Internet und alle sozialen und asozialen Medien, dazu auch bereit und mit diesem Auftrag unterwegs sind. Die Prioritäten, die gesetzt werden, müssen von Fall zu Fall diskutiert werden. Dieser Essay möchte herausarbeiten, warum es eben doch unumgänglich ist, die Auflehnung gegen Spielarten fortwirkender Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes fortzusetzen, auch wenn es mühselig ist und obsolet erscheint. Dass es für die jetzt lebenden Generationen nicht infrage kommen wird zu sagen: Wir haben es geschafft, es ist alles gut. Dafür ist das historische Paket an Chauvinismus, Unterdrückungs-, Widerstands- und auch Kompromissvarianten, das wir alle schultern, zu groß. Und dafür ist das Feld, in das die geschlechtsspezifische Repression hineinwirkt, zu unübersichtlich. Es ist eben viel mehr und auch etwas anderes als Gleichheit, was wir anstreben, wenn wir weibliche Freiheit meinen. Es ist ein Lebensraum frei von Herrschaft für beide Geschlechter, wobei sich die Frage einschleicht, was nicht nur Gleichheit, sondern auch, was Differenz in und außerhalb von politischen, juristischen und sozialen Bezügen als Kategorien ausrichten können.

Die Verschiedenheit der Individuen soll sich entfalten können, diesen Grundsatz halten alle modernen Gesellschaften hoch. Aber wie sieht es mit der Verschiedenheit der Geschlechter aus? Sie zu diskutieren, ohne implizit den Herrschaftsanspruch des männlichen Geschlechtes und damit die patriarchalische Gehorsamskultur mit einfließen zu lassen, war immer ein schwieriges Unterfangen und ist es geblieben. Es geht damit nur zögerlich voran. Der feministische Diskurs heute scheut davor zurück, die anstrengende und verfängliche Debatte um die Verschiedenheit der Geschlechter bei Betonung des Gleichheitsprogramms im Sinne der Emanzipation weiterzuführen. Er weicht ihr aus, weil er fürchtet, dass alles, was argumentativ vom Pfad der Gleichheit abweicht, zu Rückschritten führt. Die Flucht in die verschiedenen Transgender-Diskussionen, die ein gedankliches Feld beackern, in dem die Existenz von Geschlechtern überhaupt infrage steht, ist ein Beispiel für diese tiefsitzende Furcht. Frau sollte aber das Risiko eingehen, über die Verschiedenheit der Geschlechter nachzudenken, und sich den Konsequenzen stellen. Zu denen muss nicht gehören, dass gleiche Rechte im Sinne von gleichen Chancen und Bedingungen verloren gehen. Im Gegenteil, da der Sinn der Zweigeschlechtlichkeit bei der Spezies Homo sapiens in der Verschiedenheit der beiden Geschlechter liegt, was ihre generativen Potenzen und womöglich noch einige andere Bereiche betrifft, könnte eine Berücksichtigung von Ungleichheit zu mehr Gleichheit führen. Es geht darum, Herrschaft aus den Geschlechterbeziehungen rauszuwerfen, nicht die Ungleichheit zu leugnen.

Frauenpolitik und -publizistik beschränken sich, nachdem auf dem Feld der Bildung und der politischen Partizipation viel passiert ist, heute weitgehend darauf, in denjenigen Lebensbereichen Gleichheit umzusetzen beziehungsweise anzumahnen, die sich nach einer Ausbildung oder einem Universitätsstudium für Frauen öffnen – mit dem Ziel, die Bedingungen zu verbessern, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft, was Berufsaussichten und -ausübung angeht und vor allem Entlohnung, Gehalt, Honorar und schließlich Rente. Auf diesen Feldern hat sich unter dem Zeichen der Gleichheit ein publizistischer Grabenkampf entwickelt, in dem seit Jahrzehnten identische Argumente, Zustandsbeschreibungen und Zielvorstellungen dargelegt werden. Es sieht so aus, als könne frau als Politikerin und als Feministin machen, was sie wolle und müsse, sie käme keinen einzigen Schritt voran. Immer noch gibt es die gaps, die sich einfach nicht schließen wollen: einen Lohnabstand zwischen Männern und Frauen von (in Deutschland je nach der Art, wie man rechnet) 17 bis 27 Prozent, eine Bereitschaft, Zeit mit Kindern zu teilen, die bei Frauen das Hundertfache dessen ausmacht, was Männer aufbringen, einen eklatanten Mangel an weiblichen Führungskräften, dafür ein Verhältnis von neun zu eins, was die Verteilung von Frauen und Männern bei den Alleinerziehenden, den Teilzeitarbeitenden und Zuständigen für die Pflege alter Eltern betrifft, eine schreiende Unterrepräsentanz von Studentinnen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sowie erschreckende Zahlen, was die Karrieren von Männern und Frauen nach dem Erreichen des Doktorgrades an den Universitäten betrifft: Männer werden Professoren, Frauen Mütter. Diese gaps lassen sich mutatis mutandis in allen gesellschaftlichen Bereichen, Parteien, Verbänden, Interessengruppen, Milieus, Stadt und Land, Branchen und Institutionen auffinden, sie sind angeblich in den anderen europäischen Ländern kleiner und klaffen nur in Deutschland auf beschämende und entmutigende Weise mit der Tendenz, sich nicht nur nicht zu schließen, sondern womöglich weiter zu öffnen. Hier haben wir eine Stockung in der Wirklichkeit und in der Debatte, die laut danach ruft, den Blick von den üblichen Parametern wie Einkommen, Zeiteinteilung und Planungssicherheit mal abzuwenden und in das unübersichtliche Gelände der im sozialen Leben fein verteilten ererbten Herrschaftsmechanismen zu richten. Frau wird dann entdecken:

Es ist mehr als Gleichheit, was wir anstreben müssen, wenn der Prozess der Emanzipation weitergehen soll. Der historische Blick macht vieles verständlich, und er ist die erste Voraussetzung dafür, die aktuelle Situation zu verstehen. Sie kann dann viel leichter verändert werden. Man sollte die Bewegungen und Stimmen von Männern und Frauen als ästhetische Phänomene wahrnehmen und bewerten, während man zugleich die Anteile von Herrschaft, die noch darin stecken mögen, kritisch anschaut und praktisch entfernt. Man sollte die Ansprüche und Selbstbilder der Geschlechter immer wieder daraufhin befragen, was sie an Altlasten noch mit sich herumschleppen und ob und wo sich die individuellen von den geschlechtsspezifischen Merkmalen oder Zielvorstellungen trennen lassen. Man sollte eine Ungleichheitspolitik wie die Quotierung, also die Bevorzugung von Frauen bei der Stellenbesetzung, auf allen Hierarchieebenen in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen (bis zu einem erstrebten Anteil) forcieren. In Schulen wird beklagt, dass die Jungen zurückfallen, weil Mädchen im Zuge des kritisch-feministischen Dauerfeuers mehr Aufmerksamkeit bekämen. Aber liegt es wirklich daran? Könnte es nicht auch sein, dass Mädchen mehr Disziplin an den Tag legen, weil ihnen die Bereitschaft zu gehorchen nach der langen Unterdrückungsgeschichte des weiblichen Geschlechts noch in den Knochen steckt? Das kritische Besteck des Feminismus muss feiner werden, es kann nicht sein Bewenden damit haben, überall fünfzig Prozent zu fordern. In der konkreten Situation sind diese groben Verteilungsschlüssel oft wenig wert.

Die Freiheitsimpulse in allen modernen Gesellschaften stärken das Individuum gegen Konformitätszwänge, die von Traditionen und Institutionen ausgehen, sie verlangen zunehmend Respekt vor dem Besonderen. Eine neue Herausforderung, vor der die Frauenbewegung steht, liegt darin, dem Geschlecht auf der großen Skala des individuellen Charakters sozusagen seinen Platz zuzuweisen. Es hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass gar nicht alle Frauen Mütter werden wollen. Und die Emanzipation war einen großen Schritt weiter, als die kinderlose Frau nicht mehr abgewertet, sondern ihre Entscheidung als eine individuelle akzeptiert wurde. Aber das war ein langer Kampf! Mädchen, die auf Bäume klettern, sind heutzutage Kinder, die ihre Lebensfreude zeigen, und keine aus der Art geschlagenen Evastöchter mehr. Streben sie aber später Führungspositionen an, werden sie immer noch gerne gedeckelt. Väter, die in Elternzeit gehen, ernten im Feuilleton Applaus, aber in den Betrieben macht man sie runter. Es sind also weniger die Männer, die es versäumen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, als die Strukturen, in denen sie arbeiten, die ihnen das erschweren. Die Kategorie der Herrschaft kann sich vom Geschlecht lösen und unpersönlich werden, sie taugt dann auch dazu, Beschränkungen im Leben von Männern dingfest zu machen. Auf den Spuren solcher Betrachtungen, Bewertungen und kritischen Zugriffe richtet der Diskurs der Emanzipation heute viel mehr aus als nur das Plädoyer für Gleichheit. Im vorigen Jahrhundert war es wichtig, die Kategorie der Gleichheit in den Vordergrund zu stellen, weil das Geschlechterverhältnis vor allem durch die Brille der Verschiedenheit angeschaut wurde – auch in der Tradition der Frauenrechtlerinnen des Jahrhunderts zuvor. Inzwischen denken wir differenzierter. Und wir haben die Gleichheit so gut im Blick, dass wir nichts verlieren, wenn wir die Verschiedenheit zum Thema machen. Zumal es für beide Geschlechter inzwischen darum geht, Herrschaftsstrukturen zu erkennen und aufzulösen.

Viel zu langsam viel erreicht

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