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Einleitung: Vier Porträts Jesu

Auf den ersten Seiten des Neuen Testaments stehen vier Schriften, die sich jeweils mit dem Leben und der Person Jesu beschäftigen. Es sind die vier „Evangelien“, so genannt nach dem griechischen Wort für „gute Nachricht“ oder auch „frohe Botschaft“ (euangelion). Das Neue Testament besteht aus 27 Schriften, die sich alle mit der frohen Botschaft von Jesus Christus und dessen Bedeutung für ein Leben in seiner Nachfolge beschäftigen. Aber nur die vier Evangelien versuchen, eine Art Lebensgeschichte Jesu zu entwerfen.

Sie gehören zu den spät entstandenen Schriften des Neuen Testaments. Unter den frühesten Schriften sind Briefe, besonders die des Paulus an verschiedene Gemeinden. Dort finden sich nur vereinzelte Hinweise auf Ereignisse im Leben Jesu. Offensichtlich entstand erst später das Bedürfnis, die wichtigsten Lebensstationen Jesu auch schriftlich festzuhalten. Daher wuchsen die Evangelien auch aus einer Überlieferung heraus, die die Erinnerung an Jesus über vierzig und mehr Jahre hinweg hauptsächlich in mündlichen Erzählungen weitergab.

So entstanden die Evangelien etwa eine Generation nach den Ereignissen, die sie beschreiben. Wiederum etwa eine oder zwei Generationen später wurden den zunächst anonymen Schriften auch Namen gegeben. Schon allein die Sprache verrät den Abstand zu den geschilderten Ereignissen: Die Evangelien wurden auf Griechisch abgefasst, während Jesus Aramäisch sprach.

Die mündliche Überlieferung der Traditionen um Jesus war natürlich auch immer eine Interpretation dessen, woran man sich erinnerte. Lokale Gegebenheiten und unterschiedliche Gemeindesituationen führten zu unterschiedlichen Interpretationen. Obwohl die vier Evangelien im Wesentlichen ähnliche Erinnerungen an Jesus aufzeichnen, lassen sich doch verschiedene Akzente wahrnehmen:

Das Evangelium nach Markus erzählt von Jesus, der am Kreuz für die Menschen starb. Jesus gab sein Leben als Lösegeld für viele (Mk 10,45).

Das Evangelium nach Matthäus erzählt von Jesus, der seine Jüngerinnen und Jünger in der Kirche sammelt und ihnen bis zum Ende der Zeit gegenwärtig ist und dadurch Gott gegenwärtig macht. Durch ihn ist Erlösung durch die Vergebung der Sünden möglich (Mt 1,21; 1,23; 28,20).

Das Evangelium nach Lukas interessiert sich für einen Jesus, auf dem Gottes Geist liegt und der daher den Gefangenen und Unterdrückten Freiheit bringt. Jesus wird zum Zeugen für Gottes Barmherzigkeit und Zuwendung für die Armen und Schwachen (Lk 4,18–20).

Das Evangelium nach Johannes beschreibt Jesus als den Offenbarer Gottes. Jesus lehrt, wer Gott wirklich ist, und bezeugt dies schließlich mit seiner Lebenshingabe am Kreuz. Er kann dies tun, da er der eingeborene Sohn Gottes ist und eins mit dem Vater (Joh 1,14).

A. Annäherung an die Welt der Evangelien

Die Evangelien sind in einer Zeit entstanden, die fast 2000 Jahre zurückliegt. Viele Dinge befremden heute. In den Geschichten tauchen Pharisäer und Sadduzäer auf, es gibt Samariter und Syrophönizierinnen. Und immer wieder tauchen Römer auf, die die politische und militärische Besatzung Palästinas durch das Römische Reich repräsentieren. Jesus heilt Krankheiten durch Exorzismen und stirbt selbst am Kreuz. Menschen diskutieren, was religiös rein oder unrein sein könnte. Will man die Evangelien besser verstehen, muss man auch in diese fremde und ferne Welt eintauchen und sich mit ihrer Kultur, ihrer Geschichte, ihren Menschen und Gebräuchen bekannt machen.

Die Erschließung der biblischen Welt ist eines der Ziele der modernen biblischen Forschung. In den letzten Jahren haben sich dabei unterschiedliche Disziplinen herauskristallisiert, die sich grob in mehrere Kategorien einteilen lassen.

a. Die historisch-kritische Forschung

Die historisch-kritische Forschung nähert sich den Texten vom Standpunkt der Geschichte aus. Sie sucht die Texte über ihre Ursprünge und Entwicklungsgeschichte, über historische und kulturelle Gegebenheiten zu verstehen. Die Texte werden als Zeugnisse ihrer Zeit gelesen.

Innerhalb der Zeit der Entstehung helfen der Interpretation solche Quellen, die den biblischen Texten mehr oder weniger zeitgleich sind. So beschreibt der Geschichtsschreiber Flavius Josephus (ca. 37–100 n. Chr.) Ereignisse und Personenkreise, die auch in den Evangelien auftauchen. Josefus beschreibt Personen wie Herodes oder Pilatus. Er beschreibt Pharisäer und bestätigt, dass Sadduzäer nicht an die Auferstehung glauben (vgl. Mk 12,18). Der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien (ca. 25 v. Chr.–40 n. Chr.) trägt viel zum Verständnis jüdischer Schriftauslegung bei. Wenn Mk 4,14–20 das Gleichnis vom Sämann als Allegorie versteht, hat das ein Vorbild in der Interpretation jüdischer Schriften durch Philo. Die bei Qumran gefundenen Schriftrollen tragen wesentlich zum Verständnis des Judentums zur Zeit Jesu bei. In den Schriftrollen finden sich beispielsweise Formen von Reinheitsritualen, wie sie in Mk 7,1–25 kritisiert werden.

Solche schriftlichen Zeugnisse werden ergänzt durch archäologische Funde. Indem man antike Stätten identifiziert und ausgräbt, lässt sich zeigen, wie Menschen in Städten und Dörfern zusammengelebt haben und was ihnen kulturell wichtig war. Überraschend ist z. B. die Anzahl von Theatern, die man in Palästina gefunden hat.

Auch der Vergleich mit zeitgenössischer Literatur ist hilfreich. So kennt man Geschichtswerke, Biographien, Romane, Dramen, Satiren, Gedichte, Reden, Briefe und vieles mehr. Zudem finden sich auch antike Lehrbücher, in denen Schülern beigebracht wird, was gute Literatur ausmacht und wie man sich gewandt und stilvoll ausdrückt. Sogar alte Schul- und Übungshefte sind erhalten und geben lebendigen Eindruck von dem, was unterrichtet wurde.

Diese Forschungen haben als erstes Ziel, die Schriften des Neuen Testaments in die kulturelle Landschaft der Antike einzuordnen, Vergleiche mit nicht-christlicher Literatur zu ziehen und zu sehen, wie sehr – oder manchmal auch wie wenig – die Schriften des Neuen Testaments zumindest der Form nach auch Produkte ihrer Zeit sind. Literatur in der Antike war nicht nur der Erbauung oder Unterhaltung dienlich, sondern war auch häufig eine Form der öffentlichen Selbstpräsentation. Bildung in der Antike beinhaltete auch die Fähigkeit, öffentliche Reden halten zu können. Diese Kunst der Rhetorik wurde an Schulen gelehrt. Viele Lehrbücher der antiken Rhetorik sind erhalten, und Schulhefte mit praktischen Übungen aus dieser Zeit existieren noch. Redner wie Demosthenes oder Cicero waren nicht nur hochverehrt, sondern publizierten auch ihre Reden. Rhetorik findet ihren Niederschlag in der Briefliteratur des Neuen Testaments. Aber auch die Reden der Evangelien und der Apostelgeschichte zeigen, dass ihre Autoren in der Kunst antiker Rhetorik zumindest einige Bildung besaßen.

Aus den schriftlichen und den archäologischen Zeugnissen lässt sich heute ein relativ genaues Bild des Lebens zur Zeit der neutestamentlichen Texte zeichnen.

Die Erforschung der Textentstehung ist ein zweites Ziel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen Neutestamentler, die einzelnen Geschichten innerhalb der Evangelien in verschiedene Gattungen einzuteilen. So gibt es Wundergeschichten, Gleichnisse, Lehrgespräche, Streitgespräche, Sprichwörter und vieles mehr. Diese Forscher nahmen nun an, dass es für jede Gattung eine Art Grundgerüst gibt. Für eine Heilung besteht dieses Gerüst aus klar unterscheidbaren Elementen: ein Kranker, eine Bitte um Heilung, ein Heiler, eine heilende Handlung oder ein heilendes Wort und eine Bestätigung der Heilung. Um dieses Grundgerüst herum können die Details mehr oder weniger ausgeschmückt werden. Die Annahme war nun, dass die Ausschmückung Teil der Traditionsbildung ist. Je einfacher eine Geschichte, desto älter ist sie.

Diese Methode erhielt den Namen „Formgeschichte“ und ist bis heute einflussreich, auch wenn sie heute stark modifiziert wird. Diese Methode erlaubt jedoch einen Blick in die Tradition hinter den Geschichten, wie wir sie heute kennen. Das Gegenstück zur Formgeschichte ist die Redaktionsgeschichte. Mit ihrer Hilfe untersucht man gerade die Ausschmückungen solcher Geschichten, um die speziellen Interessen zu ermitteln, die zu der Zusammenfügung von traditionellen Materialien in Evangelien geführt haben. Anhand der Ausschmückungen oder an der Art, wie einzelne Geschichten aneinandergereiht werden, kann man die Intentionen des Endredaktors eines Evangeliums rekonstruieren.

Gleichzeitig ist es mit dieser Methode möglich, Quellen hinter den Evangelien zu identifizieren. In Mk 2,1–3,6 findet sich eine Sammlung von Wundergeschichten. Forscher nehmen nun an, dass diese Sammlung schon vor dem Markusevangelium existiert hat und vom Autor des Evangeliums später in das Gesamtwerk eingefügt wurde.

Ein typisches Beispiel für die Fragestellung der historisch-kritischen Methode beleuchtet den Titel des Markusevangeliums. In Mk 1,1 wird Jesus als Sohn Gottes bezeichnet. Die historisch-kritische Methode fragt, was genau mit „Sohn Gottes“ gemeint sein könnte im Vergleich zu zeitgenössischer Literatur, ob der Titel vielleicht eine späte Entwicklung in der Bildung des Evangeliums widerspiegelt und warum manche alte Handschriften diesen Titel gar nicht enthalten.

Die historisch-kritische Methode ist die unter Forschern heute etablierte Methode, die Texte innerhalb ihrer Zeit zu interpretieren und dabei auch die Textentstehung zu beobachten.

b. Narrative Forschung

Für die narrative Forschung sind die Evangelien als Erzählungen der Ausgangspunkt der Interpretation. Die Texte werden als Ganzes gelesen und nach ihrer Aussageabsicht befragt. Im Kontrast zur historisch-kritischen Methode fragt die narrative Exegese nicht, in welcher Welt die Texte entstanden sind, sondern welche Welt sie für die Leserinnen und Leser schaffen. Sie fragt nicht, wer unter welchen Umständen die Texte geschrieben haben könnte, sondern was die Texte über ihre Autoren implizit aussagen. Die Schriften werden also nicht ausgehend von historischem und kulturellem Hintergrund her interpretiert, sondern gerade umgekehrt werden die Texte daraufhin befragt, was sie über die in ihnen erzählte Welt preisgeben.

Diese Art der Interpretation ist noch relativ neu und orientiert sich stark an literaturwissenschaftlichen Methoden. Sie ist besonders geeignet, den Blick auf das Gesamte eines Evangeliums zu lenken und es als geschlossenes theologisches und literarisches Werk zu interpretieren.

Ein typisches Beispiel für solch eine Interpretation ist die Frage nach der Art und Weise, wie ein Werk die Lektüre zu beeinflussen sucht. Das Markusevangelium beginnt mit der Aussage, dass Jesus der Sohn Gottes ist (Mk 1,1). In der Taufe erschallt eine himmlische Stimme, die Jesus als „meinen geliebten Sohn“ (Mk 1,11) deklariert. Wenig später bezeichnet ein Dämon Jesus als den „Heiligen Gottes“ (Mk 1,24). Es entsteht eine Spannung, da man sich fragt, wann endlich ein Mensch die Verbindung zwischen Jesus und Gott herstellt. Diese Spannung wird aufrechterhalten bis zur Kreuzigung, wo schließlich der römische Hauptmann Jesus als Gottes Sohn bekennt (Mk 15,39). Das Markusevangelium entwirft also einen Spannungsbogen über den gesamten Text. Hier wird deutlich, dass dieses Evangelium mehr ist als eine Sammlung von Traditionen. Das Markusevangelium entpuppt sich als literarisch und theologisch durchdachtes Werk.

c. Weitere Interpretationsmodelle

In den letzten Jahrzehnten sind zu diesen etablierten Methoden der Evangelienforschung noch viele weitere hinzugekommen, von denen einige vielversprechend sind. Soziologie und Kulturanthropologie geben neue Einblicke in die Selbstorganisation von großen und kleinen Gesellschaftsformen, die sich auf religiöser, sozialer, philosophischer oder auch politischer Basis zusammenfinden. Diese Wissenschaften helfen zu verstehen, wie viel stärker Menschen auf soziale Vernetzungen bezogen waren, als sich das moderne Menschen heute vorstellen.

Besonders interessant werden solche Untersuchungen, wenn zwischen Gruppen Konflikte entstehen. So betont Mt 5,20, dass die Gerechtigkeit der Jüngerinnen und Jünger bezüglich des jüdischen Gesetzes die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer bei weitem übertreffen muss. Aus dem Evangelium wird hier und anderswo deutlich, dass genau diese Gruppen die Gegner der matthäischen Schar darstellen.

Erwähnenswert ist auch, dass sich in letzter Zeit Studien durchsetzen, deren Ausgangspunkt weder Text noch antike Kultur ist, sondern die Textinterpretation von modernen Themen her beginnen. Feministische Exegese ist interessiert an der Frage nach der Rolle von Frauen in der Bibel oder auch an der möglichen Autorität patriarchaler Texte heute. Ähnliche Ansätze finden sich in homosexueller Exegese. Solche Interpretationsansätze sind eher marginal, können aber durchaus originelle Einsichten liefern.

B. Religion, Politik, Kultur

Taucht man in die Welt der Evangelien ein, sind besonders drei große Themen sehr wichtig.

Die religiöse Welt der Evangelien wird durch das Judentum bestimmt. Das Judentum zur Zeit der Abfassung der Evangelien war äußerst vielschichtig. Verschiedenste Gruppen rivalisierten miteinander und unterschieden sich durch religiöse und politische Überzeugungen. Davon geben Flavius Josefus, Philo und auch die Schriftrollen von Qumran detailliert Aufschluss. Zu den wichtigsten Gruppen innerhalb des Judentums gehörten Sadduzäer, Pharisäer, Samariter, Essener und Zeloten.

Sadduzäer führten ihren Ursprung auf den Hohepriester Zadok zurück und wurden daher nach ihm benannt. Sie waren hauptsächlich mit dem Tempel in Jerusalem und den dort dargebrachten Opfern verbunden. Sie gehörten einer priesterlichen Kaste an. Als aristokratische Elite waren sie politisch mit der römischen Besatzungsmacht liiert, um die Erhaltung der sozialen Ordnung und ihrer Führungsposition innerhalb dieser Ordnung zu gewährleisten. Religiös waren sie eher konservativ und beharrten auf der Interpretation der Tora, des jüdischen Gesetzes. Anderen Traditionen, wie einem Glauben an eine Auferstehung, standen sie misstrauisch gegenüber. Die Sadduzäer konzentrierten ihre Präsenz auf Jerusalem als dem religiösen und politischen Zentrum Israels.

Der Name „Pharisäer“ leitet sich wahrscheinlich vom aramäischen Wort für „abgeschieden“ her. Tatsächlich führte ein besonderes Interesse an Reinheit und Unreinheit dazu, dass sie sich von Dingen und Personen distanzierten, die sie für unrein hielten. Dazu gehörten auch Heiden. Pharisäer kritisierten zwar den Tempelkult nicht, standen aber auch nicht in besonderer Verbindung mit ihm. Ihr Interesse galt der Auslegung der Tora, des jüdischen Gesetzes, das sie stark mit mündlichen Überlieferungen oder „Überlieferungen der Ältesten“ (vgl. Mk 7,3.5) anreicherten. Von Schriftgelehrten sind sie kaum zu unterscheiden. Dies spiegelt sich in den Evangelien, wo Schriftgelehrte und Pharisäer oft eine homogene Gruppe sind und, wie in Mt 23, auch gemeinsam verurteilt werden. Zu weiteren pharisäischen Traditionen gehörte der Glaube an die Auferstehung von den Toten. Pharisäer lebten meist abseits von Jerusalem in ländlichen Gegenden und waren in den Synagogen sehr einflussreich.

Ob man die Samariter als Juden bezeichnen soll oder nicht, sei dahingestellt. Sie selbst sahen sich als die wahren Kinder Abrahams und die treuen Anhänger des Mose und der Tora. Sie lebten in einer Gegend namens Samaria zwischen Galiläa und Jerusalem und hatten einen eigenen Tempel auf dem Berg Garizim, wo sie opferten. Juden betrachteten die Samariter nicht als dem Judentum zugehörig, und so entstand zwischen Samaritern und Juden eine Feindseligkeit, wie sie in Johannes 4 gespiegelt ist.

Die geheimnisvollste Gruppe ist wohl die der Essener. Oft werden sie mit den in Qumran gefundenen Schriften in Verbindung gebracht, allerdings ist die Selbstbezeichnung in diesen Schriften nicht „Essener“, sondern „Söhne des Lichts“. Heute ist nicht mehr bekannt, woher der Name „Essener“ stammt. Die Gruppe war wohl eine jüdische Oppositionsbewegung, die dem Tempelkult in Jerusalem feindselig gegenüberstand und ihn als unrein betrachtete. Im Neuen Testament spielen sie kaum eine Rolle. Ihre Schriften illustrieren aber durchaus die mögliche Vielfalt jüdischer Religiosität.

Als Zeloten, griechisch für „Eiferer“, bezeichnet man eine Gruppe von Juden, deren religiöse Überzeugung im bewaffneten Widerstand gegen die römische Besatzungsmacht Ausdruck fand. Attentate auf Nichtjuden und kleinere Scharmützel mit Besatzungstruppen begannen mit dem Ende der Herrschaft der herodianischen Dynastie in Judäa im Jahr 6 n. Chr. und lösten letztlich einen Aufstand aus, der im Jahr 70 n. Chr. mit der vollständigen Zerstörung Jerusalems durch die Römer endete.

Die politische Welt der Evangelien ist durch die Besetzung Israels durch die Römer bestimmt, die im Jahr 64 v. Chr. begann. Die Römer setzten zunächst Könige, wie beispielsweise Herodes, danach Prokuratoren und Gouverneure ein, um ihren Machtanspruch sicherzustellen. Lokale Institutionen blieben unter diesen Machthabern bestehen. So behielt der jüdische Sanhedrin als eine Art Senatsregierung gewisse Privilegien. Die römische Oberhoheit machte sich hauptsächlich in Steuern und Abgaben bemerkbar, aber auch durch eine verstärkte militärische Präsenz, deren Kosten von den Besetzten zu bestreiten war. In Fällen von Unruhen griff das Militär hart ein.

Das römische Regierungssystem war von Korruption bestimmt. Zudem gab es keine realistische Beschwerdemöglichkeit, sollte ein römischer Amtsinhaber seine Macht missbrauchen. Geschichten wie die vom Steuereintreiber Zachäus (Lk 19,1–10), der bereitwillig seine Betrügereien zugibt, geben einen Blick auf dieses System frei. Die Habgier des Prokurators Gessius Florus, der während seiner Amtszeit von 64–66 n. Chr. sogar den jüdischen Tempelschatz seinem Privatvermögen einverleiben wollte, war einer der Auslöser für einen Aufstand, der im Jahr 66 begann und vier Jahre später zur Zerstörung Jerusalems führte.

Die sozio-kulturelle Welt der Evangelien ist ein Aufeinandertreffen verschiedener religiöser Überzeugungen, politischer Ansprüche und ethnischer Diversität. Die Evangelien erzählen von Begegnungen Jesu mit Samaritern und Heiden, mit Griechen und Römern und mit vielen Juden aus unterschiedlichen Gruppen. Schon hier wird deutlich, wie stark die Welt der Evangelien von der Auseinandersetzung verschiedenster Strömungen bestimmt ist.

Die Evangelien sind dafür nur ein Abbild der Entwicklung des frühen Christentums. Jesus war ein jüdischer Wanderprediger aus Galiläa, der unter Juden predigte. Aber seine Jüngerinnen und Jünger tragen den Glauben an Jesus als die Erscheinung Gottes unter den Menschen bald nicht nur zu Juden, sondern auch zu Heiden. Das Pfingstereignis in der Apostelgeschichte zählt symbolisch eine Vielfalt von Völkern auf, die plötzlich alle die Sprache der Apostel verstehen (Apg 2,7–11). Damit ist sicher nicht nur die Sprachbarriere gemeint.

Dabei geht es nicht nur um die Begegnung verschiedener Völker, auch verschiedene Kulturen treffen aufeinander. Seit den Eroberungszügen von Alexander dem Großen stand der gesamte Mittelmeerraum unter dem Einfluss griechischer Werte und Philosophie. Man nennt dieses Phänomen den Hellenismus, und auch die Römer entzogen sich dem nicht. Griechisches Gedankengut verband sich mit lokalen Gegebenheiten zu einem mehr oder weniger ausgeprägten Synkretismus. So gibt es durchaus jüdische Schriften, die sich hellenistischem Gedankengut nicht verschließen. Philo von Alexandrien ist ein gutes Beispiel für einen gebildeten Juden, der die griechische Philosophie mit seinem Glauben verbinden wollte und entsprechende Kommentare zu vielen jüdischen Büchern schrieb. Aber es gab auch Kritiker, die in der neuen Kultur eine Bedrohung sahen. Das erste Makkabäerbuch zeigt dies auf.

In diesen kulturellen Wirren tauchen plötzlich zwei Phänomene auf, die besondere Bedeutung erlangen. Das eine ist die Apokalyptik, die besonders im jüdischen Umfeld Fuß fasst. Sie sieht die Welt als ein Schlachtfeld zwischen den Mächten von Gut und Böse, in der wenige Getreue durch Gehorsam gegenüber der guten Macht gerettet werden. Solche Vorstellungen werden nicht nur in der Offenbarung des Johannes aufgenommen, sondern sie finden auch Eingang in die endzeitlichen Vorstellungen der Evangelien. Ein zweites Phänomen ist die Gnosis, griechisch für „Wissen“. Sie ist eher in hellenistischem Gedankengut beheimatet und sieht in der Aneignung geheimen Wissens den Weg der Menschen weg von einer materiellen und als solcher bösen Welt hin zu einer spirituellen und vergeistigten Existenz, die in ihrer Vollendung Erlösung bedeutet. Auch diese Art des Denkens findet Eingang in die Evangelien und lässt sich besonders gut am Johannesevangelium nachweisen.

C. Sind Evangelien Biographien?

In dieser Welt der Umbrüche entstehen innerhalb der zweiten Generation von Christen die Schriften, die wir Evangelien nennen. In den Schriften treffen moderne Leserinnen und Leser nicht nur auf eine fremde kulturelle Welt, auch die Literaturgattung als solche ist nicht mit dem zu vergleichen, was wir heute als Literatur kennen. Die Evangelien sind keine historischen Romane oder Dramen oder Poesie, und auch Biographien sehen heute anders aus.

Doch ein Vergleich mit antiker Literatur lohnt sich durchaus. In der Forschung wird beispielsweise immer wieder der Vergleich mit antiken Biographien herangezogen. Tatsächlich hatten antike Biographien eine andere Funktion und Form als heutige. Den antiken Autoren ging es weniger um eine historisch möglichst korrekte und anhand von Dokumenten überprüfbare Darstellung von Persönlichkeiten. Sie waren vielmehr interessiert an einer Sammlung von anekdotenhaft erzählten Ereignissen, die dazu dienten, die Lehre einer Person in Schlaglichtern für die Schüler zu erhalten. Philostratus und Diogenes Laërtius schrieben viele Biographien von Philosophen, die auf impressionistische Weise Erzählungen zusammentrugen, die heute oft mit Skepsis bezüglich ihrer Historizität beurteilt werden. Solche Biographien hatten das Ziel, den Beschriebenen Ehre zu erweisen.

Während einige Elemente solcher Biographien sich für den Vergleich mit den Evangelien durchaus anbieten, ist die Identifikation eher schwierig. Zum einen wird Jesus nicht als Philosoph beschrieben, zum anderen verstanden sich die Gemeinden der Evangelien wohl nicht als philosophische Schulen. Während die Evangelien eine Lehre Jesu beschreiben und sie auch für autoritativ erklären, liegt ihr Hauptaugenmerk auf der Person Jesu als Sohn Gottes, Erlöser, als Herr und als Gott. Erst die Person macht auch seine Lehre verbindlich. Das Bekenntnis des Thomas in Joh 20,28 macht dies mehr als deutlich.

Der Fokus auf die Person Jesu wird im Umgang mit seinem Tod greifbar. Die Evangelien mühen sich offensichtlich um eine Sprache, die dem Tod Jesu als einer Art Zeitenwende gerecht wird. Markus tut dies mit der Sprache vom Lösegeld (Mk 10,45); Matthäus sieht im Tod Jesu das endgültige Opfer, das die Sünde vergibt (Mt 26,28); Lukas löst das Problem erzählerisch, indem er den Tod Jesu zum Mittelpunkt seines Geschichtswerkes macht, dessen erster Teil das Evangelium mit der Geschichte Jesu ist, der zweite Teil die Apostelgeschichte mit der Geschichte der frühen Kirche. Johannes spricht von einem Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29) und so Gottes Herrlichkeit offenbart (Joh 17,1–4).

Mit diesem Akzent auf der Person Jesu wird der Vergleich mit antiken Biographien jedoch schal. Während die Evangelien durchaus mit antiken Biographien vergleichbar sind, was die Art der Sammlung und Präsentation von Anekdoten angeht, setzen sie sich doch inhaltlich weit von ihnen ab. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass mit den Evangelien eine neue Literaturgattung in Erscheinung tritt.

D. Evangelien als Verkündigung in erzählender Form

Evangelium bedeutet zunächst einfach „frohe Botschaft“. Damit wurde in frühester Zeit zunächst die Predigt Jesu von der Herrschaft Gottes bezeichnet. Der Aufruf „Glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) drückt genau dies aus. Paulus predigte das Evangelium Gottes, das er dann auch das Evangelium von Christus nennt (Röm 1,1–3). Hier wird deutlich, dass in früher christlicher Predigt nicht nur die von Jesus verkündete Botschaft Evangelium ist, sondern dass Jesus selbst nun zum Inhalt des Evangeliums wird (vgl. 1 Kor 15,1–8). Bei Paulus schließt dies noch keine Berichte über die Taten Jesu mit ein. Für ihn werden lediglich Tod und Auferstehung Jesu Teil des Evangeliums Gottes, das nun auch von Jesus handelt. Möglicherweise findet sich in Apg 10,34–43 eine frühe Predigt, die diese Botschaft von der Zusammengehörigkeit von Gottes Handeln und Jesu Passion und Auferstehung belegt.

Wiederum im Markusevangelium findet sich eine weitere Entwicklung, wenn davon erzählt wird, dass die Frau, die Jesus für sein Begräbnis salbte, Teil des Evangeliums wird, das in der ganzen Welt verkündet wird (Mk 14,9). Das Markusevangelium ist Beleg dafür, wie der Evangeliumsbegriff erweitert wird. Zu der Botschaft Gottes und dem Tod und der Auferstehung Jesu treten nun auch Berichte über Ereignisse im Leben Jesu hinzu.

Damit war der Weg geebnet für die Bezeichnung auch der Schriften, die von diesen Ereignissen um Jesus berichteten. Womöglich ist Mk 1,1 das erste Beispiel für den Gebrauch von „Evangelium“ für das schriftliche Dokument. In der Mitte des 2. Jahrhunderts benutzte Justin der Märtyrer in seiner um 155 geschriebenen Apologie zum ersten Mal den Begriff mit eindeutigem Bezug auf die vier Evangelien. Der Kirchenvater Papias von Hierapolis wusste von dieser Bezeichnung zu Beginn des 2. Jahrhunderts noch nicht.

Dieser kurze Überblick über die Begriffsentwicklung zeigt, dass in der Bezeichnung „Evangelium“ für die vier ersten Schriften des Neuen Testaments der Verkündigungsgedanke grundlegend ist. Erst als Jesus selbst zum Objekt der Verkündigung wurde, konnte der Begriff auch für die entsprechenden Schriften benutzt werden. Damit sind aber die Evangelien in ihrer jetzigen Gestalt Verkündigung in erzählerischer Form. Selbst wenn sie gelegentlich wie antike Biographien aussehen oder modernen Leserinnen und Lesern wie historische Romane erscheinen mögen, liegt ihnen doch eine religiöse Aussageabsicht zugrunde, die von Gottes Herrschaft und Jesus als Gottes Sohn künden will.

E. Evangelien: Antike Texte mit religiösem Anspruch

Heute gibt es in der Interpretation der Evangelien zwei Extreme. Es besteht einerseits die Gefahr, dass die Evangelien in einer angeblich akademischen Objektivität den Methoden der historischen, literarischen und kulturhistorischen Forschung unterzogen werden und die Texte damit zu Beispielen antiker Literatur werden, die zwar interessant sein mögen, aber auch nicht interessanter als die Biographien eines Diogenes Laërtius. Dabei geht verloren, warum diese Texte überhaupt entstanden sind.

Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass die Texte in ihrem religiösen Anspruch so ernst genommen werden, dass sich eine objektive Untersuchung anhand von wissenschaftlichen Methoden verbietet, weil sie „Gottes Wort“ sind und somit jenseits jeder kritischen Anfrage von wissenschaftlicher Seite stehen.

In beiden Fällen handelt es sich um Extreme, die entweder in wissenschaftlichem oder religiösem Fundamentalismus münden. Eine ausgewogene und verantwortbare Interpretation nimmt wahr, dass es sich um Texte mit einem religiösen Anspruch handelt. Aber es handelt sich eben auch um Texte, die in einer bestimmten Zeit unter bestimmten historischen, kulturellen und sozialen Umständen entstanden sind. Sie verfolgen ihre religiösen Zwecke mit der Form der Erzählung, und so muss auch die Form Teil der Interpretation bleiben.

Wenn das Johannesevangelium zu Beginn konstatiert, dass das Wort Fleisch geworden ist (Joh 1,14), so will es ausdrücken, dass der eingeborene Sohn Gottes, der mit Gott eins ist, Mensch geworden ist. Man kann dies auch auf den Anspruch der Evangelien anwenden. Wenn die Evangelien, wie Christen bekennen, Teil des Wortes Gottes sind, so sind sie doch Fleisch geworden in Texten des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, in einer historisch und kulturell geprägten Zeit, die von unserer verschieden ist. Es lässt sich also von den historischen Umständen nicht abstrahieren, will man dieses Wort als Gottes Wort auch verstehen. Andererseits wird ein lediglich historischer Ansatz die Faszination der Evangelien nicht begreifen können.

Man mag sich dem religiösen Anspruch der Texte verschließen oder ihn ablehnen oder annehmen. Doch wie immer die Reaktion ausfallen mag, wirkliches Verständnis für diese Texte stellt sich erst ein, wenn man ihren Anspruch ernst nimmt: Die Texte wollen verkündigen und bekehren.

F. Literatur zur Vertiefung

Zur Geschichte der Bibelwissenschaften finden sich Hinweise in vielen Einleitungen. Empfehlenswert sind: Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament (6. Auflage, Tübingen 2007); Martin Ebner – Stefan Schreiber (Hg.): Einleitung in das Neue Testament (2. Auflage, Stuttgart 2008).

Zur Umwelt des frühen Christentums bietet Kurt Erlemann, Neues Testament und Antike Kultur. Gesamtausgabe in fünf Bänden (Neukirchen 2011) eine gute Einführung in die verschiedensten Aspekte. Eine kurze Darstellung findet sich bei Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums (Tübingen 2015). Kapitel 3 (S. 29–94) bietet eine gute Einführung in die Umwelt des frühen Christentums. Dazu passt eine Auswahl von antiken Texten in deutscher Übersetzung:Jens Schröter – Jürgen Zangenberg (Hg.): Texte zur Umwelt des Neuen Testaments (Tübingen 2013).

Vier Bilder von Jesus

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