Читать книгу Eure Fedrigkeit, wir haben ein Problem! - Carmen Immel - Страница 5

Die Söhne von Heinz und Egbert

Оглавление

»Paaaauleeeee? Paaaaauleeee? Bist du da unten drin? Ich hör dich doch. Komm mal hoch. Ich hab neue Musik für dich. Gabs im Baumarkt und soll der Hit unter den Maulwurfabschreckern sein«, rief Michael ins Erdloch. Paule schreckte aus dem Tiefschlaf hoch. Gestern Abend hatte er mit der Lady aus dem Nachbargarten scharwenzelt und Zukunftspläne gemacht. Zum Glück hatte ja Heinz der Vorbesitzer seines Gartens ihm einen Pachtvertrag auf Lebenszeit versprochen. Das stand zumindest auf der Homepage von Elise. Ok, dann wollte er mal eben nach oben eilen und Michael auf die Hand klettern. Paule reckte sich kurz und warf seinen Bagger an, sodass die Erde nur so umherflog. »Nicht schon wieder«, brüllte Michael entsetzt.

»Was kann ich dafür, wenn ihr alle direkt mit dem Gesicht über meinem Ausgang abhängt? Ihr Menschen müsst doch langsam wissen, dass immer erst Erde aus dem Loch kommt«, giggelte Paule mit piepsiger Stimme. Michael putzte sich den Dreck von der Nase und friemelte sich mit den Fingernägeln einen Grashalm aus einem Auge. Dann hob er Paule vorsichtig auf seine Hände und trug ihn zum Stehtisch vor dem Schuppen. Paule schaute glücklich auf das Gerät auf dem Stehtisch. Endlich neue Musik. Zur Probe ließ Michael den Maulwurfschreck kurz laufen und Paule wackelte tanzend zu dem für ihn lieblichen Takt. Umgehend brüllten Mäuse und anderes Kleingetier im Garten um Hilfe und flehten Paule an, diese schreckliche Musik sofort abzustellen.

»Anscheinend ist das ein, "Für-alle-andere-Kleingetier-Abschreck-Gerät", aber bestimmt nicht für Maulwürfe. Was die Erfinder sich nur wieder dabei gedacht hatten?«, sagte Michael lachend zu Paule. Die Menschen hatten bis jetzt noch nicht begriffen, dass gerade diese Töne wie eine Oper in Paules Ohren klangen. Michael hob den Bildschirm vom Laptop an und wartete auf die Videokonferenz. Tanja seine Lebensgefährtin kam in den Garten und brachte eine Karaffe mit Orangensaft und Kaffee. Es war noch früh und sie wollten bei dem herrlichen Wetter, heute im Garten arbeiten. Beide hatten Urlaub und das Haus, welches sie von Michaels Vater Heinz, kurzfristig übernommen hatten, benötigte auch eine Grundsanierung. Udo der Sohn von Egbert rief aus dem Nachbargarten rüber und winkte mit seiner Kaffeetasse.

»Seid ihr auch auf Sendung? Bin' gespannt was unsere Eltern zu berichten haben. Komme nachher mit meiner Schnalle rüber und dann grillen wir, oder?«, rief Udo rüber. »Geht klar Udo! Muss noch für Paule was schreiben und den Handtaschen-Köter später abholen. Elise hat gesagt, dass der zum Bauern nach Tupfingen soll«, rief Michael zurück. »Der von der Schreckschraube gegenüber?«, fragte Udo lachend.

»Ja, der hatte Elise doch den Brief geschrieben. Er wüsste nicht, wozu er vier Beine hätte und die Tönung im Fell würde auch fürchterlich kratzen. Die Tierärztin hatte Elise versprochen, sich zu kümmern, wie du weißt. Jetzt muss Kötine noch rasiert werden und dann soll er zum Bauern. Ich überlege aber die ganze Zeit, ob der Köter … Menschenskind, ich muss mir mal angewöhnen Hund zu sagen … also ich überlege die ganze Zeit, ob der nicht auch bei den Winklers gut aufgehoben wäre. Die haben auch so eine Fußhupe und das würde gut passen«, sagte Michael und lachte aus vollem Rohr.

»Es gibt schon arme Viecher auf der Welt. Ist eine Schande, was die Leute mit ihren Tieren anstellen. Haste die neuen Nachbarn, am Ende der Straße schon kennengelernt? Die Tussi hält sich zwei Knautschgesichter. Irgend so ein Zwischending mit Boxer und "Haste-nisch-gehört" und die sind so Aggro, da geht selbst unsere Posttante nicht mehr hin. Was soll das denn eigentlich? Wollen die Leute da keine Freunde? Und … haste die Knautschis' Mal sabbern sehen? Bäh … da darfste beim Essen nicht dran denken«, lachte Udo. Udo selbst war mit Tieren aufgewachsen. Alle diese Tiere hatten stets ihren Freiraum und Auslauf. Seine Katzen waren zum Mäusefangen gedacht und kamen abends auf eine Schmusestunde vorbei und seine Hunde waren wie Freunde, die sich auf dem Grundstück frei bewegen konnten. Er hatte, als er erwachsen wurde, nie wieder Tiere besessen, weil er viel zu gerne in Urlaub fuhr und durch die Arbeit ständig unterwegs war. Seit sein Vater Egbert den Drachen hatte, die seine zweite Frau war, gabs keine Tiere mehr im Haus. Dabei hatte sein Vater Tiere immer geliebt. Michaels Vater Heinz hatte zum Spaß noch ein paar Hasen, die dank Biene, seiner Lebensgefährtin im ganzen Garten rum laufen durften. Was sich in den letzten Wochen hier in der Umgebung abgespielt hatte, war schon kurios. Erst meinten alle, Schnitten-Biene vom Heinz hätte sie nicht mehr alle an der Waffel, weil sie mit jedem Viehzeug sprach und dann gab es Dauertickets auf Kurzkoma. Erst fiel Biene im Garten um, weil Paule der Maulwurf sie angesprochen hatte. Dann fielen ihre Väter nacheinander um, weil sie im Internet auf Elise trafen. Danach bereitete Egbert den Mäusen im Haus ein wohliges Heim und bat die Ratte im Schuppen darum, dass sie bitte nicht mehr im Rohrsystem rumlaufen sollte. Die Ratte kapierte und zog von dannen und nahm sogar ihre Freunde mit. Dann kam der Abend, an dem Udo und Michael zur Familienkonferenz herbeigerufen wurden. Sie sollten ihre Lebensgefährtinnen mitbringen. Es gäbe was unheimlich Wichtiges zu berichten. Heinz und Egbert hatten sich einen angetüttelt, sprich "Mut" angetrunken. Nachdem Udo und Michael aus dem Koma erwachten und ebenfalls nach dem Verfallsdatum des Alkohols schauten, lernten sie Elise im Internet so richtig kennen. Die beiden Söhne hatten Elise nämlich sofort sprechen hören und dachten erst an einen blöden Scherz ihrer Väter. Udo überlegte blitzartig und bat Elise darum, ein Papierknäuel zu formen und diesen auf den Bildschirm zu werfen. Elise formte mit ihren Flügeln aus einem Blatt Papier, einen Papierflieger und ließ ihn fliegen. Udo kippte als Erstes nach hinten. Dann formte sie ein Papierknäuel und warf diesen gegen den Monitor. Dazu rief sie:

»Seemannsheil, ihr ungläubigen Spacken«, und lachte aus vollem Hals. Dann fiel Michael nach hinten um und schlug sich am Schirmständer den Hinterkopf auf. »Upps«, machte Elise und lachte wieder. Die Lebensgefährtinnen, die ebenfalls staunend mit vor dem Bildschirm standen, zogen aufgeregt an ihren Strohhalmen und merkten nicht, dass ihre Cocktails längst leer waren.

»Das ist ein Trick!«, flüsterte Udos Freundin Tamara und zog wie wild am Strohhalm. Voller Anspannung schaute sie mit Strohhalm im Mund auf den Monitor. Elise grinste breit und forderte Thomas und Sandra auf, ihr ein paar Dinge aus der Küche zu holen. Die Zwei liefen los und man hörte es in der Küche klimpern. Elise saß nun wartend da und in Deutschland staunten ein Michael, ein Udo und zwei Grazien, mit großen Augen. Egbert und Heinz belachten sich dahinter und schenkten sich weiter ein. Bienchen gähnte schon fast gelangweilt und ging Richtung Feldsalat. Natürlich nicht ohne Hintergedanken. Damit das Saugen an den Strohhalmen nicht weiter auf die Nerven ging, schüttete Heinz von der einen Seite Orangensaft in die Gläser der beiden Damen und Egbert von der anderen Seite Rum.

»Nicht verschlucken, schön saugen und vor allen Dingen "Bildschirm-Gaffen«, grinste Heinz leise. Tamaras Hände fingen an zu zittern. Sandra stellte neben Elise einen Mixbecher, einen Stößel, ein Bund Minze, etwas zerstoßenes Eis in einer Schale und dazu Limetten auf den Schreibtisch. Die Flasche Rum brachte Thomas und dann legte Elise los. Sie mischte die Zutaten im Mixbecher und bat Sandra die Limetten zu zerdrücken, da das für sie zu schwer war. Dann legte sie den Deckel vom Mixbecher auf, und fing an zu schütteln. Der Mixbecher flog im Salto über ihrem Kopf und landete wieder in den Flügeln von Elise. Thomas schob von der Seite drei Gläser vor Elise und diese jonglierte den Mixbecher gekonnt in der Luft hin und her. In Deutschland schlug Tanja auf den Rasen. Elise machte eine Pause und wartete, bis Tanja wieder stand. Während Heinz Tanja besorgt Luft zu fächelte und Elise einen fragenden Blick nach Deutschland warf, nickten alle und Elise schüttete die Mojitos in die Gläser. Tamara fiel um und knallte ihrem zukünftigen Schwiegervater dabei in den Bauch. In Portugal lachten drei Wesen aus tiefstem Herzen und Udo fragte seinen Vater nach vielen Jahren zum ersten Mal, wo sein Selbstgebrannter stehen würde. Heinz stob umgehend ab zum Schuppen und nickte immer wieder vor sich hin. Das hatte er so kommen sehen. Zudem holte Biene grinsend Paule aus dem Garten, wo der Feldsalat gepflanzt war und setzte ihn vor die Tastatur. Der nächste Aufschlag folgte und Michael landete diesmal seitwärts in den stacheligen Rosen. Paule hatte nur kurz, "Tach auch die Herren und Grazien", gesagt. Elise liefen vor Lachen die Tränen übers Gesicht und bat um eine Pause.

»Dett gibbet nüsch! Dett glaubt uns kein Mensch? Watt geht hier ab? Versteckte Kamera oder watt?«, fragten die beiden Söhne gleichzeitig.

»Nee, mein Junge, datt is datt, watt wir euch sagen und zeigen wollten. Dett is Elischen und wir wollen sie besuchen. Datt wird eine längere Reise und damit ihr uns glaubt, mussten wir euch datt so vor die Köppe knallen«, erklärte Heinz. »Haste etwa geglaubt, das Bienchen sie nicht mehr alle hat? So dachten ja alle. Ich hatte eine Zeit lang uch minne Problemchen damit. Aber ich wurde ja eines Besseren belehrt mein Sohn. Von wegen Wespenhirn und Blondine«, schnaufte Heinz aufgeregt. »Schnauze! Wage es ja nicht noch mal mich zu beleidigen, du Flammenkasper!«, rief von oben eine Wespe und schoss im Tiefflug an Heinz Gesicht vorbei. "Klatsch" machte es in Heinz Gesicht. Er wurde auf der Nase von einer Honigbombe getroffen. Michael packte sich gerade noch am Stehtisch und gleichzeitig an Udos Schulter fest. »Schnaaaaaaps!«, kam es aus irgendeinem weiblichen Mund und sofort wurde eingeschenkt. »Flammenkasper?«, fragte Udo.

»Ja du Honigtröte. Dein Alter rückt uns mit der Gaskartusche zu Leibe. Nur weil wir im Schuppen angefangen hatten, unser Haus zu bauen. Das Ding war halb fertig und dann kommt er! Stellt sich vor unseren Bau und wirft grinsend seine "Flämme" an und hält einfach drauf«, schimpfte die Wespe. Die anderen Wespen applaudierten und nickten zustimmend. »Soll ich dir mal sagen, was wir für eine harte Arbeit den ganzen Tag haben? Unser Königreich beschützen und die Königin versorgen? Ihr mit eurer lächerlichen Demokratie, wo einer nicht weiß, was der andere macht. Bei uns hat alles Hand und Flügel! Und immer euer Zerstörungswahn …«, rief die Wespe und wurde von einer anderen unterbrochen und beruhigt. »Aber ihr habt doch jetzt Platz oben am Giebel und da dort habt ihr Ruhe. Das müsste doch reichen?«, fragte Biene warm lächelnd. Die Wespen schauten alle zu Biene hin und waren ganz betört von ihrer Stimme und flogen umgehend eine Herzformation. »Dett glaubt uns kein Mensch, dett glaubt uns keiner!«, sagte Michael und schüttelte mit dem Kopf, als er den Schwarm sah.

»So meine lieben Kinderchen, auch eine Seemöwe muss arbeiten und noch vielen Tieren in der Welt helfen. Darf ich mich dann zurückziehen? Egbert und Heinz packen bitte die Koffer. Die Flüge sind gebucht und wir freuen uns auf euch. Ich muss jetzt mit Thomas E-Mails beantworten. Ich wünsche einen schönen Abend«, sagte Elise und dann wurde der Bildschirm dunkel. Alle schauten sich erst fragend an und dann kam der Lachanfall. Paule lag lachend auf dem Rücken und kriegte sich nicht mehr ein. An dem Abend machte auch Heinz den Pachtvertrag mit Paule fertig und garantierte somit nicht nur Paule, sondern den anderen Tieren im Garten, ein sorgenfreies Leben. »Jungs«, sagte Heinz mit tiefem, ernsten Ton. »Wir fliegen bald los und wann wir wieder kommen, steht in den Sternen. Hatten wir ja ewig vor, nur das Ziel war nie klar. Es ist ja alles geregelt und für alles gesorgt. Ihr seid erwachsen und unner dä Haubä. Ist né Kurzschluss Reaktion wie immer. Ob datt juut jeet wissen wir nüsch. Aber sonst kommen wir halt zurück und nisten uns in den Einliegerwohnungen ein. Wir haben nu´ mal datt Gefühl, als würden wir die schon ewig kennen und wollen dett mal ausprobieren«, fügte Egbert hinzu. Udo und Michael nickten bedächtig mit dem Kopf und dann lagen sich alle herzlich in den Armen. Heinz schniefte tief durch. »Mal sehen, watt da so läuft. Muss den Flattermann Elise ja auch erst mal interfiuwen, oder wie datt so heißt und dann sehen wir weiter«, sagte Heinz. Die Söhne nickten und hatten ebenfalls die Ahnung, dass die Reise ihrer Väter länger dauern könnte. Aber sie freuten sich auf die Elternhäuser mit den großen Gärten und auch auf neue Ziele, wenn mal Urlaub angesagt war.

***

»Hab grad Bilder und Videos nach Hause geschickt. Ist alles in Ordnung zu Hause. Ist schon komisch, wenn man alles was man in den letzten Jahren aufgebaut hat, so aus der Ferne sieht. Die Jungs sind im Garten und et läääuft«, rief Heinz von der Terrasse zu Egbert in den Garten. Egbert mähte gerade den Rasen, hinter der Wohnanlage und Marga half ihm dabei. Egbert nickte und der Schweiß lief ihm in Sturzbächen am Kopf herunter. Heinz grinste und nahm genüsslich sein Wasser mit vielen Zitronenscheiben in die Hand. Jamie der Schäferhundmix lag unter seinem Stuhl im Schatten und freute sich ganz besonders. Jamie hatte herausgefunden, dass im Studio von Heinz auch ein Fernseher an der Wand hing. Was lag näher als nun ohne nervende Elise, morgens endlich Lassie gucken zu können? Die Studios in denen Heinz und Egbert vorerst wohnten, lagen hinter der Wohnung von Thomas und Sandra. Sogar einen eigenen kleinen Pool hatten sie vor der Terrasse. Jamie nutzte das voll aus.

»Naaa, mein Hündchen? Fühlst dich wohl bei mich? Kannst gerne morgens deine Lassie gucken. Ick freu mir über deine Gesellschaft. Egbert freut sich ja über Margas Gesellschaft und datt Biene scheint uch glücklich zu sein. Et läääuft«, flüsterte Heinz mit warmer Stimme. Jamie japste kurz auf und guckte unbeirrt auf die Kultsendung.

»Boooah, ist datt heiß heute Morgen«, rief Egbert, der mit mähen fertig war. Er kam zu Heinz auf die Terrasse und begrüßte Biene, die gerade aus dem Studio zu den beiden dazu stieß.

»Morschen allerseits«, rief Bienchen fröhlich und stellte sich an den Pool. »Welch herrlicher Anblick und bitte noch so ungefähr 10 Minuten so stehen bleiben«, schnaufte Egbert. Aber Biene legte die Arme an den Körper, ließ sich seitwärts in den Pool fallen und tauchte bis auf den Boden ab.

»Datt is unbezahlbar Egbert! Unn guck mal watt die Marga macht? Ich glooob et nüsch«, sagte Heinz leise und nickte mit dem Kopf zu Marga. Marga zog sich ihren Arbeitskittel aus und sprang ebenfalls in den Pool und quiekte kurz laut auf. »Heidewitzka, watt né Grazie, Egbert«, lachte Heinz. Egbert staunte auch nicht schlecht und fühlte sich immer wohler in seinem neuen Heim.

»Dett is Altersheim Delüx. Dett is Jungbrunnen vom Feinsten«, grinste Egbert. Die beiden Damen verließen dann über die kleine Leiter den Pool und trockneten sich ab. Marga hatte die Blicke von Egbert längst bemerkt und schaute peinlich berührt weg. Egbert aber hatte einen wohlwollenden Blick drauf und das freute sie doch sehr.

»Wie war datt mit der Doppelhochzeit? Passen da noch zweeje zu? Mensch Marga, du bist aber een flotten. Kannste mir doch nicht antun. Bis jetzt hatte ich noch nix an der Pumpe«, lachte Egbert. Die Damen legten sich auf die Liegen. In den nächsten Wochen wollten sie dann die Terrassen etwas aufteilen, damit Thomas und Sandra etwas mehr Ruhe genießen könnten. Allerdings war bis jetzt keine Zeit für Grenzen ziehen gewesen und alle fühlten sich ziemlich wohl abends, wenn sie zusammen den Sonnenuntergang genossen. Elises Gähnen in der Nachbarwohnung war nicht zu überhören und das Geschimpfe ebenfalls nicht. Sie kreischte laut auf und Egbert wusste sofort, was los war.

»Ich wette 100 Liter deutsches Reinheitsgebot, dass Elise wieder beim Teleshopping angerufen hat und jetzt zur Sau gemacht wird?«, flüsterte Egbert in den Raum. Heinz nickte bedächtig und zählte von 8 rückwärts. »Achte, siebene, sechse und Aaaachtung …«, flüsterte Heinz grinsend.

»Aaaaaaah, Sie Tierquäler, ich steeeehe unter Artenschutz und bin eine bedrohte Art meiner Spezies! Kommen Sie ruhig, dann gibt es was mit F, aber keine Fri ……. Aaaaaaah, hüüüüüülfeeeee, der will mir an den Mööööwenkragen. So helft mir doch«, rief Elise aufgebracht, warf den Telefonhörer in die Pampa, rannte um die Ecke und sprang mit einem großen Satz in den Blumenkübel von Egberts Terrasse. Sie umklammerte zitternd die Palme und diese zitterte wie Espenlaub. Schallendes Gelächter erfolgte aus der gesamten Anlage. »Ich hab deine Kreditkartenangaben du komischer Vogel, und wenn ich dich erwische, dann dreh ich dir den Hals um. Glaubst wohl das Ich dich nicht finde? Warts ab und dann erzähl ich deinem Mann mal, was du hier morgens auf dem Live Sender mit mir machst. Und wenn es das Letzte in meinem Leben ist, ich krieg dich und mach dich zur Miiiiinnaaaaa«, brüllte der Verkäufer vom Teleshopping Portal aus dem Fernsehgerät, bei Thomas auf der Terrasse. Der Sender schaltete sonst auf Störung, nur dieses Mal nicht. Das war verwunderlich. Man sah wie der Verkäufer mit bitterbösem Gesicht und wildem Geschrei bis vor die Kamera lief und jemanden beschimpfte. Natürlich wusste der Verkäufer nicht, dass Elise kein Mensch war, und war sich dessen sicher, dass morgens eine Dame anrief, die der deutschen Sprache anscheinend nicht mächtig war. Einige Worte verstand er aber komischerweise und sein verwunderter Blick war nicht zu übersehen. Elise hechelte und überlegte gestresst. Was nun? Was, wenn der Typ tatsächlich ihre Daten oder die von Thomas herausfinden würde? Egbert kam Elise zu Hilfe. Er fasste sie und zog mit Leibeskräften an ihr, weil sie sich krampfhaft an der Palme festhielt.

»Lass mich, der will mich killen! Hier findet er mich nicht«, rief Elise schlotternd vor Angst. Egbert lächelte und machte einen Flügel nach dem anderen von der Palme ab und nahm die zitternde Elise in den Arm. Dann setzte er sich mit ihr in den Liegestuhl und sang ihr ein Kinderlied. Alles drehte erstaunt den Kopf zu Egbert. Heinz guckte auf seinen Kaffee. Ob da was drin war? Egbert ließ sich nicht beirren und sang leise weiter. »Et geht ein Biba Möwenmann in meinem Dingsbums rum, bidi Bumm … Er schüüüttelt sich, er dim, dim, dim, er dim, dim, dim und waaaatt weiß ich? … et geht ein Biba Butzedings im Möwenland herum … bidi, bidi Bumm …«, sang er sanft und Elise schaute mit großen Augen zu Egbert auf. Es flogen Herzchen von Elise in den Himmel und sie legte beruhigt ihren Kopf an Egberts Schulter und dann wurden ihre Augen schwer. Egbert fing wieder an zu singen und dann schlief Elise ein und lächelte leicht dabei. Egbert summte noch leise weiter und grinste zufrieden. Heinz guckte ihn sprachlos an. »In den ganzen Jahren hab ich dich nur brummen hören, wenn du dir einen gelötet hast und nu am frühen Morgen, ohne Spaß in den Backen? Watt is datt denn? Mein lieber Scholli, ich gloobe, hier stimmt watt nicht. Nüsch datt mir datt nüsch gefällt, aber irgendwatt haben die mit uns gemacht, Egge«, sagte Heinz leise und trank seinen Kaffee aus. »Ach Heinz, dett hab ich früher bei meinem Udo uch gemacht, wenn der Schiss hatte. Du gloobst doch nüsch, datt ich meinem Drachen né Arie singen würde?«, grinste Egbert leise. Lautes Schnarchen ertönte an Egberts haariger Brust und Heinz verschluckte sich vor Lachen. Elise wachte auf und schaute zu Egbert hoch. Sie schüttelte sich kurz und hüpfte dann von ihm runter. »Onkel Egbert? Willst du mein richtiger Onkel sein? Mein Onkel Jonathan ist schon lange tot. Er ist abends auf dem Weg vom Hafen leider gegen die Klippe geflogen. Bis heute weiß keiner warum. Allerdings kam ein paar Tage später die Rechnung aus der Hafenkneipe und aber und … da wird nicht drüber geredet. Ist ein Möwentabu-Thema«, sagte Elise mit zärtlichster Stimme. »Aber natürlich meine Süße. Ich bring dich auch zum Traualtar und werde, solange ich hier wohne, dein Beschützer sein. Kannst dich auf mich verlassen, mein Flatterschätzelein«, sagte Egbert zu Elise. Heinz nickte eifrig mit dem Kopf.

»Ich uch Elischen! Ich uch! Mir, also der Egge und meinereiner und datt Bienchen, wir sind für dich da. Kannst dich auf uns verlassen. Wir wollen hier gaaar nisch mehr wesch. Datt is so schön hier und wer will denn ohne dich sein? Herzchen?«, setzte Heinz nach. Biene stand auf und ging auf Elise zu. Sie hob sie hoch und drückte sie ganz fest. Elise zerfloss vor Zuneigung. »Ich werde euch alle heute Nacht zudecken und die Schäflein für euch zählen«, sagte Elise zärtlich und nahm einen Schluck aus ihrer kleinen Tasse, die Biene Elise nach einem Wink mit dem Zaunpfahl, ihr reichte.

»Eeeeeeeliseeeeee? Woooo bist du? Aaaaantanzen! Und zwar sofort!«, schimpfte Thomas von nebenan. Elise zuckte zusammen. Da war doch was? Der Anruf beim Teleshopping-Sender. Thomas kam um die Ecke gerannt. Mit hochrotem Kopf und unübersehbar, stinksauer.

»Wusstest du eigentlich, werte Dame, dass mich eben ein Sekretariat angerufen und mich gefragt hat, ob die Lieferadresse dieselbe, wie die Rechnungsadresse sei? Die haben mich tatsächlich gefragt, ob ich extra meine Frau bei denen anrufen lasse um den armen Verkäufer so lange zu bequasseln, bis dieser reif für die Klapse wird! Man hat mich bedauert, dass ich mit so einer Frau zusammenleben müsste!«, brüllte Thomas. Elise schmiss die Tränenturbine an und schluchzte plötzlich herzzerreißend. Das Mitleid von drei Personen war ihr von dieser Minute an sicher!

»Spaaar dir deine Show, Frau von der Möwe! Das zieht nicht mehr. Der Typ hat ausrichten lassen, dass er auf die Azoren kommen will, und zwar in den nächsten Taaaagen!«, brüllte Thomas nochmals.

»Pöööh«, konterte Elise schluchzend. Dann muss er die Ausfallkosten für die Hochzeiten auslegen und dann gibt es eeeeeeeine Möööööööwe weeeeniger, weil du es nicht verhindert hast, du Aaaaaanwalt!«, brüllte Elise zurück und sprang von Bienes Arm herunter. Sie stampfte mit einem Bein auf und nahm Anlauf. Dann flog sie aufs Meer raus und schimpfte auf Möwen Art, sodass kurzfristig ein leichter Sturm aufkam. Jetzt hieß es "Alle Mann in Deckung." Elise platzte vor Wut.

»Gleich gibt es ein Beben meine Damen und Herren. Wenn Elise platzt, bebt es immer ganz kurz. Aber sie ist doch selbst schuld. Jeden Morgen ruft sie dort an. Warum hält sie auch nicht einfach ihre Klappe und bittet mich, diesen Schund für sie zu bestellen? Aber nein, die Dame brüllt nach zig Versuchen in den Hörer und keift den armen Kerl zusammen. Ist doch kein Wunder, dass der platzt. Der denkt jetzt nur, dass die Dame meine Sandra ist und der kennt meine Adresse! "Von der Möwe" ist ja nichts Ungewöhnliches, aber wenn er sieht, wer Elise ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Kurzkoma oder Ausrasten und Sandra an die Kehle gehen. Ist nicht schon später Nachmittag? Leute, ich könnt grad ein Bier vertragen«, sagte Thomas und schaute in die nickende Runde. Egbert grinste breit bis an die Ohren. Die Vorstellung, dass der arme Typ vom Sender hier landen würde und nichts ahnend vor Elise rumschimpfte, war zu köstlich. Noch köstlicher war der Gedanke, wenn der Typ umfiel.

»Watt machen wir denn heute so? Also Egge hat die Wiese gemäht und ich wollte eigentlich mal in deinen Weinreben herumspazieren. Wer weiß, ob dett nisch ein hübsches Tröpfchen für meine Kehle wird. Oder aber, ich hätte schon Lust mal runter zu Sam zu laufen und ein bisken mit dem Flutscher zu schwimmen«, sagte Heinz. Er schaute sich um. Aber irgendwie waren alle viel zu faul, um bei dem heißen Wetter an irgendwas Anstrengendes zu denken.

»Ich werde jetzt gleich erst mal mit Elise reden und dann muss ich noch ein wenig Emails beantworten. Aber ich schlage vor, ihr geht ins Dorf und macht uns die Kühlschränke voll. Dabei könnt ihr ruhig beim Captain vorbeischauen. Vielleicht hat er Post oder sonstige Ware für uns. Ihr macht ja erst mal Urlaub hier und müsst nichts tun. Außerdem müssen wir ja noch die Doppelhochzeit planen. Allerdings, wenn der Typ vom Teleshopping-Sender hier landet, sehe ich schwarz für die Hochzeit«, grinste Thomas. Thomas machte sich ernsthaft Sorgen um Elise. In diesem Zustand war sie unberechenbar. Er wollte später zu den Klippen gehen und sie beruhigen, falls sie nicht vorher wieder in der Anlage erschien. Das Telefon klingelte. Thomas nahm ab und am anderen Ende hörte man eine aufgebrachte Stimme. Thomas machte zu Egbert und Heinz Zeichen mit der Hand. Es war die Frau aus Deutschland. Die mit dem Handtaschenhund. Sie war fast hysterisch. Hatte man ihr doch den Hund weggenommen und ihr mit einer Anzeige gedroht. Natürlich hatte sie aus dem Internet die Nummer von Thomas erfahren und diesem blieb die Luft weg, als die Dame am anderen Ende keifte. Thomas legte das Telefon auf den Holztisch und machte auf Freisprech-Zeichen. Der Tisch bebte. Der Hörer schwoll an und man sah wie die Spucke der Frau, aus den Löchern des Hörers schoss. Heinz lachte laut los und hielt sich den schwankenden Bauch. Biene quiekte und Thomas drehte sich weg. Egge hustete laut und dann explodierte das Wesen am anderen Ende mit lautem Knall.

Stille!

»Watt is heute mit den Frauen los? Sag jetzt nicht, dass der Hund noch im Haus war. Ich wette 100 Liter deutsches Reinheitsgebot, dass die Stadtwerke nun die ganze Gegend neu teeren müssen!«, lachte Egbert laut. »Watt war datt denn?«, fragte Biene vorsichtig. Thomas drehte sich wieder rum und grinste. »Das war Tierschutz aus der Sicht der Tiere und so reagiert ein Mensch, wenn man ihm seine heile Welt kaputtmacht. Erleb ich fast wöchentlich«, klärte Thomas auf. Egbert schüttelte den Kopf und war platt. »Menschenskinder, da war mein Drachen ja ein süßes Karnickel gegen. Fast liebreizend. Ob die nen Mann hat?«, fragte Egbert. Von hinten schlug es ihm die Tageszeitung auf den Kopf und eine grinsende Marga stand hinter seinem Stuhl. Egbert richtete sich sofort auf und drehte sich im Stuhl um. »Huch, meine Schöne, so war dett nüsch gemeint«, lachte Egbert peinlich berührt. »Elise hat für neues Land gesorgt. Durch ihr Gebrüll hatten wir einen erneuten Abgang an der Klippe und ein kleiner Tsunami ist unterwegs aufs offene Meer. Nichts Schlimmes, aber immerhin. Elise ist geplatzt. Sie sitzt nun schmollend auf dem Felsen kurz vorm Hafen und schluchzt so laut, dass der komplette tierische Inhalt des indischen und Pazifischen Ozeans unterwegs ist, um sie zu trösten«, erzählte Marga, nicht ohne ein breites Grinsen im Gesicht.

»Heulen kannse gut, datt Mädel!«, sagte Egbert. Jamie holte aus Egberts Wohnung das Fernglas und lief damit schwanzwedelnd zum Ende der Terrasse. Er hielt sich das Glas vor die Augen und fing anzulachen. Elise saß wie ein heulender Kojote auf ihrem Felsen und schluchzte sichtbar herzhaft laut und drum herum sprudelte das Wasser. Sie wedelte dabei mit ihrem Spitzentaschentuch vor ihrem Schnabel her und tat, als würden Fluten aus ihren Augen treten. Jeglicher Pottwal, der gerade in der Umgebung war und sämtliche Meeresbewohner umschwammen den Felsen. Schildkröten versuchten auf den Felsen zu klettern, nur um Elise zu trösten. Dann sah er wie eine Schildkröte mit doppelten Rittberger rückwärts den Felsen zurück ins Wasser kullerte und die Pottwale laut lachten, bei dem Anblick. Elise heulte natürlich noch lauter auf, weil diese nach ihrer Ansicht "dämliche Schildkröte" ihr die Show stahl. Jamie winkte den anderen zu, sodass sie sich sofort um ihn versammelten und sich beim Hinüberschauen mit dem Fernglas abwechselten. Jetzt sah man sogar Schilder aus dem Wasser ragen. Thomas hob die Augenbrauen an und versuchte, weil er gerade das Fernglas in der Hand hatte, seinen Augen zu trauen. Die Meeresbewohner veranstalteten eine Demonstration zu Ehren Elises. Auf einem der Schilder konnte man die Schrift erkennen. "Helft Elise! Rettet sie! Der Typ vom Teleshopping will sie killen!"

»Nicht dass ich behaupten wolle, dass eine Elise von der Möwe übertreiben würde. Aber was sie da wieder abzieht, übertrifft alles andere, was sie bisher abgezogen, hat!«, sagte Thomas mit lustigem Unterton in der Stimme. »Ich bin gespannt, wann die Wohnanlage mit Algen und sonstigem Zeug aus dem Meer beworfen wird oder ob sie sich beruhigt«, fügte Sandra hinzu. »Ok … wer macht das Schild für sie? Ich sehe doch, wie sie durch ihr Glas hier hin linst. Dieses linke Miststück! Upps, daaaas haaab ich nie gesahaagt! Verstaaaanden? Mitbewohner?«, sagte Thomas leise grinsend vor sich hin. Die anderen rannten sofort los und bemalten ein Schild und schrieben eine Entschuldigung. Egbert kam mit dem Schild rausgerannt und hielt es Thomas hin. Thomas sah Elises Fernrohr blitzen. Das Biest hatte sofort kapiert, was los war. Thomas hielt es provokativ in die Luft. Alle Wale und Delfine, die gerade ihre Runden in rasantem Tempo zogen, hielten inne und schauten abrupt zu Elise hoch. Zwei Pottwale schlugen auf die anderen auf. Ein wildes Geschimpfe folgte. Elise verkniff sich das Lachen bei dieser Szene und packte ihre Sachen in ihren kleinen Rucksack und die Meeresbewohner tauchten wieder ab. Eine Schildkröte hatte es endlich auf den Felsen geschafft und Elise gab ihr einen leichten Tritt.

»Blöde Kuh! Dir helfe ich nie wieder«, rief die Schildkröte und kullerte ins Wasser zurück. Elise grinste sich einen zurecht. Na der Thomas würde was erleben. Das hatte sie sich geschworen. Bevor sie aber zu ihm zurückflog, wollte sie ihn erst einmal noch schmoren lassen und flog im Tiefflug unterhalb der Küste zu ihrer Klippenwohnung. Thomas sah das natürlich durch sein Fernglas und lächelte. Natürlich würde er heute Nacht Elises Tapsen im Schlafzimmer hören und garantiert würde sie ihm "gute Nacht" sagen. Er kannte seine Elise doch zu gut.

Eure Fedrigkeit, wir haben ein Problem!

Подняться наверх