Читать книгу Der Geheimbund der 45 - Bernhard Wucherer - Страница 18
Kapitel 7
ОглавлениеSeit dem Tod des ersten Großmeisters des vor einhundertsiebzig Jahren in Konstanz gegründeten Geheimbundes »Gladius Dei« waren es die Mitglieder gewohnt, von Zeit zu Zeit hinter dem Amulett herjagen zu müssen, das – als wenn es der Teufel wollte – immer wieder verschwand, um dann doch wieder irgendwo aufzutauchen. Und jedes Mal, wenn es gefunden worden war, hatte es Tote gegeben. Bisher hatte die Prophezeiung des ersten Großmeisters sechs Opfer gefordert: zum einen Gerold Eberz, den Mair von villa Ysinensi, der das Amulett bei seiner Ermordung aber nicht bei sich getragen hatte, weil er es dem neuen Pfarrer von villa Ysinensi in die Tasche gesteckt hatte. Aber dies hatte der Mörder nicht mitbekommen, obwohl er vor Ort gewesen war. Eberz waren Wolfrad II. Graf von Altshausen und dessen treu ergebener Leibdiener gefolgt. Dann hatte es den Baumeister des Klosters getroffen, weil einer der fünfundvierzig Geheimbündler gehört hatte, dass er das Amulett um den Hals tragen würde, … was aber zumindest zum Zeitpunkt seiner Ermordung nicht der Fall gewesen war.
Weil der Geheimbund erfahren hatte, dass das Amulett vom Grafen Manegold I. zumindest zeitweise an den ersten Abt des Klosters, der ebenfalls Manegold geheißen hatte, weitergereicht worden war, hatte einer der Verschwörer den Klosterleiter sinnlos aus dem obersten Fenster des linken Kirchturms gestoßen. Schließlich war der betreffende Geheimbündler doch noch fündig geworden und hatte dem adeligen Träger das Amulett abgenommen.
Die Verwandten des Grafen hatten die Umstände, die zu Manegolds Tod geführt hatten, nach außen hin geheim gehalten. Dies hätten sie auch ohne den ausdrücklichen Wunsch des Dorfvorstehers von villa Ysinensi getan. Denn wie hätten sie der Öffentlichkeit einigermaßen plausibel erklären sollen, dass man ihrem als gottesfürchtig bekannten Herrn während eines Spaziergangs in seinem eigenen Park mit einem Schwert so fest durchs Herz gestoßen hatte, dass die offensichtlich zweischneidige schmale und lange Klinge hinten ausgetreten war? Aber dies war noch längst nicht alles gewesen; zu allem Übel hin hatte der Mörder – wie zuvor schon den anderen Ermordeten – eine von einem Quadrat umschlossene Zahl in die Stirn des Toten geritzt. Dieses Mal war es die Drei gewesen.
Für die fünfundvierzig »Auserwählten« war es nach siebenundsechzig Jahren des Verschwindens ein unbeschreibliches Glücksgefühl gewesen, das Amulett wieder im Besitz ihres Großmeisters zu wissen. Daraufhin hatte das Amulett über zwei Generationen hinweg den Großmeistern als äußeres Zeichen ihres Bundes gedient und war bei den geheimen Zusammenkünften von jedem einzelnen Mitglied ehrfurchtsvoll geküsst worden – eine Neuerung des vorangegangenen Großmeisters. Immer, wenn es verschwunden und wieder aufgefunden worden war, hatten diejenigen Menschen, die mit ihm zu tun gehabt hatten, dem Tod ins Auge sehen müssen. Das Verschwinden, das Wiederfinden, die Toten und die damit einhergehenden Rituale hatten den ideellen Wert dieses materiell völlig wertlosen Amuletts im Laufe von siebzehn Jahrzehnten immens gesteigert. Jedes Mal hatte sich der aktuelle Großmeister einen neuen Ritus einfallen lassen, um sich hervorzutun und seinen Status als uneingeschränkter Führer dieses radikalen Zirkels zu sichern. Denn der Verlust des Amuletts – und war er auch nur vorübergehend gewesen – hatte stets an der Reputation des jeweiligen Großmeisters genagt. Und weil innerhalb ihres Geheimbundes längst ein versteckter, aber immer wiederkehrender Machtkampf um die Position des Großmeisters begonnen hatte, waren die vierundvierzig gemeinen Mitglieder noch gefährlicher geworden, als sie dies am Tag ihrer ersten Zusammenkunft vor einhundertsiebzig Jahren schon gewesen waren.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Identität eines Großmeisters oder eines seiner vierundvierzig Handlanger bekannt würde. Dies würde gleichzeitig heißen, dass auf einen Schlag neununddreißig weitere unschuldige Männer ihr Leben lassen müssten, damit der Geheimbund korrekt nach den Statuten des ersten Großmeisters aufgelöst werden konnte. Denn erst – so die Prophezeiung des Großmeisters bei der Gründungsversammlung im Konstanzer Dom – wenn so viele Menschen getötet wurden, wie die Addition der neun Zahlen auf dem Amulett ergab, konnte sich der geheime Zirkel ins Nichts auflösen … oder sich ganz neu formieren. Ob dies – wenn es tatsächlich so weit kommen würde – ohne weiteres Aufsehen und möglicherweise sogar ohne das Aufdecken der Identität seiner Mitglieder vonstattengehen würde, stand allerdings in den Sternen.