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Blöde Gans

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Am späten Abend hörte Thomas tatsächlich ein Tapsen. Das war aber nicht Elise, sondern Jamie. Elise kam also nicht mehr ins Schlafzimmer zum "Gute Nacht" sagen. Sie war überhaupt nicht mehr zur Wohnanlage zurückgekommen. Jetzt machte Thomas sich wirklich Gedanken. Er konnte überhaupt nicht einschlafen, obwohl er sehr müde war. Natürlich hatte er am Abend auf den Klippen bei Gundula, Elises Mama angerufen, weil er sich nun doch Sorgen machte. Gundula beruhigte ihn und meinte:

»Du kennst sie doch. Das hat sie von mir. Wir Möwen platzen nun mal sofort und sind tagelang eingeschnappt. Elischen will dich ärgern, dass weißt du doch. Sie hat sich das eben Mal in den Kopf gesetzt. Du musst auf sie zugehen und dich tausendfach entschuldigen. Denk nur wie schwer es ihr fällt, heute Abend nicht mit dir an den Strand zu gehen, um Sam "Gute Nacht" zu sagen. Unser Elischen ist halt was Besonderes. Und du Thomas, bist es auch. Ich bin so froh, dass du zu Elise gezogen bist. Jetzt schlaf mal eine Nacht drüber und morgen früh … du wirst sehen, dann steht sie bei dir in der Küche. Ich hab doch gesehen, dass sie eben bei ihrer Freundin Hermine Eier gekauft hat. Was glaubst du wohl, für wen die sind? Nicht für uns! Also mein Guter, schlaf schön und träum weiße Wölkchen. Gute Nacht Thomas.« Ein wenig erleichtert legte Thomas den Hörer hin und kratzte sich nachdenklich am Kopf. Er war total verwirrt. Eigentlich würde er Sandra heiraten. Sandra war seine große Liebe und diese hatte er durch Elise gefunden. Sandra war aber auch Elises beste Freundin. Sandra erschien ihm auf der Insel und er war gefesselt. Aber da war auch seine Elise und machte ihm Avancen, die er total zum Schmunzeln fand. Ein Mensch und eine Möwe, so ein Irrsinn. Wegen ihrer liebenswerten, nervigen Art, hatte er sich so an Elise gewöhnt und es fehlte etwas in seinem Alltag, wenn sie nicht da war. Was war das nur für ein Zustand? Er war ein Mensch? Sie eine Möwe? Aber was für eine Möwe? Elise war nicht da. Nicht an seiner Seite. War Elise ihm wichtiger als Sandra? Was war nur los mit ihm? Sandra die in der Küche aufgeräumt hatte, gesellte sich zu ihm.

»Thomas, ich sehe dir genau an, was los ist. Du musst dir keine Sorgen machen. Elise ist etwas ganz besonderes. Auch für mich. Sie hat mich damals, als ich von meinem Ex hier verlassen wurde, aufgebaut. Sie hat mit mir Freundschaft geschlossen, von Mensch zu Möwe. Auch ich liebe Elischen und glaub mir, ich kann dir nachfühlen. Wir sorgen uns jetzt um sie, aber vielleicht braucht Elise jetzt auch mal eine Nacht für sich. Überleg nur, was sich alles in ihrem Leben geändert hat«, erklärte Sandra sanft. Thomas nickte zustimmend. »Auch wenn es wehtut und man mit niemanden darüber reden kann, so sollten wir Elise mal eine Nacht alleine gönnen. Glaub mir, sie ist morgen wieder da. Auch sie wird nicht schlafen können. Meinst du etwa, dass sie ruhig ohne dich einschläft? Wäre Elise ein Mensch, würde ich hysterisch«, lachte Sandra. Thomas nahm Sandra in den Arm und wirbelte sie herum. Er war eigentlich so glücklich und eine Möwe machte sein Leben so … ? Er konnte es nicht beschreiben. Jetzt waren noch Heinz, Biene und Egbert auf die Insel gekommen. Marga seine ehemalige Angestellte und seine neuen Freunde. Und nun wo alles perfekt erschien, hatte er den ersten Krach mit Elischen. Er war es nun mal nicht gewohnt, dass sein Elischen nicht zu ihm ans Bett kam. Das hatte sie eigentlich von der ersten Nacht an getan. Er musste lächeln, als er an die Szene dachte, wie er morgens aufwachte und eine weibliche Stimme ihm ins Ohr flüsterte, welch herrliche Nacht das mit ihm war. Und jetzt war Elise nicht da. Wie schnell er sich an sie gewöhnt hatte. Er arbeitete viele Stunden mit ihr zusammen und hatte sie ins Herz geschlossen. Er ging ins Schlafzimmer und rollte sich in seine Decke ein. Sandra legte sich zu ihm und flüsterte ihm beruhigende Worte zu. Irgendwann schlief Thomas in Sandras Arm ein. Am nächsten Morgen klopfte Egbert, mit freiem Oberkörper, ganz ungeniert und mit bunten Boxershorts der Marke "wahnsinnig groß" vorsichtig an der Schlafzimmertür und Thomas rief krächzend:

»Wer immer da ist, der darf auch Frühstück machen« Egbert stieß ganz leicht die Tür auf und grinste breit. »Auseinander ihr Ferkel! Elise steht in der Küche und macht für faaaast alle Rührei. Betonung … fast alle. Sie sagt: ES' muss sich erst entschuldigen, dann gibt es Rührei, wie ein Anwalt es mag« Thomas warf die Decke weg und nickte Egbert zu.

»Soll es ihr doch im Hals stecken bleiben!«, fauchte Thomas Richtung Küche. Egbert ging grinsend zurück zur Terrasse. Das konnte ja noch spannend werden. Sandra gesellte sich zu Elise in die Küche und stieß sie wortlos mit der Hüfte an. Elise hielt sich an der Küchenablage fest, weil sie den Rums schon kannte und stieß Sandra wortlos mit dem Flügel in die Seite. Sandra grinste. Elise grinste ebenfalls schelmisch.

»Kleines Biest! Wie lange willst du das durchhalten? Ich wette du hast kaum geschlafen letzte Nacht«, sagte Sandra ganz leise. Sie legte das Brotmesser zur Seite, hob sich auf die Küchenablage, positionierte ihren kleinen Po auf der Arbeitsplatte, packte Elise mit ihren Händen und hob sie auf ihren Schoß. Sie umfasste Elises' Kopf und schob ihn zärtlich an ihre Schulter. Elise kuschelte sich bei Sandra ein.

»Kein Auskitzeln heute Morgen! Kein Nachlaufen spielen und kein in den Pool werfen. Nein!«, schluchzte Elise ganz leise. Sandra drückte sie fester an sich.

»Nun geh schon zu ihm. Er hat nicht geschlafen. Er ist ganz traurig und hat gestern Abend auf der Klippe überall nach dir gefragt. Geh schon, du Göre. Heute Nacht darfst du zwischen uns schlafen, wenn José nichts dagegen hat. Aber der ist ja mit dem Captain auf See«, hauchte Sandra. Elise guckte zu ihr hoch und klimperte mit ihren Wimpern. Sandras Herz machte Luftsprünge. Dieser Vogel war einfach nur entzückend süß. Elise löste sich aus Sandras Umarmung und ließ sich mit einer Flatterbewegung auf die Fliesen fallen. Dann tapste sie los. Richtung Bad. Bei dem Anblick und Geräuschen von Elises Tapsen, musste Sandra immer wieder daran denken, dass dies alles echt war. Sie las keinen Comic! Das hier war alles echt und live. Sandra hielt die Luft an. "Oh mein Gott", dachte Sandra. "Sie will doch jetzt wohl nicht ins Bad? Falscher Ort, falsche Zeit, falsch, falsch, falsch" Dann bebte es. Zwei Personen, äh zwei Charaktere … stritten sich erst laut um ein Handtuch. Dann schlug ein Klodeckel extrem laut auf. Gleich darauf hörte man Thomas Rasierer aufheulen und zwei unterschiedliche Stimmen schreien. Egbert und Heinz kamen angelaufen und Sandra hielt sie mit ihren Armen auf. Sie zeigte mit ihrem Finger auf ihre Lippen und bedeutete damit "Nicht stören." Zwei weit offene Münder, ein gähnender, aber interessierter Jamie und eine staunende Biene hörten nun, was im Apartment ab ging. Man erwartete eigentlich jeden Moment die Luftwaffe und Boden-Boden-Raketen. Ein wildes Geschrei mit Beschimpfungen folgte. Die kleine Tischlampe im Wohnzimmer an der Wand vibrierte. Dann riss die Tür auf und eine wilde Elise stampfte schimpfend aus der Tür raus und schlug sie mit lautem Knall hinter sich zu.

»Ich ziehe aus und du verlässt augenblicklich dieses Land! Ich will dich nieeee mehr sehen! Du Spacken!«, schrie Elise und schnappte auf der Küchenanrichte ihren Teller mit Rührei. Lief raus auf die Terrasse, setzte sich ihre Sonnenbrille auf und stopfte sich wütend und mit hektischen Bewegungen das Rührei in den Schnabel. Dann flog die Tür zum Bad wieder auf und knallte Sekunden später, laut zu. Ein wild schimpfender Thomas folgte Elise.

»Vergiss es, mir gehört eh fast alles hier und du kannst hier nur wohnen, weil ich es gekauft habe. Duuuu kannst mich mal! Du blöööde Gans! Ich bin hier, weil duuu das so wolltest. Und solange du deine Flügel auf meinen Tisch legst, hast du dich nach mir zu richten. Misses Elise von der Mööööwe oder auch einfach blöde Gaaaans genannt!« Thomas hüpfte in die Luft und stampfte mit beiden Füßen auf, um seiner Schimpftirade noch einmal richtig Nachdruck zu verleihen. Dann lief er ebenfalls in die Küche und schnappte sich einen Teller mit Rührei und warf sich Elise gegenüber, provozierend in den Sessel, auf der Terrasse und stopfte sich ebenfalls wütend das Rührei in den Hals. Sandra drehte sich in der Küche um, und warf sich die Hand auf den Mund. Die anderen taten ihr gleich. Sie mussten alle lachen. Aber das durften die Streithälse nicht mitkriegen. Elise warf ihren leeren Teller auf den Tisch, schmierte die Serviette um den Schnabel und warf diese Richtung Thomas. Dann griff sie nach der Fernbedienung und da schlug Thomas Hand genau in dem Moment drauf. Wäre ja noch schöner, wenn sich dieses verrückte Huhn nun einfach dem Teleshopping widmen würde. Nein, dachte sich Thomas, du wirst das jetzt schön mit mir klären. Elise platzte vor Wut und sprang auf den Holztisch und riss mit Leibeskräften, an Thomas Hand, die wie betoniert, auf der Fernbedienung lag. Thomas musste kurz wegschauen, damit Elise sein plötzliches Grinsen nicht entdeckte. Dann schaute er wieder bitterböse auf den Vogel und Elise biss nun in die Hand. Thomas reagierte nicht, obwohl es ihn schmerzte. Weil nichts half, stellte sie sich wie ein Specht vor die Hand und schlug mit dem Schnabel zu. Thomas Augen rissen weit auf, aber mehr war ihm nicht anzumerken. Er ließ nicht los. Elise schaute auch nicht hin. Jetzt holte sie mit dem Fuß aus und stapfte mitten auf den Handrücken und Thomas verzog keine Miene, obwohl ihm gerade vor Schmerz das Hirn wegflog. Und da Thomas einfach nicht reagierte, hüpfte Elise nun mit beiden Füßen, wie wild auf seiner Hand rum.

»Duuuu nennst mich nie wieder blöde Gans! Du Spacken und Rechtsverdreeeeher! Gib das Ding heeer, sonst knaaallt es!« Dann breitete sie ihre Flügel auseinander und hob ab, nahm über dem Dach des Apartments Anlauf und flog im Sturzflug auf die Fernbedienung. Thomas schaute ihr erschrocken entgegen. Elises Fluggeräusche kamen einem Düsenjet gleich.

Ein: »Um Gottes willen, will et sich umbringen?«, ertönte es aus der Terrassentür. Aber Thomas kannte das schon. Sie schlug im letzten Moment ihren Bogen am Ziel vorbei. Nur dieses Mal traf ihn eine Ladung weißer Suppe auf der Stirn und Elise musste so schrecklich dabei lachen, dass sie die Kontrolle verlor, in der Luft wild trudelte und unsanft, mit einem dumpfen "Wrapp" im Komposthaufen landete. Thomas stand ganz cool auf und ging wortlos unter die Dusche, direkt neben der Terrasse. Er stellte sich laut singend darunter und der große weiße Klecks floss gemächlich an ihm runter. Elise schüttelte sich den Kompost von den Federn und stapfte ebenfalls gelassen und cool zur Dusche. Sie nahm ihre kleine Duschhaube von der Ablage neben der Dusche, setzte sich diese auf und bestieg die Duscheinfassung aus Bambus. Ein Lachschrei der von 4 Personen sein musste, ging über die Küste hinweg. Dann holte Elise gelassen aus und trat Thomas vors Schienbein und nun brüllte er auf. Jetzt reichte es aber. Er bückte sich blitzschnell und fasste Elise mit beiden Händen um ihren Hals und tat so, als wolle er sie würgen. Sie kreischte dabei und schlug wild mit den Flügeln auf ihn ein. Dann mussten beide schrecklich lachen. Biene, Egbert, Sandra und Heinz, staunten, als sie sahen, wie Elise im hohen Bogen aus der Dusche geworfen wurde und unfreiwillig als Ganzkörper-Arschbombe im Pool aufschlug. »Wow? Was für einen gewaltigen Aufschlag eine kleine Möwe im Wasser erzeugen kann«, lachte Heinz laut. Thomas war umgehend hinterher gesprintet und warf sich im Wasser, auf Elise. Sie tauchten und rangelten sich unter Wasser weiter und dann schoss Elise aus dem Pool und wollte wegrennen, aber Thomas ergriff noch ihr Bein und dann kam das übliche, was jeden Morgen folgte. Thomas hangelte sich aus dem Becken, packte Elise komplett, warf sie in den Liegestuhl und kitzelte sie aus. Biene strich sich mit der Hand über die Stirn und meinte:

»Meine Güte, was für ein Film. Wer benötigt hier noch ein Fernsehprogramm?« Dann ließ sie sich erschöpft in einen Liegestuhl fallen. Elise saß jetzt bei Thomas im Arm und schnurrte wie eine Katze und mummelte sich bei ihm ein. Egbert klappte seine Kamera zu und lachte leise. Er hatte das alles gefilmt. Das wollte er zu Hause seinen Söhnen zeigen. Jetzt mussten sich, obwohl es früher morgen war, erst einmal alle ausruhen. Thomas schlief glücklich ein und spürte die Stirnhaare von seiner Elise an der Nase.

»Aaaaaaaufwachen! Du Spacken und Rechtsverdreher!«, erschallte es aus dem Megafon neben Thomas Stuhl. Thomas zuckte zusammen, streckte seinen Arm aus, packte mit geschlossenen Augen neben sich und griff um einen fedrigen Hals. Mit lockerem Griff schüttelte er das daran hängende Federvieh und sagte leise vor sich hin:

»Misses von der Möwe ruft zum Dienst? Ich habe beschlossen, dass wir heute alle freihaben. Wir haben letzte Nacht kein Auge wegen einer blöden Gans zugemacht und nun müssen wir etwas Schlaf nachholen. Misses von der Möwe könnte Marga bitten, ein kleines Mittagsmahl zu bereiten und dazu würde ich gerne einen Möwen-Caipy genießen. Wenns beliebt?«, säuselte Thomas. Er spürte, wie alle auf der Terrasse nickten, und machte dann die Augen auf. Er drehte den Kopf zur Seite und erschrak, als er Elises hochroten Kopf sah und seinen eigentlich lockeren Griff um ihren Hals. Er ließ ruckartig los und Elise keuchte und hustete wild.

»Huch Elischen? Alles gut? Das wollte ich nicht. Tut mir leid meine Süße«, sagte Thomas erschrocken. Elise ließ sich auf den Rücken fallen und zuckte als wäre sie in den letzten Atemzügen und Thomas schüttelte den Kopf. Jamie sah Elises Zustand und wollte ihr Atem spenden und ihr Leben retten. Er ging ganz cool auf das Vögelchen zu und schleckte ihr quer über den Schnabel. Elise hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit Jamie. Der stand nun wartend über ihr und grinste mit breitem Maul.

»Igitt … iiiiiigittigitt! Bist du von allen Sinnen, du Köter? Wer weiß, wo du heute schon alles rumgeschnüffelt hast. Du Flohzirkus und Poposchnüffler!«, kreischte Elise wütend los. Jamie biss sie daraufhin in den Nacken und hob sie wie eine Katze hoch und schleuderte sie in den Pool. Heinz kreischte vor Lachen los und meinte, es würde nur wenige Wochen dauern und er hätte ein perfektes Sixpack vom Lachen. Alle schimpften Jamie aus und zeigten mit dem Zeigefinger auf ihn.

»Böses Hundchen! So was macht man doch nicht? Nein! Nein! Nein!«, lachte Thomas. Dann schlug er sich in die Hände, stand auf, zog an einem Flügel von Elise, die wartend am Pool Rand im Wasser hing, und zog sie hoch.

»Leute, ich schlage vor, wir nehmen gleich ein leichtes Mahl zu uns und dann zeige ich euch die neuen Weinreben? Danach gehen wir runter zu Sam und schwimmen ein wenig in der Bucht. Und wenn uns danach noch langweilig ist, gehen wir am Abend zum Captain an den Hafen und gucken, was er Tolles mitgebracht hat?« Alle nickten zustimmend und rekelten sich wohlig in den Terrassenmöbeln und beschlossen, den Rest des Tages einfach faul abzuhängen. Langeweile und nichts tun, konnte unheimlich beflügeln.

Eure Fedrigkeit, wir haben ein Problem!

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