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Kapitel 3

Maria

„Hab keine Angst, Maria“, redete der Engel weiter. „Gott hat dich zu etwas Besonderem auserwählt. Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen.“ – „Ich will mich dem Herrn ganz zur Verfügung stellen“, antwortete Maria. „Alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast.“ Darauf verließ sie der Engel.

Lukas 1,30 – 31.38

Donna hielt das weiße Plastikstäbchen in der Hand. Mit angehaltenem Atem saß sie auf dem Badewannenrand und wartete. Sie konnte sich einfach nicht überwinden, auf den Schwangerschaftstest zu schauen.

Was, wenn sie tatsächlich schwanger war? Das wäre wundervoll. Mit vierzig hatte sie die Hoffnung auf ein Kind eigentlich schon aufgegeben. Aber wenn es nun doch geschehen war? Ihr Herz flatterte ein wenig vor Freude.

Doch was würde Richard sagen?

„Wünschst du dir eigentlich Kinder?“ Donna hatte sich lange Zeit nicht getraut, ihm diese Frage zu stellen, aber als das Thema Hochzeit im Raum stand, hatte sie es einfach wissen müssen.

„Sch“, hatte er nur gesagt und ihr den Zeigefinger auf den Mund gelegt, „mach dir deswegen keine Gedanken. Kinder sind mir nicht so wichtig. Du bist alles, was ich brauche.“

Damals hatte diese Antwort sie beruhigt. In Richards Umarmung hatte sie seine Liebe gespürt. Sie war erleichtert gewesen, dass er seinen Traum von einem eigenen Kind nicht aufgeben musste, weil er eine Frau heiratete, die zu alt war, um Kinder zu bekommen.

In ihrem Alter war die Chance, schwanger zu werden, gering, das war Donna bewusst. Es war gut, dass Richard nicht unbedingt Kinder haben wollte. Sie selbst hatte diesen Traum bereits vor Jahren begraben.

Doch als sie jetzt hier im Bad hockte, das Teststäbchen in der Hand hielt und auf das Ergebnis wartete, beschlichen sie Zweifel. Wäre eine Schwangerschaft eine gute Neuigkeit? Oder eine schlechte?

Die Übelkeit war das erste Anzeichen gewesen. Donna hatte nie Probleme damit gehabt. Und dann hatte sie eines Morgens gerade einen Herbstkranz an der Haustür aufgehängt, als ihr schrecklich übel wurde und sie sich auf die Treppe setzen musste. Den restlichen Vormittag verbrachte sie im Bett.

Richard machte sich große Sorgen um sie.

„Morgen musst du unbedingt zu Dr. Amos gehen“, sagte er und versorgte sie mit Suppe und Ginger Ale. „Vielleicht brütest du etwas aus.“

„Das ist nichts“, winkte sie ab. „Vermutlich das mexikanische Essen von gestern Abend.“

Doch am nächsten Morgen kehrte die Übelkeit zurück. Wieder blieb sie im Bett liegen, bis die Übelkeit vorüber war.

Später an jenem Tag war ihr der Gedanke gekommen. Vielleicht war sie schwanger …

Sie verhüteten nicht. Schließlich waren die Chancen, mit vierzig schwanger zu werden, äußerst gering. Das hatte ihr Gynäkologe gesagt, und da sie Medikamente nur dann nahm, wenn es sich nicht umgehen ließ, hatte sie sich gegen die Antibabypille entschieden.

Aber so war das mit der Statistik. Selbst eine geringe Chance war eine Chance, und jemand musste ja die Ausnahme sein. Jetzt war sie es vielleicht.

Donna senkte den Blick auf das weiße Plastikstäbchen, und da stand es ganz deutlich im Fenster des Teststreifens: SCHWANGER.

Sie ließ das Stäbchen fallen, als hätte es ihr die Hand verbrannt. Ihr Herz tat einen Satz. Dann bückte sie sich langsam, um den Teststreifen wieder aufzuheben.

Das Wort stand immer noch da.

SCHWANGER.

Ein lebensveränderndes Wort. Ein Kind von Richard, dem Mann, den sie liebte. Ein Kind, das ihr geordnetes und ruhiges Leben durcheinanderbringen würde …

Vielleicht sollte sie noch einen Test kaufen, nur um sicherzugehen. Nein, da stand es schwarz auf weiß. Sie war wirklich schwanger.

Freude machte sich in Donna breit, ein unbeschreibliches Glücksgefühl und Staunen. Sie würde Mutter werden! Eigentlich hatte sie diesen Traum längst aufgegeben, doch jetzt würde sie tatsächlich ein Kind bekommen. Sie würde Leben schenken. Wie glücklich sie sich schätzen konnte! Das war ein wundervolles Geschenk von Gott. Sie legte die Hände auf den Bauch und sprach ein leises Gebet.

Aber was war mit Richard? Sie erinnerte sich an seinen Gesichtsausdruck, als sie ihn gefragt hatte, ob er sich Kinder wünsche. „Du bist alles, was ich brauche“, hatte er geantwortet.

Ihre Freude wich der Unsicherheit.

Was, wenn er sich über die Neuigkeit gar nicht so freute wie sie? Das könnte sie nicht ertragen.

Ihre Heirat hatte einen tiefen Einschnitt für sie beide bedeutet und gravierende Veränderungen mit sich gebracht. Ihren Kater Mr Darcy hatte Richard nur schwer akzeptieren können. Er hatte sich Mühe gegeben, sich an das Tier zu gewöhnen. Nach ihrer Verlobung hatte er ihr ein hübsches mit Steinen besetztes Halsband für den Kater geschenkt, was sie als eine nette Geste empfand.

Doch als sie Mr Darcy das Halsband anlegte, wälzte er sich auf dem Boden und versuchte, es wieder loszuwerden. Dann protestierte er mit lautem Maunzen und wilden Luftsprüngen. Sie nahm es ihm wieder ab, und seither war das Halsband in der Versenkung verschwunden.

Als Richard nach ihrer Hochzeit in ihr Haus gezogen war, hatte Mr Darcy sich unter das Bett im Gästezimmer verkrochen und war drei Wochen lang nicht mehr hervorgekommen.

Richard und der Kater kamen einfach nicht miteinander aus. Selbst jetzt hatte er noch seine Probleme mit dem Tier. Große Probleme. Wie würde er mit einem Baby klarkommen?


Wann sollte sie Richard die große Neuigkeit beibringen? Im Augenblick war er in der Kirche und probte das Orgelstück für Sonntag. Donna wollte ihn gleich dort abholen und anschließend zur Werkstatt fahren, um seinen Wagen zu holen.

Sie schnappte sich ihre Handtasche und ging zur Tür. Sie würde abwarten, wie seine Stimmung war.

Sie stieg in ihren Wagen und schnallte sich an. Ihre Hand ruhte einen Augenblick auf ihrem Bauch. Ein Baby. Sie konnte es immer noch nicht fassen.

Auf der Fahrt wirbelten ihre Gedanken durcheinander.

Ich muss es ihm sagen.

Ich kann es ihm nicht sagen.

Aber ich muss es ihm sagen.

Aber ich kann es ihm nicht sagen.

Auf dem Parkplatz vor der Kirche standen die Fahrzeuge einer Baufirma. Auf dem Rasen waren die Krippenfiguren aufgereiht. Donna blieb stehen, um sie zu bewundern. An einem warmen Herbsttag wie diesem wirkten sie ein wenig fehl am Platze. Sie passten besser in die Kälte eines winterlichen Dezembertages.

„Hallo, Donna“, rief Pastor Higgins, „könntest du dir vorstellen, eine dieser hübschen Figuren bis Weihnachten mit nach Hause zu nehmen? Während der Umbauarbeiten haben wir im Kirchengebäude keinen Platz für sie.“

Donna betrachtete die Figuren. Das stattliche Kamel. Den Esel, der zum Kirchgarten hinüberblickte. Den einsamen Weisen, der ein blaues Fläschchen in der Hand hielt, als wolle er es ihr anbieten. Josef, der sich vorbeugte und sie lockte, ihn zu beherbergen. Aber es war Maria, die ihre Aufmerksamkeit fesselte. Sie kniete auf dem Rasen, die Arme ausgestreckt nach einem nicht vorhandenen Baby.

Donna schaute in ihr zufriedenes Gesicht. Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie blinzelte sie fort und hoffte, dass der Pastor sie nicht bemerkt hatte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte sie. Ich werde Mutter!

„Ich nehme Maria.“

„Eine gute Wahl.“

Vorsichtig hob sie die Figur hoch. Sie war ungewöhnlich leicht.

„Los geht‘s, Maria“, sagte sie.

Maria im Arm zu haben, war irgendwie tröstlich. Donna ging zurück zum Parkplatz, öffnete die Heckklappe ihres Wagens und legte die Figur in den Kofferraum. Um sie vor der Sonne zu schützen, breitete sie eine leichte Decke über ihr aus.

„Ich bin gleich wieder da.“ Ganz vorsichtig schloss sie die Heckklappe. Vielleicht sollte sie Richard noch nichts von dem Baby erzählen. Sie waren auch so glücklich miteinander, und sie wollte ihr Glück nicht gefährden, indem sie ihm eine Neuigkeit überbrachte, über die er sich vielleicht gar nicht freute.

Seine Worte verfolgten sie. Kinder sind mir nicht so wichtig. Du bist alles, was ich brauche.

Sie sollte nichts überstürzen. Zuerst würde sie Dr. Amos aufsuchen.

Ihr Blick wanderte zum Kirchengebäude.

Richard trat aus der Seitentür und kam auf sie zu. Im Arm hielt er ein Bündel Papiere, vermutlich seine Noten. In seiner Musik konnte er sich verlieren. Sie liebte seinen Gang, ein wenig steif und gemessen. Lächelnd winkte sie ihm zu. Als er sie entdeckte, winkte er zurück, kam auf sie zu und begrüßte sie mit einem Kuss.

Vielleicht würde sie es ihm doch schon jetzt erzählen. Sie war so unglaublich aufgeregt, und sie wollte die Neuigkeit gern mit ihm teilen.

Sie stiegen in den Wagen und fuhren vom Parkplatz.

„Was hast du im Kofferraum?“, fragte er.

„Maria.“

Donna fädelte sich in den Verkehr ein. Richard, der gedanklich noch bei seiner Musik war, fragte nicht einmal nach, warum Maria in ihrem Kofferraum lag.

„Wie war deine Probe?“

„Ich habe Mühe mit dem Fingersatz für das Präludium. Irgendwie klappt das immer noch nicht richtig.“

Die Probe war nicht so gut gelaufen, wie er gehofft hatte. Vielleicht sollte sie mit der Neuigkeit doch lieber noch ein wenig warten.


Sie hielten an einer Ampel und Donnas Gedanken wanderten in die Vergangenheit.

Richard hatte ihr auf der Hochzeit eines befreundeten Paares einen Heiratsantrag gemacht. Das war so romantisch gewesen.

Ihre eigene Hochzeit war ohne großes Brimborium vonstattengegangen und einfach wunderschön gewesen. Die Trauung hatte an einem herrlichen, sonnigen Frühlingstag im Kirchgarten stattgefunden, und nur ihre engsten Freunde und Verwandten waren dabei gewesen. Kein Empfang, kein feierliches Schreiten durch den Mittelgang, nur sie beide standen vor Pastor Higgins.

Nach der Hochzeit hatten sie ihre Flitterwochen in den Smoky Mountains verbracht, bevor sie sich ihrem Alltag als Mann und Frau stellten. Als Mann und Frau mit Kater.

Richard war bei ihr eingezogen. Sein Haus hatten sie an einen Lehrer vermietet.

Donna genoss das Zusammenleben mit Richard. Sie mochte es, wenn seine Haare nach dem Aufwachen in alle Richtungen abstanden, und sie mochte sogar seine Bartstoppeln, die sie beim Gute-Morgen-Kuss pieksten.

Sie fühlte sich von ihm geliebt. Sie vertrauten einander und konnten offen und ehrlich miteinander reden.

Sie legte die Hand auf ihren Bauch. Bald wären sie zu dritt.

„Richard?“

„Hm?“ Er hielt den Blick auf seine Notenblätter gerichtet, in die er sich vertieft hatte.

Die Ampel schaltete auf Grün. Donna konzentrierte sich wieder auf die Straße. Richards „Hm“ zeigte ihr, dass er ihr gerade ohnehin nicht richtig zuhörte. In Gedanken war er noch bei seiner Musik.

Nein, das war nicht der richtige Zeitpunkt.

Sie seufzte und beschloss, für den Rest der Fahrt zu schweigen.

Als sie bei der Werkstatt ankamen, stieg er aus, und sie beobachtete ihn, wie er den Parkplatz überquerte, um seinen Wagen in Empfang zu nehmen.

Dass sie in ihrem Leben einmal ein so großes Glück erleben würde, damit hatte Donna nicht gerechnet. In ihrer Jugend hatte sie keine große Hoffnung gehabt, einen netten Mann kennenzulernen. Sie war nie zum Tanzen oder auch nur auf einen Kaffee eingeladen worden.

Früher hatte sie die fröhlichen, kichernden und herumalbernden Mädchen immer beneidet. Sie selbst war schon ernst zur Welt gekommen. Doch Richard schien gerade das an ihr zu mögen. Er mochte es, Scrabble mit ihr zu spielen oder sich gemeinsam mit ihr Dokumentationen im Fernsehen anzuschauen. Er teilte ihre Vorliebe für Ordnung und Stille und hatte selbst gern seine Ruhe. Mit einem Kind wäre es damit vorbei. Und doch …

Darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Morgen würde sie Dr. Amos aufsuchen. Dann hatte sie Gewissheit und keine andere Wahl mehr, als Richard die Neuigkeit zu erzählen.

„Also gut, Maria“, sagte sie, als sie die Krippenfigur aus dem Kofferraum nahm. „Wir werden es ihm morgen sagen.“

In diesem Moment erinnerte sie sich daran, was der Engel zu Maria gesagt hatte. Hab keine Angst! Das waren gute Worte, wenn plötzlich ein Himmelsbote vor einem stand. Oder wenn man vermutete, schwanger zu sein.

Hab keine Angst. Sie würde sich an diesen Worten festhalten.

Wie demütig Maria die Nachricht angenommen hatte! Alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast. Auch das waren gute Worte.

Donna war erstaunt darüber, welch großen Glauben Maria bereits als junges Mädchen gehabt hatte. Sie hatte Gott ihr Leben und ihre Zukunft anvertraut. Diese Art von Glauben wünschte Donna sich auch. Wenn sie in dieser Situation nur die gleiche Kraft hätte wie Maria.

Aber die hatte sie nicht.


Am nächsten Morgen bestätigte Dr. Amos Donnas Vermutung. Nach dieser Untersuchung wurde es Realität für sie. Als sie kurz darauf durch die Geschäfte der Stadt streifte, sah sie die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen.

Im Haushaltswarenladen fiel ihr Blick auf einen Weihnachtsbaum. Ein künstlicher Baum, der das ganze Jahr über in einer Ecke des Ladens stand und nun mit Weihnachtsschmuck dekoriert war, der zum Verkauf angeboten wurde. Hier, in diesem so gewöhnlichen Geschäft, zu Beginn des Herbstes erlebte sie den Zauber der Weihnacht. Die bunten Lichter blinkten. Vorfreude erfüllte sie. Dies würde ihr erstes Weihnachtsfest als Ehepaar sein. Unglaublich!

Als junges Mädchen hatte sie Weihnachtsbaumanhänger gesammelt. Ihre Sammlung bestand aus ganz unterschiedlichen Exemplaren. Einige davon hatte ihre Mutter ihr im Laufe der Jahre geschenkt. Donna erinnerte sich an das winzige Klavier, das sie in dem Jahr bekommen hatte, als sie anfing, Klavierstunden zu nehmen.

Ihre Mutter war vor zwei Jahren gestorben, und seitdem hatte es keinen neuen Weihnachtsschmuck, ja nicht einmal einen Baum gegeben.

Welche Traditionen würden Richard und sie ins Leben rufen? Donna legte die Hand auf ihren Bauch. Nun war es an ihnen, schöne Erinnerungen zu schaffen.

Dort, rechts oben in der Ecke entdeckte sie ihn: einen Holzanhänger in Form eines Kinderwagens mit der Aufschrift „Babys erstes Weihnachten“. Zögernd griff sie danach. Zwar würde das Baby erst im Frühling zur Welt kommen, aber dennoch wäre es das erste Weihnachtsfest mit ihrem kleinen Wunder – und der Beginn einer Reihe wunderschöner Erinnerungen; Erinnerungen an das erste Fußballtraining oder die erste Klavierstunde, die erste gemeinsame Reise und viele weitere glückliche Momente.

Sie löste den Anhänger vom Baum und ging damit zur Kasse.

Auf dem Heimweg überlegte sie, wann sie es Richard sagen sollte.

Vielleicht beim Abendessen.


Richards Lieblingsessen, Rinderbraten in Zwiebelsoße, schmurgelte auf dem Herd. Sie würden zusammen am Tisch sitzen und das Essen genießen. Dann würde sie ihn mit der Neuigkeit überraschen.

Erneut legte Donna eine Hand auf ihren Bauch. Der Wunsch, das neue Leben in sich zu beschützen, war bereits übermächtig in ihr.

Vor sich hin summend deckte sie den Tisch und stellte sogar zwei Kerzen in die Mitte. Das Abendessen sollte festlich und etwas ganz Besonderes sein.

„Verflixt!“, brüllte Richard, „dieser dämliche Kater!“

Wie ein Blitz sauste Mr Darcy an ihr vorbei.

Donna rutschte das Herz in die Hose. Wieder einmal hatte der Kater Richard verärgert.

Mit seinem blauen Lieblingspullover in der Hand kam Richard in die Küche. Überall am Pullover hingen Fäden heraus, offenbar hatte Mr Darcy ihn mit einem Wollknäuel verwechselt. Es sah aus, als hätte er sorgfältig jeden Faden einzeln herausgezogen, um dem Pullover ein flauschiges Aussehen zu verleihen. Donna musste beinahe lachen.

„So geht das nicht weiter!“ Richards Gesicht war vor Zorn gerötet. Mit seiner Kleidung war er sehr penibel. Abrupt drehte er sich um und stapfte ins Schlafzimmer zurück, um nach dem Kater zu suchen.

Donna seufzte. Was würde er erst zu einem Baby sagen? Ein Baby, das im ganzen Haus herumkrabbelte, seine Ordnung durcheinanderbrachte, auf seine Kleidung sabberte.

Vielleicht sollte sie es ihm doch lieber erst morgen sagen.

Ihr Blick fiel auf Maria, die sanftmütig lächelnd in einer Ecke des Zimmers stand, die Arme erwartungsvoll ausgestreckt. Dieses Bild spiegelte auch ihre Gemütsverfassung wider. Sie sehnte sich nach diesem Baby.

Donna atmete tief durch.

„Alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast“, flüsterte sie als Gebet.

Sie brauchte keine Angst zu haben. Gott hatte ihr dieses Kind anvertraut. Es war ihre Aufgabe, es zu lieben, zu beschützen und für es zu sorgen. Maria war ebenfalls von ihrem Baby überrascht worden, und sie hatte es angenommen, obwohl sie nicht wusste, wie Josef die Nachricht aufnehmen würde.

Richard war ihr bester Freund. Ihre Hochzeit hatte sie so glücklich gemacht. Sie mochten die gleichen Dinge. Die Natur, Musik, Scrabble. Er würde auch dieses Kind lieben.

Richard trat erneut in die Küche. Er strich sein Sweatshirt glatt und zupfte einige Katzenhaare vom Ärmel.

„Der Pullover ist im Eimer!“

„Es ist doch nur ein Pullover.“

„Das war der Pullover meines Vaters.“

„Dann ist es vielleicht sowieso an der Zeit, einen neuen zu kaufen.“

Hatte sie das wirklich gerade gesagt?

Richard hielt in seiner Bewegung inne.

„Donna?“

Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Worte hatten härter geklungen als beabsichtigt. Richard wirkte verwirrt.

„Es tut mir leid, Richard. Aber ich …“

„Alles in Ordnung?“ Jetzt wirkte er beunruhigt. Er trat auf sie zu und ergriff ihre Hände. Der Pullover und der Kater waren vergessen.

„Ich …“

„Was ist los?“ In seiner Stimme schwang ein Anflug von Verzweiflung mit.

„Bist du krank?“

„Nein.“

Hab keine Angst.

Gottes Wort gab ihr Zuversicht.

Ihr Glaube gab ihr Kraft.

Sie blickte Richard an und bemerkte die Sorge in seinen Augen. Die Liebe.

„Richard“, sagte sie, „ich muss dir etwas sagen.“

„Was? Was ist los?“ Panik machte sich in ihm breit.

„Ich bin schwanger.“

Richard schwieg. Er wirkte verwirrt, als hätte sie ihm mitgeteilt, dass sie nach Afrika auswandern wolle. Sie hielt seine Hände und musterte sein Gesicht, konnte seinen Blick aber nicht deuten.

„Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht …“

„Enttäuscht?“

„Es tut mir leid.“

„Ich bin nicht enttäuscht.“

Hoffnung flackerte in ihr auf.

Ein Strahlen überzog sein Gesicht.

„Aber du hast gesagt, dass du keine Kinder willst.“

„Ja“, erwiderte er, „aber schließlich habe ich auch gedacht, dass wir keine bekommen können.“

Donna lächelte.

„Wie kann das sein?“, fragte er.

„Das hat Maria den Engel auch gefragt“, erwiderte sie. „Gott hat uns ein Kind geschenkt.“

Richard legte die Arme um Donna. „Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt.“

Maria auf der anderen Seite des Raumes hielt stumm Wache. Auf ihrem Gesicht entdeckte Donna den Anflug eines Schmunzelns, das ihr bisher nicht aufgefallen war.

Gott war bei ihr. Gott war gut. Ihm konnte sie vertrauen.

Mit Besorgnis auf dem Gesicht trat Richard einen Schritt zurück.

„Vielleicht solltest du dich jetzt lieber ausruhen. Komm, setz dich.“ Er schob ihr einen Küchenstuhl zurecht.

„Es geht mir gut“, lachte Donna, „sogar mehr als gut.“

„Du setzt dich jetzt hin.“ Er begann, das Abendessen aufzutragen.

Donna warf einen Blick auf sein strahlendes Gesicht und alle Sorge war vergessen.


In der Zwischenzeit bei der Teeparty

eines kleinen Mädchens …

„Wer ist das denn?“

Judy deutete auf das Baby, das an einem Kissen auf Miss Marjories Sofa lehnte.

„Jesus.“

„Das ist er nicht.“

Judy wusste, wer Jesus war. Er war der Mann auf dem Bild im Haus ihrer Oma. Sie mochte das Bild von ihm, wie er umgeben von Kindern wie ihr unter einem Baum saß. Er schien Kinder sehr zu mögen.

„Das ist nicht Jesus“, sagte sie bestimmt. „Jesus ist ein Mann.“

„Männer waren auch mal Babys“, erklärte Miss Marjorie.

Judy mochte Miss Marjorie. Sie war Omas Nachbarin und beste Freundin. Wann immer Judy zu ihrer Großmutter kam, besuchte sie Miss Marjorie und aß Zitronenkekse bei ihr.

Miss Marjorie ließ sie mit dem Spielzeug spielen, das ihre Kinder nicht mehr brauchten. Judy spielte am liebsten mit dem Teeservice. Sie deckten dann den kleinen Tisch und tranken Tee miteinander.

„Können wir heute wieder Tee trinken?“ Judy hoffte, dass Miss Marjorie es erlauben würde.

„Das machen wir.“

„Können wir uns schick machen und Zitronenkekse essen?“

„Das machen wir.“

„Darf er mitmachen?“

Sie deutete auf das Baby.

Miss Marjorie lächelte und hob das Jesuskind hoch.

„Natürlich darf er mitmachen.“

Judy berührte das Baby. Sie mochte sein Lächeln und seine kleinen Füße.

„Wenn er groß ist“, sagte sie, nachdem sie einen Moment lang nachgedacht hatte, „wird er Jesus.“

Miss Marjorie lachte.

„Genau!“

Sie erlaubte Judy, Jesus mit nach Hause zu nehmen.

Judy setzte ihn auf den Stuhl in ihrem Zimmer und beobachtete ihn vom Bett aus. Das Bild von dem erwachsenen Jesus und den Kindern unter dem Baum hing über ihm.

„Eines Tages bist du groß, aber ich glaube, dass dir Teepartys dann trotzdem noch gefallen.“

Zufrieden schloss sie die Augen und schlief ein.

Fürchtet euch nicht

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