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Kapitel 1 Die schöne Grossmutter – eine Heidi der anderen Art

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Es geschah kurz nach Schuleintritt in der ersten Klasse, ich bummelte mit Hedi, einer Kameradin, und traf meine Mutter. «Wer ist das Mädchen?», wollte sie wissen und fügte gleich hinzu: «Das Mädchen ist ja bildschön, die Eltern können glücklich sein, die Eltern können stolz sein. Dieses Mädchen wird eine brillante Partie machen. Die Eltern können glücklich sein …» Meine Mutter liebte Wiederholungen, weshalb ich das Sätzchen von den stolzen Eltern, auch bezogen auf andere hübsche Mädchen, sehr oft zu hören bekam. Ein fatales Votum. Ich verstand, dass ich ganz und gar nicht schön bin, meine Eltern nicht beglücken kann, keine Aussicht auf eine gute Heirat habe. Ein Sätzchen, das sich wie ein böser Dämon in mir festkrallte, mich verunsicherte, schüchtern machte und zum einsamen Steppenwolf werden liess. Ich musste alt werden, um meinen Dämon einigermassen in Griff zu bekommen.

Doch es gibt noch einen weit bedeutenderen Schönheitsfall in der Familie. Meine Grossmutter Paula war ein armes, aber sehr hübsches Bauernmädchen, das, wie die berühmte Heidi von Johanna Spyri, vor dem Ersten Weltkrieg lebte und durch Zufall in den Bann einer deutschen Grossstadt geriet. Bei meiner Grossmutter war es eine Love Story der schnulzigen Art. Ein feiner Herr aus Stuttgart, der in der Gegend von Basel einen Stage absolvierte, verliebte sich in die Dorfschönheit und hatte zunächst ein Problem. Sein Vater war durchaus nicht erfreut, liess sich aber auf Grund der begeisterten Schilderungen des Sohnes dazu bewegen, in die Schweiz zu kommen, um die Auserwählte zu begutachten. Was dann geschah, wurde mir immer wieder erzählt, es war die romantische Saga meiner Jugend, die Saga von Schönheit, Glück und Trauer. In Paulas Familie gab es fünf Töchter, die dem Besucher aus Deutschland nacheinander präsentiert und von ihm nacheinander beurteilt wurden: «Nein, die nicht … die auch nicht, die ist ebenfalls nicht hübsch genug …» Dann endlich erschien meine schöne Grossmutter und wurde gnädig aufgenommen. Ein Verdikt mit gewichtigen Folgen.

Das Glück des jungen Paares führte aus nie geklärten Gründen dazu, dass Paula jeden Kontakt zur eigenen Familie abbrach. Wollte sie der Armseligkeit entrinnen, etwas Besseres werden? Stritt sie sich mit den neidischen Schwestern? Mochten die Eltern den vornehmen Deutschen nicht? Das Thema war tabu, schweizerische Verwandte meiner Mutter gab es angeblich nicht, sie wurden totgeschwiegen. Obwohl die bescheidenen Kleinbauern keine Autostunde von Zürich entfernt wohnten, habe ich sie nie kennengelernt, die feinen Stuttgarter dagegen sehr bald.

Dann das grosse Unheil. Paulas Mann starb mit 23 Jahren an einem Nierenversagen, die junge Witwe, die ihr drittes Kind erwartete, blieb hilflos zurück. Unterstützung vom Staat oder von Verwandten war nicht zu erwarten und so hätten die beiden Buben und das kleine Mädchen wohl als Verdingkinder geendet, doch der Schwiegervater übernahm die Fürsorge. Er bezahlte einen ausreichenden Unterhalt, die kleine Familie musste keinen Mangel leiden und wurde im Dorf zum bestaunten, aber auch kritisch beobachteten Sonderfall. «Ich durfte meine Puppe mit in die Schule nehmen und mein Bruder Eugen konnte mit den Lehrern essen», erzählte meine Mutter.

Paula blieb ihrem verstorbenen Mann mehr als sechzig Jahre lang treu, sie trug nur noch schwarze und graue Kleider, dazu um den Hals ein schwarzes Samtbändchen, erzog ihre Kinder zu Anstand und folgte der Tochter nach deren Hochzeit erst nach Aarau, dann nach Zürich, wo ich geboren wurde. Sie besuchte jeden Sonntag die Kirche, hatte keine Freunde, keinen Hund und keinen Vogel, las keine Bücher, interessierte sich weder für Mode noch für Blumen, noch für Sport, noch für Musik, strickte pro Jahr zwei Pullover, einen für mich und einen für meine Schwester Ruth, sie tat vierzig Jahre lang fast nichts als aus dem Fenster schauen, war freundlich und still, sie atmete, doch sie lebte nicht. Die Schönheit hatte einst ihr Schicksal bestimmt, nun welkte sie dahin wie eine müde Rose.

Stuttgart aber wurde zum gelobten Land, die Stuttgarter zur wahren Familie. Meine Mutter Amalie verbrachte acht Jahre jenseits der Grenze bei ihrem Grossvater. Er war blind, wurde von einer Haushälterin, gerufen Marie, und einer Putzfrau betreut. Amalie musste ihm den Handelsteil in der Zeitung vorlesen, am Bobserbrunnen Wasser holen, zum Mittagsschlaf eine Decke über seinen Knien ausbreiten und Ähnliches. Daneben blieb Zeit für Groschenromane, Bummeln in der Stadt und Kontakt mit Tante Helene, Onkel Ferdinand, Cousine Anneliese und Vetter Walter. Von ihnen lernte das Bauernmädchen (unsere Heidi) die feinere Lebensart, Kenntnisse, die sie wie Honig aufschlürfte. Sie faltete bald Servietten zu Fächern, erfuhr, was in der Oper geschieht, welche Gläser sich für Rotwein eignen und welche Zigarren für einen gediegenen Herrn angemessen sind. Praktischer war da noch die Erklärung der Tante, wie sich eine Frau während ihrer Tage bequem und hygienisch schützen kann.

Zu leben wie vor dem Ersten Weltkrieg in Stuttgart wurde für meine Mutter zum Lebensziel. Mit den Stuttgartern hatten wir stets guten Kontakt, dies besonders mit Anneliese, der Cousine meiner Mutter, die einst erklärte: «In Stuttgart war das gar nicht so nobel, wir lebten ganz gewöhnlich, kaum anders als ihr in Zürich.» Wir haben uns umarmt und gelacht; Stuttgart oder Zürich ist wie Spätzle oder Spätzli – gar kein so grosser Unterschied.

Dass das Glück meiner Grossmutter allein ihrer Schönheit zu verdanken war, habe ich erst viel später erfahren. Ausser ihr gab es in der Familie Woertz noch eine zweite unpassende Schwiegertochter. Sie hiess Luise, arbeitete als Kellnerin in einem Stuttgarter Bierlokal und sollte auf Wunsch des Grossvaters von einem seiner studierenden Söhne beurteilt werden. Dummerweise irrte sich dieser, testete mit einem Annäherungsversuch die falsche Luise, wurde geküsst und erstattete einen höchst negativen Bericht. Die Bier-Mamsell wurde nie in den Clan ihres Mannes aufgenommen und bekam als früh Verwitwete auch keine Unterstützung. Ihre Tochter Maria erinnerte sich: «Einmal wurde ich hübsch gekleidet und mit einer rosaroten Masche im Haar zum Grossvater gebracht, der mir zum Abschied fünf Reichsmark schenkte.» Mehr war für die unerwünschte Enkelin nicht drin. (Ich habe versucht abzuschätzen, wie viel Geld meiner Grossmutter ihre Schönheit eingebracht hat – nach heutigem Wert müssten es inklusive Erbschaft über zwei Millionen Franken gewesen sein, von denen nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder und Enkel profitierten). Maria hätte allen Grund gehabt, wütend zu sein, doch sie akzeptierte die Ungerechtigkeit der alten Welt, war sehr fromm, pilgerte einige Male nach Rom, dies mit jeweiligem Unterbruch der Reise in Zürich, brachte uns einst gar einen päpstlichen Ablassbrief mit. Wir fanden das komisch.

Doch zurück zu Heidi. Bei Johanna Spyri wird das bodenständige Leben in den Alpen verklärt, die gute Geissenmilch, der frische Käse, das Schlafen auf duftendem Heu, die reine Bergluft, die wunderbarer Weise mithilft, dass das behinderte Stadtmädchen Klara gesund wird. Bei unserem Familien-Heidi lief es ganz anders, für Amalie lag die bessere Welt in den Luxusgeschäften an der Königsstrasse, beim Konzertflügel der Cousine Anneliese, bei der gelöcherten Spätzlepresse der Haushälterin Marie (meine Mutter hat die Presse geerbt und in ihr zürcherische Spätzli gekocht).

Spätzle waren mit der geerbten Presse leicht zu machen, doch meine Mutter wollte auch den Chic der Königsstrasse haben, zum Beispiel ein Skunk-Cape mit senkrecht verlaufenden Fellen, wie es Tante Helene vor dem Ersten Weltkrieg gekauft hatte. Das gab es an der Zürcher Bahnhofstrasse (ein Ersatz für die Königsstrasse) nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Immerhin hatten auch wir feine Pelzgeschäfte und so setzte es meine Mutter durch, mit fast fünfzig Jahren Verspätung doch noch zu einem Skunk-Cape mit Königsstrassen-Senkrecht-Verarbeitung zu kommen.

Noch bedeutender als das Pelzchen waren für uns Kinder einige praktische Dinge, die Amalie aus Stuttgart übernahm. Meine Schwester und ich bekamen Klavierunterricht (wie Anneliese), meinem Vater schenkte sie Havanna-Zigarren (die gleichen, die der Onkel in Stuttgart rauchte), sie kümmerte sich nie um die armen kleinbäuerlichen Verwandten (nach dem Vorbild des Grossvaters, dem eine Kellnerin zu wenig war), sie ging nie ohne Hut und Handschuhe ausser Haus, sie wollte stets das Bessere und das Noblere haben: Kleider von der Bahnhofstrasse, Schwimmen im Bad des Grand Hotel Dolder, teure Schützenwürste statt billigere Cervelats, Rosen als allein passende Blumengabe und vieles mehr.

Stuttgart erlebte meine Mutter als staunende Heidi, Stuttgart wurde für sie das Mass aller Dinge. Für mich ein Grund zu prüfen, wie das heute ist. Ein Katzensprung. Ich stieg am Zürcher Hauptbahnhof in den Zug und stand bereits drei Stunden später an der hundertfach gelobten Königsstrasse, die gleich gegenüber dem Bahnhof beginnt. Nein, als armes, von königlicher Noblesse verwirrtes Alpenkind habe ich mich nicht gefühlt, mir erschien die autofreie Shopping-Passage eher als mitteleuropäischer Durchschnitt. Vorbei der aristokratische Glanz, im alten Schloss ist nun ein sehenswertes und sehr publikumsfreundliches Landesmuseum eingerichtet, wo ich im letzten Saal den vier württembergischen Königen begegnete. Da stehen sie in voller Pracht, eingehüllt in rotem Samt und Hermelin, gepanzert mit Orden, geschmückt mit Krone und Zepter. Meine Mutter fand solches Gepränge wunderbar, lobte aber auch die Schlichtheit, mit der der König seine Hunde im Schlossgarten spazieren führte. Der Glaswürfel, der nahe vom Schloss moderne Kunst zelebriert, hätte ihr wohl weniger gefallen, ebenso wenig das lockere Angebot von sportlicher Mode, soliden Schuhen, mässig teurer Haushaltsware, zahlbarem Goldschmuck, Würsten und Bratkartoffeln. Berühmte Labels, Pariser Haute Couture, Nerzmäntel, Luxusuhren und Sterneköche konnte ich nicht entdecken, doch auch bescheidene Spätzle waren zu meinem Leidwesen nicht zu finden. Stattdessen offerierten die Restaurants meines Fünfsternhotels Steigenberger Pommes Frites. Eine Württembergerin, die seit mehr als dreissig Jahren in Zürich lebt, hat es mit erklärt: «Stuttgart ist modern geworden, Spätzle sind nur noch Hausmannskost, zu haben in den Kneipen beim Markt und in Supermärkten, übrigens auch in Zürcher Supermärkten wie Migros, Coop, Aldi, Lidl etc.» Wir lachten und ich dachte an Anneliese und ihren lockeren Städtevergleich: Zürich oder Stuttgart ist wie Spätzle oder Spätzli.

Anders als für meine Mutter wurde Stuttgart für mich nie zur besseren Welt, doch ich mag die Stadt meines Grossvaters gern, die Liebenswürdigkeit, mit der im Lindenmuseum die Kulturen Asiens gezeigt werden, die bestens gepflegten Häuser und Kulturdenkmäler, die Freundlichkeit der Menschen – der Kellner im Steigenberger-Hotel nannte mir sogar den Namen einer Kneipe, die Spätzle serviert. Nach Stuttgart komme ich immer wieder gerne.

Vom Grossvater erzählte die Mutter sehr oft, doch es waren immer wieder die gleichen Geschichte: Familie durch Pelzhandel in Russland vermögend geworden, Söhne zum Studium an der Universität Heidelberg, wo sich der Grossvater als bester Lateiner profilierte, Abbruch des Studiums und Abenteuerreise mit Segelschiff ums Kap Horn. (Die immer wieder hochgejubelte Fahrt ums Kap habe ich nachgemacht, allerdings nicht mit Segeln, sondern mit Motoren.) In Chile ging es flott weiter: Bekanntschaft mit einem nur mässig frommen Missionar, mit dem er wilde Pferde einfing und zuritt, zudem pflegte der Grossvater gute Beziehungen zur Kolonie der deutschen Auswanderer, war oft zu üppigen Dinners eingeladen, wurde dem Präsidenten vorgestellt und schliesslich dessen Sekretär. Viel über das Leben im Santiago des 19. Jahrhunderts hat meine Mutter nicht erfahren oder sie hat die Erzählungen des Grossvaters vergessen. In Erinnerung blieben allein Banalitäten: die Knoblauchknollen, die stets neben jedem Gedeck lagen und vor Krankheiten schützen sollten, die zwei Dutzend weisser Hemden, die handbemalten Fächer der Damen und vor allem die goldenen Knöpfe an den Westen, die bei den feinen Herren Mode waren. Die beiden akzeptierten Enkelinnen Amalia und Anneliese erbten die Knöpfe und liessen daraus Ohrringe machen, Maria ging einmal mehr leer aus. Das war zwar ungerecht, wurde jedoch im alten Kaiserreich weit herum als normal betrachtet.

Mein Urgrossvater hätte in Chile bleiben können, wo er vielleicht dank seines Sprachtalents – er sprach schnell fliessend Spanisch – und dank seiner schlauen Anpassungsfähigkeit zu Geld und Ansehen gelangt wäre, doch er zog es vor, zurück nach Stuttgart zu kommen. Und wiederum war ihm das Glück hold. Er heiratete eine brave Bürgerstochter, die eine halbe Million Goldmark in die Ehe brachte, zeugte fünf Söhne und etablierte sich als Privatier. Einen Beruf ausüben musste er nie, er war einer von jenen Kapitalisten, die Karl Marx nicht leiden konnte, was damals nur von wenigen Revoluzzern verstanden wurde.

Etwas weniger gut lief es mit den fünf Söhnen. Der Älteste, der meine Grossmutter geheiratet hatte, starb – wie wir wissen – mit 23 Jahren, der Mann der Kellnerin wurde kaum älter, ein dritter Bruder etablierte sich als Landarzt, wäre aber lieber Geigenspieler geworden. Er pflegte seine Patienten spät abends mit einer Pferdekutsche zu besuchen, speiste nach Mitternacht und spielte nachher noch lange auf seiner Violine. Geheiratet hat er erst mit beinahe fünfzig und bekam von seiner häuslich-untertänigen Frau den Sohn Herbert, der uns einst in Zürich besuchte. Daheim wurde der leicht Körperbehinderte von seiner Mutter und einer Haushälterin nach Noten verwöhnt, übte – obwohl gescheit und gut geschult – nie einen Beruf aus, lebte wie sein Grossvater als zufriedener Privatier.

Ein zweiter Mediziner in der Familie erlag seiner Morphiumsucht, nur Onkel Ferdinand machte alles richtig, heiratete eine passende Frau mit passender Mitgift, gründete eine Kamerafabrik, verdiente im Ersten Weltkrieg durch Lieferungen an die Armee ein ansehnliches Vermögen, verkaufte das Unternehmen zur rechten Zeit an Zeiss Ikon, rettete sein Geld in die Schweiz und übersiedelte mit Frau Helene und Sohn Walter nach Zürich. Die Tochter Anneliese hatte sehr jung einen deutschen Geschäftsmann geheiratet, mit dem sie erst in Hamburg, dann in Kairo, danach in New York lebte. Eine gute Partie, wie die Familie hoffte. Geschäfte hatten sich stets gelohnt, sogar besser als die Studien der beiden Ärzte. Zudem sah Friedrich blendend aus, verteilte Handküsse mit vollendeter Eleganz und stammte aus einer befreundeten Familie. Meine Mutter hielt den schönen Mann für albern, womit sie für einmal Recht hatte. Frieder scheiterte erst in der Hansestadt, dann bei den Pyramiden, dann bei den Wolkenkratzern, in der Geschäftswelt nützt Schönheit einem Mann wenig. Unterdessen war Anneliese nicht nur Mutter des Töchterchens Ursula geworden, sie hatte sich auch zu einer modernen, selbstsicheren Frau entwickelt. Auf die Unterstützung der Eltern wollte sie nicht mehr angewiesen sein, lieber wurde sie Barpianistin in Manhattan, was Urseli einst ausplauderte. Es folgte die Scheidung und die Übersiedlung nach Zürich, wo ihr Vater das Haus an der Resedastrasse gekauft hatte, in dem ich noch heute wohne.

Eine Adresse mit Krimi-Vergangenheit. Es hatte ursprünglich dem österreichischen k-u-k-Generalkonsul gehört, der im Ersten Weltkrieg beschuldigt worden war, Spione zu unterstützen. Die Alliierten engagierten daher einen Meistereinbrecher aus Neapel. Er sollte Beweismittel finden und als Lohn den Schmuck der Wiener Gattin einstecken dürfen. Datum der Aktion war ein Abend, an dem der Konsul zu einem Diplomatentreffen nach Bern eingeladen war. Aber auch die Zürcher Polizei schlief nicht. Sie rückte an der Resedastrasse an, der Dieb floh, sprang in die Limmat und wurde samt Schmuck und Dokumenten aus dem Wasser gefischt. Darauf liess der Generalkonsul im Erdgeschoss Eisengitter anbringen, hinter denen ich mich noch heute sicher fühle.

Anneliese erging es vielleicht ähnlich. Sie übersiedelte nach der Scheidung zu den Eltern, fand sich in Zürich schnell zurecht, wurde nicht Barpianistin, sondern Betreiberin einer Gymnastikschule, übernahm nach dem Tod ihrer Eltern das Haus im Seefeld und heiratete schliesslich den Schweizer Jus-Professor Karl Oftinger. Dieser kam als Kämpfer gegen den Lärm zu einiger Bekanntheit, fand die Resedastrasse zu laut und verkaufte das Haus meinem Vater.

Dem lauten Lärmgegner verdanke ich Hunderte von Flugtickets und das durch Zufall. Als Erzfeind von Fluglärm schrieb Oftinger einst einen Leserbrief an die NZZ, in dem es hiess: «Wenn ein Geschäftsmann in einer dringenden Angelegenheit nach Athen fliegt, kann man das noch tolerieren, wenn aber gewisse Leute zum blossen Vergnügen nach Athen fliegen, ist das unakzeptabel.» Als Reisejournalistin und Reiseleiterin gehörte ich zu den «gewissen Leuten» und schrieb ebenfalls einen Brief an die NZZ: «Wer im Flugzeug nach Athen reist, weckt einige Leute in Kloten und einige Leute in Heliopolis, wer mit dem Auto nach Athen fährt, weckt halb Europa.» Mein Kommentar gefiel dem Chefredaktor der neugegründeten Swissair Bordzeitung, er lud mich zur Mitarbeit ein und schon war ich Swissair-Schreiberling. Mit wahrer Freude verfasste ich Reiseberichte, PR-Material, Inserattexte und Bücher wie «Flug 502 Fernost», «Visit Sri Lanka», «Visit USA» und «Visit the Far east», hatte während Jahrzehnten fast stets ein Flugticket in der Tasche und lauschte immer wieder ungeduldig auf das Anlaufen der Triebwerke, das für mich wie Musik klingt. Fliegen wurde zu meiner Leidenschaft. Ich hatte meinen Traumberuf gefunden, ebenso mein Plätzchen im journalistischen Umfeld.

Mit Anneliese verstand ich mich prächtig. Sie war tüchtig, weltgewandt, unternehmungslustig, unkonventionell, chic und fröhlich. Ihre Barpianisten-Tätigkeit habe ich bewundert, dass meine Mutter die Hübschere gewesen sein soll, kümmerte mich wenig. Nur eine oft wiederholte kleine Geschichte mochte ich nicht gern hören: «Einmal begegneten wir auf einem Spaziergang einigen Studenten», erzählte meine Mutter. «Einer von ihnen schenkte mir Blumen, die Anneliese bekam keine Blumen, sie war einfach zu pummelig und hat sich wohl geärgert.» Was für ein unhöflicher Bursche und was für eine herzlose Cousine.

Endlich gab es bei den Stuttgartern auch noch einen jüngeren Bruder von Anneliese. Er hätte in Berlin studieren sollen, kurvte aber lieber mit seinem schnellen Motorboot auf dem Zürichsee herum. Mein Vater sollte ihn daher einst in Berlin, wo er öfter geschäftlich zu tun hatte, besuchen und ermahnen. Vergebliche Mühe, Walter genoss die Burschenherrlichkeit und lag noch um zwölf Uhr mittags tief in den Federn. Auch später wollte es nicht klappen, kein abgeschlossenes Studium, kein Job und die Zeit der feinen Privatiers war nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig vorbei. Walter starb überraschend an einem ungenannten Leiden, man flüsterte von Selbstmord.

Bleiben die beiden Brüder meiner Mutter. Der brave Eugen wurde Bankbeamter, war ein Musterknabe, jedoch nicht sonderlich geschickt in der Anlage seiner Erbschaft. Er interessierte sich wenig für Frauen, versprach jedoch, für seine Schwester zu sorgen, falls diese nicht heiraten könne, hätte gerne Sprachen studiert, was der Grossvater aber nicht finanzieren wollte. Meine Mutter schwärmte für den Musterknaben, der sich weigerte, dem Chef die Zeitung zu holen, weil das nicht zum Aufgabenbereich eines Bankangestellten gehöre. Er wäre wohl kaum mein Typ gewesen, doch er starb zu früh, als dass ich ihn hätte kennenlernen können.

Der jüngere Bruder Oskar schmiss die Handelsschule, stieg ins Elektrobusiness ein und führte schon bald ein florierendes Unternehmen. Weiterer Verdienst: Er machte meine Mutter mit Robi, einem Freund aus der Offiziersschule bekannt. Die beiden Männer wollten in Basel eigentlich nur eine Rodin-Ausstellung besuchen, doch beim gemeinsamen Mittagessen hatte es auf Anhieb gefunkte. Ein Blick auf die schöne Amalie genügte und die Würfel waren gefallen. Der verliebte junge Ingenieur kam eine Woche später zurück und machte einen Heiratsantrag, der angenommen wurde. Es folgte eine lange, konventionelle, sexuell unterkühlte Verbindung. So erklärte mir meine Mutter die eheliche Liebe als wenig verlockende Nebensache: «Es ist bloss ein kurzer Rausch», oder sie klagte über den müden Daddy: «Er muss ruhig schlafen um am Morgen wieder einen klaren Kopf zu haben», (also kein Sex). Viel genützt hat ihr die von Grossmutter Paula geerbte Schönheit nicht, sie bezirzte zwar einen rechtschaffenen, erfolgreichen Mann, aber glücklich wurde sie nie. Sie begann den Tag frustriert, stritt mit allen und jedem, mit dem Hausmeister, den Lehrern, den Nachbarn, den Verwandten, dem Pfarrer, der Coiffeuse, den Verkäuferinnen. Nichtige Kleinigkeiten genügten, so waren einst die Früherdbeeren im Lebensmittelgeschäft links unten zu teuer. «Ich habe der Verkäuferin alle Schande gesagt (das tat sie oft), ist doch Diebstahl, lasse ich mir nicht gefallen …» donnerte sie los und wechselte vom Geschäft links unten zu einem Geschäft rechts oben. Bald darauf ein Zwischenfall mit einer Büchse Spargel, auf der es hiess «se obra de otro lado (spanisch für ‹auf der anderen Seite öffnen›)» und wieder ein Donnerwetter «Warum italienisch, wir reden deutsch, denen habe ich alle Schande gesagt», Öffnung der Büchse auf der falschen Seite und wieder Wechsel des Geschäftes. Es ging so lange, bis sie mit allen Lebensmittelläden der Umgegend verfeindet war und schliesslich zum Geschäft Nummer 1 zurückkehren musste.

Meinen Vater kümmerten die Streitereien wenig. Er war mit Leib und Seele Ingenieur, führte bei Escher Wyss die Abteilung Apparatebau, plante in der halben Welt Salinen, Zucker- und Papierfabriken, später Petrochemie-Werke, avancierte vom Oberingenieur zum Direktor und arbeitete mit beim Aufbau der Emserwerke. Zeit für Sport oder Hobbys hatte er nie, sein Freundeskreis beschränkte sich auf Kollegen und Geschäftsfreunde, mit denen er sich prächtig verstand. Er ging mit den Finnen fischen, begeisterte sich zusammen mit dem indischen Zuckerfabrikanten und Parlamentarier Rama Puri für Nehru, schimpfte mit dem bayerischen Salinendirektor Hans über Hitler, schenkte den kolumbianischen Partnern Schwäne vom Zürichsee, trank mit den Peruanern Pisco sour und mit den Japanern Sake. Er war ein friedlicher Mensch und ein guter Vater. Gerne hielt er seine Reiseerinnerungen in Zeichnungen fest und so kannte ich bald den Mailänder Bahnhof, die finnischen Rentiere, das Brandenburger Tor, die Tirolerhüte und vieles mehr. Gut möglich, dass er lieber einen Buben gehabt hätte, doch er akzeptierte mich als Ersatz, freute sich über meine guten Mathenoten und meine Unternehmungslust, oft haben wir nach dem Abendessen komplizierte Rechenaufgaben gelöst. Mit meinen Reiseunternehmen war er stets einverstanden und als ich vom Plan erzählte, von der Kansas University nicht über den Atlantik, sondern über den Pazifik heimzukehren, belohnte er meine Glanzidee mit einem dicken Scheck.

Ebenso gut wie mit meinem Vater verstand ich mich mit seiner Familie, nach ihrer Behausung an der Seminarstrasse kurz Semi genannt. Anders meine Mutter. Am ehesten duldete sie den Schwager Hans. Er war der Schönste der Familie, hätte mit seinem dunklen Haarschopf und den markanten Gesichtszügen für einen Süditaliener oder Zigeuner durchgehen können und sah sich als Künstler. Nie hat er etwas anderes getan als gemalt und gezeichnet, es wäre ihm als Verrat an der Kunst erschienen. Einen Kollegen, der sich als Zeichenlehrer anstellen liess, hat er tief verachtet, nannte ihn Streber, Spiessbürger und Materialist. (Zu den Unguten, die für ihr Weiterkommen Kompromisse machen, gehörte bald auch ich.) Er selbst hatte mit der Malerei nie Erfolg, wäre aber dank seiner vielen Ideen und seinem handwerklichen Geschick vielleicht ein guter Grafiker geworden. Die Umstände wollten es anders und so wurde Hans mit den Jahren immer bitterer. Eine Affäre mit einem Mädchen aus Nigeria hat die Familie zwar toleriert, aber streng geheim gehalten. Von der Afrikanerin erfuhr ich nur, sie sei sehr hübsch, zu Familienfesten wurde sie nie eingeladen, ein wirklicher Trost für Hans konnte sie nicht sein. Für mich mutierte der malende Onkel zum abschreckenden Beispiel eines Versagers. Ein Schicksal wie das Seine erschien mir als grosse Bedrohung, ich wollte es um jeden Preis besser machen. Mir bleibt nur eine gute Erinnerung an Onkel Hans, er hat mich einmal auf einer Zeichnung verschönert, mich so gezeigt, wie ich gerne gewesen wäre.

Strenger als den Künstler beurteilte die Mutter den Schwiegervater. Er hatte die Druckerei der Familie durch eine unselige Bürgschaft verloren, arbeitete nun als Beamter in der städtischen Verwaltung und liess sich über sein Missgeschick vom Dienstmädchen trösten. Für meine Mutter ein klarer Fall: Schwiegervater war ein treuloser Schürzenjäger, schuld aber vor allem hatte die schlampige Schwiegermutter.

Anders lagen die Dinge bei Schwager Max. Dieser war als Optiker während der Krise der Dreissigerjahre nach Australien ausgewandert, wo er sich in die fröhliche Jean verguckte. Es lief gut. Max liebte die Weite des Landes, die vielen Sportmöglichkeiten und vor allem die Lässigkeit der Menschen. Hier brauchte man keine Krawatte, hier pflegte man seine Nachbaren und Kollegen gleich mit dem Vornamen anzusprechen. Gerne wäre er geblieben, doch er durfte als Ausländer kein eigenes Geschäft eröffnen. So kam er zurück nach Zürich, wo sein Wunsch nach Selbständigkeit schnell in Erfüllung ging. Nach einem Jahr florierte sein Optikergeschäft und er bat Jean, ihm zu folgen. An die Ankunft des Girls from Australia kann ich mich gut erinnern. Die Semi brachte Alpenrosen, um zu signalisieren: «Bei uns bist du willkommen.» Meine Mutter brachte teure Rosen, um zu zeigen: «Seht wie fein ich bin», sie fand die Handtasche in Form eines Koalabärchens ordinär und die für meine Schwester und mich mitgebrachte Puppe Molly, verwendbar auch als Kissen, unhygienisch und ebenfalls ordinär. Molly wurde schnell weggeschlossen.

Jean lebte sich an der Seminarstrasse gut ein. Sie lernte Schweizerdeutsch, gab mir Englischunterricht, verkaufte auf dem Markt Gemüse, liebte seidene Unterwäsche und erzählte von Grillpartys mit vielen Gästen im eigenen Garten. «Dumme Aufschneiderei der Tochter eines Blöni» (verächtlich für Polizist), befand meine Mutter. Jahre später habe ich die Crawfords in Adelaide besucht und fand alles bestätigt. Der Vater war ein Sheriff höheren Ranges, das Haus stand da und zu einem Barbecue im eigenen Garten wurde ich auch eingeladen. Schade nur, dass ich der früh verstorbenen Jean nicht mehr von meinen schönen Erfahrungen in ihrer alten Heimat erzählen konnte.

Max zog als Witwer wieder an der Semi ein, was bestens passte. Die Geschwister hielten zusammen wie Pech und Schwefel, pflegten die gleichen Hobbys und die gleichen Freundschaften, kannten keine Vorurteile und keinen Neid. Als Max mit Rita, einer ehemaligen Freundin von Jean, anbändelte, war das durchaus ok, ebenso die Hochzeit der Beiden. Meine Mutter wusste mit der in England aufgewachsenen Bankangestellten wenig anzufangen, sie war unauffällig, kam aus einer brav-bürgerlichen Familie, bot keine Angriffsfläche.

Besonders schlecht war dagegen das Verhältnis zur Schwiegermutter, die aus einem alten Zürcher Geschlecht stammte. Einer ihrer Vorfahren war mit Zwingli befreundet gewesen und ist als Chronikschreiber Stumpf in die Lokalgeschichte eingegangen, sie selbst war in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Zwei unterschiedlichere Frauen hätte es nicht geben können. Grossmutter Charlotte lernte kaum kochen, dafür Altgriechisch und Latein, denn ihr Vater interessierte sich mehr für Aristoteles, Sophokles und Platon als für Jesus. Die ungewöhnliche Erziehung funktionierte gut. Charlotte brachte es sogar zur Altphilologie-Lehrerin an einem englischen Töchter-Internat. Eine gute Hausfrau aber ist sie nie geworden, was ihr meine Mutter mehr als nur verübelte. Sie nannte sie schlicht Schlampe. Ich selbst habe nicht die Schönheit meiner Grossmutter Paula geerbt, aber vielleicht etwas von der Unternehmungslust und Freude an den Sprachen von Grossmutter Charlotte. Das wäre eine Gerechtigkeit des Schicksals, für die ich mich gerne bedanke.

Ebenfalls miserabel war das Verhältnis meiner Mutter zu Schwägerin Lotti. Die grazile, gebildete aber nur mässig hübsche Frau hatte sich in den Bruder einer Freundin, einem Arzt verliebt, was belächelt wurde. Ein Arzt verdient eine schönere Frau, eine Frau wie Amalie. Unvergesslich bleibt für mich ein gemeinsamer Besuch von Lotti und Freund Otti. «Nun will ich zeigen, was für eine feine Frau Röbi geheiratet hat», verkündete meine Mutter, zog alle Register, holte ihr bestes Porzellan hervor (natürlich das aus Stuttgart), pries ihre Kochkünste (Herstellung handgemachter Stuttgarter Spätzle) und punktete mit ihren beiden herzigen Töchtern. «Eine Frau muss kochen können, Buchhaltung bringt nichts», verkündete sie spitz (Lotti hatte eine Handelsschule absolviert), säuselte von der grossen Verantwortung der Ärzte und vom Verzichten der Frauen.

Otti hat Lotti nicht geheiratet, sondern sich in Berlin in eine schwedische Krankenschwester verliebt und es später bereut. Lotti blieb ledig, sorgte für die alten Eltern, den früh verwitweten Bruder Max und den schönen, erfolglosen Bruder Hans. Sie stand trotz ihrer vielfältigen Begabungen ewig im Schatten, war ein Opfer ihrer Zeit, sie hat sich nie beklagt. Gerne hätte ich ihre Tagebücher gelesen, doch diese gerieten in die Hände meiner Mutter, die sie verbrannt hat. «Da stand nur dummes Zeug über Bücher, Bircher-Benner Vegetarier, Frösche im Gartenteich, kuriose Familienbräuche und anderes», meinte sie.

Meine Schwester und ich waren gern an der Semi. Es gab stets Hüppli (ein knuspriges Gebäck in Röhrchenform), Tante Lotti las Balladen vor, konnte Vögel am Gezwitscher erkennen und zeigte, wie man Blumen presst, die Grossmutter schenkte mir die ersten literarisch anspruchsvollen Bücher. Gestritten wurde nie, man hatte Verständnis für Hans, der niemals für schnödes Geld arbeiten wollte, für Lottis Pech in der Liebe und sogar für die Streitlust meiner Mutter. An der Semi beurteilte man die Menschen mit an Naivität grenzender Freundlichkeit. Von Ottis Frau, die Kleider, Schuhe und Haushaltgeräte ausschliesslich in ihrer schwedischen Heimat kaufte, wurde gesagt, sie stamme aus einer Künstlerfamilie und habe deshalb einen exquisiten Geschmack, vom Seitensprung des Grossvaters mit dem Dienstmädchen hiess es, Männer seien nun einmal schwach.

Die Semi führte ein Leberecht-Hühnchen-Leben ohne Ansprüche und mit der Gabe, auch kleinste Freuden gross zu geniessen. Gelebt wurde in einem Reihenhaus mit Gärtchen, man unternahm immer wieder die gleichen Wanderungen über den Albis, freute sich immer wieder über die ewig gleichen Ausblicke auf den Zürichsee. Ferien gab es keine, es sei denn Aufenthalte bei meinen Eltern, als diese am Anfang ihrer Ehe in Aarau wohnten. Für meine Mutter eine Pein, sie wusste mit den Besuchern nichts anzufangen, ging mit ihnen spazieren, wobei sie sich stets beim Mann einhängte. «Man sollte sehen, dass Röbi zu mir gehört», erzählte sie später und weiter: «Das gefiel Lotti nicht, sie wurde eifersüchtig, machte den Kopf, bis der Daddy sich befreite. Er kam einfach nicht los von seiner Schwester.» Ins Ausland reisten weder Hans noch Lotti, nur einmal nahmen wir Lotti nach Paris mit, wo sie nicht besonders beeindruckt war, kannte sie doch alles schon von Bildern und aus Erzählungen.

Ein grosses Hobby aber hatte die Semi: das politische Cabaret Cornichon. Gemeinsam besuchten sie jedes Programm mindestens fünfmal und spielten dann am Silvester einige der Nummern nicht ganz ohne Talent nach, doch auch die Bühnendekorationen von Onkel Hans und die von Tante Lotti genähten Kostüme konnten sich sehen lassen. Ich glaube, an der Semi gingen einige Talente verloren. Die sprachbegabte Grossmutter hätte ein selbständiges Leben als Griechischprofessorin führen können, der gescheiten und lernfreudigen Lotti wären manche Chancen offen gestanden, doch die Zeitumstände wollten es anders. Es war eine etwas chaotische, aber liebenswerte Welt.

Fazit: In meiner Familie hat die Schönheit nur bei Grossmutter Paula entscheidend über das Schicksal entschieden, sonst blieb die Bilanz ambivalent. Anneliese liess sich durch das blendende Aussehen eines Mannes verführen, doch es war der Falsche, Lotti verlor ihren Freund an eine hübschere Schwedin, die Stuttgarter Herren heirateten zumeist lieber Geld als Schönheit, mein Vater verliebte sich blitzartig in die schöne Amalie und heiratete ebenso blitzschnell, aber es war wohl nicht die Richtige. Das könnte ein Trost für die weniger Hübschen sein. Lasst euch nicht verrückt machen vom Schönheitskult. Schönheit kann sowohl Glück als auch Ungemach bringen. Anneliese hat aus dem Fehler ihrer Teenagerjahre gelernt und in zweiter Ehe nicht mehr einen besonders gutaussehenden, sondern einen besonders gelehrten Mann geheiratet, doch auch der war nicht ganz ohne Tadel. Lotti hatte schlicht Pech, man war an der Semi wahrscheinlich zu brav, während die Schwedin von der freien Berliner Luft profitierte. (In Berlin sei er zum Leben erwacht, erklärte Otti einst.) Die Vernunftehen der Stuttgarter verliefen in bürgerlich-geruhsamen Bahnen, die Liebesehe meiner Eltern dümpelte im Schatten der Konventionen freudlos durch Jahrzehnte daher.

Die Geschichte eines hässlichen Mädchens

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