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Kapitel 8

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Hannes Eberz war stolz auf seinen jüngsten Sohn Peter gewesen, obwohl der ihm nicht ins Amt des Mairs gefolgt war. Dafür war aus Peter genau das geworden, was seine Eltern schon immer geahnt hatten; ein erfolgreicher Kaufmann!

Hannes hatte den Aufstieg seines Sohnes nicht mehr ganz miterleben dürfen, weil er einem Geschwür im Kopf erlegen war. Bis zu seinem langwierigen und schmerzhaften Tod hatte der alt gewordene Mann tagtäglich die magisch auf ihn wirkende Zahl Drei im Kopf gehabt und nicht mehr herausbekommen, sosehr er dies auch versucht hatte. Dies war sogar so weit gegangen, dass ihn immer stärkere Kopfschmerzen geplagt hatten, die am Schluss überhaupt nicht mehr gewichen waren. Deswegen hatte er den als Schwätzer bekannten Dorfmedicus aufgesucht, den er ansonsten gemieden hatte. Nachdem er dem Arzt auf Nachfrage erzählt hatte, was ihn dermaßen plagte, dass er sich endlich einmal zu ihm getraut hatte, war anstatt eines hilfreichen Rates nur die neunmalkluge Antwort zurückgekommen: »Omne trinum perfectum!«, was nichts anderes geheißen hatte als »Aller guten Dinge sind drei!«

Von diesem Tag an hatte Hannes nur noch schlaflose Nächte und eine solche Heidenangst vor dem Tod gehabt, dass er irgendwann gänzlich der Narretei verfallen war. Ein unrühmliches Ende für einen einst schneidigen und von allen respektierten Mann, der für seine Familie, für das Kloster und für sein Heimatdorf Ysinensi so viel getan hatte wie keiner zuvor. Seine Frau Agathe war zwei Jahre zuvor eines natürlichen Todes gestorben und hatte den Verfall ihres Mannes nicht mehr miterleben müssen. Was aber beide noch mitbekommen und Hannes zumindest in früheren Jahren aktiv vorangetrieben und mitgestaltet hatte, war das systematische Anlegen einer breiten Durchgangsstraße, die sich vom höher gelegenen südlichen Teil in Richtung Norden durch das ganze Dorf hinunterzog und selbst für Ochsenkarren und Kutschen breit genug war. Davon ausgehend – so Hannes’ damalige Gedanken – konnten bei zunehmendem Bedarf an beiden Seiten Gassen angelegt werden, die zwischen den Behausungen zu mehreren Stellen führten, die als Fest- und Versammlungsplätze genutzt werden konnten. Gleichzeitig sollte dort Handel getrieben werden. Die Vision des weitsichtigen Dorfvorstehers war es gewesen, in Ysinensi verschiedene Märkte fest anzusiedeln und das Dorf künftig nicht immer wieder neu einzuteilen.

»Vielleicht wäre eine breite Querstraße in der Mitte des Dorfes gar nicht schlecht?«, hatte Hannes den anderen Männern von Ysinensi gegenüber verlauten lassen, wegen der damit verbundenen zusätzlichen Arbeit aber eine Abfuhr erhalten. Dann in Gottes Namen zu einem späteren Zeitpunkt, hatte er sich gedacht und das Projekt so lange vor sich hergeschoben, bis er es nicht mehr hatte realisieren können.

Dennoch hatte er bis zum Ausbruch seiner schrecklichen Krankheit Nacht für Nacht daran gedacht und davon geträumt, wie schön es doch wäre, wenn es einen eigenen Vieh- und Rossmarkt gäbe, dessen Gestank sich nicht mit dem herbalen Geruch von Gemüse und dem süßen Duft von Obst vermischen musste, während Schmalz, Stoffe, Hausrat und Tand an anderen Stellen feilgeboten wurden.

Unter seiner Ägide war auch die innerdörfliche Wasserversorgung verbessert worden. Hannes’ Visionen waren sogar so weit gegangen, mit dem Bau einer Stadtmauer aus Stein zu beginnen. »Wenn dies vermutlich auch ein Bauwerk über Generationen werden wird, muss einmal damit angefangen werden. Ravensburg, Wangen und andere Dörfer verfügen schon längst über einen steinernen Schutzwall, der ihnen Sicherheit gibt!«, hatte er vor vielen Jahren bei einer Zusammenkunft aller Männer des Dorfes gesagt, sich wegen der bevorstehenden Arbeit aber ebenfalls nur Häme, Pfiffe und sogar persönliche Beleidigungen eingehandelt. Mit dem Bau der ersten Mauer um Ysinensi herum hatte er gegen alle Widerstände hinweg trotzdem beginnen lassen und sich neben seiner eigentlichen Arbeit auch selbst den Rücken für die Allgemeinheit krumm geschuftet. Dennoch waren zu seinem Begräbnis nur wenige Bürger erschienen. Die Menschen hatten Angst vor Geisteskrankheiten und fürchteten sich davor, sich damit anzustecken. Dies hatte ihnen der selbst närrische Dorfmedicus eingeredet, weil er mit dem Mair zeitlebens zu wenig Geschäfte hatte machen können. Hannes Eberz war einfach zu robust gewesen, um wegen jeder Kleinigkeit den Medicus zu bemühen. Dementsprechend hatte er ihn im Laufe seines Lebens nur dreimal aufgesucht.

*

Obwohl im Herzogtum Schwaben ein jahrelanger Krieg zwischen den mächtigen Welfen und den Staufern getobt hatte, entwickelte sich Ysinensi weiterhin prächtig. Dass vor vier Jahren der einzige Sohn des sechsten Welfen beim Machtkampf mit dem Papst in den italienischen Landen an einer Seuche verstorben war, weswegen Welf VI. sein Erbe an seinen Neffen und ehemaligen Gegner Friedrich Barbarossa I. übergeben hatte, war dank der guten Handelsbeziehungen sogar bis ins Allgäu gedrungen. Dass das Welfenerbe als Reichsgut an den Kaiser gegangen war, veränderte so nach und nach das Leben im Herzogtum und im angrenzenden Bayern sowie in Schwaben. So war auch in Ysinensi die Zeit nicht stehen geblieben.

Weil den Verantwortlichen längst klar geworden war, was die Stunde geschlagen hatte, setzten sie sich im Refektorium des Klosters an einen Tisch und beschlossen eine Art Stadtgründung, indem sie den Gepflogenheiten ihrer Zeit folgend nach einem geometrischen Plan vorgehen wollten. Um das bisher Erreichte, im Grunde genommen aber immer nur von Laienhand Gefertigte auf fachkundigere Beine zu stellen, hatte Graf Wolfrad seine besten Baumeister aus Altshausen und Trauchburg sowie einen Mathematiker aus Tettnang zu dieser Besprechung mitgebracht. Um die Wichtigkeit seines Anliegens zu dokumentieren, hatte er sogar einen Astronomen aus Tübingen dazugebeten.

»Seit dreizehn Jahren verfolgt Heinrich der Löwe den Plan, das bayerische Salz aus Reichenhall nach Westen zu exportieren. Er plant eine Salzstraße über Wasserburg, München, Landsberg, Memmingen, Lindau, Schaffhausen und weiter nach Baden, Zürich und vielleicht sogar nach Basel! Und dabei müssen die Salzroder auch an Ysinensi vorbei …«

»Oder besser noch«, begann Marquard, der derzeit amtierende Abt von St. Georg, das, was Graf Wolfrad gesagt hatte, zu ergänzen. Bevor er seinen Satz vervollständigte, lachte er triumphierend auf. »… mitten durch Ysinensi hindurch!«

»Ja!«, bestätigte einer von Hannes Eberz’ Nachfolgern und setzte forsch drauf: »Wir müssen in jeder Hinsicht wachsam sein, um das Stapelrecht zu bekommen!« Der neue Mair von Ysinensi schien wie die meisten seiner Vorgänger ebenfalls ein vernünftiger Mann zu sein.

»Ihr wollt das Stapelrecht für Ysinensi?«, freute sich der Graf und sagte den anderen zu, alles dafür zu tun, um die Salzfuhrwerker zu verpflichten, in Ysinensi Station zu machen. »Weil wir noch kein offizielles Stadtrecht besitzen, kann ich nichts versprechen«, gab er zu bedenken, strahlte aber gleichzeitig die Hoffnung aus, es noch in diesem Jahr irgendwie hinzubekommen, dass Ysinensi von durchziehenden Kaufleuten verlangen dürfe, ihre Waren für einen noch zu bestimmenden Zeitraum auf dem Stapelplatz abzuladen und hier in Ysinensi den Kaufinteressierten anzubieten. »Sie könnten dann durch das Wassertor und das Viehtor zum Marktplatz gelangen!«

Weil seine Zuhörer zwar skeptisch waren, das begehrte »Stapelrecht« tatsächlich zu bekommen, aber dennoch zufrieden mit den Planungen ihres Grundherren, herrschte im Refektorium Aufbruchsstimmung.

*

Wie erfreut wären die Vorgänger des amtierenden Mairs gewesen, wenn sie es hätten miterleben dürfen, dass Ysinensi das begehrte Stapelrecht tatsächlich noch im selben Jahr erhalten hatte. Und wie stolz wären sie erst gewesen, wenn sie mitbekommen hätten, wie die mächtigen Welfen und der bayerische Herzog Heinrich der Löwe Ysinensi auch noch das Marktrecht verliehen hatten. Denn lange bevor Ysinensi diese Privilegien offiziell erhalten hatte, war von ihnen der Grundstein für den weiteren Ausbau zu einem bedeutenden Handelsstützpunkt gelegt worden. Ysinensi, das aufstrebende Allgäuer Dorf am Rande des westlichen Schwabens, hatte nicht nur das Stapelrecht, sondern durfte sich zudem auch noch als Markt bezeichnen. Und damit gingen einige gewinnversprechende Rechte einher, aber auch Verpflichtungen. Eine davon war, bei Wochen- und Jahrmärkten den sogenannten »Königsfrieden« zu wahren. Dabei standen sowohl die Händler als auch die Besucher unter dem Schutz der marktführenden Stadt, also des jeweiligen Mairs. Streitigkeiten wurden stets vor Ort ohne den Formalismus des Landesrechts entschieden. Denn der Marktherr musste die uneingeschränkte Freiheit des Handelsverkehrs sowie die Sicherheit der Straßen und Wege garantieren. Außerdem hatte er dafür zu sorgen, den Handel durch den Umlauf von Münzen zu erleichtern. Dafür durfte er von den Verkäufern einen Marktzoll einfordern. Außerdem hatte der Marktleiter dafür zu sorgen, dass die örtliche Kaufmannschaft vor Konkurrenz geschützt wurde – eine nicht immer leichte Aufgabe, die den künftigen Dorfvorstehern und Bürgermeistern von Ysinensi zunehmend Sorgen bereite würde.

Hannes Eberz hatte auch nicht mehr miterleben dürfen, wie die Dorfkasse durch den zunehmenden Wohlstand der Kaufleute und somit auch der Handwerker und Bauern ebenso gefüllt wurde wie durch Steuern, Ungelder und Zölle, die nun auch von reisenden Händlern entrichtet werden mussten. Wenn auch das meiste davon an den Grundherrn und von dort aus noch weiter geleitet werden musste, blieb für Ysinensi immer noch so viel übrig, dass die Dorfentwicklung weiter vorangetrieben werden konnte. Dennoch ärgerte es die Menschen, dass die Abgaben »nach oben hin« immer höher stiegen.

»Früher hat es geheißen ›Der Graf nimmt’s, der Graf gibt’s‹. Heute nimmt er nur noch!«, schimpften die Leute und hofften inbrünstig, dass sich dies irgendwann ändern würde.

*

Seit dem Tod des Dorfvorstehers Hannes Eberz hatte sich innerhalb der Familie viel verändert. Nicht nur aus seinem Sohn Peter war ein erfolgreicher Kaufmann geworden, auch all dessen Geschwister waren aufgestiegen. Und deren Kinder und Kindeskinder befanden sich ebenfalls schon auf bestem Weg, es zu etwas zu bringen. Insbesondere Peters zweitältester Enkel Godehard bereitete der Familie viel Freude, weil er wie sein Großvater hervorragend mit Zahlen umzugehen wusste. Aber auch Peters ältester Enkel Paul schien ein kluger Knabe zu sein. Allerdings hatte die Art und Weise, wie Paul in seiner Kindheit mit seiner Begabung umgegangen war, die Eltern zutiefst verunsichert. Denn Paul hatte schon als sechsjähriger Knabe Fröschen Strohhalme in den Hintern gesteckt, um sie aufzublasen – damit hatte er sie beileibe nicht quälen, sondern lediglich in Erfahrung bringen wollen, ob mit Luft gefüllte Frösche tauchen konnten. Als er später Ratten gefangen und bereits tote Katzen oder andere Tiere aufgeschnitten hatte, um zu sehen, was sich im Inneren von deren Bäuchen befand, war Pauls Eltern nicht nur einmal übel geworden. Sie hatten sich große Sorgen darüber gemacht, dass ihr Sohn der Narretei verfallen sein könnte, und ihn nach jeder Verfehlung so lange eingesperrt, bis Paul hoch und heilig Besserung gelobt hatte. Aber Pauls Schwüre hatten nie lange gehalten. Beim letzten Mal hatte ihn die Mutter erwischt, wie er den vom Fell befreiten Schädel eines toten Hundes an einen Strick gebunden hatte, um ihn im Stadtbach zu versenken, damit die Fische den Rest erledigen würden. »Ich wollte doch nur sehen, wie Hundekiefer funktionieren, weil die so fest zubeißen können!«, hatte der zu einem beachtlichen Burschen herangereifte Paul zu seiner neuerlichen Entschuldigung gesagt … und war wieder eingesperrt worden.

*

Von alledem hatte Peters Berufskollege und Freund Melchior Habisreitinger nichts gewusst. Er hatte nur mitbekommen, dass Paul ein überaus kluger Knabe war, aus dem unbedingt ein Studiosus werden musste. »… Arithmetik vielleicht?«, hatte Melchior vorgeschlagen und ergänzt, dass Rechnen schließlich die Grundlage für den Erfolg eines guten Kaufmannes sei. »Was würdest du davon halten, wenn ich deinen von Gott gewollt klugen Enkel bei meiner nächsten Handelsreise in die italienischen Lande mitnehme, damit er dort ein Studiosus werden kann?«, hatte Melchior seinen verdutzt dreinschauenden Freund gefragt, weil er dessen Leid nicht mehr hatte mit ansehen können. Peters Frau Elsebeth war vor einem Jahr den Folgen eines Arbeitsunfalles erlegen. Zu allem hin waren kurz darauf auch noch sein Sohn und seine Schwiegertochter an der Roten Ruhr verstorben, einer der vielen unerklärlichen Epidemien, die über das Land hinweggefegt waren wie ein Totenheer und auch in Ysinensi etliche Opfer gefordert hatten.

Um den Kraftakt zu schaffen, die alleinige Erziehung seiner Kinder und seiner Enkelkinder mit dem Geschäft unter einen Hut zu bekommen, hatte der gutmütige und gottesfürchtige Peter eine Haushälterin nehmen müssen, die viel Geld gekostet hatte – von der Amme für seine kleinste Enkeltochter ganz zu schweigen. Er hatte das zweifelhafte Glück gehabt, dass das neugeborene Kind einer Nachbarin dem Kindstod zum Opfer gefallen war, weswegen sie Milch gehabt hatte, die sie Peters kleiner Enkelin gegen gutes Geld hatte zur Verfügung stellen können.

Trotz des schweren Herzens bei dem Gedanken, seinen Enkel Paul vielleicht nie mehr wiederzusehen, hatte der fürsorgliche Großvater erwogen, um des Kindeswohls willen auf Melchiors Vorschlag einzugehen.

»Glaub mir, Peter, das ist das Beste für den Knaben!«, hatte der in Reisen erfahrene Kaufmann mehrmals gesagt und dazu immer wieder bemerkt, dass er freundschaftshalber auf das Kostgeld für Paul während der wochenlangen Reise in die italienischen Lande verzichten würde. »Und du hast dann einen Esser weniger zu Hause!«

Peter hatte die Wangen aufgebläht und fest Luft ausgestoßen, bevor er zustimmend genickt und in resigniertem Ton bemerkt hatte, dass er dann immer noch sechs Mäuler zu stopfen habe.

Ein knappes Jahr später war es dann zum schmerzlichen Abschied gekommen. Während Paul mit »Onkel Melchior« mitgegangen war, ohne eine einzige Träne vergossen zu haben, hatten sich seine Geschwister und der Rest der Familie die Augen ausgeheult.

Der Geheimbund der 45

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